Ein Jonglierspiel der feinen Künste. Wie jedes Jahr im Oktober beschleicht mich das Hadern, ob ich mit der Kunst weiter mache, oder dem Finanzamt schreibe, dass ich ab 1. Januar nicht mehr selbständig bin … es dürfte nicht hinreichend bekannt sein, dass in Selbständigengehirnen (zumindest in meinem) solche Gedanken regelmäßig aufkommen. Die Diskrepanz ist exorbitant zwischen der doch eher dürftigen Einkommensmarge, die sich alljährlich in der Steuererklärung niederschlägt und dem “was man so liest”, wenn man Stellenanzeigen liest: Boa, der und der kriegt als Anfangsgehalt dies und das und ey warte mal, das ist ja pro Monat so viel wie in meiner Steuererklärung fürs ganze Jahr steht!?
Kurzum. Oktober mal wieder. Herr Irgendlink hadert und stellt sich vor, wie es sich wohl anfühlt, einen Job – irgendwo – zu haben, zu dem man regelmäßig hin geht und abends dann einfach abschalten kann. Kann man das?
Es ist nie gut, die Dinge, die andere Menschen durchleben, ihre Alltage, von außen zu beurteilen und sich “ein Bild” zu machen: Die Paketfahrerin lächelt immer und scheint gut gelaunt, boa, ist bestimmt ein toller Job (hatte ich ja mal gemacht und war zwar toll, aber auch stressig).
Oder: Der Soundso in seiner IT-Firma wie er tagein tagaus etwas mit Computern macht und abends durch den Park joggt, ey, kürzlich gabs ein Stellenagebot, halt dich fest, die zahlen selbst den neu anzustellenden 5600 Euro pro Monat und 36 Tage Urlaub, geiler Job, würd ich auch … (im Künstlernormalalltag habe ich es dummerweise auch mit IT-Problemen zu tun und weiß, wie dringend da manches gelöst werden muss und wie sehr man die Probleme völlig erschöpft mit in die Nacht nimmt, kein Neid also gegenüber dem joggenden Sysadmin, der scheinbar sorglos im Park lustwandelt).
Die Oberfläche zu betrachten mag fein sein. Es ist quasi das Schaufensterstarren gesellschaftlichen Statusneids. Frust, Zeifel, Sorgen und Querelen sind im Hochglanz der Oberfläche aber nicht eingepreist.
Was ist denn der Hochglanz deiner Oberfläche, Herr Irgendlink? Diese Frage musst du dir gefallen lassen, bzw. besser noch, du musst sie dir selbst stellen. Wie mag wohl dein Leben von “außen” aussehen?
Hmm? Tjaaa, etwa so: “Mein Name ist Troy McClure. Sie kennen mich aus Filmen wie …”, um einmal auf die Karikatur eines gescheiterten B-Movie-Schauspielers, eine Simpsons-Figur, anzuspielen (Youtubelink zu einem Sampler aller Troy McClure-Statements (engl.)).
Tjaaa? Die Oberfläche dürfte recht brüchig sein. Was sieht Mensch von Künstler Irgendlink denn? Zum Einen die Blogs, in denen von Reisen und Reisealltagen die Rede ist. Also haben wir es mit einem total freien Menschen zu tun? Einem, der reisen kann so viel er will und damit auch noch Geld verdient? Lege die eigene Schablone (die des ITlers, der Postlerin, des sonst was festangestellt Arbeitenden) darüber und definiere viel Geld: Sagen wir einmal monatlich 3500 Euro? Das muss der Kunstfuzzie doch bestimmt verdienen, oder? Dazu immer “in Urlaub!”. Nach meinen live gebloggten Reisen fragen mich die Menschen fast immer: Wie war der Urlaub? Und ich so: Hä? Uuurlauub!? Ey, das war knüppelharte Arbeit! Ich reiß mir den Hintern für dich auf und …
… nene, ich sage natürlich: Gut.
Hinzu gesellt sich die Meta-Berichterstattung in Print und Fernsehen, die hin und wieder einmal in die Auslage des Hochlanzschaufensters Irgendlink gerät. Was dort läuft ist immer echt. (an dieser Stelle könnte ich die Geschichte erzählen, wie ich zu Zeiten der Pandemie beim Sender aufschlug und mich vor dem Interview aus dem roten Sofa selbst schminken musste. Mit Freundin S. scherze ich gerne, wie oft wer von uns beiden schon auf dem roten Sofa der heimischen Landesfernsehanstalt interviewt wurde. Schillerndes Bild eines Menschen, dessen Oberfläche – und nur die – man betrachtet …
… ich postuliere: Wir kennen von fast allen Menschen, die uns im weiteren Umfeld vor die Nase kommen grundsätzlich nur die blank polierte Oberfläche. Systematisch machen wir uns von einander ein Bild, das trügt. Eines, gar nicht anders kann, ein Bild, das trügen muss.
Und wie ist es tatsächlich mit dem Herrn Irgendlink?
Intermezzo: An dieser Stelle sollte eigentlich meine Paywall bei Steady stehen. Da Monsieur Supergeek, moi même, aber nicht in der Lage ist, das Ding so einzurichten, dass Du es umgehen kannst, ist dies hier die symbolische Paywall und die echte, die mit den Gartenzehen :-), die kommt ganz unten und verbirgt nichts. Will ja alles getestet werden, ohne dass der laufende Blogbetrieb darunter leidet.
Bei Ausstellungen fragen die Leute machmal: Können Sie davon leben? Gemeint ist der Verkauf von Kunst. Die Berliner Künstlerin und Literatin Sarah Berger (aka @milch_honig) lieferte dazu vor vielen Jahren auf Twitter einmal die, wie ich finde brillianteste Antwort: Ich lebe nicht.
Spaß bei Seite. Ich bin da etwas versöhnlicher und gebe Auskunft, dass ich vom Verkauf von Kunst (schillernde Oberfläche) nicht leben kann, mir aber etwas mit den Derivaten dazu verdiene.
Der ebenso größte Vorteil wie Nachteil beim Selbständigsein ist, dass man vielerlei Kenntnisse auf den angrenzenden Gebieten der feinen Künste erwirbt. Allen voran etwa die eigene Webpräsenz zu pflegen, seine Sozialen Medien zu bespielen, Pressetexte und andere Nutztexte zu schreiben, aber auch etliches Handwerkliches. Die vielen Fähigkeiten lassen sich in Form von Lehre weitergeben (Coaching). Hier lässt sich etwas dazu verdienen oder eben, der Kollege oder die Kollegin hat mit ihrer Webseite ein Problem. Kein Problem, ich löse das. Genau das musste ich jüngst ja auch bei meiner eigenen Webseite herausfinden und lösen … ich bin ein Guide, ein Scout, ein Wegbegleiter, Consierge im muffigen Kämmerchen der feinen Künste ganz unten im zehntausende Stockwerke hohen Tower of Art.
Dass es sich bei meinen Wegbegleitungen um Abwege vom gewundenen Pfad der Kreativität handelt, ist mir klar. Wenn ich all die Zeit, die ich ins Lösen eines technischen Problems investiere in pure Kreativzeit verwandeln könnte … hach. Aber dazu müsste die eingehende Frage, können sie davon leben, mit Ja beantwortet werden können: Ja, ich verkaufe so viel Kunst, dass ich von den Einnahmen Leute bezahlen kann, die die Webseiten betreuen – ach, mittlerweile ist es ja ein ganzer Server mit zig Webseiten. Ich könnte Menschen “kaufen”, die mir zuarbeiten, Pressetexte schreiben, Marketing betreiben, sozial Media Accounts einrichten und bespielen usw. und so fort.
Ich gebe es natürlich wie jedes Jahr auch dieses Mal nicht dran mit der Kreativität und der feinen Kunst, dem Schreiben, Bloggen und dem ganzen Rest. Alles bleibt beim Alten. Und dennoch will ich mich neu erfinden, um weniger von den Derivaten der feinen Künste abhängig zu sein und mehr durch direkt gepresste Kreativität “ins Schaufenster” zu kommen.
Dieser Newsletter in Blogform oder dieses Blog in Newsletterform ist ein Baustein meines Gesamtkonzepts. Es gibt drei weitere Bausteine, die ich als konkrete Kunst-Reise-Schreibprojekte für 2027 ins Auge fasse:
- Erstens, ich tue das, was ich schon 2023 tun wollte und radele zum Nordkap. Und zwar als waschechtes gutes altes Gepäckträgerreise-Liveblog wie die großen Reisen 2012 bis 2016. Die Lust dazu hätte ich. Langsam genug kann ich hoffentlich werden (die letzten Reisen waren mit viel zu schnell und ich kam unterwegs nicht zum Kreativsein).
- Zweitens: Ich tingele mit der Radelgalerie durch die Pfalz und die nähere Umgebung. Die Radelgalerie ist ein 2019 begonnenes Projekt, das nie so richtig in Schwung kam. Durch die Pandemie (und meine Unentschlossenheit) schlief es ein. Mit einem Fahrradanhänger voller Kunstwerke geht es von Ort zu Ort, wo ich in so genannen Guerillaausstellungen immer dort, wo ich Lust habe, meine Ausstellung zeige (und auf den Onlineshop aufmerksam mache). Kunst und Reisen und Marketing in Personalunion?
- Drittens: Ich nehme meine Reisekunst- und Liveblog-Serie UmsLand wieder auf und umradele Baden-Württemberg und Hessen und all die anderen noch nicht erkundeten Regionen in meiner Nähe. Das letzte UmsLand Projekt war 2023 die Schweiz … ähm, Marketing-Einschub: Hier gibt es das Projektposter UmsLand Schweiz zu kaufen. Zur Feier dieses Newsblogs mache ich mal eine radikale Preissenkung und biete das Poster zum Ausgabepreis an.
Ähm, warte Mal, Herr Irgendlink, wie soll denn das Newsblog hier enden, ich meine, Marketing-Einschub bedeutet ja, dass danach etwas kommt, oder? Achja, die Paywall. Tschechows Paywall sozusagen.

