Und Schlaf nach Gutdünken

Erkenntnis gestern beim Rumgeistern im Atelier: Der Weg der Anderen, von dem ich ja schon sehr lange weiß, dass er nicht meiner ist, kann gegangen werden und ich bin ihn auch oft genug gegangen. Es fiel mir kein eigener Weg ein, der gangbar wäre. Stehenbleiben ist auf Dauer keine Option. Dass es einen eigenen Weg gibt, ist zwar nicht bewiesen, aber ich glaube daran. Wie also finde ich ihn?

Ganz einfach: Der eigene Weg kommt zu dir. Du kannst ihn nicht erzwingen, nicht herbei zaubern. Du kannst ihn nicht parallel zum Weg der Anderen erschaffen, ihn pflastern und nutzen. Er ist unsichtbar immer vorhanden, bloß wo? Das kleine Teufelchen versteckt sich wie eine Ameisenkolonie, die unter den Fundamenten deines Hauses einen Staat errichtet hat und einmal im Jahr durch Ritzen in die Küche kommt zum Plündern.

Meine Arbeit ist Tanz geworden. Zwischen Aufräumen und Entrümpeln kreiere ich neue Kunstwerke und nehme dabei keine Rücksicht auf allfällige Dilletanz. Weiter weiter weiter. Es ist wie Radfahren: Wenn es nicht schnell geht, geht es eben langsam und im Notfall musst du schieben, aber jeder Meter Artist in Motion bringt dich ein Stück weiter.

Selbst die Ruhepausen, die ich im von Journalist F. geerbten Ledersessel verbringe und von dem aus ich mein Tagwerk bestaune, sind produktiv. Dann bewegt sich zwar nicht der Körper, dann hängt sich kein Bild, dann drappiert sich kein Objekt, aber das Hirn geht auf Wanderschaft. Ich schlürfe Kaffee, schlürfe Saft. Durch die Tür an der Südwand strömt ein heißer Wind. Ich sollte sie schließen. Jetzt nicht, Junge, Mañana murmele ich jack-kerouacesque, Mañana. Jetzt ist Ruhe. Das Hirn schreibt Artikelbeschreibungen für den Online-Shop und es terminiert ein bisschen vor sich hin, dann und dann das und das fertig, aber gemach, Junge. Das Hirn tut das ohne Zwang und aus freien Stücken.

Das Hirn ist gändig. Es treibt mich nicht an, setzt mich nicht unter Druck, so wie früher. Ach und was war das früher für ein nervenaufreibender Stress mit Ausstellungen, weil alles an einem zerrt und man müsste ja die Presse informieren und diesen und jenen auf die Einladungsliste setzen und dann einen riesigen Verteiler bedienen. Nein! So nicht. Mein Weg ist ein anderer. Während ich arbeite und mir Gegenstände zwischen die Finger kommen, die mit Erinnerungen geladen sind, fallen mir auch die Menschen ein, die hinter den Gegenständen stehen. Das ist der Moment, in denen ich diese Menschen kontaktiere. Eine Mail schreibe und zum Atelierfest einlade, persönlich und an die jeweilige Erinnerung geknüpft, die stark im Strom der Zeit treibt. Jetzt lade ich Freund XY ein, hab ich seinen Signalkontakt? Von weit kommt er, ich schreibe, wenn er vorbei schauen möchte, kann er ja ein paar Tage bleiben und sich neben der Kunst auch die Gegend anschauen. Im Garten zelten oder im Atelier auf dem Gästebett leben.

Und jetzt treffe ich gleich Freundin S. mit dem abben Bein. Dann hole ich sie mal ab ins Atelier. Zack geht der Körper aus dem Pausenmodus und ich setze eine Idee zur Verbesserung der Barrierefreiheit um. Schnell ist eine Rampe gebaut für diese eine Treppenstufe, die es zu überwinden gilt. Zwischendurch noch ein Objekt gestaltet, ein Bild gehängt, etwas repariert.

Und Schlaf nach Gutdünken.

Jaja, so muss das. Ganzheitlich irgendwie; die Blogbeiträge laufen auch nebenbei; sie gehören dazu und wartet erst einmal, wenn ich die uralte Schreibmaschine auspacke, was ich damit für tolle Dinge anstellen kann.

Ich muss Kohlepapier kaufen.

Der Kempf’sche Waldbrand und die Irgendlink’schen Reliquien eines Europenners

Ich habe den unendlich bequemen alten Ledersessel, den ich von Journalist F. geerbt hatte, im Atelier an der Frontwand aufgestellt. Hin und wieder, wenn eine Pause nötig ist, setze ich mich hinein, ruhe und lausche der Musik, die auf der antiken Stereoanlage dudelt. Alles hier drin ist käuflich, dachte ich. Alles muss raus … nein, falsch, raus muss hier gar nichts, aber alles ist Produkt. Alles kriegt eine Nummer und einen Preis und es wird im Shop gelistet werden. Tausende eigene und fremde Kunstwerke sind in dem etwa 100 Quadratmeter großen Raum versammelt, der einmal ein Rinderstall war. Nun fällt das merklich herbstlich werdende Licht des noch immer wuchtigen Sommers durch die Südfenster und akzentuiert mal hie, mal da ein Kunstwerk. Die Flasche „Waldbrand 2014“ der Brüder Kempf (auf der Seite bissel runterscrollen) steht auf einem der Lautsprecher. Als subkultureller Künstler ist man nicht einfach Produzent und Umsetzer eigener Ideen, sondern automatisch auch Kunstsammler. Schätze liegen hier rum. Die Kempfs waren ihrer Zeit voraus, denke ich, recherchiere im Netz und werde fündig – die Installation im Link ist allerdings von 2018.

Die Idee der Installation „Waldbrand“ basiert zuerst auf einem eher witzigen Wortspiel, das die Doppeldeutigkeit des Begriffes Brand zunutze macht.

Warum steht auf meiner Flasche 2014? Sie war Teil einer Performance, die am 6. 12. 2014 stattfand, steht hinten drauf. In meinen Besitz gelangte sie durch Schenkung, glaube ich. Ich hatte beim Galeristen etwas gut und er zahlte in Kunst. So war das glaube ich.

Eine Ecke im Atelier ist Journalist F. gewidmet. Nachdem ich seine Kunstsammlung vor der Vernichtung gerettet hatte und die Erbin sie nicht wollte, hatte ich sie in Kisten eingelagert. Den „Fliegenden Holländer“, ein Ölschinken, habe ich mal probeweise gehängt. Aber er ist zu wuchtig. Übers Gästebett hängen will ich ihn allerdings auch nicht. Das bringt womöglich Unglück, weil der Holländer auch über Journalist F.s Pflegebett hing. Ich bin manchmal etwas komisch mit den Gedanken.

Früh dran bin ich mit dem Cleansweepen des Ateliers. Noch über einen Monat Zeit bis zum Tag der offenen Tür. Ich habe aber auch viel vor. Die Räumaktion ist Teil meines „Rückbaus“. Mich selbst rückbauen. Mein Künstlerleben auf elegante Weise sortieren. Altes revue passieren lassen, meinen Frieden machen. Ich weiß nicht. Es fühlt sich gut an. Auch das vermehrte Bloggen der letzten Tage ist gut und wichtig und Teil des Aufräumens.

Da sitzt ein zufriedener Mensch auf dem alten Ledersessel und schaut in sein Leben und der Blick streift das Leben vieler Kolleginnen und Kollegen, denen er einmal begegnete.

Der erste Blick ins Atelier ist ungemein wichtig. Wenn du zur Tür rein kommst, muss da etwas Ungewöhnliches den Besucher, die Besucherin abholen, ihn oder sie hineinsaugen und Lust machen, zu stöbern. Ich versuche es mit der Postkarteninstallation, die in einem Duschvorhang aus Klarsichtfolie präsentiert wird. So kann man Vorder- und Rückseite beschauen, wenn man möchte. Hänge die Installation an der rostigen Eisenschiene auf, die einst den Greifarm für den Mist führte, der von den Rindern abgesondert wurde. Wieviele Tonnen Kuhdung wohl in den 16 Jahren, in denen der Hof als Bauernhof diente, in meinem Atelier angefallen sind? Könnte man damit einen Haufen so hoch wie der Potzberg bauen? Wieviele Rinder wurden hier großgezogen, geschlachtet, verwurstet und gegessen. Der Raum trieft vor Blut. Und wie ich über den Misthaufen nachdenke, fällt mir die örtliche Mülldeponie ein. Ein riesiges Areal, gleich hier um die Ecke, das in einem idyllischen Tal gelegen ist. Nein war, denn in den zwanzig Jahren, in denen ich nun schon in der Gegend wohne, wurde das Tal zugeschüttet und mehr noch, es entstand ein kleiner Berg. Es ist eine Asbestmülldeponie. Unter anderem. LKW aus aller Welt fuhren hier vor.

Zurück ins Atelier. Also die Postkarteninstallation kann so nicht bleiben, sind wir uns da einig?, sinniere ich murmelnd. Egal wie ich sie hänge. Die der Sonnen zugewandte Seite spiegelt zu arg und die abgewandte Seite ist schwer anzuschauen wegen der Gegenlichtsituation. Der Duschvorhang muss eher da hinten zum Postkartentischchen, denke ich und den Holländer hänge ich vielleicht über die Tür?

Inspiriert durch die Kempfs mit ihrem Waldbrand lege ich meine Reifenstücke, die Reliquien eines Europenners als Installation auf den Boden. Mitten in den Raum. Es sind noch etwa dreißig Exemplare der kleingeschnittenen, auf Holztafeln geschraubten, abgefahrenen Hinterreifen der Reisen rund um die Nordsee (2012) und zum Nordkap (2015) vorhanden. Einst waren sie Dankes-Kunstwerke für die Unterstützerinnen und Unterstützer der Liveblogprojekte.

Dass meine Kunst ephemer ist, also stattfindet und spurlos verschwindet, weil es künstlerisch dokumentierte Reisen sind, stimmt gar nicht, wird mir bewusst. Spuren sind immer und überall und man muss sie nur lesen. Jaja, ich glaube, mein Atelier ist ein Buch geworden und hey, wenn wir schon übers Verschwinden nachgrübeln – ich hocke Kinn reibend noch immer im Ledersessel – da wo die Postkarten jetzt hängen, hänge ich das alte Reiseradel auf. Mehr noch, es wird ein Kunstwerk. Jemand der oder die schlau ist, kann es kaufen und später, wenn ich tot bin bei einem Kunstauktionshaus versteigern. Wenn schon Elvis‘ Unterhose Millioen bringt, wie ist das dann erst mit einem Reiseradel, das zum Nordkap und nach Gibraltar und rund um die Nordsee gesteuert wurde und als mobiles Blogbüro diente? Ich komme ins Schwärmen, jaja, das mache ich wahr: Ich stopfe die Radeltaschen mit Papier aus und hänge das Ding an die Mistschiene so wie es in echt, in Reise-Situ aussieht, das ist erst schon mal ein wunderbarer Hingucker, dem das Gegenlicht nicht schadet. Mit Alles! Ungeputzt und mit Dreck und mein Hirn surrt plötzlich, schließlich bin ich Konzepter: Teil des Produkts ist dessen Auslieferung. Wenn jemand das Radel kauft, kriegt er oder sie eine Liveblog-Tour gratis dazu. Ich werde mir zehn Tage Zeit nehmen und mit dem Radel zum Empfänger, zur Empfängerin radeln, darüber bloggen, filmen und Ton aufzeichnen ganz wie früher in Echtzeit und wenn ich am Ziel bin, fahre ich per Zug nur mit dem was ich am Leib trage wieder Heim. Radel und Gepäck und alle Daten bleiben beim Kunstsammler, bei der Kunstsammlerin. Schon preise ich aus: 2000 Euro? Nee, zu billig, wenn da noch zehn Tage Liveblogarbeit daran hängen. Da ist ja die Summe der Tagessätze schon mehr wert. Ganz zu schweigen von den Spesen … 5000, oder besser 4999, das klingt mehr nach Schnäppchen? Ach komm, ich machs fünfstellig und reduziere den Preis dauerhaft im Blog. Ich Fuchs, ich gewiefter kleiner Kunstfuchs, ich,

Okay, ich höre nun mal auf mit dem Blogartikel. Ich finde, er müsste überarbeitet werden. Normalerweise würde er als „privat“ im Blog landen, aber ich übe mich ein bisschen, in die ungenierte gute alte Liveschreibe zurück zu finden.

Das Atelier ist am 19. und 20. September 2026 geöffnet. Kommt alle! https://www.offene-ateliers-bbkrlp.de/alle-ateliers-2026 (Suchwort irgendlink).

Langstreckenwille v. Kurzstreckenwille

Die Nacht war löchrig, ich dennoch schläfrig genug, um wieder wegzudämmern. Der Mond schon nur noch halb oder gar weniger, merklich kühler draußen, obschon immer noch zu warm. Gegen Morgendämmerung hatte ich wieder den Impuls, mich aufs Radel zu setzen und drauf los zu radeln. Alleine, es fehlt das Ziel.

Ich muss beginnen zu unterscheiden zwischen Langstreckenwillen und Kurzstreckenwillen, denke ich; da klingelt was. Drei Jahre her als Freund Journalist F. im Koma lag und ich die schwere Aufgabe hatte, für ihn seinen medizinischen Willen durchzusetzen. Ich glaube, damals gab es zwei oder mehr Irgendlinks, die miteinander zeterten, zweifelten, erratierten, und zudem nach Außen mit einer vierköpfigen Ethik-Kommision debattierten. Gestern Abend saß ich mit der Mutter im Garten und da kam es wieder hoch, das damals, weil wir uns über das Ende unterhielten, das unweigerlich kommen wird und wie wir, besser gesagt wie sie sich das für sich vorstellte und ich dachte, ja, da müsste ich oder wer auch immer als Entscheidende oder Entscheidender vorne steht für den Fall, der hoffentlich niemals eintritt, ähnlich herangehen. Nüchtern, funktionierend, eigene Emotionen hintanstellend.

Wie sie mir gegenübersaßen, die Ethikleute, Chefarzt, Oberärztin, Pfarrer und Schlichter obschon wir in einer Runde saßen im kleinen Büro des Chefarztes und ich dennoch nur Gegenübers sah, in deren Kern der Chef stand, der mich immer wieder manipulieren wollte, dass doch alles prima gelaufen sei mit der OP und der jede meiner Fragen ignorierte oder abblockte, weil er nicht spekulieren wolle. Ob es andere Fälle gäbe, in denen das „so“ verlaufen wäre wie mit Journalist F. zum Beispiel. Darüber könne er nichts sagen. Mit „so“ meinte ich, das Herz schlägt, aber der Mensch liegt im Koma, wird und wird nicht wach und das hat der Chefarzt gewiss verstanden und ich dünkele, er muss eine Statistik haben, in der er genau sehen kann, der und der erwachte, die und die dämmerte dahin, andere sind gestorben und Journalist F. wäre im Kuchendiagramm bei denen, die im Koma sind und was passierte denn mit denen, wurden die je wieder wach oder liegen sie wo rum. So hatte ich die Frage zwar nicht gestellt. Aber gedacht und ich denke, er wusste auch genau, was ich meine und was ich wissen will und ich unterstelle ihm, dass er die Information absichtlich verweigerte. Es muss doch eine Erfahrung geben? Die Operationen dieser Art werden doch routinemäßig gemacht. Wie viele Menschen gingen „repariert“ daraus hervor, wie viele lagen soundso lange im Koma, wie viele tun das noch immer? Der Chef und ich waren nie Freunde. Der Schlichter schlichtete, die Oberärztin tat mir leid unterm herrischen Druck des Chefs und der Pfarrer seelsorgte zwischen den Zeilen, während ein paar Flure weiter Journalist F. an den Maschinen hing. Irgendwann redete nur noch die Kommision. Teils Dinge, die ich aus Fachwortunkenntnis nicht verstand. Es schimmerte durch, dass ich etwas unterschreiben solle, damit sie Journalist F. loswerden könnten, das Bett frei würde, er komatös in eine Frühreha gebracht würde. Sie debattierten ruhig, bis sie nach gefühlt endloser Zeit feststellten, dass ich nicht mehr mitredete. Da wurde mir die Macht des Schweigens bewusst und wie unheimlich es auf die Mitmenschen wirken kann und ich wurde mir ein kleines Bisschen meiner Selbst bewusst. Wie ich durchs Leben gehe und wie ich wegen meines still seins die Menschen offenbar verunsichere. Schon in der Grundschule bemerkte die Lehrerinnenschaft bei Elternsprechtagen regelmäßig, dass ich zu still sei. Unheimlich still! Ein großer Schweiger nannte mich der Musik- und Sportlehrer einmal.

Beklommen schauten sie mich an und der Schlichter sagte, ich glaube fast wörtlich, Sie sagen ja gar nichts, was meinen sie dazu und ich räusperte mich, ich habe alles gesagt und es gibt dem nichts hinzuzufügen. Dann raunten sie miteinander und es fiel der Satz, dann läuft es auf einen Rechtstreit hinaus. Ich sagte nichts.

Wir fünf hatten uns über zwei drei Wochen mehrfach getroffen zu einem Gespräch. Im Grunde, das ist bis heute geblieben und das ist mein Ding, ging es für mich darum abzuwägen, ob ich genau im Sinn von Journalist F. spreche, wenn ich sage, lasst ihn bitte gehen, er will das so und die Zweifel, die man mir streute waren unterschwellig teils mit Vorwürfen und Gewissens-Kitzeleien verbunden: Denken sie doch mal an sich, können sie mit der Entscheidung auch noch in einem Jahr leben? Muss ich, dachte ich, sagte ich aber nicht, sondern ich schwieg. Weil es ja meine Sache ist, das mit mir abzumachen.

Hier kommt die eingangs erwähne Sache mit Langstreckenwillen und Kurzstreckenwillen aufs Tapet. Ich glaube es war der Moment, in dem ich die beiden Willen erkannte und wie sie gegenläufig sein können, gleichzeitig sein können, einander überlagern und blockieren. Wenn es um ein Leben und die beiden Willensarten eines Anderen geht, ist es gewiss schwieriger, abzuwägen und einen Weg zu finden als wenn es um die eigene nahe Zukunft geht, in der ohnehin mehr als zwei Entscheidungen möglich. Im banalen kleinen Fall, dass mir jetzt und hier der Langstreckenwille abhanden gekommen ist, habe ich es doch so wunderbar einfach, weil es mehrere Kurzstreckenwillen gibt, auf die ich sogar gleichzeitig und nebeneinander hinarbeiten kann …

Daheim vs. unterwegs

Eine kurze Nacht from ten till three, wenn ich es richtig sehe, das ist die Grenzlinie zwischen der Daheim-Welt und der Unterwegs-Welt. Der Gedanke war mir letzte Nacht um 3:03 Uhr noch nicht bewusst, als ich das Handy einschaltete, welches die einzige verfügbare Uhr in meiner Wohnung beinhält. Ich flanierte im Dunkel, achtsam, Fuß vor Fuß. Unruhe bahnte sich an, jene Art Unruhe, die einen stundenlang am Weiterschlafen hindern kann, wenn es nicht gelingt, sie zu dimmen, sie zu ignorieren, sie wegzudenken oder zu fühlen. Diesmal klappte es, diesmal siegte der Schlaf. Vielleicht war ich von den knapp 300 Radelkilometern der letzten 36 Stunden noch erschöpft genug, dass ich dennoch wieder einschlafen konnte. Für einen kurzen Moment hatte ich etwas verwirrt überlegt, jetzt stehst du auf, setzt dich aufs Radel und fährst.

Wohin, wohin, wohin? Ich weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle. Die Welt des Radlers ist eine andere. Nicht unbedingt die bessere oder glücklichere, aber so manche Alltagssorge gerät mir beim Unterwegssein mit dem Fahrrad auf eine tief liegende, zwar unterbewusste, aber wegseiende Ebene meines Daseins. Wohliges Verdrängen im ewigen Rund der Kurbel. Nur noch ich und die Welt und das Vorantreiben bei angenehmer Geschwindigkeit. Nicht zu schnell, nicht zu langsam und das Hirn denkt und erfreut sich des Gedachten. Ja. Ja. So sollte es immer sein, denke ich. Dennoch gaukelt am Ende – vielleicht am halb offenen Reißverschluss, der das Unbewusste Immerda, das man unterwegs nicht wahrnimmt und das man vom Bewussten Ist trennt – auch eine Sehnsucht, endlich anzukommen Wo ganz zu sein und wo bleiben zu können, wo es ruhig und sicher ist.

Kurz nach dem Erwachen in Thumenau, einem Rastplatz bei einer Schleuse am Rhien-Rhône-Kanal, fotografiere ich in der Morgendämmerung mein komisches Lager. Das nagelneue Radel neben einem Moskitonetz liegend unter einem jungen Nussbaum, der voller Früchte hängt. Unterm Netz befindet sich mein Wohn- und Schlafzimmer. Die Isomatte, der Schlafsack, Wasserflaschen, Geldbeutel, Helm, Schuhe, Handy, alles genutzt, um das Moskitonetz seitlich zu beschweren und einen kleinen, „sicheren“, eigentlich nur Insektensicheren Raum für die Nacht zu gestalten. Ich hatte gut geschlafen, ja ja, ich beziehe mich auf die Nacht zuvor, nicht auf diese, eingangs des Artikels erwähnte Grenznacht zwischen den Welten.

Eine noch mitten in der Reise-Nacht. Ich bin unbeschwert und denke etwa 12 Kilometer weit bis Straßburg oder sagen wir einmal, ich denke bis zur 12 Meter entfernten Picknickbank, an die ich mich gleich setzen werde, um eine Dose Bohnen, die ich tags zuvor gekauft hatte, zu öffnen, sie kalt zum Frühstück zu essen. Gute Idee, oder nicht. Ich mache drei vier Bilder des Zeltlagers mit dem billigen Handyblitz, die ich gedenke für meinen Film „Fahrradreise ans Ende der Nacht“ zu verwenden, den ich widerum zum diesjährigen Metalabor 11 im Taunus einbringen möchte. Mir schwebt ein schwarzer Film von etwa fünf bis zehn Minuten Länge vor, in dem subliminal ein paar Bilder aufblitzen. Ansonsten gibt es nur Audio und die Leinwand bleibt Dunkel (die Idee des „Dunkelbilds“ kam mir schon Ende Juni, als ich einen Film über den Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Radweg machte; ich meine, da hatte ich das Thema Nachtfahrten des Metalabors 11 noch nicht auf dem Schirm). Subliminal geht das Leben, subliminal und wie in einer invertierten Dreammchine, in der in bedrohlicher Frequenz Dunkelbilder statt Blitze präsentiert werden und man muss auch keine Drogen nehmen, um sich zu berauschen … ich lenke ab.

Gerade schießt ein verschwitzter Radler aus der Morgendämmerung und steuert direkt auf meine 12 Meter entfernte Picknickbank zu. Ein Deutscher. Ich frage, bist du die Nacht durchgeradelt. Er sagt nein, Camping, bin schon eine halbe Studne unterwegs. Nur kurz Pause. Dann weiter. Wohin frag ich. Iffezheim, sagt er. Sollte machbar sein. Über Plattfuß, den er gestern hatte und Kilometerschwanzvergleiche und Durchschnittsgeschwindigkeitsgewichse mäandiert unser Gespräch, wobei ich eher den passiven Part übernehme. Zuhöre, aufsauge. Auch so eine Art Frühstück, denke ich: Die Geschichten der Anderen. Woher sie kommen, diese Anderen, wohin sie wollen, was sie für Steine im Weg liegen hatten, die sie wegräumen mussten. Ein Plattfuß. Die Hitze. Der wehe Hintern und weiter weiter weiter. Dass er nur morgens radelte, sagt der Mann aus Iffezheim. Dass ich ihm Flickzeug geben kann für den kaputten Fahrradschlauch, sage ich. Dass das nichts nützt, sagt er, er habe ihn weggeworfen und dass er einen Freund anrufen würde, falls er noch mal einen Platten haben sollte. Ist ja nicht weit bis daheim. Ich hab hier unterm Baum geschlafen, sag ich und zeige zum Moskitonetzlager. Mutig mutig, sagt er, was unmittelbar eine Welle aus Zweifel in mir auslöst: Was meint der mit mutig mutig? Dass mich Schurken rippen könnten nachts im Schlaf, ja, bestimmt meint der das. Oder die Bullen greifen mich auf? Später, beim Weiterrollen gen Straßburg – er laufe mit 22 km/h, vielleicht hole ich ihn ja noch ein, sagte er, als er wieder losradelte – denke ich, was verunsichert mich so sehr? In mir stecken 30 Jahre Wildzelten an den unmöglichsten Orten des Kontinents und dann kommt einer daher und sagt mutig mutig mutig mit so einem zweifelnd besorgt wirkenden Unterton und schon denke ich, ich bin falsch und nicht er ist falsch.

Schwamm drüber schon nach zwei drei Kilometern in der Morgenkühle. Ich hatte wieder einen Cleanup gemacht „meines“ Rastplatzes in Thumenau und entsorgte die Tüte voller Müll in „meinem“ Mülleimer, der etwa drei Kilometer vom Rastplatz neben einer Farm am Kanalradweg steht. Jetzt bin ich drin im neuen Tag – so anders als daheim, wo mich die Alltagssorgen und die Morgenangst stundenlang plagen und mich lähmen. Tritt um Tritt kurbelnd, mich durch Straßburg denken und halt, stopp, stehe ich beim Abzweig zur Piste des Forts, die einmal rund um die Agglomeration Straßburg-Kehl führt und die an wuchtigen Befestigungsanlagen – oft noch aus Vauband-Zeiten – vorbei führt. Ich glaube, die Piste ist über 100 Kilometer lang. Die Westroute über ein paar Dörfer bis zum Rhein-Marne-Kanal ist nur ein paar, höchsten zehn oder 15 Kilometer länger als meine geplante Route mitten durch die Stadt. Einem Impuls gehorchend folge ich der Piste. Ich hab Bock auf Unbekanntes und einen Hügel gilt es auch noch zu überqueren und tausche die mir gut bekannte Strecke gegen etwas eher nicht so bekanntes (bin die Piste schon ein zweimal in entgegen gesetzter Richtung geradelt).

Was soll ich sagen. Es passiert das, was man Schicksal nennt oder Zufall. Einen Kilometer nach Kursänderung treffe ich einen Radler wieder, den ich abends zuvor getroffen hatte und mit dem ich mich ein paar Kurbel-Umdrehungen unterhalten hatte. Ein ganz junger Mann, 18 Jahre alt, sagte er, auf Tour vom Bodensee bis heim nach Wuppertal und die Unterhaltung mit ihm, vielleicht fünf oder zehn Minuten lang, bis ich am Picknickplatz Thumenau stoppte und er weiter fuhr, mit der Absicht, die Großstadt noch zu durchqueren, diese kurze Unterhaltung war sowas von anders als das übliche Kilometer- und Abenteuerschwanzvergleichsgewichse, das sich oft bei Zufallsbegegnungen ergibt. Was bewunderte ich den Jungen mit dem selbst zusammengeschusterten, zum Bikepackingbike umgebauten Mountainbike und vor allem für seinen Mut, die 700 Kilometer Tour alleine durchzuziehen. Ein Mensch, bei dem einfach alles stimmt, dachte ich. Zuneigung und Verbundenheit ab dem ersten Moment. Nachts lag ich kurz wach und dachte, warum haste nicht nach seinem Namen gefragt, wie sonst oft. Ich finde es wichtig, die Menschen, denen man begegnet, wenn auch nur kurz, wenigstens nach dem Namen zu fragen. Nun hatte ich die Gelegenheit, das nachzuholen. Rudi heiße er, sagt er und er habe schließlich, kurz nachdem wir uns am Rande der Nacht verabschiedet hatten, doch noch wo wild gezeltet, sei nicht mehr durch die Stadt.

Ja, mehr konnte mir die Entscheidung, eine andere Strecke zu nehmen nicht geben. Und sie musste auch nicht mehr geben, als eine einzige kleine versäumte Frage zu stellen. Wir wünschen einander Glück und verabschieden uns. Ich folge der Piste, was sich als komplizierter erweist als gedacht. Verirre mich in der Agglomeration, aber hey, so ist mein Weg, so soll er sein und denk dran, wenn dir das nächste Mal etwas passiert, was scheinbar nur Nachteile mit sich bringt. Der okkulte, nicht offensichtliche Vorteil liegt im Verborgenen auf einer andern Ebende dieser deiner Welt.

Ich komme zur Ruhe auf dem Umweg, stelle ich fest, als ich auf einer Parkbank über einem wuchtigen Fort morgenpausiere und picknicke. Hin und wieder öffnet jemand das schwere große eiserne Tor vor dem Fort, dessen Betonwände neben uralten Buntsandsteinwänden im Zickzack-Vauban-Graben hervorragen, fährt mit dem Roller, dem Auto hindurch. Einer kommt zu Fuß, allesamt ältere Männer und ich vermute, sie arbeiten in dem Fort mit Rasenfräsen und Schubkarren und Maschinen ehrenamtlich, so stelle ichs mir vor und überlege, ob ich fragen soll, ob ich mal in die Festung reinschauen darf. Vermutlich würden sie mich einladen. Aber hier draußen, acht Meter über dem Graben, hintunter schauend auf den Betonschlund genügt eigentlich.

Ich schätze, der „Umweg“ über die Piste des Forts hat mich zwei Stunden „gekostet“. Nach Umherirren erreiche ich bei Souffleweiherheim die altbekannte Radroute und folge ihr nun stur über Brumath, Haguenau, Lembach bis in die Pfalz. Keine besonderen Vorkommnisse. Hie und da döse ich, bummele ich, bin ruhiger geworden, jaja und ich sollte das viel mehr feiern, das pure Unterwegssein auf der dünnen Haut, die sich fragil zwischen dem einen Alltag daheim und dem anderen Alltag unterwegs gebildet hat. Nichts von einander ahnend liegen die Welten dicht an dicht und nur in der einen bin ich ein unruhiges, getriebenes Nervenbündel voller Angst und Sorge, wohingegen die andere, die gemeiniglich verstörend ist, sich viel mehr anfühlt wie die wahre Welt.

Letztlich, das weiß ich, lässt sich aber beides nicht voneinander trennen. Ich sollte mir die zwarte Haut dazwischen mal genauer anschauen. Wenn ich mich traue.

Bloggen ist Gymnastik im Kopf

Bloggen ist Gymastik für den Kopf, schießt es mir in den Sinn. Ab damit gleich in den nächsten Kurznachrichtendienst und überhaupt, die verflixte Metaebene bringt mich noch um den Verstand. Das Nachdenken übers Nachdenken übers Nachdenken, das sich in endlosen Schleifen verliert und sich im Hirn aufhängt, ohne dass nach Außen die geringste Spur erkennbar ist. Ich habe alles versucht: aufschreiben in digital, aufschreiben in Notizbuch, aufs Band reden, auf die Videokamera, es hinausschreien in der Hoffnung, dass es jemand hört. Ungares Zeug. Besser, niemand hört das. Und auch dieser Artikel? Ich fange einfach mal an. Kann es wie so viele Artikel der letzten Monate ja einfach als „privat“ veröffentlichen.

Welch‘ verflixte Entwicklung. Und wie einfach war es oder soll ich sagen wie unbedarft war ich früher, dass ich beinahe ungefiltert Beiträge ins Blog stellte, offen und sichtbar für alle. Das ist lange her. Ich glaube, etwa 2016 endete meine „Bloggerkariere“, wie auch die des Reisenden und wie auch 2016/2017 alles um mich herum sich änderte und endete. Das Alter hatte begonnen. Irgendlink-Geriarktix, der geriartrisch in die Arktis Reisende und zwar nur im Kopf und als Traum. Ein Fleisch gewordenes „Könnte man ja mal“ …

Mit zunehmendem Sein auf dem Planeten wird alles in den Kopf verlagert, geschieht körperlich und in „echt“ weniger und weniger und irgendwann bist du nur noch Kopf und nichts dringt mehr nach außen. Eine prüde Attacke auf die Körperlichkeit und ja: Du hast alles erlebt und du hast alles gesehen und das ist gut so. Es gibt keine Sehnsucht mehr, keinen Neid, keinen Weg, den zu gehen es dich drängt. Nur noch Frieden und ja, dann ist das halt so, Akzeptanz nennt sich das womöglich.

In gewisser Weise habe ich mich von der Praxis in die Theorie verabschiedet, mehr noch, ich habe die Theorie abgestreift wie eine verschwitzte Strumpfhose und nun gaukeln nur noch vereinzelt Gedanken, die manchmal, in seltenen Momenten in Körperlichkeit münden.

Es wäre dennoch von Nöten, wieder „etwas“ zu tun. Aktiver werden. Mehr teilnehmen am Leben, mehr teilhaben an der Gesellschaft. Sagt mir eine innere Stimme oder ein Gefühl.

Was ist noch wichtig?, frage ich mich in den letzten Wochen oft. Noch einmal eine große Liveblogreise? Nein. Dinge fertig bauen? Im wahrsten Wortsinn – bauen – an einem Bauwerk, das schon 1986 auf den Wert Null (aus Sicht der Steuerbehörde) abgewirtschaftet war. Jedwede Gebäude sind nach 80 Jahren ohne Modernisierung auf den Wert Null angelangt. So ists ja auch mit uns Menschen, also rein rechnerisch: je älter, desto weniger „wert“ haben wir für die Wirtschaft. Ob es eine Formel dafür gibt? Ein Abschreibungsmodell für menschliche Leistungsfähigkeit. Soundso alt bist du zu soundsoviel Prozent abgeschrieben und ab Eintritt ins Rentenalter hast du rein steuerlich den Wert null?

Das müsste alles nicht sein, wenn wir kein Geld benutzten müssten, wenn wir Zeit nicht äquivalent zu Geld setzen würden, wenn wir in Lebenszeit denken und handeln könnten und diese fair gegen die Lebenszeiten aller Wesen auf dem Planeten getauscht werden würde, wenn der gemeine Arbeitende die Lebenszeit, die er für die Gemeinschaft „opfert“, ebenso vergütet bekäme wie der Fürst, der Immobilienbesitzer, der Topmanager, Männer und Frauen gleich behandelt und überhaupt mehr Fairnis im Umgang mit den gemeinsamen Ressourcen gehandelt würde.