Verspätung

Immer verspätet und dennoch rechtzeitig. Paradoxer Gedanke. Ich sauge gegen 21 Uhr gestern Abend die neue Konstruktion im Atelier aus. Eine Vorrichtung, um endlich alle Bilder der Serie 365 Daily an einer Wand zu zeigen. Denke dabei, das hättste doch eigentlich vor einer Woche schon machen wollen. Aber da war ja noch Leben zwischendurch. Zum Glück.

Bin ich grundsätzlich verspätet? Hirn sammelt zu späte Momente über all die Jahrzehnte verteilt und ich komme zu der Einsicht, dass im Hause Irgendlink die Mühlen einfach nur unendlich langsam mahlen. Wenn ich nur #AnsKap denke, das ich 1988 erstmals ansteuerte und nicht erreichte. In Narvik kehrten Freund I. und ich unvollendeter Dinge um. War auch naiv, zu glauben, man könne innerhalb von drei Wochen den Weg zum Nordkap erradeln. Nach weiteren Versuchen klappte die Radtour zum Nordkap im Jahr 2015 endlich. Alleine meinen Takt radelnd dauerte die Reise etwa zwei Monate.

Verspätung ist Programm. Auch in den Kunstprojekten: UmsLand Bayern dauert nun schon das vierte Jahr. Eigentlich wollte ich die 2300 km lange Strecke rund um den Freistaat 2020 beendet haben.

Zwei Literaturprojekte (Passfälscher-Blog und Bauesoterik-Roman (dranbleiben, Junge, dranbleiben)) sind erst diesen Sommer wieder ins Stocken geraten. Und nuja, das Bestücken des Ateliers, mit dem dieser Artikel beginnt, das ist auch im Hintertreffen.

Am Ende wird es gut. Das weiß ich. Ich habe meine Ziele bisher immer erreicht. Kleine wie große. Ich musste nur meinen Takt finden. Der Weg dahin war mit dem richtigen Takt letztlich nur noch ein Klacks. Egal wie weit es war.

Offenes Atelier Rinck am 11. und 12. September 2021

im Rahmen der ‚Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz‘ öffne ich mein Atelier am Samstag, 11. September und Sonntag, 12. September von 14 bis 18 Uhr.

Nach anderthalb Jahren fast ausschließlich virtuell unterwegs, habe ich den schönen Raum auf dem Rinckenhof einer Runderneuerung unterzogen.

Atelieradresse: Rinckenhof 1, 66482 Zweibrücken.

Erstmals kann ich weite Teile meiner Serie ‚365 Daily‘, Kernstück meines Online-Shops, an einer großen Wand zeigen.

Das Atelier mutierte bei den Vorarbeiten mehr und mehr zu einem Museum. Retrospektiv können geneigte Besucherinnen und Besucher durch ein viertel Jahrhundert Künstlerleben reisen. Neben vielen Fotos europaweiter Blog- und Reiseabenteuer zeige ich auch Objekte, sowie Col-Art-Kunstwerke mit befreundeten Kolleginnen und Kollegen.

An den beiden Tagen gibt es vor Ort großzügige Rabatte. Die Kunstwerke der Rubrik 365 Daily sind, solange vorrätig, zum Ausgabepreis von 17,90 € zu haben. Auch die schon knapp gewordenen, limitierten Poster der Blog-Kunst-Projekte aus den 2010er Jahren werden, soweit vorrätig, stark rabattiert. Zu sehen in der Rubrik Poster im Online-Shop.

Ebooks können zum halben Shop-Preis direkt auf einen Stick gezogen oder als CD gebrannt werden.

Und wem das alles nicht genug ist, der kann sich in der neu eingerichteteten Loppis-Halle (*) nach mannigfaltigen Gebrauchtwaren aller Art umschauen.

* Als Loppis bezeichnet man in Schweden private Krempelmärkte, die insbesondere im Sommer die durchs Land tourenden Menschen einladen, auf einsamen Gehöften und in ländlichen Regionen eine Pause einzulegen und zu stöbern. Als großer Schweden-Fan und mehrfach per-Radel-das-Land-Bereiser möchte ich zusätzlich zum Atelierbetrieb eine Art Loppis-Café etablieren.

Das Atelier ist auch nach dem Wochenende 11./12. September zu unregelmäßigen Zeiten und nach Terminvereinbarung geöffnet.

Auf einer neu eingerichteten Facebook-Seite werde ich in der kommenden Woche einige weitere Infos und Bilder ‚in Situ‘ zeigen. Unter nachfolgendem Link geht’s zu den Daumenhochs :-)  https://www.facebook.com/atelierrinck/

Ich freue mich auf Ihren, auf Euren Besuch.

Wie das Leben selbst, so ist auch alles, woran wir arbeiten und kreativ schöpfen nur Teil einer sogenannten Work in Progress. So erwartet den Besucher, die Besucherin, eine gut aufgeräumte Künstlerlebens-Ausstellung. Teils kommentiert, teils rätselhaft, stets im Fluss. Mit Blickmöglichkeiten in die Vergangenheit, aber auch in die möglichen Zukünfte.

Nachdem sich durch zwei Stipendien in den Jahren 2020/2021 der Schwerpunkt des Schaffens in Richtung ‚Literatur‘ verschoben hat, versucht die Atelierausstellung die Möglichkeiten darzustellen, Kunst und Literatur in Blogform (also virtuell) zu zelebrieren. Das Offene Atelier 2021 ist somit eine Art Versuchslabor, in der ausgelotet wird, wie gut sich ‚virtuelle‘ und ‚reale‘ Welt in Ausstellungen darstellen lassen.

Herr Irgendlink, Ex-Künstler, Schriftsteller, Profi-Prokrastinateur und angezählt

Das Ende. Damit will ich beginnen. Damit muss ich beginnen. Aufräumarbeiten im Atelier wie jedes Jahr um diese Zeit. Wenn die Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz einen großen Sinn stiften, dann die, dass die vielen kleinen Künstlerinnen und Künstler, so auch ich, einmal im Jahr einen Cleansweep im eigenen Atelier machen. Die Spinnen und Insekten vergrämen, Staub wischen, Überflüssiges vor die Tür räumen auf einen Entscheidungshaufen, der in aller Ruhe inspiziert wird und Wegwerfenswertes von Nichtwegwerfenswertem geschieden wird. Den Preis für einen Container müsste man sich leisten können.

Kubikmeterweise Seltsames vor der Tür, das man in die Kategorie „Könnte man mal noch brauchen“ einsortiert. Welch fatale Einstellung. Nichts ist mehr brauchbar, wenn man es genau betrachtet. Das Leben ist zu Ende gelebt. Alles was ist, ist nicht. Schrödingeresk nimmt jede Materie zwei Wahlzustände an. Wenn man mit verschränkten Armen vor seinem Tagwerk steht und den Haufen betrachtet, ist man nicht bereit, sich einzugestehen, dass alles, woran man schuftete, was einem wichtig und wertvoll schien, gleichzeitig auch wertlos ist. Es ist wie mit der Katze, nur dass die Zustände nicht Leben und Tod sind, sondern Wertvoll und Wertlos.

Ich kam ganz gut voran, bewaffnet mit Staubsauger und Putzeimer und den Trennstationen für verschiedene Müllsorten vor der Tür im Staub des immer noch nicht gepflasterten Ateliereingangs. Metall, Glas, Brennbares und gottleidiger Kunststoff. Teufelszeug. Gelbe Säcke, Restmüll, hier ein Bilderrahmen, etwas angemackt, aber könnte man ja nochmal brauchen. Stapel alter Kunstwerke aus den neunziger Jahren. Wenn man wert genug wäre fürs Museum oder die Auktion, sicher ein Schatz, aber so doch nur Plunder in bunten schillernden Farben, der sich nur theoretisch gut machen würde über einem Hipstersofa in der Hauptstadt.

Im Tageslauf schaffe ich es, die beiden Atelierräume in einen ansehnlichen Zustand zu bringen. Zwischendurch immer wieder am PC, die Adressdatenbank durchforsten, wen ich einladen könnte. Sind nicht allzuviele Bekannte und Freunde geblieben. Der Coronagraben geht mitten durch mich hindurch. Ich bin nicht mehr sicher, wer von all den Bekannten wo steht, wen man mit Geimpftsein erschreckt, wen mit Maskentragen und linientreuem Angsthaben. Ich glaube mittlerweile tatsächlich, dass der Coronagraben mitten durch mich hindurch geht und ich mir selbst nicht mehr trauen kann. Mich selbst anfeinde, weil ich mal diese oder jene Position einnehme. Ich bin ja so ein verwirrter Kopf geworden.

Anderthalb Jahre Stillstand und nicht das tun, was man normalerweise täte, frisst sich durch mich.

Zwanzig dreißig Jahre alte Kunstwerke finde ich in einem Schrank. Fotos und übermaltes Zeug, teils recht ansehnlich. Ab in die Tonne? Oder besser auf den Zweifelstsapel, der liegen bleibt für weitere Jahre und über den man mit zeitlichem Abstand noch einmal schaut, sich wundert und sich sagt, Mann, war ich gut, Mann war ich schlecht. Herzlichen Gruß an Schrödingers Entscheidungskatze.

In solchen Situationen komme ich gerne ins globale Weitdenken, was es etwas leichter macht. Wenn man in Dimensionen wie tausenden, hunderttausenden oder gar Millionen Jahren denkt, kann einem ruckzuck alles egal werden, was aus nur irgendeiner Art Materie besteht, weil es ja sowieso von Gletschern zermalmt wird, von Giften zersetzt oder von Skeptikern genichtwertschätzt wird. Man ist dann, nach diesen tausenden oder millionen Jahren ja längst tot. Muss nicht zappeln, fiebern, hoffen. Ein zu Staub, Atomen, undefinierbarem Nichts zerriebenes Etwas ist man.

Ich bin am Ende, stelle ich fest. Ich bin kein Künstler mehr. Als Mensch könnte ich mir eine Zukunft von zwei drei Dekaden als Systemadministrator vorstellen. Irgendwas mit Linux. Am Computer schaffen. Bissel Geld verdienen zum Leben. Das Leben verbringen. Tot umfallen am besten in einer nahen Zukunft. Muss ja. Ist ja so natürlich, dass es endet.

Als Künstler weitermachen und nächstes Jahr schon wieder dieses verflixte, von Insekten, Spinnen, Siebenschläfern und sonstigem Getier verschmutzte Atelier säubern? Muss nicht.

Während ich aufräume, dekoriere ich die Wände mit Kunstwerken fürs Volk, das vielleicht reinschaut, und stelle mir die Frage, was erzähle ich denen denn? Ich bin ein Künstler? Kauft, nehmt reichlich? Ist was wert? Echt jetzt? Ich glaube doch selbst nicht daran. Das da vor mir, all die Materie, ist Vergangenheit. Ich hab das getan. Es entstand. Und nun bitteschön, her mit dem Container. Material jeder Art ist nichts wert. Bzw. ist doch was wert. Nur in dem Moment, in dem jemand das Material kauft, es seinen Besitzer wechselt. Dann ist es für kurze Zeit etwas wert.

Ein Auto zum Beispiel hat nur in einem winzigen Moment einen Wert. Dann, wenn ein Mensch im Autokaufmannsladen sagt, ja, ich will es haben, und es bezahlt. Sobald er sich ans Steuer setzt und damit wegfährt, hat der Gegenstand jeden Wert verloren.

Der Mensch sitzt nun am Steuer einer Drangsalierungsmaschine. Wenn er um die nächste Ecke biegt, steht er im Stau, leidet, vermutlich ohne es zu bemerken, und noch ehe er sich eingesteht, dass er ein Sklave des Autosystems geworden ist, wird er glückselig lächelnd, aber insgeheim voller Zorn all den anderen Staustehern als Feind gegenüberstehen. Schluss mit den feinen Werbebildern, die einem suggerieren, hast du ’ne Karre, bist du frei. Regelmäßige Inspektionen, Tüv, Parkplatzsuche. Gegenstände machen nicht frei, Kauf beleidigt dein inneres Kind, das nur spielen will. Mit Kunst ist das auch so. Kauft keine Kunst! Kauft keine Autos! Kauft nichts!

Den Vorraum des Ateliers habe ich klarschiff. Schön leer. Nur ein paar alte Schinken an den Wänden und eine improvisierte Sitzecke zum gemütlich beieinander hocken.

Ich ackere durch mein Leben und stelle fest, seit dem letzten Stipendium bin ich ja Schriftsteller und kein Künstler mehr. Herrjeh. Ich sollte retrospektieren! Es kommen Ideen, das Atelier in eine Art Rückblick zu verwandeln. Kommentierte Ausgabe des Herrn irgendlinkschen Lebens der letzten dreißig Jahre. Ich lecke Blut. Könnte schön werden. Neben allen Zeigegruppen aus verschiedenen Exponaten einen kleinen Text. Finaler Verweis, dass es einmal war und dass der werte Herr nun geruht, den Rest seiner Lebenszeit damit zu verbringen komisches Zeug zu schreiben.

Warum auch nicht. Ich kann es mir ja zum Glück leisten, an Dingen zu arbeiten, die nicht in die weltweite Produktionskette passen.

Hey, und das, das ist vielleicht ein Lichtblick. Etwas, was mein Gemüt erhellt. Kontinuierliche Nichtproduktivität. Ausdauerndes Nichtbeitragen zum konsumatorischen Wahnsinn. Der finale Widerstand in einem unbequemen System des Zusammenlebens.

Es fehlt nicht mehr viel. Ich bin alt. Die Rente ist nah. Ich hab mein Leben gelebt. Muss nur noch wenige Jahre bestehen. War ’ne schöne Zeit.

Die Gegenwart? Kotzt mich an. Wenn ich könnte, würde ich mich einmauern und eine Wand anstarren. Funktioniert leider nicht. Man muss mithingehen wo alle hingehen. Wir sind Lemminge.

Ich bereite also das Atelier eines Exkünstlers auf, der nun Schriftsteller ist. Von einem brotlosen Beruf in den nächsten gewechselt. Wobei die Brotlosigkeit natürlich Jammern auf hohem Niveau ist. Ich habe ja so viel Glück, in einem der wenigen krisenfreien Länder der Welt zu leben. Ich sollte dankbar sein, achwas, ich bin dankbar!

Beim Atelieraufräumen kommt mir der Elch unter die Finger. Ein hölzernes Ding. Ich habe es im Mittelfenster auf die Fensterbank gestellt. Etwa vierzig Zentimeter hoch. Der Elch ist das Geschenk eines Jungen an meinen Vater. 2016 waren sie Zimmernachbarn im Krankenhaus. Die beiden verstanden sich gut. Mein Vater fungierte dem Buben aus Notfallopa, munterte ihn auf, vertrieb ihm die Zeit mit Scherzen, ohja, das konnte er bestens. So dass der Junge die Woche im Krankenbett halbwegs gut überstehen konnte und ich denke, auch mein Vater profitierte von dieser Notgemeinschaft. 2016 zu Weihnachten stand dann der Elch unterm Baum. Gebaut vom Jungen.

Als mein Vater 2017 im Sterben lag, ging der Elch zu Bruch. Vater hatte ihn, betäubt von Morphinen, verschusselt und der Tierchen zerbach. Stand eine Weile im Keller, bis ich ihm das Gehörn wieder anklebte und es im Atelier auf die Fensterbank stellte.

Wie ich so den Elch anstarre, denke ich, dass er eigentlich ein Kunstwerk ist, das ein Bub geschaffen hat mit Laubsäge und Liebe, um es einem Leidgenossen zu schenken. Herrjeh. Material. Das ist kein Auto, das wertlos wird, sobald es über die Ladentheke geht. Das ist keine Drangsalierungsmaschine, mit der man Menschen in die Abhängigkeit zwingt. Es ist Liebe?

Der Elch wuchs mir ans Herz in den letzten Jahren, die er im Atelierfenster stand. Das alte Künstlerherz schlug. Das Hirn rumorte. Ich beschloss, den Elch bemalen zu lassen von vielen verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern. Ein Col-Art-Projekt, bei dem der Junge als Initiator fungiert und ich als Vermittler, als eine Art Reparateur in kaputter Welt, in der es noch immer Liebe und Zuneigung gibt unter Fremden, auch wenn man dies momentan gar nicht vermuten würde. Menschen, die nebeneinander in Krankenbetten liegen, haben etwas Existentielles, finde ich.

Ich kann den Elch aber nicht bemalen lassen von meinen vielen lieben Kunstmitmenschen, ohne den Ur-Urheber des Kunstwerks ausfindig zu machen. Das würde ein faszinierendes Kunstprojekt, denke ich, aber nur, wenn der Bub mit im Boot ist. Schließlich ist er der Erste, der am Kunstwerk gearbeitet hat, auch wenn er davon gar nichts wusste. Es wird nicht einfach, ihn zu finden. Ich nehme nicht an, dass man mir im Krankenhaus mirdnichtsdirnichts die Kontaktdaten des Jungen erzählen würde. Schon phantasiere ich, das irgendwie anzuleiern, kann ja nicht so schwer sein, einen Buben zu finden, der 2016 im gleichen Krankenzimmer wie ein Sterbender lag … so lasse ich den Abend ausklingen mit Könntes und Müsstes und Sollte-man-mals. Vielleicht ist der Künstler in mir ja doch noch am werkeln?

Ob ich es tue? Morgen wird wieder der Profi-Prokrastineur die Regie übernehmen, vermute ich. Der, der die leere Wand anstarrt und damit zufrieden ist.

Etwas mit Frankfurter Kreuz, Zeitreise, Bauen, Spinnennetz, neugierigen Damen, sowie Männern, die in Höhlen sitzen.

Nachtrag 9. August 2021: Dieser Artikel ist nun auch als Hördatei zugänglich. Gelesen von Silvia Bervingas.

Die Aufnahme wurde mit der Software Audacity auf einem Raspberrypi aufgenommen und minimal bearbeitet (Grundrauschen entfernt und geschnitten).

Mittwoch nach Einbruch der Dunkelheit. It is hot! It is very very hot! Ich schwitze. Immer wenn ich schwitze, immer wenn die Hitze unerträglich wird, zitiere ich meine lappländische Zufallsbegegnung mit einem quadfahrenden Kerl, der mir 2015 in der Nähe des Lahpojärvi begegnete, irgendwo im Niemandsland auf gottverlassener Landstraße, auf der kein Schwein unterwegs war außer dem Quad-Mann und mir. Mitten auf der Straße stoppte er und ich stieg vom Fahrrad. Eine Weile schauten wir uns an. Dann eröffnete er das Gespräch mit den Worten It is hodd, it is very very hodd und wir hielten ein kleines Schwätzchen.

Die Temperaturen in der Bude in Fitou, letzten Mittwoch sind um einiges höher als die milden etwa 25 Grad am Lahpojärvi 2015. Die Luft steht. Ich wage nicht, die Tür zu öffnen, um ein bisschen Frischluft einzulassen. Noch ist es draußen wärmer als drinnen und, nuja, vermutlich kämen Stechmücken herein, die mich nachts pisacken würden. Obendrein herrscht im Restaurant in direkter Nachbarschaft Hochbetrieb. An das abendliche Tellerklappern beim Geschirrspülen in der Küche hatte ich mich schon gewöhnt, aber an diesem Mittwoch gibt es Livemusik. Humpda-humtda-Getröte. Ich kann nicht identifizieren, ob der Gesang französisch ist, vermutlich ja. Die Takte hören sich wie deutsche Volksmusik an. Man könnte sich in Bayern befinden oder auf Mallorca, gewiss. An Schlaf war nicht zu denken, also beschloss ich, einen Blogartikel zu schreiben, schaltete die Bluetooth-Tastatur ein, versuchte, sie mit dem Handy zu koppeln, scheiterte, laborierte eine halbe Stunde , um das technische Problem zu lösen und verlor dabei jegliche Schreiblaune. Nackt und nicht zugedeckt lag ich auf dem Bett, die Uhr zeigte schon fast zwölf. In einem Tweet, den ich auf dem Touchscreen tippte, fasste ich die Begebenheit zusammen, indem ich ein Duchamp-Zitat abwandelte: „Es sind immer die anderen, die im Bett liegen und versuchen einzuschlafen (DJ Marcel D.)“. Um Null Uhr drei endete der Spuk.

Vorgesternfrüh, Sonntag. Die A5 im Dunstkreis des Frankfurter Kreuzes ist herrlich leer. Vier Spuren, kaum Autos, ich spure rüber Richtung Mainz, Richtung Hinterland, Richtung Donnersberg, Richtung Pfalz, vorbei am dämonischen Flughafenbahnhof, der wahlweise aussieht wie ein riesiges Schiff, aber wohl eher einen ICE darstellen soll. Mein Hirn schreibt Blog. Verflixt. Es sind immer die anderen Momente, in denen Blogartikel gedacht werden, aber nicht geschrieben werden können. Muss doch den Wagen steuern, sei die Autobahn auch noch so leer. Und so lege ich mir einen seltsamen Artikel zurecht, denke Worte, Phrasen, ganze Passagen, die ich schreiben könnte aber nicht kann. Wie so oft. Das meiste geht verloren, was in unserem Innern brodelt.

Der Artikel soll meine Reise nach Fitou zusammenfassen. Eine ganze Woche war ich unterwegs, gestartet am Samstag zuvor in Bad Homburg, tausend Kilometer weit gen Süden, dort ein Haus gebaut und wieder zurück. Zusammen mit G., der das Haus gehört. Etwa achtzig Stunden Arbeit. Das nur am Rande. Den Artikel könnte ich irgendwie geografisch aufziehen, denke ich, während ich den Flughafen hinter mir lasse. Arbeitstitel ‚Fitou le Frankfurter Kreuz‘. Oder wie ein Spinnennetz, dessen Zentrum das Frankfurter Kreuz ist, von wo aus sich die Fäden in alle Richtungen zu allen Zeitpunkten der letzten Woche ziehen. In wahlloser, sagen wir intuitiver Reihenfolge würde ich mir die Ereignisse aus meiner Erinnerung hervorkramen, sie in Worte fassen und einen konglomeratesken Blogartikel von unbestimmter Länge verfassen. Mit Marcel D. würde ich beginnen, schließlich hat er die einzige schriftlich verbriefte Äußerung meinerseits der letzten Woche verursacht. Dass es nun doch eine Szene unweit des Nordkaps im Jahr 2015 wurde, mit der dieser Artikel beginnt, konnte ich am Frankfurter Kreuz ja nicht vorhersehen. Jetzt ist jetzt und damals ist damals.

Fitou ist ein kleines Dorf zwischen Narbonne und Perpignan, etwas abseits vom Meer gelegen an den milden karstig kalkigen Hängen des Hinterlands. Sehr bekannt wohl durch seine Weinbaudomänen. Das Dorf hat 1200 Einwohnerinnen, fünfhundert mehr als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Viele Expats, ausgewanderte aus aller Damen Länder. Schweden, Schweiz, Deutschland, Belgien. So auch G., die in Kürze beabsichtigt, das kleine Haus zu beziehen, das sie vor einigen Jahren gekauft hatte. Die Pandemie kam ihr in die Quere und so finden wir eine ziemlich unaufgeräumte, muffige Baustelle vor. Jahrelang nicht gelüftet. Die Baustoffe teils verdorben, erhärtete Zementsäcke, Fliesenkleber, Staub, keine Infrastruktur. Mit anderen Worten sehr viel Arbeit.

Mein Auftrag lautete: Fliesen in der Dusche legen. Im Laufe der Woche bringen wir aber das gesamte Appartement in Schuss, inklusive Bett und Schreibtischaufbau.

Ein Besuch am Strand. Dienstags gegen 20 Uhr strömen uns die Menschen in Scharen entgegen auf dem Weg zurück in ihre Appartements oder zum Campingplatz in La Franqui. Die Karawane der aufgeblasenen Luftmatratzen. Wir laufen bis zum Meer, mehrere hundert Meter barfuß über den Sand und hüpfen abwechselnd ins Wasser, G. und ich. Der Tag war anstrengend. Ein Restaurantbesuch nach dem Bad gerät zu einer bizarren Mutprobe für uns beide. Zwar sitzen wir im Außenbereich im frischen Meerwind, aber die Menschen am Nachbartisch sind kaum einen Meter entfernt. G. liest obendrein die Pandemiewerte vor, die ihr per Webapp auf dem Smartphone angezeigt werden. Überall steigende Inzidenzen und für das Grenzgebiet Frankreich-Spanien sogar Werte um 350. Spanien ist weit weg, sagt G. Ich kann den Canigou sehen.

Samstag vor einer Woche. Perversfrüh raus und mit dem Auto voller Werkzeug nach Bad Homburg. Neun Uhr übernehmen G. und ich einen Mietwagen, Hölle was für ein Glück, hat der Autoverleiher doch statt des gebuchten VW Up einen Seat Leon für uns. Schnittige blaue Karre, die alles selbst macht. Licht an und aus, Scheibenwischer und immer wenn von irgendwo ein Gefahrchen droht, gehen im Innenraum die Alarmglocken an. Äußerst praktisch ist, dass sich im Stop and Go Stau der Motor abschaltet und sobald der Vordermensch losfährt automatisch wieder anspringt. Wir sind verblüfft. Auf der Strecke Frankfurt bis Freiburg erreichen wir eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 69 Kilometern. Der Ferienverkehr ist an diesem Samstag rege. Todmüde kommen wir gegen 23 Uhr abends in Fitou an. G. macht es sich in der Baustelle bequem. Ich wohne in der Ferienwohnung von Freunden, die G. extra für mich gebucht hatte.

Fitou ist so eine Art Origami, diagnostiziere ich. Also das alte Fitou. Es besteht aus mehreren Häuserzeilen, die von Straßen durchzogen sind, eigentlich eher ein Primitiv-Origami in Ziehharmonika-Form mit einigen Quereinsprengseln aus schmalen Treppengassen, die die engen Straßen verbinden. Es gibt nichts, was den Namen Gehweg oder Bürgersteig verdient in Fitou. Ein einziges Aneinandergeholpere selbst gegossener Betonabsätze von zwanzig bis fünfzig Zentimetern Breite, gebrochen von Treppen und dicht vor dem Bordsteingewirre stehen Autos. Oft direkt vor Haustüren, so dass man gerade so die Wohnungen in den Erdgeschossen betreten kann. Der Leon warnt zum Glück laut bimmelnd, bevor man mit den feinen Alufelgen gegen die manchmal dreißig Zentimeter hohen Bordsteine kommt. Origami sage ich deshalb, weil das Dörfchen tatsächlich so eine Art Falttechnik-Charakter hat. G.s Bude im Erdgeschoss liegt nur wenige Meter von meiner Bude im Dachgeschoss entfernt. Trotzdem muss ich, um zu mir zu kommen, der Faltung sei Dank, ein Stück die Rue du Pla runterlaufen, mich über eine Treppe bis hinter die schön gefaltete Häuserzeile zwängen und hinten, weiter oben in meine Bude gehen. Das Ferienappartement der langen Wege. Ich vergaß zu erwähnen, dass die kleine Ferienwohnung auch nur eine Notlösung ist und sich keine Küche darin befindet. Die ist jedoch in G.s Wohnung. Somit ist es immer ein Hin und Her. Obendrein befindet sich das Geschirr auf dem Boden aufgestellt in meiner Bude, kurzum, wir müssen immer irgendwie außenrum rennen, um wahlweise hier einen Kaffee zu kochen oder dort zu duschen. Klos gibts zum Glück in beiden Buden.

G. hat eine schicke Apple Uhr. Jeden Abend liest sie die Schrittzahl des Tages ab. Es sind immer mehr als 10.000 Schritte, die sie auf dem Buckel hat. Ich dann ja auch.

Donnerstag letzte Woche. Ich harre DJ Marcel D.s jaddelnder Feuchtfrohmusik, doch das Dorf bleibt still. Heute Ruhetag. Nur ein paar Schluckspechte in der Rue du Pla sitzen auf Bänkchen eingezwängt zwischen Autos und Mopeds, musizieren und quatschen. Eine Frau ruft Parolen, die so klingen wie Demoparolen. Ich denke, der Demoparolensingsang ist unabhängig der Sprache überall ähnlich: Vorbeterspruch, gefolgt vom massenhaft einstimmendem Demonstrantinnenchor. Am Ende des Demospruchs der Frau erkenne ich das Wort Vaccineé – geimpft. Keine Ahnung, ob da ein Grüppchen Impfgegnerinnen sitzt oder die Gegenseite. Sie grüßen jedenfalls freundlich.

Freitag letzte Woche. G.s Morgenritual ist ein Spaziergang durch Fitou, die Hauptstraße abwärts bis zu einer Stelle, an der diese die Autobahn überquert und man das Meer sehen kann. In den letzten Tagen schafft sie es vor Erschöpfung nicht mehr, zu hart ist die Arbeit, und sie bleibt in dem kleinen Café am zentralen Platz hängen, unweit der Wohnung der Vaccineé-Ruferin. Als ich die Bude passiere, sitzen vertrahlte Gestalten davor und man bonjourt, also ich zumindest sage Bon Jour. Ein todmüder Kerl antwortet mit einem lauten Gähnen und den Worten Il est pas facile. Es ist nicht leicht.

Abends irgendwann letzte Woche. Marcel D. hat die Stimmung voll im Griff. Ich die Schnauze voll, mich nackt schwitzend in der Bude hin und her zu wälzen, also spaziere ich durchs Dorf, quere eine Origami-Faltung nach der anderen und erreiche schließlich die alte Kapelle, in der Kunstausstellungen stattfinden. Die Uhr schlägt elf. Hier oben hat man einen akustischen Überblick übers Dorfgeschehen und all tomorrows Partys und Gaststätten. Da ist der Vaccineé-Trupp in der Rue du Pla und eine Faltung weiter oben in der Grand Rue ein weiterer ḱleiner Partyherd. An dieser Stelle stehen tagsüber Sofas und Sessel vor den Häusern, sieht aus wie Sperrmüll, ist aber Wohnzimmerbedarf für die Nacht, wenn die Menschen auf der Suche nach Kühle quatschend und singend den Abend ausklingen lassen. Gefällt mir eigentlich ganz gut. Auf einem Mäuerchen bei der Kapelle sitze ich eine ganze Weile und höre mir das Treiben an. Marcel veranstaltet wohl Karaoke? Es ist der lauteste Lärmherd und ich kann heilfroh sein, dass ich geduckt unter der Schallwelle wohne, statt hier oben, zwei Faltungen weiter, wo das Wummern mit Wucht reinhaut. Ich ahne nicht, dass ich ein paar Tage später am Frankfurter Kreuz vorbei fahren werde und über einen spinnennetzähnlichen Blogartikel nachdenken werde. Diesen hier.

Baumarkt, immer wieder Baumarkt. Der ist dreißig Kilometer entfernt in einem kosmodämonischen, monströsen, ausgelgerten Gewerbegebiet voller Supermärkte und anderer Einkaufsgelegenheiten. Oft fahren wir dahin, morgens um neun, weil immer irgendwas noch fehlt. Anfangs noch beklommen, weil man die Pandemieregeln nicht so kennt und die Maskengepflogenheiten. Später als alte Bauhasen ganz légèr. Pandemie scheint jedenfalls beendet. Trotz der astronomischen Inzidenz jenseits des Canigous.

Wochentags letzte Woche schauen alle möglichen Leute in der Baustelle vorbei und erfreuen sich am Voranschreiten der Arbeiten. Freunde und Bekannte, neugierige Nachbarn. Madame Curieus spricht mich eines Tages an und fragt mich aus. Ich verstehe kaum ein Wort, radebreche vor mich hin. Bin aus der Übung mit meinem Brachialfranzösisch. Madame hat unheimlich schlechte Zähne und sie ist die wohl neugierigste Person des Dorfs, erklärt mir Freundin C., die zufällig dazukommt und sich in das Gespräch einklinkt. Sie klärt Madame Curieus auf:“Nein, die arbeiten nicht für uns. Das Haus gehört denen. Die sind nur ein paar Tage hier“. C.s Haus befindet sich direkt neben der Baustelle. Origamitechnik sei Dank herrscht eine gewisse Unschärfe, wer wo wohnt und für wen arbeitet.

Vielleicht muss man, um Fitou zu verstehen und um sich zu orientieren in Weinbaudomänen denken. Unter den Torbogen der alten Häuser öffnen Tagsüber hell erleuchtete Keller, in denen nicht mehr ganz junge Männer vor Fässern und Weinregalen sitzen und ihren Wein verkaufen. Das sind die Ankerpunkte des Dorfs. Kennst du die Wein-Höhlen, kennst du Fitou. Die Verkaufsräume sind schick. Ständig fahren PKW aus aller Welt vor, zwängen sich in die nächst gelegene Parklücke zur jeweiligen Cave und die Touristinnen und Touristen huschen hinein, lassen sich beraten, degustieren, radebrechen französisch eine Bestellung: „Deux, deux, deux“ hörte ich einmal wie ein bleicher Deutscher sechs Flaschen Wein kaufte.

Mit Mühe und Not schaffen wir es, die Wohnung in einen halbwegs gemütlichen Zustand zu versetzen. Dusche gefliest, Waschmaschine angeschlossen, Wandkosmetik allerorten, Schreibtisch aufgebaut und Vorhang vor dem verglasten Eingang. Madame Curieus hasst diesen Trick.

Freitag letzte Woche. Abenddämmerung. Bau für beendet erklärt. Ich mache einen langen Spaziergang rund ums Dorf und ächze einen Pfad hinauf in Richtung Schloss. Hell erleuchtetes Ding, das so wirkt, als könne man über eine der vielen Treppen direkt vom Dorf hinauf spazieren. Pustekuchen. Man muss außenrum, kilometerweit über schmal schlängelnde Sträßchen. Hintergedanke des Spaziergangs ist, zwei schöne Bäume an ruhigem Ort außerhalb zu finden, nur für den Fall, dass Marcel wieder jaddelt. Wäre schlecht, am Abend vor der Rückfahrt schlecht zu schlafen. Ich könnte zwischen den Bäumen meine Hängematte aufpannen und im Freien übernachten. Schön still ist es an dem steinigen Pfad. Als ich zurück bin in der Wohnung kein Marcel, nur Tellerklappern und Restaurantgemurmel. Gutso. Bleibe ich eben hier.

Heute. Noch immer steckt mir die Tour in den Knochen. Ich bin reichlich erschöpft. Grauer Schwerlasthimmel über der Saarpfalz. Für Freund Jounalist F. habe ich ein Auto voll Möbel und Habseligkeiten gerichtet, die ich ihm nachmittags ins Pflegeheim bringe. Sieben Mal treppauf treppab und sein kleines Zimmerchen ist wieder etwas gemütlicher und persönlicher. Gut gehts ihm. Er will wieder Facebookartikel schreiben, sagt er. Schreiben ist Heilung, denke ich. Es strengt zwar an, aber wenn das Blatt bekritzelt ist, die Geschichte raus ist, ist das fast wie ein Haus in Südfrankreich bauen.

Jetzt, jusque au moment. Der letzte Schliff. Zurück in der heimischen Künstlerbude, knöpfe ich mir den Blogartikel vor, diesen hier, den ich morgens begonnen hatte und der was mit Frankfurter Kreuz und Zeitreise, Bauen und Spinnennetz zu tun haben wird. Tippfehler raus und ein paar Ergänzungen et voila. Fehlt nur noch der Titel.

 

 

 

Tief sinken auf hohem Niveau

Einer jener Abende. Einer jener Tage. Eine jener Situationen. Verdammt in den eigenen PC. Virtuell, online, an der Welt teilhabend per Sozialer Medien. Nicht mehr ‚echt‘ existierend dem Leben und einem gelebten Leben hinterher heulend. Lese ich den Tweet eines Freundes, in dem es ums Rauchen geht und wie schlimm die Situation ist, bei Hochwasser, abgeschnitten von der Möglichkeit für Nachschub zu sorgen, keine Chance zu haben, Zigaretten oder sonstwie Rauchbares aufzutreiben.

Auf einem einsamen Gehöft abseits der Welt ist nicht gut Tabak beschaffen, falls man, als sozusagener Ex-Raucher mal Lust hätte auf eine Zigarette. Die Stimmung stimmt. Musik dudelt per Youtube, Sandinista von The Clash, Hitsville und wie sie alle heißen, die tollen Titel aus den frühen 1980er Jahren.

Jetzt eine Zigarette! Der Twitterfreund skizziert ein Szenario, in dem der Tabak alle ist, die Blättchen und die Filter auch und es gibt noch nicht einmal eine Prawda, die man in Stücke fetzen könnte, um sich notdürftig mit einem Rest Tabak, den man eventuell doch noch fände, eine Notkippe zusammen bappen zu können. (Nachtrag, es waren mehrere Twitterinnen an der Rauchlustauslösung beteiligt, namentlich @FrauRettich und @der_emil).

Ich drifte durch den Abend und lasse mich per Mausklick von hie nach da driften. Im Hintergund dudelt immerhin The Clash nach Herzenswunsch, was unweigerlich die Lust auf Tabakkonsum entfacht. Jetzt eine Zigarette! Oh Welt, was tust Du mir an, mich in die Erinnerung (wie es einmal war als rauchender Mensch) knechtend!

Flapsig kommentiere ich dem Freund etwas mit Aschenbecher und dass es doch problemlos möglich wäre, einen Aschenbecher zu fleddern, um Tabak und Rauchbares zu generieren nur für den gelebten Moment.

Idee!

Hey, Moment mal, das könnte ich eventuell wahr machen, denn solch einen Aschenbecher gibt es tatsächlich hier auf dem Gehöft. Kilometerweit vom rettenden Zigarettenautomaten entfernt. Also nix wie weg vom PC und all den Botschaften, die auf mich einprasseln, runter in die echte Welt. Unters Vordach der alten Scheune. Dort steht ein Aschenbecher.

Es regnet. Es regnet seit Tagen. Seit Wochen. Schon immer? Vor Tagen noch saßen wir beisammen, aßen, redeten, tranken, rauchten. Da ist noch was übrig. Bestimmt. Hoffentlich! Es ist diese seltsame Menschseinsstimmung, geworfen ins eigene Sein, das sich um nichts kümmert als um das eigene Sein selbst. Ein egoistischer Akt, der sich vorbeimogelt an den Problemen der Welt die auf einen eindreschen ohne Gnade und der einen sich glücklich fühlen lässt, ohne dass es dafür eine Grund gäbe. Das Clash-Gedudel tut sein Übriges.

Man ist. Ich bin. Und das ist auch gut so (um es mal mit einem ehemaligen Berliner Oberbürgermeister zu sagen). Kurzum, ich drifte durch den Abend, abgekoppelt von der Welt, dennoch Teil davon, was es zwar kompliziert macht, was aber für den gelebten Moment keine besondere Rolle spielt. Was ist der glückliche Mensch so klein und schön, wenn er einfach nur klein und schön sein darf und es sich eingesteht, klein und schön zu sein.

So klettere ich aus meinem Kokon der Künstlerbude weg von dem Sozialen Medien-Gedudel hinaus in die echte Welt. Regen, Regen, Regen. Durch mannigfaltige Löcher im Dach rinnt das Wasser. Es ist nicht anzunehmen, dass das sechzig Jahre alte Dach auf der Künstlerbude noch die zwanzig dreißig Jahre durchhält, die ich womöglich noch auf der Welt sein werde. Das ist mir aber im Moment egal, denn ich habe mir eine abendliche kleinfeinmensch-Mission definiert, in der es darum geht, sowas Ähnliches wie eine rauchbare Zigarette zu schaffen. Aus Nichts. Einzig aus dem, was aus einem vor Tagen vollgedrückten Aschenbecher noch herauszuholen ist.

Der Aschenbecher ist ein schneeweißes Keramikding, das wie ein Würfel aussieht, in dem sich eine Mulde befindet. Ein in die dritte Dimension entronnenes Renault-Symbol, das einst als Werbedingsi geschaffen wurde. Wenn man den Meterstab anlegt, kann man das Dingsi genau definieren und stellt fest, dass es exakt sonundsoviele Zentimeter hoch, breit und lang ist und dass sich darin zwei Mulden befinden, in die man brennende Kippen hineinlegen kann, gemütlich schwofend mit Leuten, einen Abend verbringend. Ein kleiner, eigentlich wertloser Kultgegenstand mit aufgedrucktem  Renault-Markenzeichen. Ich liebe dieses wertlose Ding. Ich besaß einst zwei dieser Renault-Aschenbecher-Würfel, verschenkte aber einen davon an einen Freund, der ein großer Renault-Fan war und der freute sich riesig über das Geschenk.

Gut fünfzehn Jahre her, dass ich ihm den Fan-Aschenbecher schenkte. Ich habe lange nichts von dem Freund gehört. Laut Facebook aber geht es ihm gut und er ist am Leben und er liebt noch immer Renault und ist Fan.

Zurück zu meiner ‚Sucht‘ und dem anderen Freund, der mich mit seiner Twitterei lustig gemacht hat, jetzt und hier ohne Tabak, Filter und Blättchen eine Zigarette zu rauchen.

Was uns Künstlerinnen so besonders macht, ist, aus dem Moment heraus zu agieren. Aus dem Nichts das Etwas zu schaffen. Das Nichts meines jetzigen Moments ist Zigarette. Es gibt keinen Tabak auf dem einsamen Gehöft. Und das ist auch gut so (siehe ehemaliger Berliner OB, sinngemäß). Wenn man in diesem Zustand die Lust verspürt, dennoch eine Zigarette zu rauchen, muss man mächtig in die Trickkiste greifen. Man muss sich über zahlreiche Bedenken hinwegsetzen: Rauchen schadet. Eine Zigarette führt unweigerlich zur nächsten und ruckzuck hängt man wieder am Stengel. Alles erwiesen und oft ausprobiert und bestätigbar, so isses.

Als Künstler, zumindest so einer wie moi même, Herr Irgendlink, der nicht das Glück hat, mit Wumms in den Kunstmarkt einzudringen, weiß man, wie mit gefühltem Mangel umzugehen ist.

Man improvisiert. Und das ist auch gut so.

Also unterm Vordach stehen, Regen beplätschert. Der Himmel dunkelt noch nicht. Diffuses Licht der Sommermonate. Darf ich diese Grenze überschreiten? Ich starre in den Renault-Kubus. Körper Lust auf Tabak. Nur einen Zug wenigstens. Das wärs jetzt. Also fleddere ich den Grund des Würfels und fummele fünf oder sechs Stummel hervor, vielversprechende Überreste eines gelebten Abends. Normalerweise würde ich nun den Tabak heraus fummeln (ich gebe zu, diese Siuation ist nicht neu) und ihn notdürftig von Asche und Schwärze befreien und den gereinigten Stoff in ein frisches Blättchen rollen. Auf Wunsch mit Filter. Perfekter Genuss aus Müll. Ich habe weder Blättchen, noch Filter, noch Tabak. Nicht einmal die aktuelle Prawda.

Obs gesund ist? Welch Frage! Ist es natürlich nicht, aber ich könnte und plötzlich, als ich mir die Finger in all dem Müll beschmutze und es stinkt und ekelt, wird mir bewusst, wie jämmerlich und pervers die ganze Situation ist, wie tief ich auf allerhöchstem Niveau in meiner Wohlstandswelt sinke. Ich könne auch runter zum nächsten Automaten und die Scheckkarte reinstecken und mir ein neues Päckchen Kippen kaufen oder zwei. Oder hundert. Aus den Vollen schöpfen.

Wieviel Prozent meiner Mitmenschen haben die Möglichkeit, einfach so aus dem Vollen zu schöpfen und ist das gerecht?

Ist es nicht und ich sollte aufhören vom Rauchen zu reden oder von Annehmlichkeiten oder vom schönen Leben. Wenn man einen Strich unter die Rechnung ‚Schönes Leben‘ zöge auf dieser Welt – alle Menschen gerechnet, die die gerade sterben, die die gerade geboren werden in Elend oder Glück – was käme wohl dabei heraus? Der primitive Additionsmathematiker in mir mag gar nicht ausrechnen, was dabei heraus käme. Die Billanz wäre katastrophal.

Die Billanz ist katastrophal!

Das muss man sich vor Augen führen, wenn man gefühlsmäßig dazu in der Lage ist. Danach glücklich weiter leben? Ist das möglich? Im Nichtwissen und Nichtwahrhaben wollen, fährt man gewiss besser. Man muss sich als moderner Mensch eigentlich in einer permanenten Selbstverzeihungsschleife befinden, um bestehen zu können, vermute ich.

Unguten Gefühls schreibe ich diesen Artikel. Nicht unglücklich, zum Glück.

Wenn ich bloß die Welt retten könnte, für Glück allüberall zu sorgen, das wärs.

Glücklich sein in der Gewissheit, dass es dazu einen Gegenpart gibt.  Unglück nämlich.

Stichworte im Jetzt. Nachdenkenswertes, das vermutlich zu nichts führt. Ich werde trotzdem weitermachen. Das Ergebnis, unter welcher Rechnung auch immer, bzw. unter meiner eigenen Lebensbilanz, ist noch offen.

Das ist doch auch ein bisschen Glück, oder?

Es hat etwas von Möglichkeit.