Tänzelnd auf dem Hochseil des Broterwerbs von einer brotlosen Zunft in die nächste

Wie in stereo aufgenommen läuft die Befindlichkeit diesertage. Durchaus Positives wird überlagert von einem übersteuerten Kanal alles Miesen. Elend und Tristesse ringsum, so dass es mir schwer fällt, einen guten Flow zu finden, mehr noch, überhaupt irgendetwas konsequent zu Ende zu bringen.

Verflixter Weise steht auf dem Zapfhahn Super E5 für unverschämte 1,379 Euro pro Liter. Das ist zugegebener Maßen besser als die 1,429 Euro, die ich morgens für zehn Liter auf fast trockenen Tank zahlte, aber eigentlich hätte ich den Rüssel mit dem billigeren E10 gewollt im Angesicht der Unverschämtheit des Preises und des klammen Geldbeutels. Ich bin total verpeilt an diesem Nachmittag. Froh, dass ich den E5 und nicht versehentlich den Dieselrüssel erwischt hatte.

Nur hundert Meter trennen mich von der billigsten Tankstelle des Saarlands, bei der ich normalerweise tanke. Eine kleine Absteige für Benzinjunkies in einem unattraktiven Industriegebiet am Rande der Autobahn. Problem: Mir will und will der Code zur Bankkarte nicht einfallen. Nach mehrmaligen falschen Versuchen gebe ich auf und fahre zur Nachbartankstelle, dieser hier, mit dem ausversehenen E5-Rüssel. Hier akzeptiert man auch Bargeld.

Ein wahrer Tankstellenstrich ist das an der Bundesstraße, die von Saarbrücken nach Homburg führt. Eine Tankstelle an der anderen und es herrscht reger Preiskampf. Diejenige mit dem falsch eingegeben Code ist die Billigste. Immer.

Ein ziemlich verwirkter Tag, an dem ich bald zweihundert Kilometer unter Gummi nehme, um meinen Freund Journalist F. zu einem Arzttermin zu bringen. Schon gleich nachdem ich ihn abgeholt hatte, begann das Unglück. Auf der Autobahn verpasse ich die Abfahrt und die nächste Abfahrt ist gesperrt, so dass wir einmal rund um die Universitätsstadt fahren und uns schließlich von Norden dem Klinikum nähern, wo Freund F. feststellt, dass er seine Papier zu Hause vergessen hat, insbesondere den negativen Covid-19-Test, den er für die Untersuchung braucht. Also F. schon einmal bei der Praxis rauslassen, warten kann er auch ohne Test, und zurück zur Wohnung, Papiere holen, wieder zum Arzt et voilà. Die Wartezeit fahre ich nach Hause, nicht sehr weit von der Klinik entfernt und hoffe, den Heizungsbauer zu treffen, der sich für vormittags angesagt hatte und nicht kam. Auch nun kein Heizungsbauer. Wie auch. Heizungsleute sind bauesoterisch betrachtet ja zirkulative Wesen, ständig im Fluss, Chimären zwischen Vor- und Rücklauf, sozusagen. Nie und nimmer zu fassen. Ich döse vor dem Holzofen, bis F. anruft, habemus fertig und auf gehts ins geliebhasste Vehikel … mit dem letzten Tropfen im Tank (morgens tankte ich ja nur widerwillig und demonstrativ wenig für 1,429 Euro) bringe ich den Freund nach Hause und freue mich auf die billigste Tankstelle gleich gegenüber seiner Wohnung, abernaja, das Hirndebakel mit nicht erinnerter Kartennummer, wie schon erwähnt. Sowas passiert mir sonst nie.

Nun, da ich wieder daheim bin, eine Weile geruht habe, ist die Kartennummer wieder präsent. Hoffentlich wurde die Karte nicht gesperrt wegen der Fehlversuche.

Alles in Allem ein ziemlicher Scheißtag also. Aber auch nicht, denn wir haben ja Stereo. Vielleicht klingt es ja schon ein bisschen durch hier im Artikel. Den Heizungsbauer und mit ihm die Bauesoterik erwähnte ich ja nicht nur zum Spaß. Seit einiger Zeit vergnüge ich mich in Minuten, in denen ich des Denkens fähig bin nämlich wieder mit dem verrückten Buch über die bauesoterischen Phänomene, das ich schreiben werde. Es ist ziemlich viel Material aufgelaufen in den letzten Monaten, das ich sortieren muss. Beflügelt durch die intensivierte Schreiberei und das Passfälscher-Projekt seit Beginn der Pandemie, habe ich Hoffnung, dass ich bald ein gutes, unterhaltsames Buch über die Bauesoterik schreiben kann. Die Welt als Verquickung horizontaler, vertikaler und zirkulierender Begebenheiten. Mir schwebt eine Art Nichtkrimi vor im Stil von Flann O’Brians ‚Der dritte Polizist‘.

Im Rückblick auf das vergangene Jahr, muss ich mir eingestehen, dass ich wohl eine Umschulung vom freischaffenden Künstler zum Schriftsteller durchlaufe.

Meisterlich geradezu, wie der Herr Kunstbübchen, moi même, auf dem Hochseil des Broterwerbs von einer brotlosen Zunft in die nächste tänzelt.

Es war die Nachtigall und nicht die Manschettendichtung am Fuße des Klospülkastens

Unweigerlich muss ich an die Kuh Elsa denken, als der Anruf aus dem Haupthaus kommt. Hör mal, Junge, hörmal, hör Dir das mal an, tönt es durch die Leitung und ich stelle mir vor, wie das Telefon vom Ohr der Gegenüber weggehalten wird, irgendwohin, wo es Geräusche gibt. Ein Gluckern und Zischen ist zu vernehmen. Die gedämpfte Stimme fernab vom Telefonlautsprecher redet weiter. Das Wort Klospülung, verstehe ich und sofort kommt mir diese breite Manschettendichtung in den Sinn am Fuße des Klospülkastens, die das Wasser im Spülkasten davon abhält, wegzufließen, wenn die Spülung ruht und der Kasten voller Wasser ist.

Sicherlich eine der genialsten Erfindungen, die der Sanitärbau in den letzten zweitausend Jahren hervorgebracht hat. Wäre da nicht die Kuh Elsa.

Schon beim Aufsetzen des Kaffeewassers am Morgen hatte ich den Eindruck, dass der Wasserhahn sehr träge läuft. Gut möglich also, dass die rohrbeheizte überirdisch verlaufende Leitung zum Atelier eingefroren ist. Die Hiobsbotschaft aus dem Haupthaus will allerdings zur Diagnose, Rohrleitung zum Atelier eingefroren nicht passen. Es kann nicht im Haupthaus nahe dem Kern der Wasserversorgung gluckern, wenn die Wasserleitung in der Peripherie verstopft ist. Ich renne rüber zur Pumpstation, denn wenn eines der Hauptrohre zwischen Hausanschluss und Brunnenkopf eingefroren ist, könnte es sein, dass die 170 Meter tief hängende Druckpumpe gegen einen Widerstand anpumpt und sich bei der Rackerei selbst zerstört. Ist wie Herzinfarkt, nur mit schmutzigem mehrzölligem Stahlrohr, das in der Tiefe des Pfälzer Lehms versenkt ist.

Stille im Brunnenraum. Die Pumpe läuft also nicht (mehr). Das Pufferfass im Haupthaus, das als Wasserverteiler dient, ist leer. Mit letztem Druck hat es Luft in die Leitungen gepumpt. Das erklärt das Gluckern im Klospülkasten. Puuuuh. Muy Problemo! Normalerweise regelt ein Druckschalter, wann die Pumpe in der Tiefe ein und ausschaltet. Bei zwei Bar schaltet sie ein. Bei vier oder fünf schaltet sie aus. Also erst einmal Druckschalter inspizieren. Das Relais lässt sich händisch betätigen. Funken sprühen. Strom scheint da zu sein. Aller Sicherungen okay. Das klingt nach Reparatur im unteren fünfstelligen Bereich, denn die Pumpe wäre wohl kaputt und müsste ersetzt werden. Mir graut davor. Man muss die Pumpe und das 170 Meter lange Rohr aus dem Schacht ziehen und durch eine neue Pumpe und neues Rohr ersetzen. Zudem bei diesem eisigen Nordoster, der noch ein paar Tage vorherrschen wird.

Aber erst einmal Ausschlussverfahren. Rein in den Pumpenschacht, Stecker umstöpseln und die Pumpe über eine andere Steckdose laufen lassen. Nichts. Am Kopfrohr befindet sich ein Druckmesser und ein Wasserhahn. Damit haben wir noch nicht experimentiert, die fetten Spinnen, die im Pumpenschacht überwintern und ich. Das Manometer zeigt ein paar Bar Überdruck an. Will heißen, da ist noch Wasser in der Rohrleitung und die Pumpe, tief unten, hat es auf diese paar Bar gepresst. Gut möglich, dass das Kopfrohr doch eingefroren ist. Ich habe einen Heizkörper in den drei Meter tiefen Schacht gestellt, der nun fürs Rohr und die Spinnen ein erträgliches Klima schafft. Derweil drehe ich an dem Wasserhahn neben dem Manometer. Das Wasser beginnt, zu sprudeln. Gutso. Bis hier hoch kommt also schon etwas. Notfalls kann man einen Bypass ins Haus legen. Nachdem es eine Weile geplätschert hatte, drehe ich den Hahn wieder zu und begebe mich in den Technikraum, noch einmal den Pumpenschalter betätigen, auch wenn ich keine große Hoffnung hatte … Wunder!

Deutlich ist das Säuseln der Pumpe zu vernehmen und das Wasser im Druckbehälter steigt.

Der Supergau blieb aus. Heute. Jetzt. Ich lasse den Kessel volllaufen. Nun muss noch der Hauswasserdruck justiert werden; alles geriet aus den Fugen und das ist recht kompliziert. Immerhin gibt es jetzt wieder etwa 100 Liter Wasser. Das reicht ein paar Tage. Und mit etwas Glück ist die Pumpe nur aus unbekannter Ursache ausgefallen und funktioniert wieder. Die nächsten Stunden werden es zeigen.

Mittag nun. Auf den Schreck hatte ich diesen Blogartikel begonnen. Während der Notfallmaßnahmen legte ich am einsamen Gehöft etwa zwei Kilometer zurück, um Werkzeuge und andere Utensilien zusammenzusuchen. Eine Leiter für in den Brunnenschacht, ein Starkstromkabel, eine Zange. Und ganz viel Brille, immer wieder Brille, damit ich auch sehe, was ich tue. Zwischendrin ein bisschen Internetrecherche und Nachbarn anrufen, wen man denn anrufen könnte, der oder die sich des Problems annehmen könnte. Ha, auf folgende Weitsicht bin ich besonder stolz: Als ich mir vorstellte, zu den Schnecken und Spinnen in den erdigen Brunnenschacht zu klettern, ermahnte mein Hirn, Herr Irgendlink, es ist ungewiss, wann Du Dich oder Deine Kleider je wieder waschen kannst, gibt ja kein Wasser, No Wasser, no Waschmaschin‘ (denks zu einem Reggae-Song), also bloß nicht mit den Schönfeinkleidchen da runter, ach, solche Dinge denkt man in solchen Momenten und dass man sich glücklich schätzen kann, dass es nur dieses Problem ist und nicht etwas schlimmeres wie Krebserkrankung, Unfalltod, Flucht, was heutzutage den Menschen alles zustoßen kann. Herrjeh, wie auch immer, dieser Blogartikel lag begonnen im PC, nachdem ich aus dem Brunnen zurückgekehrt war und was bleibt mir anderes, als ihn zu Ende zu bringen. Der Titel, wie so oft, kommt erst zum Schluss: Was mit Manschettendichtung am Fuße des Klospülkastens sollte im Titel stehen, denke ich. Ja und ein Zitat von Shakespeare oder wem auch immer.

Ich muss nur hoffen, dass ich nicht irgendwann alt und krank neben meinem treuen Schäferhund Nero vor dem Holzofen zu liegen komme

Das Holz auf dem alten Anhänger dürfte für drei vier kalte Tage reichen. Es schüttelt mich, es anzusehen. Seit bald einem Jahr steht der Anhänger unter dem Vordach des Ateliers. Vollbeladen mit Unspaltbarem. Brennt zwar ungemein heiß, aber auch schnell. Die halbe Menge gut spaltbarer Eiche wiegt die Pappel bei Weitem auf.

Letztes Jahr hatte ich schon einmal über das Spalten der Pappel geschrieben, erinnere ich mich. Ein heroischer Artikel. Heroischer jedenfalls als dieser hier.

Resigniert passiere ich den Anhänger voller Pappelholz und mir graut davor, es in ofenfertige Stücke zu spalten. Neben dem Anhänger steht ein Hackklotz und ein schwerer Spalthammer und es liegen ein paar gänzlich unspaltbare, verwurzelte Holzstücke herum, an denen ich mich in der Vergangenheit versucht hatte. Monumente stetigen Scheiterns.

Der Anhänger würde sich ziemlich gut als kleine Galerie machen. Ich könnte einen Kasten aufbauen mit Dach und die alte Schaufensterscheibe aus der Galerie Walpodenstraße einbauen, die seit fast zwanzig Jahren in einem Abstellraum neben dem Atelier lagert. Abstellkammer des Vergessens.

So ein einsames Gehöft ist voller Pläne und Könntenmanmals. Alle Winkel sind voller Gegenstände der Rubrik Könnte-man-ja-mal-irgendwann-gebrauchen. An Material und Ideen mangelt es jedenfalls nicht. Und auch nicht an Hürden. Jeder halbmeterdicke Pappelklotz eine kleine Hürde auf dem Weg zum leeren Anhänger. Auch jede Suche nach Werkzeug, nach einem der vielen Hämmer und Nagelkästen und Balken in irgendwelchen Lagern auf dem labyrinthischen Großraumlager namens Einsames Gehöft ist ein Hindernis, voranzukommen. Ohne Werkzeug kann man so eine Anhängergalerie ja auch nicht bauen.

Als würde man monatelang per Fahrrad den Westerwald durchqueren, so fühlt das sich an. Anstieg um Anstieg, so dass alle Abwärtsfahrt zur Demütigung wird, zur Vernichtung des soeben Erschaffenen.

Nur zwei Stunden Arbeit, Monsieur Irgendlink, sage ich mir. Selbst wenn es Pappelholz ist, du kannst das Bisschen in zwei Stunden vom Hänger spalten und im Ofen verschüren! Ich diagnostiziere, dass die Zusammenarbeit zwischen Körper und Geist nicht so recht will. Vielleicht schon seit Jahren nicht, vielleicht hat es niemals so recht funktioniert. Beides sind Esel, der Kopf und der Körper. Sture eigenwillige Wesen, die einfach stehen bleiben und sich partout nicht vom Fleck bewegen. Wenn einer sich mal bequemt, aktiv zu werden, blockiert der andere. Pendellähmung sozusagen.

Gestern morgen lief es gut am PC. Künstlerarbeit. Ich schuftete mir die etwa zehn bis zwanzig Buchseiten vom Leib, die für das gemeinsame Buchprojekt ‚Ceci n’est pas une voiture‘ mit Albert Herbig und Klaus Harth vorgesehen sind. Skripten sei dank verwandelte ich mehrere zig Einzelbilder in schöne, druckfähige Bildcollagen. Jede Buchseite ein kleines Kunstwerk und so ist es auch mit den Kollegen, die ebenfalls individuell gestaltete Seiten mit Bild und Text zeigen werden.

Mehr noch, nachdem ich das Paket mit Buchseiten hochgeladen hatte und dem Kollegen Klaus den Downloadlink gemailt hatte, arbeitete ich direkt weiter an einem uralten Projekt, einem bauesoterischen Krimi mit dem Titel Circulum vertikalis. Es lief gut und mir wurde das Problem in Gänze bewusst, dass es nicht nur ein einsames Gehöft ist voller Ideen, Projekte und Pläne für die Zukunft, sondern, dass das menschliche Leben grundsätzlich durchwirkt ist mit diversen Könntemanmals. Ich vermute, das wenigste, was an Ideen und Gedanken existiert, wird auch in die Tat umgesetzt. Die Grundmasse an Ideen ist wie Luft. Immer da. In Hülle und Fülle verfügbar.

Herr K. kommt mir in den Sinn, den ich nahe seines Lebensendes liegend vor seinem wärmenden Holzofen irgendwo in der Eifel traf, 2017 war das. Herr K. lag auf einer dicken Wolldecke neben seinem Schäferhund und starrte durch die Ofenscheibe, als ich sein kleines altes Hotel betrat. Eiskalter Radler auf der Suche nach Nachtquartier. Mühsam erhob sich der alte Mann und führte mich durch das labyrinthische, alte, etwas heruntergekommene Haus. Schmale Gänge mit schweren Teppichen und Mustertapeten. Mein Rad könne ich da im Flur abstellen, sagte er, warten sie, ich räume noch die Hölzer weg. In einer Ecke waren einige krumme, rindenlose Äste gelagert. Daraus wollte ich schon immer etwas machen, sagte Herr K., ich hatte nur noch keine Idee. Didgeridous, dachte ich, die Dinger sehen aus wie Didgeridous. Man müsste nur noch die Termiten durchlaufen lassen, das machen die doch so in Australien, oder? Lassen Insekten auf die Hölzer los, die das Innere fressen und das Äußere verschonen und fertig ist die Röhre, fertig ist das Musikinstrument. Noch ein Bienenwachsmundstück und ein paar Traumzeichnungen darauf malen, und viele Punkte zum verzieren, eine Eidechse …

Ich schlief nicht so gut in dem alten Hotel. Es war eiskalt. Das Zimmer war feucht. Das Bett klamm. Herr K. hatte mir abends auch Einblick gewährt in den großen alten Gastraum voller Tische und kitschigem altem Wandschmuck vom Hirschgeweih über das Wildsaufell bis hin zur Urkundenwand und in einer Ecke standen alte Spielautomaten herum. Flippergeräte, die richtig alten mit Relais und Klack-klack.

Ich schweife ab. Unsere Räume und Umgebungen, Sphären unseres materiellen Seins sind zugerümpelt mit Ideen und Könntemanmals. Vor ein paar Tagen dachte ich, Aufgeben, nur Aufgeben, oder um es positiver auszudrücken, Loslassen, kann dich noch retten und sieh dich doch mal um hier, es sind ja nicht nur die eigenen Träume und Ideen, die auf dich eindreschen, da ist ja noch das Erbe deiner Vorfahren. Der Holzanhänger ist ja eigentlich gar nicht dein Traum, dein Könntemanmal, du kommst nur auf den Gedanken, ihn in eine Galerie zu verwandeln, weil er im Weg steht und dein Hirn einen Ausweg sucht, wohin damit. Verschenken hatte nicht funktioniert. Niemand wollte das Ding und wenn man nun sagt, ja, einen Holzanhänger kann man doch immer brauchen, wenn man mit Holz heizt und den Rohstoff selbst fällt, dem sage ich, es gibt noch einen zweiten Holzhänger am Hof. Zwei sind einer zu viel. Und es gibt alleine sieben Schubkarren, teils uralte Dinger, vermutlich gar welche, mit denen die ersten Reichsautobahnen schon gebaut wurden … zuviel zuviel zuviel. Zuviel Dinge. Zuviel Träume. Zuviel Blockaden.

Nicht so gestern. Komischerweise waren sich Hirn und Körper einmal einig und so spaltete ich das gesamte Pappelholz – wirkliche Schufterei. Geht doch, dachte ich. Alles nur eine Frage der Einstellung. Ich kann es schaffen, dies oder das Projekt. Ich muss nur hoffen, dass ich nicht irgendwann alt und krank neben meinem treuen Schäferhund Nero vor dem Holzofen zu liegen komme.

Der Haken mit der Schweizer Alleskönnerweckuhr

Es hatte noch nicht geregnet, als ich perversfrüh um drei Uhr drei erwachte. Die Nacht lag still. Der Traum, den ich verließ war bizarr. Im fein eingerichteten Atelier lebte ich mit etlichen Freunden, die alle in irgendwelchen Nischen im Atelier wohnten – ähnlich wie in einer Kindersendung mit Hermann van Veen, die in einer Windmühle spielt. Dort schlief sogar jemand im Schrank. Es herrschte Aufruhr, weil es uns partout nicht gelang, ein einziges Licht, hoch oben im Gebälk, total unzugänglich, auszuschalten und wir suchten alle Schalter und Sicherungskästen zwischen Spinnweben und in hölzernen Winkeln. Plötzlich tauchte eine Schar Besucherinnen und Besucher auf und machte sich im verwinkelten Atelier breit. Mitten in der Nacht. Und es wurden mehr und mehr. Man muss sich das Atelier als fünfzig Meter lange, zehn Meter breite, acht Meter hohe, staubige Scheune vorstellen, die in verschiedene, nach oben offene Räume und Alkoven gegliedert ist, ein Labyrinth aus Kunst und anderen Relikten. Ein bisschen Steampunk-Charme mit viel altem Zeug, aber fast alles bestand aus Holz. Wenn ich es mir recht überlege, weicht meine Vision, hier und jetzt, jenseits des Traums gar nicht mal so sehr ab von dem Bild, das das Atelier im Traum war. Ein über die Jahre gewachsenes Gebilde der Selbstarchivierung im Kollektiv mit Künstlerkolleginnen und -kollegen. Drei Uhr drei wusste ich deshalb, weil ich aufs Handy schaute, nachdem ich erwacht war und ich war so wach, dass es mir angebracht schien, aufzustehen und mich an den PC zu setzen. Der Fluch der freien Zeiteinteilung. Du kannst aufstehen wann du willst, schlafen wann du willst, einen völlig abstrakten Lebensrhythmus kannst du an den Tag legen als Freischaffender. Völlig unbemerkt vom gesellschaftlichen Mainstream führst du ein marottenvolles Leben … nach ein paar unproduktiven Minuten oder gar einer Stunde kroch ich zurück ins Bett. Es hatte zu regnen begonnen. Das Geplätscher auf dem Dach lullte mich in den Halbschlaf. Unzählige Punkte hinter den Augenlidern gaben ein abstraktes Bild wie mit einem alles zerstörenden Filter eines Bildbearbeitungsprogramms erzeugt. Einzig ein helleres Dreieck war zu erkennen, ja, man muss sich das Halbschlaftraumbild vorstellen wie das Bildrauschen eines nächtlichen Röhrenfernsehers in den 1970er Jahren, schwarzweiße, flackernde Punkte mit Kratzgeräusch, Schnee, wie man so schön sagte. Nur, dass mein Bild violett-bläulich gefärbt war mit einzelnen Punkten der Komplementärfarben angereichert und eben, es gab da noch das merkwürdige, etwas hellere, ebenfalls gesprenkelte Dreieck, das sich im Einerlei des Gepunktsels unbeirrt hielt. Als ich die Augen öffnete, erkannte ich, dass das Dreieck der Ausschnitt des Dachfensters war, der durchs fahle Nachtlicht auf meine Augenlider projiziert wurde. Ich dachte darüber nach, das alles aufzuschreiben, schlief ein und erst um halb sieben weckte mich die Schweizer Radioweckuhr, die ich kürzlich reaktiviert hatte. Das Problem der Radioweckuhr ist, dass sie ein Eigenleben führt. Neben Weckfunktion und Uhr, hat sie noch eine Lampe, was sehr praktisch ist, an den langen Winterabenden vorm Holzofen hockend. Das Licht ist weniger aufdringlich als das Deckenlicht und es lässt sich sogar dimmen. Außerdem gibt es ein Radio. Und das Gerät hat ein digitales Zeitdisplay, was auch sehr praktisch ist, denn meine normale analoge Uhr gab kürzlich den Geist auf und zeigt mal diese, mal jene Zeit, bloß nicht die richtige. Der Haken mit der Schweizer Alleskönnerweckuhr ist, dass sich der Wecker nicht ausschalten lässt. Das heißt, einmal am Tag rappelt das Ding. Ich kann frei wählen, wann. Die Knöpfe, um den Wecker einzustellen, funktionieren prima. Sieben Uhr dreißig schien mir eine probate Zeit. Der Wecker geht nach anderthalb Stunden automatisch aus. Neben Tönen wie Vogelgezwitscher und Meeresrauschen und Grillengrillen gibt es noch die Wahl, sich vom Radio wecken zu lassen. So kam es, dass ich etwa vorgestern in den Nachrichten des lokalen Senders von der bevorstehenden Krötenwanderung im Landkreis erfuhr, und, was soll ich sagen, es war ein erfrischendes Etwas in den Nachrichten im seit Menschengedenken andauernden Corona-Horror-Allerlei.

Ich fand die Radioweckuhr vor einigen Jahren auf dem Sperrmüll in einem Wohngebiet in Windisch in der Schweiz.

Die morgendliche Arbeit sollte sich heute eigentlich um das Passfälscher-Projekt kümmern und um das Buchprojekt mit Albert Herbig und Klaus Harth, Ceci n’est pas une voiture. Doch als ich auf meiner Landkarte am Passfälscherprojekt weiter arbeiten wollte, konnte ich mich nicht mehr einloggen. Der Loginserver zeigte einen Bad-Gateway-Fehler. Zwar ist die Karte noch da, aber ohne Login kann ich sie nicht erweitern und das ist ja der Sinn der Karte, und ich kann auch die Kartendaten nicht herunterladen. Plötzlich wird mir ganz bange und ich schaue, welche Daten in dem Portal womöglich für immer unzugänglich sind, wenn der Bad-Gateway-Fehler nicht von den Betreibern des Servers gelöst wird. Schließlich entdecke ich noch ein offenes Browserfenster der eingeloggten Karte und kann die Passfälscher-Daten sichern. Frühere Projekte? Zweibrücken-Andorra? Radlantix? Müssten gesichert sein hier, lokal. Hoffentlich.

Unbedingt bei weiterer Umap-Instanz anmelden und die Karten doppeln. Und lokal sichern!

 

Zweibrücken-Andorra iDogma-Postkarten

Ich muss aufpassen. Seit einer Woche wie rausgekugelt aus dem Passfälscher-Projekt, das mir so wichtig ist. Das fuchst mich. Zu viel organisatorisches Beiwerk. Zu sehr mich um Geld kümmern müssen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dieses sich ums Materielle kümmern müssen einen völlig aus der Bahn wirft. Es ist vergleichbar damit, dass man arbeitet, um ein Auto zu finanzieren, mit dem man zur Arbeit fahren kann. Dass man schnell genug sein muss, um schneller als andere zu sein und als erster die Futterstelle zu erreichen. Dann kommt das unbändige Bedürfnis, zu versagen. Sich zu versagen.

Wenn etwa der Online-Shop nicht auch eine Art Werksverzeichnis wäre, hätte ich die aufwändige, stets im Fluss seiende Software längst eingestampft. Immerhin wurde ein Projekt mit unikaten Postkarten heute Morgen fertig, die Zweibrücken-Andorra-Zeitsprünge.

https://shop.irgendlink.de/produkt-kategorie/postkarten/zweibruecken-andorra/

Nachtrag 7. Dezember 2020: das Projekt ist schon beendet. Die Karten gibt es nicht mehr zu kaufen. Sechs Einzelnmotive wurden versendet. Die Serie insgesamt hatte ich an mich selbst beauftragt, so dass mir für Archivierungszwecke erstmals ein astreiner iDogma-Postkartensatz vorliegt. Faszinierend schöne Karten mit Stempel und Macken. Zudem ist dieses etwa vierte größere Mailart-Projekt wie aus einem Guss.

Insgesamt wurden seit 2015 folgende iDogma-Projekte verwirklicht: AnsKap (mit 169 verschickten Karten das größte und vielfältigste), Gibrantiago, sowie zwei drei kleinere Projekte, die ich noch recherchieren und dokumentieren muss.

Ich nenne es iDogma, weil alle Schritte, die zum fertigen Produkt führen auf einem iPhone oder Smartphone ausgeführt werden. Es ist eine Art ‚Reverse Mailart‘, im Gegensatz zur klassichen Mailart also nicht ein Empfänger und viele Absender, sondern ein Absender (der reisende Künstler) und viele Empfänger (seine virtuell Mitreisenden).