Das rostige, nicht sehr schöne Möbelstück im länglichen Wohnzimmer des Herrn Irgendlink | #zwand20

(Nachträglich geschrieben am 22. April 2020).

Verflixtes Deutschsprechen. Jetzt habe ich den Tote Hosen Song mit dem Schinken, dem Ei und dem belegten Brot im Ohr. Überm Tresen bleckt das Logo von Knittels Campingplatz. Ein geschnitztes Holzbrett mit Fischen und Angeln. Aus dem I im Namen schwingt sich eine filigran geschnitzte Angelschnur. Daran zappelt ein großer Fisch mit verzerrt todeskämpfend geöffnetem Maul.

Deutschsprechen aber als Auffrischung. Wie so eine Tetanus-Impfung. Blick auf den Ebrostausee. Ein paar Anglerboote ziehen ihre Bahnen. Rot bleckt das Geländer der Brücke beim Procter & Gamble Werk. Sind wir noch Katalonien, frage ich. Nein! Aragòn. Der Mann am Tisch gegenüber ist ein deutsch sprechender Spanier, der lange Zeit in Dortmund gelebt hat. Klingt so, als ob er Katalanien nicht mag. Ich vertiefe das Gespräch nicht. Aber irgendwie kochen wir doch alle im gleichen, großen Europatopf.

Wie naiv, Kunstbübchen, wie naiv. Hast Du den Graffiti-Krieg nicht gesehen? Diesseits und jenseits der Grenze zwischen Katalanien und Aragón findet man jede Menge Schriftzüge, die Freiheit für Katalanien fordern und solche, die Nein sagen zu Katalanien. Oft sind es Denkmale wie jenes stählerne Schiff auf der nördlichen Ebroseite. Hart umkämpfte Werbeflächen. Ein Graffitikrieg tobt diesseits und jenseits der offiziellen Landesgrenzen, stelle ich fest. So kurbele ich hinauf ins Niemandsland um Fabara, nachdem ich einige wenige Kilometer auf der Nationalstraße gekostet habe. Keine Autos überholen mich auf der serpentinensteilen A 1411. A, das steht für Aragón. In Katalanien würde eine Straße dieser Kategorie mit CA beginnen und in Navarra mit NA. Landesstraßen also. Soweit sogut. Ich radele ins Nichts. Kaum jemand begegnet mir, genau wie 2016 auf dem Weg nach Gibraltar. Die Gegend ist unheimlich. Brachen wechseln mit Feldern, steinige Wege zweigen rechts und links ab. Am verwahrlosten Bahnhof von Fabara mache ich einen Stopp. 2016 verweilte ich bis zur Unheimlichkeit an diesem Ort, fotografierte das zerfallende Gebäude gegenüber.Nur noch Baumbewohner und Gestrüpp zwischen maroden Fensterläden. Irgendwo summte etwas Elektrisches aus einem Traforaum. Kein Zug kam vorbei. Aber die Schienen sind blitzeblank. Die Strecke Barcelona-Zaragossa ist in Betrieb. Spiel mir das Lied vom Tod-Stimmung oder noch besser, Spanish Bombs von The Clash. Der Bürgerkriegssong schlechthin. Plötzlich wird mir bewusst, wie sehr ich durch den Krieg geradelt bin in den letzten Wochen. Einen Flickenteppich alter Grenzen und Ansprüche habe ich durchquert, ohne viel von den teils Jahrhunderte alten Konflikten, mitzukriegen. Vom Dreißigjährigen Krieg bis hierher ins scheinbar so vereinte Europa in wenigen Tagen. Eine völlig vernarbte Landschaft. Grenzen allüberall, aber eben nicht mehr offen sichtbar. Wunden allüberall. Notdürftig befriedete Konflikte. Fast muss man sich vorkommen wie auf dem Mond, in dessen atmosphärenlose Oberfläche alle nur erdenklichen Asteroiden, Meteoriten, Brocken und Staub eindrangen und eine unheimlich vernarbte Fläche hinterließen. Der Ist-Zustand der modernen Menschenwelt ist eine gigantische, verkraterte Fläche aus Besitzansprüchen, Kleingeisterei, nationalen und regionalen Konflikten bis herunter auf dei ganz ganz winzigen Konflikte zwischen einzelnen Nachbarn. Vorurteile und eben nie zu Ende gebrachte Kriege, die Abwesendheit von Vergebung sind die Ursache, vermute ich.

Vor meinem geistigen Ohr dudelt also Spanish Bombs und ich komme ganz gut voran von Narbe zu Narbe, von Wasserkonflikt zu Wasserstreit, von Romeojulianischen Liebeskonflikten bis zum den Nachbarn kann ich nicht leiden, ist halt so, war immer so, unsere Familien hatten immer Krieg. Bis Caspe auf ‚meiner‘ alten Strecke im länglichen Ort zwischen Nordkap und Gibraltar. Ich glaube, darin liegt das Paradox, das mich, den Durchreisenden Beobachter so verwirrt. Für mich ist seit seit ich die gesamte Strecke zwischen Nordkap und Gibraltar erradelt habe, ein länglicher Ort entstanden auf dem Narbenteppich des Verderbens all derer, die seit Jahrhunderten an ihren Konflikten festhalten, sie pflegen wie ein Pflänzchen oder ein putziges, beißendes, pelziges Tierchen. Die Narben? Natürlich sehe ich sie. Sie sind wie Möbel in meinem großen, grenzenlosen, selbst zusammen geradelten Wohnzimmer. Die Bevölkerung vor Ort sieht das anders, wenn sie tagein tagaus mit Spraydosen (zum Glück sind es nur Spraydosen und keine echten Waffen), anrückt um mein schönes feines Sofa, zum Beispiel die eiserne Barkenskulptur bei einem alten Castillo neu mit ihren jeweiligen Duftmarken zu besprühen. Heute Nein zu Katalanien, ist es morgen schon durchgestrichen und Freiheit für Katalanien steht auf dem rostigen, nicht sehr schönen, zum Möbelstück gewordenen Objekt im länglichen Wohnzimmer des Herrn Irgendlink.

Es ist ein Feature und not a Bug, würde mein innerer Serveradmin behaupten. Mache dir keine Sorgen, friedlicher Bewohner, es dient nur deiner Unterhaltung und damit Du etwas zu schreiben hast.

In Caspe überquere ich erneut den Ebro. Die Gegend wird gar großartig karl-mayisch. Zumindest so stellte ich mir die Gegenden vor, die der alte Sachse einst in seinen Romanen beschrieb. Staub und Leere und Durst. Irgendwo kreisen Geier. Tatsächlich?

Ich überlege mir moderne Karl May Heldennamen: Old Serverhand etwa, Vimnetou (nach dem Editor Vim) und Hadschi Halef Blogma. Eine Melange aus Karl May Film Melodie und den Spanish Bombs begleitet mich. So komme ich ganz gut voran. Das Lied Spanish Bombs ist übrigens hier in den Lyrics ganz gut dokumentiert. Wenn man einzelne Textpassagen anklickt, erhält man Hintergrundinfos dazu.

Ich stelle fest, es gibt keine Guten im Krieg*. Die Löcher in den Friedhofsmauern, von denen etwa die Rede ist, findet man noch heute und sie stammen gewiss nicht nur von den Roten oder den Faschisten. Beide Seiten waren grausam und erbarmungslos. Vielleicht war es einfach praktisch, den Gegner dort zu liquidieren, wo man ihn auch gleich begraben kann?

Mein innerer Sam Forgetthings versucht die Tristesse zu dimmen, versucht zu vergessen, beziehungsweise nicht daran zu denken. Kilometer um Kilometer, Schützengraben um Schützengraben, sich rettend ins Niemandsland des eigenen, länglichen Wohnzimmers lebe ich nur achtzig Jahre versetzt. Escatrón oder Sàstago heißt schließlich die Entscheidung an der Abzweigung zur A-221. Beide Orte liegen am Ebro, der in einer weiten Schleife eine Halbinsel ins Land gefressen hat. So kann man Narben vielleicht auch sehen. Sàstago wäre eigentlich eher meine Richtung. Dennoch radele ich links, einem Impuls folgend. Unten am Fluss ein Abzweig zu einem Kloster. Vielleicht eine Schutthalde nebenbei zum Wildzelten? Hundert Kilometer auf dem Tacho. Hundemüde und verlockend bleckt das hell erleuchtete Hotelschild. Gönn‘ dir was. Kauf dich frei, kauf dein Gemüt frei. Das billigste Zimmer kostet 68 Euro, mit Halbpension fast 80. Ich gönne mir den Luxus für diese Nacht. Zu viele Narben, zu viele Risse in der Welt. Ich brauche ein bequemes Bett ohne Ritze und etwas warmes zu essen.

Escatron liegt gegenüber der Hospederia, die im ehemaligen Kloster situiert auf der anderen Ebroseite. Es ist eigentlich nur ein kleines Dorf, aber es gibt ein Kraftwerk im Knie des Ebro. Ein Verbrennungskraftwerk. Früher wurde die Braunkohle, die man in Mequinenza förderte, verschürt. Heute hat man, glaube ich auf Gas umgestellt. Unheimliches Gespinst aus Starkstromleitungen liegt über dem Land. Vielleicht ist Handel das Balsam, das die Narben pflegt?

In der Hotellobby lümmele ich in den Abend, surfe im Wifinetz. Ein Bücherregal in der Ecke enthält genau ein einziges, deutschsprachiges Buch:** Panic von Mark T. Sullivan. [Titel noch unklar  – Zukunftsroman der Feinen Künste von Lind Kernig.]Ich denke, das kann ich mitnehmen?Es handelt von einer Jagdgesellschaft in Nordamerika, die abgeschnitten von der Außenwelt von einem unheimlichen Killer angegriffen wird. Einer nach dem anderen wird erlegt und ausgeweidet wie die Tiere, nach denen die Jägerinnen und Jäger auf der Jagd sind. Es handelt von einem Archäologen (Lind Kernig)  auf einer Mondstation der fernen Zukunft, der die Erde erforscht. Zunächst forscht er im digitalen Archiv des Mondes, stößt aber recht schnell an die Grenzen und muss einen Weg finden, auf die Erde zu gelangen, um im dortigen Archiv für digitale Frühgeschichte an weitere Informationen zu gelangen.

(Editiert 16. Juni 2020, Buchfundszene neu modelliert)

Edit 12. Juli 2020:

*Es gibt nur Böse und Antiböse

** Buchtitel Die Existenz/L’Éxistance. Das Leben in der Mondkolonie L’Existance hält nur ein begrenztes Repertoire an Erlebbarem bereit. Als wäre der Quell zu Erlebnissen irgendwann abgeschnitten worden und die Menschen, die in der Éxistance dem Elend der irdischen Apokalypse entkamen, durchleben Routinen, wieder und wieder. Neues ist rar. Neues ist ein knappes Gut. Neues gibt es nicht in der Kolonie, sondern nur auf dem Planeten. Der Zugang zum Planeten ist seit Jahrhunderten unmöglich. Kernig muss einen Weg finden, auf die Erde zu gelangen, um die Erlebnisquelle wieder zum Sprudeln zu bringen. Dabe stellt er fest, dass die Existenz nicht die Mondbasis ist, die in der Realität der Lunatier existiert.

Mequinenza | #zwand20

Auf einem Verkehrskreisel steht eine gelbe Walze auf zwei Betonröhren, die aussehen, als seien sie die Räder der Maschine.

Ich darf entführen ins Jahr 2016? Die gestrige Konjunktiv-Etappe ist ungefähr deckungsgleich mit einer Etappe während des Blogprojekts – die Straße nach Gibraltar. Über Hauptstraßen führte der Weg am 31. März 2016 über Balaguer nach Lleida bis zu einem Wildzeltplatz in der Nähe von Mequinenza am Ebro.

Von Engeln und Wahrscheinlichkeiten auf europenner.de

Ein FRühstücksteller mit Brötchen, Wurst, abgepackter Butter und Kartoffelsalat.
Desayuno – Frühstück in Mequinenza im Jahr 2016

Wenn ich jetzt unterwegs wäre, hätte ich den in der Karte verzeichneten Weg eingeschlagen (Ebene Supplement 2020 einblenden und mit der Suchfunktion Mequinenza oder Lleida suchen). Ab dem Wildzeltplatz beim Golfplatz wäre ich dem als iCat bezeichneten Radweg bis Lleida gefolgt und dort auf flussnahen Seitenstraßen südwärts geradelt. Ich hatte (oder hätte) mich ja schon an die ungeteerten Straßen auf dem Urgell-Plateau gewöhnt, wieso also nicht einfach Farbe bekennen und weiter einen verkehrsarmen Weg jenseits des Hauptverkehrs suchen.

Mein gestriger Nachtplatz wäre Knittels Ebro-Angelcamp gewesen. Auf dem Platz hatte ich 2016 morgens nach dem Wildzeltlager gefrühstückt und erstmals seit vielen Tagen wieder deutsch mit jemandem geredet.

Heute (vielleicht auch Morgen) pausiere ich. Ich muss mich auf den harten Einschlag vorbereiten, den der Besuch der Ruinen von Belchite darstellen wird.

Und wo stehen die Reisen Zweibrücken Andorra 2000 und 2010 am Morgen des nun beginnenden 27. Tourtags?

Der Rückweg im Jahr 2000 schreitet weiter mit großen Etappen von über 100 km pro Tag voran. Das Zelt steht auf dem Campingplatz in L’Isle-sur-le-Doubs. Schwülwarme, feuchte Luft.

2010 zusammen mit Frau SoSo, die per Auto nach Borreda kam: ein weiterer Tag in dem schönen Hotel und ein Tagesausflug zu einem Gaudí-Park in der Nähe.

Radeln wie durch eine nordschwedische Baustelle, die niemals endet | #zwand20

Straßenschild gelb und gelb umrandet mit der Aufschrift km 0. BV-4656

Ich loddere. Ich schludere. Ich gehe hart am Limit dieser Tage. Ich erinnere mich an keine Zeit des Lebens, in der ich produktiver war, in der das Hirn ratterte wie ein freigelassener Hamster, der dem Rad entronnen ist. Überall Futter, überall Weite, überall Licht. Die Außenwelt mag eng geworden sein, unpassierbar, aber innen, und darauf kommt es an, ist mächtig Bewegung entstanden. Vielleicht handelt es sich hierbei um eine Art Antidepression. Vollgepumpt mit bordeigenen, vom Körper selbst erzeugten Hormonen surft man auf einer Welle des Glücks. Die Fähigkeit, ungutes Unabänderbares emotional auszublenden, tut Ihr Übriges. Kann ich mich glücklich schätzen?

Mann, Mann, Mann, brummt mir der Kopf. Hätte ich bloß nicht die Weinflasche geöffnet, die mir Manolo beim Segre-Stausee vors Zelt gelegt hatte. Etikettenloses, purpurenes Gesöff. Mein Kopf sagt, 15 Prozent Alkohol. Mir ist schlecht am gestrigen Morgen. Die aufgehende Sonne sticht. Ich trinke meinen Rest Trinkwasser leer, packe ungefrühstückt das Zeltlager zusammen, schaffe mich den schmalen Pfad runter bis zum Parkplatz beim Aussichtspunkt. Letzter Blick auf den Rialb-Stausee, dann rein in die Kurbeln.

Reiserad vor einem kleinen Bach auf steiniger Piste unter zwei Straßenbrücken
Der Pirinexus jenseits der Grenze bei Le Boulou ist zwar mit nigel nagelneuen Radwegeschildern versehen, hält aber manche Überraschung bereit, wie zum Beispiel diese holprige Bachdurchquerung. bei La Jonquera.

Bloß wohin? Meine angepeilte Route führt über Ponts südwärts durch weites Land bis nach Cervera, wo ich auf der Open Cycle Map einen Radweg verzeichnet sehe. Der mit iCat bezeichnete Weg schlängelt sich ab Cervera westwärts bis nach Lleida. In der Karte habe ich die Route als gestrichelte Linie eingezeichnet (Ebene Supplement20). Radwege ziehen mich magisch an. Sie sind die Blüten, die den vorankommenswilligen Radler verlocken. Wie Blumen für Insekten. Radweg? Nix wie hin! Spanische Radwege sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, weiß ich aus der Reise nach Gibraltar im Jahr 2016. Am Besten, man fährt Fatbike in Spanien – okay, ich übertreibe ein wenig, dennoch, ich sah Dinge, die als Radwege ausgezeichnet sind in Spanien …

Wenn du dich in einem Flusstal befindest, hast du als Radler neben vielen Möglichkeiten des Weiters insbesondere zwei, die sehr verlockend sind: flussaufwärts oder flussabwärts.
Segre, Segre, woher kommst Du, wohin gehst Du? Wikipedia verrät, der Riu Segre ist mit 265 Kilometern  der längste Nebenfluss des Ebro. Er entspringt auf gut 2600 Metern Höhe nördlich der spanischen Exklave Lívia, nahe der Grenzstadt Puigcerda. Der Segre ist also ein alter Bekannter für mich, stelle ich fest. Schon auf der Andorra-Reise 2000 radelte ich talaufwärts bis Bourg Madame, wunderte mich über den Fetzen Spanien in Frankreich, der auf der Karte eingezeichnet war: Lívia.
Da die Gegend ziemlich karg ist, ich erschöpft war und überhaupt im Jahr 2000 auf dem Rückweg mit kaum noch Geld in der Tasche auf Vorankommen programmiert war, ließ ich sowohl Segre als auch Lívia außer acht.
Erstaunlich, dass es oft mehrere Anläufe braucht, um Erkenntnis zu erzeugen, um Wahrnehmung zuzulassen, um die innere Landkarte mit den Informationen, die man im Laufe der Jahre sammelt, zu kolorieren. Wiederholung und hamsterradeske Vorgehensweisen sind da manchmal ziemlich nützlich.

Flussaufwärts fahren würde mich im Hier und Jetzt nicht nur in die falsche Richtung führen – Belchite liegt südwestlich – es würde mich auch in den Krieg führen. Ich recherchiere Lívias kuriosen Exklavenzustand, der weit in die frühe Neuzeit zurückführt, in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Mitten in umkämpftem Gebiet gelegen, wurde die Grenze rund um den Ort mit dem Pyrenäenfrieden 1659 festgeschrieben. Seine iberische Existenz verdankt Lívia den damals herrschenden Status als Kleinstadt. Der Spanisch-französische Krieg überdauerte den Dreißigjährigen Krieg um eine gute Dekade. Elf Jahre Kriegsverlängerung im 17. Jahrhundert. Darauf hat niemand Lust. Nein nein, Segre aufwärts zu radeln würde mich nicht nur weit weg bringen vom Ziel, es würde mich am sanft murmelnden Gebirgsbach womöglich unterschwellig an Krieg und Verderb heranführen.

Noch ziemlich torkelig von Manolos Rotwein schaffe ich mich auf der Straße einen Kilometer zurück bis zum Mirador Torreblanca, wo die Straße zum Ort Torreblanca ungeteert und staubig sich Segre abwärts schlängelt. Drei Kilometer bis zum Dorf, das ich in der Mittagsstille durchquere und weiter, weiter, weiter flussabwärts. Bei Artesa de Segre überquere ich den Fluss und folge dem Canal d’Urgell.

Faszinierend! Mittlerweile habe ich mich an die Gravelstraßen gewöhnt. Es fühlt sich an, wie durch eine nordschwedische Baustelle zu radeln, die niemals endet. Oft folge ich kilometerweit einer Staubwolke, die von einem der selten verkehrenden Fahrzeuge, meist Traktoren, aufgewirbelt wurden. Bin ich das Volk Isreal der Moderne, tagsüber geleitet von einer Staubwolke, des nachts von brennenden Büschen …? Das Säuferkopfweh legt sich langsam, die Sinne werden klar und ich spiele mit solchen Gedanken an Biblisches. Immerhin ist ja auch Karfreitag, nicht? Die landwirtschaftlich genutzte Gegend bietet nicht so viel Abwechslung. Weitsicht, ja, davon hat es viel hier. Weitsicht und Staub und dieser kleine Kanal, der ein markanter, ziemlich tiefer Einschnitt ist im trockenen Land. Die Gegend wäre vermutlich unbelandwirtschaftbar, wenn es den Bewässerungskanal nicht gäbe. In der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts erbaut, bringt der Canal Principal (siehe Abschnitt mitten im Artikel), das nötige Wasser aus den Pyrenäen, um das Urgellplateau im Spitz zwischen Segre und Ebro zu einer ertragreichen landwirtschaftlichen Gegend zu peppen.

Südlich von Artesa bohrt sich die Kanalstrecke durchs Plateau, verschwindet in einem Schlund, ward nie mehr gesehen, so denke ich, aufwärts kurbelnd, schwitzend bis zu einer kleinen Kirche namens Marcavau. Hier schlafe ich meinen Rausch aus auf einer kleinen Bank unter uraltem Olivenbaum. Mann, Mann, Mann, tu das nie wieder. Wein aus Flaschen ohne Etikette ist immer gefährlich. Hätte, hätte, Weinflaschenetikette. Das kann man sogar singen.
Eine Frau räuspert sich, weckt mich. Peregrino? Fragt sie und präsentiert mir einen uralten, riesigen Schlüssel. Hmm, achsoo, fällt dann der Groschen, sie ist die Küsterin und bietet den Erschöpften Einlass in das normalerweise verschlossen Gotteshaus. Warum nicht, gebe ich ihr zu verstehen und dass es lange her ist, mit der Pilgerei. Dass ich unterwegs bin in Sachen Krieg, verschweige ich ihr. Es würde nur zu Missverständnissen führen an der scharfen Kante der Sprachbarriere. Wie sollte ich Ihr erklären, dass ich aus dem Dreißigjährigen Krieg über den Pyrenäenkrieg flussabwärts unterwegs bin zu den spanischen Bomben des Bürgerkriegs in den 1930er Jahren?

Die Kirche ist kühl, ruhig, ergreifend. Ich bin alleine. Die Kraft kehrt zurück. Kerze anzünden … es gibt ja noch eine Realität neben dieser fiktiven Reisegeschichte: das Pandemiegemetzel da draußen; all die Menschen, die erkranken, festsitzen, hoffen, bangen, sterben werden, schon gestorben sind … nicht genug Kerzen vorrätig in der kleinen Kirche von Marcavau für all das Übel. Trotzdem. Ich muss doch was tun?!

Am späten Nachmittag kurbele ich weiter auf dem frühlingsfrisch bepflanzen Plateau oberhalb des Kanals. Unheimliche Vorstellung, dass sich das Wasser unter mir seinen Weg bahnt. Auf der Karte sind in Abständen von etwa 350 Metern Berggipfel verzeichnet. Auf gerader Linie südwärts wie eine Kette. Noch merkwürdiger, die Dinger sind durchnummeriert. I’U 387,5 – Io Dos 395,6 – Io Tres – 418,3 – Io Quatre – 405,7 – Io Cinc – 422,1 – Io Sis – 432,3. Dann ein Bruch in der Nummerierung. Der siebte ist der Io Serra de la Torreta – 472,2 hoch gelegen.

Rätselhaft. Schnurgerade führen die Ios südwärts und ich ranke mich wie eine Schlange auf den staubigen Wegen darum. Die sieben Gänge Jesu vielleicht, spukt es mir im Kopf: Urteil, Kreuz nehmen, erster Sturz, Begegnung mit Maria, Simon hilft, Veronika reicht das Schweißtuch, zweiter Sturz … das sind doch mehr Stationen, und, ach ja, auf der Karte sind auch noch der Io Deu – 412,5 und der I’Onze 381,9 verzeichnet.

Irgendwann fällt der Groschen. Die Ios liegen genau über dem unterirdischen Kanal. Der Wasserader, die die umliegenden Felder fruchtbar macht. Jede Wette, dass es sich um Pumpstationen handelt.

Ein tief eingeschnittener schmaler Kanal mit beidseitigen unbefestigten Wegen biegt sich in einer lInkskurve. Unbelaubte Bäume spiegeln sich im Wasser.
Kanal d’Urgell in der Nähe von Belpuig. Quelle: Von Wela49Eigenes Werk, CC BY 3.0, Link

Im Dorf Ivars d’Urgell fülle ich meine Trinkflaschen auf. Es ist schon spät. Die Sonne wirft meinen langen Schatten in den Staub der Straße. Mein angepeilter Radweg mit dem Kürzel iCat ist nicht mehr weit. Vielleicht finde ich dort eine Schutzhütte? Weites, karges Land, alles gut einsehbar. Aber schließlich dann doch ein Parkplatz vor dem Golfplatz Belpuig. Nix mehr los hier am Abend, so dass ich das Zelt ganz unverschämt auf einer kleinen Wiese neben dem Parkplatz aufbaue. Niemanden wird es kümmern, so hoffe ich und als es dunkelt, bin ich ohnehin unsichtbar.

Tag … ich muss wieder Finger zählen, vergangenen Montag bin ich seit drei Wochen unterwegs, Tag 21 also. Daumen raus, Dienstag 22, Zeigefinger, Mittwoch 23, Mittelfinger Donnerstag 24, Ringfinger, Karfreitag, Tag 25 der Reise und nun, da ich dies schreibe auf einer kleinen Bank in der Morgenkühle, kleiner Finger, Tag 26 jetzt.

Bank, Morgenkühle, schön tourscharwenzelnd beim Golf Pitch und Putt Belpuig? Hättste wohl gerne. Wach auf! Bürostuhl ist angesagt.
Auf dem einsamen Gehöft ließ ich es gestern ruhig angehen. Ich verbummelte den Tag, brachte Saatgut aus, begann mit dem Malen eines Bildes für das Col-Art-Projekt, das wir kürzlich ins Leben gerufen hatten.

Die Vorgängerreisen Zweibrücken-Andorra 2000 und 2010 befinden sich vollends auf dem Rückweg. 2000 erwache ich auf einem Campingplatz an der Loue zu Füßen des Jura-Gebirges. 2010 treffe ich in Borreda endlich Frau SoSo wieder, die an dieser Stelle über unser Wiedersehen berichtet – die Vorlagen aus der Vergangenheit betrachtend, auf die Gegenwart abgleichend, beginnt nun vollends Neuland. Das Blogbuch entwickelt sich in eine unerwartete Richtung. Selbst in der Anfangsphase vor ein zwei drei Wochen konnte ich nicht ahnen, wie es weitergeht, ob es weitergeht. Die pandemisch bedingten Probleme, die die momentane Zeit mit sich bringt, kann ich durch die geradezu lustvolle Arbeit an den erfundenen Texten gut dimmen.

Was nicht geht, ist den Umstand zu ertragen, dass es unmöglich geworden ist, die geliebte Frau SoSo hinter der Schweizer Grenze zu besuchen. Oder sie mich. Die rührenden Bilder in den Medien vom Zaun bei Kreuzlingen kommen mir in den Sinn. In die Gitter gekrallte Hände Liebender, zwei Meter voneinander entfernt und mir wird einmal mehr der Irrsinn von Menschengrenzen bewusst, ihre behördlich angeordnete Willkür, ihre über Jahrhunderte gewachsene Tradition. Wir sitzen eingekerkert wie Mensch gewordene Lívias in fremden Landen und um uns schwirren Viren, die sich wohl sehr wundern würden über das Menschenverhalten, wenn sie denn denken könnten.

Wie der Schwede der iberischen Halbinsel den Manolo des Nordens traf | #zwand20

Blick über ziseligen Uferbewuchs auf einen blauen Fluss unter blauem Himmel. Auf einem Hühel jenseits steht ein Kastell.

Rialb-Stausee, Katalanien, 9. April 2020. Ein Ruhetag. Just als ich den vorigen Blogartikel fertig geschrieben hatte und am ersten Korrekturdurchlauf arbeitete, näherte sich ein Mann mit Hund übers Feld. Das Schneidersitzbüro im Europennerzeltlager ist dieser Tage ziemlich komfortabel. Dank des anhaltend schönen Wetters – kein einziger Regentag bisher – kann ich den Außenbereich nutzen. Ich sitze sozusagen auf meiner Terrasse. Isomatte auf trockener Erde neben ockerfarbenem Acker. Kaffee köchelt auf dem Trangia. Schon von Weitem lächelt der Mann, ein Signal, dass er mir wohlgesonnen ist. In Spanien, respektive Katalanien hatte ich ohnehin noch nie Probleme wildzeltend. Nicht mit Menschen. Niemand kümmert es. Niemand ruft die Polizei. Niemand zeigt dich an. Und wo sollte ich auch hin? Keine Ahnung wo der nächste Zeltplatz ist. Ich spreche die Sprache nicht genügend gut, als dass ich mich durchfragen könnte. Außerdem ist hier viel Platz und viele wilde Nischen, in denen man nicht auffällt, niemanden stört.  Wir halten ein Schwätzchen, radebrechend. Der Mann spricht langsam, aber Dialekt, flickt ein paar Brocken Englisch ein. Schwer zu schätzen, wie alt mein Gegenüber ist, vielleicht siebzig? Das Hundchen beschnuppert den Lebensmittelsack. Es hat wohl  den Zipfel Saucisson Sec gewittert, nussige Trockenwurst, der es von Frankreich bis hierher geschafft hat. Der Hund heißt Bella und sein Herrchen stellt sich als Manolo vor. Früher sei er auch mit dem Fahrrad gereist. Auf dem Jakobsweg bis nach Finisterre, bis ans Ende der Welt. Ha, und da haben wir ja etwas gemeinsam mit der Pilgerei. Unser Gespräch funktioniert trotz der Sprachbarriere ziemlich gut. Das haben wir Pilger wohl so an uns? Das Schwätzchen dreht sich, wie fast immer beim Reisen, um das Woher und Wohin. Dass ich aus Allemagna komme, sage ich, seit drei Wochen unterwegs, tres semanas. Und dass ich nach Belchite möchte. Da verdüstert sich sein Blick. Ruinas, mas Ruinas sagt er. Belchite ist eine Wunde in Spanien, das weiß ich. Vielleicht DIE Wunde?! Manolo sagt, ich könne ruhig hier bleiben, es würde niemanden stören und wenn ich etwas brauche, könne ich zum Haus kommen, Aqua, macht er eine Gluckergeste mit Hand und Daumen. Und eine Ich-guck-Dich-Geste, nonchalant aufs Zelt zeigend. Brauchst keine Angst haben, Peregrino, hier kommt nix weg. Geh spazieren, schau dir den Stausee an. Und das Kloster Santa Maria de Gualter, mit dem Kinn über die Schulter gestikulierend, da, da unten, nicht weit weg.

Ich bin so müde. Ich bin unheimlich erschöpft. Ich bin so viel gekurbelt die letzten drei … Himmel, dies ist schon die vierte Woche der Reise. Ein Ruhetag. Genau das was fehlt. Fast kommt er mir vor wie ein Engel. Anstifter zur Ruhe. Dieser Manolo des Nordens (den Manolo des Südens lernte ich auf dem Radweg zwischen Valencia und Pucol im Jahr 2016 kennen).

Als er mit dem Hundchen von dannen trottet, lungere ich noch eine Weile vorm Zelt, bis die Sonne so hoch steht, dass ich keinen Schatten mehr habe. Korrigiere den Blogartikel zu Ende, nehme die Satteltaschen vom Rad. Ich muss mir den Stausee jetzt doch einmal aus der Nähe anschauen. Vielleicht ein Bad? Ich bin der Schwede der iberischen Halbinsel. Wo alle Einheimischen sagen, brrr ist das kalt, schwitze ich mich halbtot. Das ist genauso, wie wenn Skandinavier zu uns in die Pfalz kommen und bei zehn Grad Außentemperatur in den nächsten Weiher hüpfen, denke ich.

Strommasten und wie Spinnweben über den Himmel ziehende Leitungen auf karger, spanischer Landschaft. Das Bild hat eine rötliche Vignettierung zum Rand hin.
Symbolbild in der Gegend um Balaguer und Lleida, aufgenommen im Jahr 2016.

Runter zur Staumauer. Schmale geteerte Straße an Betonmonstrum. Über Steine kann man bis zum See. Eine graue, felsige Narbe ringsum zeigt, wie hoch das Wasser normalerweise steht. Es ist unheimlich trocken, scheint es mir. Fast zehn Meter breit ist der Niemandsbereich zwischen der maximalen Höhe und der  Wasseroberfläche. Ein Angler auf der gegenüberliegenden Seite. Wir winken uns zu. Ich halte den Finger ins Wasser. Brrrr! Muss ja nicht den Schweden spielen. Sitze eine Weile auf einem Stein. Das Elektrizitätswerk summt. Wie Spinnfäden ziehen sich die Stromleitungen quer übers Tal bis zum Umspannwerk.

Später beim Kloster. Geschlossen. Auf dem riesigen, ungeteerten Parkplatz steht nur ein Auto. Ein paar Mülltonnen wie verloren. Thujabäume führen wie eine Miniallee auf ein weiteres Umspannwerk hinzu. Verstehe einer diese Elektrotechnik. Das Kloster wirkt von Außen wie eine Ruine, aber da man es touristisch besuchen kann, vermute ich, dass sich im Innern etwas Sehenswertes befindet. Die Wikipediaseite auf Spanisch gibt her, dass es ein Benediktinerkloster ist. Ein Bild zeigt eine Arkade mit Säulen hinter grüner Wiese. Kräutergarten vielleicht? Ein bisschen erinnert mich das Ambiente an das Kloster Hornbach in meiner Heimat. Ebenfalls eine Benediktinerabtei. Wie mächtig diese Orden doch einst waren. Wie sie sich über ganz Europa verbreiteten. Was von ihnen geblieben ist! Ob es sie noch immer gibt, die Benediktiner? Ich müsste recherchieren. Aber es ist ja Ruhetag. Ich bummele umher, fahre nach Ponts, einen Laden finden, eine Tapasbar zur Nachmittagszeit, etwas einkaufen. Ostern steht vor der Tür, ich sollte die Vorräte auffüllen. Im katholischen Spanien sind am Wochenende die Läden sicher noch viel ‚zuer‘ als bei uns zu Hause …

… halt, halt, halt Herr Irgendlink! Pandemie! Heimischer Bürostuhl, Tag 24 der Reise. Kein Ruhetag. Ich habe mir endlich die vom Sturm gefällte Pappel vorgeknöpft, die in der Brache auf des Nachbars Land liegt. Das Grün explodiert dieser Tage geradezu. Ich darf nicht zu lange warten, sonst wuchert die Baumruine zu. War nicht ohne, den zwar liegenden, aber teils unter Spannung stehenden Stamm von der Wurzel zu trennen. Trotzdem ging alles gut und am gestrigen Tag scheide ich den dreißig bis 50 Zentimeter dicken Stamm in drei Meter lange Stücke, ziehe sie an der Winde hängend mit dem uralten Porschetraktor hinauf zum einsamen Gehöft. Fünf dicke Stämme liegen jetzt vorm Atelier. Ich weiß noch nicht, was ich damit mache. Eine Recherche bei Ebay ergibt, Pappelholz ist eigentlich wertlos. Zwischen 15 und maximal 150 Euro werden Stämme wie die meinen angeboten. An Selbstabholer. Man schlägt vor, sie zu Brennholz zu zerkleinern oder zu Hackschnitzeln. Egal, die Dinger mussten vom Acker und sie sind vom Acker.

Die Arbeit im Holz und im Garten ist eine wunderbare Ablenkung. Man kann diesen Teppich aus Horrormeldungen, der einen tagein tagaus aus dem Internet und anderen Medien zu ersticken droht prima halbwegs verdrängen. Schweiß und Kettensäge, Viertonnenseilwinde und Dieselruß. Die Hölle auf Rädern, wie mein Vater den Porschetraktor zu nennen pflegte, entpuppt sich als kleines Paradies, als Klostergärtchen hinter dicken, alten, schweren Mauern. Benediktinisch filigran angelegt im eigenen Kopf, der der Tristesse der Pandemienachrichten zu entrinnen versucht.

Natürlich lagere ich nicht am Stausee Rialb. Wie könnte ich auch. Spanien listet etwa 150.000 bestätigte Infektionen. Fast 15000 Todesfälle. Es ist schrecklich. Alleine schon, mich darüber informieren zu müssen lässt es mir eiskalt den Rücken runterlaufen.

Es ist nichts geblieben außer dieser  meiner Conditional-Travel. Die Reise im Konjunktiv. Könnte, wollte, hätte.

Als ich gegen Sonnenuntergang zum Europennerzelt zurückkehre, liegt eine Flasche Rotwein vorm Zelt. Kein Etikett. Eine dunkelgrüne Literflache mit echter Korken, riojadunkler Viino tinto, und eine Tüte mit Brot und Queso und einem Stück Trockenwurst. Manolo, alter Pilger, oh Herr, welch‘ großartige Menschen es doch gibt.

Und die beiden Zweibrücken-Andorras? Im Jahr 2000 radele ich in riesigen Etappen wieder nach Hause. An Tag 24 ssteht das Europenner-Nachtlager zwischen Cressia und Augisey direkt neben der D 117 nahe Lons-le-Saunier. Wegen eines Unwetters, das gegen Abend übers Land zog ein suboptimales Notlager direkt neben der Landstraße. Ich erinnere mich, dass ich aus Angst vor Blitzeinschlägen in voller Regenmontur eine Weile fernab des Zelts auf dem Boden lag.
Die Reise im Jahr 2010 endete an Tag 24 auf einem urigen Wildzeltlagerplatz jenseits von Berga. Unter einem Olivenbaum bei der Kirche Sant Quirze de Pedret. Der Riu Llobregat, ein ‚Schwesterfluss‘ des Riu Segre sang mein Schlaflied.

In der Karte ist dieser Blogartikel im selben Marker wie gestern gelistet.

 

 

Habe ich je den Hund der Rezeptionistin des Campingplatzes Cambrils vorgestellt? | #zwand20

Auf Keramik steht der Straßenname Carrer dels Hotals neben einer abgebildeten folkoloristischen Figur

Habe ich mich je vorgestellt? Als ich gestern die ersten Einträge zum aktuellen Projekt #zwand20 anschaute, kamen mir Zweifel, ob es stimmig ist, wie ich dieses Buch ‚aufziehe‘. Allgegenwärtig von Anbeginn die Figur Ich. Ich bins, Dein Erzähler. Nimm Platz auf dem virtuellen Gepäckträger. Du kannst mir vertrauen. Wir radeln durch Frankreich bis runter nach Andorra. Du hast doch zwei drei Wochen Zeit, oder?

Auf den beiden Radtouren Zweibrücken-Andorra 2000 und 2010 befinden wir uns auf dem Rückweg.

Blick von einer Terrasse hinab auf einen Campingplatz. Grünes Zelt neben Reiserad mit roten Taschen im Nebel
Aufbruch im Dauerregen auf dem Campingplatz Cambrils in den Pyrenäen.

13. Mai 2010. Der Campingplatz in Cambrils ist sehr sauber. Er liegt auf einer planierten Terrasse oberhalb einer Weide. Ich höre Kuhglocken. Abends quaken Frösche. Ich stecke mitten in den Wolken in einem Bergdorf in den südlichen Pyrenäen. Diese Stille! Sehr sehr selten fahren Autos durchs Tal. Das Waschhaus ist blitzeblank geputzt und beheizt, was auch nötig ist, denn hier oben ist es nicht gerade warm. Als ich gestern Abend ankomme, ist die Rezeption verwaist, zwar abgeschlossen, aber der Schlüssel steckt außen. Die Einfahrt vergittert, daneben eine kleine Tür für Fußgänger. Offen. Ich schiebe das Reiserad rein, elend müde und erschöpft. Harte Serpentinen aufwärts schuftete ich seit etwa Organya über die schmale, kaum befahrene Straße. Der Platz ist so gut befestigt, dass ich kaum die Heringe in den Boden bekomme. Nur zwei großen Haken aus Titan, die ich für solche Fälle dabei habe, kann ich mit Steinen in den Boden meißeln.  Man kann die leichten, breiten Heringe aus US-Army-Beständen auch als Klappspaten verwenden. Den Rest des Zelts befestige ich mit Steinen. Mittlerweile ist auch die Rezeptionistin wieder da. Sie deutet aufs Handy. Kein Netz hier. Man muss auf die andere Seite des Tals, um zu telefonieren.

Die Berge lassen mich nicht los. Folgte ich zunächst dem Rio Segre auf der Hauptstraße abwärts, erwarteten mich kurz hinter Organya wieder Serpentinen. Tausche Dieselrußgestank gegen kaum befahrene, happige Gebirgsstraße. Das kleine Dorf mag bald tausend Meter hoch liegen. Die umliegenden Gipfel haben um die 1500 Meter laut Karte. Mit der Rezeptionistin radebreche ich auf französisch, englisch und katalanisch übers Wetter, das Tal, die Leute, das Handynetz und …

… habe ich je den Hund der Rezeptionistin des Campingplatzes Cambrils vorgestellt? Das brave, gescheckte Tierchen heißt Pippo. Die Frau redet auf so herzige Weise mit dem Hund und erwähnt dabei immer wieder seinen Namen, was das Hundchen schwanzwedelnd quittiert. Es ist zu drollig.

Den Bergen entrinnen im Jahr 2020. Kurs Süd. Knallhart. Ich habe meine Tourpläne geändert und zücke meinen Geheimplan aus der Tasche, den ich mir vor Beginn dieser dritten Reise nach Andorra zurecht gelegt hatte. Was würdest du tun, Herr Irgendlink, wenn du Zeit ohne Ende hättest, Geld in Maßen, wie würdest du zurück reisen, wenn du das Ziel erreicht hast? Per Auto mit Frau SoSo wie im Jahr 2010 (sehr wahrscheinlich). Nicht fliegen, nicht mit dem Zug! Eventuell auf die schnelle, dreckige Art durchs Rhônetal radelnd nach Hause? All diese Möglichkeiten gaukelten vor dem Tourstart in meinem Kopf, aber hinter den Kulissen des Machbaren ist stets noch etwas anderes, etwas mächtigeres, etwas, was dich insgeheim in seinen Bann zieht. Danach musst du suchen im Leben. Das musst du zulassen.

Und es leben, wenn es geht. Und wenn es nicht geht, lebe es in der Phantasie.

Die Ruinenstadt Belchite südlich von Zaragossa steht schon seit bald dreißig Jahren auf der Landkarte meiner zu erradelnden Ziele. Luftlinie gerade einmal gut 200 Kilometer südwestlich von Seo d’Urgell.

Zettel mit Klammer, handgeschrieben: Einkauf für Journalist F., Tante Ute, die Frau Mama und mich (ich will auch was abhaben.
Einkaufen während der Pandemie mit einem Hinweis am Wagen, dass man für mehrere Leute einkauft, um nicht als Hamsterer abgestempelt zu werden.

Der gestrige Tag war anstrengend. 8. April 2020. Zweibrücken. Mittwochs in Zeiten der Pandemie ist mein Einkaufstag. Ich zwinge mich, bewaffnet mit Mundschutz und Desinfektionsspray, hinaus ins Getöse, um für Journlist F., Tante U., die Frau Mama und mich einzukaufen. Dieses Mal sagte die Tante ab. Journalist F. ist stationär im Krankenhaus, benötigt einzig Nikotinkaugummis aus der Apotheke und Kleinigkeiten aus seiner Wohnung. Die Frau Mama braucht Brot und ich habe Milch, Bier, Hefe und ein paar Kleinigkeiten auf dem Zettel. Soweit so gut. Leichter Fall. Edeka des Vertrauens in einem moderat bevölkerten Vorort, aber denkste, du hast die Rechnung ohne den Osterhasen gemacht. Überall Autos, Menschen, Gewimmel, fast wie im Normalbetrieb des Landes. Journalist F. und ich pflegten in solchen Zeiten ausufernder kollektiver Konsumexzesse immer zu lästern, die Leute denken, es gibt nie wieder etwas einzukaufen und rennen sich gegenseitig die Köpfe ein und nun, da ich dies erinnere, denke ich, jetzt ist es so weit. Sie denken es nicht nur, es ist auch möglich, dass es wirklich bald nichts mehr einzukaufen gibt.

Der fette Vorhang der Realität lüftet sich und dahinter tauchen neue Denkweisen, neue Lebensmodelle, neue Routen und Abzweige auf. Es war nicht schön im vorosterlichen Gemetzel. Eine Minute vor Ladenschluss erreiche ich völlig außer Puste, per Radel mich aufs Klinikgelände schleichend, die UKS-Apotheke, um Journalist F.s Warenkorb mit Nikotinkaugummi zu komplettieren. Unterwegs proppenvolle Landstraßen, Autos schlangenweise.

Als bestünde die Welt aus tausend Viren und hinter tausend Viren keine Welt.

Wieder zu Hause. Am heimischen PC schaue ich mir auf der Google-Karte die Strecke Richtung Belchite an. Zunächst würde ich dem Fluss folgen wie im Jahr 2010 bis nach Organya und schließlich abzweigen auf die kleine Seitenstraße, die sich entlang zweier Stauseen schlängelt in Richtung Ponts, etwa 70 Kilometer. Eine ganz normale Tagesetappe. Google hat die Strecke tatsächlich fotografiert. Die alte Straßenführung windet sich wie ein Wurm um die neue, begradigte C-14. Dankbar nehme ich das Angebot wahr und halte mich von der Hauptstraße fern, so gut es geht. Zweige unterhalb der Mauer des Oliana-Stausees ab auf die weniger befahrene LV-5118. Ich verlasse das Gebirge, flankiere kahle frühlingshafte Felder. Google scheint die Gegend in irgendeinem der vergangenen Frühlinge fotografiert zu haben – das passt zum Jetzt.
In kalkigen Stein gehauene Passagen wechseln mit krüppelig bewachsenen mediterranen Wäldchen, stets kurvenreich, so typisch für die iberische Halbinsel. Die Trasse ist meist der Höhengegebenheit angepasst, also ein quälendes Auf und Ab, tendentiell aber abwärts. Nach dem Oliana-Stausee folgt der Rialb-Stausee. Der Fluss ist terrassiert. Das ganze Land ist terrassiert. Die Felder sind terrassiert. Wie monströse Spinnfäden kreuzen Starkstromleitungen. Zwei Wasserkraftwerke in kurzer Folge. Seit einigen Kilometern ein Lastwagen vor der Linse. Mann, Mann, Mann, warum überholt der Google-Fotograf den nicht!? Das Fahrzeug verstellt die Sicht auf die Straße. Ich klicke mich voran, ohne überholen zu können. Schon zieht ein Kleinwagen an uns vorbei und überholt auch gleich noch den Laster. Ein Viehtransport, erkenne ich in einer Kurve. Wir passieren einsame Gehöfte, derb gemauerte Gebäude, deren unverputzte Ziegelwände wie Gefängnisse wirken, es wahrscheinlich auch sind: Ställe. Schweinegeruch hie und da. Das Wetter: pralle Sonne. Nachmittags über zwanzig Grad. Ich muss Sonnencreme auftragen. Die Nase hängt in Fetzen. Deutliche rote Ringe an den Beinen. Seit Andorra trage ich die kurze Radelhose, streife allenfalls morgens zum Aufwärmen die wollenen Beinlinge über, die ich vom Vater geerbt habe. Ach Vater. So lange schon tot. Kilometerweit kurbele ich sentimental durch die karge Gegend.  Gedanken über Schweine auf dem Weg zum Schlachthof, den längst verstorbenen Vater, den Tod im Allgemeinen. Durst reißt mich aus dem trüben Gedankenstrom. Trinken, Junge, viel trinken bei der Hitze!

Abends stehen über 76 Kilometer auf dem Tacho. Beim Mirador Panta biege ich ab und erreiche nach ein paar hundert Metern einen großen Parkplatz mit Aussichtspunkt. Kreisförmige Autospuren auf dem unbefestigten Platz. Die Jugend der Gegend, die sich hier trifft und aus Langeweile und Imponiergehabe Spuren radiert? Oder etwa ein echter Moorlander? Ich muss schmunzeln. Momentan steht nur ein Auto hier. Es ist unheimlich still. Ich bin müde. Ruhe eine Weile, freunde mich mit dem Ort an. Schließlich schiebe ich das Radel einen Pfad hinauf durchs Gebüsch bis zu einem Feld, an dessen Rand ich das Europennerzelt aufbaue. Blick auf die Staumauer des Embalse de Rialb. Leider finde ich nur eine spanische Wikipediaseite, die Auskunft gibt über das Bauwerk. Immerhin verstehe ich, der See ist etwa 1600 Hektar groß und die Staumauer misst fast hundert Meter. Dass es ein Kraftwerk ist, ist klar. Überall Draht und Strommasten, Umspannwerke usw. Ich koche Reiseessen vor dem Zelt, Couscous, eine halbe Zucchini, eine Tomate, Tomatenmark und viel Butter, Pfeffer und Salz. Dazu ein 0.25er Fläschchen San Miguel. Prost!

Ponts gibt nicht viel her, wenn man den Namen in die Suchmaschinenmaske eingibt. Noch nicht einmal eine Wikipediaseite widmet sich dem kleinen Ort. Auf der Google-Karte sind aber Geschäfte, Restaurants und andere kommerzielle Dinge gelistet.

Rings um Ponts:
Ein Modellflugplatz
Motocrossplatz
LKW-Werkstatt
Autowerkstatt
Polizeidirektion (? (Commisario de Destricte de la Policia …))
Monestir de Santa Maria de Gualter, eine Ruine? Touristenparkplatz, Stromleitungen allüberall. Thujabäume am Parkplatz, betonumrandete Trafostation. Alleinestehendes Mülltonnenensemble beim Klosterparkplatz.
Rinderfarm
Mirador de Torreblanca
Mirador Panta (Notizen, 8. April 2020, spätabends)

Ich verbringe den Abend recherchierend am Rechner, mache Notizen, öffne etliche Webseiten, meist von Wikipedia, oft auf Katalanisch. Fertige Screenshots aus der Google-Streetview, speichere sie im Projektordner zwand20 auf der heimischen Festplatte. Ich weiß nicht, ob ich sie legal verwenden darf hier im Blog. Vermutlich nicht. Verflixtes Urheberrecht. Vielleicht merkt sich der geneigte Leser, die geneigte Leserin einmal ein Passwort, nur für den Fall, dass ich den urheberrechtlich bedenklichen Inhalt einem ausgewählten Kreis zeigen möchte: MUTABOR.

Dieser Artikel kommt ohne die Bilder und Screenshots aus.

Heute Tag 24 der Reise. In der Karte ist dieser Artikel beim Mirador Panta oberhalb der Staumauer des Elektrizitätswerks von Rialb gelistet. Im Jahr 2010 starten wir am Tag 24 bei ekligem Wetter in Cambrils, während der Tag 24 des Jahres 2000 auf dem osterlich recht bevölkerten Campingplatz in Amberieux, nördlich von Lyon beginnt. Ich habe der Karte eine weitere Ebene hinzugefügt, in der ich den fiktiven Rückweg über Belchite eintrage. Im Ebenenmenü kann man sie einblenden.

Und nun? Die Reise im Konjunktiv? Conditional Traveler? Hätte hätte Fahrradkette, müsste müsste Nordseeküste. Die Pandemie zwingt einen in eine Warteschleife aus Könntes und Wolltes. Ich hab da mal noch einen kleinen T-Shirt-Shop vorbereitet. Hemden in Zeiten der Corona.