Draussen auf den Feldern

Ein gemütlicher Sonntag mit Schlammspaziergang auf den Äckern der Sickinger Höhe. Und was gibt es dort zu sehen? Aufkeimende Wintergerste (bzw. -irgendwas-mit-Körnern, Windräder, Schlammspuren und Hochsitze.
Eine Jägerin macht stumm mit dem Finger vor den Lippen „Psssssst“, als ich ihren Hochsitz für die stetig wachsende Sammlung fotografiere.

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Auch die Moorlander-Sammlung wächst. Manchmal denke ich, die Schlammfotografie ist Hirnjogging pur. Sie spricht beide Hirnhälften gleichermaßen an. Lustwandelnd in der Welt stehe ich oft mit einer fertigen Geschichte oder wenigstens mit einem Titel für das MudArt Kunstwerk im Sinn vor einem der vielen Schlammlöcher, denke mir den idealen Bildausschnitt zurecht und welchen Kamerafilter ich verwende. Die Bildtitel spreche ich entweder aufs Band oder tippe sie ins iPhone Notizbuch.

Lonesome Threesome
On The Bright Side Of Life
Attention Please
A Sharp Lady
Cum Into My Mud
Deine Mudda Ist Wie Buddha
The Great Palatin Massacre Feat. Go To Hell ZW
Saarlanday Bloody Saarlanday
The Windy Gap
Island In The Sun
Twin Bauers
Eine ehrliche Haut

(MudArt Titel Ausbeute zweier Tage). Sie sind das Rankgerüst für Geschichten wie man sie auf erdversteck.de lesen kann.

Heute gelang Frau SoSo eine der seltenen Aufnahmen des Moorlander Chronisten Ed Korman – hier bei der Recherche für eine Kunstkritik an Moorlanders „Island In The Sun“
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Die schräge Wintersonne sorgte für bizarre Lichtverhältnisse. Gegenlichtfotografie mit schützend vor die Linse gehaltener Hand, oder Zeugnis einer UFO-Landung?
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Diesseits und jenseits der digitalen Revolution

Künstler gib mal Mucks. Stille, arbeitssame Tage sind das. Ich treibe die Jahresplanung voran. Lege eine Kategorie an für den „Kapschnitt 2.0“.  Aus den drei geliebäugelten Projekten habe ich dasjenige ausgesucht, das mir am leichtesten verwirklichbar scheint und mir am meisten Freude bereiten würde.

Schutz suchen in einer Scheune Kapschnitt 1995
Schutz suchen in einer Scheune – Gewitter im schwedischen Hochsommer – Kapschnitt 1995

Der 27. Juli 1995 war der Starttag zur Radtour zum Nordkap, die Freund QQlka und mich sechs Wochen lang Richtung Norden führte. Während der Reise haben wir erstmals das Kunstkonzept „Kunststraße“ durchgeführt. Alle zehn Kilometer stoppten wir und schossen ein Foto Richtung Reiseziel. Als die Streetview laufen lernte. Eine Serie von 360 Schwarz-Weiß-Bildern ist daraus entstanden, die im Dezember 1995 in Mainz ausgestellt wurde.

Meine Mission für den Kapschnitt 2.0 lautet: finde die alten Bildstandorte. Am 15. Juni (2015) will ich losradeln von Zweibrücken über Mainz, Erfurt, Bad Doberan und Warnemünde nach Trelleborg (Schweden).

In einer zerfledderten Kladde hatte ich mir zu jedem Bild Notizen gemacht. QQlka hatte unsere Reiseroute und die Übernachtungsplätze in einer Straßenkarte eingezeichnet. Es gab ja noch kein GPS. Handys waren riesige Knochen. Windows 95 kam – glaube ich – in bester Windows-Manier ein Jahr zu spät auf den Markt. Die Computer hatten Rechenkapazitäten, die man heutzutage Defizite nennen müsste. Kein Euro (okay, in Schweden gibts den heute noch nicht, aber die Finnen haben ihn). Grenzen soweit das Auge reicht. Radwegenetz Fehlanzeige, keine LED-Taschenlampen, Funktionskleidung à la GoreTex war elend teuer. Die Räder hatten nur 18 Gänge. Es gab keine Scheibenbremsen … die Liste könnte noch ewig verlängert werden und sie wird es vielleicht auch, denn ich habe erkannt, dass dieses nächste Kunststraßenprojekt eine Reise nicht nur durch die eigene Vergangenheit wird, sondern auch durch die Ära der digitalen Frühgeschichte.

Vieles was wir heute selbstverständlich haben, gab es vor zwanzig Jahren nicht. Und mindestens eines, was es vor zwanzig Jahren gab, wird es heute nicht mehr geben: Eine Ausstellung wie 1995, zu sehen im untigen Bild, werde ich nicht mehr machen. Stattdessen findet die Reise live in Blogform, auf Twitter und Facebook statt und jeder darf virtuell mitkommen. Täglich frisch.

Kapschnitt Fotoinstallation 1995, Galerie Walpodenstraße, Mainz
Kapschnitt Fotoinstallation 1995, Galerie Walpodenstraße, Mainz. 360 Straßenfotos von Mainz Richtung Nordkap wurden auf einem Bildträger arrangiert, an dem die Besucherinnen und Besucher entlang flanierten wie an einer Straße. Die Tafel an der Wand zeigt den Grundriss der Ausstellung wie ein Straßenbauplan bzw. wie eine Landkarte.

Neben der rein physischen Reise durch Deutschland und Skandinavien tritt der Künstler auch eine Reise durch die jüngste Geschichte an, politisch, geografisch und technisch sind wohl nie so viele bahnbrechende Ereignisse auf engstem Raum eingetreten wie in diesem Jahrzwanzigt. Von „Windows 95“ bis Ubuntu „Snappy“, von papierenen Landkarten bis zum GPS, von Null bis Facebook, Twitter und noch ein Stückchen weiter hinein in die Cloud. Die Reise führt vom Europa der Grenzen und vielen Währungen in ein vereinigtes Etwas von 27 Staaten, das sich womöglich vor einer Zerreißprobe befindet. Viele Themen gibt es und täglich frisch bloggt der Reisekünstler über seine Erlebnisse. Vor der malerischen Kulisse einer Künstlervergangenheit spielt ein live erlebter Roadmovie und jeder, der sich in dieses Blog vertiefen mag, ist mit dabei.

Milchgöttchenrechnung

Wenn ich mal Gott spielen dürfte für ein paar Tage, sagen wir sieben, würde ich die Menschen in Reisende und Nichtreisende einteilen. Die Reisenden wären die, die gerade reisen und die Nichtreisenden wären die, die glücklich und zufrieden daheim leben, ohne dass sie Nöte hätten oder bedroht würden, so dass sie den Reisenden, die bei ihnen vorbeikommen, für ein paar Tage Kost und Logis geben könnten. Jeder Reisende wäre auch ein Nichtreisender und jeder Nichtreisende könnte, wenn er die Lust verspürt, ganz einfach zum Reisenden werden und bei Nichtreisenden unterkommen für eine gewisse Zeit. Geld gäbe es nicht in meiner Milchgöttchenrechnung und auch keine Gewalt, Waffen, Drogen, Misstrauen, Neid, sonstiges Übel, geschweige denn Kriege. Man könnte die Haustüre offenstehen lassen in dieser Welt und sein Reiserad unabgesperrt irgendwo abstellen und man könnte einfach so vor sich hinwandern (zum Reisenden werden) für eine Weile. Überall würde man aufgenommen und bewirtet und man hätte ein Dach über dem Kopf. Man würde das ja auch selber tun, wenn man nicht gerade reisen würde.

Wenn ich mir das so betrachte, milchgöttchenrechnend, ist das doch gar nicht so schwer. Schließlich gibt es ja genug Nichtreisende, die die Reisenden aufnehmen können und ein bisschen Essen fällt doch immer ab. Dadurch, dass die Nichtreisenden ab und zu verreisen und in der fernen Welt andere Sitten und Gebräuche erleben, würden sie ein unerschütterliches Toleranzgefühl entwickeln. Und weil sie so viel gute Erfahrungen gemacht haben, würden sie später, wenn sie zu Hause sind liebend gerne andere Reisende beherbergen. Misstrauen und Betrügereien sieht die Milchgöttchenrechnung nicht vor. Weder Vorurteile, noch Hass, noch Argwohn.

Am ersten Tag als Milchgöttchen zwischen acht und neun Uhr würde ich diese Welt bauen und den Rest der Woche würde ich mich entweder reisend oder nicht reisend zurücklehnen und den lieben Milchgott einen guten Mann sein lassen, wie man so schön sagt, in dieser meiner Milchgöttchenwelt. Und meinem Vorgänger, den sie allgemein Gott, Buddha, Jehova, Allah  oder sonstwie nennen, würde ich aus meiner Hängematte zwischen zwei Palmen schaukelnd zurufen, Peace, Mann, ey, Peace, warum denn so kompliziert.

Ha.

Gotthard E-Book

Bis Ende Januar will ich mein E-Book „Gotthard“ fertig haben. Basierend auf den live gebloggten Artikeln vom letzten Sommer geht es zunächst per Rad, dann zu Fuß mit Rucksack und Zelt bis auf den Gotthard-Pass und darüber hinaus ins Tessin.

Co-Bloggerin SoSo hatte schon letztes Jahr ihr Pilgertagebuch „Zur Quelle hin“ im Schweizer Ebü-Verlag veröffentlicht.

Der Versuch, das E-Book mit Bildern auszustatten ist etwas mühselig, aber es könnte klappen. Falls jemand die ersten Kapitel als .epub testen möchte, sage er/sie mir doch bitte Bescheid. Dann sende ich einen Downloadlink.

Das Buch wird mit unveröffentlichten Artikeln und Bildern bereichert und bietet einen chronologischen Lesekomfort – in der Kategorie Gotthard gibt es die Original-Blogartikel wie sie unterwegs per iPhone täglich frisch geschrieben wurden. Allerdings stehen in der Kategorie die neuesten Artikel oben, der Beginn der Reise findet sich auf Kategorieseite zehn ganz unten.

Im Rahmen des „Buchbaus“ erforsche ich auch nicht oder falsch recherchierte Fakten – sei es, dass die Vauban-Festung Neuf-Brisach achteckig ist, statt – wie in der Mittagshitze des Reisegefechts dahingeschludert und direkt gebloggt – fünfeckig. Oder sei es auch die Lösung des Rätsels mit den seltsamen Feldscheunen in Rheinfelden/Möhlin.

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Rätselhafte Bauwerke bei Möhlin/Schweiz

Was habe ich mir den Kopf zerbrochen, wozu die Scheunen einen so hohen Turm haben. Sind das Feuerwehrhäuser mit Türmen zum Schläuche aufhängen? Irgendwie unlogisch, draußen auf dem Feld. Und wozu gleich zwei davon. Auch auf der Wikipediaseite von Möhlin konnte ich auf die Schnelle nichts zu den Bauwerken finden.

Gestern habe ich die Twitter Followerpower angezapft und von einem freundlichen Tweet-Kollegen endlich einen heißen Tipp gekriegt.


Danke, Patrick Kym für die schnelle Info.

Womit ich zu einem zweiten Buchprojekt komme, das ich dieses Jahr angehe:  Alle Erkenntnisse zum Thema Liveschreiben, die sich über mehrere Jahre und etwa 15 bis 20 Artikel in diesem Blog verteilen werde ich in einem E-Book zusammenfassen, um denjenigen, die sich für diese direkte und schnelle Art, journalistisch bis humorig über den (Reise)alltag zu berichten einen kleinen Ratgeber in die Hand zu geben. Ich glaube, dass künftig ein stetig wachsender Bedarf an Autoren und Autorinnen besteht, die ohne redaktionelle Umwege hochwertige Inhalte ins Netz stellen. Sei es so wie ich, reisend und offenen Herzens die Welt erlebend, oder als Auftrags-Journalisten, mit ruhigen Fingern am offenen Herzen der Berichterstattung werkelnd.

Meinungslos durch die Nacht

+++ Nachträglich aus dem Privatarchiv geholt und öffentlich gemacht. +++

Ich habe mir mal ein kindliches Weltbild gebastelt, in dem alles aus dem Nichts entsteht. Auf einer fernöstlichen Glaubensrichtung beruhend, von der ich zwar nichts weiß, aber das Wenige, das hängen geblieben ist, veranschaulicht die Welt als ein Konglomerat aus Gegensätzen, als perfektes Komplement aus Gut und Böse, Ja und Nein, Dafür und Dagegen. Vielleicht ist das nur der Versuch, mir gewisse Phänomene selbst zu erklären wie etwa solch alltägliche Begebenheiten, dass mir jemand eine Frage stellt zu einem Thema, das mir noch nie in den Sinn gekommen ist. Aber nach der Frage ist es plötzlich da, das Thema, mit all seinen Jas und Neins, Fürs und Widers. Und einem riesigen Unschärferucksack auf dem Rücken voller könnte-so-oder-so-Seins

Zwei Bodenhydranten im Yin Yang Style
Zwei Bodenhydranten im Yin Yang Style

Nachts um drei lieg ich plötzlich wach. Gedankensammelsurium. Will und will mich nicht mehr einschlafen lassen. Vier Uhr. Denkspiralen. Fünf Uhr. Ich bin elend müde aber dennoch. Sechs Uhr. Ein hin und Her ist das. Kopf Ping-Pong. Sturm braust übers Dach und zerrt an den sechzig Jahre alten Platten. Regenprasseln. Die Katze trampelt durch die Wohnung, will raus und als sie draußen ist will sie wieder rein, lauthals. Der Sack Reis in China, über den wir immer gewitzelt haben, damals in den Achtziger Jahren, kommt mir in den Sinn. Wenn er umkippt, passiert etwas – vielleicht – irgendwo anders auf der Welt. Es kümmert mich so sehr, als wenn in China ein Sack Reis umfällt, war Ausdruck für ist-mir-sowas-von-egal. Die Zeiten haben sich geändert. Plötzlich ist alles wichtig und man erfährt, Internet sei Dank auch in Windeseile von Allem, was vorgeht in der Welt. Eine andere Sache ist der berühmte Schmetterlingsflügelschlag im Amazonas-Urwald, der eine Resonanzkatastrophe einläutet, die letztlich zu einem Tornado mutiert, der weitwege Gegenden verwüstet. Nun scheinen die Schmetterlingsflügel in meinem eigenen Kopf zu wüten. Gemeinsam mit dem „echten“ Sturm und dem Regen da draußen lullen sie mich gegen was-weiß-ich wieviel Uhr endlich wieder in den Schlaf. Die Träume, die ich habe, sind beeindruckend. Normalerweise rede ich nicht über Träume. Aber der hier ist unmittelbar auf das Weltgeschehen da draußen zurückzuführen. Eine Moschee steht in meinem Garten. Ein wunderbarer Prachtbau mit blau glasierten Fließen an der reichlich verzierten Fassade, fünfundzwanzig Meter hoch, versichert mir stolz der Architekt. Ganz an der Nordseite des Grundstücks steht die Moschee . Und kurze Zeit später donnern Hubschrauber über das einsame Gehöft und fliegende Suchscheinwerfer. Ich bin just dabei, mit meinem Künstlerkollegen Peter aufzubrechen ins Schwimmbad, wo wir einen Tauchkurs belegt haben. Verrückt. Auf zwei gestreiften Siebziger Jahre Klapp-Campingstühlen sitzen wir mitten im Hof, die Badesachen auf den Knien. Worauf warten wir? Plötzlich schwirrt eine Satellitenschüssel wie ein UFO vorbei, kommt mir gefährlich nahe – was ist das, frage ich Peter – das sind Drohnen, sagt er.  Der Traum hat mächtig Speed. Über dem Gehöft hängt der Himmel voll mit schwebenden Riesensuchscheinwerfern und Hubschraubern. Keine Sorge, sagt Peter, die üben nur, und eine Unzahl von Drohnen mit Kameras schwirren uns nun um die Köpfe. Was ist eigentlich mit der Moschee, frage ich, die hat doch einen Schaden, einer der 25.000 Euro teuren Ziegel ganz weit oben ist doch kaputt und ich drehe mich um auf meinem Siebziger Jahre schön bunt gestreiften Campingstuhl und die Moschee hat sich in eine Kathedrale verwandelt. Aus dem Bunt der Fließen ist ein grauer Minikölnerdom geworden.

Seltsame Traumfetzen, aus denen die Drehbücher für gleich mehrere „andalusische Hunde“ kredenzt werden könnten.

Später am Morgen frage ich mich, wie es so weit kommen kann mit uns Menschen. Werden wir nicht völlig leer und meinungslos geboren? Auf dem „fast-Nichts“ entstehen wir und legen dann eine sechzig-siebzig-achtzig Jahre lange Denkstrecke durch die Welt zurück, in der wir getreu den Prinzipien von Kraft und Gegenkraft, auf einem unerklärlichen Fundament ruhend, unsere Meinungskathedralen und -moscheen erschaffen und je höher wir unsere Bauwerke machen, desto angreifbarer, weil sichtbarer, werden sie; aber auch desto starrer und unverrückbarer.

Draussen in der kalten Welt liegen die Steine, aus denen wir unsere Denkgebäude errichten. Wohl dem, der einen „reinen“, von Vernunft regierten Steinbruch sein eigen nennt.

Von Stefan Mesch gibt es einen guten Artikel zum Thema Meinung und wie es in unserer informierten Welt fast unmöglich ist, keine Position zu beziehen. Stefan Mesch