Hofzeit mitten im Saarland

Ein hellbraunes, fast weißes Alpaca schaut in dieser Aufnahme aus der Froschperspektive in die Kamera. Es steht auf einer von Laubbäumen überwachsenen Weide. Im Hintergrund ist ein tunnelförmiges Stallgebäude.

Treibgut am Rande der Nacht. Die waghalsigen Balanceakte auf der Leiter, vertikal-fakiresk geradezu mich windend zwischen der Wasserleitung und überragenden Betonstürzen, stecken mir noch in den Knochen. Ich hatte, der aufkommenden Hitze ist es geschuldet, die Renovierungsarbeiten im kühlen Atelier fortgesetzt, statt draußen zu arbeiten. Beziehungsweise, um es mir recht einzugestehen, erledige ich Arbeiten, die vor zwanzig Jahren aus „Zeitmangel“ nicht gemacht wurden. Damals musste es schnell schnell gehen, Wände bis zur zu erwartenden Hängehöhe von Kunstwerken schön weiß, Boden fegen, darüber die Sintflut. Die sich drei Meter hoch zwischen Balken in Form von Spinnenpopulationen und später dann auch Bilchen ausbreitete. Nicht, dass mich die Tiere stören würden. Insgeheim mag ich das Zusammenleben mit Bilchen und Spinnen. Jedoch haben die Tiere keine Toilettenkultur. So rieselt Bilchkot im Sommer wie schwarzer Schnee und auf den Bildern, die länger im Atelier hingen, finden sich die feinen Punkte von Spinnenexkrementen. Archachno-Pointillismus.

Die Uhr ist mittlerweile so gut wie besiegt. Natürlich zwänge ich mich aus Gründen der Teilhabe immer noch hin und wieder ins Zeitkorsett. Dass Zeit keine Rolle mehr spielt in meinem Leben kann ich mittlerweile ganz gut durchhalten: arbeiten wann ich will, ruhen wenn mir danach ist. 23 Uhr gehts unter die Dusche, Wasser eiskalt im Draußenbad, die ich nackt verlasse, mich unterm Sichelmond zu Künstlerbude bewege, atme, nirgends Licht einschalte, den Mond bei seinem Gang gen Westen beobachte, einen Schluck Wasser noch, dann Bett.

Tags drauf zu Freundin S., der es gar nicht gut geht. Schmerzen, Depression, abbes Bein, Hilflosigkeit, alleine. Wir tun was wir können, ein kleiner Kreis von Freunden und Freundinnen. Der Doktor will sie ins Krankenhaus einweisen. Sie wehrt sich und fragt mich, was würdest du tun und ich orakele, wenn ich ich wäre, würde ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, zumal das Wochenende bevorsteht und ich da nur eingelagertes Fleisch wäre am Wochenende; ich würde mich einweisen lassen, wenn ich du wäre, füge ich nachdrücklich hinzu. Orakel kann ich. S. und ich ticken da ähnlich und ich glaube, sie versteht meine innerlich zerrissene Rede nur zu gut. Im Fall stehen zwei Wahrheiten nebeneinander. Mich fuchst diese Auswegslosigkeit, vor die man manchmal gestellt wird. Ich besorge Frühstück: Brötchen, Schokocroissant, Butter und Marmelade und wir frühstücken, also vielmehr ich. S. knabbert apathisch am Croissant, schlürft den Automatenkaffee; ja, doch, Krankenhaus wäre zumindest nicht die schlechtere Wahl, denke ich. Fahre zu ihrer alten Wohnung, hole ein paar Dinge für sie, gehe gegen Mittag meines Weges im Gewissen, dass bald eine andere Freundin bei ihr vorbei schaut. Es ist zum Heulen.

Die Hitze hämmert. Mein Vorhaben, unter der Knute der Zeit um 16 Uhr mitten im Saarland zu sein auf einem Alpaca-Hof, droht zu scheitern. Wie ich es drehe und wende, ich muss, um dahin zu kommen, mindestens zwanzig Kilometer weit radeln. Neun abwärts bis zum Bahnhof Homburg, eine ungewisse Anzahl von Kilometern vom Bahnhof Ottweiler bis zu den Flauschtieren und das Ganze wieder zurück. Das Fahrradnavi sagt, dass es insgesamt ohne Benutzung der Zugstrecke 33 Kilometer weit ist. Dreizehn Uhr will ich los. Vierzehn Uhr schaffe ich es endlich in den Sattel und weil es erst einmal bergab geht, bin ich so kühn, die Radelstrecke zu nehmen. Unterwegs könnte ich beim einen oder anderen Bahnhof ja doch noch einsteigen. In Wellesweiler, Bexbach, sonstwo oder Neunkirchen. Alles ist möglich. Die Hitze knallt. Meinem Morgen-Ich danke ich inständig, dass es das Ebike geladen hat und somit den Weg frei machte, mit diesem zu radeln, statt mit dem Fahrrad. In jedem Brunnen oder Teich, dessen ich habhaft werde, tauche ich T-Shirt und Haube ein, „nässe mich ein“ und so geht das ganz prima mit dem Hitzeradeln. Dennoch ein beklommenes Gefühl. Würde ich merken, wenn ich einen Hitzschlag erleide? Dass ich vor ein zwei Jahren bei solcherlei Hitze langstreckenradelte, macht mich mutig (Link zum Youtube-Video der Reise). Läuft ganz gut. Gegen Ende der Tour zum Alpaca-Hof, unerwartet – ich habe ja weder auf die Uhr noch das Streckenprofil geschaut – Steigung. Das Einnässen im Brunnen Ottweiler reicht gerade, um wieder getrocketen Hemdes fünf Kilometer später beim Hof anzukommen.

Dort ist um 16 Uhr „Hofzeit“. Corina und Martin führen Interessierte durch das Gelände und man ist auf Tuchfühlung mit den 56 Tieren, die momentan auf dem wunderschönen Gelände leben. Noch zwei weitere Gäste sind vor Ort, angereist aus Darmstadt. Wir erfahren alles über Alpacas, die Züchtung und die Eigenarten der friedlich wirkenden Tiere … nach dem Crashkurs würde ich ihnen nicht mehr so arglos begegnen wie den Alpacas, die Frau SoSo und ich in Zierikzee im letzten Jahr streichelten :-)

Im Grünen Tal, in dem ein Bächlein sickert und starres Schilfgras die Bachlinie markiert – noch – komme ich tatsächlich ein wenig zur Ruhe, vergesse die Sorgen. Gut so. Mein Ansinnen war jedoch etwas Anders, eine kleine, feine Internetstory. Ich hatte vier Spülbürsten-Ersatzköpfe bestellt, die in einer Sammelbestellung an den Hof geliefert wurden – eine andere Geschichte, die hier erzählt wird.

Der Rückweg. Oha! Ich war bußfertig genug, mich zum Bahnhof Ottweiler zu schleppen und auf den nächsten Zug zu warten. Computer sagt nein! Das Display am Gleis laufschreibt, dass der Zug, der vor knapp einer Stunde fahren sollte, 60 Minuten Verspätung habe und der Zug, der nun kommen soll 24 Minuten und im Grunde erklärt das den Bankrott. Es handelt sich um einen Streckentotalausfall. Der Ebike-Akku ist noch knapp halb voll. Ich habe ein Problem. Für die letzten 200 Höhenmeter zurück zum Atelier wird es wohl nicht reichen. Nehme es gelassen, kaufe Nahrung und Ayran in einem Pennymarkt. Die Aussicht übers Bliestal von der Parkterrasse des Markts in Ottweiler ist phänomenal.

Weiter gehts an Neunkirchen-City vorbei zur anderen Bahnlinie, die zum Glück funktioniert. Mit einem Fahne-schwingenden Jungen steige ich ein. Er will nach Saarbrücken zu einem Fußballspiel, ein netter Kerl, denke ich. Bis er mich anspricht, wie stehen sie zur Todesstrafe; würden sie eine Wiedereinführung der Todesstrafe in Deutschland befürworten; dass er das würde, bekundet er; gar wirres Zeug und ich denke, will der nun zum Fußball oder zu einer Demo? Nach meinem Nein kommt sein Aber … und mein NEIN PUNKT! trifft ihn so hart, dass für den Rest der Fahrt eisiges Schweigen im Abteil herrscht. Der Junge ist Youtuber und bekannt, denn der Schaffener sagt, er habe schon Youtubefilme von ihm gesehen.

Die kurze Zugfahrt spart mir zehn Radelkilometer, gerade genug, dass der Akku bis hinauf zum einsamen Gehöft durchhält.

Für eine Handvoll Walnüsse – Ostermontag, der 6. April 2026

Blick auf einen Trampelpfad, der labyrinthisch durch eine junggrüne Wiese führt. Ein paar Bäume sind in das kleine Labyrinth integriert.

Ein Server in USA oder Fernost?, schießt es mir in den Sinn, nur falls Europa unbewohnbar wird. Bald wird das „großartigste“ und am oftesten verlängerte Ultimatum ablaufen. Der Weltkrieg droht. Dinge werden teuer. Chaos wird sich ausbreiten. Mein kleines Endzeithirn rotiert zwischen heimischen Klein-klein-Sorgen – wo bitteschön lege ich dieses Jahr die Kartoffeln; wie bitteschön kriege ich die Löcher im Dach möglichst rückenschonend geflickt – und den tragenden, Dekaden fassenden Großsorgen zur Konzernapokalypse, die die nächsten Generationen plagen werden – wo bitteschön kriege ich billiges Öl, sauberes Wasser, Gasheizungsgas und wie bitteschön halte ich mir die marodierenden Soldatenmassen vom Leib, die dreißigjährigerkriegesque kreuz und quer durch die Lande ziehen werden, plündernd und Schlimmeres tuend?

Ich weiß, das ist klein. Das ist naiv. Das ist ängstlich. Das ist bis zur nächsten Ecke gedacht und kein bisschen weiter. Die Kette von Flugzeugen über Ramstein aufsteigen zu sehen, wie sie ausfliegen, wohin, wohin, wohin, und dünkelnd, mit was sie beladen sind, Waffen, Söldnern, Gift und Spionen, tut meiner inneren Unruhe nicht gut. Wir sind auf dem Weg ins Naheland, ein kleines Wandertreffen mit Freundin Lakritze und wenn man dorthin will, ins Naheland, von meinem Atelier aus kommend, muss man am Militärflughafen Ramstein vorbei. Und mit diesem Ort habe ich schon seit Anbeginn der Zeit ein Problem, genauer gesagt seit der Katastrophe bei der großen Flugschau irgendwann Ende des letzten Jahrtausends. Der Ort ist gefährlich. Von dort geht nichts Gutes aus, geht nichts Gutes in die Welt, treibt man Schindluder hinterm Rücken des friedliebenden Normalbürgers, der Normalbürgerin, die doch nur die A6 benutzen wollen vorbei am Kaiserslautern ihres kleinen feinen Lebens von irgendwo nach irgendwoanders.

Wir treffen Frau Lakritze am Bahnhof Staudernheim. Sie trägt Hut, Hemd, Tagesrucksack. Sie hat eine Landkarte aus Papier dabei. Unsere Wanderung wird dennoch nicht sehr lang, denn das Ziel, die Klosterruine Disibodenberg ist gleich da oben auf dem Hügel, der wie ein Sporn im Mündungsgebiet des Glans zum Hunsrückflüsschen Nahe liegt, ein von jungem Grün bewucherter Hügel.

die unteren vier Fünftel des Bildes zeigen eine saftige Wiese mit Löwenzahnblumen. Unscharf ragt darüber ein frühlinghaft noch nicht sehr belaubtes Wäldchen, durch dessen Geäst blauer Himmel schimmert.
Parkähnliches Geänder der Klosterruine Disibodenberg

Wir erklimmen. Wir plaudern. Wir staunen hinunter ins Tal, hinüber zum Lemberg und schon sind wir oben auf dem weitläufigen, hektargroßen Gelände, das fast nur noch aus Grundmauern besteht. Die Abtei muss einst riesig gewesen sein. Ich erinnere mich, dass ich zuletzt 2015 hier oben war, per Fahrrad unterwegs zum Nordkap. Damals war ich ganz alleine und das Wetter war nicht so brilliant wie heute und die Weltenlage nicht so zugespitzt. Ich hatte nicht so viel Ruhe, wollte weiter, aber auch die Ruine schauen. Eine Zerreißprobe an Tag eins der zwei, drei Monate währenden Reise.

Links der Stamm einer Eiche, sehr dick. Kleine Äste ragen ins Bild und zeigen scheinbar in die Ferne über einem grünen Tal eines kleinen Flüsschens
Überm Glantal

Von Südwesten erklommen wir den Klosterberg entlang einer Linie uralter Bäume, die kurz vor den ersten Gemäuern ihren Höhepunkt bei einer mehrere Meter umfangenden uralten Eiche gipfelte. Dort stand auch ein eisernes, hohles Kreuz in den Boden gerammt mit einem Schlitz drin, innen hohl, bereit Geld aufzunehmen. Eine Tafel daran befestigt, dass der Besuch der Ruine „kostenpflichtig“ sei, man bitteschön fünf Euro einwerfen sollte. Die Anlage ist gepflegt und, früh wie wir da sind, noch kaum bevölkert. Wir lassen uns treiben zwischen Laientrakt, Abteiruine und den vielen anderen Gebäuden, von denen es nur noch die Grundmauern gibt. Mich zieht es magisch zum kleinen Labyrinth, das wer wo angelegt hatte. Auf vielleicht 100 Quadratmetern unter Eichen und Ahornbäumen, die ins Labyrinth integriert sind, erstreckt es sich ungewohnt „dreckig“, also unregelmäßig. Schon laufe ich den Weg ins Innere, folge der Spur zwischen Gras, vorbei an den Bäumen, gerate wieder auf die Außenspur wie das beim Labyrinth so ist, du denkst, du bist fast da, die Mitte zum Greifen nah, und schon führt dich der Weg wieder bis ganz weit weg in die äußeren Umläufe. Frau Soso und Frau Lakritze folgen. Immer wieder begegnen wir einander, laufen sogar kurze Zeit alle drei nebeneinander, jede auf ihrer oder seiner Spur, bis sich unsere Wege wieder in andere Richtungen richten und am Ende stehen wir alle im Zentrum, einem lädierten, großen Baum, dessen Rinde an einer Stelle großflächig abgerissen ist. Aber er lebt. Denken unsere Gedanken, scherzen, sinnieren. Der Labyrinthweg ist faszinierend. Es dauert nur wenige Minuten die vielleicht zweihundert Meter lange Strecke zu bewältigen und natürlich könnte man auch einfach geradeaus bis zum zentralen Baum wandern. Wie die Wurzeln der alten Bäume, die die Labyrinthstrecke ohne Rücksicht auf die vom Menschen gemachte Route nahezu schnurgerade durchdringen und ab und zu zu Tage treten.

Mein Desolations-Ich. Das, das sich die Katastrophe ausmalte, noch vor ein zwei Stunden im Vorbeifahren am evil evil Ramstein Airport. Staunend zwischen Himmel und Erde, den eigenen schon zurückgelegten Lebensweg dekadenlang vor Augen, die eine, höchstens zwei Dekaden, die womöglich noch vor ihm liegen im Fokus: Was will ich noch alles erreichen? Lange Radreise hie, kürzere Dinge vor der Haustür da und achja, einen neuen Server bauen, auf dem das „Lebenswerk“ gerettet wird und im Anbetracht der Lage sich fragend, ist es eine gute Idee, wenn alle meine Server an einem Ort stehen, der womöglich zerstört wird? Was also will mein kleines Restleben-Ich noch tun auf dieser Welt? Meine Liste der Zutuns beschränkt sich auf ein paar Kunst- und Schreib-Ideen, die im Konflikt stehen mit den alltäglichen Spontanaktionen, bei denen ich versuche, meine eigene Welt sauber zu halten, jaja, das kann mühsam sein, und auch in der Welt meiner Liebsten ein wenig zu assistieren, falls nötig und gewünscht. Das alles ist Lebenszeit und gerade eben, da oben auf dem Klosterweg sehe ich die vielen kleinen Zu-Wollens der letzten Lebensdekade schön sauber aufgereiht und die Reihe ist nicht etwa gerade, wie ich bis anhin dachte, sondern ein geschwungener, labyrinthischer Weg. Das nächst zu liegen Scheinende muss nicht das sein, was ich als nächstes tue im Leben, erkenne ich. Die Frühlingssonne schimmert durchs seichte Grün jungknospender Ahornbäume.

Nachdem wir das Labyrinth zu Ende gegangen sind, also rein ins Zentrum bis zum maroden zentralen Baum und wieder raus, pausieren wir auf einer Bank. Die Klosteranlage füllt sich mit Tagestourist*Innen. Ein junger Mann läuft das Labyrinth. Eine junge Frau folgt kurze Zeit später. Andere stehen nur davor, schauen nur, gehen wieder. Andere nehmen den geraden Weg zum zentralen Baum. Ich habe Nüsse mitgebracht. Wir knacken sie. Wir essen sie. Für eine Handvoll Nüsse bohre ich mit einem Stöckchen rings ums Labyrinth Löcher, lege sie hinein. Wer weiß?

Walkaround Mainz

Die grünlich bis bläulich colorierte Landkarte aus der Openstreetmap, deutsche Ansicht, zeigt die Fläche der Landeshauptstadt Mainz etwas dunkler blassblau hinterlegt. Sie hat die Form einer senkrecht stehenden Raute mit einer kleinen Beule am unteren rechten Rand. Vier blaue Marker zeigen die Extrempunkte Nord, Ost, Süd und West und in der Mitte ist der Schnittpunkt dieser Punkte als Mittlpunkt verzeichnet. Es sind nicht sehr viele Details in der Karte erkennbar, aber die Hauptrouten wie der Autobahnring, der Rhein sind deutlich. Links oben ist eine Projektbeschreibung als weißes Tablar eingeblendet.

Eine Wanderung entlang der Stadtgrenze von Mainz

Relation 62630 ist in der Openstreetmap der Code für die Zusammenfassung der Stadtgrenzen der Rheinland-Pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Der Künstler Irgendlink (Jürgen Rinck) folgt dieser Linie auf möglichst nahe begehbaren Wegen und erstellt ein künstlerisches und literarisches Profil des umwanderten Gebiets. Geodaten, Koordinaten, Fotos, Ton- und Filmaufzeichnungen speisen das multidimensionale Erlebniskunstwerk als zunächst grobe Datensammlung, die sowohl in Echtzeit, als auch im Postprozess zu haptischen oder digital erlebbaren Kunstwerken bzw. Videos weiter entwickelt werden.

Der postmoderne „Walking Act“ ist live erlebbar und kann an einem noch zu bestimmenden öffentlichen Ort als eine Art moderne Wandzeitung in Echtzeit miterlebt werden. Und natürlich auf den ans Internet angeschlossenen Endgeräten zu Hause.

Streckenlänge ca. 60 bis 80 km.

Auftakt einer neuen Serie. Dieses Jahr möchte ich unter dem Label „Walkaround“ die eine oder andere Stadt wandernd porträtieren. Mögliche Kandidatinnen sind Mainz, Zweibrücken und Pforzheim. Für Mainz habe ich schon eine Projektskizze in meiner uMap angelegt.

Am 10. Mai wird es gemeinsam mit den Künstler-Kollegen Büttner und H. rund um Limburg gehen. Mehr Infos folgen in Kürze … um ehrlich zu sein, steht dieser Artikel vor allem deshalb hier, weil ich einen ersten Artikel benötige, um dem nigel nagel neuen Schlagwort „Walkaround Mainz“ Leben einzuhauchen.

Eine feine Woche wünsche ich allerseits.

Finally Happy – eine Ausstellung, die beinahe nie kreiert worden wäre

Handgeschriebener Zettel, auf dem geschrieben steht Finally Happy. Der Zettel hat eine ovle Risskante ringsum.

Ich schriebs auf einen Zettel, finally happy, und dachte, hey, sieht irgendwie ganz schick aus, deine Handschrift ist nicht so tatterig wie sie sein könnte, gut so. Das dürfte fast ein Jahr her sein und ich riss den Wortfetzen vom großen Blatt, verwahrte ihn in einem Stapel voller Wortfetzen, man weiß ja nie und verbrannte den Rest, auf dem Abgearbeitetes geschrieben stand.

Es war um die Zeit als ich mit Becks über eine mögliche Ausstellung debattierte: Machen wir doch eine Retrospektive, wie lang bist du schon dabei? fragte der Galerist. 1995, sagte ich. Ungefähr. Na, das passt doch. Dreißig Jahre.

So kam es und letzten Sommer wollte ich die Ausstellung eigentlich absagen, weil ich keine Lust hatte, darauf hin zu arbeiten oder vielmehr, keine Lust, im Rampenlicht zu stehen. Meine Welt ist doch eher die live bloggende, schön abgeschirmte, mit Menschenkontakt in erträglichen Dosen, als diejenige mit vielen Leuten in einem Raum, die alle plaudern und dies und das wissen wollen oder dies und jenes schlecht oder gut reden. Absagen wollte ich und schob die Absagemail an den Galeristen raus und raus und raus und irgendwann schien es mir dann zu spät und außerdem hatte ich ohnehin schon angefangen, die letzten hundert Jahre Irgendlink, ja ja, hundert, ich scherzte mit mir selbst, aufzuarbeiten. Wie soll die Ausstellung denn heißen, fragte die Galerie ende Dezember an. Öhm, Retrospektive? schrieb ich und reichte noch ein paar Ideen nach, die ich nicht einschätzen konnte. Hundert Jahre Irgendlink stand darauf, Botschafter des langsamen Vorankommens und eben Finally Happy. Sowie, ich hatte gerade die Crowdfunding-Collage der Kunststraße nach Gibraltar vor mir liegen und darauf stand Ich sah, Rad und schriebte. Ja. Genau. Das schicke ich denen nun und dann sollen sie sich etwas raussuchen. Mir steht der Kopf ohnehin sonstwo.

Letztlich fand ich es fasziniernd, wie eine Ausstellung, die ich lieber nicht machen wollte, bzw. die ich nicht vernissieren wollte, im Kopf Gestalt annahm und ja, ich freute mich. Und ich freue mich nun, eine Woche vor der Eröffnung immer noch.

Vorgestellt hatte ich mir ein museal ausgearbeitetes rundum glücklich Ding mit auf die Wände aufgeklebten Begleittexten, einem Zeitstrahl von 1991 bis 2026* und einer Art Tour, die die Menschen, die die Ausstellung schauen würden, durch das nachgezeichnete Künstlerleben führen. Ich hatte sogar Kunstsammlungen angefragt, ob sie Leihgaben hätten, aber das scheiterte leider an den verwalterischen Dingen wie Versand, Versicherung, keine abschließbare Vitrine, kein pi, kein pa oder po.

Kurzum, es läuft eigentlich wie immer wenn ich ausstelle. Das Maximalprogram ist im Kopf längst real und die Wirklichkeit holt mich da ab wo ich bin, im eigenen Atelier. Ich packe Kisten, rahme noch ein paar Kleinigkeiten und Samstag in acht Tagen transportiere ich alles zur Galerie, die nur fünf Kilometer vom Atelier entfernt ist. Erwarte leichtes Hängespiel.

*es sind denn doch eher 35 Jahre Rückschau.

Hier die Einladung mit Appspressionismen aus dem Jahr 2025. Kommt Alle!

Ausstellungeinladung. links sind sechs Bilder zu sehen. Zwei dovon zeigen Europaletten, zwei zeigen Landschaft, eines eine menschliche Silhouette, die im Gegenlich vor blauem Himmel ein Handy hoch hälz. Ein Bild ist eingelber  Kreis, in dem geschrieben steht Save the Date. Rechts daneben stehen die Ausstellungsdaten und der Titel Jürgen Rinck Ich sah, Rad und schriebte. Sonntag 1. 3. 2026 ab 16 Uhr.

Galerie m beck | Homburg
Schwedenhof | Am Römermuseum
Am Schwedenhof 4
66424 Homburg/Saar
Germany
Tel +49 6848 70119 0
ger@comebeck.com

Öffnungszeiten vom 1. März bis 3. April 2026:
Mittwoch 11 – 14 Uhr und 16 – 18 Uhr
Donnerstag 11 – 14 Uhr und 16 – 18 Uhr
Freitag 11 – 14 Uhr
Und nach Vereinbarung

Opening Reception:
So 01.03.2026 16 Uhr
Livestream auf Youtube

Weitere Ausstellende:
Christine Tophoven
Friedhard Meyer
sowie verlängert die Ausstellung von Christian H. Friedrichs

Alltag, der 11. Februar 2026 – von Selfbeuteln, lustigen Objekten und rindsledernen Bossen

Weiße Blechtasse mit silbernem Rand, Griff rechts auf hellem Grund. Aufdruck ist ein Karnevalshut wie man ihn aus Mainz bleibt Mainz Kennt, sehr bunt und darunter der Schriftzug Närrin mit drei R, auch bunt.

Heute ist ein großartiger Tag. Ich habe endlich aufgegeben. Aufgegeben daran festzuhalten, dass die kommende Ausstellung exakt so und so wird. Dadurch wird einiges an Energie frei. Die Karten neu gemischt, neue Ideen haben wieder eine Chance.

Kommt mir der lederne Geldbeutel von BOSS gerade recht, wie er so rumliegt und ich keine Verwendung habe dafür. Wenn ich die Objekte-Ecke meiner Retrospektive umsetze, könnte dies mein neuestes Objekt werden. Ich fummele an dem nigelnagelneuen Lederding herum; der Kontakt mit den Händen, der Haut, das Ertasten lässt langsam eine Idee wachsen. So muss sich das Eierlegen für ein Huhn anfühlen. Was war zuerst da, die Idee oder das Objekt?

Was, wenn ich mit dem Geldbeutel den uralten Kinderstreich inszeniere, wie wir ihn tatsächlich als Fünf-Sechsjährige in den 1970er Jahren in einem kleinen Dorf in der Nordpfalz gespielt hatten? Wir banden eine Angelschnur an einen Geldbeutel, legten ihn auf den Gehweg vor unserem Haus, versteckten uns hinterm Zaun, hielten das Ende der Schnur und warteten auf Kundschaft. Wenn jemand käme und den Geldbeutel aufheben wollte, würden wir an der Schnur ziehen und schwupp …

Es kam jemand, trat auf die Schnur, riss den Geldbeutel ab und nahm ihn mit.

So sehe ich meine Retro-Inszenierung des Geldbeutels mit der sündhaft teuren Brieftasche von BOSS, die ich nie genutzt hatte plötzlich als Element einer Kunstretrospektive eines zig Jahre alten erwachsenen Mannes. Das Hirn schuftet schnell. Ich könnte, sehr edel, eine Öse in den Rindsledernen einstanzen, Stahlseil durchführen und das Seil zu einem fest verschraubten Haken an der Galeriewand führen, wo es mit einem Vorhängeschloss gesichert wird. Dann soll mal einer kommen und versuchen, auf das Stahlseil zu treten und das Ding abzureißen. Ne ne, mit mir nicht! Ich habe meine Lektion gelernt.

Der Geldbeutel braucht aber noch Inhalt. Wo sind die Kreditkarten, wenn man sie einmal braucht!? Es gibt zudem ein Fach mit Sichtfenster, in das ein 15 cm hohes Motiv im Format 2:1 passen würde. Ein Selfie? Der Titel Selfbeutel war geboren. Schnell nahm das lustige Kunstwerk Kontur an. Neben dem Vorhängeschloss könnte ich noch eine AGB aufhängen, eine Allgemeine Geldbeutel Bedingung, in der steht: „Wer dieses Kunstwerk aufhebt und hineinschaut, verpflichtet sich zu einer vertraglichen Einlage von (sagen wir einmal) fünf Euro.“ Das ist nicht zu viel. Zumal der hochwertige Geldspeicher aus dem Hause BOSS sowieso kein Fach für Münzgeld hat und ich somit auch keine günstigeren Preise machen könnte.

Du bist fast live dabei beim Entstehen einer Idee. Und wenn Du mich später einmal fragst: Ich schätze, diese Idee führt dazu, dass ich tatsächlich eine Kunstwerke-Gruppe Objekte mitnehme in meine Retrospektive. Ich hatte gehadert, ob ich es meinen Besuchenden zumuten darf, aber es wird bestimmt eine kleine Abwechslung im ansonsten eher ernsten Ausstellungsgeschehen. Zu den Objekten passt auch prima das QR-Code-Projekt, das ich erstmals 2014 zur Ausstellung Code 5 inszenierte.

Da der Selfbeutel erst im Kopf existiert, füge ich ein anderes Objekt als Titelbild zu diesem Artikel.

Die Tasse auf dem Artikelbild gibt es in meinem Seedshirt-Shop.