Die Bestie Mensch – von Breitenried nach Bärnau #UmsLand/Bayern

Unkorrigiert (ich muss mich ein wenig sputen, um nicht in Gewitter zu geraten, die man für den Nachmittag voraus sagte)

Irgendwas war auf den Anhänger zu laden, schwer, von A nach B zu transportieren. Ich meine Betonbrocken. Weshalb ich am wuchernden Feigenbaum einen Ast absägte, um mit dem alten Traktor und dem Anhänger zu Baustelle fahren zu können. Außerdem stand ein lange im Gras stehender, schon sehr von Grünzeug umrankter alter Heizpilz im Weg. Ich zerrte ihn aus dem Gestrüpp. Unter dem Ding hatte sich ein Tigerschnegel eingenistet. Eine ziemlich große, lange, gestreifte Schnecke. Ich bewunderte das Tier eine Weile, ehe ich es auf die Seite setzte, damit ich es mit dem Traktor nicht zerquetsche.

Dass ich das Haus des Tiers zerstört habe und womöglich sein Gelege und vermutlich noch etliche andere winzige Tiere, Spinnen, Ameisen, alles was kreucht und fleucht, heimatlos gemacht oder getötet habe, wird mir erst jetzt, Wochen später bewusst. Zudem der verstümmelte Feigenbaum. Was gibt einem Lebewesen wie mir Mensch das Recht, andere Lebewesen zu opfern, nur, um bequem arbeiten zu können und sich sein klein Häuschen gemütlich einzurichten?

Weil ich es kann. Weil ich nicht tief genug denke. Weil der Anblick einer aufgeräumten, kalten, sauberen, unnatürlichen Fläche Eigentums einfach unbezahlbar fein ist … so lange man nicht über das damit einhergehende Zerstörungswerk in den Welten anderer, eigentlich gleiberechtigt sein sollender Lebewesen herumpfuscht.

Der gestrige Reisetag von Breitenried bei Treffelstein bis nach Bärnau an der Waldnaab offenbarte mir, warum der Radweg, dem ich seit Bayrisch Eisenstein folge, Grünes Dach genannt wird. Die Gegend ist grün, bewaldet zumeist, die Zweige der Bäume sehen aus wie ein Dach und die Schräge der Wege fühlen sich an wie ein Dach. Steil. Abschüssig. Ich keuche. ich ächtze und bin dabei meist allein im Wald, auf recht guten Forstwegen. Die Beschilderung ist atemberaubend gut. Der Radweg Grünes Dach windet sich mit anderen Radwegen wie ein Nervengeflecht, geradezu vagusnervesk durch die Lande und die Steigungen sind erstmals wieder so happig, dass ich schieben muss irgendwo jenseits von Pleystein. Doch zunächst folgt der Radweg einer alten Bahntrasse. Etwa ab dem recht bekannten Grenzübergang Waidhaus radelt man gemütlich auf sandigen alten Bahndämmen über Bahnbrückchen durch das gewellte Land. Viele Feiertagsradeler auf Ebikes unterwegs. Der Weg ist ein echter Wohlfühlradweg, hätte ich in der gegend gar nicht vermutet. Ich freue mich jedoch nur kurz, bis im Hirn alle möglichen Puzzleteile an die richtige Stelle fallen und ich den Ortsnamen Flossenbürg auf einem Verkehrsschild lese. da will ich hin. Da möchte ich mir die KZ-Gedenkstätte ansehen. Flossenbürg als Name ist in meinem Hirn direkt verknüpft mit KZ. An dem Ort, so schön er heute sein mag, klebt eine dreckige Vergangenheit. Ein paar Synapsen weiter ist Eisenbahn verknüpft mit Viehwagen voller Menschen verknüpft mit KZs verknüpft mit mord, Blut, Gewalt, Folter, Niedertracht, Bürokratie, Versagen als Mensch in einer Verwaltungsmaschine, warum hast du dich nicht aufgelehnt, Großvater … der Radweg auf der alten Bahntrasse führte womöglich nach Flossenbürg und es wurden tausende Menschen auf ihm in den Tod verfrachtet. Vielleicht führt er auch woanders hin, versuche ich mich zu beruhigen, aber das tut dem Bild, das sich etabliert hat, keinen Abbruch. Ab jetzt bin ich im Sog des KZs vor achtzig Jahren.

In Pleyenstein zweigt meine Route ab von der Bahnlinie. Ich folge den GDR und den Iron Curtain Fernradwegen, die deckungsgleich verlaufen. Ein Radler, mit dem ich mich unterwegs ein bisschen unterhalte, erzählt mir von dem Campingplatz in Flossenbürg, ein Gasthof gäbs da auch und, nuja, ich beschließe, dort als Tagesziel einzutrudeln und mir am nächsten Tag die Gedenkstätte anzuschauen. Die meisten Menschen meiner Generation hatten ja zu Schulzeiten einen Besuch in einer KZ Gedenkstätte. Ich nicht.

Düstere Gedanken durch den stillen Wald, immer aufwärts, hie und da schiebend, Flossenbürg ist nicht mehr ausgeschildert. Wer will auch schon den namen lesen auf einem touristischen Schild, unke ich, aber mit meiner Wegführung stimmt etwas nicht. Ich bin auf über 800 Metern Höhe, stets dem Hinweis Fernradweg gefolgt. Doch der steht nur für den Iron Curtain, womöglich. Wie auch immer. Bei einem Ort im Wald namens Silberhütte kann ich endlich wieder Richtung Flossenbürg. Wenn ich will. Der Grünes Dach kommt von unten. Ich müsste runter und dann wieder hierher zurück. Kein Radler gibt gerne Höhe Preis. Möge der Caampingplatz und das Gasthaus noch so sehr verlocken. In die andere Richtung sind es nur noch 1,6 Kilometer bis zur Quelle der Waldnaab. So keuche ich über übelste Singletrails, die man normalerweise mit Lust als Mountainbiker fährt, hinauf zum lieblichen Quellchen im Grenzgebiet zwischen Tschechien und Deutschland. Der Singletrail führt ein zwei Kilometer weit voller Wurzeln und Geröll, kaum fahrbar, womöglich ein radverkehrstechnisches Nondominium, ein Gebiet zwischen den Ländern, für das niemand zuständig ist.

Später gehts abwärts, zum Glück. Ich bin nach achtzig Kilometern so erschöpft, dass ich schon bei 2 Prozent Steigung in den ersten Gang muss. Hier oben aber ists mir zu kalt und in meinem Innern wirkt ja noch die Horrorvorstellung von der Bestie Mensch, die ihr Erbe grundsätzlich unvollständig antritt, nur die schwarzen Zahlen als Erbe sieht, nicht aber die roten, die mit dem Blut der Schuld geschrieben wurden. Seien es die  gut sichtbaren Gräuel der Vergangenheit, oder die viel abstrakteren alltäglichen Erbschaften, in denen man geddankenlos antritt und dabei den Tigerschnegel obdachlos macht.

Dieser Artikel ist leider nur ganz grob skizziert. Ich kann die Brücke zwischen dem Tigerschnegel und der Bahnlinie zwar ahnen, aber noch nicht ganz zu Ende schreiben. Muss noch nachdenken. es ist eine Baustelle für das Buch UmsLand, das ich nach der Reise plane. Ich werde den Artikel vermutlich dennoch als Skizze ins Blog stellen. Geschrieben in Platzermühle.

Der höchste Dan der Verwieung – von Lam nach Treffelstein #UmsLand/Bayern

Die ‚VerWIEung‘ der Welt mit zunehmendem Lebenslauf steht mir im Sinn am Morgen nach dem Gewitter in Lam. Die Nacht war WIE eine Nacht vor vielen Jahren auf einem Zeltplatz auf Norddeich, erinnere ich mich. Freund Ray und ich durften unsere Zelte in einem Festzelt aufbauen. Ich weiß zwar nicht, ob auch in der damaligen Situation, die sich ein bisschen ähnelte mit der jetzigen, auch Regen runter ging, die Kongruenz Zelt in Zelt war jedenfalls da.

Frau SoSo und ich scherzen oft, Gegenden durchquerend, da siehts ja aus wie im Berner Oberland. Ein running Gag, zweifellos. Es ist nunmal so, dass die zunehmende Lebenserfahrung abnehmend Neues mit sich bringt, dass sich Situationen wiederholen, man sich an Ähnliches erinnert, dass einem Menschen begegnen, die anderen Menschen ähneln, die man mal kannte, dass ein Gericht dieses Namens in der Gegend einem Gericht anderen Namens in jener Gegend in der Rezeptur verdammt ähnlich ist und so weiter und so fort.

Die Gegend um Lam erinnert zunächst an den Schwarzwald, später finde ich mich auf kargen Höhen wieder, die der heimischen Sickinger Höhe ähneln, ein bisscchen Cevennen hier, ein bisschen ‚Weites Grünes Land‘ da. Das ist der Werbeslogan des Donnersbergkreises in der Pfalz.

Was Deutschland oder Europa betrifft, habe ich wohl einen hohen Grad der VerWIEung erreicht, was aber der Lebensfreude und der Freude am Radeln keinen Abbruch tut. Zum Glück. Einziger Wermutstropfen ist, dass das Gefühl des ersten Mals nahezu abhanden gekommen ist. Das ist nämlich ein ganz besonderes Gefühl, das sich zwischen einer gewissen Unruhe ob des gerade stattfindenden Unbekannten (wird die Situation gut oder schlecht) und dem, den inneren Abenteurer herausfordernden, Gefühl, gerade etwas nie Dagewesenes zu erleben, ansiedelt.

Tendenziell radele ich den gestrigen Tag abwärts, folge dem Weißen Regen bis zu seiner Mündung in den Regen – ich nenne ihn den Regen ohne Eigenschaften, frei nach Musil, alle anderen Regen sind schwarz, groß und weiß.

Auf dem Regen reger Kanubetrieb. Paddelklatschgeräusche und das hohle Rumpeln der Bootskörper, während ich nahe Mitlach eine Mittagspause im Kies liegend mache und vor mich hin döse. Der Fluss stinkt. Schöne Steinensembles zieren das Gewässer. Gut ausgebauter Flussradweg und ziemlich gute Beschilderung. Ich folge stets dem Radweg Grünes Dach, dessen Symbol stilisierten Fichtenzweigen ähnelt, die wie ein Dach ausschauen.

Ein Manko gibts immer. Gegenwind. Den ganzen Tag lang bei meist strahlender Sonne, weshalb der Zentimeter Haut, der zwischen der kürzeren neuen Radelhose und der alten frei liegt, unbemerkt verbrennt. Ich friere und schwitze zugleich. Eine seltsame Wetterlage, bei der man nie genau weiß, was man anziehen soll. Das Dauerrauschen des Winds in den Ohren stört mich mehr, als das langsame Vorankommen.

Es ist faszinierend, wie das eigene Befinden, durch Kleinigkeiten beeinflusst, größere Läufe verändert. Demut hilft mir, an dem Tag dennoch gut voranzukommen. In Cham drei Pubertierende, die gröhlend über eine der vielen Brücken laufen. Eigentlich müsste ich auch da lang, um in der Stadt eine Einkaufsmöglichkeit zu finden. Samstag Nachmittag. Das Bubengegröhle ist einer jener winzigen Stachel, die den Lauf ändern, mich veranlasst, stupid den Radwegschildern zu folgen rings um die Stadt, statt mittendurch. Draußen nur Brückchen. Keine Lädchen. Eine merkwürdige Stadt. So viele Brücken im flachen Land aus Wiesen und einem chaotischen Gewusel aus Gewässern. Ein Fluss heißt glaube ich Cham, wie die Stadt, alle anderen sind wohl Regens verschiedener Eigenschaften.

Durch die Hintertür, ein rotes Stadttor, komme ich doch noch ins Städtchen, schaue, treibe, fotografiere, finde einen noch offenen Laden, kaufe ein. Den Buben begegne ich auch wieder. Sie haben sich beruhigt. Ich habe mich beruhigt.

Raus aus der Stadt wie irgendwo im Elsass auf die Nacht zuradeln wie irgendwo am Niederrhein und nicht zu wissen, wohin mit sich, dem Zelt wie schon so oft. Der Einkauf war so klug, so wichtig. Kilometerweit hinter Cham keine Läden mehr in Sicht, noch nicht einmal Automaten oder Hofkühlschränke.

Ich friere, stelle ich bei sinkender Sonne fest. Der Wind hat mich ausgelaugt. Hinter Treffelstein baue ich das Zelt auf einer Wiese auf, ganz schamlos neben einer alten Scheune.

Über 90 Kilometer stehen auf dem Tacho, die ich dem heimischen Stadtradeln gutschreibe.

Primzahlenwandern mit Herrn Irgendlink – von Zwiesel nach Lam am Großen Arber #UmsLand/Bayern

Der ‚Zipfel‘ wäre also abgehakt. 2019 hatte ich entgegen meines Plans, möglichst grenznah rund um Bayern zu radeln, in Bad Feilnbach eine ‚Abkürzung‘ genommen, folgte ab Raubling dem Inn-Radweg und endete schließlich nach einem Abstecher nach Tschechien durch die Sumava in Zwiesel. Das ist ziemlich genau drei Jahre her. In Feilnbach herrschte Regen, Regen, Regen, und es schien mir unvorstellbar, am Chiemsee vorbei in den ‚Trichter‘ hinein zu radeln. Eine Falle, so dachte ich mir. Tiefhängende Wolken und Dauerregen, garniert mit Bergen, die sich zur Schlucht verjüngen. Ich erinnere mich nicht mehr so genau. Das Wetter staute sich jedenfalls vor den Alpen. Die Prognose: tagelang Wutzewetter. Und ich keine Lust, dauernass zu radeln und zwischen heftigen Schauern zu spießrutenlaufen.

Regen, Regen, Regen gab es auf der gestrigen Etappe auf eine ganz andere Weise. In Marktl stieg ich in den Zug mit Destination Zwiesel im Bayerischen Wald. Vier Züge, drei Umstiege, ein Horror, so vermutete ich, doch es lief alles glatt. Die Umstiege in Mühldorf, Landshut und Plattling liefen bestens. Nur das Hochwuchten des schweren Radels in die alten Wagen war etwas umständlich. Auf die Minute erreichte ich meine Waldbahn, die ab Plattling hinauf fährt in den Bayerischen Wald und mit einigen Verzweigungen das wunderbare Naturreservat erschließt. 12:58 Zwiesel. Gar nicht mal so kleine Stadt. Es gibt sogar einen Sportladen, in dem ich eine neue Radlerhose kaufte, die mir Freund @perVelo (Kai) spendiert hatte, nachdem er mein Jammern vom Vortag ob der Hochpreisigkeit aller Radelklamotten gehört hatte.

Frisch ‚gepampert‘ (so sagt man in Radelkreisen zu den gepolsterten Höschen) schwinge ich mich auf die Radroute, den Regenradweg, der zunächst entlang der Bundesstraße bis Ludwigs-irgendwas, vielleicht -lust aber wohl eher nicht, führt und dann mehr oder weniger im Wald verschwindet. Rast bei einer Brücke, die den Namen Unglücksbrücke trägt. It is hot, it is very very hot. Solarzelle pumpt das Handy voll, während ich auf einer Parkbank döse. Insekten und Geplätscher und fern die Bundesstraße, Wassermurmeln. Welcher Regen ist das, frage ich mich. Ich erinnere mich an einen Bach namens Schwarzer Regen, ich las davon in einem Prospekt über die Gegend, die sich Bayrisch Kanada nennt und ich weiß, dass es noch weitere Regen gibt. Einen weißen vielleicht? Egal. Der Waldweg fährt sich prima mehr oder weniger entlang des Soundso Regens bis nach Eisenstein, Bayrisch Eisenstein, um es zu präzisieren. Grenzdorf zu Tschechien und: absolut nix los dort. Zig Hotels und Pensionen, von denen die meisten irgendwas mit Arber heißen. Arberblick, Arberlust, Arberterrasse, Arberliebe, Arberverdammnis (nein, ich scherze). Riesige Kästen oft mit vielen Zimmern und Balkonen. Bloß, wo ist dieser ominöse große Arber? Ist es der Berg mit den zwei Kugeln obendrauf, die aussehen wie Sternwarten. Ich durchkämme den Ort vergeblich nach Menschen, die ich fragen könnte, ej, wo ist denn der Arber, isses der da. Niemand auf der Straße. Bei der Kramerin im winzigen Dorfladen zuvor, hatte ich versäumt zu fragen und nun radele ich durch die geisterhafte Stadt bis zum Bahnhof. Endstation. Grenze. Tolle Allee. Ein Bus brummt. Eine typische Rollende-Büsche-Szene analog zu unheimlich langsamem Italowestern, in dem irgendwas geschieht, schon bald, vielleicht ein Schuss? Hier nicht. Fern jault eine Kettensäge. Da, endlich ein Mensch. Im Fußballtrikot. Ich frage, wo ist der Arber. Der Mann erklärt mir zuvorkommend, Hotel Arber ist dort und zeigt in eine Richtung. Nein, ich meine den Berg, isses der dort. Er zeigt wieder in eine andere Richtung, Pension Arberblick ist dort und so geht das weiter und weiter, aber ich erfahre erst viel später, im hohen Preis des eigenen Schweißes, wo der Große Arber ist. Und auch, dass Eisenstein wohl eigentlich nur im Winter bevölkert ist. Das erklärt die zuen Läden, die zue Quellefiliale, die zue oder gar nicht vorhandene Post, die vernagelten Fensterläden vor vereinzelten vermeintlichen Bauruinen. Außer der Kramerin, einem herzigen Dorfladen mit Alles – vom Bergkristall über Konserven und Milchprodukten bis hin zu Postkarten – hat nur noch die Tankstelle offen, die sich letzte Tankstelle vor der Grenze nennt. Welch bizarre Literpreise. Ich bin froh, zu radeln. Noch.

Nachdem ich bei der Kramerin ein paar Lebensmittel gekauft hatte und mit fünf Brevetradlern und zwei Oberpfälzer Motorradlern einen Kaffee in der stechenden Sonne genommen hatte, schwinge ich mich auf den Radweg Grünes Dach. Er wird mich die nächsten 350 Kilometer weit nordwärts begleiten entlang der Tschechischen Grenze bis zur Sächsischen.

Was soll ich sagen. Manchmal ist Ahnungslosigkeit ein durchaus großer Vorteil. Ich weiß bei der lieblichen, etwa sechs prozentigen Steigung, die entlang eines Bächleins (vielleicht einer jener vielen Regen?), gut kurbelbar über einen glatten Waldweg, noch nicht, dass das in zehn plus X und teilweise in bis zu zwanzig Prozent-Steigungen mündet. Dass ich ein zwei Stunden schieben werde. Dass plötzlich, als ich zwischen den vielen kleinen Schiebungen mich einmal umdrehe, hinter mir der Berg mit den Sternwartenkugeln plötzlich zum Greifen nah ist, dass ich auf über tausend Meter hoch muss.

Die Ahnungslosigkeit hilft mir komischerweise. Man versinkt dann in seinen eigenen Gedanken und denkt, irgendwann hört es schon auf, statt ständig auf den Höhenmesser zu schauen und zu sehen, ohnein, noch soundsoviel Meter … dennoch, ich takte auch. Ab und zu lege ich das Handy aufs Rahmenrohr und messe die Steigung mit der Wasserwaagen-App. Ist mein Hobby. Auf den Schiebstücken zähle ich die Doppelschritte, wobei ich immer schaue, dass ich eine Primzahl viele Doppelschritte mache. Meist 19, je nach Steigung, mal 29, mal auch über 40. Nonstop da hoch schieben oder gar kurbeln, das kann ich nicht. Die Sonne ist mittlerweile recht nah beim Horizont. Gutso. Ist nämlich affenheiß. Die Steigung will und will nicht enden und ich will und will nicht verzagen. Meine Primzahlenwanderung gerät gegen Ende dennoch ein bisschen delirieus. Hab ich jetzt 23 Atemzüge gezählt oder waren es 23 Doppelschritte? Hatte ich nun mit dem linken Fuß begonnen zu zählen oder mit dem rechten? Ist 23 überhaupt eine Primzahl? Was, wenn ich mich verzähle?

Zwei Mountainbiker aus Regensburg holen mich aus dem Delirium auf etwa 900 Metern Höhe. Wir halten ein Schwätzchen. Sie erzählen von ihrer Gegend, die auch sehr schön zu radeln sei. So schön, dass man ab und zu Markus Söder sehen könne, der dort auch oft radelt. Einmal haben sie sogar mit ihm ein Eis gegessen. Und die Segen des Ebikes natürlich. Gerade hier. Oh ja.

In Brennes bin ich endlich oben. Ein paar Hotels, ein Gasthaus, Parkplatz, paar Autos, viel Sonne. Selfies mit Rad vor geschlossenem, mit Holzschindeln verkleidetem Winterhotel.

Als ich mich umdrehe, erwische ich die Sonne gerade noch so beim hinter dicker Wolkenwand Verschwinden. Rumpeln fern. Nix wie weg, dieses Mal aber stetig abrollend durch kleine Weiler vorbei an verschiedenen Hotels. Klar könnte ich mich einquartieren, aber etwas sagt mir, rolle weiter nach unten. Einmal lädt man mich sogar ein bei einer Waldhütte, man werde die Wirtin überzeugen, dass sie mich aufnimmt. Das war jedoch ein Männerclub, die sich in der Hütte eingemietet hatten für ein Fest und da fällt mir immer das Crask Inn ein in Schottland. Ein kleines Gästehaus, in dem eine Nacht lang kein Schlaf zu finden war, sondern mitfeiern angesagt war, eingepfercht auf engem Raum neben Zapfhähnen und selbst gemachter Musik, jaja, das ist zwar schön und war es damals auch, aber die Morgen nach dem Fest sind dann doch verheerend.

In Lam sei ein Campingplatz erzählt man mir unterwegs. Das Gewitter ist schon sehr nah. Ich schaffe das. Ein Wunder oder gar Vorsehung? Ich frage mich, wieso man oder es oder etwas mir immer wieder den Hintern rettet, den Weg frei räumt, das Richtige zum rechten Zeitpunkt ist. Ein Rätsel.

Ultrafreundliche Campingplatzbesitzerin empfängt mich und dirigiert mich auf die wunderbare Zeltwiese, besinnt sich und schaut gen Himmel, kommens mit, I hab da was für Sie, und schwupp stehe ich nebst Zelt und Radel in einem Pavillon und die ersten dicken Tropfen gehen nieder.

Von Stiller Nacht und ehemaligen Pferden. Salzburg nach Marktl #UmsLand/Bayern

Jeden Tag ein bisschen besser. So sollte es sein. Der gestrige Nachtplatz wild zeltend nördlich von Salzburg war schon ein Tick besser, als der vorgestrige. Nicht ganz so schräg, eher flach sogar. Im knöchelhohen Gras. Das bereitet zwar immer ein bisschen Sorge, ob sich Zecken darin befinden, dennoch, es gibt wild zeltend nunmal keinen Campingplatzkomfort mit fein gemähtem englischen Rasen. Der Duft der Gülle, die wohl kürzlich auf die Felder aufgetragen wurde, ist auch – so gut wie – passée.

Noch immer ohne GPS-Signal schwinge ich mich auf den Tauernradweg, der bis fast nach Passau führt. Zudem ganz gut beschildert, so dass es auch ohne Kartenorientierung geht. Verbringe die morgendlichen Pausen damit, technische Probleme zu lösen. Datenbankserver im Blog neu starten, ganz brachial über den Hoster, statt per ssh. Mühsam auf dem Handy.

Zwischendurch Oberndorf gegenüber von Laufen in Deutschland. Beide Städtchen gehörten mal zu Salzburg, erzählt mir später beim ehedem nördlichsten Punkt Salzburgs ein ehemaliger Buddhist, der einst ein Pferd war, so sagte er. Nördlichster Zipfel ist zwischen Tittmoning und Burghausen. Ach, herrliches Städtchen. Skurril der Stille Nacht-Bezirk in Oberndorf, rings um eine Kapelle, die wohl dort steht, wo einst die Kirche stand, in der das Lied Stille Nacht erstmals gesungen wurde. Historischer, weihnachtlicher Boden also. Alles in Oberndorf ist Stille Nacht. Bezirk, Museum, und bestimmt gibts auch Stille Nacht-Wurst :-), Kuchen, Brot, Turnschuhe … ich scherze. Spektakulär die Salzachschleife mit Blick aufs mittlerweile bayerische Städtchen Laufen (von wo aus übrigens Oberndorf gegründet wurde, verriet mir das Pferd.

Erst in Tittmoning, links der Salzach, löse ich das GPS-Problem. Ich hatte wohl versehentlich die Standortfunktion des Telefons abgeschaltet. Wahrscheinlich abends, brillenlos, eine nervige Popup-Meldung loswerden wollend. Ich AGB-Leseverweigerer, ich …

Der Tauernradweg führt auf österreichischer Seite ab Tittmoning-Brücke etwa elf Kilmeter über die Landstraße. Nicht zu empfehlen, sagt mir ein Mountainbiker. Am Fluss den Kiesweg könne man aber auf deutscher Seite bis Burghausen fahren.

Nachdem ich die Technik im Hotspot surfend auf dem Marktplatz Tittmoning wieder eingerichtet hatte, schwinge ich mich auf den … najaaa … Wanderweg. Entgegenkommende Radler sagen, man komme nicht durch. Nach fünf Kilometern verenge sich die Strecke zu einem Pfad. Bachdurchquerung inklusive, Matsch, Brennnesseln, eine Treppe. Die Hitze. Die Landstraße. Monsieur unbelehrbar. Und immerhin behauptete ein Mountainbiker, das würde klappen. Lost between alternativen Fakten der modernen Radreiseverirrungswelt, wie auch immer, ich folge dem Weg und siehe da, nach fünf Kilometern verjüngt er sich zum Brennnessel gesäumten Singletrail, Wurzelwerk, Bachdurchquerung, Treppe, wun-der-schööön. Zum Vorankommen taugt das natürlich nicht, aber man kommt prima durch die urige Au nach Burghausen, trifft auf den nördlichsten Grenzstein des ehemaligen Bistums oder Landes Salzburg und einen Buddhisten, der mal Pferd war. Weiter auf der Perlenschnur des Erlebten:  ein alter Kalkbrennofen und überall spritzt Wasser aus den steilen Hängen. Der Pfad und die Unwegsamkeit ist nur zwei Kilometer lang. Der Rest des Weges führt über holprige Betonplattenwege. Kurz vor Burghausen sind an einem Haus barbarisch hohe Hochwassermarken angebracht, die teils fünf sechs Meter bis fast unters Dach reichen. Datiert in alle Jahrhunderte, sogar ins sechzehnte. Große Manndränke auf Bayerisch. Was zur Hölle?

Nun, wenn man Burghausen erreicht, sieht man, warum. Die Salzach muss durch eine enge Schlucht, deren nicht gerade stabile Wände über die Jahrhunderte verwuschen. Überhaupt Burghausen! In einem Satz: Sehr sehenswerte langgestreckte Burgenensembles auf steilem Hang, zu deren Füßen sich eine unheimlich schöne Stadt kauert.

Vergeblich versuche ich eine Radelhose zu kaufen. Aber 79 €, hey, das sind mindestens zwei Tagesbudgets. Die alte Hose wetzt und soll sie eben noch länger, denke ich mir.

Jenseits Burghausens schlängelt der Radweg über geteerte Landsträßchen Richtung Marktl. Längst habe ich den Plan aufgegeben, nach Simbach am Inn zu fahren und per Zug noch am Abend nach Zwiesel. Das Technikproblem hat mich mindestens zwei Stunden Radelzeit gekostet und die Verirrungen rings um Berchtesgaden an Tourtag zwei (Teufel noch eins, habt Ihr den Bodensee-Königsee-Radeg durch miese Streckenführung und miserable Beschilderung versaut) kostete mich auch mindestens zwei Radelstunden.

Wie auch immer, Umwege und Verirrungen sind auf Radreise meist äußerst produktiv. Man entdeckt Orte, die man auf geradem Weg nie erreichen würde, lernt Menschen kennen, denen man nie begegnet wäre, erfährt Dinge …

Ich steuere also am gestrigen dritten Reisetag Marktl an, den Campingplatz oberhalb des Badesees, auf dem ich schon 2019, ziemlich genau vor drei Jahren logierte.

14 Euro kostet die Nacht. Vor drei Jahren war es vermutlich acht Euro. Auf der Zeltwiese stehen zwei gigantische Zelte und ich fürchte nächtlichen Lärm, Geplauder, Suff und Gegröle. Es bleibt dann doch ruhig.

Nachts gehen in der Nähe Gewitter durchs Land. Regen streift uns sanft. Das Zelt ist dicht, aber nun nass eingepackt.

Schreibe diese Zeilen in der Regionalbahn zwischen Mühldorf am Inn und Landshut, heading for Zwiesel, wo ich 2019 die Reise rund um Bayern unterbrochen hatte.

Die Gletscherzunge des Königsee-Tourismus #UmsLand/Bayern

Es gab technische Probleme. Und der Akku ist fast leer.

Fing gut an in der gestrigen Morgenkühle. Zum Aufwärmen eine 14 Prozent-Steigung, nicht sehr lange, zum Glück und dann ging es abwärts nach Teisendorf, wo ich einen frühen Edeka enterte und ein bisschen Käse kaufte, sowie in einer Bäckerei das Exostischste, was ich finden konnte. Leider habe ich den Namen vergessen, aber es waren zwei Scheiben frischen Weißbrots mit Marmeladeninlay und knusprig mit Zucker karamellisiert.

Die Etappe zum Königsee sollte etwa fünfzig, sechzig Kilometer lang werden, so fabulierte ich, was im Prinzip auch hingehauen hätte. Nuja, aber der Radweg Bodensee-Königsee glänzt nun mal leider nicht mit Beschilderung, bzw. manchmal stehen auch irgendwelche Karren vor den Hinweisschildern und dann verirrt man sich eben.

So kam es, dass ich immer weiter einem Fluss namens Saalach folgte, ziemlich idyllischer Weg zwischen Hauptstraße und Fluss, und auch jenseits von Bad Reichenhall blieb ich dem Weg treu, bis ich die fehlenden Bodensee-Königsee-Markierungen unter den Radwegweisern registrierte. Ich war auf dem Saalach-Weg gelandet, statt in Bad Reichenhall links abzubiegen. Egal. Pause. Tolle Fotos gemacht auf dem Abweg und es waren auch nur drei, vier Kilometer abseits. Schon überlegte ich, hintenrum zu fahren – über einen Pass und die Deutsche Alpenstraße. Tu das nicht!, warnte mich ein radelndes Paar aus Regensburg. Die Bundesstraße wird es dir vermiesen. Wir plauderten ein wenig. Die beiden waren auf dem Tauernradweg unterwegs, hatten sich mit wenig Gepäck und ohne E-Motor von der Bahn am Brenner aussetzen lassen. Helden unter sich. So sangen wir das Lied aus der guten alten Zeit von den radelnden Reckinnen und Recken, die mit Muskelkraft noch alle Wege meisterten.

Einen Motor hätte ich mir eine Stunde später sehr gewünscht, jenseits von Bad Reichenhall, wo sich der Bodensee-Königsee-Radweg über üble Steigungen bis ca. zwanzig Prozent durch den Wald windet. Etliche Kilometer auch direkt neben der Hauptstraße. Busse voller Königseereisender. Kolonnen Kettenfahrzeuge in Tarnfarben, wohl auf dem Heimweg von der Arbeit im Tal. Auf der Karte sehe ich ein rot gemustertes Gebiet nahe Berchtesgaden, das wohl eine Kaserne ist. Wie auch immer. Sieht martialisch aus. Irgendwie drängt es ja auch die Martialik dieser Tage aus allen Poren. Wie Schweißperlen in Getöse und Geröhre und die hochgezüchteten Autochen mit den Brüllauspuffen und die schön geschniegelten Modemotorrädchen mit den silbernen Schreiflöten sind ja auch nur die Rüstung des kleinen Mannes, der mal Gewalt spielen möchte, ohne allzu sehr über die Stränge zu schlagen.

Zum Königsee radelt man wie in einen Trichter. Radler, Wandererinnen und gen Ende, jenseits von Evil Berchtesgaden, dann eine Art merkwürdiger Pilgerinnenstrom, in dem sich alles mischt. Auf steinigen Wegen direkt neben einem stürzenden Gebirgsbach. Wohnmobilstellplatz, Campingplatz, Parkbänke allüberall und alles, was zu Fuß geht, will irgendwie hinauf zum See, der nur noch ein zwei Kilometer entfernt ist und aus dem sich der kalte, reißende Bach ergießt. Oder kommt er von dort?

Der Königsee ist eine Touristenmaschine wie jede andere auch. Die Fortsetzung des Titisees, nur mit anderen Mitteln, unke ich. Statt Kuckucksuhrenbuden gibts Bergkristallbuden. Gegen 18 Uhr räumen sie langsam die Auslagen aus Käpphen, Kleidchen, Sonnebrillen und Steinen zusammen, müdgeschwitzte Tourimusbudenfleißarbeitende. Einen Lebensmittelladen gibts da nicht, erzählt mir eine müde Frau.

Dann am Schlund. Dort wo der See sich zum Gebirgsbach verjüngt. Schnell ein paar Fotos. Da spuckt ein Kahn eine Hundertschaft Menschen aus und ich schwinge mich schnell aufs Rad, denn die Truppe drängt drei, vier Leute breit, die ganze Straße einnehmend, durchs Tourismusdörfchen. Da kann man mit dem Radel nur noch mitschwimmen im Strom, kein Durchkommen mehr. Aber ich schaffe es gerade noch so.

So müssen sich Gletscher anfühlen, wie sie langsam die Endmoräne vor sich hertreiben. Ich stoppe kurz bei einem Trinkwasserbrunnen, um die Flaschen zu füllen, die Menge wälzt sich unaufhaltsam auf mich zu. Das Wasser fließt langsam. Die Gletscherzunge der Königseetagestouristen wird mich gleich zermalmen, zuschrauben. Löss im Geschiebe aus Menschen.

Aufs Radel rasch. Puh, gerade noch so geschafft und zurück nach Berchtesgaden. Ich hegte Groll gegen die hektische Stadt ohne Radwege, die ich auf dem Hinweg durchqueren musste und nun, auf dem Rückweg, kann ich Frieden schließen. Endlich. Innendrin abseits der Hauptstraße ist das Städchen nämlich sehr lieblich. Auf dem Platz vor Schloss und Kirche treffe ich G., plaudere mit ihr,  die eigentlich Münchnerin ist, aber schon lange in Freiburg lebt und nun ihre Erinnerungen an früher, an das Bayern von vor vielen vielen Jahren, auffrischen will. Sie liebt Kirchen. Wir plaudern und sie verspricht mir, einige Fots zu senden, die sie von mir mit Radel vor der Kirche und dem Brunnen gemacht hat.

Der Rest der gestrigen Etappe: abwärts, abwärts, abwärts immer der Berchtesgadener Ache folgend, meist auf dem anderthalb Meter breiten Seitenstreifen der Bundesstraße. Durchaus erträglich nach Feierabend. Dann Österreich. Plötzlich ist meine Karte auf dem Handy weg. Ich hatte vergessen, die Basiskarte Oberösterreich downzuloaden. Meine Welt endet wie eine mittelalterliche Karte. Nach anfänglichem Umherirren in Anif, erreiche ich den Tauernradweg, dem ich durch den Park Hellbrunn bis Salzburg folge und dort, nicht wissend, wie ich wieder rauskomme, frage ich einen Mann mit Schlips und Fahrrad, nicht etwa das Pärchen, das die Räder schiebt, die alternativ zu fragen gewesen wären. Und das war ein Glückstreffer, denn der Mann ist mein weißes Kaninchen, das mich durchs Salzburger Wunderland leitet bis weit jenseits der Stadt und mir den Weg bis Passau erklärt.

Gegen Dunkelheit dann eine Wiese abseits des Flusses. Das GPS fällt aus. Am nächsten Morgen ist der Datenbankserver der Webseite ausgefallen. Jede Menge Trouble technischer Natur. Den Datenbankserver konnte ich zum Glück neu starten. Das GPS-Problem könnte auch ein Hardwareproblem des Telefons sein oder es liegt am österreichischen Netz. Wer weiß. Ich folge dem Tauernradweg und schaue mal, ob ich papierene Radwegekarten kaufen kann.

So müssen sich Gletscher anfühlen, wie sie langsam die Endmoräne vor sich hertreiben. Ich stoppe kurz bei einem Trinkwasserbrunnen, um die Flaschen zu füllen, die Menge wälzt sich unaufhaltsam auf mich zu. Das Wasser fließt langsam. Die Gletscherzunge der Königseetagestouristen wird mich gleich zermalmen, zuschrauben. Löss im Geschiebe aus Menschen.

Aufs Radel rasch. Puh, gerade noch so geschafft und zurück nach Berchtesgaden. Ich hegte Groll gegen die hektische Stadt ohne Radwege, die ich auf dem Hinweg durchqueren musste und nun, auf dem Rückweg, kann ich Frieden schließen. Endlich. Innendrin abseits der Hauptstraße ist das Städchen nämlich sehr lieblich. Auf dem Platz vor Schloss und Kirche treffe ich G., plaudere mit ihr,  die eigentlich Münchnerin ist, aber schon lange in Freiburg lebt und nun ihre Erinnerungen an früher, an das Bayern von vor vielen vielen Jahren, auffrischen will. Sie liebt Kirchen. Wir plaudern und sie verspricht mir, einige Fots zu senden, die sie von mir mit Radel vor der Kirche und dem Brunnen gemacht hat.

Der Rest der gestrigen Etappe: abwärts, abwärts, abwärts immer der Berchtesgadener Ache folgend, meist auf dem anderthalb Meter breiten Seitenstreifen der Bundesstraße. Durchaus erträglich nach Feierabend. Dann Österreich. Plötzlich ist meine Karte auf dem Handy weg. Ich hatte vergessen, die Basiskarte Oberösterreich downzuloaden. Meine Welt endet wie eine mittelalterliche Karte. Nach anfänglichem Umherirren in Anif, erreiche ich den Tauernradweg, dem ich durch den Park Hellbrunn bis Salzburg folge und dort, nicht wissend, wie ich wieder rauskomme, frage ich einen Mann mit Schlips und Fahrrad, nicht etwa das Pärchen, das die Räder schiebt, die alternativ zu fragen gewesen wären. Und das war ein Glückstreffer, denn der Mann ist mein weißes Kaninchen, das mich durchs Salzburger Wunderland leitet bis weit jenseits der Stadt und mir den Weg bis Passau erklärt.

Gegen Dunkelheit dann eine Wiese abseits des Flusses. Das GPS fällt aus. Am nächsten Morgen ist der Datenbankserver der Webseite ausgefallen. Jede Menge Trouble technischer Natur. Den Datenbankserver konnte ich zum Glück neu starten. Das GPS-Problem könnte auch ein Hardwareproblem des Telefons sein oder es liegt am österreichischen Netz. Wer weiß. Ich folge dem Tauernradweg und schaue mal, ob ich papierene Radwegekarten kaufen kann.