Haferflocken, die halbe Miete der Künstlerernährung

Vieruhrfünfunddreißig. Letztes Jahr um diese Zeit wäre ich vermutlich aufgestanden. Runtergeklettert aus dem Hochbett, Kaffeewasser aufgesetzt, ran an den Klapprechner. Letztes Jahr um diese Zeit schrieb ich Radlantix.

Letztes Jahr um diese Zeit hatte ich Kraft. Oder eine Vision wie es weitergehen könnte oder eine Perspektive. Ich konnte mir Dinge vorstellen. Tagesabläufe, Wochen- und Monatsgebäude errichten. Es gab Zukünfte und ich hatte Freude an Vergangenheiten. Vielleicht sind es Zukünfte und Vergangenheiten, die die Gegenwart ausmachen, also die glückliche, gelebte Gegenwart? Glückliche Gegenwart bedeutet vielleicht, dass man auf  Vergangenheiten zurückblickt und sich an ihnen nährt. Dieser Ereignisstrang hier und jener da und wie sie ineinander verwoben sind, fette Beute gelebten Lebens. Und es bedeutet vielleicht, dass man Zukünfte denkt: ich könnte dies oder jenes, in einem längeren oder kürzeren Ereignisstrang zusammengefasst, ein Ziel … welch gar merkwürdiger Morgen, welch merkwürdiges Erwachen, das sich am ehesten als ‚da ist nichts mehr‘ klassifizieren lassen könnte. Ich wälze mich hin und her. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. An Aufstehen auch nicht. Selbst an Denken ist nicht zu denken. Versuche mich zu erinnern an das vergangene Jahr. Kaum ein Fixpunkt. Nichts Besonderes.

Seit Tagen habe ich das Haus nicht mehr verlassen. Es gibt nichts zu tun, also eigentlich gibt es sehr viel zu tun, aber eben, es gibt in diesem Zustand nichts zu tun; kann weder wieder einschlafen, noch den Tag planen, noch über irgendetwas nachdenken. Im Garten wäre viel Arbeit. Zwei Zucchinipflanzen und eine Tomate sind schon draußen und ein paar Zeilen Kartoffeln immerhin. Legst du mich im April, komme ich wann ich will, sagt die Kartoffel, legst du mich im Mai, komme ich glei(ch). Und: Die Kartoffel will die Glocken läuten hören, sprich, nicht zu tief unter die Erde. Die Blätter der Zucccini und der Tomate haben weiße Flecken angesetzt. Mehltau womöglich. Es war unheimlich trocken die letzten Wochen, kaum Morgentau, kein Regen, einmal gab es Nebel, glaube ich. Mehltau sei ein Sommerpilz, der Wärme und Trockenheit liebt. Gestern gelingt es mir irgendwie, eine Sprühflasche mit Seifenlösung anzumischen und die Blätter zu besprühen. Es war eine rechte Überwindung, die Seifenlauge zu mischen. Man sagt, Seifenlauge könne helfen. Das Internet sagt es. Es ist mir egal, ob die Pflanzen durchkommen. Ich bin recht gefühlstaub dieser Tage. Ambitionslos. Nein, eher antriebslos. Absichten schlummern noch in dem kalt gestellten Geist, das weiß ich. Manchmal stelle ich mir vor, ans Nordkap zu radeln. Im Juli könnte das gut passen. Oder mit Frau Soso nach Kihlangi zu fahren und auf dem alten Schmugglerpfad bis zu einer Kaltwasserquelle wandern, von der mir vor vielen Jahren einmal ein Mann erzählte, der im alten Schulhaus in Kihlangi wohnt und eine Art privates Museum betreibt. Eine Bühne voller alter Kettensägen hatte er mir gezeigt, spektakuläre Maschinen mit gigantischen Motoren, russische Modelle, schweres Gerät, ich weiß gar nicht, wie ein Mann alleine so etwas bedienen kann, aber egal, das könnte ich mir vorstellen, mit Frau Soso auf Auto-Wandertour durch ein unter ewigem Sommerhoch liegendes Ostseeküstenschweden.

Am Ehesten bin ich wohl nichts. Ich kann prima Sessel sitzen und starren. Das bereitet zwar keine Freude, aber auch kein Leid. Die Zeit vorbeirauschen sehen und dabei nichts empfinden. Hie und da eine Idee, was man tun könnte, vielleicht aufs Rad steigen und eine Runde drehen. Bloß wozu? Einkaufen gehen? Der Kühlschrank ist leer. Nur noch ein Stück Butter in Helgoland-Form mit waschechter Mini-Langer-Anna, reicht noch für das halbe Brot, das im Brotkasten liegt. Dazu Salz. Oder ein Glas Marmelade. Huch, Samstag ist Feiertag! Wochenende. Ich sollte einkaufen. Das denke ich gegen Morgendämmerung. Noch immer im Bett, schaue nicht auf die Uhr, es könnte halb sechs sein. Ich sollte aufstehen und mich aufs Einkaufengehen vorbereiten, vielleicht einen Blogartikel schreiben, diesen hier, bloß wozu? Ich habe keine Lust. Wälze mich weiter hin und her. Traumbilder, abstrakt. Verrückt.

Kürzlich schrieb mir ein Freund, er stehe nicht mehr auf, was mich bestürzte. Der Freund hat eine schlimme Krankheit. Ich nicht. Aber ich stelle mir trotzdem vor, wie es wäre, liegen zu bleiben. Ich könnte liegen bleiben mit nichts im Kopf und keinen Gefühlen und die Zeit verrinnt, ohne dass man es mitkriegt. Liegt dann irgendwann ein bärtiges, langhaariges, ungewaschenes Wesen mit ewig langen Fingernägeln und Zehennägeln … mindestens das Wochenende könnte ich durchhalten mit Bettnichtverlassen. Ich und mein Stück Brot und meine Butter, die im fast verzehrten Zustand aussieht wie ein Modell der Insel Helgoland mitsamt Langer Anna und Düne. Wasser dazu. Kaffee ohne alles. Spartanisches Künstlerdasein. Es gibt noch Haferflocken. Der Hahn kräht. Ein Rebhuhn gibt laut, Vögel zwitschern. An der fernen Straße erste Motorengeräusche. Als ich den Rechner aufklappe, zeigt die Uhr Fünfuhrvierzig. Ich eröffne den Artikel. Wenn ich schon nichts bin und nichts fühle und mir alles egal ist, kann ich machen was ich nicht beabsichtige und nicht fühle und mir egal ist, also einfach irgendwas. Es tut ja nicht weh. Es ist nur ein bisschen anstrengender, als zu sitzen und zu starren. Musse‘ Tasten quälen. Musse‘ Hirndenken, musse‘ Worte fügen, Alter. Worte ins Internet schreiben um niemanden zu haben, der sie liest oder kaum jemanden, alles ist so beliebig, so egal geworden. Im letzten Jahr kam mächtig etwas abhanden, stelle ich fest. Vermutlich ist die innere Leere deshalb so groß, weil der Verlust so groß war. Man es sich nicht vorstellen möchte, weil es weh täte.

Sechsuhr. Die Glocken läuten in der fernen Stadt. Seichtroter Himmel. Der Künstler will die Glocken läuten hören, die alte Kartoffel, ey!

Im großen Rund des Bundeslandes #UmsLand

Zaghaft schiebt das kleine weiße Händchensymbol die Karte entlang der gestrichelten Linie. Hangelt sich – über als unbewaldetes Land Gekennzeichnetes – entlang hellen Grüns hinüber zu einem Mischwäldchen, folgt dem offenbaren Radweg bis zu einem Dorf namens Langenbach bei Kirburg. Zoomfaktor was-weiß-denn-ich, ziemlich hoch jedenfalls; fast ist es wie echtes Radreisen. Ich erinnere mich an die Gegend. Eine kahle Hochgegend, durchdrungen von abundzuen Wäldchen. Viel Funkmast, Windrad und eine Ansammlung von Industrie, in der ich mich verirre, weil das Radwegeschild fehlt oder ein Laster oder ein Bus just in dem Moment davor steht als ich das fünfzig Kilo schwere Reiserad über die Kreuzung kurbele. Jedenfalls verirrte ich mich und kurbelte einen halben Kilometer in eine Richtung, ehe ich den Fehler bemerkte, umkehrte, in die Gegenrichtung zurück kurbelte. Deutlich ist der Schlenker auf der Karte zu sehen. Manchmal denke ich, Verirrungen sind nur Marker im eigenen Kopf, damit man sich besser an Situationen erinnert.

In der Tat sind Verirrungen auf Fernradwegen unvermutet oft auf das temporäre Verdecktsein der Hinweisschilder durch Reisebusse oder LKW zurückzuführen. Einmal verpasste ich die Abzweigung der Schweizer Radroute 53 am Bözberg im Aargau, weil ein Baustellenfahrzeug vor dem Hinweisschild stand. Arglos kurbelte ich bergauf, bis die Strecke so steil war, dass ich absteigen und schieben musste. Erst an der nächsten Kreuzung, an der partout kein Hinweisschild zu finden war, dämmerte mir, dass ich die Abzweigung verpasst hatte.

Kartenausschnitt mit darüber liegendem Popup eines Bilds, das ein Verbotsschild hinter engmaschigem Drahtzaun zeigt.
Kartenausschnitt Rheinland-Pfalz-Radroute

Das Händchensymbol, das der Mauszeiger annimmt, wenn man die Landkarte anpackt und verschiebt, um gedanklich vorwärts zu kommen, ist mir dieser Tage ein treuer Begleiter geworden. Langsam kommt ein grüner Bömpel, also ein Bildmarkierungspunkt ins Bild. Ich klicke. Ein Bild poppt auf, das ein Verbotsschild zeigt, das sich hinter einem engmaschigen Gitterzaun verbirgt. Durchgang Verboten ist da zu lesen. Ha! Das passt. Es gibt keine Wege mehr in dieser Welt. Es gibt nur noch PCs und Virtuelles. Tausend Tasten und Monitore und Mäuse und dahinter Tausend Bytes.

Oder ein paar mehr. Der Künstlerberuf liegt ganz schön auf Eis, diagnostiziere ich. Die Rheinland-Pfalz-Umrundung unter dem Hashtag #UmsLand im letzten Sommer war das Letzte, was ich beruflich gemacht habe. Seither herrscht Stillstand. Scharren mit den Hufen auf der Stelle. Ein ewiges Wetzen unruhigen Stillstehens, so dass man sich vorkommt wie ein grübelnder Dagobert Duck, kreislaufend, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

Der Beruf. Ach. Es ist kompliziert. In der Not gab es tatsächlich noch einige  Projekte in den letzten Monaten, mit denen ich Körper und Gemüt beschäftigen konnte. Fernab des ‚Kerngeschäfts‘: reisen und darüber berichten. Zwei sind noch in der Mache. Der Passfälscher ist an einem Punkt angelangt, an dem es virtuell nicht mehr weiter geht, an dem klar ist, dass ich nun hinaus muss in die Welt und das Blogprojekt live zu Ende bringen muss. Es geht nicht ohne echte Welt, stelle ich fest.

Das andere, gerade laufende Projekt ist ein ‚bauesoterischer‘ Roman, der sich zu meinem Erstaunen ganz anders entwickelt als gedacht. Zu Beginn des Literaturprojekts liebäugelte ich damit, eine Art Nichtkrimi im Stil von Flann O’Brians ‚Der dritte Polizist‘ zu schreiben. Stellte während des Schreibens fest, dass die Sache womöglich in einen banalen Regionalkrimi abdriften könnte, was mir gar nicht gefiel. Nicht noch so ein Zeugs, davon gibt es genug. Später nahm die Sache Züge an, die mich an Burroughs‘ Naked Lunch denken ließen. Kurzum, ich habe mich mit dem Buchprojekt hoffnungslos verirrt und es wird wohl nie den Blogstatus verlassen. Mir fehlt die ‚Stimme‘. Bzw. sie ist da, das spüre ich, das Schreiben geht mir virtuos von der Hand, so muss sich Musizieren anfühlen: es tun, es vergehen lassen, während des Tuns genießen, nicht darüber nachdenken. Schreiben ohne Absicht auf Basis einer Struktur, die schon von Anbeginn in einem steckt. Ich könnte mir vorstellen, dass Circulum Verticalis, so das Label meines bauesoterischen Romans, einmal ein gutes Buch wird, aber vielleicht bin nicht ich derjenige, der es zu Ende bringt.

Eigentlich war geplant, das Projekt Mitte April, also heute, vom Tisch zu haben. Ich hinke hoffnungslos hinterher, habe wohl etwa ein Viertel der Geschichte in Rohform gebracht. Allesamt privat gestellte Blogartikel. Ein echtes Buch daraus zu machen, ist das Ziel. Es scheint mir unendlich weit weg.

Wenn ich nur langsam genug bin mit meinem kleinen Mauspatschehändchen und die Karte in Zeitlupe entlang der gestrichelten Linie ziehe, brauche ich im Rund des Bundeslands vielleicht so lange, dass ich, wenn ich diese Stelle wieder erreiche, in ein zwei Wochen, Monaten oder Jahren, vergessen habe, was sich hier befindet oder ich entdecke neue Details, die mir bisher entgangen sind? Welch hanebüchene Kunstbübchendenke! Ha! Tatsache ist, dass ich mich sehr genau an die in echt bereiste Strecke erinnere, weil ich die Strecke nämlich schon zweimal bereiste. Einmal so ‚rum, einmal anders ‚rum. Dazwischen liegen drei Jahre. Nach der ersten Reise mit dem Patschehändchen der eigenen Maus auf der Landkarte, erinnere ich mich, erinnerte ich mich nicht so gut an die Gegend wie sie in echt ist, aber nun, nach der Auffrischung liegt das große Rund des Bundeslands Rheinland-Pfalz klar und deutlich vor mir. Ich weiß, wo die Strecke steil ist, wo es über Waldwege holpert oder entlang stinkender Bundesstraßen und wo die ‚Zonas de Descanza‘ (Link zu Radlantix/ZwAnd2020 einfügen) in Form von Bahntrassenradwegen verlaufen.

Ist fast wie Impfen. Auffrischung.

Verflixt, jetzt isses doch ins Blog gelangt, das längste aller kollektiven medialen Dauerthemen. Der Kalte Krieg war ein Klacks gegen diese Pandemie. Nie fühlte sich das Leben endzeitlicher an, für mich persönlich. Die gefühlsmäßigen Parallelen zum Kalten Krieg vor fast vierzig Jahren sind ähnlich. Die Psyche, so spüre ich, tickt ähnlich. Problematischer Weise ist der Körper schon so angeschlagen, dass er das Ganze nicht mehr so einfach wegsteckt wie damals. Aber ja, die unterschwellige Dauerpanik, die Perspektivlosigkeit, ich erhalte gerade eine Art Auffrischung von Endzeit, vielleicht. Was hat dieser Gedanke nun in diesem Blogartikel zu suchen? Eigentlich wollte ich das Thema Pandemie ja ausklammern und mit mir selbst ausmachen, aber nun … ja, Endzeit, das ist der Anker und was es für uns Künstlerinnen und Künstler bedeutet und natürlich für alle anderen Menschen auch: Das Gespür für zu knappe Zeit. Für dahin rinnendes Leben. Das nahende eigene Ende ist sicher nicht das Ende der Welt, sonst wäre längst alles geendet weil seit jeher Menschen apokalyptische Gedanken hegten und immer schreckliches passierte, wovon sich der Erdenlauf aber auch mit all seinen Wesen wieder erholte … das eigene kleine Ding retten und sich ins weite Feld jenseits der Struktur begeben.

Inhalt, Inhalt, Inhalt, um es einmal auf die Blog- und Selbstdokumentationsebene zu bringen. Die Zeit wird nicht reichen, die Dinge, die mir vorschweben, sei es nur ein bauesoterischer Roman, so zu fügen, dass sie eine mir gefällige Form annehmen. Ich muss jedem Versuch widerstehen, mich um eine Form zu kümmern, bevor ich nicht den Inhalt, der seit Jahrzehnten in meinem Hirn wächst, sichtbar gemacht habe.

Doch das nur als Randgedanke.

 

Landkarte mit viel Grün und einer rötlichen gestrichelten Linie, auf der ein Bildfenster aufpoppt, das einen großen neben einem kleinen Bagger zeigt.
Kartenausschnitt Rheinland-Pfalz-Radroute

Unheimlich langsam und konzentriert schiebt sich die kleine weiße Patschehand südwärts auf der Landkarte bis nach Nisterberg, klickt den grünen Marker und siehe, ein kleiner Bagger steht wie Piggeldi neben einem großen Bagger wie Frederick.

Verzicht

Es kommt selten vor, dass ich den Titel eines Blogartikels zuerst schreibe und dann den Text. Nachmittags schrieb ich: Verzicht. Der Tag galoppierte dahin. Mir wollte kein erster Satz einfallen. Bzw. morgens, während meiner Fahrt zur Assistenz zu Journalist F., hatte ich etliche Ideen für den Artikel und es gab ziemlich viele gute Satzfetzen, die allesamt im Nirvana meines Hirns verschwanden, irgendwo vergessen auf der A Namenlos rings ums Neunkircher Kreuz. Dementiert zwischen zwei Lastkraftwagen auf dem Weg zum Ziel.

Bevor ich mit dem Schreiben loslege, musste ich erst noch alles was wegfliegen kann auf dem einsamen Gehöft dingfest machen und alles was nasswerden kann unters Dach oder unter Planen packen. Die Wetterapp warnte vor Sturm und Regen. So verging der Tag und es ward Nacht.

Nun finde ich diesen Artikel, also eigentlich nur den Titel des Artikels und der erste Gedanke, der mir kam war, hey, bei dem Titel braucht es eigentlich gar keinen Text. Verzicht. Das Wort steht doch für sich alleine.

Warum ich nun doch diese Zeilen schreibe und damit einen ziemlich avantgardistischen, minimalistischen, künstlerisch hochwertigen Nichtartikel verderbe? Ich weiß es nicht. Ich bin nun mal eine kleine Plaudertasche.

Nachtrag: Beim Speichern des Artikels bemerke ich, dass es schon einmal einen Artikel mit dem Titel Verzicht in diesem Blog gab.

 

Die Welt gerade rücken

Ein feines Grün hat die Liebste da gemischt, matte Acrylfarbe auf Holzplatte als Untergrund für eine Collage, die wir gemeinsam gestalten wollen. Derweil ich schon am Schnippeln bin und erste Ideen kommen, was mit wem wie kombiniert ganz gut aussähe. Ein paar Buchstaben wie in einem dilettantischen Erpresserbrief sind auch unter den Schnipseln. Sogar ganze Worte wie Horizont, Welt, Fokus, Glück und ein ganzer Satz: Schön, dass es dich gibt. Dazu eine halbe Gitarre, etwas verstümmelt, zwei Streichholzschachteln, ein Plüschhundemotiv, eine lachende Frau mit Gipsbein auf Rollstuhl und eine komplette Ritterburg.

All die Fetzen drappieren wir auf der frisch gepinselten Holzplatte an einem Sonntag vor vier Wochen. Hadern mit dem Festkleben. Das lassen wir mal über Nacht liegen. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Doch am nächsten Tag ist wie immer die Zeit so elend knapp, dass die Liebste schon bald ins Auto steigt und heim fährt. Unvollendet und lose liegt das Kunstwerk in Spe bis die Liebste letztes Wochenende wiederkehrt.

Doch statt endlich zu kleben, gibt es anderes zu tun und die Zeit rennt elendiglich. Sonntag schüttelt die Liebste das Tischtuch aus dem Fenster. Das kann man hier auf dem einsamen Gehöft ganz ohne Scham tun. Aber der Wind. Bläst die ganzen Collagenschnipsel vom grünen Brett, so dass ich sie mühsam aufsammele. Derweil die Liebste schon wieder unterwegs ist und es wieder nichts geworden ist mit dem Kleben. Ich lege das Plüschhundi neben die lachende Gipsbeinerin und gebe ihnen die verstümmelte Gitarre bei. Die Ritterburg unten direkt neben dem Wort Horizont und das Wort Welt rücke ich genau in die Bildmitte, jaja, die Welt gerade rücken, denke ich, das muss manchmal sein und wer, wenn nicht wir könnte das tun?

Mein unsortiert chaotisches Neuschwanstein-Puzzle ohne alle Teile

Eine Nacht wie mit der Axt gespalten. Zwei Uhr fünfundfünfzig wach. Kommt davon, wenn man um zehn Uhr schon ins Bett geht. Nachdem ich eine Weile hadernd hin und her wälzend verbracht hatte, stehe ich auf und schreibe. Schließlich bezahlt man mich dafür. Ein weiterer Baustein fürs Passfälscher-Projekt. Das ist ein ziemliches Flickwerk mittlerweile; aus Entwürfen, Unkorrigiertem, zu Verwerfendem und Weiterzudenkendem. Dennoch macht es Freude. Ich gewöhne mich langsam an die Unordnung, die ich früher beim Schreiben nie leiden konnte. Alles musste linear sein, eins aufs andere aufbauen. Die Puzzle-Technik mit verschiedenen Projekten in Arbeit praktiziere ich erst seit ein paar Monaten. Manchmal denke ich, ach, Irgendlink, pack doch alles offen und frei zugänglich in dieses eine Blog hier und überlasse es dem Universum. Kümmere dich nicht ums Formen, Korrigieren, Zurechtrücken. Mein unsortiert chaotisches Neuschwanstein-Puzzle ohne alle Teile läge ausgebreitet auf einem Tisch. Dazwischen Alltägliches, Werkzeug, Nichtdazugehörendes, Essensreste, ungespültes Geschirr. Was für ein Bild. Hier ein Fetzen bauesoterischer Krimi (bzw. Nichtkrimi), da der Passfälscherbausatz und irgendwo dazwischen schon weitgehend zusammengefügt die alten linearen Reiseblogprojekte. Letztere sind in der Tat fast alle in diesem Blog gelistet, liegen zwischen Unsortiertem klar erkennbar auf meinem Puzzletisch.

Nachdem ich den Text gehackt hatte, der so eine Art Nexus werden soll zu einer zweiten Phase Passfälscher, war die Kälte bis in den Kern des Körpers vorgedrungen. Ich hatte kein Feuer im Ofen. Die Wohnungstemperatur liegt nachts bei 14 Grad, was nach dem sattkalten Winter zum Glück nicht so sehr schmerzt. Dennoch war ich gegen fünf Uhr völlig durchfroren, kroch zurück ins Hochbett und schlief zusammengerollt wie eine Katze wieder ein.

Nun wachzwitschern die Vögel. Ein weiterer guter, frühlinghafter Tag beginnt. Ich werde dem Freund Journalist F. wieder assistieren, einkaufen, Wäsche und solche alltäglichen Dinge.