Offene Ateliers RLP 2026

Eine komplexe Hängung von etwa 30 gerahmten, unterschidelich großen Collagenbildern an einer weißen Atelierwand

Im Herbst 2026 (19. und 20. September) nimmt das Atelier Rinck an den Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz teil und präsentiert neue Arbeiten und Kunstkonzepte, sowie gemeinsame Arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen. Neben Collagen und Fotografien zeigen wir Fotos, Serien, Objekte und Kuriositäten. Mindestens ein Künstler (moi même) ist anwesend :-).

Die Schau baut auf auf der kürzlich in der Galerie Beck gezeigten Retrospektive 30 Jahre Irgendlink (unter dem Titel „Ich sah, Rad und schriebte“). Was in der Retrospektive unvollendet war, wurde fortgeführt und bleibt ein kleines bisschen weniger, aber immer noch unvollendet: der Künstler in Bewegung auf seinem Weg durch Raum und Zeit.

Samstags Open End – Gäste aus der Ferne: Kontaktiert mich, um Übernachtungsmöglichkeiten zu koordinieren. Gäste aus der Nähe: Kommt einfach. Ich freue mich.

Samstag 19. 09.  und Sonntag 20. 09. 2026 ab 14 Uhr

Blick durch die spiegelnde Scheibe auf ein Schattenreich iluminiertes Atelier in warmem Farbton. Ein Mann steht neben einer Leiter und einem Staubsauger und bestaunt eine Wand mit etwa dreißig unterschiedlich großen Bildern in Petersburger Hängung.
Herr Irgendlink beäugt in Situ nach getaner Arbeit die „Petersburger Hängung“ einer Serie von Collagen (Foto: Denise Maurer).

Rings um Zweibrücken geöffnet sind an diesem zweiten Wochenende der Aktion Offene Ateliers RLP auch das Atelier Lebong in Homburg Erbach und das Atelier Köcher in Bexbach. In Rosenkopf ist das Atelier von Artur Bozem am ersten Wochenende geöffnet.

Alle beteiligten Ateliers findest Du unter

www.offene-ateliers-bbkrlp.de

An den beiden Wochenenden des 12./13. und 19./20. September öffnen zahlreiche Künstler:innen in ganz Rheinland-Pfalz ihre Ateliertüren. Sie laden herzlich dazu ein, einen unmittelbaren Einblick in ihre Arbeitswelt zu gewinnen, aktuelle Werke zu entdecken, ungewohnte Perspektiven kennenzulernen und sich über Kunst direkt an ihren Entstehungsorten auszutauschen.

Die Offenen Ateliers bieten eine wunderbare Gelegenheit, Kunst hautnah zu erleben, mit Kunstschaffenden ins Gespräch zu kommen und dabei vielleicht auch das eine oder andere besondere Werk für sich zu entdecken. Viele Ateliers überraschen zudem mit individuellen Rahmenprogrammen oder Gastkünstler:innen – lassen Sie sich inspirieren!

Ankündigung des neuen Moorlander-Kalenders und Offenes Atelier

Eine Eisenbahnschiene endet abrupt im Teer der Straße. Über einen Zebrastreifen führt sie auf grüne Flächen hinzu, die sich vertrocknet vor einem düsteren Himmel mit gigantischer Turmwolke verlieren. Hinter der Wolke zeichnet sich ein Sonnenaufgang ab.

Die übliche Herbst-Turbulenz hatte früh begonnen in diesem Jahr. So ist etwa der neue Moorlander-Kalender für 2027 schon so gut wie hier im Lager. Sollte eigentlich gestern eingetroffen sein, wird hoffentlich bis spätestens nächsten Mittwoch eintreffen. Hier kannst Du ihn anschauen und bestellen. Wie üblich ist er für Frühkaufende bis Ende September im Sonderangebot für 14,90 Euro zzgl. Versandkosten.

Eine Eisenbahnschiene endet abrupt im Teer der Straße. Über einen Zebrastreifen führt sie auf grüne Flächen hinzu, die sich vertrocknet vor einem düsteren Himmel mit gigantischer Turmwolke verlieren. Hinter der Wolke zeichnet sich ein Sonnenaufgang ab.

Auch beim offenen Atelier am 19. und 20. September wird es den Kalender in echt und zum Durchblättern und Anfassen und Mitnehmen geben.

Zum Atelierfest gibts in Kürze mehr Information. Ich zeige neue Arbeiten und Konzepte auf Basis meiner im Frühling gezeigten Retrospektive in der Galerie Beck. So bin ich etwa einen Schritt weiter beim damals noch nicht reifen Projekt „Akte Irgendlink – eine Autobiografie“.

Das Atelier ist samstags und sonntags nachmittags geöffnet und steht unter dem Motto „Konst och Loppis“. Ich werde ein schwedisches (Spät)sommercafé einrichten mit Schirmchen, Kuchen, Sitzgelegenheiten, viel Kunst und vielleicht auch ein bisschen Zeug, das sich in den Arterien des einsamen Gehöfts abgelagert hat.

Samstags abends wird, wenn es die Dürre erlaubt, gegrillt. Von fern Anreisende können im Garten zelten oder im Atelier auf einem der Gästebetten schlafen. Bitte sag mir Bescheid, wenn Du das tun möchtest.

Und Schlaf nach Gutdünken

Erkenntnis gestern beim Rumgeistern im Atelier: Der Weg der Anderen, von dem ich ja schon sehr lange weiß, dass er nicht meiner ist, kann gegangen werden und ich bin ihn auch oft genug gegangen. Es fiel mir kein eigener Weg ein, der gangbar wäre. Stehenbleiben ist auf Dauer keine Option. Dass es einen eigenen Weg gibt, ist zwar nicht bewiesen, aber ich glaube daran. Wie also finde ich ihn?

Ganz einfach: Der eigene Weg kommt zu dir. Du kannst ihn nicht erzwingen, nicht herbei zaubern. Du kannst ihn nicht parallel zum Weg der Anderen erschaffen, ihn pflastern und nutzen. Er ist unsichtbar immer vorhanden, bloß wo? Das kleine Teufelchen versteckt sich wie eine Ameisenkolonie, die unter den Fundamenten deines Hauses einen Staat errichtet hat und einmal im Jahr durch Ritzen in die Küche kommt zum Plündern.

Meine Arbeit ist Tanz geworden. Zwischen Aufräumen und Entrümpeln kreiere ich neue Kunstwerke und nehme dabei keine Rücksicht auf allfällige Dilletanz. Weiter weiter weiter. Es ist wie Radfahren: Wenn es nicht schnell geht, geht es eben langsam und im Notfall musst du schieben, aber jeder Meter Artist in Motion bringt dich ein Stück weiter.

Selbst die Ruhepausen, die ich im von Journalist F. geerbten Ledersessel verbringe und von dem aus ich mein Tagwerk bestaune, sind produktiv. Dann bewegt sich zwar nicht der Körper, dann hängt sich kein Bild, dann drappiert sich kein Objekt, aber das Hirn geht auf Wanderschaft. Ich schlürfe Kaffee, schlürfe Saft. Durch die Tür an der Südwand strömt ein heißer Wind. Ich sollte sie schließen. Jetzt nicht, Junge, Mañana murmele ich jack-kerouacesque, Mañana. Jetzt ist Ruhe. Das Hirn schreibt Artikelbeschreibungen für den Online-Shop und es terminiert ein bisschen vor sich hin, dann und dann das und das fertig, aber gemach, Junge. Das Hirn tut das ohne Zwang und aus freien Stücken.

Das Hirn ist gändig. Es treibt mich nicht an, setzt mich nicht unter Druck, so wie früher. Ach und was war das früher für ein nervenaufreibender Stress mit Ausstellungen, weil alles an einem zerrt und man müsste ja die Presse informieren und diesen und jenen auf die Einladungsliste setzen und dann einen riesigen Verteiler bedienen. Nein! So nicht. Mein Weg ist ein anderer. Während ich arbeite und mir Gegenstände zwischen die Finger kommen, die mit Erinnerungen geladen sind, fallen mir auch die Menschen ein, die hinter den Gegenständen stehen. Das ist der Moment, in denen ich diese Menschen kontaktiere. Eine Mail schreibe und zum Atelierfest einlade, persönlich und an die jeweilige Erinnerung geknüpft, die stark im Strom der Zeit treibt. Jetzt lade ich Freund XY ein, hab ich seinen Signalkontakt? Von weit kommt er, ich schreibe, wenn er vorbei schauen möchte, kann er ja ein paar Tage bleiben und sich neben der Kunst auch die Gegend anschauen. Im Garten zelten oder im Atelier auf dem Gästebett leben.

Und jetzt treffe ich gleich Freundin S. mit dem abben Bein. Dann hole ich sie mal ab ins Atelier. Zack geht der Körper aus dem Pausenmodus und ich setze eine Idee zur Verbesserung der Barrierefreiheit um. Schnell ist eine Rampe gebaut für diese eine Treppenstufe, die es zu überwinden gilt. Zwischendurch noch ein Objekt gestaltet, ein Bild gehängt, etwas repariert.

Und Schlaf nach Gutdünken.

Jaja, so muss das. Ganzheitlich irgendwie; die Blogbeiträge laufen auch nebenbei; sie gehören dazu und wartet erst einmal, wenn ich die uralte Schreibmaschine auspacke, was ich damit für tolle Dinge anstellen kann.

Ich muss Kohlepapier kaufen.

Der Kempf’sche Waldbrand und die Irgendlink’schen Reliquien eines Europenners

Ich habe den unendlich bequemen alten Ledersessel, den ich von Journalist F. geerbt hatte, im Atelier an der Frontwand aufgestellt. Hin und wieder, wenn eine Pause nötig ist, setze ich mich hinein, ruhe und lausche der Musik, die auf der antiken Stereoanlage dudelt. Alles hier drin ist käuflich, dachte ich. Alles muss raus … nein, falsch, raus muss hier gar nichts, aber alles ist Produkt. Alles kriegt eine Nummer und einen Preis und es wird im Shop gelistet werden. Tausende eigene und fremde Kunstwerke sind in dem etwa 100 Quadratmeter großen Raum versammelt, der einmal ein Rinderstall war. Nun fällt das merklich herbstlich werdende Licht des noch immer wuchtigen Sommers durch die Südfenster und akzentuiert mal hie, mal da ein Kunstwerk. Die Flasche „Waldbrand 2014“ der Brüder Kempf (auf der Seite bissel runterscrollen) steht auf einem der Lautsprecher. Als subkultureller Künstler ist man nicht einfach Produzent und Umsetzer eigener Ideen, sondern automatisch auch Kunstsammler. Schätze liegen hier rum. Die Kempfs waren ihrer Zeit voraus, denke ich, recherchiere im Netz und werde fündig – die Installation im Link ist allerdings von 2018.

Die Idee der Installation „Waldbrand“ basiert zuerst auf einem eher witzigen Wortspiel, das die Doppeldeutigkeit des Begriffes Brand zunutze macht.

Warum steht auf meiner Flasche 2014? Sie war Teil einer Performance, die am 6. 12. 2014 stattfand, steht hinten drauf. In meinen Besitz gelangte sie durch Schenkung, glaube ich. Ich hatte beim Galeristen etwas gut und er zahlte in Kunst. So war das glaube ich.

Eine Ecke im Atelier ist Journalist F. gewidmet. Nachdem ich seine Kunstsammlung vor der Vernichtung gerettet hatte und die Erbin sie nicht wollte, hatte ich sie in Kisten eingelagert. Den „Fliegenden Holländer“, ein Ölschinken, habe ich mal probeweise gehängt. Aber er ist zu wuchtig. Übers Gästebett hängen will ich ihn allerdings auch nicht. Das bringt womöglich Unglück, weil der Holländer auch über Journalist F.s Pflegebett hing. Ich bin manchmal etwas komisch mit den Gedanken.

Früh dran bin ich mit dem Cleansweepen des Ateliers. Noch über einen Monat Zeit bis zum Tag der offenen Tür. Ich habe aber auch viel vor. Die Räumaktion ist Teil meines „Rückbaus“. Mich selbst rückbauen. Mein Künstlerleben auf elegante Weise sortieren. Altes revue passieren lassen, meinen Frieden machen. Ich weiß nicht. Es fühlt sich gut an. Auch das vermehrte Bloggen der letzten Tage ist gut und wichtig und Teil des Aufräumens.

Da sitzt ein zufriedener Mensch auf dem alten Ledersessel und schaut in sein Leben und der Blick streift das Leben vieler Kolleginnen und Kollegen, denen er einmal begegnete.

Der erste Blick ins Atelier ist ungemein wichtig. Wenn du zur Tür rein kommst, muss da etwas Ungewöhnliches den Besucher, die Besucherin abholen, ihn oder sie hineinsaugen und Lust machen, zu stöbern. Ich versuche es mit der Postkarteninstallation, die in einem Duschvorhang aus Klarsichtfolie präsentiert wird. So kann man Vorder- und Rückseite beschauen, wenn man möchte. Hänge die Installation an der rostigen Eisenschiene auf, die einst den Greifarm für den Mist führte, der von den Rindern abgesondert wurde. Wieviele Tonnen Kuhdung wohl in den 16 Jahren, in denen der Hof als Bauernhof diente, in meinem Atelier angefallen sind? Könnte man damit einen Haufen so hoch wie der Potzberg bauen? Wieviele Rinder wurden hier großgezogen, geschlachtet, verwurstet und gegessen. Der Raum trieft vor Blut. Und wie ich über den Misthaufen nachdenke, fällt mir die örtliche Mülldeponie ein. Ein riesiges Areal, gleich hier um die Ecke, das in einem idyllischen Tal gelegen ist. Nein war, denn in den zwanzig Jahren, in denen ich nun schon in der Gegend wohne, wurde das Tal zugeschüttet und mehr noch, es entstand ein kleiner Berg. Es ist eine Asbestmülldeponie. Unter anderem. LKW aus aller Welt fuhren hier vor.

Zurück ins Atelier. Also die Postkarteninstallation kann so nicht bleiben, sind wir uns da einig?, sinniere ich murmelnd. Egal wie ich sie hänge. Die der Sonnen zugewandte Seite spiegelt zu arg und die abgewandte Seite ist schwer anzuschauen wegen der Gegenlichtsituation. Der Duschvorhang muss eher da hinten zum Postkartentischchen, denke ich und den Holländer hänge ich vielleicht über die Tür?

Inspiriert durch die Kempfs mit ihrem Waldbrand lege ich meine Reifenstücke, die Reliquien eines Europenners als Installation auf den Boden. Mitten in den Raum. Es sind noch etwa dreißig Exemplare der kleingeschnittenen, auf Holztafeln geschraubten, abgefahrenen Hinterreifen der Reisen rund um die Nordsee (2012) und zum Nordkap (2015) vorhanden. Einst waren sie Dankes-Kunstwerke für die Unterstützerinnen und Unterstützer der Liveblogprojekte.

Dass meine Kunst ephemer ist, also stattfindet und spurlos verschwindet, weil es künstlerisch dokumentierte Reisen sind, stimmt gar nicht, wird mir bewusst. Spuren sind immer und überall und man muss sie nur lesen. Jaja, ich glaube, mein Atelier ist ein Buch geworden und hey, wenn wir schon übers Verschwinden nachgrübeln – ich hocke Kinn reibend noch immer im Ledersessel – da wo die Postkarten jetzt hängen, hänge ich das alte Reiseradel auf. Mehr noch, es wird ein Kunstwerk. Jemand der oder die schlau ist, kann es kaufen und später, wenn ich tot bin bei einem Kunstauktionshaus versteigern. Wenn schon Elvis‘ Unterhose Millioen bringt, wie ist das dann erst mit einem Reiseradel, das zum Nordkap und nach Gibraltar und rund um die Nordsee gesteuert wurde und als mobiles Blogbüro diente? Ich komme ins Schwärmen, jaja, das mache ich wahr: Ich stopfe die Radeltaschen mit Papier aus und hänge das Ding an die Mistschiene so wie es in echt, in Reise-Situ aussieht, das ist erst schon mal ein wunderbarer Hingucker, dem das Gegenlicht nicht schadet. Mit Alles! Ungeputzt und mit Dreck und mein Hirn surrt plötzlich, schließlich bin ich Konzepter: Teil des Produkts ist dessen Auslieferung. Wenn jemand das Radel kauft, kriegt er oder sie eine Liveblog-Tour gratis dazu. Ich werde mir zehn Tage Zeit nehmen und mit dem Radel zum Empfänger, zur Empfängerin radeln, darüber bloggen, filmen und Ton aufzeichnen ganz wie früher in Echtzeit und wenn ich am Ziel bin, fahre ich per Zug nur mit dem was ich am Leib trage wieder Heim. Radel und Gepäck und alle Daten bleiben beim Kunstsammler, bei der Kunstsammlerin. Schon preise ich aus: 2000 Euro? Nee, zu billig, wenn da noch zehn Tage Liveblogarbeit daran hängen. Da ist ja die Summe der Tagessätze schon mehr wert. Ganz zu schweigen von den Spesen … 5000, oder besser 4999, das klingt mehr nach Schnäppchen? Ach komm, ich machs fünfstellig und reduziere den Preis dauerhaft im Blog. Ich Fuchs, ich gewiefter kleiner Kunstfuchs, ich,

Okay, ich höre nun mal auf mit dem Blogartikel. Ich finde, er müsste überarbeitet werden. Normalerweise würde er als „privat“ im Blog landen, aber ich übe mich ein bisschen, in die ungenierte gute alte Liveschreibe zurück zu finden.

Das Atelier ist am 19. und 20. September 2026 geöffnet. Kommt alle! https://www.offene-ateliers-bbkrlp.de/alle-ateliers-2026 (Suchwort irgendlink).

Langstreckenwille v. Kurzstreckenwille

Die Nacht war löchrig, ich dennoch schläfrig genug, um wieder wegzudämmern. Der Mond schon nur noch halb oder gar weniger, merklich kühler draußen, obschon immer noch zu warm. Gegen Morgendämmerung hatte ich wieder den Impuls, mich aufs Radel zu setzen und drauf los zu radeln. Alleine, es fehlt das Ziel.

Ich muss beginnen zu unterscheiden zwischen Langstreckenwillen und Kurzstreckenwillen, denke ich; da klingelt was. Drei Jahre her als Freund Journalist F. im Koma lag und ich die schwere Aufgabe hatte, für ihn seinen medizinischen Willen durchzusetzen. Ich glaube, damals gab es zwei oder mehr Irgendlinks, die miteinander zeterten, zweifelten, erratierten, und zudem nach Außen mit einer vierköpfigen Ethik-Kommision debattierten. Gestern Abend saß ich mit der Mutter im Garten und da kam es wieder hoch, das damals, weil wir uns über das Ende unterhielten, das unweigerlich kommen wird und wie wir, besser gesagt wie sie sich das für sich vorstellte und ich dachte, ja, da müsste ich oder wer auch immer als Entscheidende oder Entscheidender vorne steht für den Fall, der hoffentlich niemals eintritt, ähnlich herangehen. Nüchtern, funktionierend, eigene Emotionen hintanstellend.

Wie sie mir gegenübersaßen, die Ethikleute, Chefarzt, Oberärztin, Pfarrer und Schlichter obschon wir in einer Runde saßen im kleinen Büro des Chefarztes und ich dennoch nur Gegenübers sah, in deren Kern der Chef stand, der mich immer wieder manipulieren wollte, dass doch alles prima gelaufen sei mit der OP und der jede meiner Fragen ignorierte oder abblockte, weil er nicht spekulieren wolle. Ob es andere Fälle gäbe, in denen das „so“ verlaufen wäre wie mit Journalist F. zum Beispiel. Darüber könne er nichts sagen. Mit „so“ meinte ich, das Herz schlägt, aber der Mensch liegt im Koma, wird und wird nicht wach und das hat der Chefarzt gewiss verstanden und ich dünkele, er muss eine Statistik haben, in der er genau sehen kann, der und der erwachte, die und die dämmerte dahin, andere sind gestorben und Journalist F. wäre im Kuchendiagramm bei denen, die im Koma sind und was passierte denn mit denen, wurden die je wieder wach oder liegen sie wo rum. So hatte ich die Frage zwar nicht gestellt. Aber gedacht und ich denke, er wusste auch genau, was ich meine und was ich wissen will und ich unterstelle ihm, dass er die Information absichtlich verweigerte. Es muss doch eine Erfahrung geben? Die Operationen dieser Art werden doch routinemäßig gemacht. Wie viele Menschen gingen „repariert“ daraus hervor, wie viele lagen soundso lange im Koma, wie viele tun das noch immer? Der Chef und ich waren nie Freunde. Der Schlichter schlichtete, die Oberärztin tat mir leid unterm herrischen Druck des Chefs und der Pfarrer seelsorgte zwischen den Zeilen, während ein paar Flure weiter Journalist F. an den Maschinen hing. Irgendwann redete nur noch die Kommision. Teils Dinge, die ich aus Fachwortunkenntnis nicht verstand. Es schimmerte durch, dass ich etwas unterschreiben solle, damit sie Journalist F. loswerden könnten, das Bett frei würde, er komatös in eine Frühreha gebracht würde. Sie debattierten ruhig, bis sie nach gefühlt endloser Zeit feststellten, dass ich nicht mehr mitredete. Da wurde mir die Macht des Schweigens bewusst und wie unheimlich es auf die Mitmenschen wirken kann und ich wurde mir ein kleines Bisschen meiner Selbst bewusst. Wie ich durchs Leben gehe und wie ich wegen meines still seins die Menschen offenbar verunsichere. Schon in der Grundschule bemerkte die Lehrerinnenschaft bei Elternsprechtagen regelmäßig, dass ich zu still sei. Unheimlich still! Ein großer Schweiger nannte mich der Musik- und Sportlehrer einmal.

Beklommen schauten sie mich an und der Schlichter sagte, ich glaube fast wörtlich, Sie sagen ja gar nichts, was meinen sie dazu und ich räusperte mich, ich habe alles gesagt und es gibt dem nichts hinzuzufügen. Dann raunten sie miteinander und es fiel der Satz, dann läuft es auf einen Rechtstreit hinaus. Ich sagte nichts.

Wir fünf hatten uns über zwei drei Wochen mehrfach getroffen zu einem Gespräch. Im Grunde, das ist bis heute geblieben und das ist mein Ding, ging es für mich darum abzuwägen, ob ich genau im Sinn von Journalist F. spreche, wenn ich sage, lasst ihn bitte gehen, er will das so und die Zweifel, die man mir streute waren unterschwellig teils mit Vorwürfen und Gewissens-Kitzeleien verbunden: Denken sie doch mal an sich, können sie mit der Entscheidung auch noch in einem Jahr leben? Muss ich, dachte ich, sagte ich aber nicht, sondern ich schwieg. Weil es ja meine Sache ist, das mit mir abzumachen.

Hier kommt die eingangs erwähne Sache mit Langstreckenwillen und Kurzstreckenwillen aufs Tapet. Ich glaube es war der Moment, in dem ich die beiden Willen erkannte und wie sie gegenläufig sein können, gleichzeitig sein können, einander überlagern und blockieren. Wenn es um ein Leben und die beiden Willensarten eines Anderen geht, ist es gewiss schwieriger, abzuwägen und einen Weg zu finden als wenn es um die eigene nahe Zukunft geht, in der ohnehin mehr als zwei Entscheidungen möglich. Im banalen kleinen Fall, dass mir jetzt und hier der Langstreckenwille abhanden gekommen ist, habe ich es doch so wunderbar einfach, weil es mehrere Kurzstreckenwillen gibt, auf die ich sogar gleichzeitig und nebeneinander hinarbeiten kann …