Offene Ateliers RLP 2026

Eine komplexe Hängung von etwa 30 gerahmten, unterschidelich großen Collagenbildern an einer weißen Atelierwand

Im Herbst 2026 (19. und 20. September) nimmt das Atelier Rinck an den Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz teil und präsentiert neue Arbeiten und Kunstkonzepte, sowie gemeinsame Arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen. Neben Collagen und Fotografien zeigen wir Fotos, Serien, Objekte und Kuriositäten. Mindestens ein Künstler (moi même) ist anwesend :-).

Die Schau baut auf auf der kürzlich in der Galerie Beck gezeigten Retrospektive 30 Jahre Irgendlink (unter dem Titel „Ich sah, Rad und schriebte“). Was in der Retrospektive unvollendet war, wurde fortgeführt und bleibt ein kleines bisschen weniger, aber immer noch unvollendet: der Künstler in Bewegung auf seinem Weg durch Raum und Zeit.

Samstags Open End – Gäste aus der Ferne: Kontaktiert mich, um Übernachtungsmöglichkeiten zu koordinieren. Gäste aus der Nähe: Kommt einfach. Ich freue mich.

Samstag 19. 09.  und Sonntag 20. 09. 2026 ab 14 Uhr

Blick durch die spiegelnde Scheibe auf ein Schattenreich iluminiertes Atelier in warmem Farbton. Ein Mann steht neben einer Leiter und einem Staubsauger und bestaunt eine Wand mit etwa dreißig unterschiedlich großen Bildern in Petersburger Hängung.
Herr Irgendlink beäugt in Situ nach getaner Arbeit die „Petersburger Hängung“ einer Serie von Collagen (Foto: Denise Maurer).

Rings um Zweibrücken geöffnet sind an diesem zweiten Wochenende der Aktion Offene Ateliers RLP auch das Atelier Lebong in Homburg Erbach und das Atelier Köcher in Bexbach. In Rosenkopf ist das Atelier von Artur Bozem am ersten Wochenende geöffnet.

Alle beteiligten Ateliers findest Du unter

www.offene-ateliers-bbkrlp.de

An den beiden Wochenenden des 12./13. und 19./20. September öffnen zahlreiche Künstler:innen in ganz Rheinland-Pfalz ihre Ateliertüren. Sie laden herzlich dazu ein, einen unmittelbaren Einblick in ihre Arbeitswelt zu gewinnen, aktuelle Werke zu entdecken, ungewohnte Perspektiven kennenzulernen und sich über Kunst direkt an ihren Entstehungsorten auszutauschen.

Die Offenen Ateliers bieten eine wunderbare Gelegenheit, Kunst hautnah zu erleben, mit Kunstschaffenden ins Gespräch zu kommen und dabei vielleicht auch das eine oder andere besondere Werk für sich zu entdecken. Viele Ateliers überraschen zudem mit individuellen Rahmenprogrammen oder Gastkünstler:innen – lassen Sie sich inspirieren!

Das kreischend atonale Gejammer der ewigen Entschuldigungsleier

Monochromes, fast schwarz-weißes Foto einer Wellblechwand in einem Industriegelände. Eine Tür in der Wand ist mit einer Europalette verstellt. Die Wellblechwand ist von einem digitalen Welleneffekt überblendet und wirkt rechts und links der verbauten Tür wie zwei abstrakte, geriffelte Elefantenfüße.

Verflixter Weise drücke ich den Eingabeknopf, nachdem ich in der duck.ai nach einem Charakterentwurf für eine MudArtistin anfragte, etwa so: „Latoya X. kreiert mit ihrem Monstertruck Schlammspuren bei internationalen Zusammenkünften. Die Kunstwerke sind auf dem Kunstmarkt sehr begehrt. Schreibe mir einen Charakter“.

Eingabetaste.

Zack steht auf dem Monitor ein druckreifer kurzer Text, der für mein Erdversteck gut taugen würde, ja, der sich noch nicht einmal groß von meinen eigenen Texten unterscheidet.

Das ist desaströs demotivierend. Was soll ich mich überhaupt noch mühen? Für die Rohfassung eines Texts dieser Art und Länge benötige ich etwa 20 Minuten. Hinzu kommen zwei Feinschliff- und Korrekturläufe und danach ist er zwar lesbar, aber er enthält immer noch Tippfehler und Macken. Die KI-Anfrage dauerte weniger als zwei Minuten. Der Text, der generiert wurde, ist fertig und soweit ich es sehe ohne Tippfehler. Elegant genug fürs Erversteck. Wozu also sollte ich mich mühen?

Ein klein wenig spornt es auch an. Verlockend! Nämlich, dass ich mich völlig der KI ergeben könnte und meine Schreiberei einstellen könnte und stattdessen nur noch „prompte“, also einer KI Aufträge erteile für Texte, die ich selbst nie schrieb, weil mir die Lust dazu fehlte (unten angehängt ein KI-Text den ich beauftragte – ein Blogartikel zu genau diesem Thema – als ich just eben begonnen hatte, diesen Blogeintrag zu schreiben. Und nein, mit dem Ergebnis bin ich im Gegensatz zum Charakter Latoya X. nicht zufrieden).

Was spricht gegen den Einsatz von KI? Sie gehört Konzernen, die regulieren und kontrollieren und die Maschinerie, die wir vielen kleinen Teilnehmenden füttern, zum Profit des Konzerns nutzen. Gemeinwohl: ein Fremdwort. Auch die Schwächeren mitnehmen: sentimentaler Unfug. Alles was in Geld ausgedrückt werden kann, wird irgendwann in Geld ausgedrückt werden. Im Metalabor 11 letztes Wochenende kam genau diese Frage: Ist ein ethischer Einsatz von KI überhaupt möglich? Natürlich nicht. Der ethische Verzehr von Schweinefleisch ist auch nicht möglich. Ethisches Autofahren geht nicht. Als kapitalistisch orientierte Gesellschaft stehen wir als Einzelwesen am Ende langer Ketten vererbter Fehler, tragen über Generationen Schuld am Elend, das unsere Ahnen über die Ahnen anderer brachten. Das tut nicht weiter weh, wenn wir nur die Gegenwart sehen und uns am Geschmack des Schnitzels laben und mit zweihundert Sachen auf der A-Namenlos in den Urlaub in den Süden rasen. Somit ist KI qualitativ eben doch nur Standard-Küche. Das Fastfoodrestaurant unter den Literatinnen und Literaten sozusagen. Ein Kik-Billigladen. Und Action. Das ist also ungemein verlockend, wenn man nur mal eben etwas billig und schnell …

… eine „Hauptsache mir gehts gut Gesellschaft“ sind wir.

Vielleicht sollte ich mich dem ergeben? Die Anderen tun es doch auch. Ich alleine kann es nicht aufhalten. Wozu sollte ich es überhaupt aufhalten? Wenn ich es nicht tue, macht es ein Anderer. Die ewige Entschuldigungsleier dudelt ihr kreischendes, atonales Gejammere in meinem Kopf. Gib dir einen Ruck. Sei doch nicht so. Du hast doch nichts verbrochen. Du hast doch nichts zu verbergen. Mach mit, sonst endest du wie die, die nicht mitmachen.

Ich habe nichts verbrochen, aber ich verbreche, weil ich nicht widerspreche. Ich habe nichts zu verbergen, bis etwas, das ich offen kundtue als Verbergensverbrechen eingestuft wird. Wenn ich mitmache, dann nur so lange, wie die Regeln gültig sind, unter denen ich mitmache. Werden die Regeln geändert, gilt das, was bisher okay war, als Verstoß und ich ende so wie die, die von Anfang an nicht mitgemacht haben. Ich bin dieser Andere, der es tut.

Wie würde eigentlich die KI diesen Artikel schreiben … hier die Eingabeaufforderung:

Schreibe einen Blogbeitrag, in dem ein Blogger darüber sinniert, dass er vermutlich nicht besser bloggen kann als es eine KI könnte. Der Blogger hatte sich zuvor einen Charakterbogen für eine MudArt Künstlerin durch die KI generieren lassen und dabei festgestellt, dass er das nicht besser könnte. Nun ist er frustriert und überlegt, ob es sinnvoll ist, überhaut eigenständig Texte zu schreiben.

Und hier der Artikel, den die Maschine generierte:

Wenn die KI besser schreibt als ich

Ich habe mir neulich von einer KI einen Charakterbogen für eine MudArt-Künstlerin erstellen lassen. Nicht, weil ich zu faul war, selbst darüber nachzudenken. Zumindest redete ich mir das zunächst ein. Ich wollte sehen, was möglich ist. Wollte ein paar Anregungen bekommen, vielleicht einen Ausgangspunkt, von dem aus ich weiterarbeiten konnte.

Das Ergebnis war gut. Beunruhigend gut.

Die KI hatte der Künstlerin einen Namen gegeben, eine Biografie, Eigenheiten, Widersprüche und sogar eine plausible Motivation für ihre Arbeit. Sie wusste offenbar, wie man eine Figur interessant macht, ohne sie gleich mit allzu offensichtlichen Tragödien zu überladen. Der Charakterbogen war klar strukturiert, atmosphärisch und an den richtigen Stellen vage genug, um Raum für Fantasie zu lassen.

Ich las den Text mehrmals und stellte mir irgendwann eine unangenehme Frage:

Hätte ich das besser gekonnt?

Meine ehrliche Antwort lautet: vermutlich nicht.

Vielleicht hätte ich einzelne Formulierungen verändert. Vielleicht hätte ich eine andere Kindheit, ein anderes Motiv oder einen etwas skurrileren Tick eingebaut. Aber hätte ich aus dem Nichts eine ebenso runde Figur entwickelt? Eine, die zugleich eigenständig und brauchbar wirkt? Eine, mit der man weiterarbeiten kann?

Ich bin mir nicht sicher.

Und genau das ärgert mich.

Worin besteht dann noch meine Aufgabe?

Bisher dachte ich, Schreiben bedeute vor allem, Gedanken in eine bestimmte Form zu bringen. Man beobachtet etwas, denkt darüber nach, findet Worte und setzt sie so zusammen, dass daraus vielleicht ein Text entsteht, der auch für andere interessant ist.

Nun gibt es Systeme, die diesen Prozess in Sekunden imitieren können. Sie produzieren Texte über beinahe jedes Thema. Sie können sachlich schreiben, poetisch schreiben, lustig schreiben oder so tun, als würden sie gerade tief über die eigene Existenz nachdenken.

Und manchmal lesen sich diese Texte sogar besser als das, was ich selbst zustande bringe.

Was also mache ich hier?

Warum sollte ich noch eigenständig bloggen, wenn eine KI aus ein paar Stichworten einen vollständigen Beitrag erstellen kann? Warum sollte ich mich durch halbgare Gedanken quälen, Sätze umstellen, Absätze löschen und anschließend feststellen, dass der Text vielleicht doch niemanden interessiert?

Die einfache Antwort wäre: Weil der Text dann von mir stammt.

Aber im Moment überzeugt mich das nur bedingt. Herkunft allein macht einen Text nicht gut. Ein mittelmäßiger Gedanke wird nicht automatisch wertvoll, nur weil ich ihn selbst formuliert habe. Und Authentizität ist kein Qualitätsstempel, den man unter jeden Beitrag setzen kann.

Vielleicht war ich bisher einfach davon ausgegangen, dass mein persönlicher Blickwinkel genügt. Dass meine Art, Dinge zu beschreiben, bereits einen Wert besitzt. Die KI hat diese Annahme erschüttert. Sie hat mir gezeigt, dass vieles, was ich für meine besondere Fähigkeit hielt, auch aus statistisch erkannten Mustern zusammengesetzt werden kann.

Das ist ernüchternd.

Vielleicht ist Schreiben nicht dasselbe wie Textproduktion

Trotzdem gibt es einen Unterschied, den ich bisher nur ungern wahrhaben wollte.

Die KI kann einen Charakterbogen schreiben. Sie kann sogar einen überzeugenden Charakterbogen schreiben. Aber sie hat nicht darüber nachgedacht, warum mich eine MudArt-Künstlerin interessiert. Sie hat keine Erinnerung an den Moment, in dem ich zum ersten Mal eine solche Arbeit gesehen habe. Sie kennt nicht die Gedanken, die ich mit diesem Thema verbinde, und auch nicht die Zweifel, die beim Lesen ihres eigenen Ergebnisses in mir entstanden sind.

Sie kann meine Frustration beschreiben. Aber sie war nicht frustriert.

Natürlich kann man einwenden, dass Leserinnen und Leser diesen Unterschied nicht bemerken müssen. Ein gut formulierter Text bleibt ein gut formulierter Text, unabhängig davon, wer oder was ihn verfasst hat.

Vielleicht stimmt das sogar.

Aber ein Blog ist für mich mehr als eine Ansammlung möglichst gelungener Sätze. Ein Blog ist auch ein Ort, an dem jemand versucht, sich selbst beim Denken zuzusehen. Nicht immer besonders elegant. Nicht immer besonders klug. Manchmal sogar widersprüchlich.

Die KI kann mir einen fertigen Gedanken liefern. Ich muss aber noch entscheiden, ob es wirklich meiner ist.

Der unangenehme Wert des Unfertigen

Vielleicht liegt der Sinn des eigenständigen Schreibens gerade in den Stellen, an denen es nicht perfekt ist.

In den Sätzen, die etwas zu lang geraten sind. In den Übergängen, die nicht ganz funktionieren. In den Bildern, die ein wenig schief hängen. In der Tatsache, dass ein Mensch beim Schreiben kurz ansetzt, sich verliert, neu beginnt und dabei etwas entdeckt, das er vorher selbst noch nicht wusste.

Eine KI kann mir diese Entdeckungen abnehmen, wenn ich sie lasse. Sie kann aus einer groben Idee sofort ein Ergebnis machen. Das ist praktisch. Aber vielleicht ist der Weg zum Ergebnis nicht bloß lästige Vorarbeit. Vielleicht ist er der eigentliche Grund, warum man schreibt.

Ich hätte den Charakterbogen natürlich einfach verwenden können. Niemand hätte wahrscheinlich gemerkt, dass ich ihn nicht selbst entwickelt habe. Ich hätte ihn überarbeiten, ein paar Formulierungen ändern und ihn als meine eigene Arbeit veröffentlichen können.

Stattdessen sitze ich nun hier und schreibe über die Tatsache, dass ich einen Text schreibe, weil eine KI einen anderen Text besser geschrieben hat als ich.

Das ist vermutlich kein besonders cleverer Umgang mit dem Problem.

Aber immerhin ist es mein Umgang damit.

Also: aufhören?

Ich weiß noch nicht, ob ich nach diesem Erlebnis anders bloggen werde. Vielleicht werde ich KI häufiger als Werkzeug einsetzen. Vielleicht werde ich sie um Gegenpositionen bitten, um Ideen, um eine erste Struktur. Vielleicht werde ich mir sogar weiterhin Charakterbögen erstellen lassen, wenn mir selbst nichts einfällt.

Aber ich glaube, ich möchte nicht vollständig an sie abgeben, was am Schreiben schwierig ist.

Nicht, weil meine Texte immer besser wären. Das sind sie vermutlich nicht. Sondern weil ich beim eigenen Schreiben etwas riskiere: dass ein unfertiger, widersprüchlicher oder sogar peinlicher Gedanke sichtbar wird.

Eine KI kann mir dabei helfen, diesen Gedanken besser auszudrücken. Sie kann ihn ordnen und schärfen. Vielleicht kann sie sogar eine elegant klingende Version davon erstellen.

Aber ob ich diesen Gedanken überhaupt haben will, muss ich weiterhin selbst entscheiden.

Und vielleicht ist genau das der Teil des Bloggens, den ich nicht auslagern sollte.

Auch wenn ich vermutlich nie so gut darin werde, darüber zu schreiben wie eine KI.

Wildes Denken und Nachtfahrten

Edit: Dieser Blogbeitrag wurde anlässlich des Metalabor 11 in Villmar geschrieben. Der Text dient als Grundlage für ein experimentelles „Dunkelvideo“.

Vier Gramm wiegt der Zucker, sage ich, so sagt es die Waage, die nicht besonders genau ist. Was steht denn drauf auf dem Zucker, fragt sie. Öhm. Nichts oder Saint Louis. Die Packung ist so ein typisches, kleines Papierröhrchen wie man es portionsweise in Cafés in Rewe- oder Edekamärkten mitnehmen kann. Mit ihren brillianten Augen beäugt sie das Päckchen, steht nichts drauf. Hat kein Gewicht.

Vertrauen wir der Waage, die beim Auflegen eines einzelnen Salzstängleins immer noch Null anzeigt? Die beim Auflegen einer Packung Nudeln, auf der 500 Gramm geschrieben steht 560 anzeigt?

Wischiwaschitage. Längst wollte ich die Radreise ans Ende der Nacht aus den Archiven hervor gekramt haben und einen Film geschnitten haben. Aber immer, wenn ich einen Anlauf nehme, das Ton- und Video- und Bildmaterial zu sichten, überwältigt mich die Fülle, übermannt mich eine silberne Müdigkeit, verlässt mich der Mut, ermatte ich, könnte ich eine Reise in die Nacht, also nicht etwa eine Reise in die Nacht mit dem Fahrrad, sondern eher eine Reise in den Schlaf auf dem hauseigenen Sofa oder woanders wo sichs gut liegen und träumen lässt. Ein sicherer Ort, um sich aufzulösen und das strenge Konstrukt der Taggedanken, die einem stets logisch und unabwendbar notwendig erscheinen, abzustreifen. Im Schlaf kann ich dem Hirn genehmigen, dass es alles Gedachte in Einzelteile zerlegt. Die Teilchen chaotisch ausbreitet. Die Freuden des Traums hochleben lässt. Denke wild und unbewusst.

Alles was ich über die Nacht weiß, habe ich im Traum gelernt.

Die Videos sind auf mehrere Verzeichnisse auf verschiedenen Datenträgern verteilt, was es nicht einfach macht, sie zu sortieren. Der Kern der Mission lautete: Durchradele die Nacht. Der erste Versuch liegt ein paar Jahre zurück. Nordwärts auf dem Glan-Bliesradweg. Gut ausgebaute Bahntrasse. In Kirn ein später Einkauf kurz vor Einbrauch der Dunkelheit. Zu dem Zeitpunkt habe ich fast 100 Kilometer in den Beinen. Der ursprüngliche Plan, zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz zu radeln, scheiterte am Mut, den Hunsrück zu erklimmen und am Einbrechen der Dunkelheit. Nach dem Einkauf trete ich den Rückwrg an. Per Fahrrad in die Nacht. Das war mein erster Kontakt mit der Nacht. Auf der ehemaligen Bahntrasse kaum Verkehr. Trotz Ortskenntnis irre ich umher. Stark eingeschränkter Sehsinn im schmalen Lichtkegel des Dynamolichts. Die Radwegehinweisschilder hängen oberhalb des Lichtkegels. Aus dem Wald spiegeln die Augen der Wildtiere, wenn sie der Lichtkegel trifft. Stille und Geräusche, die man tags nicht hört, weil der Verkehr sie überlärmt und solche, die man tags nicht hört, weil sie nur nachts passieren. Fahrradkette surrt und etwas knackt. Täusche ich mich, oder bin ich tatsächlich mehr Ohr als sonst?

Wie man eine Banane schält bei vollkommener Finsternis, wie es sich anhört, wenn man die Schale abzieht, wie sich das haptisch … äh anfühlt … ach, die Banane überhaupt erst einmal zu finden im Reisegepäck. Hatte ich sie mit Expander auf dem Heckträger festgeklemmt? Ist sie in dieser Packtasche? Oder in der anderen? Hätte ich bloß vor Einbruch der Dunkelheit … Mittlerweile sind einige Monate oder gar ein Jahr vergangen seit der ersten Nachtfahrt und ich sollte wissen, dass es gut ist, vor Einbruch der Dunkelheit zu wissen, wo die Kopflampe im Gepäck ist, denn sobald das Radel steht, versiegt das Licht des Dynamos, steht man, bis eben noch von der Ohnehin-nur-Funzel geblendet da und hat nur noch Ohr und Tastsinn und die Nase allenfalls.

Bananen sind elementarer Bestandteil der schnellen Radreisenahrung zwischendurch. Wenn die Schenkel schmerzen und es an Isotonen mangelt, esse ich sie. Oder kurz vor Anstiegen. Die hier am Rhein-Rhône-Kanal zum Glück nicht zu erwarten sind. Ab und zu gehts ein paar Meter eine Schleuse hinauf. Jenseits von Straßburg führt der Radweg schnurgerade Richtung Basel. Die unheimlichen Sportgelände südlich der Großstadt mit ihren Fußballabendgebolzen und das Skateboardklappern eines hell erleuchteten Skategeländes liegen hinter mir. Für wenige Kilometer bin ich guten Mutes, bis ans Ende der Nacht radeln zu können. Doch es ist noch nicht einmal zwölf Uhr. Hintern und Beine schmerzen. Banane finden, Lampe finden, weiter radeln, anhalten, ermüden, wenn ich einschlafe im Sattel, jaja, das geht tatsächlich, stürze ich in den Kanal, der nur einen Meter neben dem Radweg verläuft. Bei einem Picknickplatz baue ich das Zelt auf. Eine Stange bricht. Ich kann das reparieren. Ich schlafe löchrig, aber ich schlafe.

Hat je ein Mensch das Ende der Nacht erreicht? Und wenn ja, gelangte er zu einer Erkenntnis?

Monate später im unendlich heißen Hochsommer 2026. Die Uhr zeigt 19:37 am übelsten Bahnhof jemals, Pirmasens-Nord. Ich habe den Umstieg verpasst. Ein Blick in die Bahnapp zeigt, dass es ohnehin ein Wunder war, die 25 Kilometer ab Zweibrücken mit dem Zug zu fahren. Alles rot von ausfallenden Verbindungen, bis auf diese eine, die mich 19:37 nach PS-Nord brachte. Also gehts ab hier los über die Südpfalz-Radwege nach Hinterweidenthal, wo ich eigentlich hätte aussteigen wollen, wenn der Anschluss geklappt hätte. Ich schaffe die 15 Kilometer in 40 Minuten. Schwinge mich auf den Radweg nach Süden, erwische einen spät offenen Pennymarkt in Dahn, kaufe einen Bund Bananen, Cola, Konserve und ein Bier, falls ich doch irgendwo übernachten sollte und ein Feierabendbier haben möchte. Die Strecke durchs Elsass in die Schweiz kenne ich in- und auswendig. Am Radel sind alle Akkus geladen. Das Licht brennt. Die Nacht senkt sich. Dieses Mal könnte es klappen. Die unsägliche Hitze tagsüber von fast 40 Grad, zwingt einen förmlich, in die Nacht auszuweichen. Etwa 300 Kiometer liegen vor mir. Also schon einmal genug Strecke. Selbst wenn ich sehr schnell bin und keine Pause mache, werde ich die 300 Kiometer in den nächsten Stunden nicht aufbrauchen können. Gegen vier oder fünf Uhr ist der Spuk vorbei, werde ich es geschafft haben. Nächster Stopp Lembach. Ich radele auf der Straße. Das einzige Auto, das mich überholt, fährt langsam an mir vorbei. Scheibe geht runter und eine Frauenstimme sagt Piste Cyclable. Ansonsten herrscht zu dieser späten Stunde absolute Stille, einzig gebrochen von Froschquaken hie und da und Grillenzirpen und natürlich Ketten surren und Stoßatem-Atemgeräusche, doch das nehme ich nicht wahr. In Lembach fülle ich die Trinkflaschen an einem der drei Trinkwasserbrunnen, wie auch in Soufleweihersheim bei einem Wasserhahn am Kanalhafen kurz vor Straßburg. Bin zuversichtlich, dass wenn ich den Meilenstein Straßburg durchqueren kann, ich es dieses Mal bis ans Ende der Nacht schaffen kann. Die Aussicht auf Hitze, die mich am nächsten Tag garantiert aus den Socken hauen wird, ist unheimlich motivierend, wach zu bleiben. Straßburg zu durchradeln ist einfach. Es gibt jedoch dieses eine Stückchen Radweg nur etwa 300 Meter lang, sehr schmal, das durch eine besonders unheimliche Gegend führt. Wenn ich in Straßburg nachts Radreisende ausrauben wollte, würde ich das dort tun. Ihnen den Weg versperren, sie zum Anhalten bringen, ihnen das Messer in die Nase stecken und ihnen unmissverständlich klar machen, dass sie Geld und Handy abgeben sollen. Ich überlege, was ich tun würde, sollte das tatsächlich passieren. Die Kreditkarte habe ich vorsorglich schon aus dem Geldbeutel genommen. Das Handy würde ich vielleicht in hohem Bogen in den Kanal direkt neben dem Radweg schleudern. Schwer zu sagen, was man tun würde, wenn man ein Opinel in der Nase stecken hat.

Wie schon öfter, geht es gut. Nie war ich so spät wie in dieser Nacht an dieser Stelle. Niemand lauert mir auf. Ich fotografiere die Lichter. Hinterm Hauptbahnhof zeigt der Tacho 100 Kilometer. Es ist kurz nach ein Uhr. Raus aus der Stadt dauert es noch eine knappe Stunde bis zu guten Lagerplätzen.

Alles was ich über die Nacht weiß, vergaß ich südlich von Straßburg.

Ein Geräusch. Ein Tier. Im Schummerlicht huscht ein struppiges Nutria über den Radweg und lässt sich in den Kanal plumpsen. Picknickplatz Erstein zehn Kilometer. Guter Lagerplatz. Ich widerstehe. Nächster Halt Marckolsheim, etwa 40 Kilometer. Ich rechne, zwei Uhr plus 40 Kilometer gleich vier Uhr. In Marckolsheim hat ein gutmütiger Mensch, der in einem alten Kanalschleusenhäuschen wohnt, eine kleine Bank aufgebaut, einen Tisch, einen Sonnenschirm, einen Mülleimer und vor allem einen riesigen Thermoballon mit eisgekühltem Wasser. Mein nächstes Wasserloch also. Die Müdigkeit hält sich in Grenzen. Die Nacht ist so heiß, dass ich ohne Frösteln im T-Shirt radeln kann.

Ich habe die Strecke bei früheren Fahrten tagsüber gefilmt, fotografiert, hab sie besungen, bewundert und verflucht. In jener heißen Nacht lief ein Diktiergerät mit, notierte ich Bilder auf Band, die ich wegen der Dunkelheit nicht auf Video oder Foto bannen konnte. Mehr noch, ich ließ das Hirn mäandern, teils fühlte sich das ein bisschen an wie Traum, die klaren Strukturen der Tagdenke zersetzten sich im Dunkel am Rand des Kanals. Wie träumen bei vollem Bewusstsein. Lucid. Einzelne Elemente liegen wie unsortierte Puzzleteile nebeneinander. Vielleicht ist es mit dem Denken nachts ja so wie mit Puzzle: Obschon die Grundmenge an Gedachtem exakt gleich ist wie beim fertig zusammen gebauten Puzzlebild, sieht es ganz anders aus und nur derjenige, der es schafft, das Unbewusste zu erlauben, kann es auch genießen. Denke wild und absichtslos.

Da ist ein möglicher Lagerplatz nördlich von Neuf-Brisach, der mir gefährlich werden könnte. Unweigerlich steuere ich darauf zu. Wann wird es endlich hell? Jetzt bloß nicht schwach werden. Da links schon Morgendämmerung? Kies knistert unter den Reifen. Nutrias hie und da. Frösche. Wind in den Platanenalleen und das holprige Voranstottern auf runzelndem Teer, der von ihren Wurzeln angehoben wird. Es ist zu warm, um müde zu sein. Blick auf die Uhr verliert sich im Dunkel jenseits des Lichtkegels. Als ob je ein Blick auf die Uhr den Lauf der Sonne beschleunigt hätte. Ich lausche. Ist das Morgenverkehrslärm? Östlich vom Kanal verläuft eine Landstraße. Wann fahren die Franzosen zur Arbeit? Fünf, sechs Uhr? Wenn das Zurarbeitleute sind, dann gibt es auch irgendwo eine frühaufe Bäckerei. If Zurarbeitfahrleute, then aufe Bäckerei; else Boulangerie fermeé. In einem Dorf verlasse ich den Kanal und tatsächlich, da hat schon eine Bäckerei auf. Rein, ein Kaffee, ein Éclaire und etwas Deftiges. Draußen neben dem Radel beobachte ich die Leute, die auf dem Weg zur Arbeit hier stoppen. Manche nehmen sich Zeit zum Plausch bei Kaffee. Die meisten kaufen nur kurz ein und fahren weiter. Einer lässt den Motor laufen. Uralte Karre, kann also nicht wegen der Klimaanlage sein. Ich könnte das Auto stehlen.

Welch fulminantes Ende für eine Radreise ans Ende der Nacht.

Ankündigung des neuen Moorlander-Kalenders und Offenes Atelier

Eine Eisenbahnschiene endet abrupt im Teer der Straße. Über einen Zebrastreifen führt sie auf grüne Flächen hinzu, die sich vertrocknet vor einem düsteren Himmel mit gigantischer Turmwolke verlieren. Hinter der Wolke zeichnet sich ein Sonnenaufgang ab.

Die übliche Herbst-Turbulenz hatte früh begonnen in diesem Jahr. So ist etwa der neue Moorlander-Kalender für 2027 schon so gut wie hier im Lager. Sollte eigentlich gestern eingetroffen sein, wird hoffentlich bis spätestens nächsten Mittwoch eintreffen. Hier kannst Du ihn anschauen und bestellen. Wie üblich ist er für Frühkaufende bis Ende September im Sonderangebot für 14,90 Euro zzgl. Versandkosten.

Eine Eisenbahnschiene endet abrupt im Teer der Straße. Über einen Zebrastreifen führt sie auf grüne Flächen hinzu, die sich vertrocknet vor einem düsteren Himmel mit gigantischer Turmwolke verlieren. Hinter der Wolke zeichnet sich ein Sonnenaufgang ab.

Auch beim offenen Atelier am 19. und 20. September wird es den Kalender in echt und zum Durchblättern und Anfassen und Mitnehmen geben.

Zum Atelierfest gibts in Kürze mehr Information. Ich zeige neue Arbeiten und Konzepte auf Basis meiner im Frühling gezeigten Retrospektive in der Galerie Beck. So bin ich etwa einen Schritt weiter beim damals noch nicht reifen Projekt „Akte Irgendlink – eine Autobiografie“.

Das Atelier ist samstags und sonntags nachmittags geöffnet und steht unter dem Motto „Konst och Loppis“. Ich werde ein schwedisches (Spät)sommercafé einrichten mit Schirmchen, Kuchen, Sitzgelegenheiten, viel Kunst und vielleicht auch ein bisschen Zeug, das sich in den Arterien des einsamen Gehöfts abgelagert hat.

Samstags abends wird, wenn es die Dürre erlaubt, gegrillt. Von fern Anreisende können im Garten zelten oder im Atelier auf einem der Gästebetten schlafen. Bitte sag mir Bescheid, wenn Du das tun möchtest.

Und Schlaf nach Gutdünken

Erkenntnis gestern beim Rumgeistern im Atelier: Der Weg der Anderen, von dem ich ja schon sehr lange weiß, dass er nicht meiner ist, kann gegangen werden und ich bin ihn auch oft genug gegangen. Es fiel mir kein eigener Weg ein, der gangbar wäre. Stehenbleiben ist auf Dauer keine Option. Dass es einen eigenen Weg gibt, ist zwar nicht bewiesen, aber ich glaube daran. Wie also finde ich ihn?

Ganz einfach: Der eigene Weg kommt zu dir. Du kannst ihn nicht erzwingen, nicht herbei zaubern. Du kannst ihn nicht parallel zum Weg der Anderen erschaffen, ihn pflastern und nutzen. Er ist unsichtbar immer vorhanden, bloß wo? Das kleine Teufelchen versteckt sich wie eine Ameisenkolonie, die unter den Fundamenten deines Hauses einen Staat errichtet hat und einmal im Jahr durch Ritzen in die Küche kommt zum Plündern.

Meine Arbeit ist Tanz geworden. Zwischen Aufräumen und Entrümpeln kreiere ich neue Kunstwerke und nehme dabei keine Rücksicht auf allfällige Dilletanz. Weiter weiter weiter. Es ist wie Radfahren: Wenn es nicht schnell geht, geht es eben langsam und im Notfall musst du schieben, aber jeder Meter Artist in Motion bringt dich ein Stück weiter.

Selbst die Ruhepausen, die ich im von Journalist F. geerbten Ledersessel verbringe und von dem aus ich mein Tagwerk bestaune, sind produktiv. Dann bewegt sich zwar nicht der Körper, dann hängt sich kein Bild, dann drappiert sich kein Objekt, aber das Hirn geht auf Wanderschaft. Ich schlürfe Kaffee, schlürfe Saft. Durch die Tür an der Südwand strömt ein heißer Wind. Ich sollte sie schließen. Jetzt nicht, Junge, Mañana murmele ich jack-kerouacesque, Mañana. Jetzt ist Ruhe. Das Hirn schreibt Artikelbeschreibungen für den Online-Shop und es terminiert ein bisschen vor sich hin, dann und dann das und das fertig, aber gemach, Junge. Das Hirn tut das ohne Zwang und aus freien Stücken.

Das Hirn ist gändig. Es treibt mich nicht an, setzt mich nicht unter Druck, so wie früher. Ach und was war das früher für ein nervenaufreibender Stress mit Ausstellungen, weil alles an einem zerrt und man müsste ja die Presse informieren und diesen und jenen auf die Einladungsliste setzen und dann einen riesigen Verteiler bedienen. Nein! So nicht. Mein Weg ist ein anderer. Während ich arbeite und mir Gegenstände zwischen die Finger kommen, die mit Erinnerungen geladen sind, fallen mir auch die Menschen ein, die hinter den Gegenständen stehen. Das ist der Moment, in denen ich diese Menschen kontaktiere. Eine Mail schreibe und zum Atelierfest einlade, persönlich und an die jeweilige Erinnerung geknüpft, die stark im Strom der Zeit treibt. Jetzt lade ich Freund XY ein, hab ich seinen Signalkontakt? Von weit kommt er, ich schreibe, wenn er vorbei schauen möchte, kann er ja ein paar Tage bleiben und sich neben der Kunst auch die Gegend anschauen. Im Garten zelten oder im Atelier auf dem Gästebett leben.

Und jetzt treffe ich gleich Freundin S. mit dem abben Bein. Dann hole ich sie mal ab ins Atelier. Zack geht der Körper aus dem Pausenmodus und ich setze eine Idee zur Verbesserung der Barrierefreiheit um. Schnell ist eine Rampe gebaut für diese eine Treppenstufe, die es zu überwinden gilt. Zwischendurch noch ein Objekt gestaltet, ein Bild gehängt, etwas repariert.

Und Schlaf nach Gutdünken.

Jaja, so muss das. Ganzheitlich irgendwie; die Blogbeiträge laufen auch nebenbei; sie gehören dazu und wartet erst einmal, wenn ich die uralte Schreibmaschine auspacke, was ich damit für tolle Dinge anstellen kann.

Ich muss Kohlepapier kaufen.