Zweibrücken-Andorra iDogma-Postkarten

Ich muss aufpassen. Seit einer Woche wie rausgekugelt aus dem Passfälscher-Projekt, das mir so wichtig ist. Das fuchst mich. Zu viel organisatorisches Beiwerk. Zu sehr mich um Geld kümmern müssen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dieses sich ums Materielle kümmern müssen einen völlig aus der Bahn wirft. Es ist vergleichbar damit, dass man arbeitet, um ein Auto zu finanzieren, mit dem man zur Arbeit fahren kann. Dass man schnell genug sein muss, um schneller als andere zu sein und als erster die Futterstelle zu erreichen. Dann kommt das unbändige Bedürfnis, zu versagen. Sich zu versagen.

Wenn etwa der Online-Shop nicht auch eine Art Werksverzeichnis wäre, hätte ich die aufwändige, stets im Fluss seiende Software längst eingestampft. Immerhin wurde ein Projekt mit unikaten Postkarten heute Morgen fertig, die Zweibrücken-Andorra-Zeitsprünge.

https://shop.irgendlink.de/produkt-kategorie/postkarten/zweibruecken-andorra/

 

Novembrig grau umtriebig

Unheimlich langsam geht es voran. Wenn Bloggen wie Eisberg wäre, dann wäre nur ein Fünftel der Arbeit sichtbar. Der Rest läge im Dunkeln. Achwas. So ist es ja auch.

Seit dem Jahrestag der Pogromnacht arbeite ich am Passfälscher-Blog, das ursprünglich eine Art Reise auf den Spuren des Cioma Schönhaus werden sollte. Der Pandemie-Entwicklung geschuldet nur virtuell. Mit dem Finger auf der Landkarte, wie man so schön sagt. Noch ursprünglicher, nach Originalidee aus dem Jahr 2013, hätte die Reise tatsächlich stattgefunden. Ich wäre nach Berlin geradelt in die Sophienstraße zum ehemaligen Wohnhaus von Ciomas Familie, um von dort den Weg per Fahrrad in die Schweiz anzutreten.

Nun geht es virtuell und irgendwie anders als geplant von Statten. Ich bin ein bisschen froh darum, denn eine im Prinzip fahrradtouristische Begleitreise mit diesem schweren Thema würde dem auch gar nicht gerecht.

Das Passfälscher-Blog wächst. Hier im Stammblog möchte ich ab und zu berichten wie es vorangeht und Beiträge posten, die nur am Rande mit dem Passälscher zu tun haben. Dinge, die dazugehören und doch nicht passen wollen werden in dieser Kategorie Passfälscher einsortiert.

Drüben im Passfälscher-Blog habe ich einen Infokasten eingebaut, der die Artikel einbindet, die an dieser Stelle entstehen. Ich hoffe, es klappt.

Unterwegs an diesem novembrig tristen Grautag schon in aller früh, irgendwie arbeitend schreibend, Kunst schaffend, einen Shop verwaltend, recherchierend, sich selbst promotend, System administrierend, grübelnd, allumfassend ganz Mensch seiend wie ich mir das ungefähr vorgestellt hatte.

Von Hochsitzen, zuen Türen, Schlammspuren und gerollten Städten

Im Shop gibt es dieses Jahr gleich vier verschiedene Kalender mit den Themen #MudArt, #Hochsitze, #Zweibrücken und zuen Türen #dukommsthiernichtrein.

Auf dem weißen Vordergrund führt pfeilförmig eine braune Spur eines Traktorhinterreifens auf eine grüne Böschung zu, garniert mit dem Schriftzug Moorlander 2021. Ein Kalenderblatt
Moorlander 2021 – MudArtkalender
Hochsitz im Wald quadratisch über dem Schriftzug Waldleitern 2021. Ein Kalenderdeckplattt im Hochformat.
Waldleiternkalender 2021
Tür mit von blühenden Kakteen verwachsener Eingangstreppe als quadratisches Motiv über dem Schriftzug Zu/Closed 2021
Zu/Closed A4-Kalender 2021
Ein zum planeten geformtes, rötlich überspitz gefärbtes barockes Schloss über dem Schriftzug Deux-Ponts-Roulée - Zweibrücken gerollt 2021
Zweibrücken gerollt A5-Kalender 2021

Hier gehts zur Übersichtsseite aller Kalender im Shop

Eine Drecktassenlänge etwas wissen, das man sofort aufschreiben müsste

Überall Geschirr. Als würde es nachts unterm Türspalt hindurch wandern bis in die Wohnung. Sich ähnlich wie beim Schach aus seiner Rochade neben dem Spülbecken lösen; es würde kreuz und quer nach den jeweiligen Möglichkeiten der jeweiligen ‚Geschirrfigur‘ durch die Bude ziehen, springen, vorankriechen. Ein Turm von Tasse neben dem Holzofen, ein Frühstücksteller nebst Kaffeelöffel quer wie ein Springer hüpfend irgendwie neben den Raspi-Sicherungsserver gelangt, dessen LEDs nervös zucken. Halb Mittagessen, halb Suppenteller bewegt sich fragil wie die Dame ein seltsames Etwas zum Wohnzimmertisch … höchste Zeit, mal wieder die Bude aufzuräumen, alles schmutzige Geschirr zusammenzusuchen und es per Hand – ich habe ja kein solch neumodernes Zeug wie eine Spülmaschine – zu reinigen.

Und das dauert, dieses Geschirrspülen. Zuerst muss der Boiler eingeschaltet werden für Heißwasser – die Künstlerbude ist, wie man sich vielleicht denken kann, eine schlichte Bude. Wenn man eine durchschnittliche Kategorisierung anstellen würde, wie der normale Durchschnittsmensch in diesem Teil der Welt so lebt, würde man am Konzept der Künstlerbude vermutlich scheitern: schlicht, funktional, sehr komfortlos.

Ich rücke dem Geschirr bei. In der Regel dauert es etwa eine halbe Stunde, bis alles wieder sauber ist. Kein Hexenwerk also. Aber es dauert und wenn der Kopf während des Dauerns woanders ist, zum Beispiel beim Lösen kniffeliger Servertechnikprobleme oder beim Ausbaldowern eines Kunstprojekts, kann diese halbe Stunde, in der man spült zur kleinen Hölle werden. Sprichwörtlich zur Zerreißprobe. Am Schlimmsten ist es, während des Spülens einen Blogartikel zu denken, den die spülfeuchten Hände gerne schreiben würden. Einen Blogartikel mit einzigartigen Satzkonstruktionen und Worten, die man, sobald diese elende Drecktasse gespült ist, schon längst vergessen haben wird. Eine Drecktassenlänge etwas wissen, das man sofort aufschreiben müsste, um es nicht zu vergessen, ist die Hölle. Ich kann von Glück reden, dass ich in diesem Moment nicht das Geschirr spüle, sondern diesen Blogartikel hier schreibe …

Ich habe versäumt, mitzuwachsen. Das ist eine Erkenntnis, die ich schon lange habe. Um in dieser Gesellschaft bestehen zu können – mitzuhalten – muss man von Anfang an im gemeinsamen Takt mitlaufen, sich durchschnittlich schnell bewegen, ähnlich gut bezahlte Berufe einschlagen, ähnliche Gegenstände kaufen, ähnliche Versicherungen abschließen, ähnliche Hobbys ausüben, ähnliche Lebenswege gehen. Man muss sich dem Durchschnitt so ähnlich verhalten wie nur irgend möglich. Dann kommt man mit ein bisschen Glück vermutlich durch. Garantien gibt es dafür nicht. Wenn man zu langsam wird, nicht so gut kann wie andere, sonstwie Pech hat im Leben, wird man abgehängt, bleibt zurück. Begrabt mich an der Biegung des Flusses, lasst mich einfach liegen, hey, und das geschieht auch. Der breite Weg des Durchschnitts ist gesäumt von Liegengelassenen. Vermutlich gibt es viele Liegengelassene. Nicht jeder erkennt, dass er eigentlich liegt. Nicht jeder spürt, wie sehr ihm der Takt, die unsichtbare Vorgabe schadet. Und liegt. Und wähnt sich im Strom.

Ich bin ein bisschen ein Sonderfall. Ich blieb freiwillig zurück. Mehr oder weniger. Es waren nur ein paar Kleinigkeiten, die anders liefen als ähnlich und schwupp war ich auf dem sparsamer-Künstler-Lebensweg. Die Auswirkungen, die es hat, langsamer zu sein, weniger Geld zu haben, erfahre ich trotz kaum spürbarer materieller und zeitlicher Not dennoch.

Manchmal fühle ich mich wie durch den Wolf gedreht, wenn ich im Takt laufen muss, statt meine eigene Geschwindigkeit zu gehen … es war dieser Gedanke kürzlich, der mich auf das Zeittakt-Problem gebracht hatte: Die Grenzpassage in die Schweiz wird momentan wieder etwas komplizierter. Zwar kann ich vermutlich problemlos mit dem Auto den kurzen Weg durchs Elsass nehmen und komme ohne Probleme zur Liebsten in den Aargau, wenn ich aber meinen Takt gehen würde und mit dem Fahrrad fahren wollte (hatte ich tatsächlich geliebäugelt), wäre mir die Passage durchs Risikogebiet mit ein zwei Ruhenächten verwehrt. Und selbst wenn ich den zig Kilometer längeren Weg am Rhein nähme, wer an der Grenze könnte sich vorstellen, dass das Fahrrad und die Langsamkeit mein Takt ist und dass es ein Fortbewegungsmittel ist … jeder würde mich für einen Touristen halten. Ich existiere nicht als verwaltbares, klassifizierbares Menschenobjekt. Da sind noch mehr Ungenauigkeiten.

Luxusproblem. Vielleicht zeigt es den Kern, dass Menschen auch in einem anderen Takt, einer anderen Schwingung, einem anderen Daseinszustand sein können, den man sich von innen heraus, aus dem soundso festgeschriebenen so-ist-das-nunmal-Leben nicht vorstellen kann.

Zeit. Alles braucht Zeit. Geld. Alles braucht Geld. Zeit und Geld als gesellschaftliche Vereinbarung. Systeme zur Koordination. Wenn man zu langsam ist, ist man raus. Wenn man zu geldlos ist, ist man raus. Das Zuviel hat über das Genug gesiegt. Wenn man den durchschnittlichen  Takt nicht halten kann oder will, ist man raus … nein nein, so kann der Artikel nicht beginnen.

Lasst mich mit dem Spülberg beginnen.