Phantomreisemüde | #zwand20 #radlantix

Immer wieder mittwochs: Assistenztag. Raus ins Gemetzel. Dem Freund, Journalist F., geht es zum Glück viel besser! Trotzdem braucht er Unterstützung.

In den letzten beiden Wochen habe ich mich drüben im Radlantix-Blog bis nach Nantes vorangeschrieben. Radele auf der Vélodyssée in umgekehrter Richtung als ursprünglich geplant, drei Jahre zu spät und vollkommen virtuell … wo hätte ich gedacht, dass sich das Reiseprojekt, das ich 2016 erdachte und das 2017 hätte stattfinden sollen, einmal so entwickelt?

Die Vélodyssée ist der französische Abschnitt des Atlantikradwegs. 1200 Kilometer meist auf Fahrradrouten oder ruhigen Landstraßen von Roscoff in der Bretagne bis zur spanischen Grenze im Baskenland nach Hendaye.

Ich hatte eigens für das Projekt ein Blog aufgesetzt, das ich jedoch niemals bespielte. Logos und Blogheader entwickelt. Die Vorfreude war groß, aber irgendwie klappte es nie, zumal Radlantix, meine Vélodyssée, mit einer tausend Kilometer langen Anreise von der Pfalz über Paris geplant war und das Projekt mit zwei- bis dreitausend Radelkilometern somit über fünf Wochen gedauert hätte.

Nachdem Zweibrücken-Andorra 2020 als virtuelles Projekt stattfand und ich auch sonst nicht so viel zu tun hatte im Alltag und mir auch die Einreise in die Schweiz, zur Liebsten, verwehrt war, bot es sich an, eine lang gedachte Idee in die Tat umzusetzen: Wikifiktion. Ist es möglich, eine Radreise zu erfinden, nur auf Basis von Internet-Informationen? Die Antwort lautet: ja. Und es fühlt sich, selbst für mich als Schreibenden, ziemlich echt an.

In den vorigen Beiträgen des Irgendlink-Blogs setzt sich die Reise Zweibrücken-Andorra, die ich auf Basis meiner eigenen Tagebuchnotizen der Jahre 2000 und 2010 als virtuelle Reise schrieb, fort in Richtung Süden, durch Katalonien, Aragon und Navarra bis ins Baskenland. Einige Blogbeiträge sind noch im Privatmodus, so dass man nicht ganz ‚durchreisen‘ kann bis San Sebastian. Das Schreibexperiment lässt die verschiedenen Schichten (Alltag daheim und Reise virtuell, sowie die Zeitebenen von 2000 und 2010) zu und nimmt die Lesenden immer wieder mit in den realen Alltag auf dem Bürostuhl in der Pfalz, auf dem die Beiträge erdacht und geschrieben werden (komm, setzt Dich neben mich, Kumpel. Jetzt).

Mit Radlantix kommt ein Wechsel. Nichts deutet mehr darauf hin, dass die Reise nicht tatsächlich stattfindet. Hier hilft den Lesenden nur noch die Logik, dass es nicht sein kann. Denn bei genauer Betrachtung der Zeitstempel der Blogeinträge  reist der bloggende Künstler durch ein Frankreich des vollkommenen Lockdowns. Ein Land mit massiven Ausgangsbeschränkungen und vermutlich auch strengen Kontrollen und Bußen für Nichtbeachtung der Verbote. Alle Campings sind geschlossen. Keine Hotels, keine Restaurants, und vermutlich wäre ein vollbepackter Radler in den Supermärkten und Bäckereien nicht gerade gerne gesehen …

Doch wer weiß? Hier vom Bürostuhl kann ich über das Frankreich im Jetzt und im Lockdown eigentlich gar nichts sagen. Austausch mit Freunden, die im Land leben, zwar in Paris und Lothringen bestätigen jedenfalls das, was man so hört: Man konnte und kann in Frankreich das Haus ohne triftigen Grund nicht verlassen.

Meine erfundene Reise auf dem Atlantikradweg hat mir dennoch viel Freude bereitet. Vorgestern habe ich in Nantes auf dem Campingplatz eingecheckt und nun sollte ich eigentlich einen Blogartikel über meine gestrige Tour durch die Stadt schreiben. Um mechanische Riesentiere ginge es, Steampunk at it’s Best, Parks und Museen, vielleicht auch eine Begegnung mit Bettlern im Kontrast zu den geleckten Touristen auf den Quais der Loire? Ich weiß es nicht. Man hat als nichtreisender Reiseerfinder ja so viele Möglichkeiten. Ein Wikiforschungsreisender mit googlemapischem Hintergrund, das bin ich.

Der Weg zur völligen Fiktion ist nun gar nicht mehr so unvorstellbar. Vielleicht schreibe ich nach dieser ‚Reise‘ doch einmal etwas völlig anderes. Ich habe es nämlich langsam satt, ich zu sein. Das Problem mit dem Ich im Blog, das sowohl ich ist, als auch ein Protagonist, der die Blogbeiträge schreibt und den daraus resultierenden nie beendbaren Konflikt, hatte ich in verschiedenen Blogartikeln angeschnitten.

Das Reiseprojekt wird sich nun bald dem Ende neigen, schätze ich. Noch etwa acht bis zehn Tage würde ich benötigen, um am Kanal von Nantes nach Brest durch die Bretagne zu radeln. Wenn ich tatsächlich auf dem Fahrrad säße. Ich habe die Etappen und die Übernachtungsplätze in Radlantix so gewählt, wie ich sie vermutlich auch tatsächlich gewählt hätte. Mit dem Hintergedanken, dass ich die Reise irgendwann doch einmal in ‚echt‘ mache.

Vielleicht würde ich in Nantes aufhören, wenn ich die Reise tatsächlich gemacht hätte? So mein Gefühl. Ich fühle mich etwas matt und reisemüde, ganz ohne zu reisen. Faszinierend eigentlich. Fast wie Phantomschmerz. Aber eben: phantomreisemüde.

Gestern war der fünfzigste Reisetag. Nur um die Nordsee und ans Nordkap war ich länger unterwegs.

Im Radlantix-Blog kann man die Reise in chronologischer Reihenfolge lesen, wenn man auf eBook klickt.

In dieser Karte sind alle Blogeinträge und die ‚bereisten‘ Wege eingezeichnet.

Hier findest Du den ursprünglichen Streckenplan meiner Vélodyssée als Google-Map.

Nun aber auf, Herr Künstler, auf auf ins Gemetzel zwischen Apotheke und Supermarkt.

 

 

5 Gedanken zu „Phantomreisemüde | #zwand20 #radlantix“

  1. Irgenwie verständlich für mich. Diese Reisemüdigkeit.

    Und bis auf einen sehr deutlichen Hinweis, daß es eine virtuelle Reise ist, fand ich bisher keinen Anlaß, an Deinem Erleben zu zweifeln. Weil die Fiktion des „echten“ Lebens in der Literatur eben nicht Fiktion, sondern existierendes Werk ist und damit auch Teil des echten Lebens wurde.

  2. Hallo mein Lieber,
    Hast du meine Antwortmail bekommen?!
    Kurz und schlecht: deutsche oder Schweizer Einreisen sind für (uns) Unverheiratete mehr als schwer…
    Ich wünsche euch das allerbeste!
    Und danke für das Nachlesen von Klaus‘ blog http://www.liegevelo.de

    antje

    1. Jesss. Antwortmail ist beantwortet und hoffentlich nicht im Spam gelandet. Ich hatte Eure Vélodyssée schon einmal gelesen. Aber nun ist es kombiniert mit den Wiki- und Kartenforschereien fast so, als würde ich tatsächlich dort reisen. Im Prinzip folge ich dem Blog nun in Echtzeit. In umgekehrter Reihenfolge.

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