Vom Pappelspalten und Ersterschlaffen | #zwand20

Ein Wasserschloss auf einer kleinen Insel in einem Fluss. Die Landschaft ist hügelig und bewaldet.

Fast habe ich mich selbst eingeholt. 2000 breche ich erst gegen Abend vom Campingplatz Villerest an der Loire auf und radele an diesem verregneten Tag noch gut 40 Kilometer bis nach Feurs. Ich weiß noch, wie glücklich ich war, als sich kurz vor der Ankunft ein Streifen Abendsonne durch die Wolken kämpfte, erinnere mich an einen übervollen Campingplatz, an meinen Platznachbarn, einen Motorradfahrer. Und daran, dass der Campingplatz mit sieben französischen Francs (ca. 1,5 €) der billigste Platz war, den ich je erlebt hatte.

Einer, der heutzutage Hufeisen herstellt – ist der noch Schmied, oder hat er sich von der Wesensform des Schmieds entfernt und ist Geschäftsmann? Einer, der auf Karten träumt und im Internet sich die Welt anschaut – ist der ein Reisender?

Das fragte ich mich während des langen Tags im Zelt. Als ich es satt hatte, den Schnecken beim Kriechen zuzuschauen und damit zu liebäugeln, ihnen Kunststückchen beizubringen, packte ich das nasse Zelt, nicht ohne vorher alle Tiere von der Zeltplane abzustreifen.

Es gibt bei meinen Fahrradreisen zwei markante Phasen. Ich nenne sie Ersterschlaffung und Zusammenbruch. Vermutlich, wenn ich es wissenschaftlich erkunden würde und einmal eine Auflistung aller Fahrradreisen, die ich je gemacht habe, anfertigen würde, könnte ich faszinierende Dinge herausfinden, wie solche Reisen gemütsmäßig ablaufen. Nach etwa einer Woche voller Elan und gutem Vorankommen, setzt irgendwann die Ersterschlaffung ein. Eine müde Phase, in der man den Körper nur noch mit Mühe aufs Fahrrad bringt, in der jeder Kilometer weh tut, in der selbst der leiseste Anstieg eine unüberwindbare Hürde darstellt und grundsätzlich ist gefühlt immer Gegenwind. Man hat den Point of no Return der Reise, der bei etwa 400 Kilometern von zu Hause liegt, zum Glück überwunden, sonst würde man direkt in den nächsten Zug steigen und wäre abends wieder daheim.

Die zweite markante Phase ist der Zusammenbruch nach Ende der Reise. Das Ende der Reise ist entweder dann, wenn man sein Ziel erreicht hat oder dann, wenn das Phänomen des plötzlichen Lustverlusts eintritt, von dem ich in diesem Artikel (zugehörig zum Projekt #UmsLand/Bayern) vor einigen Wochen berichtete.

Ich befinde mich 2000 in der Phase der Ersterschlaffung. Das Wetter ist nicht gerade schön. Wenn es nun weiterregnet, würde ich die Tour abbrechen. In Feurs sollte ich zudem miserabel schlafen, da neben dem Campingplatz eine Discothek ist, die bis vier Uhr nachts wummerte und nach Torschluss einige Nachtschwärmer ausspuckte, die auf dem Parkplatz krakelten.

In der nächsten Nähe eine After-Pub-Disco. Flair Überlandstrecken-Campingplatz […] In den Vogesen einen Tag lang nichts einkaufen zu können, ist fast so schlimm, wie besoffenen, komplexbeladenen Discoleuten bei der After-Pub-Party, dem Aufheulen ihrer Motoren, den quietschenden Reifen zuzuhören. Gegen vier verlassen die letzten den Schuppen und krähen mit einem Hahn um die Wette.

2010 hatte ich die Phase der Ersterschlaffung wohl schon hinter mir und legte mit einer langen Etappe Loire aufwärts gut nach. Mein Ziel war der Campingplatz Villerest, den ich vermutlich auch erreicht hätte, wenn mich nicht eine Reifenpanne kurz vor der Abenddämmerung auf dem Kanalradweg bei Roanne zum Stillstand gebracht hätte. Fahre nie bei Dämmerung in eine große Stadt, lautet die Devise. Ich erinnerte mich an den Komplex Roanne/Le Coteau als lästig hektische Stadtdurchquerung mit knappen Überholmanövern und vielen Ampeln. Also bog ich nach der Reifenreparatur vom Kanalradweg ab und verlor mich in den Industrien nördlich der Stadt. Das Europenner-Zelt kam schließlich auf einer großen, gepflegten Wiese vor einer Fabrik  zum Stehen. Das Tagebuch gibt leider nur preis, dass die Fabrik an der D 43 liegt.

Gibt es diese Phase der Ersterschlaffung eigentlich auch beim Bürostuhlreisen, frage ich mich. Befinde ich mich gerade in einer Ersterschlaffungsphase nach dem ‚Tourstart‘ vor einer Woche? Tag acht der diesjährigen Radreise Zweibrücken-Andorra hat gerade begonnen. Ich bin ein bisschen in der Bredouille. Nach halb durchwachter Nacht schlief ich gegen Dämmerung wieder ein und war erst gegen acht im ‚Sattel‘, sprich auf meinem Bürostuhl. Mit im Gepäck eine Zeitbarriere, die ich mir selbst auferlegt habe, nämlich um zehn Uhr bei Freund Journalist F. zu sein. Heute ist wieder Assistenztag. Ich werde Rezepte einlösen und einen Aldi-Einkauf riskieren. Und weil es so schön ist, in diesen Tagen einkaufen zu gehen, nehme ich auch noch die Listen der Frau Mama und der Tante mit. Zu guter Letzt auch die eigene Liste. Ich will auch was abhaben.

Oder lässt sich das ganze Leben gar in eine Kette verschiedener Reisen aufteilen, ähnlich der Kapitel eines Buchs, echter Reisen mit motorisierten Fahrzeugen, Fahrrädern, zu Fuß, per Schiff oder per Flugzeug, wie auch Kopfreisen oder einzelne Projekte, die man als Reisen bezeichnen könnte. Das Leben ist nur eine Kombination verschiedener Reisen. Von Ersterschlaffung über plötzlichen Lustverlust und Zusammenbruch rettest du dich in die nächste jungkeimende Traumreise, nur, um erneut über die Ersterschlaffung jenseits des Punkts ohne Rückkehrmöglichkeit in den Zusammenbruch zu steuern. Weiter, weiter, weiter, bis irgendwann der letzte Zusammenbruch erfolgt.

einige liegende Stämme führen den Blick auf einen roten, uralten Traktor mit kleinem Anhänger zu. Im Hintergrund eine Baumreihe am Rad eines kahlen Achers.
Der Traktor namens ‚Hölle auf Rädern‘ im Einsatz bei der Pappelbaustelle.

Den gestrigen Tag verbrachte ich ‚bei Hofe‘. Es gibt immer etwas Holz zu Hacken. Die ideale Sportart, um kostengünstig, nutzbringend die Fitness zu trainieren. Da darf mir kein Fitnessstudiotrainer etwas erzählen. Das Land trocknet in den letzten kühlsonnigen Tage so gut, dass ich es wage, mit dem alten Porschetraktor hinunter zu fahren an den Waldrand, wo es einige Bäume auf des Nachbars Acker gelegt hatte. Die sollten schon längst beseitigt sein. Nun rücke ich ihnen mit Kettensäge und Seilwinde zu Leibe. Komme gut voran. Endlich sind die Felder wieder frei. Die größeren Stücke karre ich nach Hause, die Baumkronen einer gigantischen Pappel und eines Ahorns zerre ich mühsam, händisch zur Seite. Die Frucht wächst gut.

Man kann über Pappelholz sagen, was man will: dass es schlechtes Brennholz ist, dass es sich nicht lohnt, es zu zerkleinern und zu verbrennen. Im Chor der Brennhölzer hat es dennoch eine Stimme. Trockenes Pappelholz brennt unglaublich schnell und sehr heiß. Es ist ideal, um zum Beispiel einen Holzkochherd (leider habe ich keinen), in Kürze auf Betriebstemperatur zu bringen.

Exkurs wie spalte ich Pappelholz. Der ungeübte Holzfäller, die ungeübte Holzfällerin wird sicher dem Charme der Kernspaltung erliegen, wird versuchen, den vorliegenden Pappelholzklotz möglichst mittig zu treffen. Vielleicht hat sein, ihr geübtes Auge auch schon einen feinen Riss erfasst, der als Spaltriss tauglich scheint. Schnell wird man enttäuscht, selbst wenn man noch so sehr den Riss getroffen hat. Die Axt bleibt stecken und lässt sich weder mit der Umkehrtechnik (Axt unten, schwerer Holzklotz oben) durchs Holz treiben, noch löst sie sich so ohne Weiteres wieder aus dem Klotz. Auch die Arbeit mit einem Spaltkeil ist auf diese Weise unheimlich mühselig.

Es gibt jedoch einen Weg, wie man Pappelholz ohne große mit relativ wenig Mühe in ofenhandliche Stücke zerkleinert. Du musst von den Rändern nach innen spalten, sprich, den Stamm ringsum filetieren in feine Scheiben. Schlage etwa fünf bis zehn Zentimeter neben der Rinde und das Holz fällt fast von selbst relativ auseinander (wenn es keine Äste hat).

Abend nun. Ich habe den Artikel grob korrekturgelesen. Ein harter Einkaufstag war das. Nicht schön. Zum Ausgleich ließ ich es mir nicht nehmen, einige Pappelhölzer zu hacken und habe deshalb die Korrekturen vorgenommen, wie ‚leicht‘ das Pappelspalten ist. Nämlich nicht. Vielleicht sollte ich umsatteln und aus dem Holz Holländische Holzschuhe schnitzen. Den dafür verwendet man das Holz auch gerne.

In der Karte befinden wir uns nun, am Ende des heutigen neunten Reisetags, während der Radtour 2000 auf dem Campingplatz Prats de Mars, etwas westlich von Retournac. 2010 haben wir etwas Strecke eingebüßt und quartieren uns gut 50 Kilometer nördlich von Prats de Mars in Montrond-les-Bains ein. Diesjährig, wer hätte es nicht geahnt, endet der Reisetag im heimischen Bürostuhl. :-) Bleibt gesund und macht das Beste daraus.

Wer gerne malt, mag sich an diesem tollen Projekt beteiligen.

7 Gedanken zu „Vom Pappelspalten und Ersterschlaffen | #zwand20“

  1. „Fast habe ich mich selbst eingeholt.“ – Das erinnert mich an einen Comic mit Superman. Der konnte Tennis gegen sich selbst spielen: erst den Ball auf der einen Seite schlagen, dann mit seinem Affentempo ueber das Netz fliegen, und rechtzeitig auf der anderen Seite sein fuer den Return. :D
    Liebe Gruesse, und bleib‘ gesund,
    Pit

  2. Jaja, die Pappel ist da ein wenig hinterlistig. (Ich erinnere mich an den Mecklenburger Großvater, der immer damit kämpfte — und der starb schon, bevor ich noch zehn Jahre alt wurde.)

    Auf die Ersterschlaffung werde ich bei mir in Zukunft mal achtgeben.

    1. Die Ersterschlaffung ist sicher individuell verschieden. Ich weiß aber, dass sie sich überwinden lässt. Wie auch der Zusammenbruch (nach der Reise). Alles Gute Dir, mein Lieber.

  3. Ich kenne nur den Dreitageskoller, wo immer ich mich befinde und was immer ich gerade sein lasse … dann kommen die Tränen, die Zweifel und „ich will hier weg“ – und ja, es geht vorbei …
    Mit Pappelholz hingegen habe ich keine Erfahrung.

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