Zwei ganz normale Tage – oder auch mehr

Wir verlassen das Haus, die Frau SoSo und ich. Wir sind Glückliche, die das Haus verlassen können, ohne sich Sorgen zu machen, an der nächsten Ecke überfallen zu werden oder erst Kilometer weit über eine Müllhalde zu laufen, um den dreckigen Fluss zu durchwaten und irgendwo in den Randgebieten einer Großstadt ein bisschen Grün und Frieden zu finden. Wir sind Glückliche, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, friedfertige Nachbarn und keine Angst haben müssen, dass eine Rakete im Wohngebiet einschlägt. Ein ganz normaler Sonntag in einem Dorf in der Schweiz. Wir nehmen die Fahrräder. Wie glücklich wir sind, Fahrräder zu besitzen.

Wenn ich einen Bericht schreiben müsste, der jenseits dieser Welt bestehen soll in einer fernen Zukunft, eine Spur hinterlassend für jenstige Archäologinnen und Archäologen, ich müsste scheitern. Ich könnte keinen Gesamtabdruck der Welt, in der wir leben, liefern, weil ich gar nicht weiß wie woanders auf dem Planeten eigentlich gelebt wird. Obschon ich viele Arten zu leben kennen gelernt habe.

Ich berichte nur aus meiner kleinen Blase der Welt, aus meiner direkten Umgebung. Mehr wäre Spekulation, verunschärfte das Bild. Berichte im Rahmen dessen, was für mich normal ist und schön und gut, aber hinter allem, was mir bekannt ist und wovon ich etwas weiß, lauert so viel Unbekanntes und Ungewohntes, manches kennt man ja vom Hörensagen, aber was mich erschreckt: Es gibt ein nahezu unerschöpflichen Raum für noch nicht Entdecktes.

Ich hatte kürzlich während der Umradelung Bayerns einmal sinniert, wieso Menschen, die an Wiedergeburt glauben und von sich selbst sagen, sie haben schon einmal gelebt auf diesem Planeten – als Mensch, als Tier, womöglich als Pflanze – stets als solche Wesen gelebt haben, die uns allgemein geläufig sind. Als Schlange, Affe, Pferd, Römerin, Thrakischer Prinz oder Mammutbaum. Wiedergeborene waren stets ein Wesen, das schon entdeckt und beschrieben wurde. Nie hört man, dass jemand schon einmal gelebt hat als das bisher nicht entdeckte Wesen in der Tiefsee ohne Augen und Ohren, das in ewiger Dunkelheit unter dem hohen Druck, der im Marianengraben herrscht, existiert. Ein Wesen ohne Namen. Was der Buddhist nicht kennt, das reinkarniert er auch nicht. Vielleicht irre ich.

Wir, das Haus verlassend, sonntags vielleicht.

Vorbei am Dorfbrunnen, auf dessen Kopf eine Bärenskulptur thront, den man kürzlich neu angemalt und renoviert hat, durch die zackigen kleinen Straßen, vorbei an den uralten aneinander gebackenen Bauernhäuschen, die einst vereinzelt in der Wiese standen, bis diese verkauft, bebaut und erschlossen wurde. Gespickt mit Einfamilienhäuschen. Durch die Randgebiete eines typischen Schweizer Dörfchens. Die Bebauung der Dörfer endet mittlerweile an der Bebauung des nächsten Dorfs. Industrie und Handel dazwischen ab und an. Die Schweiz ist eine Ansammlung von Randgebieten, durchdrungen von Ortskernen.

Durch eine Kastanienallee ins Nachbardorf.

Die Welti-Furrer-Chilbi (eine Chilbi ist ein Jahrmarkt). Acht bis zehn fahrbare Baukrane. Hochgebockte Maschinen, deren Räder in der Luft hängen mit ausgefahrenen Teleskopen zwischen den Dörfern Hausen und Windisch. Das fulminante Finale der Kastanienallee. Auf einem normaler Weise leeren, ungeteerten Platz herrscht an diesem Tag reges Treiben. Ich frag, Frau SoSo, bleiben wir ein Weilchen stehen, ich möcht schauen. So stehen wir ein Weilchen, die Fahrräder zwischen den Schenkeln und schauen das Treiben auf dem Gelände an. Viele Menschen, allesamt mit Helm und Warnweste ausgestattet. Die Krane bewegen sich, ziehen die Ketten, kragen die Arme, schieben die Masten aus den Teleskopen und an den Ketten hängen an massiven Eisenhaken kleine rote Tonnen, die etwas kleiner sind als größere rote Tonnen, die im Abstand von einigen Metern am Boden unter den Kranen stehen. In den Führerhäusern der Krane sitzen kleine Kinder, über die sich Bauarbeiter beugen und ihnen gestikulierend die verschiedenen Hebel der Maschinen erklären. Die Kinder müssen die kleinen Tonnen aus den größeren Tonnen ziehen, den Kran um einige Meter nach links oder rechts schwenken und sie in die andere große Tonnen versenken. Wie wir so starren, also vielmehr ich, wird mir bewusst, dass genau so etwas mein kleiner, privater Alltagszirkus ist: scheinbare Banalitäten am Wegesrand, die man normalerweise nicht zur Kenntnis nimmt. Oh, juhei, Kinder heben Tonnen aus Tonnen und versenken sie in anderen Tonnen. Ob ich da hin möchte und selbst eine Tonne aus der Tonne heben möchte und in eine andere Tonne tun, fragt Frau SoSo. Nein, möchte ich nicht. Zuschauen ist viel bequemer. Man hat es nicht mit Menschen zu tun, sondern mit Maschinen, in denen Menschen sitzen und agieren. Das ist es. Ja, doch Krane voller Kinder, die Tonnen aus Tonnen in Tonnen heben, das ist genau mein spektakuläres Unterhaltungsding. Besser noch als Mährobotern beim Grasmähen zuzusehen.

Und wir fahren weiter durchs nächste Dorf, Ziel eine große Weide, auf der einige Dutzend Wutzen frei laufen. Entdeckt haben wir sie vor einigen Jahren schon (also ihre längst geschlachteten Ahnen). Glückliches Schlachtvieh. Fleisch in spe, aber eben, die Weide ist etwa einen Hektar groß und es befinden sich kleine, Schweinegroß hohe Häuschen darauf, sowie ein Wasserfass und ein Schlammloch, in dem die Viecher sich suhlen. Das ist eine weitere Art beliebter Unterhaltung am Wegrand. Außer Wutzen, Mährobotern, Welti-Furrer-Chilbi-Kinderkranen oder Nichts, brauche ich eigentlich keine Unterhaltung auf Sonntagsausflügen. Ich bin ein schlichtes Gemüt, das jenseits des Kommerzunterhaltungsmainstreams die kleinen unbezahlten Dinge sucht und sich damit zufrieden gibt.

Wenn ich von ‚Nichts‘ als Unterhaltungsform rede, meine ich schlichtes Verharren und nach oben in den Weltraum starren. Wie es uns, nachdem wir uns an den Kranen voller Kinder und den Wutzen satt gesehen hatten, einige Kilometer später unten an der Aare passierte. Wir hatten die Hängematten in einer kleinen Aue aufgehängt und baumelten vor uns hin. Hängematten sind unheimlich bequeme Sitz-, Liege- und Abhängmöglichkeiten. Faszinierend wie die Sonne durchs Laub schimmerte und das Grün in verschiedene Töne aufspaltete, durchdrungen von ab und zuen Blautönen und ein bisschen Braun oder Grau der Äste, sonst nichts … ach, doch, das Schimmern allen Grüns wurde noch getoppt von den Lichtreflexen auf dem spielenden Fluss. Sonne von oben und von unten aufs Blattwerk und alles in zitternder Bewegung. Das Laub zitterte wegen leisen Winds, der Fluss wegen Strudeln und Wellen, herrlich, wie er die sturen, geraden, unbarmherzig voran dringenden Sonnenstrahlen in Unruhe versetzt, sie mal hier, mal da aufs Laub wirft oder durch einige der wenigen Lücken zurück in den Weltraum. Wie wohl ein Impressionist, eine Impressionistin dieses Blattwerk malen würde, fragt Frau SoSo. Die sind alle tot, will ich sagen, verkneife es mir, Punkt für Punkt sage ich.

Wenn ich das Gesicht Richtung Himmel habe, gelingt es mir mittlerweile ganz gut, mich als auf einem Ball per Schwerkraft fest pappendes Lebewesen vorzustellen, das im Begriff ist, in die Tiefen des Alls zu stürzen, wenn die Schwerkraft plötzlich nicht mehr ist, beziehungsweise, wenn sie sich umkehrt.

Das Grüne-Dach-Bild ist grandios. So könnten Ewigkeiten vergehen, ohne auch nur eine Spur Langeweile zu empfinden, denke ich. Im Spiel von Sonnenstrahlen und dem, auf das sie treffen ist immer Bewegung, Chaos, Unruhe, Unberechenbarkeit und es öffnen sich der Phantasie Pforten, die einem im sturen Dahintreiben – sagen wir einmal geradeaus schauend beim Gehen, Autofahren oder Radfahren – entgehen. Weil man parallel in einer dünnen, belebten Schicht auf diesem Planeten eben auch nur diese schmale Schicht wahrnimmt, aber nicht die Sphäre, die diese umschließt.

Sturz ins Weltall an einem ganz normalen Sonntag also. Neben unserem Wäldchen befindet sich ein Kurgebiet, in dem man eine Freilichtbühne aufgebaut hat. Plötzlich Musik. Klavier, Saxophon, Schlagzeug, Soundcheck für etwas, was später geschehen soll vermutlich. Es ist Nachmittag. Erstaunlich wenige Menschen auf den Rad- und Wanderwegen unterwegs. Wir trudeln weiter durchs nächste Dorf. Auf der Hauptstraße eine Kolonne Oldtimer. Röhrende, stinkende Amischlitten. Allmögliche Modelle. Cabriolets mit offenem Verdeck und gigantischen, durchgehenden Sitzbänken im Fahrerbereich, auf denen man getrost zu dritt oder zu viert nebeneinander sitzen könnte. Die Straße wird abgeriegelt, damit die Kolonne in einem Rutsch durchs Dorf kommt und sich kein Fremdfahrzeug dazwischen mogelt. In kaum einer der Karossen sitzen mehr Personen als nur der Fahrer. Ja. Fahrer. Keine einzige Frau. Eine Schlange antiker, schön glänzender Spritfresser voller sogenannter alter weiser Männer. Verflixt, ich kann es ja verstehen, dass man einen Narren fressen kann an einem schönen Kleinod. Dennoch ist dieses Bild des Amischlittenkorsos voller einsamer, meist grauhaariger Männer verstörend im Antlitz der Hitze des Tages. Mein Hirn kalkuliert, wie viele Liter pro Stunde durch die Vergaser jagen und wie viel der kleine Ausflug einsamer, im Verbrenner-Interesse geeinter Männer gesetzten Alters kostet. Der Himmel ist gelb.

(Zur Verlinkung in Lind Kernig – Zukunftsroman der Feinen Künste)

Wie ein Tagesschaugewinnler im Eins-komma-acht-fünf-neun-Benzin-Billigpreisland

Eins Fünfundachtzig Neun. Sag noch einmal einer, der Christian mit seinem Tankrabatt sei ein Depp. Funktioniert doch. Die Zwohundert ist fern. Ich mit dem Auto unterwegs, weil ich es doof finde, mit dem Fahrrad zur Tanke zu fahren und einen Fünfliterkanister voll zu machen. Irgendwo ist man ja auch Mensch und nicht Heiliger und dann schämt man sich sinnloserweise für Dinge, Verhaltensweisen, Bedürfnisse und dann tut man anders als man täte wie wenn man sich nicht dafür schämte zu tun wie man möchte.

Es ist kompliziert. Ich muss ohnehin jede Menge Zeug kaufen, Lebensmittel, Getränke, besagtes Benzin für den Balkenmäher, um dem überbordenden Gras auf dem einsamen Gehöft zu Leibe zu rücken. Da ist Auto sicher angezeigt. Ach Auto, du wunderbares Allheilmittel! Alleine die Vorstellung, wie man das machen könnte, per Fahrrad, im einen Laden jede Menge Zeug zu kaufen, das man auf dem Fahrradanhänger unterbringen könnte und es dann unbewacht vor dem anderen Laden zu lassen, in dem man auch einkaufen möchte. Bei all den Schurken, die sich draußen in der Welt herumtreiben.

Wir sind ja so was von am Sack, wir Menschen. Ich bin echt froh, wenn es mit uns vorbei ist und der Planet mal wieder Ruhe schöpfen kann. Man seine Dinge draußen stehen lassen kann, ohne Angst zu haben, dass sich jemand daran vergreift. Die Türen haben keine Schlösser in meiner neuen Welt, dann, wenn wir endlich getilgt sind von dem Planeten. Das wird ein feines Ländchen werden, denke ich, in dem die Wesen die Augen aufmachen, bevor sie einen Schritt vorwärts tun, damit sie die Schnecken sehen und auch alles andere Getier und die Blumen … die Schnecken sehen und ihre Füße im Zaum halten, mit denen sie sie achtlos zertreten würden. Die Schnecken, die Ameisen. Alles, was kreucht und zertretbar ist auf diesem Planeten, kann dann endlich aufatmen, wenn diese Trampel, wir, gegangen sind.

Zuerst fahre ich mit der Karre mal in den Getränkeladen, eine Kiste Bier kaufen. Gut möglich, dass das Benzin später noch billiger wird. Man sagt, gegen Abend sinkt der Preis, weil alle vor der Tagesschau hocken und sich realen Schrecken reinziehen. Da will niemand mehr tanken und dann kann man ja den Preis senken. Ich bin ein Tageschaugewinnler, denke ich. Es ist kurz vor acht, die Bierkiste ist jetzt mein und nebenan im Lebensmittelladen kaufe ich auch noch allmögliches Zeug, denn die Tagesnachrichten haben noch nicht begonnen im 1,859 Benzin Billigpreisland. Ich wette auf 1, 799, ich Tollkühn, ich Depp. Auf dem Rückweg vorbei an der Zapfsäule, kostet die Brühe immer noch 1,859. Auch recht. So ‚billig‘ war es schon lange nicht mehr. Ich brauche ja auch nur fünf Liter. Also schraube ich den Plastikkanister auf, stelle ihn neben die Zapfsäule. Stecke die Karte in den Automaten, befolge die Anweisungen, gebe die Geheimzahl an, tippe Okay und nix passiert. Die Okaytaste funktioniert nicht. Egal wie fest ich drauf drücke. Ich könnte sie mit der Zunge ablecken und sie würde nicht funktionieren. Andere Karte, gleiches Spiel. Die Uhr tickt. Die Minuten vergehen. Vielleicht fällt ja der Preis, während ich mit dem Automaten ringe, denke ich, sorge mich gleichzeitig um die Konsistenz der Karten. Mit Geld habe ich es nicht so und vielleicht hat sich hinter meinem Rücken etwas auf dem Bankkonto abgespielt, Übles, was mich kreditunwürdig macht, aber vielleicht ist nur der Okaysensor der Zapfsäule kaputt? Es ist spät. Die Leute sind daheim und martern sich mit den Abendnachrichten, alle Säulen frei, also laufe ich mit dem Kanisterchen rüber und probiere das andere Terminal aus. Alles bestens. Karte, Geheimzahl, Technik, Zapfsäule. Nur der Preis steht mittlerweile bei 1,889.

Fuffzehn Cent für einen bärtigen Kerl mit dunklen Augen irgendwo in einem Büro im höchsten Gebäude der Welt, mit Blick auf die aufgeschütteten Inseln im Persischen Golf, denke ich mir. Ein kleiner Preis für einen Ölmulti, eine bittere Niederlage für einen kleinen, knausernden, rechnenden Konsumenten wie mich. Herrjeh. Ich tanke.

Zweifellos eine banale Sache, über die ich da schreibe, die mich auch nicht sehr aufregt. Ist mir eigentlich egal, ob es fuffzehn Cent mehr oder weniger kostet und ob der Automat mich ‚absichtlich‘ so lange hingehalten hat, bis der Preis endlich ’stimmte‘.

Ich hab meinen Stoff. Und genau darin liegt unser gemeinsames großes Problem. Wenn wir unsere Bedürfnisse erfüllt sehen, egal, ob es hakt, ob wir zufrieden sind mit dem Handel oder nicht, aber wir wurden befriedigt in dem was wir wollten, dann kehren wir der Welt den Rücken, machen ein Siegel über alles Miese, was wir erlebt haben (im Fall eine Verzögerung durch einen Bankautomatismus und lumpige fünfzehn Cent mehr) und sagen, gutso. Millionenfach drehen wir abgefüllt abends den Zapfsäulen den Rücken und sagen uns, macht nix, sind ja nur fuffzehn Cent. Hauptsache, der Balkenmäher schnurrt und ich werde dem Gras im eigenen Garten Herr.

Wir sind vereinzelt. Wir sind alleine. Wir sind Gegnerinnen und Gegner an den Zapfsäulen dieses Planeten. Wir würden nie auf etwas verzichten, um vielleicht so etwas wie Solidarität zu üben mit unseren Mitmenschen, tankst du nicht, tank‘ ich auch nicht, lass die doch verhungern auf ihrem Bohrloch – wenn alle gleichzeitig verzichten, hat der Händler ein Problem. Einzelne können aber nichts gleichzeitig. So einfach ist das. Fuffzehn Cent, ach und was sind schon fuffzehn Cent?

Ich habe meine fünf Liter jedenfalls. Und ich werde Unheil stiften damit. Das ist klar. Seit Anbeginn der Zeit wurde nie eine Wiese gemäht, in der kein einziges Lebewesen zu Tode kam. Schnecken, Insekten, Blindschleichen, Mäuse.  Doch das ist eine andere Geschichte.

 

 

Das Hohelied des Null-LeserInnen-Blogs

Last Exit Weblog. Ich denke, ich fürchte, ich hoffe, ich bin auf der richtigen Spur. Zurück zu den Wurzeln im Anbeginn des weltweiten Netzes. Als der Mensch, im Fall ich, noch frei war und sich nicht bis in den letzten Winkel seines Denkens in den sozialen Medien verirrte. Dieses irre Fraktal aus Ansichten, Meinungen, Bekundungen, dieses Machwerk sich selbst ausschmückender und somit unauthentischer Lebensläufe. Das ist doch alles nicht echt!

Nach der Reise rund um Bayern: Facebook auf, um zu reagieren auf die automatisch durchgereichten Blogeinträge. Unterwegs wollte und konnte ich Facebook nicht öffnen. Warum ich dennoch dort poste und Mitglied bin? Es sind die Menschen. Manche Menschen kenne ich nur auf Facebook. Deshalb bin ich da. Auch da. Manche Menschen sind nur auf Whatsapp erreichbar und so weiter und so fort und deshalb sind wir eben auch bei und so weiter und so fort.

Ich hatte vor vielen Jahren einmal gesagt, ein Mensch, ein Blog. Das war eine Zeit, in der man sich im Netz immer mehr verzetteln konnte, sich bei diesem und jenem Blog-Portal anmelden konnte, um zu publizieren, um der Gemeinde Inhalte beizusteuern und einen gemeinsamen Mehrwert zu schaffen. Myblog hier, TwentySix da, Antville jenerorts, Thumbler, WordPress … man konnte sich zig kostenlose Blogs anlegen. Doch wozu? Um des virtuellen Sternchens Willen? Blogger der Herzen und Likes? Letztenendes gewinnt die Plattform, die dir das Meiste zurückbringt. Kommentare, Herzchen, Daumenhochs und Sternchen. Glasperlen der Moderne allerorten und was dabei untergeht: Darum geht es doch gar nicht.

Ich propagierte das Null-Leserinnen-Blog. Die Königsdisziplin. Bloggen um des Bloggens willen. Egal, ob es überhaupt jemand liest. Die Frage, warum man in diesem Fall denn nicht in sein kleines, papierenes Tagebuch schreibt und gut ist, stand lange Zeit berechtigt, bis mir bewusst wurde, dass es sich um Erde handelt und um Saat. Der Kipppunkt zwischen ich publiziere, theoretisch ist es jedem Menschen der Erde möglich, den Inhalt aufzunehmen, weiter zu spinnen an einem Gedanken und dem ich schreibe es in eine geheime Kladde, die niemand sonst lesen darf, ist auch der Kipppunkt, bei dem es um bedingungsloses Wachstum geht. Im ersten Fall bringst du eine Saat aus, die ganz ohne Zwang entweder wachsen darf oder vergehen, wie das in der Natur eben so ist, bei der zweiten hegst du auf deinem privaten Balkon die Samen. Mag sein, dass deine Zimmerpflanze der Webpublikation eine Weile gedeiht. Aber die wird sich garantiert nicht vermehren. Die erstere hingegen hat wenigstens die Chance darauf.

‚Ein Mensch ein Blog‘ ging natürlich prächtig schief, seit ich diverse Projekte ausgekoppelt und in selbst gehostete Blogs gepostet hatte. Das ist etwas anderes, als jedem Trend hinterher zu laufen für ein paar Klicks mehr. Mittlerweile sind es etwas zehn verschiedene Blogprojekte, die ich größten Teils abgeschlossen habe. Zum Beispiel gibt es das Paminablog und das Erdversteck als verschiedene Saatgutlinien … und noch so ein paar Projekte. Das Hauptblog, der am besten und intensivsten bewirtschaftete Acker, ist und bleibt dieses hier, in dem du gerade liest. Hier laufen alle Spuren zusammen. Es ist die Saatgutbank meiner feinen Künste und der Bloggeratur sozusagen.

Kurzum, Facebook wieder zu. Es bereitet so ganz und gar keine Freude. Es verwirrt mich. Ich kann mich noch nicht einmal über die Statistiken freuen; ich weiß was von Glasperlen und ich kann sie von Diamanten unterscheiden. Facebook und Twitter werden dir nie Diamanten geben. Diamanten sind so selten wie gut gehegte, von Inhaberinnen geführte Blogs. Da kommste nicht einfach so ran. Die liegen nicht wie Sand am Meer. Noch nicht einmal wie Bernstein, die bestellste nicht containerweise in einer billigen Blogherstellerfabrik und vertickst sie zu Massen über den Telekanal.

Metablogging. Bloggen über das Bloggen. Halte dich zurück, Herr Irgendlink. Klar willst du deine Geschichte erzählen, aber du musst doch nicht erzählen, wie du die Geschichte erzählst wie du die Geschichte erzählst wie du … und allegorisieren auf die Allegorie der Allegorie … musste auch nicht.

Es ist jedoch ganz klar, dass im Vorfeld des zu entstehenden Großen und Reinen, einem Buch zum Beispiel, erst einmal jede Menge Material gesammelt und nebeneinander gestellt wird. Dann die Verbindungen suchen. Unsichtbares sichtbar machen, Gutes verstärken, nicht erwünschtes löschen. Womit wir wieder beim Garten sind. Dein Saatgut ausbringen, es düngen, gießen, hegen, die unerwünschten Pflänzlein ausrupfen, hacken, Schnecken fern halten, die Blattläuse, vergiss die Blattläuse nicht und ja, der Ansatz von literarischer Brennnesseljauche schadet nie.

Jede Menge Daten habe ich gesammelt auf der Reise /Bayern. Drei Kategorien: GPS-Tracks, Fotos, Texte. Alles in Rohform im Blog sichtbar. Fast alles. Manche Beiträge sind privat gestellt, weil sie noch nicht korrektur gelesen sind. Aber letztlich ist der Garten ‚UmsLand/Bayern angesät. Frühlingsstimmung. Viel Arbeit. Dass ich ein Buch daraus mache, sagte ich im gestrigen Blogartikel. Ja. Ich mache ein Buch daraus. Wie es aussehen wird? Das weiß ich, wenn ich sehe, wie sich die Saat entwickelt. Wahrscheinlich ein reines Textbuch, eine Art Reisebericht in Romanform mit einem kleinen Bildteil in der Printversion. Verlag? Vielleicht. Ich habe keine Lust, mir die Hacken wund zu laufen. Hier kommt der Null-Follower-Hassardeur in mir zum Vorschein. Der Sache an sich, Sache an sich, Sache an sich-Plärrer, der, der für die Nachwelt arbeitet, oder nein, noch nicht einmal, der, der sät um des Säens willen und sich am Wachsen (und auch am möglichen Vergehen) erfreut. Der auf eine späte Ernte hofft, aber nicht darauf angewiesen ist.

Wenn ich an einer Sache arbeite, entsteht manchmal eine Art Flow, in dem ich an der Sache auf immer weiter arbeiten kann, ohne, dass ich dabei erschöpfe oder Fragen stelle oder etwas wie Sinn darin suche. So kann ich stundenlang zum Beispiel glücklich Geschirr spülen, eine schmutzige Ecke auf dem einsamen Gehöft aufräumen, einen dreihundertfünfzig Kilometer langen Radweg durch Wälder radeln (Grünes Band, tagelang, nicht nur stundenlang), diesen Blogartikel schreiben, ohne mir Sorgen zu machen, ob ihn je jemand liest. Sobald er fertig ist und im Netz steht, ist er eine Saat. Wenn sie jemand liest und auch nur etwas mitnimmt, vermehrt sich die Saat. Gutso. Wenn nicht, bleibt die Saat einfach liegen. Im Gegensatz zu natürlichen Saaten, bleiben die künstlichen, digitalen so lange erhalten wie die Server laufen, wie die Blogadressen bezahlt werden, wie die Hosterinnen und Hoster (im Fall ich selbst) dies ‚er-tragen‘ können. Und so lange wie es Wesen gibt, die die Inhalte dekodieren können (im Fall welche, die die Sprache der Texte verstehen).

 

 

Hintergrund und Statistiken zu #UmsLand/Bayern

Ich habe eine statistische Nachbetrachtung zur Radreise rund um Bayern zusammengestellt. Sie ist zwar recht lang geworden, steht aber ‚für die Akten‘ hiermit offen im Blog. Wer nur Kilometer/Höhenmeter wissen möchte: Drei Abschnitte seit 2018, 2464/36065. Wer weiterlesen möchte, voilà:

Am Ende Statistik. Die letzten Tage, wieder daheim auf dem heimischen Gehöft, habe ich mit ‚Nacharbeiten‘ der Radreise rund um Bayern verbracht. Bilder, Texte und Tracks (die Ernteerträge der Reise) auf den PC backupen.

16 Reisetage liegen hinter mir. Vor knapp vier Jahren hatte ich das Projekt /Bayern am 29. August 2018 begonnen. Der erste Abschnitt führte von Osterburken ins Taubertal, entlang Bayerns Grenze (und auch mal jenseits in BaWü radelnd) bis nach Lindau am Bodensee. Acht Tage, 533 Kilometer. Fast die gesamte Strecke auf Radwegen.

Den zweiten Abschnitt startete ich am 15. Mai 2019 in Gestratz jenseits von Lindau, radelte 14 Tage lang 597,6 Kilometer entlang der Alpen, kürzte den ‚Zipfel‘, das Berchtesgadener Land zum Königssee, ab und fuhr via Rosenheim und Wasserburg den Inn abwärts, rüber nach Zwiesel im Bayerischen Wald. Geplant war eigentlich, die gesamte Runde zu beenden. Warum es nicht klappte? Das schlechte Wetter spielte eine Rolle und dass ich unterwegs im Glauben war, dass ich es in der begrenzten Zeitspanne sowieso nicht schaffen könne.

Dann kam die Pandemie. Ich hatte das Projekt aufgegeben. Zu umständlich und zu weit schien es mir, das Fahrrad wieder zur Einsatzstelle bei Zwiesel zu bringen, wo im Bayerischen Wald die Reise ihr Ende fand. Dennoch der Funke: Mit dem Auto könnte ich doch bis dahin … und was ist mit dem abgeschnittenen Zipfel? … Oder nochmal ‚Wurmloch‚ und die Sache von der anderen Richtung angehen? … Drei Jahre Grübelei. Drei Jahre totes Projekt. Schließlich drei Wochen Luft, abflauende Pandemie, unendlich oft geimpft und irgendwas muss man ja mal machen, zudem erinnerte ich mich des Zugs namens ‚Dachstein‘, Linie Saarbrücken-Graz, nicht umsteigen müssen, Halt in Homburg (mein nächst gelegener Fernbahnhof) und Rosenheim (dicht am abgeschnittenen Zipfel Bayerns. Vollstreckermentalität. Der alte Irgendlink ist zurück. Der Junge mit dem wehenden Haar, der sich bei Wüstwetter einst auf dem Overdijk in den Windschatten eines wuchtiger Holländers klemmte und ihm mit zwanzig Sachen gegen den Wind folgte, statt selbst im Sturm zu kurbeln und bei fünf Kilometern pro Stunde auf dem Deich zu ‚verhungern‘.

Das Leben ist oft nur einmal kurz anstrengen, einmal kurz über die eigenen Grenzen zu gehen, um auf einem nächst hören Level wieder in den gewohnten mahlenden Strom der eigenen Gangart zu kommen. Nicht immer. Es ist ein Schielen nach Gelegenheiten. Die Witterung aufnehmen. Günstige Momente abpassen und vor allem nie nie nie enttäuscht sein, wenn das Vorhaben scheitert oder sich keine Gelegenheit ergibt. Doch zurück zur Statistik.

Dritter Abschnitt, 17. Mai bis 1. Juni 2022, kein Ruhetag. Knapp fünf Stunden Zugfahrt und ab Rosenheim den Radwegen folgend. 16 Tage. 1293 Kilometer. Unzählige Höhenmeter. Bereinigt 17316 Hm. 91,67 ‚Mannsattelstunden‘. Das ist die reine Fahrzeit von Abschnitt drei. Bei den ersten Abschnitten weiß ich es nicht.

Ich schreibe bereinigt, weil Osmand nicht zuverlässig die Höhe trackt; habe daher in den letzten Tagen sämtliche Tracks (aller drei Abschnitte) in das wunderbare Online-Tool GPSVisualizer hochgeladen, um eine wahrscheinlich auch nicht exakte, aber etwas zutreffendere Höhenkurve zu berechnen.

Wir kommen also zu folgendem Gesamtergebnis:

Kilometer rund um Bayern 2424

Höhenmeter 36065 (der Wert ist nur annähernd exakt, falls jemand mal nachmessen möchte … :-)).

Also etwa vier mal den Mount Everest hinauf. Kleiner Exkurs in die phantasievollen Auswüchse des Extremradfahrens: Stichwort Everesting

Doch zurück zum Projekt #UmsLand/Bayern. Das Ziel, möglichst nahe der Landesgrenze auf Fernradwegen zu radeln war erstaunlich gut zu realisieren. Obschon es viele Waldwege und teils schwer fahrbare Schotterstücke hat. Die Beschilderung ist nicht immer gut, taugt aber meist. Das Spektrum bei solch einer langen Strecke entspricht in etwa dem Zustand der deutschen Fernradwegenetze, denke ich. Du musst mit allem rechnen. Du musst den Weg annehmen.

Die folgende Liste zeigt die benutzen Radwege (gegen den Uhrzeigersinn). Müsste man eigentlich nur noch beschildern und man hätte ein Zuckerstückchen wie die Rheinland-Pfalz-Radroute.

— 1. Abschnitt 2018 (per S-Bahn von Homburg/Saar nach Osterburken)

Skulpturenradweg (bis Rosenberg-Bronnacker)
Main Tauber Franken Achter (bis Königshofen-Lauda)
Liebliches Taubertal (bis Tauberrettersheim/Bayern)
Liebliches Taubertal (bis Rothenburg o. d. Tauber)
Romantische Straße (bis Schillingsfürst)
Wörnitzradweg (Dinkelsbühl)
Romantische Straße (bis Nördlingen)
Nördlingen-Dischingen (kein Radweg)
Donau Härtsfeld Radweg (bis Dillingen a. d. Donau)
Donauradweg (bis Ulm)
Illerradweg (bis Kempten)
Allgäu Radweg (bis Isny)
Isny-Brugg-Gestratz (kein Radweg)

— 2. Abschnitt 2019 (per Auto von Brugg AG nach Gestratz)

Bodensee-Königssee-Radweg (bis Füssen)
Via Claudia Augusta (bis Heiterwang)
Heiterwang-Plansee-Griesen (kein Radweg)
Loisachradweg (bis Eschenlohe)
Eschenlohe-Gachentodklamm-Walchensee (Mountainbikeweg (heftig mit Reiserad) bis Einsiedel/Walchensee)
Walchensee-West-Nord-Ost (bis Niedernach am Jachen)
Lengries-Jachenau-Walchensee Radweg (bis Wegscheid)
Isarradweg (bis Bad Tölz)
Bodensee-Königssee-Radweg (bis Raubling)
Innradweg (bis Passau)
Donauradweg (bis Obernzell)
Donau-Wald-Radweg (bis Jandelbrunn)
Adalbert-Stifter-Radweg (bis Haidmühle)
Sumava-Tour ((in Tschechien) bis Finsterau)
Nationalpark-Radweg (bis Frauenau)
Frauenau-Zwieselau-Zwiesel (kein Radweg)

— 3. Abschnitt 2022 (per Zug von Homburg/Saar nach Rosenheim)

Salinenradweg (bis Bernau)
Bodensee-Königssee-Radweg (bis Königssee)
Bodensee-Königssee-Radweg (bis Berchtesgaden (Bayern kriegt seinen ‚Zipfel‘ zurück))
Mozart-Radweg (bis Salzburg)
Tauern-Radweg (bis Tittmoning)
Wanderwege ((der Tauernradweg führt an der Stelle in Österreich auf der Landstraße) bis Tiefenau)
Benediktweg (bis Burghausen)
Wanderweg (bis Neuhofen)
Alz-Inn-Salzach-Runde (bis Bergham)
Bergham-Marktl
Zugfahrt Marktl-Mühldorf-Landshut-Plattling-Zwiesel
Regenradweg (bis Bayrisch Eisenstein)
Grünes Dach Radweg (bis Nentschau)
Vogtlandradweg / regional Hof 10 (bis Tauperlitz bei Hof)
Saaleradweg (bis Blankenstein)
Rennsteigradweg (bis Kleintettau)
Obermain-Franken-Tour (bis Haßlach bei Kronau)
Haßlach-Haig-Bächlein-Neundorf-Mitwitz-Hof-Horb-Leutendorf
Radweg Schilder Richtung Coburg (am Ehesten Burgenstraße) (bis Coburg)
Rodach-Itzgrund-Radweg (bis Rodach)
Rodach-Königshofen (bis Alsleben)
Fränkische Saale (bis Eyershausen)
Eurovelo 13 (Iron Curtain (diesem Radweg begegnet man entlang der ehemaligen Zonengrenze immer wieder. Er läuft oft auf gleicher Strecke wie die genannten Radwege) bis Irmelshausen)
Vom Main zur Rhön (bis Nordheim vor der Rhön)
Rhön-Sinntal-Radweg (bis Gemünden a. M.)
Mainradweg (bis Lohr a. M.)
Kahltal-Spessart-Radwanderweg (bis Kahl)
Mainradweg (bis Bettingen bei Wertheim)
Aalbachradweg (bis Würzburg)
Mainradweg (bis Ochsenfurt)
Gaubahnradweg (bis Bieberehren)
Liebliches Taubertal-Radweg (bis Tauberrettersheim)

Meine Lieblinge sind der Gaubahnradweg, der Rhön-Sinntal-Radweg (insbesondere der 26 Kilometer lange Abschnitt ‚Rhön-Express‘) und der Aalbachradweg aus Abschnitt drei. Wörnitzradweg aus Abschnitt eins, das wilde Stück zwischen Heiterwangersee via Plansee zum Isarradweg, sowie der Adalbert-Stifter-Radweg aus Abschnitt zwei. Sehr speziell sind die etwa 350 Kilometer Grünes-Dach-Radweg. Diese Stille. Die einsame und wunderschöne Gegend und die sehr großen Steigungen und Gefälle, gefiel mir sehr und war sehr anstrengend.

Hier geht es zur Projektkarte, die noch während der Reise durch Frau SoSo stetig mit Tracks und Bildern ergänzt wurde (Homebase-Prinzip). -> hier klicken zur Projektkarte

In der Karte kann man, der Übersichtlichkeit halber, verschiedene Ebenen ein- und ausblenden. So kannst du z. B. die grünen Bilder-Marker loswerden, um Ortsnamen und Route besser lesen zu können. Die Blogartikel des dritten Abschnitts werden in Kürze als Marker hinzugefügt. Die Artikel von Abschnitt eins (rot) und Abschnitt zwei (blau) befinden sich auf eigenen Ebenen.

Und wie geht es weiter, was ist der künstlerische Output?

Nun, es wird ein Tourposter geben mit den besten Bildern als Bildcollage wie für vergangene Projekte schon im  -> Shop zu kaufen.

Bilder des dritten Abschnitts werden, im Gegensatz zu denen des ersten und zweiten Abschnitts (noch auf iPhone 4s produziert) mit MirrorLab und Snapseed ‚geappt‘. Hier zeigt der Appspressionismus, wie eng Hardware, Software und Kunst miteinander verzahnt sind.

Schließlich: UmsLand wird ein Buch. Ob alle UmsLand-Projekte gemeinsam in ein Buch kommen, oder nur Bayern, weiß ich noch nicht.

Wurmloch ins Saarland – von Bronnacker über Osterburken nach Seckach #UmsLand/Bayern

Habe ich etwas gespürt, als ich mich Tauberrettersheim näherte? Glück? Erleichterung? Stolz? Müdigkeit? Erschöpfung? Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, die kitzelnden Gefühle unter der Schädeldecke zu identifizieren, zu benennen. Das war in den fünfzig Jahren zuvor nicht so. Äußere Reize kann ich mittlerweile ganz genau im Kopf lokalisieren als ein kitzelndes Etwas, das je nach Bereich im Kopf, Wohlgefühl oder Unbehagen auslöst. Angst, Zweifel, Lust und Freude, reduzieren wir es doch einfach auf zwei Zustände, gut und schlecht, die sich im Kopf abspielen und die Nervenbahnen hinunter in den Körper, bzw. hinauf in den Kopf funken. Eine Art Ganzheit des Körpers, rational betrachtet von einem im Sattel bergauf bergab wiegenden Lebewesen, das sich per Muskelkraft entlang von Menschen für Menschen definierter Grenzlinien bewegt und versucht, etwas über das umradelte Gebilde herauszufinden.

Richtung Bronnacker zu meinem gestrigen Übernachtungsplatz, hatte ich Bayern schon längst verlassen, kurbelte seit zwanzig dreißig Kilometern jenseits der Grenze auf das Wurmloch namens Osterburken hinzu. In Bad Mergentheim beging ich den Fehler, den Flussradweg entlang der Tauber zu verlassen um einer zehn fünfzehn Kilometer kürzeren Strecke direkt nach Boxberg zu folgen. Hast du denn nichts gelernt, Herr Irgendlink in all den Lebensjahrzehnten? Gemeinsam mit Schulfreund I. plante ich vor 35 Jahren eine Autofahrt nach Spanien. Indem wir eine gerade Linie auf der Landkarte zogen, gerieten wir, es war eines Winters, in einen veritablen Schneesturm im Zentralmassiv weit abseits der Rhônestrecke.

Den Radwegen folgend bis Lauda-Königshofen entlang der Tauber, dann dem Bach Umpfer folgend bis nach Boxberg, hätte mir fünf Kilometer schnell befahrene Landstraße über zwei zackige Kuppen erspart.

Hinterher weiß man es.

Ich schlief prima auf dem feinen Wieslein im Garten mit den uralten riesigen Apfelbäumen meines Gastgebers C. Am Abend hatte er mich, mit den Armen winkend ins Areal dirigiert und mich vor dem Rasenmähroboter gewarnt. Jenseits dieser Linie kannst du das Zelt aufbauen. Davor ist Rasenmäherland. Ich verstand das wie ‚Todeszone‘. Bloß nicht da, sonst kommt er nachts und frisst dich. Vermutlich ist es aber die Sorge, ich könnte mit den Heringen die verlegten elektromagnetischen Schleifen unter der Grasnarbe verletzen. Jenseits dieser Linie und ein Meter fünfzig vom Rand des Gartens solle ich das Zelt nicht aufbauen. Da hatte ich aber längst mein Plätzchen auserkoren zwischen zwei uralten, hohen Apfelbäumen mit Blick übers weite Land südwärts. Man könne fünfzig Kilometer weit schauen bis nach Waldenburg, erklärte C. Das ist nicht weit von Schwäbisch Hall entfernt.

Grenzen. Orte, die man nicht kennt, die man sich erradelt, die somit erst Gestalt annehmen. So war es mit Burghausen.Vor knapp zwei Wochen. Bevor ich in die auf einem beburgten, Kilometer langen Felsen an der Salzach liegende Stadt kam, war sie nur einer jener vielen Namen, die mit einem Punkt auf der Landkarte markiert sind. Erst als ich die steile Straße zur Burg hinauf schwitzte wurde der Ort überhaupt wahr. Ich blickte eher zufällig über die Schulter, sollte man öfter mal machen, macht man viel zu selten, und erspähte zwischen Bäumen einen Blick runter zur Salzach, die sich nahe Burghausen ihr Bett tief in den bröseligen Fels gefressen hatte. Sieht fast ein bisschen aus wie Illerdurchbruch, dachte ich. Mein Gott, vier Jahre ist das nun schon her. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so sehr an einem Projekt festbeißen kann.

Wenn ich eine gute Eigenschaft habe, dann ist es wohl die Ausdauer. Langsam bin ich. Manchmal etwas faul, aber ich lasse selten los, wenn ich etwas erreichen will. Nur so gelang nach über zwanzig Jahren die Nordkap-Erradelung und die ‚Straße nach Gibraltar‚.

Doch zurück zu den Grenzen und den Wurmlöchern, die sie untergraben könnten, eventuell. Ich liebe Rasenmähroboter. Falls ihr mal einen Menschen seht, der ungewöhnlich lange vor einem, von einem Rasenmähroboter gehegten Vorgarten steht und der das Maschinchen beobachtet: Das bin ich. Über die Funktionsweise eines solchen Geräts hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Hatte allenfalls zum Spaß phantasiert, dass Rasenmähroboter irgendwann von ‚zu Hause‘ abhauen und sich nachts heimlich mit anderen Rasenmährobotern treffen … oder etwas realistischer gedacht, dass sie per GPS funktionieren. Dass unterirdisch Grenzwälle um das zu hegende Arreal gelegt werden in Form von Induktionsschleifen, lernte ich erst von C. Die Geräte messen wohl stetig ihren Akkustand und wenn ein gewisses Level unterschritten wird, treten sie die Reise an zur Ladestation, wo sie sich andocken und den Akku aufladen. Das Bild von Elefanten, denen man ja nachsagt, dass sie sich am Ende ihres Lebens auf den Weg zum Elefantenfriedhof machen, kommt mir in den Sinn. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um eine Legende handelt. Es gefällt mir einfach.

Früh um acht breche ich bei C. auf. Da er sich womöglich mit Covid19 infiziert hatte, hielten wir, stets draußen, gehörigen Abstand.  Die Erkältungssymptome, die er zeigte, könnten allerdings auch eine ’normale‘ Erkältung sein, so mutmaßte er. Seine Tochter habe ihm vor einigen Tagen draußen auf der Terrasse die Haare geschnitten. Blanken Kopf mit feuchten Haaren in Zugluft, das habe er noch nie gut weggesteckt.

Punkt neun Uhr treffe ich @Odenwaelderin im Café Köpfle gegenüber des Bahnhofs in Osterburken. Wir plaudern über die Reise, den Odenwald, das kleine regionale Büro des SWR, das sie in der Gegend als Redakteurin betreut. Eine weitere Twitterfeundin, die es ins ‚echte‘ Leben verschlägt, man sich persönlich kennenlernt. Sie lädt mich zum Frühstück ein. Es gibt ‚Köpfle-Frühstück‘.

In Osterburken fährt derzeit kein Zug, erklärt sie mir. Man muss mit dem Schienenersatz per Bus nach Seckach. Oder radeln. Etwa zwölf Kilometer. Eine 16 prozentige Steigung übern Berg (später entdecke ich auf der Open Cycle Map, dass es den Bächen folgend einen Radweg gegeben hätte. Den Skulpturenradweg). Der Odenwald will mich nicht loslassen. Ich schiebe auf, rolle ab nach Adelsheim. Treffe einen alten Mann mit Rollator mitten in den Wiesen auf Geröllweg. Ob alles in Ordnung ist? Ja, alles in Ordnung, er spaziere hier öfter. Man weiß ja nie. Besser einmal mehr nachgefragt, als einmal zu wenig, man ließe jemand Hilflosen zurück.

In Seckach starten die Züge wie gewohnt. Ohne Umstieg bis zur Endhaltestelle nach Homburg. Der erste Wagen sei derjenige, der durchfährt, der zweite werde unterwegs abgekoppelt, erklärt mir der Zugführer. Wo der Zug getrennt wird, müsse er noch nachschauen. Scheinbar ist nicht immer alles gleich, trotz stündlicher Zugfahrten.

Im Bahnhofsaufzug verkeilt sich zu guter Letzt noch mein Fahrrad. Das Ding ist wirklich winzig und scheinbar sind die Aufzüge von Gleis zu Gleis unterschiedlich groß. Bei Gleis eins aufwärts passte das Fahrrad noch bestens. Runter zu Gleis zwei verkeilte es sich. Mega-Piepsorgie aus den Lautsprechern. Schon sah ich mich auf immer in diesem Aufzug gefangen. Der Odenwald will mich nicht gehen lassen. Ich sollte UmsLand/Baden-Württemberg angehen, denke ich, schwitze ich, hoffe ich, aus dem halbgläsernen Kasten rauszukommen. Das Radel ist dermaßen verkeilt, dass ich es nicht einmal hochkant stellen könnte, um die Spannung zu verringern. Komme schließlich frei. Überwinde diese letzte Grenze, überwinde die nächste letzte Grenze. Sitze im Zug, der sich von Station zu Station füllt und leert und füllt und leert. Neben der wunderbaren Landschaft entlang von Jagst und Neckar läuft eine Szene aus dem Film ‚Die Zeitmaschine‘: Im Schnelldurchlauf vergehen die Jahreszeiten über tausende Jahre. So ähnlich blitzert es durch die Zugfenster. Kommen und gehen. Grenze um Grenze um Grenze. Nur in der Rheinebene ist der Zug recht voll. Es ist der erste Juni. Ich fahre mit dem Neun-Euro-Ticket. Die befürchtete Überlastung ist nicht zu spüren. Der Zug zurück, durchs Wurmloch ins Saarland, fühlt sich genauso ‚voll‘ an wie der Zug aus dem Saarland, durchs Wurmloch nach Bayern vor vier Jahren.

Geschrieben am Pfingstmontag, 6. Juni, rückdatiert auf den 2. Juni.