Langstreckenwille v. Kurzstreckenwille

Die Nacht war löchrig, ich dennoch schläfrig genug, um wieder wegzudämmern. Der Mond schon nur noch halb oder gar weniger, merklich kühler draußen, obschon immer noch zu warm. Gegen Morgendämmerung hatte ich wieder den Impuls, mich aufs Radel zu setzen und drauf los zu radeln. Alleine, es fehlt das Ziel.

Ich muss beginnen zu unterscheiden zwischen Langstreckenwillen und Kurzstreckenwillen, denke ich; da klingelt was. Drei Jahre her als Freund Journalist F. im Koma lag und ich die schwere Aufgabe hatte, für ihn seinen medizinischen Willen durchzusetzen. Ich glaube, damals gab es zwei oder mehr Irgendlinks, die miteinander zeterten, zweifelten, erratierten, und zudem nach Außen mit einer vierköpfigen Ethik-Kommision debattierten. Gestern Abend saß ich mit der Mutter im Garten und da kam es wieder hoch, das damals, weil wir uns über das Ende unterhielten, das unweigerlich kommen wird und wie wir, besser gesagt wie sie sich das für sich vorstellte und ich dachte, ja, da müsste ich oder wer auch immer als Entscheidende oder Entscheidender vorne steht für den Fall, der hoffentlich niemals eintritt, ähnlich herangehen. Nüchtern, funktionierend, eigene Emotionen hintanstellend.

Wie sie mir gegenübersaßen, die Ethikleute, Chefarzt, Oberärztin, Pfarrer und Schlichter obschon wir in einer Runde saßen im kleinen Büro des Chefarztes und ich dennoch nur Gegenübers sah, in deren Kern der Chef stand, der mich immer wieder manipulieren wollte, dass doch alles prima gelaufen sei mit der OP und der jede meiner Fragen ignorierte oder abblockte, weil er nicht spekulieren wolle. Ob es andere Fälle gäbe, in denen das „so“ verlaufen wäre wie mit Journalist F. zum Beispiel. Darüber könne er nichts sagen. Mit „so“ meinte ich, das Herz schlägt, aber der Mensch liegt im Koma, wird und wird nicht wach und das hat der Chefarzt gewiss verstanden und ich dünkele, er muss eine Statistik haben, in der er genau sehen kann, der und der erwachte, die und die dämmerte dahin, andere sind gestorben und Journalist F. wäre im Kuchendiagramm bei denen, die im Koma sind und was passierte denn mit denen, wurden die je wieder wach oder liegen sie wo rum. So hatte ich die Frage zwar nicht gestellt. Aber gedacht und ich denke, er wusste auch genau, was ich meine und was ich wissen will und ich unterstelle ihm, dass er die Information absichtlich verweigerte. Es muss doch eine Erfahrung geben? Die Operationen dieser Art werden doch routinemäßig gemacht. Wie viele Menschen gingen „repariert“ daraus hervor, wie viele lagen soundso lange im Koma, wie viele tun das noch immer? Der Chef und ich waren nie Freunde. Der Schlichter schlichtete, die Oberärztin tat mir leid unterm herrischen Druck des Chefs und der Pfarrer seelsorgte zwischen den Zeilen, während ein paar Flure weiter Journalist F. an den Maschinen hing. Irgendwann redete nur noch die Kommision. Teils Dinge, die ich aus Fachwortunkenntnis nicht verstand. Es schimmerte durch, dass ich etwas unterschreiben solle, damit sie Journalist F. loswerden könnten, das Bett frei würde, er komatös in eine Frühreha gebracht würde. Sie debattierten ruhig, bis sie nach gefühlt endloser Zeit feststellten, dass ich nicht mehr mitredete. Da wurde mir die Macht des Schweigens bewusst und wie unheimlich es auf die Mitmenschen wirken kann und ich wurde mir ein kleines Bisschen meiner Selbst bewusst. Wie ich durchs Leben gehe und wie ich wegen meines still seins die Menschen offenbar verunsichere. Schon in der Grundschule bemerkte die Lehrerinnenschaft bei Elternsprechtagen regelmäßig, dass ich zu still sei. Unheimlich still! Ein großer Schweiger nannte mich der Musik- und Sportlehrer einmal.

Beklommen schauten sie mich an und der Schlichter sagte, ich glaube fast wörtlich, Sie sagen ja gar nichts, was meinen sie dazu und ich räusperte mich, ich habe alles gesagt und es gibt dem nichts hinzuzufügen. Dann raunten sie miteinander und es fiel der Satz, dann läuft es auf einen Rechtstreit hinaus. Ich sagte nichts.

Wir fünf hatten uns über zwei drei Wochen mehrfach getroffen zu einem Gespräch. Im Grunde, das ist bis heute geblieben und das ist mein Ding, ging es für mich darum abzuwägen, ob ich genau im Sinn von Journalist F. spreche, wenn ich sage, lasst ihn bitte gehen, er will das so und die Zweifel, die man mir streute waren unterschwellig teils mit Vorwürfen und Gewissens-Kitzeleien verbunden: Denken sie doch mal an sich, können sie mit der Entscheidung auch noch in einem Jahr leben? Muss ich, dachte ich, sagte ich aber nicht, sondern ich schwieg. Weil es ja meine Sache ist, das mit mir abzumachen.

Hier kommt die eingangs erwähne Sache mit Langstreckenwillen und Kurzstreckenwillen aufs Tapet. Ich glaube es war der Moment, in dem ich die beiden Willen erkannte und wie sie gegenläufig sein können, gleichzeitig sein können, einander überlagern und blockieren. Wenn es um ein Leben und die beiden Willensarten eines Anderen geht, ist es gewiss schwieriger, abzuwägen und einen Weg zu finden als wenn es um die eigene nahe Zukunft geht, in der ohnehin mehr als zwei Entscheidungen möglich. Im banalen kleinen Fall, dass mir jetzt und hier der Langstreckenwille abhanden gekommen ist, habe ich es doch so wunderbar einfach, weil es mehrere Kurzstreckenwillen gibt, auf die ich sogar gleichzeitig und nebeneinander hinarbeiten kann …

Daheim vs. unterwegs

Eine kurze Nacht from ten till three, wenn ich es richtig sehe, das ist die Grenzlinie zwischen der Daheim-Welt und der Unterwegs-Welt. Der Gedanke war mir letzte Nacht um 3:03 Uhr noch nicht bewusst, als ich das Handy einschaltete, welches die einzige verfügbare Uhr in meiner Wohnung beinhält. Ich flanierte im Dunkel, achtsam, Fuß vor Fuß. Unruhe bahnte sich an, jene Art Unruhe, die einen stundenlang am Weiterschlafen hindern kann, wenn es nicht gelingt, sie zu dimmen, sie zu ignorieren, sie wegzudenken oder zu fühlen. Diesmal klappte es, diesmal siegte der Schlaf. Vielleicht war ich von den knapp 300 Radelkilometern der letzten 36 Stunden noch erschöpft genug, dass ich dennoch wieder einschlafen konnte. Für einen kurzen Moment hatte ich etwas verwirrt überlegt, jetzt stehst du auf, setzt dich aufs Radel und fährst.

Wohin, wohin, wohin? Ich weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle. Die Welt des Radlers ist eine andere. Nicht unbedingt die bessere oder glücklichere, aber so manche Alltagssorge gerät mir beim Unterwegssein mit dem Fahrrad auf eine tief liegende, zwar unterbewusste, aber wegseiende Ebene meines Daseins. Wohliges Verdrängen im ewigen Rund der Kurbel. Nur noch ich und die Welt und das Vorantreiben bei angenehmer Geschwindigkeit. Nicht zu schnell, nicht zu langsam und das Hirn denkt und erfreut sich des Gedachten. Ja. Ja. So sollte es immer sein, denke ich. Dennoch gaukelt am Ende – vielleicht am halb offenen Reißverschluss, der das Unbewusste Immerda, das man unterwegs nicht wahrnimmt und das man vom Bewussten Ist trennt – auch eine Sehnsucht, endlich anzukommen Wo ganz zu sein und wo bleiben zu können, wo es ruhig und sicher ist.

Kurz nach dem Erwachen in Thumenau, einem Rastplatz bei einer Schleuse am Rhien-Rhône-Kanal, fotografiere ich in der Morgendämmerung mein komisches Lager. Das nagelneue Radel neben einem Moskitonetz liegend unter einem jungen Nussbaum, der voller Früchte hängt. Unterm Netz befindet sich mein Wohn- und Schlafzimmer. Die Isomatte, der Schlafsack, Wasserflaschen, Geldbeutel, Helm, Schuhe, Handy, alles genutzt, um das Moskitonetz seitlich zu beschweren und einen kleinen, „sicheren“, eigentlich nur Insektensicheren Raum für die Nacht zu gestalten. Ich hatte gut geschlafen, ja ja, ich beziehe mich auf die Nacht zuvor, nicht auf diese, eingangs des Artikels erwähnte Grenznacht zwischen den Welten.

Eine noch mitten in der Reise-Nacht. Ich bin unbeschwert und denke etwa 12 Kilometer weit bis Straßburg oder sagen wir einmal, ich denke bis zur 12 Meter entfernten Picknickbank, an die ich mich gleich setzen werde, um eine Dose Bohnen, die ich tags zuvor gekauft hatte, zu öffnen, sie kalt zum Frühstück zu essen. Gute Idee, oder nicht. Ich mache drei vier Bilder des Zeltlagers mit dem billigen Handyblitz, die ich gedenke für meinen Film „Fahrradreise ans Ende der Nacht“ zu verwenden, den ich widerum zum diesjährigen Metalabor 11 im Taunus einbringen möchte. Mir schwebt ein schwarzer Film von etwa fünf bis zehn Minuten Länge vor, in dem subliminal ein paar Bilder aufblitzen. Ansonsten gibt es nur Audio und die Leinwand bleibt Dunkel (die Idee des „Dunkelbilds“ kam mir schon Ende Juni, als ich einen Film über den Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Radweg machte; ich meine, da hatte ich das Thema Nachtfahrten des Metalabors 11 noch nicht auf dem Schirm). Subliminal geht das Leben, subliminal und wie in einer invertierten Dreammchine, in der in bedrohlicher Frequenz Dunkelbilder statt Blitze präsentiert werden und man muss auch keine Drogen nehmen, um sich zu berauschen … ich lenke ab.

Gerade schießt ein verschwitzter Radler aus der Morgendämmerung und steuert direkt auf meine 12 Meter entfernte Picknickbank zu. Ein Deutscher. Ich frage, bist du die Nacht durchgeradelt. Er sagt nein, Camping, bin schon eine halbe Studne unterwegs. Nur kurz Pause. Dann weiter. Wohin frag ich. Iffezheim, sagt er. Sollte machbar sein. Über Plattfuß, den er gestern hatte und Kilometerschwanzvergleiche und Durchschnittsgeschwindigkeitsgewichse mäandiert unser Gespräch, wobei ich eher den passiven Part übernehme. Zuhöre, aufsauge. Auch so eine Art Frühstück, denke ich: Die Geschichten der Anderen. Woher sie kommen, diese Anderen, wohin sie wollen, was sie für Steine im Weg liegen hatten, die sie wegräumen mussten. Ein Plattfuß. Die Hitze. Der wehe Hintern und weiter weiter weiter. Dass er nur morgens radelte, sagt der Mann aus Iffezheim. Dass ich ihm Flickzeug geben kann für den kaputten Fahrradschlauch, sage ich. Dass das nichts nützt, sagt er, er habe ihn weggeworfen und dass er einen Freund anrufen würde, falls er noch mal einen Platten haben sollte. Ist ja nicht weit bis daheim. Ich hab hier unterm Baum geschlafen, sag ich und zeige zum Moskitonetzlager. Mutig mutig, sagt er, was unmittelbar eine Welle aus Zweifel in mir auslöst: Was meint der mit mutig mutig? Dass mich Schurken rippen könnten nachts im Schlaf, ja, bestimmt meint der das. Oder die Bullen greifen mich auf? Später, beim Weiterrollen gen Straßburg – er laufe mit 22 km/h, vielleicht hole ich ihn ja noch ein, sagte er, als er wieder losradelte – denke ich, was verunsichert mich so sehr? In mir stecken 30 Jahre Wildzelten an den unmöglichsten Orten des Kontinents und dann kommt einer daher und sagt mutig mutig mutig mit so einem zweifelnd besorgt wirkenden Unterton und schon denke ich, ich bin falsch und nicht er ist falsch.

Schwamm drüber schon nach zwei drei Kilometern in der Morgenkühle. Ich hatte wieder einen Cleanup gemacht „meines“ Rastplatzes in Thumenau und entsorgte die Tüte voller Müll in „meinem“ Mülleimer, der etwa drei Kilometer vom Rastplatz neben einer Farm am Kanalradweg steht. Jetzt bin ich drin im neuen Tag – so anders als daheim, wo mich die Alltagssorgen und die Morgenangst stundenlang plagen und mich lähmen. Tritt um Tritt kurbelnd, mich durch Straßburg denken und halt, stopp, stehe ich beim Abzweig zur Piste des Forts, die einmal rund um die Agglomeration Straßburg-Kehl führt und die an wuchtigen Befestigungsanlagen – oft noch aus Vauband-Zeiten – vorbei führt. Ich glaube, die Piste ist über 100 Kilometer lang. Die Westroute über ein paar Dörfer bis zum Rhein-Marne-Kanal ist nur ein paar, höchsten zehn oder 15 Kilometer länger als meine geplante Route mitten durch die Stadt. Einem Impuls gehorchend folge ich der Piste. Ich hab Bock auf Unbekanntes und einen Hügel gilt es auch noch zu überqueren und tausche die mir gut bekannte Strecke gegen etwas eher nicht so bekanntes (bin die Piste schon ein zweimal in entgegen gesetzter Richtung geradelt).

Was soll ich sagen. Es passiert das, was man Schicksal nennt oder Zufall. Einen Kilometer nach Kursänderung treffe ich einen Radler wieder, den ich abends zuvor getroffen hatte und mit dem ich mich ein paar Kurbel-Umdrehungen unterhalten hatte. Ein ganz junger Mann, 18 Jahre alt, sagte er, auf Tour vom Bodensee bis heim nach Wuppertal und die Unterhaltung mit ihm, vielleicht fünf oder zehn Minuten lang, bis ich am Picknickplatz Thumenau stoppte und er weiter fuhr, mit der Absicht, die Großstadt noch zu durchqueren, diese kurze Unterhaltung war sowas von anders als das übliche Kilometer- und Abenteuerschwanzvergleichsgewichse, das sich oft bei Zufallsbegegnungen ergibt. Was bewunderte ich den Jungen mit dem selbst zusammengeschusterten, zum Bikepackingbike umgebauten Mountainbike und vor allem für seinen Mut, die 700 Kilometer Tour alleine durchzuziehen. Ein Mensch, bei dem einfach alles stimmt, dachte ich. Zuneigung und Verbundenheit ab dem ersten Moment. Nachts lag ich kurz wach und dachte, warum haste nicht nach seinem Namen gefragt, wie sonst oft. Ich finde es wichtig, die Menschen, denen man begegnet, wenn auch nur kurz, wenigstens nach dem Namen zu fragen. Nun hatte ich die Gelegenheit, das nachzuholen. Rudi heiße er, sagt er und er habe schließlich, kurz nachdem wir uns am Rande der Nacht verabschiedet hatten, doch noch wo wild gezeltet, sei nicht mehr durch die Stadt.

Ja, mehr konnte mir die Entscheidung, eine andere Strecke zu nehmen nicht geben. Und sie musste auch nicht mehr geben, als eine einzige kleine versäumte Frage zu stellen. Wir wünschen einander Glück und verabschieden uns. Ich folge der Piste, was sich als komplizierter erweist als gedacht. Verirre mich in der Agglomeration, aber hey, so ist mein Weg, so soll er sein und denk dran, wenn dir das nächste Mal etwas passiert, was scheinbar nur Nachteile mit sich bringt. Der okkulte, nicht offensichtliche Vorteil liegt im Verborgenen auf einer andern Ebende dieser deiner Welt.

Ich komme zur Ruhe auf dem Umweg, stelle ich fest, als ich auf einer Parkbank über einem wuchtigen Fort morgenpausiere und picknicke. Hin und wieder öffnet jemand das schwere große eiserne Tor vor dem Fort, dessen Betonwände neben uralten Buntsandsteinwänden im Zickzack-Vauban-Graben hervorragen, fährt mit dem Roller, dem Auto hindurch. Einer kommt zu Fuß, allesamt ältere Männer und ich vermute, sie arbeiten in dem Fort mit Rasenfräsen und Schubkarren und Maschinen ehrenamtlich, so stelle ichs mir vor und überlege, ob ich fragen soll, ob ich mal in die Festung reinschauen darf. Vermutlich würden sie mich einladen. Aber hier draußen, acht Meter über dem Graben, hintunter schauend auf den Betonschlund genügt eigentlich.

Ich schätze, der „Umweg“ über die Piste des Forts hat mich zwei Stunden „gekostet“. Nach Umherirren erreiche ich bei Souffleweiherheim die altbekannte Radroute und folge ihr nun stur über Brumath, Haguenau, Lembach bis in die Pfalz. Keine besonderen Vorkommnisse. Hie und da döse ich, bummele ich, bin ruhiger geworden, jaja und ich sollte das viel mehr feiern, das pure Unterwegssein auf der dünnen Haut, die sich fragil zwischen dem einen Alltag daheim und dem anderen Alltag unterwegs gebildet hat. Nichts von einander ahnend liegen die Welten dicht an dicht und nur in der einen bin ich ein unruhiges, getriebenes Nervenbündel voller Angst und Sorge, wohingegen die andere, die gemeiniglich verstörend ist, sich viel mehr anfühlt wie die wahre Welt.

Letztlich, das weiß ich, lässt sich aber beides nicht voneinander trennen. Ich sollte mir die zwarte Haut dazwischen mal genauer anschauen. Wenn ich mich traue.

Bloggen ist Gymnastik im Kopf

Bloggen ist Gymastik für den Kopf, schießt es mir in den Sinn. Ab damit gleich in den nächsten Kurznachrichtendienst und überhaupt, die verflixte Metaebene bringt mich noch um den Verstand. Das Nachdenken übers Nachdenken übers Nachdenken, das sich in endlosen Schleifen verliert und sich im Hirn aufhängt, ohne dass nach Außen die geringste Spur erkennbar ist. Ich habe alles versucht: aufschreiben in digital, aufschreiben in Notizbuch, aufs Band reden, auf die Videokamera, es hinausschreien in der Hoffnung, dass es jemand hört. Ungares Zeug. Besser, niemand hört das. Und auch dieser Artikel? Ich fange einfach mal an. Kann es wie so viele Artikel der letzten Monate ja einfach als „privat“ veröffentlichen.

Welch‘ verflixte Entwicklung. Und wie einfach war es oder soll ich sagen wie unbedarft war ich früher, dass ich beinahe ungefiltert Beiträge ins Blog stellte, offen und sichtbar für alle. Das ist lange her. Ich glaube, etwa 2016 endete meine „Bloggerkariere“, wie auch die des Reisenden und wie auch 2016/2017 alles um mich herum sich änderte und endete. Das Alter hatte begonnen. Irgendlink-Geriarktix, der geriartrisch in die Arktis Reisende und zwar nur im Kopf und als Traum. Ein Fleisch gewordenes „Könnte man ja mal“ …

Mit zunehmendem Sein auf dem Planeten wird alles in den Kopf verlagert, geschieht körperlich und in „echt“ weniger und weniger und irgendwann bist du nur noch Kopf und nichts dringt mehr nach außen. Eine prüde Attacke auf die Körperlichkeit und ja: Du hast alles erlebt und du hast alles gesehen und das ist gut so. Es gibt keine Sehnsucht mehr, keinen Neid, keinen Weg, den zu gehen es dich drängt. Nur noch Frieden und ja, dann ist das halt so, Akzeptanz nennt sich das womöglich.

In gewisser Weise habe ich mich von der Praxis in die Theorie verabschiedet, mehr noch, ich habe die Theorie abgestreift wie eine verschwitzte Strumpfhose und nun gaukeln nur noch vereinzelt Gedanken, die manchmal, in seltenen Momenten in Körperlichkeit münden.

Es wäre dennoch von Nöten, wieder „etwas“ zu tun. Aktiver werden. Mehr teilnehmen am Leben, mehr teilhaben an der Gesellschaft. Sagt mir eine innere Stimme oder ein Gefühl.

Was ist noch wichtig?, frage ich mich in den letzten Wochen oft. Noch einmal eine große Liveblogreise? Nein. Dinge fertig bauen? Im wahrsten Wortsinn – bauen – an einem Bauwerk, das schon 1986 auf den Wert Null (aus Sicht der Steuerbehörde) abgewirtschaftet war. Jedwede Gebäude sind nach 80 Jahren ohne Modernisierung auf den Wert Null angelangt. So ists ja auch mit uns Menschen, also rein rechnerisch: je älter, desto weniger „wert“ haben wir für die Wirtschaft. Ob es eine Formel dafür gibt? Ein Abschreibungsmodell für menschliche Leistungsfähigkeit. Soundso alt bist du zu soundsoviel Prozent abgeschrieben und ab Eintritt ins Rentenalter hast du rein steuerlich den Wert null?

Das müsste alles nicht sein, wenn wir kein Geld benutzten müssten, wenn wir Zeit nicht äquivalent zu Geld setzen würden, wenn wir in Lebenszeit denken und handeln könnten und diese fair gegen die Lebenszeiten aller Wesen auf dem Planeten getauscht werden würde, wenn der gemeine Arbeitende die Lebenszeit, die er für die Gemeinschaft „opfert“, ebenso vergütet bekäme wie der Fürst, der Immobilienbesitzer, der Topmanager, Männer und Frauen gleich behandelt und überhaupt mehr Fairnis im Umgang mit den gemeinsamen Ressourcen gehandelt würde.

Le Aechtz c’est moi

Die Reste eines Betonbunkers aus dem zweiten Weltkrieg ragen in diesem Schwarz-Weiß-Foto aus einer weiten, von Landwirtschaft geprägten Ebene

Zuerst bloggen oder die Johannisbeeren ernten? Opportunitätskosten durch hitzebedingte Verknappung von Zeit. Bloggen kostet ungeerntete Johannisbeeren, geerntete Johannisbeeren kosten ungeschriebene Blogeinträge.

Ich habe eine fünfzehn Meter lange Leine im Zick-Zack durch die Wohnung gespannt. Von der Nordtreppe vorbei am Schlafzimmer durchs Arbeitszimmer bis in die Küche. Das Schlafzimmer bleibt erst einmal tabu. Geschlossene Tür bei gekipptem Fenster, das nach Osten zeigt und durch Hainbuchen beschattet wird. Außerdem ist es mit einem Fliegengitter geschützt und die Fliegen sind auch der Grund, warum ich es vom Leinenspannen ausnehme. Denn dann müsste ich die Tür auflassen und die wenigen Stechmücken könnten herein kommen, mich nachts plagen.

An der Leine habe ich nasse Handtücher aufgehängt und am Boden liegen auch welche. Die Wohnungstemperatur hat mittlerweile 26 Grad erreicht, zu viel, um sich, selbst splitternackt, wohl zu fühlen.

Anfang der Woche dachte ich, das musst du aufschreiben! Diese beispiellose Hitze Tag und Nacht. Sei Chronist, für wen auch immer. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Selbst die Radreise bei Extremwetter 2024, die dem Gefühl, der Hitze ausgeliefert zu sein am ehesten nahe kommt, reicht nicht an diese Dimension. Damals war ich unterwegs per Radel und Zelt. Obdachlos auf Zeit, suche da mal Schutz, okay, ich fand ihn auch, aber die damalige, etwa zwei Tage währende Hitze war ein „lustiger“ Spaziergang im Vergleich zu dem, was nun geschieht. Nun ist sie hier, die Hitze und sie dringt von Tag zu Tag tiefer in die Bude, die relativ gut gewappnet ist dagegen. Ringsum schatten Bäume das Dach. Die minimale Isolierung ist nicht ganz wirkungslos und durch die geniale Lüftungsmöglichkeit mit Tür gen Norden und einer Tür gen Süden, kann ich nach Belieben Durchzug machen. Bloß bringt der nichts mehr, wenn die Nächte nicht unter 23 Grad „kalt“ werden.

Nackt sitze ich am PC. Meistens laufe ich nackt umher. Im Atelier, das unterm Scheunenboden, durchkühlt von Beton und Mauerwerk liegt, war es noch bis Anfang der Woche erträglich zum Arbeiten. So dass ich mich aufs Aufräumen konzentrierte, mich meist dort aufhielt, gut voran kam, aber die Dauerhitze hat nun auch diesen schönen großen Raum eingenommen.

Im Haupthaus ist nur noch der Keller erträglich klimatisiert. Der muffelt allerdings und es ist nicht schön, sich dort aufzuhalten. Ich sorge mich um die Frau Mama, die nun keinen Raum mehr hat, der unter 25 Grad warm ist, in dem sie sich aufhalten kann. Noch schlimmer trifft es Freundin S., die in einer Stadtwohnung Tag und Nacht bald 30 Grad aushalten muss. Sie kommt wegen der Behinderung nicht mit den Händen bis zu den Fenstern, um die Lüftung und Durchzug zu regeln. Werde nachher mal runter radeln.

In der Künstlerbude tocken die klatschnassen Handtücher, die, so hoffe ich, ein wenig Verdunstungskälte bringen. Das Faszinierende ist, dass man das sicher berechnen könnte: Wieviel Grad sinkt die Temperatur, wenn die und die Menge Wasser verdunstet. Alles könnte man berechnen und man hätte auch alles wissen können über das, was nun geschieht auf der Welt. Und es gibt auch die klugen Leute, die es ausrechnen können, die es ausgerechnet haben und die eine klare Sicht von Wahrheit haben, an die unsereins, ungebildet, rechenfaul, bequem, ignorant nie heranreichen wird. Selbst die Aufgeschlossenen wie ich, die sich sagen, ja ja, diese Leute haben das doch genau berechnet, es gibt keine Möglichkeit, dass sie sich irren oder lügen, aaaber … selbst wir sagen uns immer noch naiv, ach was, es wird nicht so schlimm werden oder wenn, dann wird es doch mich nicht betreffen.

Ich gehöre in der Tat zu den Glücklicheren. Im Garten habe ich ein altes, aufgeschnittenes Ölfass aufgestellt, es mit Regenwasser befüllt, kann jederzeit hinein hüpfen und durch die Künstlerarbeit als Selbständiger, verfüge ich über gut gepufferte Lebenszeit, muss nicht zur Arbeit pendeln, mich während der Fahrt in Hitze, Stau und Stress aufhalten, kann einfach weitermachen in meinem Tempo; Baustellen gibt es genug und sie liegen hin und wieder an kühlen Orten. Und dennoch: Der Poormanspool ist mit dem letzten Regenwasser befüllt, an das wir so ohne Probleme rankommen. Was, wenn auch das vergossen oder verdunstet ist; was, wenn der Pool trocken fällt? Es gibt noch einen Erdtank mit fünf Kubikmetern Wasser aus dem Jahr 2024, den ich heute anbrechen werde. Gut zu wissen.

Der Sommer hat aber gerade einmal begonnen. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem es in unserer Gegend von Februar bis August nicht regnete und wir Wasser per Traktor hierher bringen mussten, 2003 war das. Damals: unvorstellbar heiß. Heute: Kinkerlitzchen.

Gesplittet. Ich werde nun die Johannisbeeren ernten. Schon gestern hatte ich die schwarzen zu Saft gekocht. Nun sind die roten dran. Wenn schon der Kocher in Betrieb ist. Muss ich ihn nicht zweimal putzen.

Hofzeit mitten im Saarland

Ein hellbraunes, fast weißes Alpaca schaut in dieser Aufnahme aus der Froschperspektive in die Kamera. Es steht auf einer von Laubbäumen überwachsenen Weide. Im Hintergrund ist ein tunnelförmiges Stallgebäude.

Treibgut am Rande der Nacht. Die waghalsigen Balanceakte auf der Leiter, vertikal-fakiresk geradezu mich windend zwischen der Wasserleitung und überragenden Betonstürzen, stecken mir noch in den Knochen. Ich hatte, der aufkommenden Hitze ist es geschuldet, die Renovierungsarbeiten im kühlen Atelier fortgesetzt, statt draußen zu arbeiten. Beziehungsweise, um es mir recht einzugestehen, erledige ich Arbeiten, die vor zwanzig Jahren aus „Zeitmangel“ nicht gemacht wurden. Damals musste es schnell schnell gehen, Wände bis zur zu erwartenden Hängehöhe von Kunstwerken schön weiß, Boden fegen, darüber die Sintflut. Die sich drei Meter hoch zwischen Balken in Form von Spinnenpopulationen und später dann auch Bilchen ausbreitete. Nicht, dass mich die Tiere stören würden. Insgeheim mag ich das Zusammenleben mit Bilchen und Spinnen. Jedoch haben die Tiere keine Toilettenkultur. So rieselt Bilchkot im Sommer wie schwarzer Schnee und auf den Bildern, die länger im Atelier hingen, finden sich die feinen Punkte von Spinnenexkrementen. Archachno-Pointillismus.

Die Uhr ist mittlerweile so gut wie besiegt. Natürlich zwänge ich mich aus Gründen der Teilhabe immer noch hin und wieder ins Zeitkorsett. Dass Zeit keine Rolle mehr spielt in meinem Leben kann ich mittlerweile ganz gut durchhalten: arbeiten wann ich will, ruhen wenn mir danach ist. 23 Uhr gehts unter die Dusche, Wasser eiskalt im Draußenbad, die ich nackt verlasse, mich unterm Sichelmond zu Künstlerbude bewege, atme, nirgends Licht einschalte, den Mond bei seinem Gang gen Westen beobachte, einen Schluck Wasser noch, dann Bett.

Tags drauf zu Freundin S., der es gar nicht gut geht. Schmerzen, Depression, abbes Bein, Hilflosigkeit, alleine. Wir tun was wir können, ein kleiner Kreis von Freunden und Freundinnen. Der Doktor will sie ins Krankenhaus einweisen. Sie wehrt sich und fragt mich, was würdest du tun und ich orakele, wenn ich ich wäre, würde ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, zumal das Wochenende bevorsteht und ich da nur eingelagertes Fleisch wäre am Wochenende; ich würde mich einweisen lassen, wenn ich du wäre, füge ich nachdrücklich hinzu. Orakel kann ich. S. und ich ticken da ähnlich und ich glaube, sie versteht meine innerlich zerrissene Rede nur zu gut. Im Fall stehen zwei Wahrheiten nebeneinander. Mich fuchst diese Auswegslosigkeit, vor die man manchmal gestellt wird. Ich besorge Frühstück: Brötchen, Schokocroissant, Butter und Marmelade und wir frühstücken, also vielmehr ich. S. knabbert apathisch am Croissant, schlürft den Automatenkaffee; ja, doch, Krankenhaus wäre zumindest nicht die schlechtere Wahl, denke ich. Fahre zu ihrer alten Wohnung, hole ein paar Dinge für sie, gehe gegen Mittag meines Weges im Gewissen, dass bald eine andere Freundin bei ihr vorbei schaut. Es ist zum Heulen.

Die Hitze hämmert. Mein Vorhaben, unter der Knute der Zeit um 16 Uhr mitten im Saarland zu sein auf einem Alpaca-Hof, droht zu scheitern. Wie ich es drehe und wende, ich muss, um dahin zu kommen, mindestens zwanzig Kilometer weit radeln. Neun abwärts bis zum Bahnhof Homburg, eine ungewisse Anzahl von Kilometern vom Bahnhof Ottweiler bis zu den Flauschtieren und das Ganze wieder zurück. Das Fahrradnavi sagt, dass es insgesamt ohne Benutzung der Zugstrecke 33 Kilometer weit ist. Dreizehn Uhr will ich los. Vierzehn Uhr schaffe ich es endlich in den Sattel und weil es erst einmal bergab geht, bin ich so kühn, die Radelstrecke zu nehmen. Unterwegs könnte ich beim einen oder anderen Bahnhof ja doch noch einsteigen. In Wellesweiler, Bexbach, sonstwo oder Neunkirchen. Alles ist möglich. Die Hitze knallt. Meinem Morgen-Ich danke ich inständig, dass es das Ebike geladen hat und somit den Weg frei machte, mit diesem zu radeln, statt mit dem Fahrrad. In jedem Brunnen oder Teich, dessen ich habhaft werde, tauche ich T-Shirt und Haube ein, „nässe mich ein“ und so geht das ganz prima mit dem Hitzeradeln. Dennoch ein beklommenes Gefühl. Würde ich merken, wenn ich einen Hitzschlag erleide? Dass ich vor ein zwei Jahren bei solcherlei Hitze langstreckenradelte, macht mich mutig (Link zum Youtube-Video der Reise). Läuft ganz gut. Gegen Ende der Tour zum Alpaca-Hof, unerwartet – ich habe ja weder auf die Uhr noch das Streckenprofil geschaut – Steigung. Das Einnässen im Brunnen Ottweiler reicht gerade, um wieder getrocketen Hemdes fünf Kilometer später beim Hof anzukommen.

Dort ist um 16 Uhr „Hofzeit“. Corina und Martin führen Interessierte durch das Gelände und man ist auf Tuchfühlung mit den 56 Tieren, die momentan auf dem wunderschönen Gelände leben. Noch zwei weitere Gäste sind vor Ort, angereist aus Darmstadt. Wir erfahren alles über Alpacas, die Züchtung und die Eigenarten der friedlich wirkenden Tiere … nach dem Crashkurs würde ich ihnen nicht mehr so arglos begegnen wie den Alpacas, die Frau SoSo und ich in Zierikzee im letzten Jahr streichelten :-)

Im Grünen Tal, in dem ein Bächlein sickert und starres Schilfgras die Bachlinie markiert – noch – komme ich tatsächlich ein wenig zur Ruhe, vergesse die Sorgen. Gut so. Mein Ansinnen war jedoch etwas Anders, eine kleine, feine Internetstory. Ich hatte vier Spülbürsten-Ersatzköpfe bestellt, die in einer Sammelbestellung an den Hof geliefert wurden – eine andere Geschichte, die hier erzählt wird.

Der Rückweg. Oha! Ich war bußfertig genug, mich zum Bahnhof Ottweiler zu schleppen und auf den nächsten Zug zu warten. Computer sagt nein! Das Display am Gleis laufschreibt, dass der Zug, der vor knapp einer Stunde fahren sollte, 60 Minuten Verspätung habe und der Zug, der nun kommen soll 24 Minuten und im Grunde erklärt das den Bankrott. Es handelt sich um einen Streckentotalausfall. Der Ebike-Akku ist noch knapp halb voll. Ich habe ein Problem. Für die letzten 200 Höhenmeter zurück zum Atelier wird es wohl nicht reichen. Nehme es gelassen, kaufe Nahrung und Ayran in einem Pennymarkt. Die Aussicht übers Bliestal von der Parkterrasse des Markts in Ottweiler ist phänomenal.

Weiter gehts an Neunkirchen-City vorbei zur anderen Bahnlinie, die zum Glück funktioniert. Mit einem Fahne-schwingenden Jungen steige ich ein. Er will nach Saarbrücken zu einem Fußballspiel, ein netter Kerl, denke ich. Bis er mich anspricht, wie stehen sie zur Todesstrafe; würden sie eine Wiedereinführung der Todesstrafe in Deutschland befürworten; dass er das würde, bekundet er; gar wirres Zeug und ich denke, will der nun zum Fußball oder zu einer Demo? Nach meinem Nein kommt sein Aber … und mein NEIN PUNKT! trifft ihn so hart, dass für den Rest der Fahrt eisiges Schweigen im Abteil herrscht. Der Junge ist Youtuber und bekannt, denn der Schaffener sagt, er habe schon Youtubefilme von ihm gesehen.

Die kurze Zugfahrt spart mir zehn Radelkilometer, gerade genug, dass der Akku bis hinauf zum einsamen Gehöft durchhält.