Treibgut am Rande der Nacht. Die waghalsigen Balanceakte auf der Leiter, vertikal-fakiresk geradezu mich windend zwischen der Wasserleitung und überragenden Betonstürzen, stecken mir noch in den Knochen. Ich hatte, der aufkommenden Hitze ist es geschuldet, die Renovierungsarbeiten im kühlen Atelier fortgesetzt, statt draußen zu arbeiten. Beziehungsweise, um es mir recht einzugestehen, erledige ich Arbeiten, die vor zwanzig Jahren aus „Zeitmangel“ nicht gemacht wurden. Damals musste es schnell schnell gehen, Wände bis zur zu erwartenden Hängehöhe von Kunstwerken schön weiß, Boden fegen, darüber die Sintflut. Die sich drei Meter hoch zwischen Balken in Form von Spinnenpopulationen und später dann auch Bilchen ausbreitete. Nicht, dass mich die Tiere stören würden. Insgeheim mag ich das Zusammenleben mit Bilchen und Spinnen. Jedoch haben die Tiere keine Toilettenkultur. So rieselt Bilchkot im Sommer wie schwarzer Schnee und auf den Bildern, die länger im Atelier hingen, finden sich die feinen Punkte von Spinnenexkrementen. Archachno-Pointillismus.
Die Uhr ist mittlerweile so gut wie besiegt. Natürlich zwänge ich mich aus Gründen der Teilhabe immer noch hin und wieder ins Zeitkorsett. Dass Zeit keine Rolle mehr spielt in meinem Leben kann ich mittlerweile ganz gut durchhalten: arbeiten wann ich will, ruhen wenn mir danach ist. 23 Uhr gehts unter die Dusche, Wasser eiskalt im Draußenbad, die ich nackt verlasse, mich unterm Sichelmond zu Künstlerbude bewege, atme, nirgends Licht einschalte, den Mond bei seinem Gang gen Westen beobachte, einen Schluck Wasser noch, dann Bett.
Tags drauf zu Freundin S., der es gar nicht gut geht. Schmerzen, Depression, abbes Bein, Hilflosigkeit, alleine. Wir tun was wir können, ein kleiner Kreis von Freunden und Freundinnen. Der Doktor will sie ins Krankenhaus einweisen. Sie wehrt sich und fragt mich, was würdest du tun und ich orakele, wenn ich ich wäre, würde ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, zumal das Wochenende bevorsteht und ich da nur eingelagertes Fleisch wäre am Wochenende; ich würde mich einweisen lassen, wenn ich du wäre, füge ich nachdrücklich hinzu. Orakel kann ich. S. und ich ticken da ähnlich und ich glaube, sie versteht meine innerlich zerrissene Rede nur zu gut. Im Fall stehen zwei Wahrheiten nebeneinander. Mich fuchst diese Auswegslosigkeit, vor die man manchmal gestellt wird. Ich besorge Frühstück: Brötchen, Schokocroissant, Butter und Marmelade und wir frühstücken, also vielmehr ich. S. knabbert apathisch am Croissant, schlürft den Automatenkaffee; ja, doch, Krankenhaus wäre zumindest nicht die schlechtere Wahl, denke ich. Fahre zu ihrer alten Wohnung, hole ein paar Dinge für sie, gehe gegen Mittag meines Weges im Gewissen, dass bald eine andere Freundin bei ihr vorbei schaut. Es ist zum Heulen.
Die Hitze hämmert. Mein Vorhaben, unter der Knute der Zeit um 16 Uhr mitten im Saarland zu sein auf einem Alpaca-Hof, droht zu scheitern. Wie ich es drehe und wende, ich muss, um dahin zu kommen, mindestens zwanzig Kilometer weit radeln. Neun abwärts bis zum Bahnhof Homburg, eine ungewisse Anzahl von Kilometern vom Bahnhof Ottweiler bis zu den Flauschtieren und das Ganze wieder zurück. Das Fahrradnavi sagt, dass es insgesamt ohne Benutzung der Zugstrecke 33 Kilometer weit ist. Dreizehn Uhr will ich los. Vierzehn Uhr schaffe ich es endlich in den Sattel und weil es erst einmal bergab geht, bin ich so kühn, die Radelstrecke zu nehmen. Unterwegs könnte ich beim einen oder anderen Bahnhof ja doch noch einsteigen. In Wellesweiler, Bexbach, sonstwo oder Neunkirchen. Alles ist möglich. Die Hitze knallt. Meinem Morgen-Ich danke ich inständig, dass es das Ebike geladen hat und somit den Weg frei machte, mit diesem zu radeln, statt mit dem Fahrrad. In jedem Brunnen oder Teich, dessen ich habhaft werde, tauche ich T-Shirt und Haube ein, „nässe mich ein“ und so geht das ganz prima mit dem Hitzeradeln. Dennoch ein beklommenes Gefühl. Würde ich merken, wenn ich einen Hitzschlag erleide? Dass ich vor ein zwei Jahren bei solcherlei Hitze langstreckenradelte, macht mich mutig (Link zum Youtube-Video der Reise). Läuft ganz gut. Gegen Ende der Tour zum Alpaca-Hof, unerwartet – ich habe ja weder auf die Uhr noch das Streckenprofil geschaut – Steigung. Das Einnässen im Brunnen Ottweiler reicht gerade, um wieder getrocketen Hemdes fünf Kilometer später beim Hof anzukommen.
Dort ist um 16 Uhr „Hofzeit“. Corina und Martin führen Interessierte durch das Gelände und man ist auf Tuchfühlung mit den 56 Tieren, die momentan auf dem wunderschönen Gelände leben. Noch zwei weitere Gäste sind vor Ort, angereist aus Darmstadt. Wir erfahren alles über Alpacas, die Züchtung und die Eigenarten der friedlich wirkenden Tiere … nach dem Crashkurs würde ich ihnen nicht mehr so arglos begegnen wie den Alpacas, die Frau SoSo und ich in Zierikzee im letzten Jahr streichelten :-)
Im Grünen Tal, in dem ein Bächlein sickert und starres Schilfgras die Bachlinie markiert – noch – komme ich tatsächlich ein wenig zur Ruhe, vergesse die Sorgen. Gut so. Mein Ansinnen war jedoch etwas Anders, eine kleine, feine Internetstory. Ich hatte vier Spülbürsten-Ersatzköpfe bestellt, die in einer Sammelbestellung an den Hof geliefert wurden – eine andere Geschichte, die hier erzählt wird.
Der Rückweg. Oha! Ich war bußfertig genug, mich zum Bahnhof Ottweiler zu schleppen und auf den nächsten Zug zu warten. Computer sagt nein! Das Display am Gleis laufschreibt, dass der Zug, der vor knapp einer Stunde fahren sollte, 60 Minuten Verspätung habe und der Zug, der nun kommen soll 24 Minuten und im Grunde erklärt das den Bankrott. Es handelt sich um einen Streckentotalausfall. Der Ebike-Akku ist noch knapp halb voll. Ich habe ein Problem. Für die letzten 200 Höhenmeter zurück zum Atelier wird es wohl nicht reichen. Nehme es gelassen, kaufe Nahrung und Ayran in einem Pennymarkt. Die Aussicht übers Bliestal von der Parkterrasse des Markts in Ottweiler ist phänomenal.
Weiter gehts an Neunkirchen-City vorbei zur anderen Bahnlinie, die zum Glück funktioniert. Mit einem Fahne-schwingenden Jungen steige ich ein. Er will nach Saarbrücken zu einem Fußballspiel, ein netter Kerl, denke ich. Bis er mich anspricht, wie stehen sie zur Todesstrafe; würden sie eine Wiedereinführung der Todesstrafe in Deutschland befürworten; dass er das würde, bekundet er; gar wirres Zeug und ich denke, will der nun zum Fußball oder zu einer Demo? Nach meinem Nein kommt sein Aber … und mein NEIN PUNKT! trifft ihn so hart, dass für den Rest der Fahrt eisiges Schweigen im Abteil herrscht. Der Junge ist Youtuber und bekannt, denn der Schaffener sagt, er habe schon Youtubefilme von ihm gesehen.
Die kurze Zugfahrt spart mir zehn Radelkilometer, gerade genug, dass der Akku bis hinauf zum einsamen Gehöft durchhält.


