Für eine Handvoll Walnüsse – Ostermontag, der 6. April 2026

Blick auf einen Trampelpfad, der labyrinthisch durch eine junggrüne Wiese führt. Ein paar Bäume sind in das kleine Labyrinth integriert.

Ein Server in USA oder Fernost?, schießt es mir in den Sinn, nur falls Europa unbewohnbar wird. Bald wird das „großartigste“ und am oftesten verlängerte Ultimatum ablaufen. Der Weltkrieg droht. Dinge werden teuer. Chaos wird sich ausbreiten. Mein kleines Endzeithirn rotiert zwischen heimischen Klein-klein-Sorgen – wo bitteschön lege ich dieses Jahr die Kartoffeln; wie bitteschön kriege ich die Löcher im Dach möglichst rückenschonend geflickt – und den tragenden, Dekaden fassenden Großsorgen zur Konzernapokalypse, die die nächsten Generationen plagen werden – wo bitteschön kriege ich billiges Öl, sauberes Wasser, Gasheizungsgas und wie bitteschön halte ich mir die marodierenden Soldatenmassen vom Leib, die dreißigjährigerkriegesque kreuz und quer durch die Lande ziehen werden, plündernd und Schlimmeres tuend?

Ich weiß, das ist klein. Das ist naiv. Das ist ängstlich. Das ist bis zur nächsten Ecke gedacht und kein bisschen weiter. Die Kette von Flugzeugen über Ramstein aufsteigen zu sehen, wie sie ausfliegen, wohin, wohin, wohin, und dünkelnd, mit was sie beladen sind, Waffen, Söldnern, Gift und Spionen, tut meiner inneren Unruhe nicht gut. Wir sind auf dem Weg ins Naheland, ein kleines Wandertreffen mit Freundin Lakritze und wenn man dorthin will, ins Naheland, von meinem Atelier aus kommend, muss man am Militärflughafen Ramstein vorbei. Und mit diesem Ort habe ich schon seit Anbeginn der Zeit ein Problem, genauer gesagt seit der Katastrophe bei der großen Flugschau irgendwann Ende des letzten Jahrtausends. Der Ort ist gefährlich. Von dort geht nichts Gutes aus, geht nichts Gutes in die Welt, treibt man Schindluder hinterm Rücken des friedliebenden Normalbürgers, der Normalbürgerin, die doch nur die A6 benutzen wollen vorbei am Kaiserslautern ihres kleinen feinen Lebens von irgendwo nach irgendwoanders.

Wir treffen Frau Lakritze am Bahnhof Staudernheim. Sie trägt Hut, Hemd, Tagesrucksack. Sie hat eine Landkarte aus Papier dabei. Unsere Wanderung wird dennoch nicht sehr lang, denn das Ziel, die Klosterruine Disibodenberg ist gleich da oben auf dem Hügel, der wie ein Sporn im Mündungsgebiet des Glans zum Hunsrückflüsschen Nahe liegt, ein von jungem Grün bewucherter Hügel.

die unteren vier Fünftel des Bildes zeigen eine saftige Wiese mit Löwenzahnblumen. Unscharf ragt darüber ein frühlinghaft noch nicht sehr belaubtes Wäldchen, durch dessen Geäst blauer Himmel schimmert.
Parkähnliches Geänder der Klosterruine Disibodenberg

Wir erklimmen. Wir plaudern. Wir staunen hinunter ins Tal, hinüber zum Lemberg und schon sind wir oben auf dem weitläufigen, hektargroßen Gelände, das fast nur noch aus Grundmauern besteht. Die Abtei muss einst riesig gewesen sein. Ich erinnere mich, dass ich zuletzt 2015 hier oben war, per Fahrrad unterwegs zum Nordkap. Damals war ich ganz alleine und das Wetter war nicht so brilliant wie heute und die Weltenlage nicht so zugespitzt. Ich hatte nicht so viel Ruhe, wollte weiter, aber auch die Ruine schauen. Eine Zerreißprobe an Tag eins der zwei, drei Monate währenden Reise.

Links der Stamm einer Eiche, sehr dick. Kleine Äste ragen ins Bild und zeigen scheinbar in die Ferne über einem grünen Tal eines kleinen Flüsschens
Überm Glantal

Von Südwesten erklommen wir den Klosterberg entlang einer Linie uralter Bäume, die kurz vor den ersten Gemäuern ihren Höhepunkt bei einer mehrere Meter umfangenden uralten Eiche gipfelte. Dort stand auch ein eisernes, hohles Kreuz in den Boden gerammt mit einem Schlitz drin, innen hohl, bereit Geld aufzunehmen. Eine Tafel daran befestigt, dass der Besuch der Ruine „kostenpflichtig“ sei, man bitteschön fünf Euro einwerfen sollte. Die Anlage ist gepflegt und, früh wie wir da sind, noch kaum bevölkert. Wir lassen uns treiben zwischen Laientrakt, Abteiruine und den vielen anderen Gebäuden, von denen es nur noch die Grundmauern gibt. Mich zieht es magisch zum kleinen Labyrinth, das wer wo angelegt hatte. Auf vielleicht 100 Quadratmetern unter Eichen und Ahornbäumen, die ins Labyrinth integriert sind, erstreckt es sich ungewohnt „dreckig“, also unregelmäßig. Schon laufe ich den Weg ins Innere, folge der Spur zwischen Gras, vorbei an den Bäumen, gerate wieder auf die Außenspur wie das beim Labyrinth so ist, du denkst, du bist fast da, die Mitte zum Greifen nah, und schon führt dich der Weg wieder bis ganz weit weg in die äußeren Umläufe. Frau Soso und Frau Lakritze folgen. Immer wieder begegnen wir einander, laufen sogar kurze Zeit alle drei nebeneinander, jede auf ihrer oder seiner Spur, bis sich unsere Wege wieder in andere Richtungen richten und am Ende stehen wir alle im Zentrum, einem lädierten, großen Baum, dessen Rinde an einer Stelle großflächig abgerissen ist. Aber er lebt. Denken unsere Gedanken, scherzen, sinnieren. Der Labyrinthweg ist faszinierend. Es dauert nur wenige Minuten die vielleicht zweihundert Meter lange Strecke zu bewältigen und natürlich könnte man auch einfach geradeaus bis zum zentralen Baum wandern. Wie die Wurzeln der alten Bäume, die die Labyrinthstrecke ohne Rücksicht auf die vom Menschen gemachte Route nahezu schnurgerade durchdringen und ab und zu zu Tage treten.

Mein Desolations-Ich. Das, das sich die Katastrophe ausmalte, noch vor ein zwei Stunden im Vorbeifahren am evil evil Ramstein Airport. Staunend zwischen Himmel und Erde, den eigenen schon zurückgelegten Lebensweg dekadenlang vor Augen, die eine, höchstens zwei Dekaden, die womöglich noch vor ihm liegen im Fokus: Was will ich noch alles erreichen? Lange Radreise hie, kürzere Dinge vor der Haustür da und achja, einen neuen Server bauen, auf dem das „Lebenswerk“ gerettet wird und im Anbetracht der Lage sich fragend, ist es eine gute Idee, wenn alle meine Server an einem Ort stehen, der womöglich zerstört wird? Was also will mein kleines Restleben-Ich noch tun auf dieser Welt? Meine Liste der Zutuns beschränkt sich auf ein paar Kunst- und Schreib-Ideen, die im Konflikt stehen mit den alltäglichen Spontanaktionen, bei denen ich versuche, meine eigene Welt sauber zu halten, jaja, das kann mühsam sein, und auch in der Welt meiner Liebsten ein wenig zu assistieren, falls nötig und gewünscht. Das alles ist Lebenszeit und gerade eben, da oben auf dem Klosterweg sehe ich die vielen kleinen Zu-Wollens der letzten Lebensdekade schön sauber aufgereiht und die Reihe ist nicht etwa gerade, wie ich bis anhin dachte, sondern ein geschwungener, labyrinthischer Weg. Das nächst zu liegen Scheinende muss nicht das sein, was ich als nächstes tue im Leben, erkenne ich. Die Frühlingssonne schimmert durchs seichte Grün jungknospender Ahornbäume.

Nachdem wir das Labyrinth zu Ende gegangen sind, also rein ins Zentrum bis zum maroden zentralen Baum und wieder raus, pausieren wir auf einer Bank. Die Klosteranlage füllt sich mit Tagestourist*Innen. Ein junger Mann läuft das Labyrinth. Eine junge Frau folgt kurze Zeit später. Andere stehen nur davor, schauen nur, gehen wieder. Andere nehmen den geraden Weg zum zentralen Baum. Ich habe Nüsse mitgebracht. Wir knacken sie. Wir essen sie. Für eine Handvoll Nüsse bohre ich mit einem Stöckchen rings ums Labyrinth Löcher, lege sie hinein. Wer weiß?

Walkaround Mainz

Die grünlich bis bläulich colorierte Landkarte aus der Openstreetmap, deutsche Ansicht, zeigt die Fläche der Landeshauptstadt Mainz etwas dunkler blassblau hinterlegt. Sie hat die Form einer senkrecht stehenden Raute mit einer kleinen Beule am unteren rechten Rand. Vier blaue Marker zeigen die Extrempunkte Nord, Ost, Süd und West und in der Mitte ist der Schnittpunkt dieser Punkte als Mittlpunkt verzeichnet. Es sind nicht sehr viele Details in der Karte erkennbar, aber die Hauptrouten wie der Autobahnring, der Rhein sind deutlich. Links oben ist eine Projektbeschreibung als weißes Tablar eingeblendet.

Eine Wanderung entlang der Stadtgrenze von Mainz

Relation 62630 ist in der Openstreetmap der Code für die Zusammenfassung der Stadtgrenzen der Rheinland-Pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Der Künstler Irgendlink (Jürgen Rinck) folgt dieser Linie auf möglichst nahe begehbaren Wegen und erstellt ein künstlerisches und literarisches Profil des umwanderten Gebiets. Geodaten, Koordinaten, Fotos, Ton- und Filmaufzeichnungen speisen das multidimensionale Erlebniskunstwerk als zunächst grobe Datensammlung, die sowohl in Echtzeit, als auch im Postprozess zu haptischen oder digital erlebbaren Kunstwerken bzw. Videos weiter entwickelt werden.

Der postmoderne „Walking Act“ ist live erlebbar und kann an einem noch zu bestimmenden öffentlichen Ort als eine Art moderne Wandzeitung in Echtzeit miterlebt werden. Und natürlich auf den ans Internet angeschlossenen Endgeräten zu Hause.

Streckenlänge ca. 60 bis 80 km.

Auftakt einer neuen Serie. Dieses Jahr möchte ich unter dem Label „Walkaround“ die eine oder andere Stadt wandernd porträtieren. Mögliche Kandidatinnen sind Mainz, Zweibrücken und Pforzheim. Für Mainz habe ich schon eine Projektskizze in meiner uMap angelegt.

Am 10. Mai wird es gemeinsam mit den Künstler-Kollegen Büttner und H. rund um Limburg gehen. Mehr Infos folgen in Kürze … um ehrlich zu sein, steht dieser Artikel vor allem deshalb hier, weil ich einen ersten Artikel benötige, um dem nigel nagel neuen Schlagwort „Walkaround Mainz“ Leben einzuhauchen.

Eine feine Woche wünsche ich allerseits.

Finally Happy – eine Ausstellung, die beinahe nie kreiert worden wäre

Handgeschriebener Zettel, auf dem geschrieben steht Finally Happy. Der Zettel hat eine ovle Risskante ringsum.

Ich schriebs auf einen Zettel, finally happy, und dachte, hey, sieht irgendwie ganz schick aus, deine Handschrift ist nicht so tatterig wie sie sein könnte, gut so. Das dürfte fast ein Jahr her sein und ich riss den Wortfetzen vom großen Blatt, verwahrte ihn in einem Stapel voller Wortfetzen, man weiß ja nie und verbrannte den Rest, auf dem Abgearbeitetes geschrieben stand.

Es war um die Zeit als ich mit Becks über eine mögliche Ausstellung debattierte: Machen wir doch eine Retrospektive, wie lang bist du schon dabei? fragte der Galerist. 1995, sagte ich. Ungefähr. Na, das passt doch. Dreißig Jahre.

So kam es und letzten Sommer wollte ich die Ausstellung eigentlich absagen, weil ich keine Lust hatte, darauf hin zu arbeiten oder vielmehr, keine Lust, im Rampenlicht zu stehen. Meine Welt ist doch eher die live bloggende, schön abgeschirmte, mit Menschenkontakt in erträglichen Dosen, als diejenige mit vielen Leuten in einem Raum, die alle plaudern und dies und das wissen wollen oder dies und jenes schlecht oder gut reden. Absagen wollte ich und schob die Absagemail an den Galeristen raus und raus und raus und irgendwann schien es mir dann zu spät und außerdem hatte ich ohnehin schon angefangen, die letzten hundert Jahre Irgendlink, ja ja, hundert, ich scherzte mit mir selbst, aufzuarbeiten. Wie soll die Ausstellung denn heißen, fragte die Galerie ende Dezember an. Öhm, Retrospektive? schrieb ich und reichte noch ein paar Ideen nach, die ich nicht einschätzen konnte. Hundert Jahre Irgendlink stand darauf, Botschafter des langsamen Vorankommens und eben Finally Happy. Sowie, ich hatte gerade die Crowdfunding-Collage der Kunststraße nach Gibraltar vor mir liegen und darauf stand Ich sah, Rad und schriebte. Ja. Genau. Das schicke ich denen nun und dann sollen sie sich etwas raussuchen. Mir steht der Kopf ohnehin sonstwo.

Letztlich fand ich es fasziniernd, wie eine Ausstellung, die ich lieber nicht machen wollte, bzw. die ich nicht vernissieren wollte, im Kopf Gestalt annahm und ja, ich freute mich. Und ich freue mich nun, eine Woche vor der Eröffnung immer noch.

Vorgestellt hatte ich mir ein museal ausgearbeitetes rundum glücklich Ding mit auf die Wände aufgeklebten Begleittexten, einem Zeitstrahl von 1991 bis 2026* und einer Art Tour, die die Menschen, die die Ausstellung schauen würden, durch das nachgezeichnete Künstlerleben führen. Ich hatte sogar Kunstsammlungen angefragt, ob sie Leihgaben hätten, aber das scheiterte leider an den verwalterischen Dingen wie Versand, Versicherung, keine abschließbare Vitrine, kein pi, kein pa oder po.

Kurzum, es läuft eigentlich wie immer wenn ich ausstelle. Das Maximalprogram ist im Kopf längst real und die Wirklichkeit holt mich da ab wo ich bin, im eigenen Atelier. Ich packe Kisten, rahme noch ein paar Kleinigkeiten und Samstag in acht Tagen transportiere ich alles zur Galerie, die nur fünf Kilometer vom Atelier entfernt ist. Erwarte leichtes Hängespiel.

*es sind denn doch eher 35 Jahre Rückschau.

Hier die Einladung mit Appspressionismen aus dem Jahr 2025. Kommt Alle!

Ausstellungeinladung. links sind sechs Bilder zu sehen. Zwei dovon zeigen Europaletten, zwei zeigen Landschaft, eines eine menschliche Silhouette, die im Gegenlich vor blauem Himmel ein Handy hoch hälz. Ein Bild ist eingelber  Kreis, in dem geschrieben steht Save the Date. Rechts daneben stehen die Ausstellungsdaten und der Titel Jürgen Rinck Ich sah, Rad und schriebte. Sonntag 1. 3. 2026 ab 16 Uhr.

Galerie m beck | Homburg
Schwedenhof | Am Römermuseum
Am Schwedenhof 4
66424 Homburg/Saar
Germany
Tel +49 6848 70119 0
ger@comebeck.com

Öffnungszeiten vom 1. März bis 3. April 2026:
Mittwoch 11 – 14 Uhr und 16 – 18 Uhr
Donnerstag 11 – 14 Uhr und 16 – 18 Uhr
Freitag 11 – 14 Uhr
Und nach Vereinbarung

Opening Reception:
So 01.03.2026 16 Uhr
Livestream auf Youtube

Weitere Ausstellende:
Christine Tophoven
Friedhard Meyer
sowie verlängert die Ausstellung von Christian H. Friedrichs

Alltag, der 11. Februar 2026 – von Selfbeuteln, lustigen Objekten und rindsledernen Bossen

Weiße Blechtasse mit silbernem Rand, Griff rechts auf hellem Grund. Aufdruck ist ein Karnevalshut wie man ihn aus Mainz bleibt Mainz Kennt, sehr bunt und darunter der Schriftzug Närrin mit drei R, auch bunt.

Heute ist ein großartiger Tag. Ich habe endlich aufgegeben. Aufgegeben daran festzuhalten, dass die kommende Ausstellung exakt so und so wird. Dadurch wird einiges an Energie frei. Die Karten neu gemischt, neue Ideen haben wieder eine Chance.

Kommt mir der lederne Geldbeutel von BOSS gerade recht, wie er so rumliegt und ich keine Verwendung habe dafür. Wenn ich die Objekte-Ecke meiner Retrospektive umsetze, könnte dies mein neuestes Objekt werden. Ich fummele an dem nigelnagelneuen Lederding herum; der Kontakt mit den Händen, der Haut, das Ertasten lässt langsam eine Idee wachsen. So muss sich das Eierlegen für ein Huhn anfühlen. Was war zuerst da, die Idee oder das Objekt?

Was, wenn ich mit dem Geldbeutel den uralten Kinderstreich inszeniere, wie wir ihn tatsächlich als Fünf-Sechsjährige in den 1970er Jahren in einem kleinen Dorf in der Nordpfalz gespielt hatten? Wir banden eine Angelschnur an einen Geldbeutel, legten ihn auf den Gehweg vor unserem Haus, versteckten uns hinterm Zaun, hielten das Ende der Schnur und warteten auf Kundschaft. Wenn jemand käme und den Geldbeutel aufheben wollte, würden wir an der Schnur ziehen und schwupp …

Es kam jemand, trat auf die Schnur, riss den Geldbeutel ab und nahm ihn mit.

So sehe ich meine Retro-Inszenierung des Geldbeutels mit der sündhaft teuren Brieftasche von BOSS, die ich nie genutzt hatte plötzlich als Element einer Kunstretrospektive eines zig Jahre alten erwachsenen Mannes. Das Hirn schuftet schnell. Ich könnte, sehr edel, eine Öse in den Rindsledernen einstanzen, Stahlseil durchführen und das Seil zu einem fest verschraubten Haken an der Galeriewand führen, wo es mit einem Vorhängeschloss gesichert wird. Dann soll mal einer kommen und versuchen, auf das Stahlseil zu treten und das Ding abzureißen. Ne ne, mit mir nicht! Ich habe meine Lektion gelernt.

Der Geldbeutel braucht aber noch Inhalt. Wo sind die Kreditkarten, wenn man sie einmal braucht!? Es gibt zudem ein Fach mit Sichtfenster, in das ein 15 cm hohes Motiv im Format 2:1 passen würde. Ein Selfie? Der Titel Selfbeutel war geboren. Schnell nahm das lustige Kunstwerk Kontur an. Neben dem Vorhängeschloss könnte ich noch eine AGB aufhängen, eine Allgemeine Geldbeutel Bedingung, in der steht: „Wer dieses Kunstwerk aufhebt und hineinschaut, verpflichtet sich zu einer vertraglichen Einlage von (sagen wir einmal) fünf Euro.“ Das ist nicht zu viel. Zumal der hochwertige Geldspeicher aus dem Hause BOSS sowieso kein Fach für Münzgeld hat und ich somit auch keine günstigeren Preise machen könnte.

Du bist fast live dabei beim Entstehen einer Idee. Und wenn Du mich später einmal fragst: Ich schätze, diese Idee führt dazu, dass ich tatsächlich eine Kunstwerke-Gruppe Objekte mitnehme in meine Retrospektive. Ich hatte gehadert, ob ich es meinen Besuchenden zumuten darf, aber es wird bestimmt eine kleine Abwechslung im ansonsten eher ernsten Ausstellungsgeschehen. Zu den Objekten passt auch prima das QR-Code-Projekt, das ich erstmals 2014 zur Ausstellung Code 5 inszenierte.

Da der Selfbeutel erst im Kopf existiert, füge ich ein anderes Objekt als Titelbild zu diesem Artikel.

Die Tasse auf dem Artikelbild gibt es in meinem Seedshirt-Shop.

Alltag, der 7. Februar – vom Durchwurschteln aller Zeiten

Ein Kanten angeschnittenes Brot mit groben Poren und einem riesigen, natürlich gebackenen Loch, in dem eine Madonnenfigur aus Porzellan kniet.

Jonglierbälle allüberall. Und alle gleichzeitig in der Luft. Wenn ich aus Träumen erwache, wundere ich mich stets, dass sooo viel in so kurzer Zeit passiert. Dass ein ganzer Tag Traumleben in ein paar Minuten Traum hinein passt. Im Hirn können sich Dinge offenbar schnell und ohne Rücksicht auf Zeit ereignen. Mit zunehmendem Alter, so habe ich den Eindruck, schleicht sich das Phänomen in die Wachwelt. Anders lässt sichs nicht erklären, dass ich mit meiner Arbeit im Grunde längst fertig bin, aber dass sie, von außen gesehen, dies ganz und gar nicht ist. Längst hängen die Bilder aus 30 Jahren Irgendlink in der Galerie Beck. Auf einem Sockel liegt die „Akte Irgendlink“, ein Kirschholzblock mit festgeschraubtem Ringordnergestell, in dem fein geordnet alle möglichen Dokumente sortiert sind. Eine Art Künstlerlebenslauf mit Zeitungsartikeln, Studien für Kunstwerke, Verworfenem, Gescheitertem, Abgelehntem, aber auch Preiswürdigem, Gefeiertem, Höchstbegehrtem. Mitten im Raum scheinen die Cover der einstigen Aktenordner zu fliegen. An Angelschnüren baumeln sie in verschiedener Höhe, sind collagiert, beklebt mit Fetzen aus hundert Jahren Irgendlink; in manche der Aktenordnerrücken wurden Passeparetouts geschnitten, kleben fein säuberlich Kunstwerke. Die Rückseiten sind beschriftet. Vintagestyle. Das Flüchtige grüßt. In einer Ecke in der Belle Etage der Galerie hat sich eine Fraktion Objekte versammelt mit skurrilen Dingen, die dem Künstler unterkamen und die er, statt sie einfach wegzuwerfen, in Kunstwerke verwandelte. Ein Stück Brot mit einem Loch drin, in dem eine winzige Madonnenfigur kniet zum Beispiel. Reifen und Kettenstücke von vergangenen Fahrradreisen, die „Reliquien eines Europenners“, eines Menschen, der zum Fahrrad wurde (siehe Flann O’Brien, Der dritte Polizist). Wenigstens zum Teil.

Ich arbeite hart dieser Tage. Meist laufen drei Rechner. Zwei, auf denen Videos gerendert werden, einer zum Recherchieren und Beiwerk für die Videos beschaffen. Informationen, Headerbilder bauen usw. Viele Mails. Anfragen bei Sammler*Innen, ob sie das eine oder andere Kunstwerk zur Retrospektive beisteuern können. Die Madonna im Brot aus der Sammlung Schalenberg bereitet mir Kopfzerbrechen. Das Kunstwerk ist äußerst fragil. Es könnte beim Transport in Krümel zerfallen oder von Mäusen gefressen werden. Nebenbei liegt eine weitere Madonna auf Halde, die noch produziert werden will. Die Madonna im schwarzen Brot ist analog ein Figürchen, das in einen Rest Kohlebaguette eingefügt werden soll, das ich letztes Jahr in Frankreich kaufte. Es fehlt eine Madonnenfigur, die nicht viel größer als zwei Zentimeter sein darf. In der Regel finden mich die einzelnen Elemente, die nötig sind, ein Kunstwerk fertig zu stellen. Die erste Madonna kam mir wohl beim Geocachen unter. Kurz zuvor hatte ich ein Stück Brot bei Penny gekauft, in dem sich ein riesiges Loch auftat, als ich es in Scheiben schnitt. Hirn sagte, viel zu schade zum Essen, mach Kunst draus.

Der Zeit zum Hohn, die im nächtlichen Träumerhirn irre Kapriolen schlägt, läuft die Mühle in der realen Welt sehr langsam und kann Jahre überbrücken, ohne dass etwas äußerlich sichtbar fertig ist. Erst wenn das letzte Teilchen gefunden wurde, im Fall die winzige Madonnenfigur, die ins Schwarzbrot muss, kommt Klebstoff zum Einsatz, wird das Figürchen eingeklebt, erhält das Kunstwerk einen Preis, kommt in den Shop.

Wie es hier aussieht! Die Künstlerbude ist zur wahrhaften Messibude geraten. Alle Kraft ins Denken, Organisieren, Stapel richten, Aufschreiben. Da ist nichts mehr übrig, um etwa Geschirr zu spülen, den Boden zu wischen, aufzuräumen. Wenn mir jetzt etwas zustößt, findet der Wohnungsräumungstrupp einen Haufen Schmutz und scheinbar Wertloses. Viele Fragezeichen, Wunder, die im Chaos unsichtbar gemeinsam mit dem Alltagsmüll in einem Container landen.

Manchmal, hmm, nein oft, eigentlich immer, steige ich abends hinauf ins Hochbett und denke, was wenn ich nachts einen Schlaganfall erleide, einen Herzinfarkt, die Rettung kommen muss, mich bewusstlos durch die Luke nach unten fummeln muss? Die Luke ist nur etwa 50×60 cm groß. Eine 2,5 Meter hohe, steile Leiter führt hinauf ins Schlafgemach.

Die Rettung wuchtet dann ein Etwas da runter, das in höchster Lebensgefahr ist und das sich weder bewegen, noch äußern kann. Im Innern des Etwas drehte bis vor kurzem noch ein buntes Lebenskarusell voller Träume und Ideen und Hoffnungen. Aber wer weiß das schon, vielleicht dreht sichs im nicht mehr zu gebrauchenden Körper ja noch immer? Ewiger Traum. Alles ganz schnell. Viele Gleichzeitigkeiten, die sich aneinanderreihen wie die einzelnen Frames eines der Filme, die gerade auf den beiden anderen PCs rendern.

Etwa 50 Stunden Film habe ich in der letzten Woche vom Tisch geschafft, was nicht so arg viel Schnittarbeit war, da ich alleine vierzig Stunden für die Radreise von der Pfalz in den Aargau anfertigte. Eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt: Wenn mir mal etwas zustößt und es nur noch Augen und Ohren und Hirn gibt, kann ich mir die Radtour anschauen. Es ist ein Film vom Lenker aus auf die Straße. Entstanden im letzten Jahr Ende März, Anfang April. Man sieht: Straße. Sonst nichts. Mir reicht das.

Auf einer anderen Ebene bereite ich die Ausstellung vor, tausend Jahre Irgendlink, von IOS zu Android und zurück, finally happy …

Ich hab schon ein bisschen Sorgen, nicht fertig zu werden, ach was, ich schriebs ja schon auf, ich werde nicht fertig werden, ich kann gar nicht fertig werden, weil die Welt in meinem Gehirn immer um ein Viefaches weiter ist, als der lahme Körper das in der echten Welt auch nur ansatzweise realisieren könnte.

Da ich in letzter Zeit auch viel über ADHS und Autismus lese, frage ich mich manchmal, ob das auch auf mich zutrifft. Andererseits habe ich neben dem Alles-gleichzeitig-Syndrom nichts in die Waagschale zu werfen, das dafür spricht. Ich kann mich im Alles-gleichzeitig immer noch bewegen, kann Entscheidungen treffen; einzig damit, dass der Körper mit dem nassforschen Voranschreiten des Hirns nicht mithalten kann, hemmt mich. Ich vermute, ich lebe in der zweiten Abänderung. Viele Parallelen zur ersten Abänderung, der Pubertät, kommen mir in den Sinn. Lang ists her. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein?

Suche den Rasierapparat. Nicht, dass ich mich gerne rasieren würde, aber, naja, gestern kam mir ein Ensemble aus Videoclips unter, die gut zur kommenden Ausstellung passen würde. Der Fim handelt vom gescheiterten Absagen einer Ausstellung. Eine Million Jahre Irgendlink. Der Schnitt ist fast fertig. Es fehlt nur noch ein finales Statement. Und das hätte ich gerne mit gepflegtem Gesicht gefilmt. Ich werde die Kamera ein wenig underfoot aufstellen, damit man das Chaos in der Bude nicht darauf sieht. Wahrscheinlich mit den Jeanneaus, zwei Acrylgemälden „Vier Jahreszeiten“ im Hintergrund. Ich finde, das passt irgendwie zum Durchwurschteln aller Zeiten.