Offene Ateliers RLP 2026

Eine komplexe Hängung von etwa 30 gerahmten, unterschidelich großen Collagenbildern an einer weißen Atelierwand

Im Herbst 2026 (19. und 20. September) nimmt das Atelier Rinck an den Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz teil und präsentiert neue Arbeiten und Kunstkonzepte, sowie gemeinsame Arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen. Neben Collagen und Fotografien zeigen wir Fotos, Serien, Objekte und Kuriositäten. Mindestens ein Künstler (moi même) ist anwesend :-).

Die Schau baut auf auf der kürzlich in der Galerie Beck gezeigten Retrospektive 30 Jahre Irgendlink (unter dem Titel „Ich sah, Rad und schriebte“). Was in der Retrospektive unvollendet war, wurde fortgeführt und bleibt ein kleines bisschen weniger, aber immer noch unvollendet: der Künstler in Bewegung auf seinem Weg durch Raum und Zeit.

Samstags Open End – Gäste aus der Ferne: Kontaktiert mich, um Übernachtungsmöglichkeiten zu koordinieren. Gäste aus der Nähe: Kommt einfach. Ich freue mich.

Samstag 19. 09.  und Sonntag 20. 09. 2026 ab 14 Uhr

Blick durch die spiegelnde Scheibe auf ein Schattenreich iluminiertes Atelier in warmem Farbton. Ein Mann steht neben einer Leiter und einem Staubsauger und bestaunt eine Wand mit etwa dreißig unterschiedlich großen Bildern in Petersburger Hängung.
Herr Irgendlink beäugt in Situ nach getaner Arbeit die „Petersburger Hängung“ einer Serie von Collagen (Foto: Denise Maurer).

Rings um Zweibrücken geöffnet sind an diesem zweiten Wochenende der Aktion Offene Ateliers RLP auch das Atelier Lebong in Homburg Erbach und das Atelier Köcher in Bexbach. In Rosenkopf ist das Atelier von Artur Bozem am ersten Wochenende geöffnet.

Alle beteiligten Ateliers findest Du unter

www.offene-ateliers-bbkrlp.de

An den beiden Wochenenden des 12./13. und 19./20. September öffnen zahlreiche Künstler:innen in ganz Rheinland-Pfalz ihre Ateliertüren. Sie laden herzlich dazu ein, einen unmittelbaren Einblick in ihre Arbeitswelt zu gewinnen, aktuelle Werke zu entdecken, ungewohnte Perspektiven kennenzulernen und sich über Kunst direkt an ihren Entstehungsorten auszutauschen.

Die Offenen Ateliers bieten eine wunderbare Gelegenheit, Kunst hautnah zu erleben, mit Kunstschaffenden ins Gespräch zu kommen und dabei vielleicht auch das eine oder andere besondere Werk für sich zu entdecken. Viele Ateliers überraschen zudem mit individuellen Rahmenprogrammen oder Gastkünstler:innen – lassen Sie sich inspirieren!

Wildes Denken und Nachtfahrten

Edit: Dieser Blogbeitrag wurde anlässlich des Metalabor 11 in Villmar geschrieben. Der Text dient als Grundlage für ein experimentelles „Dunkelvideo“.

Vier Gramm wiegt der Zucker, sage ich, so sagt es die Waage, die nicht besonders genau ist. Was steht denn drauf auf dem Zucker, fragt sie. Öhm. Nichts oder Saint Louis. Die Packung ist so ein typisches, kleines Papierröhrchen wie man es portionsweise in Cafés in Rewe- oder Edekamärkten mitnehmen kann. Mit ihren brillianten Augen beäugt sie das Päckchen, steht nichts drauf. Hat kein Gewicht.

Vertrauen wir der Waage, die beim Auflegen eines einzelnen Salzstängleins immer noch Null anzeigt? Die beim Auflegen einer Packung Nudeln, auf der 500 Gramm geschrieben steht 560 anzeigt?

Wischiwaschitage. Längst wollte ich die Radreise ans Ende der Nacht aus den Archiven hervor gekramt haben und einen Film geschnitten haben. Aber immer, wenn ich einen Anlauf nehme, das Ton- und Video- und Bildmaterial zu sichten, überwältigt mich die Fülle, übermannt mich eine silberne Müdigkeit, verlässt mich der Mut, ermatte ich, könnte ich eine Reise in die Nacht, also nicht etwa eine Reise in die Nacht mit dem Fahrrad, sondern eher eine Reise in den Schlaf auf dem hauseigenen Sofa oder woanders wo sichs gut liegen und träumen lässt. Ein sicherer Ort, um sich aufzulösen und das strenge Konstrukt der Taggedanken, die einem stets logisch und unabwendbar notwendig erscheinen, abzustreifen. Im Schlaf kann ich dem Hirn genehmigen, dass es alles Gedachte in Einzelteile zerlegt. Die Teilchen chaotisch ausbreitet. Die Freuden des Traums hochleben lässt. Denke wild und unbewusst.

Alles was ich über die Nacht weiß, habe ich im Traum gelernt.

Die Videos sind auf mehrere Verzeichnisse auf verschiedenen Datenträgern verteilt, was es nicht einfach macht, sie zu sortieren. Der Kern der Mission lautete: Durchradele die Nacht. Der erste Versuch liegt ein paar Jahre zurück. Nordwärts auf dem Glan-Bliesradweg. Gut ausgebaute Bahntrasse. In Kirn ein später Einkauf kurz vor Einbrauch der Dunkelheit. Zu dem Zeitpunkt habe ich fast 100 Kilometer in den Beinen. Der ursprüngliche Plan, zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz zu radeln, scheiterte am Mut, den Hunsrück zu erklimmen und am Einbrechen der Dunkelheit. Nach dem Einkauf trete ich den Rückwrg an. Per Fahrrad in die Nacht. Das war mein erster Kontakt mit der Nacht. Auf der ehemaligen Bahntrasse kaum Verkehr. Trotz Ortskenntnis irre ich umher. Stark eingeschränkter Sehsinn im schmalen Lichtkegel des Dynamolichts. Die Radwegehinweisschilder hängen oberhalb des Lichtkegels. Aus dem Wald spiegeln die Augen der Wildtiere, wenn sie der Lichtkegel trifft. Stille und Geräusche, die man tags nicht hört, weil der Verkehr sie überlärmt und solche, die man tags nicht hört, weil sie nur nachts passieren. Fahrradkette surrt und etwas knackt. Täusche ich mich, oder bin ich tatsächlich mehr Ohr als sonst?

Wie man eine Banane schält bei vollkommener Finsternis, wie es sich anhört, wenn man die Schale abzieht, wie sich das haptisch … äh anfühlt … ach, die Banane überhaupt erst einmal zu finden im Reisegepäck. Hatte ich sie mit Expander auf dem Heckträger festgeklemmt? Ist sie in dieser Packtasche? Oder in der anderen? Hätte ich bloß vor Einbruch der Dunkelheit … Mittlerweile sind einige Monate oder gar ein Jahr vergangen seit der ersten Nachtfahrt und ich sollte wissen, dass es gut ist, vor Einbruch der Dunkelheit zu wissen, wo die Kopflampe im Gepäck ist, denn sobald das Radel steht, versiegt das Licht des Dynamos, steht man, bis eben noch von der Ohnehin-nur-Funzel geblendet da und hat nur noch Ohr und Tastsinn und die Nase allenfalls.

Bananen sind elementarer Bestandteil der schnellen Radreisenahrung zwischendurch. Wenn die Schenkel schmerzen und es an Isotonen mangelt, esse ich sie. Oder kurz vor Anstiegen. Die hier am Rhein-Rhône-Kanal zum Glück nicht zu erwarten sind. Ab und zu gehts ein paar Meter eine Schleuse hinauf. Jenseits von Straßburg führt der Radweg schnurgerade Richtung Basel. Die unheimlichen Sportgelände südlich der Großstadt mit ihren Fußballabendgebolzen und das Skateboardklappern eines hell erleuchteten Skategeländes liegen hinter mir. Für wenige Kilometer bin ich guten Mutes, bis ans Ende der Nacht radeln zu können. Doch es ist noch nicht einmal zwölf Uhr. Hintern und Beine schmerzen. Banane finden, Lampe finden, weiter radeln, anhalten, ermüden, wenn ich einschlafe im Sattel, jaja, das geht tatsächlich, stürze ich in den Kanal, der nur einen Meter neben dem Radweg verläuft. Bei einem Picknickplatz baue ich das Zelt auf. Eine Stange bricht. Ich kann das reparieren. Ich schlafe löchrig, aber ich schlafe.

Hat je ein Mensch das Ende der Nacht erreicht? Und wenn ja, gelangte er zu einer Erkenntnis?

Monate später im unendlich heißen Hochsommer 2026. Die Uhr zeigt 19:37 am übelsten Bahnhof jemals, Pirmasens-Nord. Ich habe den Umstieg verpasst. Ein Blick in die Bahnapp zeigt, dass es ohnehin ein Wunder war, die 25 Kilometer ab Zweibrücken mit dem Zug zu fahren. Alles rot von ausfallenden Verbindungen, bis auf diese eine, die mich 19:37 nach PS-Nord brachte. Also gehts ab hier los über die Südpfalz-Radwege nach Hinterweidenthal, wo ich eigentlich hätte aussteigen wollen, wenn der Anschluss geklappt hätte. Ich schaffe die 15 Kilometer in 40 Minuten. Schwinge mich auf den Radweg nach Süden, erwische einen spät offenen Pennymarkt in Dahn, kaufe einen Bund Bananen, Cola, Konserve und ein Bier, falls ich doch irgendwo übernachten sollte und ein Feierabendbier haben möchte. Die Strecke durchs Elsass in die Schweiz kenne ich in- und auswendig. Am Radel sind alle Akkus geladen. Das Licht brennt. Die Nacht senkt sich. Dieses Mal könnte es klappen. Die unsägliche Hitze tagsüber von fast 40 Grad, zwingt einen förmlich, in die Nacht auszuweichen. Etwa 300 Kiometer liegen vor mir. Also schon einmal genug Strecke. Selbst wenn ich sehr schnell bin und keine Pause mache, werde ich die 300 Kiometer in den nächsten Stunden nicht aufbrauchen können. Gegen vier oder fünf Uhr ist der Spuk vorbei, werde ich es geschafft haben. Nächster Stopp Lembach. Ich radele auf der Straße. Das einzige Auto, das mich überholt, fährt langsam an mir vorbei. Scheibe geht runter und eine Frauenstimme sagt Piste Cyclable. Ansonsten herrscht zu dieser späten Stunde absolute Stille, einzig gebrochen von Froschquaken hie und da und Grillenzirpen und natürlich Ketten surren und Stoßatem-Atemgeräusche, doch das nehme ich nicht wahr. In Lembach fülle ich die Trinkflaschen an einem der drei Trinkwasserbrunnen, wie auch in Soufleweihersheim bei einem Wasserhahn am Kanalhafen kurz vor Straßburg. Bin zuversichtlich, dass wenn ich den Meilenstein Straßburg durchqueren kann, ich es dieses Mal bis ans Ende der Nacht schaffen kann. Die Aussicht auf Hitze, die mich am nächsten Tag garantiert aus den Socken hauen wird, ist unheimlich motivierend, wach zu bleiben. Straßburg zu durchradeln ist einfach. Es gibt jedoch dieses eine Stückchen Radweg nur etwa 300 Meter lang, sehr schmal, das durch eine besonders unheimliche Gegend führt. Wenn ich in Straßburg nachts Radreisende ausrauben wollte, würde ich das dort tun. Ihnen den Weg versperren, sie zum Anhalten bringen, ihnen das Messer in die Nase stecken und ihnen unmissverständlich klar machen, dass sie Geld und Handy abgeben sollen. Ich überlege, was ich tun würde, sollte das tatsächlich passieren. Die Kreditkarte habe ich vorsorglich schon aus dem Geldbeutel genommen. Das Handy würde ich vielleicht in hohem Bogen in den Kanal direkt neben dem Radweg schleudern. Schwer zu sagen, was man tun würde, wenn man ein Opinel in der Nase stecken hat.

Wie schon öfter, geht es gut. Nie war ich so spät wie in dieser Nacht an dieser Stelle. Niemand lauert mir auf. Ich fotografiere die Lichter. Hinterm Hauptbahnhof zeigt der Tacho 100 Kilometer. Es ist kurz nach ein Uhr. Raus aus der Stadt dauert es noch eine knappe Stunde bis zu guten Lagerplätzen.

Alles was ich über die Nacht weiß, vergaß ich südlich von Straßburg.

Ein Geräusch. Ein Tier. Im Schummerlicht huscht ein struppiges Nutria über den Radweg und lässt sich in den Kanal plumpsen. Picknickplatz Erstein zehn Kilometer. Guter Lagerplatz. Ich widerstehe. Nächster Halt Marckolsheim, etwa 40 Kilometer. Ich rechne, zwei Uhr plus 40 Kilometer gleich vier Uhr. In Marckolsheim hat ein gutmütiger Mensch, der in einem alten Kanalschleusenhäuschen wohnt, eine kleine Bank aufgebaut, einen Tisch, einen Sonnenschirm, einen Mülleimer und vor allem einen riesigen Thermoballon mit eisgekühltem Wasser. Mein nächstes Wasserloch also. Die Müdigkeit hält sich in Grenzen. Die Nacht ist so heiß, dass ich ohne Frösteln im T-Shirt radeln kann.

Ich habe die Strecke bei früheren Fahrten tagsüber gefilmt, fotografiert, hab sie besungen, bewundert und verflucht. In jener heißen Nacht lief ein Diktiergerät mit, notierte ich Bilder auf Band, die ich wegen der Dunkelheit nicht auf Video oder Foto bannen konnte. Mehr noch, ich ließ das Hirn mäandern, teils fühlte sich das ein bisschen an wie Traum, die klaren Strukturen der Tagdenke zersetzten sich im Dunkel am Rand des Kanals. Wie träumen bei vollem Bewusstsein. Lucid. Einzelne Elemente liegen wie unsortierte Puzzleteile nebeneinander. Vielleicht ist es mit dem Denken nachts ja so wie mit Puzzle: Obschon die Grundmenge an Gedachtem exakt gleich ist wie beim fertig zusammen gebauten Puzzlebild, sieht es ganz anders aus und nur derjenige, der es schafft, das Unbewusste zu erlauben, kann es auch genießen. Denke wild und absichtslos.

Da ist ein möglicher Lagerplatz nördlich von Neuf-Brisach, der mir gefährlich werden könnte. Unweigerlich steuere ich darauf zu. Wann wird es endlich hell? Jetzt bloß nicht schwach werden. Da links schon Morgendämmerung? Kies knistert unter den Reifen. Nutrias hie und da. Frösche. Wind in den Platanenalleen und das holprige Voranstottern auf runzelndem Teer, der von ihren Wurzeln angehoben wird. Es ist zu warm, um müde zu sein. Blick auf die Uhr verliert sich im Dunkel jenseits des Lichtkegels. Als ob je ein Blick auf die Uhr den Lauf der Sonne beschleunigt hätte. Ich lausche. Ist das Morgenverkehrslärm? Östlich vom Kanal verläuft eine Landstraße. Wann fahren die Franzosen zur Arbeit? Fünf, sechs Uhr? Wenn das Zurarbeitleute sind, dann gibt es auch irgendwo eine frühaufe Bäckerei. If Zurarbeitfahrleute, then aufe Bäckerei; else Boulangerie fermeé. In einem Dorf verlasse ich den Kanal und tatsächlich, da hat schon eine Bäckerei auf. Rein, ein Kaffee, ein Éclaire und etwas Deftiges. Draußen neben dem Radel beobachte ich die Leute, die auf dem Weg zur Arbeit hier stoppen. Manche nehmen sich Zeit zum Plausch bei Kaffee. Die meisten kaufen nur kurz ein und fahren weiter. Einer lässt den Motor laufen. Uralte Karre, kann also nicht wegen der Klimaanlage sein. Ich könnte das Auto stehlen.

Welch fulminantes Ende für eine Radreise ans Ende der Nacht.

Ankündigung des neuen Moorlander-Kalenders und Offenes Atelier

Eine Eisenbahnschiene endet abrupt im Teer der Straße. Über einen Zebrastreifen führt sie auf grüne Flächen hinzu, die sich vertrocknet vor einem düsteren Himmel mit gigantischer Turmwolke verlieren. Hinter der Wolke zeichnet sich ein Sonnenaufgang ab.

Die übliche Herbst-Turbulenz hatte früh begonnen in diesem Jahr. So ist etwa der neue Moorlander-Kalender für 2027 schon so gut wie hier im Lager. Sollte eigentlich gestern eingetroffen sein, wird hoffentlich bis spätestens nächsten Mittwoch eintreffen. Hier kannst Du ihn anschauen und bestellen. Wie üblich ist er für Frühkaufende bis Ende September im Sonderangebot für 14,90 Euro zzgl. Versandkosten.

Eine Eisenbahnschiene endet abrupt im Teer der Straße. Über einen Zebrastreifen führt sie auf grüne Flächen hinzu, die sich vertrocknet vor einem düsteren Himmel mit gigantischer Turmwolke verlieren. Hinter der Wolke zeichnet sich ein Sonnenaufgang ab.

Auch beim offenen Atelier am 19. und 20. September wird es den Kalender in echt und zum Durchblättern und Anfassen und Mitnehmen geben.

Zum Atelierfest gibts in Kürze mehr Information. Ich zeige neue Arbeiten und Konzepte auf Basis meiner im Frühling gezeigten Retrospektive in der Galerie Beck. So bin ich etwa einen Schritt weiter beim damals noch nicht reifen Projekt „Akte Irgendlink – eine Autobiografie“.

Das Atelier ist samstags und sonntags nachmittags geöffnet und steht unter dem Motto „Konst och Loppis“. Ich werde ein schwedisches (Spät)sommercafé einrichten mit Schirmchen, Kuchen, Sitzgelegenheiten, viel Kunst und vielleicht auch ein bisschen Zeug, das sich in den Arterien des einsamen Gehöfts abgelagert hat.

Samstags abends wird, wenn es die Dürre erlaubt, gegrillt. Von fern Anreisende können im Garten zelten oder im Atelier auf einem der Gästebetten schlafen. Bitte sag mir Bescheid, wenn Du das tun möchtest.

Und Schlaf nach Gutdünken

Erkenntnis gestern beim Rumgeistern im Atelier: Der Weg der Anderen, von dem ich ja schon sehr lange weiß, dass er nicht meiner ist, kann gegangen werden und ich bin ihn auch oft genug gegangen. Es fiel mir kein eigener Weg ein, der gangbar wäre. Stehenbleiben ist auf Dauer keine Option. Dass es einen eigenen Weg gibt, ist zwar nicht bewiesen, aber ich glaube daran. Wie also finde ich ihn?

Ganz einfach: Der eigene Weg kommt zu dir. Du kannst ihn nicht erzwingen, nicht herbei zaubern. Du kannst ihn nicht parallel zum Weg der Anderen erschaffen, ihn pflastern und nutzen. Er ist unsichtbar immer vorhanden, bloß wo? Das kleine Teufelchen versteckt sich wie eine Ameisenkolonie, die unter den Fundamenten deines Hauses einen Staat errichtet hat und einmal im Jahr durch Ritzen in die Küche kommt zum Plündern.

Meine Arbeit ist Tanz geworden. Zwischen Aufräumen und Entrümpeln kreiere ich neue Kunstwerke und nehme dabei keine Rücksicht auf allfällige Dilletanz. Weiter weiter weiter. Es ist wie Radfahren: Wenn es nicht schnell geht, geht es eben langsam und im Notfall musst du schieben, aber jeder Meter Artist in Motion bringt dich ein Stück weiter.

Selbst die Ruhepausen, die ich im von Journalist F. geerbten Ledersessel verbringe und von dem aus ich mein Tagwerk bestaune, sind produktiv. Dann bewegt sich zwar nicht der Körper, dann hängt sich kein Bild, dann drappiert sich kein Objekt, aber das Hirn geht auf Wanderschaft. Ich schlürfe Kaffee, schlürfe Saft. Durch die Tür an der Südwand strömt ein heißer Wind. Ich sollte sie schließen. Jetzt nicht, Junge, Mañana murmele ich jack-kerouacesque, Mañana. Jetzt ist Ruhe. Das Hirn schreibt Artikelbeschreibungen für den Online-Shop und es terminiert ein bisschen vor sich hin, dann und dann das und das fertig, aber gemach, Junge. Das Hirn tut das ohne Zwang und aus freien Stücken.

Das Hirn ist gändig. Es treibt mich nicht an, setzt mich nicht unter Druck, so wie früher. Ach und was war das früher für ein nervenaufreibender Stress mit Ausstellungen, weil alles an einem zerrt und man müsste ja die Presse informieren und diesen und jenen auf die Einladungsliste setzen und dann einen riesigen Verteiler bedienen. Nein! So nicht. Mein Weg ist ein anderer. Während ich arbeite und mir Gegenstände zwischen die Finger kommen, die mit Erinnerungen geladen sind, fallen mir auch die Menschen ein, die hinter den Gegenständen stehen. Das ist der Moment, in denen ich diese Menschen kontaktiere. Eine Mail schreibe und zum Atelierfest einlade, persönlich und an die jeweilige Erinnerung geknüpft, die stark im Strom der Zeit treibt. Jetzt lade ich Freund XY ein, hab ich seinen Signalkontakt? Von weit kommt er, ich schreibe, wenn er vorbei schauen möchte, kann er ja ein paar Tage bleiben und sich neben der Kunst auch die Gegend anschauen. Im Garten zelten oder im Atelier auf dem Gästebett leben.

Und jetzt treffe ich gleich Freundin S. mit dem abben Bein. Dann hole ich sie mal ab ins Atelier. Zack geht der Körper aus dem Pausenmodus und ich setze eine Idee zur Verbesserung der Barrierefreiheit um. Schnell ist eine Rampe gebaut für diese eine Treppenstufe, die es zu überwinden gilt. Zwischendurch noch ein Objekt gestaltet, ein Bild gehängt, etwas repariert.

Und Schlaf nach Gutdünken.

Jaja, so muss das. Ganzheitlich irgendwie; die Blogbeiträge laufen auch nebenbei; sie gehören dazu und wartet erst einmal, wenn ich die uralte Schreibmaschine auspacke, was ich damit für tolle Dinge anstellen kann.

Ich muss Kohlepapier kaufen.

Der Kempf’sche Waldbrand und die Irgendlink’schen Reliquien eines Europenners

Ich habe den unendlich bequemen alten Ledersessel, den ich von Journalist F. geerbt hatte, im Atelier an der Frontwand aufgestellt. Hin und wieder, wenn eine Pause nötig ist, setze ich mich hinein, ruhe und lausche der Musik, die auf der antiken Stereoanlage dudelt. Alles hier drin ist käuflich, dachte ich. Alles muss raus … nein, falsch, raus muss hier gar nichts, aber alles ist Produkt. Alles kriegt eine Nummer und einen Preis und es wird im Shop gelistet werden. Tausende eigene und fremde Kunstwerke sind in dem etwa 100 Quadratmeter großen Raum versammelt, der einmal ein Rinderstall war. Nun fällt das merklich herbstlich werdende Licht des noch immer wuchtigen Sommers durch die Südfenster und akzentuiert mal hie, mal da ein Kunstwerk. Die Flasche „Waldbrand 2014“ der Brüder Kempf (auf der Seite bissel runterscrollen) steht auf einem der Lautsprecher. Als subkultureller Künstler ist man nicht einfach Produzent und Umsetzer eigener Ideen, sondern automatisch auch Kunstsammler. Schätze liegen hier rum. Die Kempfs waren ihrer Zeit voraus, denke ich, recherchiere im Netz und werde fündig – die Installation im Link ist allerdings von 2018.

Die Idee der Installation „Waldbrand“ basiert zuerst auf einem eher witzigen Wortspiel, das die Doppeldeutigkeit des Begriffes Brand zunutze macht.

Warum steht auf meiner Flasche 2014? Sie war Teil einer Performance, die am 6. 12. 2014 stattfand, steht hinten drauf. In meinen Besitz gelangte sie durch Schenkung, glaube ich. Ich hatte beim Galeristen etwas gut und er zahlte in Kunst. So war das glaube ich.

Eine Ecke im Atelier ist Journalist F. gewidmet. Nachdem ich seine Kunstsammlung vor der Vernichtung gerettet hatte und die Erbin sie nicht wollte, hatte ich sie in Kisten eingelagert. Den „Fliegenden Holländer“, ein Ölschinken, habe ich mal probeweise gehängt. Aber er ist zu wuchtig. Übers Gästebett hängen will ich ihn allerdings auch nicht. Das bringt womöglich Unglück, weil der Holländer auch über Journalist F.s Pflegebett hing. Ich bin manchmal etwas komisch mit den Gedanken.

Früh dran bin ich mit dem Cleansweepen des Ateliers. Noch über einen Monat Zeit bis zum Tag der offenen Tür. Ich habe aber auch viel vor. Die Räumaktion ist Teil meines „Rückbaus“. Mich selbst rückbauen. Mein Künstlerleben auf elegante Weise sortieren. Altes revue passieren lassen, meinen Frieden machen. Ich weiß nicht. Es fühlt sich gut an. Auch das vermehrte Bloggen der letzten Tage ist gut und wichtig und Teil des Aufräumens.

Da sitzt ein zufriedener Mensch auf dem alten Ledersessel und schaut in sein Leben und der Blick streift das Leben vieler Kolleginnen und Kollegen, denen er einmal begegnete.

Der erste Blick ins Atelier ist ungemein wichtig. Wenn du zur Tür rein kommst, muss da etwas Ungewöhnliches den Besucher, die Besucherin abholen, ihn oder sie hineinsaugen und Lust machen, zu stöbern. Ich versuche es mit der Postkarteninstallation, die in einem Duschvorhang aus Klarsichtfolie präsentiert wird. So kann man Vorder- und Rückseite beschauen, wenn man möchte. Hänge die Installation an der rostigen Eisenschiene auf, die einst den Greifarm für den Mist führte, der von den Rindern abgesondert wurde. Wieviele Tonnen Kuhdung wohl in den 16 Jahren, in denen der Hof als Bauernhof diente, in meinem Atelier angefallen sind? Könnte man damit einen Haufen so hoch wie der Potzberg bauen? Wieviele Rinder wurden hier großgezogen, geschlachtet, verwurstet und gegessen. Der Raum trieft vor Blut. Und wie ich über den Misthaufen nachdenke, fällt mir die örtliche Mülldeponie ein. Ein riesiges Areal, gleich hier um die Ecke, das in einem idyllischen Tal gelegen ist. Nein war, denn in den zwanzig Jahren, in denen ich nun schon in der Gegend wohne, wurde das Tal zugeschüttet und mehr noch, es entstand ein kleiner Berg. Es ist eine Asbestmülldeponie. Unter anderem. LKW aus aller Welt fuhren hier vor.

Zurück ins Atelier. Also die Postkarteninstallation kann so nicht bleiben, sind wir uns da einig?, sinniere ich murmelnd. Egal wie ich sie hänge. Die der Sonnen zugewandte Seite spiegelt zu arg und die abgewandte Seite ist schwer anzuschauen wegen der Gegenlichtsituation. Der Duschvorhang muss eher da hinten zum Postkartentischchen, denke ich und den Holländer hänge ich vielleicht über die Tür?

Inspiriert durch die Kempfs mit ihrem Waldbrand lege ich meine Reifenstücke, die Reliquien eines Europenners als Installation auf den Boden. Mitten in den Raum. Es sind noch etwa dreißig Exemplare der kleingeschnittenen, auf Holztafeln geschraubten, abgefahrenen Hinterreifen der Reisen rund um die Nordsee (2012) und zum Nordkap (2015) vorhanden. Einst waren sie Dankes-Kunstwerke für die Unterstützerinnen und Unterstützer der Liveblogprojekte.

Dass meine Kunst ephemer ist, also stattfindet und spurlos verschwindet, weil es künstlerisch dokumentierte Reisen sind, stimmt gar nicht, wird mir bewusst. Spuren sind immer und überall und man muss sie nur lesen. Jaja, ich glaube, mein Atelier ist ein Buch geworden und hey, wenn wir schon übers Verschwinden nachgrübeln – ich hocke Kinn reibend noch immer im Ledersessel – da wo die Postkarten jetzt hängen, hänge ich das alte Reiseradel auf. Mehr noch, es wird ein Kunstwerk. Jemand der oder die schlau ist, kann es kaufen und später, wenn ich tot bin bei einem Kunstauktionshaus versteigern. Wenn schon Elvis‘ Unterhose Millioen bringt, wie ist das dann erst mit einem Reiseradel, das zum Nordkap und nach Gibraltar und rund um die Nordsee gesteuert wurde und als mobiles Blogbüro diente? Ich komme ins Schwärmen, jaja, das mache ich wahr: Ich stopfe die Radeltaschen mit Papier aus und hänge das Ding an die Mistschiene so wie es in echt, in Reise-Situ aussieht, das ist erst schon mal ein wunderbarer Hingucker, dem das Gegenlicht nicht schadet. Mit Alles! Ungeputzt und mit Dreck und mein Hirn surrt plötzlich, schließlich bin ich Konzepter: Teil des Produkts ist dessen Auslieferung. Wenn jemand das Radel kauft, kriegt er oder sie eine Liveblog-Tour gratis dazu. Ich werde mir zehn Tage Zeit nehmen und mit dem Radel zum Empfänger, zur Empfängerin radeln, darüber bloggen, filmen und Ton aufzeichnen ganz wie früher in Echtzeit und wenn ich am Ziel bin, fahre ich per Zug nur mit dem was ich am Leib trage wieder Heim. Radel und Gepäck und alle Daten bleiben beim Kunstsammler, bei der Kunstsammlerin. Schon preise ich aus: 2000 Euro? Nee, zu billig, wenn da noch zehn Tage Liveblogarbeit daran hängen. Da ist ja die Summe der Tagessätze schon mehr wert. Ganz zu schweigen von den Spesen … 5000, oder besser 4999, das klingt mehr nach Schnäppchen? Ach komm, ich machs fünfstellig und reduziere den Preis dauerhaft im Blog. Ich Fuchs, ich gewiefter kleiner Kunstfuchs, ich,

Okay, ich höre nun mal auf mit dem Blogartikel. Ich finde, er müsste überarbeitet werden. Normalerweise würde er als „privat“ im Blog landen, aber ich übe mich ein bisschen, in die ungenierte gute alte Liveschreibe zurück zu finden.

Das Atelier ist am 19. und 20. September 2026 geöffnet. Kommt alle! https://www.offene-ateliers-bbkrlp.de/alle-ateliers-2026 (Suchwort irgendlink).