Status Juli 2020

  • Mit einer vermauerten Tür aus der bis ins Ewige fortzusetzenden Serie ‚Dukommsthiernichtrein‘, startet der Irgendlink-Shop in den Juli.
  • Alle Künstlerauftritte 2020 mit meiner Radelgalerie wurden von Seiten der Veranstalterinnen abgesagt; private ‚Guerilla-‚, bzw. PopUp-Ausstellungen mit der Radelgalerie mache ich frühestens im August.
  • Ich kaufe nur noch mittwochs ein.
  • Gestern eine einzige Ausstellung besprochen – Parkingday in Saarbrücken mit Radelgalerie. Es wird eine tolle Aktion im September.
  • Angemeldet für die Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz im September. Heimspiel. Weiß nicht, wie ich den Besuch von Fremden managen sollte. Halte mich seit Beginn der Pandemie bedeckt mit Mitmenschkontakten und treffe nur eine Handvoll Leute, die möglichst auch nur eine Handvoll Menschen treffen.
  • Sehr schwierig mit der Kunst gerade.
  • Im April ein Buch geschrieben mit bald 300 Seiten. Wenn ich es schaffe, mit Kunst kein Geld zu verdienen und trotzdem durchzukommen, wird es auch mit der Literatur gelingen.
  • Apropos Geld: Hab drei Poster mit den wichtigsten Kunst-Literatur-Hybrid-Projekten zu einem unschlagbar günstigen Bündel geschnürt. AnsKap, Gibrantiago und die Flussnoten.
  • Wärmstens empfehlen möchte ich auch den Sampler Dukommsthiernichtrein.

Bei einer Ruhebank ein halber Hund

Wieviele Meter mögen das sein bis zu dem schlanken Stahlträger, auf dem die alte Bahntrasse ruht, der eine kleine Durchfahrt zu dem Gehöft außerhalb der Stadt überbrückt? Deutlich hört man das Surren der Fahrradketten und Elektromotoren. Ab und zu quietscht sich ein eben dem letzten Winter entsprungenes, sträflich ungeschmiertes, altes Fahrrad voran. Es ist mächtig was los an diesem sonnigen Tag, obwohl erst Freitag.

Wie oft bin ich da oben schon vorbei geradelt auf altbekannter Strecke und nun hier, kaum zwanzig Meter entfernt etwas tiefer, zu Fuß unterwegs.

Eine völlig andere Gegend durchwanderten wir in der letzten halben Stunde. Nachdem wir das Auto in der Klosterstadt geparkt hatten, folgten wir dem erstbesten Wanderschild, das zu einer Klamm zeigte. Hofkopfklamm. Über Wiesen, vorbei an Gärten, raus aus dem Dorf und einem Feldweg folgend. Kein Anzeichen von einer Schlucht oder auch nur einem Tälchen, das die Bezeichnung Klamm erfüllen würde. Bei einer Ruhebank ein halber Hund. Ich scherze vor mich hin, das sei mehr als ein halber Hund, was da an braunen Haaren verteilt in der Wiese liegt. Etwas angeekelt setze ich mich auf die Lehne der nicht sehr sauberen Bank, was sonst nicht meine Art ist, aber ein bisschen Egoismus in vorverschmutzter Welt darf auch sein. Oder besser gesagt, nein: dürfte nicht sein! Eigentlich sollte ich die Bank nun putzen, um die vorgefundene Welt ein bisschen besser zu hinterlassen. Es ist eine Richtungsfrage im Kleinen, die hier zur Debatte steht. Putzt du und machst es besser oder schmutzt du mit im kollektiven Dahindriften durch die kaputte Welt.

Der Gedanke, etwas besser zu machen, was man nicht selbst zu verantworten hat, hat etwas von Bedingungslosigkeit. Abstreifen des Alltagskleids, das dir in einer das-war ich-nicht, das-geht-mich-nichts-an-Einstellung ein guter Schutz ist. Sich nackt machen, bedingungslos werden. Ein ungewöhnlicher, ein schwerer Weg. Die Regel ist genau umgekehrt: wenn du etwas in desolatem Zustand vorfindest, mache das Beste für dich selbst daraus, auch wenn du den Zustand dann nur noch verschlimmerst. Wenn vor deinem Mietshaus ein altes Möbelstück liegt, lege getrost ein weiteres hinzu und alle deine Nachbarn werden folgen, bis nach wenigen Tagen schon ein gigantischer Dreckhaufen vor der Tür liegt. Wenn irgendwo im Wald jemand Autoreifen oder einen Kühlschrank abgelegt hat, lege deinen eigenen alten Kühlschrank dazu. Schließlich kommt es ja nicht darauf an, ob die Entsorger nun einen oder zwei Kühlschränke mitnehmen müssen, wenn man sie denn ruft und die wilde Müllablage zur Anzeige bringt. Wenn du eine dreckige Parkbank voller Fußabdrücke und Hundehaare vorfindest, setz dich auf die Lehne und tue die Füße dahin, wo man normalerweise sitzt. Ich bin nicht bedingungslos an diesem Tag. Unsere Schuhe sind allerdings auch nicht dreckig. Und Putzzeug haben wir nicht dabei.

Die kaputte Welt der Verkommnung folgt einer einfachen, unbestechlichen Logik.

Hundert Meter nach der dreckigen Bank zweigt der Wanderweg von der geteerten Strecke ab und stürzt sich in ein wildes Etwas, das auf schmalem Pfad entlang einer Erosionsrinne steil abwärts führt. Die versprochene Klamm. Nur etwa dreihundert Meter über Stock und Stein, aber das ist genug. Taugt zum Abenteuer. Wie schon vor zwei Wochen entdecken Frau SoSo und ich im Altbekannten das Neue. Im Nahen die Ferne und wir basteln unsere, pandemiebedingt eingeschränkte Welt neu auf engstem Raum. Es ist wirklich faszinierend, wie fremd und fern man sich daheim und im oft Durchquerten fühlen kann. Schon stehen wir vor dem einsamen Gehöft, das ich nur von der anderen Seite her kenne. Ein Hof von zweifelhaftem Ruf, auf dem stolz die Deutschlandflagge gehisst ist. Hier von unserer Seite dominiert eher das Wilde in der Behausung. Hinter einer abgebrochenen dicken Pappel wuchert Garten und Feld bis zum abblätternden Putz der Gemäuer. Das Gebäude strotzt vor Umbauten und man steht ehrfürchtig vor mehreren Generationen von Menschenträumen, die hier verwirklicht werden wollten. Unfertig, nie zu Ende gelebt. Wie in fast allen Menschleben, so schätze ich. Nie werden wir fertig mit unseren Plänen, die wir im Leben machen. Mit unseren Sichtweisen der Welt.

Vielleicht ist das der Kern dieses Blogartikels? Kaum zwanzig Meter entfernt, hinaufblickend zur oft beschauten und erradelten Bahntrasse. Der Blickwinkel und der Standort muss sich nur geringfügig ändern und alles sieht ganz anders aus. Das Bild kommt mir gerade recht, denke ich. Gerade recht fürs Finale meines Radlantix-Blogs, in dem es ja im Prinzip auch nur um Sichtweisen einer Welt geht, egal, ob ich nun in ‚Echt‘ unterwegs bin oder alles nur erfinde. Es handelt sich um mehr oder weniger präzise beschriebene Ansichten. Was wir letztlich erleben, ist eine andere Geschichte, die erlischt noch während sie stattfindet.

Ich habe genug gesehen. Ich bin zehntausende Kilometer kreuz und quer durch Europa geradelt. Ich weiß wie es läuft und dass eine Situation, ein Ort, wo auch immer, stets ähnlich zu etwas schon Erlebtem sein wird. Ich weiß, wie das ist, wenn jemand mit quietschender Kette, schwer schnaufend einen Bahntrassenradweg entlang radelt … oder wie es ist, einen Ort in besserem Zustand zu hinterlassen als man ihn vorfand.

Up-To-Date

Gerade zwei Artikel im Radlantix-Blog rausgehauen und nun bin ich wieder up-to-date. Es ist mitunter schwer, mit dem selbst gesteckten Tempo mitzuhalten. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, die Reise in Echtzeit, bzw. in fingierter Echtzeit in Blogform darzustellen und das bedeutet, dass ich tagesnah erzähle. Ein Rhythmus, täglich morgens die Etappe des Vortags zu schreiben, hatte sich eingestellt und ich konnte ihn mehr oder weniger auch halten. Obschon mir manchmal die Ideen fehlten für den Artikel. Dann dauerte es etwas.

Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Alle Artikel in Radlantix und in der Rubrik Zweibrücken-Andorra 2020 sind frei erfunden (relotiert). Eine Ausgeburt der Pandemie, die die tatsächlich geplante Liveblogreise vereitelte.

Nun neigt sich der Atlantik-Abschnitt meiner Reise dem Ende. Seit 54 Tagen bin ich bürostuhlreisend, wikifingierend unterwegs durch Frankreich und Spanien. Auf der Karte sind die Orte und die Strecke skizziert. So könnte es tatsächlich gewesen sein.

Heute gastiert der Artist in Motion auf dem Campingplatz in Huelgoat und tourt durch die Bretagne auf der Suche nach Kirchenkunst. Dann Roscoff. Dann Ende der Tour.

Wie soll es denn weitergehen?

  1. Folge dem Atlantikradweg
  2. Radele auf der ursprünglich geplanten Route über Paris nach Hause
  3. Hör auf
  4. Auf nach Bayern, aber in ‚echt‘ (beim Projekt #UmsLand/Bayern fehlt noch der nördliche Teil)
  5. Schreibe einen fiktiven Roman über einen Archäologen in der Zukunft, der in einer Mondkolonie lebt und auf abenteuerlichen Wegen zur Erde reist
  6. Schreibe einen Krimi namens Circulum Vertikalis
  7. Schaff was, kümmere dich um deinen Shop.

Wie auch immer. Ich mache ja am Ende doch, was ich will.

Phantomreisemüde | #zwand20 #radlantix

Immer wieder mittwochs: Assistenztag. Raus ins Gemetzel. Dem Freund, Journalist F., geht es zum Glück viel besser! Trotzdem braucht er Unterstützung.

In den letzten beiden Wochen habe ich mich drüben im Radlantix-Blog bis nach Nantes vorangeschrieben. Radele auf der Vélodyssée in umgekehrter Richtung als ursprünglich geplant, drei Jahre zu spät und vollkommen virtuell … wo hätte ich gedacht, dass sich das Reiseprojekt, das ich 2016 erdachte und das 2017 hätte stattfinden sollen, einmal so entwickelt?

Die Vélodyssée ist der französische Abschnitt des Atlantikradwegs. 1200 Kilometer meist auf Fahrradrouten oder ruhigen Landstraßen von Roscoff in der Bretagne bis zur spanischen Grenze im Baskenland nach Hendaye.

Ich hatte eigens für das Projekt ein Blog aufgesetzt, das ich jedoch niemals bespielte. Logos und Blogheader entwickelt. Die Vorfreude war groß, aber irgendwie klappte es nie, zumal Radlantix, meine Vélodyssée, mit einer tausend Kilometer langen Anreise von der Pfalz über Paris geplant war und das Projekt mit zwei- bis dreitausend Radelkilometern somit über fünf Wochen gedauert hätte.

Nachdem Zweibrücken-Andorra 2020 als virtuelles Projekt stattfand und ich auch sonst nicht so viel zu tun hatte im Alltag und mir auch die Einreise in die Schweiz, zur Liebsten, verwehrt war, bot es sich an, eine lang gedachte Idee in die Tat umzusetzen: Wikifiktion. Ist es möglich, eine Radreise zu erfinden, nur auf Basis von Internet-Informationen? Die Antwort lautet: ja. Und es fühlt sich, selbst für mich als Schreibenden, ziemlich echt an.

In den vorigen Beiträgen des Irgendlink-Blogs setzt sich die Reise Zweibrücken-Andorra, die ich auf Basis meiner eigenen Tagebuchnotizen der Jahre 2000 und 2010 als virtuelle Reise schrieb, fort in Richtung Süden, durch Katalonien, Aragon und Navarra bis ins Baskenland. Einige Blogbeiträge sind noch im Privatmodus, so dass man nicht ganz ‚durchreisen‘ kann bis San Sebastian. Das Schreibexperiment lässt die verschiedenen Schichten (Alltag daheim und Reise virtuell, sowie die Zeitebenen von 2000 und 2010) zu und nimmt die Lesenden immer wieder mit in den realen Alltag auf dem Bürostuhl in der Pfalz, auf dem die Beiträge erdacht und geschrieben werden (komm, setzt Dich neben mich, Kumpel. Jetzt).

Mit Radlantix kommt ein Wechsel. Nichts deutet mehr darauf hin, dass die Reise nicht tatsächlich stattfindet. Hier hilft den Lesenden nur noch die Logik, dass es nicht sein kann. Denn bei genauer Betrachtung der Zeitstempel der Blogeinträge  reist der bloggende Künstler durch ein Frankreich des vollkommenen Lockdowns. Ein Land mit massiven Ausgangsbeschränkungen und vermutlich auch strengen Kontrollen und Bußen für Nichtbeachtung der Verbote. Alle Campings sind geschlossen. Keine Hotels, keine Restaurants, und vermutlich wäre ein vollbepackter Radler in den Supermärkten und Bäckereien nicht gerade gerne gesehen …

Doch wer weiß? Hier vom Bürostuhl kann ich über das Frankreich im Jetzt und im Lockdown eigentlich gar nichts sagen. Austausch mit Freunden, die im Land leben, zwar in Paris und Lothringen bestätigen jedenfalls das, was man so hört: Man konnte und kann in Frankreich das Haus ohne triftigen Grund nicht verlassen.

Meine erfundene Reise auf dem Atlantikradweg hat mir dennoch viel Freude bereitet. Vorgestern habe ich in Nantes auf dem Campingplatz eingecheckt und nun sollte ich eigentlich einen Blogartikel über meine gestrige Tour durch die Stadt schreiben. Um mechanische Riesentiere ginge es, Steampunk at it’s Best, Parks und Museen, vielleicht auch eine Begegnung mit Bettlern im Kontrast zu den geleckten Touristen auf den Quais der Loire? Ich weiß es nicht. Man hat als nichtreisender Reiseerfinder ja so viele Möglichkeiten. Ein Wikiforschungsreisender mit googlemapischem Hintergrund, das bin ich.

Der Weg zur völligen Fiktion ist nun gar nicht mehr so unvorstellbar. Vielleicht schreibe ich nach dieser ‚Reise‘ doch einmal etwas völlig anderes. Ich habe es nämlich langsam satt, ich zu sein. Das Problem mit dem Ich im Blog, das sowohl ich ist, als auch ein Protagonist, der die Blogbeiträge schreibt und den daraus resultierenden nie beendbaren Konflikt, hatte ich in verschiedenen Blogartikeln angeschnitten.

Das Reiseprojekt wird sich nun bald dem Ende neigen, schätze ich. Noch etwa acht bis zehn Tage würde ich benötigen, um am Kanal von Nantes nach Brest durch die Bretagne zu radeln. Wenn ich tatsächlich auf dem Fahrrad säße. Ich habe die Etappen und die Übernachtungsplätze in Radlantix so gewählt, wie ich sie vermutlich auch tatsächlich gewählt hätte. Mit dem Hintergedanken, dass ich die Reise irgendwann doch einmal in ‚echt‘ mache.

Vielleicht würde ich in Nantes aufhören, wenn ich die Reise tatsächlich gemacht hätte? So mein Gefühl. Ich fühle mich etwas matt und reisemüde, ganz ohne zu reisen. Faszinierend eigentlich. Fast wie Phantomschmerz. Aber eben: phantomreisemüde.

Gestern war der fünfzigste Reisetag. Nur um die Nordsee und ans Nordkap war ich länger unterwegs.

Im Radlantix-Blog kann man die Reise in chronologischer Reihenfolge lesen, wenn man auf eBook klickt.

In dieser Karte sind alle Blogeinträge und die ‚bereisten‘ Wege eingezeichnet.

Hier findest Du den ursprünglichen Streckenplan meiner Vélodyssée als Google-Map.

Nun aber auf, Herr Künstler, auf auf ins Gemetzel zwischen Apotheke und Supermarkt.

 

 

Tagesmärsche von zu Hause entfernt

Wenn man uns hinterher fährt auf der schmalen Talstraße den Auerbach aufwärts, könnte man uns glatt für Sonntagsfahrer halten, für Männer mit Hut und Prinzipien, Frau SoSo und mich, wie wir so mit unserem unheimlich verbeulten, uralten Auto durch die Lande cruisen, stets ein paar Kilometer langsamer als erlaubt, viel Platz lassend zu Fußgängerinnen und Fußgängern, Radlern, zum Straßenrand und allmöglichen Hindernissen. Der imaginäre Dackel flätzt auf dem Rücksitz, auf der Hutablage eine Klopapierrolle, aufs Feinste umhäkelt, und die alte Rostmühle ist eigentlich ein Mercedes Benz, oh Gott, willst Du nicht …

… Sonntag, 3. Mai. Erstmals seit Ewigkeiten wieder draußen in der ‚echten‘ Welt. Da war diese Eingebung morgens im Erwachen: Pottschütthöhe. Lass uns rausfahren zu dem kleinen Freizeitflugplatz irgendwo im Nichts am Rande der Sickinger Höhe und ein bisschen spazieren gehen. Dort ist gut parken und es gibt ein paar Wege und die Gegend hat mit ihren spärlichen, knorrigen Kieferninseln ein gewisses südländisches Flair. Da können wir uns vorstellen, wir sind auf der Halbinsel bei Cadaques oder irgendwo in der Provence, fremde Wesen in touristischer Mission.

Wir ziehen die Wanderschuhe an und vorsichtshalber nehmen wir noch einen Regenschirm mit, denn das Wetter ist instabil hier in der Südwestpfalz, hier in unserer Provence des kleinen Mannes, hier an unserer Costa Brava der verzweifelten Fernsüchtigenphantasie.

Kaum neun Kilometer Luftlinie von daheim liegt der Ort. Eigentlich könnte man zu Fuß dahin. Auf dem Smartphone habe ich eine Reihe Punkte markiert, die die Wegeverzweigungen markieren, an denen wir aufpassen müssen und abbiegen, denn das Ziel unseres Sonntagsspaziergangs habe ich auch schon eingetragen: Eine eingezeichnete Schutzhütte neben gestrichelten Wegelchen, die, glaube ich, Wanderpfade oder Monutainbikewege markieren.

Die Sickinger Höhe ist ein ebenso garstiges, wie weites Wandergebiet. Sie hält so einiges an Überraschungen bereit, dürfen wir feststellen. Meine blindlings nach Karte gesteckte Route erweist sich als touristischer Volltreffer, macht der Costa Brava alle Ehre. Über einen breiten Feldweg, der auch als Radroute nach Maßweiler beschildert ist, wandern wir auf ein Kiefernwäldchen zu, das auf einer Anhöhe thront. Viele Radler, Jogger, Hundescheiße alle paar Meter. Scheint ein beliebter Gassigeh-Ort. Doch nach wenigen hundert Metern blinkt schon mein erster, instinktiver Marker auf dem GPS. Hier links ab von der Hauptroute, bis zum Waldrand, rechts, links, wieder rechts, aber Moment mal, da ist gar kein Weg mehr wie eingezeichnet, egal, querfeldein nur fünfzig Meter und wir finden uns in einer Art Schlucht wieder. Bächlein murmelt. Wir fühlen uns fremd und fern, erinnern uns beide an den gleichen Spaziergang im letzten Winter in der Nähe von La Roque-sur-Cèze, wo wir über den Jahreswechsel gastierten. Plötzlich sind wir wieder auf dem etwas verwachsenen Pfad in der Garrigue. Ein Spiel von belebter und unbelebter Gegend. Flieger brausen über unseren Köpfen.

Das ist anders, gebe ich zu. Ein fetter brummender Doppeldecker. Dann das schneidende Zischen eines Segelfliegers. Dann wieder Stille, Vögel, Bach, knackende Äste. Und plötzlich, ein Kneippbecken mitten im Wald. Irgendwo da oben ist Reifenberg eingezeichnet und Schmittshausen und Maßweiler. Die Orte kennen wir alle, aber hier in dem Tälchen waren wir noch nie. Wir folgen den Schildern eines Kapellenwegs in eine Fichtenschonung hinein. Singletrail. Mountainbikespuren. Ich beäuge die angezählten, vom Käfer bedrohten Bäume. Sie leben. Noch. Schlimme Vision, dass in wenigen Jahren hier alles abgeholzt ist. Im Wald liegen unzählige weiße Schneckenhäuser. Es gibt Hochsitze. Eine Pferdekoppel. Spaziergängergruppen kommen entgegen. Familien, ein Mann mit Wasserkanistern, der zur Kneippquelle radelt. Aber meist herrscht Stille.

Als wir das Tal verlassen über einen unheimlich steilen Pfad und wieder oben bei den Feldern sind, finden wir uns jenseits des Kiefernwäldchens wieder, das wir vom Parkplatz aus sahen. Da jetzt zelten. Wir wären mit den Rucksäcken unterwegs, stellen wir uns vor, hätten unten in der Schlucht Wasser gefasst und nun wäre es bald Abend und wir wären müde, Tagesmärsche von zu Hause entfernt, und würden in dem lichten Wäldchen ein gut riechendes Plätzchen suchen und unser Zelt aufbauen …