Die Sonne kämpft mit dichtem Hochnebel. Schon früh rief Künstlerkollege KRD Hundefänger an und holte mich aus dem Bett, das ich dieser Tage nur ungern verlasse. Der Übergang von Traum zur Wachwelt kostet in den letzten Monaten eine ziemliche Überwindung. Ich will nicht da raus! Ich will keine News, keine Probleme wälzen und obschon die Träume alles andere als erquicklich sind, scheinen sie mir dennoch geringer von Übel als das Gezeter und Gezerre der echten Welt.
KRD rief an, um eine Email zu beantworten, die ich ihm geschickt hatte. Sie sei verschlüsselt und er habe nicht die Lust, sich ums Entschlüsseln zu kümmern, also besser Telefon. Gutso. Seit Jahresbeginn schufte ich hart an der Unpluggung, am Umbau von den Konzernen weg hin zu mehr Datenschutz, Datenhygiene, google-und applefreiem Zeugs. Flagschiff ist das neue Handy, das mir die Liebste zum Geburtstag schenkte und auf dem das googlefreie Betriebssystem GrapheneOs läuft. Da ich mit der Neuinstallation, weg vom Konzern, schon einmal dabei war, räumte ich allmögliches Zeug auf: Kalender und Kontakte in die eigene Nextcloud synchronisiert, einige Linux-Maschinen, die bei mir zum Einsatz kommen geupdatet, die Mailprogramme umgestellt, Mails verschlüsselt, die Gmail-Adresse zwar nicht gelöscht, aber weitergeleitet. Und weil es sich anbot im Rausch des Säuberns und Umbaus, räumte ich das Adressbuch auf, entfernte doppelte Kontakte, recherchierte fehlende Datensätze, pi, pa, po. Außerdem drei Raspicomputer in Ordnung gebracht, die mir in der kommenden Ausstellung als Slideshow-Minis dienen sollen; neuen Monitor gekauft extra für die Ausstellung. Ich liebäugele, auf einem der Raspis eine Slideshow zu zeigen und auf dem anderen, dem mit dem handygroßen Miniscreen, einen Film. Entweder den zwanzig Stunden langen Film „Mit dem Rad zur Liebsten März 2025“, oder den Bliestallabyrinthfilm in Echtzeit, der etwa vier Stunden lang ist.
Im Zuge der Filmideeërei habe ich mir auch das ungeschnittene Videomaterial das seit Jahren auf den Rechnern liegt vorgeknöpft und einige Projekte zu Ende gebracht. Mit der letztjährigen Irgendwohintour bin ich nun fertig mit dem Schnitt von Tag zwei. Der Film lädt gerade hoch zu meinem Tchncs-Account. „Mit dem Rad zur Liebsten 2025-März“ habe ich als 800 px breites Video gerendert als heißer Kandidat für die Ausstellung bei Becks. Es ist ein schlichtes Straßenfilmvideo, hatte einfach die Kamera auf dem Lenker mitlaufen und filmte drei Tage der Reise, insgesamt knapp 20 Stunden Film. Gedacht ist das Material eigentlich für meine Zukunft, falls sie nicht so rosig wird, ich womöglich dement oder hinfällig in einem Pflegeheim lande. Dann kann ich meine eigenen Radreisen als eine Art Slow-Movie anschauen.
Ich schlafe schlecht. Nachts grübele ich oft ums Weltgeschehen im Balltanz mit dem eigenen kleinen Leben. Letzte Nacht allerdings ging es in der unruhigen Wachphase um die kommende Ausstellung, die Retrospektive bei Becks. Hab Sorge, nicht fertig zu werden. Ach was, ich werde nicht fertig! Kunst ist nie fertig. Und am Ende, kurz vor Ausstellungsbeginn, mache ich immer Abstriche an die Realität. Am meisten nerven mich die Formalitäten. So muss ich der Galerie logischerweise eine Kunstwerkeliste zukommen lassen. Preise, Titel, Formate, Werksfotos, ein Statement und einen Ausstellungstitel. Nuja, sind noch zehn Tage Zeit.
Dennoch, ich muss endlich auf die Tube drücken. Hätte ich bloß in diesem Blog die begonnene Skizze weiter geführt – vor Weihnachten gab es ein paar Artikel, die sich mit den einzelnen Elementen der Ausstellung beschäftigten und ich hatte überlegt, wenn ich alle Ideen, die mehr oder weniger chaotisch in meinem Kopf miteinander rangeln hier skizziert hätte, dann wäre es leichter, die Ausstellung zu bauen. Was man einmal niedergeschrieben hat, ist oft klarer und sakrosankter als das wieder und wieder Gedachte aber nie Ausgesprochene. Selbst wenn man es nicht noch einmal liest, der Druck der Finger auf die Tasten ist wie ein Geben an die Echtheit der Welt. Ein haptisches Wahrmachen von Dingen, die ansonsten mit all den anderen Gedanken für immer im Kopf geistern, ungeformt, unausgesprochen, ephemer bis zum Gehtnichtmehr.
Zwei Wochen „außer Dienst“, obschon ich zwischenzeitlich immer wieder versucht war, etwas zu tun. Als freischaffender Mensch hat man die Freiheit ebenso wie die Last, dass man seine Zeit frei einteilen kann, dass man seine Zeit frei einteilen muss. Und da viele Arbeitsschritte im Kopf stattfinden, was Grübelei und Sorgen bedeutet, ist es oft nicht möglich, „einfach abzuschalten“. So hatte ich den PC mitgenommen in den Ferien in Frankreich, ihn zum Glück nur einmal angeschaltet, um für eine Stunde etwas aufzuschreiben, das Hirn zu sortieren; die Stille und das weite Wegsein von der Heimat brachte ihr Übriges. Man konzentriert sich andernorts, dem Alltagsgewirre entronnen doch viel leichter auf das Wesentliche, als mittendrin. Wohnen. Einfach nur wohnen. Bis mittags in der Ferienbude, dann Ausflüge in die herrliche Juragegend. Die GTJ, die Grande Traverse du Jura, ein knapp 400 Kilometer langer Fernradweg führte durch unsere Feriengegend. Immer wenn ich die Hinweisschilder entdeckte, begann ich zu träumen, ey, das machste wahr dieses Jahr. Die Route startet in Montbeliard, welches ungefähr auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Rhone liegt, dort wo sich Vogesen und Juragebirge beinahe berühren. Über Landstraßen gehts südwestwärts immer entlang des Juras und des Flüsschens Doubs und über zahlreiche Höhenmeter bis in die Gegend um Lyon, glaube ich. Das machste wahr. Und im Kopf noch so viele andere Dinge wie Norwegen natürlich, und für die eigene Künstlerarbeit mal wieder #UmsLand live bloggend rund um viele Länder. Dennoch: Ich schwanke mal wieder, aufzugeben. Den Künstlerberuf an den Nagel zu hängen. Nichts mehr zu tun. In den letzten drei vier Jahren ist die Gefahr ziemlich groß, dass ich das tatsächlich mache. Vielleicht hält mich nur davon ab, dass ich mittlerweile in einem Alter bin, in dem ich sowieso keine andere Chance mehr habe als weiter zu machen. Gefällt mir gar nicht. Der Körper geht langsam kaputt. Das Hirn ebenso. Ich lerne, das Ende zu verstehen und wie zur Verhöhnung drischt das große Weltengeschehen unermüdlich auf mich ein, drehen scheinbar alle Menschen um mich durch, frisst sich der Krieg von den vielen „echten“ Fronten dieser Welt, gepowert durch die hysterisierende und polarisierende Kraft giftiger sozialer Medien bis in den eigenen Freundeskreis, bis in die eigene Familie. Zum Glück nicht mit Waffen wird er ausgetragen, aber ich frage mich, ob es im Nachhinein einen Unterschied machen wird, ob ein Krieg mit Waffen oder mit Gedanken und „Meinungen“ geführt wurde.
Okay, ich gebe zu, das ist so ein spezielles Irgendlink-Ding. Die Verlagerung der vermeintlich so echten Welt – haptisch-physischen Gesetzen gehorchend wie sie ist – in die eigene Gedankenwelt. Immer öfter erlebe ich für mich, dass ich denke, das und das sollteste tun, diese Ausstellung dort und dort realisieren, dieses Liveblog da und dahin durchführen, die Leute dabei mitnehmen und dann denke ich mich ein in die Sache und es fühlt sich fast an, als würde ich es tatsächlich erleben und ich arbeite es aus bis ins feinste Detail und am Ende sage ich mir, gutso, das haste auch erledigt, brauchst gar nicht da raus in die echte Welt. Willkommen Sofa, willkommen warmer Ofen. Ich hänge unten eine Liste der Gedankengebäude an. Allesamt #UmsLand Liveblolog Projekte, die ich noch zu realisieren, äh, oder auf dem Sofa auszusitzen gedenke.
Schaue die Welt durchs Fenster an. Hier gleich rechts neben meinem Arbeitsplatz. Garstig kahle Hecken neben glänzenden Hainbuchenstämmen, mit Neuschnee belagert. Wind aus Südwest. Gestern war sämtlicher Schnee weggetaut. Ein Sturm namens Elli zauste am Land, selbst hier in der Pfalz recht wütend. Ich hatte einen Termin beim Kardiologen. Mal das Herz anschauen nach Blutdruckeskapaden, Rhythmuskapriolen, Bruststechen, -bohren und -ziehen. Der Herzdoktor erklärte, ich sei vermutlich gesund. Ich solle die Tabakexzesse, die ich ein- bis dreimal im Jahr mit den wenigen Freundinnen und Freunden, die noch rauchen, exerziere, ganz sein lassen; kein Problem sagte ich. Tabak ist weit weg, wenn er weit weg ist. Die Arztpraxis hatte ich zuvor als Absteige bezeichnet, weil es ein kleiner Ärztekonzern ist, den der Kardiologe aufgebaut hat, der mir vor zwei Jahrzehnten prophezeihte, dass mein Herz irgendwann stehen bleiben würde. Die angestellten Doktorinnen und Doktoren haben eine hohe Fluktuation, doch vermutlich hatte ich Glück und einen hoch motvierten Menschen am anderen Ende des Echogeräts. Hasse mich ein bisschen dafür, dass ich die Praxis als Absteige sah. So despektierlich, denn ich wurde nett behandelt, musste gar nicht warten und überhaupt gab es den Termin sprichwörtlich von heut auf morgen, also von vorgestern auf gestern. Gutso für einen Herzwehzimperer wie mich. Da hat das zur Hypochondrie neigende Gehirn nicht genug Zeit, ein Krankheitsluftschloss zu errichten.
Ich sehe gerade, ich gerate ins Plaudern. Egal, mach mal wieder Alltag, Mann. Ist Fingerübung. Taste Dich an die Arbeit heran. Schließlich sollte man sich vor dem Leistungssport auch erst aufwärmen.
Wie erwähnt, nette Menschen. Die Sprechstundenhilfe nahm mich sofort nach dem Checkin mit ins Behandlungszimmer, legte mir ein EKG an, eiskalte Gummimanschetten, erklärte mir, was wie muss und wie ich auf der Behandlungsliege mich positionieren solle. Wir plauderten über den Sturm, und dass er oben auf dem Berg bei mir daheim gar arg zauste. Er solle noch schlimmer werden, samstags. Und dass der Schnee über Nacht weggetaut ist, sagte ich, so bedauerlich, so etwas erleben wir ja nur noch selten. Ich kam mir vor wie ganz normaler Mensch unter ganz normalen Menschen. Fast fühlte sich diese mikroskopisch kleine Zeiteinheit im Umgang miteinander an wie früher in der heilen Welt, bevor alle an die Meinungsfronten gerückt sind und ihre Schützengräben ausgehoben hatten.
Nun Samstag. Eigentlich kein guter Tag, um wieder mit der Künstlerarbeit zu beginnen. Als abhängig Beschäftigter würde ich erst Montag neun Uhr wieder im Job sein müssen. Das Hirn aber tut was es will und es beißt sich an der kommenden Retrospektive fest. Noch anderthalb Monate bis zur Ausstellungseröffnung. Ich habe das Konzept halbwegs im Kopf und wenn ich so darüber nachdenke, das genügt mir eigentlich. Es wäre okay, die Ausstellung dabei zu belassen, ein Kopfgebäude zu sein. Ich weiß, welche Bilder wo hängen werden und ich habe viele schöne Dinge eingebaut in die Ausstellung …
Neues System, neues Handy, gänzlich Google frei. Ich muss von Grund auf neu aufbauen, überlege weise und mit Bedacht, welche App aufs Handy darf, welche nicht und da es elend schwierig ist, manche Dinge wie Bahnkarte oder Banking oder Telefonanbieterverwaltung ohne Konzerndienste zu betreiben, habe ich auf dem System ein Schmutzprofil angelegt, in dem diese Apps laufen. WordPress als App wäre auch ein Kandidat fürs Schmutzprofil, aber wie man sieht, es funktioniert auch ohne, nämlich mit schlichter Besinnung auf die Fähigkeiten des eingebauten Browsers. So sieht die Zukunft rosig aus. Was das Loslösen von den Konzernen betrifft. Ich war ohnehin schon recht weit weg von den Konzernen und irgendwann kann ich das Band vielleicht gänzlich trennen. Verzicht. digitale Askese, sozialmediales Spartanertum.
Leider bin ich keine Rampensau, die im Brustton der Verweigerung voran schreitet und allen Freunden und Freundinnen da draußen das Heil verkündet, folgt mir in die Unabhängigkeit, verlasst Facebook, X, Instagram und Co. und kommt ins Fediversum. Das Fediversum ist schön. Das Fediversum ist lieb. Das Fediversum ist gut (in Anlehnung an ein Graffito, das ich vor 25 Jahren auf der Rheinbrücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen sah: Beton ist schön. Beton ist lieb. Beton ist gut, stand dort gesprayt).
Nun eben, die Absenz of being a Rampensau bedeutet, ach macht doch was ihr wollt. Und das ist auch gut so. Obschon ich mich frage, ob man wirklich macht, was man will, wenn man sich in die Gängelei der Konzerne begibt.
Ich schweife ab.
Das Jahr fing, ähm, sagen wir einmal: an. Nicht gut, nicht schlecht. Um Weihnachten gab es sogar ein paar Tage in einem Ferienhaus gemeinsam mit der Liebsten. Im französischen Departement Jura, unweit von Besancon und Pontarlier. Wir lebten genau über dem System der großen Sarrazin-Höhne bei der Quelle des Flüsschens Lisson. Wanderten, entspannten, seelebaumelten. Silvester in Deutschland erstmals seit Langem. Hier draußen auf dem einsamen Gehöft war die Böllerei ertragbar. Beeindruckend das Getöse um null Uhr des neuen Jahrs. Vom Feuerwerk sah ich kaum etwas. Die Liebste blieb in der warmen Bude und die Nachbarn, die in ihrem Gartenhäuschen nebenan feierten waren erträglich.
Nun plaudere ich larifari darauf los, dabei wollte ich doch nur die externe Tastatur am GrapheneOS ausprobieren. Läuft.
Wenn wir über Retrospektiven reden, müssen wir unbedingt auch über UmsLand reden. Jenen Hashtag, der ab März 2017 auf Twitter seine Kreise zu drehen begann und dies nun, bald ein Jahrzehnt später im freien Teil des Internets, dem Fediversum immer noch tut.
Die Umradelung von Bundesländern geriet mir eher zufällig in den Blickwinkel. Ich entdeckte irgendwann die etwa 1000 Kilometer lange Rheinland-Pfalz-Radroute. Weil sie direkt vor der Haustür lag, wurde sie mein nächstes Liveblogprojekt. Wegen des Jubelfests 70 Jahre Rheinland-Pfalz sogar mit Begleitung des SWR. UmsLand war Teil einer Dokumentation von Henriette von Hellborn. Mehrmals traf ich das Team am Rande der Route und ich erinnere mich noch gut an den verregneten Abreisetag, als sie mich im heimischen Atelier so lange von der Arbeit abhielten, dass ich erst am Folgetag aufbrechen konnte. Zum Glück. Denn da schien die Sonne. Am Ende meiner Runde landete ich sogar auf dem roten Sofa in der Landesschau Rheinland-Pfalz.
Kunst und Bauchpinselei, sie liegen oft nahe beieinander.
Nach den tragenden oft Wochen dauernden Fernreiseprojekten widme ich mich seither der näheren Umgebung. Das Saarland folgte, denn neben Rheinland-Pfalz hat auch das Saarland einen wunderbar beschilderten Radweg entlang seiner Grenze. Andere Bundesländer machen es einem da schon schwerer. In händischer Kleinarbeit erarbeitete ich Runden um Bayern (2018-2022), Baden-Württemberg (geplant wie auch Hessen, Sachsen und Brandenburg). Auch die Schweiz (2023) ist im Programm. Rund um Westberlin filmte ich 2024 und das Paminablog war ein wunderbar gescheiterter Versuch, mit einem Tourismusprojekt, sagen wir mal etwas Geld zu verdienen – eine schöne Kunststraße und UmsLand-Reise war es trotzdem.
Ich liebäugele, in der Retrospektive im kommenden März in der Galerie Beck auch eine „Ecke“ mit Screenshots der uMaps zu zeigen, in denen ich diese Projekte skizziere. Denn eins ist klar. Neben Foto, Film und Blogartikeln ist eine weitere Säule des künstlerischen Schaffens die Erhebung von GPS-Daten und die Kartenarbeit.
Collagen-Poster der Rheinland-Pfalz-Umradelung 2017
Exemplarisch an dieser Stelle die Rheinland-Pfalz-Umrundung – 2020 radelte ich die Strecke in Form eines Stipendiums sogar ein zweites Mal (und landete erneut auf dem roten Sofa). Liegt ja vor der Haustür. Beide Reisen sind in dieser Karte dargestellt: -> UmsLand Rheinland-Pfalz
Nachdem die Katze gestorben war, etwa 2018 – es war kalt, ekliges Wetter, dunkle Tage, ständig regnete es, ich hatte kaum Lust das Haus zu verlassen und mein Körper geriet in jene Art Minimalalltagsverwahrlosung, die sich bei älteren Menschen einstellt, die zum Duschen das Haus verlassen müssen, über den Hof durch Pfützen, Schlamm und meist gegen den beißenden Nordostwind – nachdem die Katze gestorben war klaffte nicht nur das übliche Loch, das klafft, wenn jemand gestorben ist. Die Katzenklappe, die vom Scheunenatelier in die Künstlerbude führt war ein hässliches Plastikteil, aber es tat einst seinen Dienst, den es nun nicht mehr tun musste. Nie wieder. Fett und Katzenhaare klebten an den Rändern. Ich baute ich sie aus und schraubte ein Kunstwerk vor das Loch, genauer gesagt Kilometer 522
Fotos der beiden Reisen nach Andorra bei Kilometer 522.
Das Bild zeigt einen uralten, verstümmelten Baum auf leicht abschüssiger Weide, an dem das vollbepackte Reiserad lehnt. Ein Schwarz-Weiß-Bild. Daneben ist hochkant ein Farbbild montiert, das den Baum, ohne Fahrrad zehn Jahre später zeigt. Ich weiß noch, wie erfreut ich war, den Baum im Jahr 2010 wieder zu sehen. Leider war die Weide im Jahr 2010 belegt und der Zaun geschlossen, so dass ich nicht zum Original-Bildstandort radeln konnte. Mit dem Teleobjektiv holte ich das Motiv heran. Für die Akten.
In den 2010er Jahren hatte ich eine oder mehrere Ausstellungen oder offene Ateliers, in denen die Dublettenserie gezeigt wurde. Neben den reinen Kunststraßenbildern, strenge Straßensichten konsequent in Reiserichtung, hatte ich zur Auflockerung auch Bildpaare besonderer Ansichten ‚beside the Street‘ mit in die Serie genommen. So auch den Weidenbaum, der irgendwo in Burgund unweit von Dijon wächst.
Im letzten Artikel hatte ich leichtfertig erwähnt, mein wichtigstes Liveblog-Projekt sei der Kapschnitt gewesen, die Radreise 2015 zum Nordkap. Warum?, wurde ich gefragt und im Nachdenken über das Warum begründete ich: Weil es mein längst angelegtes Projekt ist, das seine Wurzeln im Jahr 1988 hat. Weil ich etliche Male scheiterte, bevor ich 2015 als gefühlt erster live bloggender Künstler das Nordkap per Fahrrad erreichte.
Das ist natürlich richtig, aber nur ein Teil der Wahrheit. Ich glaube, das Geheimnis meines Kunstschaffens und Schreibens ist, dass ein Projekt immer nur ein Baustein ist im großen Ganzen und dass diese Bausteine alle miteinander verbunden sind. Dass Zeit dabei keine lineare Bedeutung hat und dass Projekte sich auf verschiedenen Zeitebenen zu verschiedenen Aktivtätsphasen überlappen, sich miteinander mischen, einander beeinflussen und auch bedingen. Der Kapschnitt in der Form 2015 wäre nicht möglich gewesen ohne die beiden Zweibrücken-Andorra-Reisen, ebenso wäre Gibrantiago, die Reise nach Gibraltar nie passiert, wenn es nicht mit dem Nordkap einen Gegenpol gegeben hätte. Auch die Idee zu den modernen, momentan aktiven Liveblog- und Kunststraßen-Projekten der UmsLand-Serie, in denen ich Bundesländer umradele und portraitiere, hätte nie gezündet.
Es ist nie vorbei, außer die Katze stirbt.
Wo nun statt durchgängiger Klappe, die so oft ein fordernd klapperndes „ich will Futter, streichle mich, lass mich auf dem Sofa schnurren“ mit sich brachte, ist das Loch mit einem Bild aus den Jahren 2000 und 2010 vernagelt.
2020 hatte ich die dritte Reise nach Andorra fest geplant. Das Radel stand gesattelt im Atelier. Der Abreisetag wäre ein Mittwoch gewesen, vielleicht. So genau kann ich das nicht mehr sagen. Es war der Tag, an dem Frankreich seine Grenze wegen der Pandemie schloss. Die Welt war in einem trudelnden sowas-hatten-wir-noch-nie-Modus; ich unsicher und auch vorsichtig. Zweibrücken-Andorra III fand nie statt. Zumindest nicht in echt.
In der Not wurde mir bewusst, dass die Dinge nicht unbedingt ausgeführt werden müssen. Es reicht auch, wenn man sie denkt. Und das Gedachte skizziert. Ich glaube vierzig Tage lang schrieb ich mein fiktives Zweibrücken-Andorra hier in diesem Blog und nutzte die langen Stunden am Rechner für gründliche Recherche auf den beiden voran gegangenen Reisen. Studierte die alten Tagebücher, zog Bilanz wie sehr sich die Welt im Laufe von zehn Jahren verändert hatte. Bei der Recherche der genauen Bildstandorte aus dem Jahr 2000 (uMap) stellte ich erstaunt fest, dass manche bereiste Straße gar nicht mehr existiert, bzw. verlegt wurde. Ich nutzte die Google-Streetview und suchte an den Stellen, die ich im Jahr 2000 nur im Reisetagebuch händisch skizziert hatte. Dies-und-das Dorf Kreuzung soundso oder: hinter Städchen XY bei einem Feldweg rechts lauten die Einträge. Der Standort Weidenbaum, der die Katzenklappe kaschiert, liest sich wie folgt:
522 Im Bergauffahren das Streckenfoto vergessen, hier auf einem Ziegelsteinweg kurz vor dem Hochpunkt vor Saint Didier, der mit Beauvoir beschildert ist (hier ein ins Logbuch gemaltes Augensymbol) etwa so, aber nix spektakuläres. 1. Mal bin ich mittagsmüde […].
Am Ende in Andorra angelangt, den gesamten Liveblog erfunden als wie-in-echt-Text war die Pandemie immer noch nicht vorbei und ich ging im Freestyle weiter südwärts auf einer Route, die ich vermutlich tatsächlich eingeschlagen hätte. Den Abschnitt von den Pyrenäen bis in die Ruinenstadt Belchite recherchierte ich aus Wikipedia, zufälligen Artikeln und Streetview. Das Projekt machte sich virtuell selbständig; es hätte können ein Buch von den Pyrenäenkriegen bis zum Spanischen Bürgerkrieg werden. Kann es noch immer.
In Belchite angekommen, wendete ich mich nordwärts und „erledigte“ gleich noch ein weiteres Projekt, das ich eigentlich als Echtzeit-Liveblogreise vorgesehen hatte. Die Velodyssée ist der französische Abschnitt des Atlantik-Radwegs. Dafür hatte ich das Blog radlantix.de vorbereitet. Ich schrieb und schrieb und schrieb und gelangte schließlich von der Biskaya bis in die Bretagne, wo sich das Buch in den Mysterien und Mythen einer von Menhiren und Wackelsteinen durchzogenen Gegend verliert. Es ist eine Baustelle, ähnlich wie der Kapschnitt lange Jahre eine Baustelle war. Etliche Artikel fehlen. Und zu guter Letzt besteht immer noch die Hoffnung, eines Tages in echt die 1300 Kilometer lange Velodyssée zu radeln.
Nicht fertig. Nichts ist jemals fertig in diesem Künstlerleben, denke ich nun. Erst wenn die letzte Katzenklappe … lassen wir das.
Erkenntnisse:
Die Skizzierung der beiden Reisen in einer uMap war der Beginn und Auslöser, weitere uMaps für Liveblogprojekte in Kartenform zu skizzieren: -> Französischer uMap-Server
-> Foss uMap-Server
Dort mittels Schlagwort nach Karten filtern, z. B. oder „Zweibrücken“ oder „Andorra“ (Frankreichserver) oder „UmsLand“ (beide Server).
Die einzelnen Elemente der Retro-Ausstellung, die ich unter dem Schlagwort Retrospektive in diesem Blog skizziere sind nie einzeln denkbar, stehen nicht solo als fertiges Etwas. Zweibrücken-Andorra gehört sowohl zum Kunststraßen-Blog, als auch zum Liveblog-Block und auch zum Pandemie-Block. Das Projekt enthält Spuren von iDogma und Appspressionismus, die ich in einem anderen Artikel skizzieren werde.
Wegen der Verflechtungen aller Ausstellungselemente, hatte ich mir schon gleich zu Beginn der Planungen im Frühjahr 2025 überlegt, dass es ein verbindendes Element geben sollte. Mir schwebte eine Art Akte Irgendlink vor. Mit im Raum schwebenden Aktenordnern und Holzblöcken, auf denen die Arten in Ringösen herumliegen zum Durchblättern. Die Idee gefällt mir zwar, aber Holzblöcke sind schwer zu transportieren und die Bandscheibe ächtzt. Eine neuere Denkweise wäre ein „Kleiner Raritätenladen“ als bindendes Element. Ein bisschen chaotisch, verwunschen mit viel Retro, in dem ich die vielen Objekte und Collagen, die im Atelier herumliegen drappiere und von wo aus die seriellen Arbeiten, allen voran die Reifen- und Kettenstücke zu den klar abgetrennten Einzelbereichen leiten.
Seit ausklingen der Pandemie stellte ich mir jedes mal wenn ich an Kilometer 516 vorbei komme vor, dass ich dort ja einfach hinradeln könnte. Nur eine kurze Tour von fünf Tagen. Es bereitet mir ebenso wehmut und Traurigkeit wie der Sandstein im Garten, unterm dem die Katze begraben liegt. Das dritte Jahrzehnt ist nun schon halb vorbei und ich schaue in die Zukunft und ich verspreche mir, dass ich zur Jährung 2030 erneut aufbrechen werde nach Andorra.