Fern | #zwand20

Eine einsame, schmale Straße in grüner, wolkenverhangener Landschaft. Links im Bild ein Reiserad.

Fern. Das trifft es. Mit dem Wort ‚Fern‘ bin ich heute früh gegen halb fünf aufgewacht. Die Künstlerbude ist im voranschreitenden Frühling nun schon so angenehm temperiert, dass man, wenn man aus dem Hochbett klettert, runter in die Zone, die ich als Arktis bezeichne, nicht sofort den Holzofen anschüren muss. Ich konnte mich direkt an den PC setzen, nachdem ich das Kaffeewasser aufgesetzt hatte. Mails checken und die neuen Kunstwerke, die abends für unser Col-Art-Kunstprojekt eingetrudelt sind in die Galerie einfügen. Wow! Die Beteiligung weltweit ist großartig. Nach nur drei Tagen sind schon über zehn Arbeiten eingegangen.

Der Mittelpunkt Frankreichs liegt, je nach dem, ob man Korsika einbezieht, in den Orten Nassigny im Departement Allier oder Vesdun, Departement Cher. Meine Route von Zweibrücken nach Andorra führt etwa 100 Kilometer östlich an diesen beiden Punkten vorbei.

Das Wörtchen Fern kann auf Fahrradtouren vielerlei Bedeutungen haben. So kann etwa ein angepeilter Etappenort ziemlich fern sein, wenn man vergessen hat, das Höhenprofil der Strecke anzuschauen. Drei Kilometer bei 12 Prozent Steigung, Regen und Gegenwind kurz vor der Dämmerung machen einen Ort in Windes Eile sehr sehr fern. Ferne kann aber auch zum Grundgefühl werden. Dann, wenn du beginnst, dich nach Hause zu sehnen,  emotional festgefahren zwischen Start und Ziel der mehrwöchigen Reise. Dieses Gefühl erzeugt ein mächtiges Begehren, den Zustand ‚kleiner Mensch kurbelt mit Schweißeskraft tagelang in die und die Richtung‘, sofort zu beenden. Plötzlicher Lustverlust. Sinnfrage. Was mache ich, was soll ich hier, trotz bester Routenplanung keine Ahnung wie es weitergehen soll. Am Liebsten würde man im Straßengraben umfallen und einfach liegen bleiben wie eine Pfanddose.

Ich meine, mich zu erinnern, dass Freund QQlka 1995, als wir durch Lappland radelten, in der Hoffnung, irgendwann das Nordkap zu erreichen, in einer dieser Phasen einmal sein Fahrrad hoch nahm, aufbrausend wie ein Jahrmarktsringer und es mitsamt Gepäck auf den Rand einer dieser typischen, riesigen Mülltonnen stemmte. Die gut drei Meter durchmessenden Müllbehälter an den Rastplätzen der menschenleeren nordischen Straßen sind riesige Löcher, in  denen entsprechend große, stabile Plastikmüllsäcke hängen. Als das Radel so auf dem Rand der Tonne stand, ohnehin nie und nimmer durch die enge Öffnung der mit Holz umrandeten Tonne gepasst hätte und ich ‚Halt ein‘ rief, brachen wir beide in ein verzweifeltes Lachen aus. Feiner Nieselregen aus tiefhängenden Wolken, breiartiger Wind aus Nordost, ein Vogelbeobachtungsturm. Fern die nächste Stadt und ebenso fern die, die wir vor ein paar Stunden verlassen hatten.

Ein Parkplatz. Nun abwärts, zurück ins Loire-Tal. Auf der gegenüber liegenden Flussseite rauscht eine Eisenbahn. Die Verbindung Roanne – Le Puy? Daneben eine Straße. Fast bin ich dankbar für die regnerische Stimmung. Es erinnert mich an den Kapschnitt 1995. QQlka und ich. Vier Wochen Sonne unter skandinavischem Hoch. Plötzlich, Mitte August, drehte das Wetter. Mitten in Lappland. Regen und Kälte. Aber anders als hier und heute, läutete das den Herbst ein. Mückensterben, Vergehen allüberall, Nächte bei -4 Grad, Tage kaum wärmer als zehn. Wie ich auf dieser Reise schon öfter an den Norden gedacht habe. Schon als es auf Dijon zuging vor ein paar Tagen. Plötzlich überfällt einen ein Geschmack, berührt einen ein Geräusch, holt dich ein Geruch aus dem Trott und du baust eine Brücke von dieser, jetzt gelebten, Realität zurück in eine ganz andere, längst vergangene Realität. Als spielte Zeit keine Rolle. Die Loire rauscht. Ein Moped schneidet vorbei. Nur wenige Autos auf der gewundenen kleinen Straße. Ein paar Kleinlaster, die Waren zu den umliegenden Supermärkten bringen. Ich könnte mir ein schönes Leben als Lasterfahrer in dieser Gegend vorstellen … [geschrieben während einer Rast zwischen Aurec und Bas-en-Basset, 30. April 2010]

Tag elf der Reise 2010 war ein Gemütskiller. Vom Nachtplatz in Aurec radelte ich nicht allzu weit. Im mantrischen Kurbeln verfing ich mich in melancholischen Gedanken, die aufreibend, krafträuberisch gemeinsame Sache machten mit den anspruchsvollen Aufs und Abs des immer enger werdenden oberen Loiretals. Ich quartierte mich abends für 9,30 Euro auf dem Campingplatz Les Moulettes in Vorey-sur-Arzon ein. Das elfte Nachtlager.

Ganz anders Tag elf der Reise zehn Jahre zuvor. Die Königsetappe.

Ein Fahrrad mit viel gepäck lehnt an einer steinernen Brüstung vor nebliger, mit Schneeplacken durchsetzter Berglandschaft.
Abwärts vom Mont Lozère Richtung Tarn. Archivbild aus dem Jahr 2010.

85,68 Kilometer bei einem Durchschnitt von 13,3 km/h. Etwa 1500 Höhenmeter (oder mehr), schätze ich. Ab Chappeauroux fährt man über eine kaum befahrene Straße das gleichnamige Flusstal aufwärts, bis sich sämtliche Bäche in den Bergen verlieren. Welch ein Idyll! Nach etwa 30 Kilometern muss man die N88 überqueren. Dann geht es in einer Berg- und Talfahrt über drei Pässe von 1300 bis 1500 Metern Höhe durch eine malerische Landschaft. Nachdem man das Massiv des Mont Lozère überquert hat, rauscht man auf gewundener, kleiner Straße vorbei an Granitbrocken durch eine Art Mondlandschaft bis ins Tal des Tarn. Der Col de Finiols dürfte mit knapp 1500 Metern der höchste Punkt der Etappe gewesen sein.

Und nun? Ich komme mir vor wie im Spagat, während ich in den alten Tagebüchern lese. Mehr und mehr klaffen die beiden Reisen auseinander, sowohl zeitlich als auch räumlich. Zwischen den Reisen 2000 und 2010 liegt nicht nur das Massiv des Mont Lozère. Zehn Lebensjahre liegen dazwischen. Ich bin Zeuge einer Mutation vom einen (längst vergangenen) Ich, das ich einmal war zum Ich 2010 (das ich auch einmal war). Zwei schwere Krankheiten, die ich überwinden musste, verlorene und gefundene Liebe … ich frage mich, ob es sinnvoll ist, in Zehnjahresabschnitten zu denken und zu klassifizieren. Lassen wir doch die Zeit als markierendes Element einmal außer Betracht. Sie ist doch sowieso nur eine von Menschen gemachte Maßeinheit, eine Art Richtschnur durchs Leben einerseits und ein Wertesystem, das seine grausame Macht erst entfaltet, wenn man die Leistungen eines Menschen, die er am Markt verkaufen muss, um über die Runden zu kommen, in Relation mit dem Zeitmaß setzt, auf das man sich geeinigt hat. Soundsoviele Stunden pro Tag, Tage pro Woche, Wochen pro Monat, Monate pro Jahr und schon hat man wunderbar den Wert eines Menschen berechnet. Die Zeit, das Geld, die Kilometer, die Lebensleistung, der Müßiggang, das eigene, arme, geschundene, kleine Hirn, das rattert und rattert und zwischen all den Markern, die die menschliche Gesellschaft geschaffen wie ein irritiertes Pelztier hin und her hechelt. Das Frettchen im eigenen Kopf, begehrtes Zuchttier … genug!

Die Tage vergehen wie im Nu. Ich habe aufgehört, Coronanachrichten zu lesen. Fernsehen, Radio und Zeitung habe ich zum Glück nicht. Informiere mich spärlich im Netz. Dass ich nicht am Ball bleibe und regelmäßig die Statistiken lese, hatte mir kürzlich einen Schrecken versetzt. Im Kopf hatte ich einen Wert von 19.000 für Deutschland gespeichert. Der aktuelle Wert lag plötzlich bei fast 50.000. Herz … Hosentasche. Mulmiges Gefühl.  Wenn man die Weltkarte mit den roten Kreisen ganz klein macht, ist sie knallrot. Ich verbringe die Zeit im Garten, spate und grabe, hege, hacke Holz. Die Bäume, die auf des Nachbars Feld lagen sind nun alle beseitigt. Die Frucht kann wachsen. Nur noch die Krone einer riesigen Pappel liegt in einer kleinen Brache. Ich werde sie demnächst in handgerechte Stücke schneiden und zur Seite ziehen. Den etwa sechzig Zentimeter durchmessenden Stamm muss ich mit der Seilwinde zum Hof hinauf ziehen und mir dann überlegen, was ich damit anstelle? Holzschuhmanufaktur? Oder in Dealermanier durch die Stadt laufen und den Leuten quer über die leeren Plätze zurufen Psst Psst Pappel (gesprochen mit dem Akzent des Dealers, wenn er ruft, psst psst Haschisch).

Die Fernbeziehnung zu Frau SoSo erlebt die härteste Prüfung seit überhaupt. Noch greift das Hilfskonstrukt der Reise, die ja momentan stattfinden würde. Die echte Fahrradreise nach Andorra. Wir hatten etwa drei bis vier Wochen eingeplant, maximal fünf oder sechs. Mehr nicht. Das heißt, wir würden unsere Beziehung jetzt sowieso über die Videotelefonie leben müssen. Ein Segen übrigens. Trotzdem ist es anders. Theoretisch wäre ich seit vorgestern in der Schweiz. Wir hätten zusammen gearbeitet, gekocht, gelacht, gegessen, wären spaziert durch fruchtbare, lichte Bärlauchfelder, hätten Ausflüge … hätte hätte Fahrradkette, könnte könnte Altersrönte, müsste müsste Nordseeküste, möchte möchte Liebesnöchte und so weiter. Ihr seht, ich fahre nicht Rad, ich drehe am Rad. Man möge mir das verzeihen. ES denkt in mir, zwingt mich, diesen Text zu schreiben.

Fern. Die Luftlinie nach Hause? Ungefähr 650 Kilometer. Da ist es egal, ob die Etappenorte beim heute beginnenden Tag zwölf in den Jahren 2000 und 2010 schon knapp 100 Kilometer voneinander entfernt sind. Es macht so wenig aus, wie die Unterschiede zwischen den beiden Mittelpunkten Frankreichs. Pi mal Daumen bin ich damals etwa 600 bis 700 Kilometer fern der Heimat. Heute null.

Alleine bin ich. Müde. So leer. Es gibt kein Gefühl mehr, während der jetzt gerade sattfindenden virtuellen Reise. Ich habe alles verloren. Bin mir nicht sicher, ob der momentane, Pandemie bedingte Ausnahmezustand daran schuld ist, oder ob ich sowieso irgendwann alles verloren hätte. Jeden Bezug zu Gefühlen. Vielleicht ist es auch eine Selbstschutzmaßnahme der eigenen Psyche, um nicht verrückt zu werden.

(Das mag depressiv klingen. Es hört sich vermutlich schlimmer an als es ist. Ich bin immer noch sehr zufrieden, wenn auch nicht erfreut mit dem Verlauf).

Diesen Artikel markiere ich in der Karte am Mittelpunkt Frankreichs bei Nassigny (der Mittelpunkt, bei dem Korsika in die Berechnung mit einbezogen ist).

Nun gibt es englisches Frühstück und später werde ich ein bisschen Garten schuften. Oder einen Gegenstand reparieren. Auf einem zerfallenden Hof gibt es immer etwas zu tun.

Löwenzahn-Ensemble mehrerer Blüten bilden eine Art Herz auf grüner Wiese.
Eine Liebesbekundung aus dem Jahr 2010 an die werte Frau SoSo, die 2010 als hochgeschätzte ‚Homebase‘ das Projekt Zweibrücken-Andorra II unterstützte.

7 Gedanken zu „Fern | #zwand20“

    1. Es tut so gut, in diesen Tagen ‚mein Freund‘ genannt zu werden, mein Freund. Mit großen Sorgen schaue ich in die USA, wo man angeblich Waffen hamstert. Da bin ich für uns froh, dass man mit Klopapier niemanden erschießen kann. Alles Gute!

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