Paradigmenwechsel, so will ich es einmal nennen | #zwand20

Eine karge Burgmauer mit Turm und Zinnen links und einem zinnenlosen Turm rechts.

Was für eine Reise! Morgens noch bettschwer trifft mich die derzeitige Situation mit Wucht. Du gehst von Quarantäne zu Quarantäne. Tagelang ohne Menschkontakt, frische Frühlingsluft zur Nöche. Zur Selbstgenüge. Fast ist es wie der ruhige Tritt des Langstreckenradlers im ewigen Rund der Kettenblätter. Die Welt scheint schön zu sein. Sie könnte schön sein. Sie ist schön, aber … und wie man weiß, steht hinter dem Wörtchen ‚aber‘ immer der Kern der Botschaft. Die ganze Wahrheit. Du bist Schrödinges Patient, nicht krank, noch gesund. Wenn die Isolation nicht von Dauer ist und man sich in regelmäßigen Abständen unter Menschen begeben muss, frischt sich die Möglichkeit, an Covid19 zu erkranken wieder und wieder auf. Sisyphosesk. Einmal wöchentlich frische ich diese Möglichkeit auf.

In den Tagebüchern der beiden Reisen 2000 und 2010 meine ich, einen Paradigmenwechsel zu erkennen. Führte mich der Weg im hastigen Takt vor 20 Jahren noch auf schnellstem Weg nach Andorra (die Reise dauerte nur 17 Tage), beginne ich ab etwa Tag neun/zehn/elf, während der Reise 2010, mich zu verlangsamen. Das ist, soweit ich es lese, den Umständen der Reise zu verdanken. Begegnungen mit Menschen. So wichtig. So elementar das ‚Futter‘ an Geschichten das man unweigerlich zu sich nimmt, sobald man mit Menschen in Kontakt kommt.

Blick vom Berg auf eine dreieckige Flussinsel. Ringsum grüne bewaldete Klippen und Hügel
Blick von Schloss Essalois auf das Château de Grangent auf der Íle de Grangent in der Loire.

Wie es so ist beim Reisen. Ein freundlicher Gruß löst ein Gespräch aus.  [Zwei] Damen mit Pudel stiegen […] die Treppe vor der Kirche in Chambles herab, Marie-Claire und in ihrer Obhut eine alte Dame, die sie betreut. Marie-Claire fragte, fast empört, ob ich Essalois gesehen habe. Ein Muss! [Ich hatte das Hinweisschild auf das Château unterwegs gesehen, den Weg abwärts in die Sackgasse Richtung Loire jedoch gescheut. Die Gegend ist wirklich sehr hügelig]. Chambles liegt auf dem lokalen Hochpunkt meiner Route, 635 Meter ü. d. M. M.-C. schlug vor, mich im Auto mitzunehmen bis zum Château. Sie müsse mit der Dame noch etwas erledigen, derweil ich mir doch den abenteuerlichen Turm in Chambles ansehen könne. Danach würden wir uns treffen.

Eine steile, hölzerne Wendeltreppe in einem Turm
Treppe im Turm von Chambles

So kommt es, dass ich kurze Zeit später in einem blauen Mégane auf der Rückbank hocke und wir die etwa fünf Kilometer zum Schloss fahren. Wir reden französisch. Ich verstehe vieles. Marie-Claire redet langsam und in einfacher Sprache. Sie gibt etliche Geschichten zu den drei Schlössern südlich von Roanne preis. Die Burgen beherrschten das flache Land Loire abwärts. Früher waren sie strategisch wichtige Positionen zwischen dem Plateau von Chambles und dem Unterlauf der Loire. Nun ist das alte Schloss Essalois aber ein Ruine. Riesiger Parkplatz vor der Sehenswürdigkeit. Wir steigen auf den Turm, der ebenso bizarr und abenteuerlich ist wie der in Chambles. Für deutsche Verhältnisse, so vermute ich: Wahrscheinlich wäre er gesperrt, weil die Treppen nicht die Sicherheitsbestimmungen erfüllen.

Hier, hundert Kilometer nördlich der für ihre Vulkane bekannten Auvergne, befindet sich auf einem markanten Brocken, der einst aus den Vulkanen geschleudert wurde, ein Kloster, erzählt M.-C. Ich notiere mir das ins Tagebuch mit dem Vermerk, es unbedingt bei der nächsten Reise zu besuchen (leider steht im Buch nicht, wie das Kloster heißt. Ich erinnere mich, dass Marie-Claire es mir vom Turm aus zeigte).

So weit, dass ich mich auf die Suche nach dem Kloster auf dem mysteriösen Vulkanfelsen begeben könnte, ist es nun leider nicht gekommen. Erstaunt stelle ich beim Lesen der Zeilen fest, dass ich schon vor zehn Jahren die Absicht hatte, die Reise zu wiederholen.

Man könnte sagen, auch zwischen 2010 und heute, 2020, liegt ein Paradigmenwechsel, eine einschneidende Veränderung meiner Art zu leben, zu reisen, die Welt zu betrachten. Wenn auch vom Schicksal aufgenötigt.

Eine bürgerliche Kaufmannsfigur aus bemaltem Holz auf einem Sockel vor der Naturstein-Kirchenwand
Figur in der Kirche in Chambles.

Löste ich mich im Jahr 2010 ab Tag zehn der Reise vom Leistungsgedanken, so schnell wie möglich so viel wie möglich zu erleben, verabschiede ich mich nun im Jahr 2020 davon, überhaupt vorankommen zu wollen, gar überhaupt etwas erleben zu wollen. Geradezu demütig ertrage ich den Lauf dieser Zeit, in dem ich keinerlei Handlungsspielraum habe, zumindest physisch; ein Lauf der Zeit, in den ich nicht eingreifen kann in den Verlauf meiner ‚Reise‘. Der Lauf dieser Zeit scheint so mächtig – fast wie ein reißender Fluss – dass es das Beste scheint, überhaupt keine Anstrengung zu unternehmen (zumindest im Außen), um etwas zu ändern.

Wir befinden uns nun im Kern der Tour 2000. Von Le-nouveau-Monde am Fluss Allier werde ich an diesem elften Reisetag ansetzen zur Königsetappe. Ich hatte diesen Abschnitt so getauft, weil er über drei markante Anstiege mit anschließenden rasanten Abwärtsfahrten den Mont Lozère überquert. Am Ende dieses elften Reisetags sollte ich im Jahr 2000 die Tarnschlucht bei Le-Pont-de-Montvert erreichen. 2010 schalte ich ein paar Gänge zurück und bummele, Paradigmenwechsel sei Dank, Loire aufwärts bis Vorey-sur-Arzon.

Der Blogartikel taucht in der Karte des Projekts heute beim Schloss Essalois auf.

 

 

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