Bittere Hommage an die vielen ‚wackeren‘ Freizeit-Motorradler, Kleinwagencruiser und Cabriolisten | #zwand20

Schwarzer Oldtimer auf einer leeren Landstraße

Ich muss mit den Fingern zählen. Erst der linke Daumen: vergangener Dienstag, Tag acht … Mittwoch, murmele ich, und entballe Finger um Finger die Faust. Sonntag, dreizehn; der Daumen der rechten Faust gesellt sich zu den fünf ausgestreckten Fingern der linken Hand. Heute ist also der dreizehnte Tag meiner Reise. Lange habe ich geschlafen, nicht allzu unruhig, aber ich erinnere mich, mich mitten in der Nacht nassgeschwitzt im Bett hin und her gewälzt zu haben und als ich schließlich auf die Handy-Uhr schaue, vermutend, dass es drei Uhr nachts ist, zeigt sie schon fast fünf. Das Bewusstsein kehrt zurück. Die Zeit wurde umgestellt. Die innere Uhr, die oft untrüglich ist und mich auf wenige Minuten genau die Zeit schätzen lässt, hat trotzdem versagt. Ich wälze mich bis zur Dämmerung hin und her, stelle mir dabei vor, ich sei ein Nudelholz, oder Welljerholz, wie man hier zu sagen pflegt. Ein Welljerholz und meine Sorgen sind Teig. Ich backe einen Kuchen während des Aufwachens. Einen schäbigen, flachen, ungesüßten, ungesalzenen Kuchen ohne Mehl und Hefe. Eine feine Torte wird das, bestehend aus mehreren Schichten des soeben ‚gewelljerten‘ Teigs. Zwischen die Böden streiche ich zärtlich Sahneschichten und Früchte und Nüsse und was weiß ich noch alles. Des Künstlers neue Hochzeitstorte wird das werden. Erste Schicht fette Sahne … hab ich nicht, nehme ich eben den Rest Crème Fraiche aus dem Kühlschrank, dann folgt ein weiterer Boden, den ich aus dem nicht vorhandenen Teig buk. Dann Erdbeeren, die es nicht gibt und die ich durch ein paar getrocknete Äpfel ersetze, die in einem Sack an einem Balken im Wohnzimmer der Künstlerbude hängen. Glasur kommt obendrauf und ein schönes Brautpaar aus unsichtbarem Marzipan. Da aber die Frau SoSo derzeit unerreichbar in der Schweiz ist und ich für sie unerreichbar hier, baue ich nur ein kleines, kümmerliches ‚Manndokli‘, ein Püppchen, mit schwarzem Anzug, das mutterseelen alleine auf meiner imaginären Hochzeitstorte steht und inständig hofft, dass die Schweizer Grenze endlich wieder passierbar ist.

Straße durch eine felsige Schlucht mit überhängenden Felsen
An manchen Stellen ist die Schlucht des Tarn so eng, dass die sich windende Landstraße in den Fels gehauen werden musste.

Freitag. Gestern Geld gewechselt. Regen fast den ganzen Tag. Mir geht es nicht besonders. Ein Anflug von Heimweh. Jenes Gefühl, (du müsstest einfach magisch an den Helm tippen können wie so ein Pan Tau) und schon wärst du daheim auf dem heimischen Sofa. [*Das Gefühl ist kontinuierlich. Es durchwirkt die Reise. S0 schrieb ich etwa tags zuvor: Manchmal sehne ich mich, zu Hause im weichen Bett zu liegen oder im abgewetzten Sessel zu sitzen vor dem Fernseher […] Warum mache ich das alles? […] Um mich zu erholen? Um sagen zu können, ich bin mit dem Fahrrad quer durch Europa gereist? Um anzugeben? Spaß? Abenteuerlust? Verzweiflung? Weil ich nicht mehr Smith** sein will? Überwindung meiner Ängste? Um mir die Augen zu öffnen? Oder um mir selbst vor Augen zu führen, wie einsam ich bin – mit dem Ergebnis, dass es doch gar nicht so schlimm ist […] Um ein anderer Mensch zu werden?  Kann man denn überhaupt ein Anderer werden?*] Ich kann nur hoffen, dass das Wetter besser wird. Dann hebt sich auch die Laune. Gestern Abend riss mir ein Sturm beinahe das Zelt in Fetzen. Es handelte sich um eine Art Schluchtbö. Als der Spuk nachließ, habe ich die Zeltapsis mit einem Stein befestigt. Der Boden ist so durchsetzt von Steinen, dass es schwer ist, Heringe überhaupt einzuschlagen. Der Platzwart kam eben, wollte 40 Franc. Ich konnte ihn auf 30 (ca. 5 €) herunterhandeln. Geld. Noch so ein Ding, das mir Sorge bereitet […]

Nachdem ich im Jahr 2000 am vierten Reisetag in Dijon bemerkt hatte, dass ich meine Bankkarte nicht dabei habe, musste ich haushalten lernen, lebte von – ich meine – 300 oder 600 DM, 150 oder 300 €, die ich in Form von Reiseschecks dabei hatte für den Notfall oder einen Rückflug.

Glaubt mir, dieser Tage wünsche ich mir die wunderbar milden Sorgen von vor zwanzig Jahren fast sehnlich zurück im Tausch gegen die jetzigen. Gleichzeitig frage ich mich, wie ich wohl in zehn Jahren zurückblicke auf diese Zeit. Mein Ziel lautet, fit zu bleiben und im Frühjahr 2030 ein viertes Mal von Zweibrücken nach Andorra zu radeln und darüber zu berichten. Hoffentlich in ‚echt‘, also kurbelnd auf Radel mit Europenner-Reisegepäck und nicht so wie jetzt, vom Bürostuhl aus, in Erinnerungen grabend.

Den gestrigen Tag verbringe ich weitgehend im Garten. Es ist warm. Sonne von früh bis spät. Zu warm für Ende März, fürchte ich, wie es überhaupt die letzten Monate, schon den ganzen Winter 19/20 viel wärmer war als auch schon. Die Regenfälle im Februar machten Hoffnung, dass sich das Grundwasser wieder erholt. Jenseits des einsamen Gehöfts bildete sich in einer Mulde ein kleiner See, der nur langsam durch den dichten Lehm sickerte. Als ich gestern den kleinen Garten hinterm Haus mit der Motorhacke zu Leibe rücke, stoße ich auf recht harte, trockene Erde. Das ist nicht gut. Es ist trocken. Ungewöhnlich trocken für diese Jahreszeit, befinde ich. Vielleicht ist der Lehm unter der dünnen Erde mittlerweile so hart und ausgetrocknet, dass er nichts mehr durchlässt und alles Wasser fließt davon in die Schlucht, die Jammerbach heißt. Unterschwellig breitet sich die Sorge aus, dass der etwa 150 Meter tiefe Brunnen am Haus vielleicht in naher Zukunft versiegen könnte. Dann sind wir die Vorhut von Klimaflüchtlingen im eigenen Land. Kein Wasser, kein Leben hier auf der kleinen Scholle im Pfälzer Lehm. Auf der Landstraße oberhalb rauscht der Verkehr. Motorräder und Autos. Es klingt eigentlich wie immer samstags wenn das Wetter schön ist. Keine Anzeichen von Stay at Home. Soviel also zum Thema, wir verlassen das Haus nur in Notfällen. Andererseits, wer kann es den Menschen verdenken. Sie haben die Möglichkeit, also tun sie es auch. Gebt ihnen verheerende Werkzeuge und sie setzen sie ein.  Man könnte natürlich sagen, niemand, der alleine Motorrad fährt oder im Cabrio dahin cruist, steckt jemand anderen an. Das dürfte stimmen. Wäre da nicht die Sache mit der Umweltverschmutzung. Aber diese Rechnung stellt uns in naher Zukunft ein anderer Wirt, an den wir gerade nicht denken, weil wir andere Sorgen haben.

Schweren Herzens habe ich begonnen, die lila Blüten, die mitten im Kulturgarten wachsen (also dort, wo wir normalerweise Kartoffeln, Bohnen usw. hegen) umzugraben und die Fläche zur Saat vorzubereiten. Immerhin blüht nun schon einiges Anderes und die Hummeln müssen nicht hungern. Fast komme ich mir vor wie so ein Bolsonaro, der den Urwald freigibt, damit Goldsucher und Großbauern vordringen können, um für den internationalen Markt ‚Werte‘ zu schöpfen. Meine Mutter sagt, es handele sich bei der Pflanze um Taubnesseln. Mein Taubnesselfeld ist der Amazonasurwald. Das einzige, was ich mir nicht vorwerfen muss, ist wohl Gier. Und über die Stränge allen Genugs zu schlagen. Ich rode den Taubnesselwald am gestrigen Tag auch nur zum Teil, natürlich mit der Absicht, das Stück Land in dieser Pflanzsaison letztlich komplett mit etwas anderem zu bepflanzen. Während ich im T-Shirt schwitzend vor mich hin rode, denke ich über das verquere Bild nach, ich wäre der Bolsonaro des kleinen Mannes tief im Pfälzer Lehm und ich muss fast schmunzeln, wie abstrus das ist. Die wahren Bolsonaros dieser Erde machen sich keine Gedanken um Hummeln und um Taubnesseln. Vermuten sie eine Goldmine in unwegsamem Gelände, bauen eine Straße dahin und gießen mit breitem Strahl eine Schar korrupter Tunichtgute darauf. Ausbeuter auf dem Weg in ihr eigenes, kleines, engsichtiges, egoistisches Glück. Den Bolsonaros ist eigentlich alles egal außer sich selbst. Man könnte sagen, so ist die Natur … und im Blick auf die momentane Pandemie-Situation, spinne ich vor mich hin, es sind immer die Starken, die überleben. In der Natur, unter Tieren, fressen die Starken die Schwachen. Unter Menschen, die bedingt zu sozialem Denken und Handeln fähig sind, und zu anderen Lösungen fähig wären, wenn sie zusammenhielten, wird es immer einige geben, die dies nicht sind und die sich mit Gewalt nehmen, was ihre Gier ihnen gebietet zu nehmen. Über Leichen gehend. Menschen wie Gift. Klopapierhamsterei und nicht funktionierende Reißverschlusssysteme auf Autobahnen sind Indikatoren für den miesen Zustand, in dem sich unsere Gesellschaften befinden. Vor mich hin gärtnernd, sehe ich in diesem Moment schwarz für uns alle. Es gibt zu viele Menschen, die nicht weiter als bis zur nächsten weißen Wand des eigenen Egoistenknasts schauen. Die schöne, weiße Wand, auf deren anderer Seite das Blut hingerichteter Widersacher klebt.

Ein kleines Oval meines Taubnesselurwalds lasse ich als klebrig süße Insel in Mitten des Nutzgartens noch stehen. Er wird zunächst nicht benötigt.

Im Jahr 2010 erwache ich an diesem 13. Tag der Reise nach Andorra wild zeltend neben dem Wasserspeicher des Weilers Le Vernet. Ab Vorey wich ich ab von meiner ursprünglichen Route, die mich auf der D 103 in nur ein zwei Stunden hinauf geführt hätte nach Le Puy-en-Velay. Ich glaube, der Verkehr schien mir zu arg. Zudem hatte ich mich in dieser Phase der Reise wohl endgültig vom Leistungsdruck befreit, den mir die Reise zehn Jahre zuvor auferlegt hatte. Der Preis für die Abweichlerei war allerdings hoch, wenn man es in Höhenmetern und steilsten Straßen der Welt rechnet. Zum Ausgleich erhielt ich kaum befahrene Sträßchen und Loipen in einer wilden, hügeligen Wandergegend. Jene Gegend übrigens, durch die einst Robert L. Stevenson (Die Schatzinsel), begleitet von einem Lastesel wanderte. Oft stieß ich auf Wegweiser zum ‚Stevenson-Trail‘ und traf auch einige Wandergruppen, die sich auf die Spuren des berühmten schottischen Schriftstellers gemacht hatten. Gut 150 Kilometer (Luftlinie 100) liege ich 2010 schon hinter der Reise 2000 zurück.

In der Karte sind heute die Marker der beiden Nachtplätze von Tag 12 auf Tag 13 als Stecknadeln hervorgehoben. Der Marker für den heutigen Blogartikel befindet sich mitten auf der am gestrigen Samstag stark befahrenen heimischen Höhenstraße, eine bittere  Hommage an die vielen wackeren Freizeit-Motorradler, Kleinwagencruiser und Cabriolisten.

(*Rückblick im Rückblick, zwei Seiten zuvor im Tagebuch*)

**Den Namen hatte ich vor zwanzig Jahren manchmal benutzt, ein früher Versuch, dem Korsett des Tagebuchs zu entkommen.

 

6 Gedanken zu „Bittere Hommage an die vielen ‚wackeren‘ Freizeit-Motorradler, Kleinwagencruiser und Cabriolisten | #zwand20“

  1. Wenn es nicht so fragwürdig oder gar unverantwortlich wäre, würde ich sagen, so, jetzt reicht’s, schwing dich aufs Rad, und radle über die deutsche Seite zu deiner Soso, bestellt das Aufgebot und heiratet. Ach und weh. Wie überhaupt alles so ach und weh ist, was passiert und wir nicht einordnen können. „Es“ ordnet uns und ich würde heute Morgen am liebsten alle Erinnerungskisten entsorgen. Nein, das mache ich natürlich nicht, so eine Laune, eine dunkelgraue.
    Nun aber dir Gutes gewünscht, ein Lächeln ins Gesicht zaubern und dir zulächeln und winken.
    Herzlichste Grüße
    Ulli

  2. Über allem der Begriff Verantwortung. Und viele Fragen in mir, die du dir ähnlich stellst.
    Dein Reisebuch wächst. Ein Zeitdokument. Eine Geschichte der Menschheit, eine Saga.

    Ich bin – sagte ich das schon? – verdammt froh, dass du schreibst.

  3. Aus diversen Gründen (ablaufende Zeit, Logistik, Behörden vor allem) haben sich mein Neffe und seine japanische Frau telefonisch das Ja-Wort gegeben: er in Neuseeland, sie in Japan, beide auf einem Standesamt. Die große Feier wurde später nachgeholt. Ich wollt’s nur sagen ;-)))

    Lieber Jürgen, ich lese deine virtuelle und die vergangenen Reisen so gerne grade! Da ist (nicht nur) im Jetzt viel Müdigkeit zu spüren, Nachdenklichkeit, Sehnsucht sowieso – aber irgendwo findet sich ganz oft auch wieder ein Stück Hoffnung in deinen Texten. Mal kommt sie mit einem trotzigen Auf-den-Boden-Stampfen, mal mit einem weisen Blick oder einem Frühlingslächeln, aber immer tut sie gut. Danke dafür. Meine Daumen für in 10 Jahren sind gedrückt.

    1. Liebe Ulrike, danke so sehr. Mir wiederum tut Dein Kommentar gut. Der Tipp mit der Hochzeit gibt Hoffnung. Ich muss mich da mal schlau machen. Aber bitte nicht Frau SoSo verraten … äh, Moment, die liest ja hier mit. Alles Gute Dir und Deinen Lieben.

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