Die echte und die echte Welt dicht an dicht in der Galerie Beck

Wenn die Welt im Kopf ein genauso starkes Bild ist, wie die “echte” Welt, ist es dann nicht verkehrt, sich an den Parametern der echten Welt zu orientieren, und krampfhaft daran festzuhalten, anstatt an der Realisierung der Parameter der selbst erzeugten Welt zu arbeiten?

(28. September 2009 – im Vorwort zu „Schon wieder ein Jakobsweg – Yet Another Saint James“)

Was ist überhaupt echt?, muss ich heute fragen. Oder unecht? Oder ist die Grenze zwischen Echt und Unecht nur ein individuelles Empfinden? Ein Prozess jahrelanger Prägung, der einen nach dem Irgendwann-ist-aber-mal-Schluss-Prinzip einen Strich auf der imaginären Landkarte ziehen lässt, auf deren einer Seite die vermeintlich echte Welt ist und auf deren anderer Seite die unechte, virtuelle Welt?

Mit einem eigenartigen Gefühl betrete ich gestern die Galerie Beck zur Eröffnung der Ausstellung „Geschichte und Geschichten“. Die Galerietür aus Kirschbaumholz quietscht wie eh und je, genauso wie damals 2007, als meine erste Ausstellung bei den Becks präsentiert wurde. Es ist geraten, wenn man die Galerie betritt, die Tür am Knauf ein bisschen anzuheben, um das Quietschgeräusch zu vermeiden. Scherzhaft mutmaßte man einst, das sei passiver Diebstahlschutz. Neben den vielen Hunden, die überall auf dem Gelände ein eingeschworenes Rudel bilden ist es eine weitere Sicherungsmaßnahme, um den Heiligen Gral der feinen Künste zu schützen.

Gleich im Foyer hängen die expressiven Gemälde von Lysiane Beck aus Sarregueminnes. Quadratmetergroß und doch zerbrechlich wirken die Sphären, in denen Menschlein wie Kerzen sich gruppieren, was auch ein bisschen zur Vorweihnachtszeit passt, finde ich. Ein paar imaginäre Tausender im Seckel, würde ich hier schon fündig werden und das graublaue, monochrome, gleich hier links, in den Warenkorb legen. Hinauf in die Belle Etage begleiten Lysiane Becks Bilder und leiten über zu Thomas Schliessers Mischtechniken. Tusche auf orangenem Hintergrund. Nur sieben Bilder zeigt der Berliner Künstler und die geschickte Hängung gibt den eher kleinformatigen Bildern viel Raum zum Wirken. Galerist Christopher Nauman hat mit der kontrastierten Hängung vorzügliche Arbeit geleistet, denn als weiterer Gast in der Belle Etage werden die Fotografien von Wolfgang Pietrzok in barocker, „geballter Wucht“ zum schönen Gegenpol. Dicht an dicht hängen etwa dreißig Szenen aus dem Gulliverland. Das ist eine Miniwelt, die die Sehenswürdigkeiten der Erde vom Tadsch Mahal über den Frankfurter Römer bis zum Eifelturm einst für Kinder im Deutsch-Französischen Garten in Saarbrücken zeigte. Die Miniwelt wurde, nachdem sie abgewrackt werden musste, von einem Naturwarenunternehmen gekauft und wird nun restauriert. Was sich zunächst als einfaches Ablichten von Modellen zeigt, erschließt sich erst bei näherem Betrachten als geniales Kunstkonzept. Wolfgang Pietrzok hat eine Weltreise gemacht, ohne zu verreisen. Das künstliche Licht und die in Natura sicher nicht erreichbaren Schattenwürfe erzeugen eine neue Wirklichkeit weit jenseits der der Originale. Entrückt wirken die Schneebilder, die die eigentlich zig Meter hohen Wunder der Weltarchitektur unter fast genauso viel Schnee versinken lassen. In der verlinkten Bilderstrecke besonders frappierend finde ich die meterhoch von Pflanzen umrankte Frauenkirche in München, als hätte man sie nach Ankor Wat in Kambodscha versetzt. Passend zur Gulliverland-Reise liest der Schriftsteller Alfred Gulden  eine phantastische Reise, die er als eine Art Sampler aus verschiedenen Märchenzitaten gestaltet hat. Zitate aus Gullivers Reisen und Alice im Wunderland treffen auf Grimms Märchen und und und. Ich packe einen Schliesser, den mit den sakralen Elementen ohne Titel und den Römer von Pietrzok, sowie die marode Hinterhausszene, ebenfalls Frankfurt, aus der Vogelperspektive aufgenommen, in meinen imaginären Schönreich-Kunstsammler-Warenkorb.

Dietmar und Ralf Kempf, Brüder aus der Karlsruher Gegend garnieren die Vernissage mit einer multimedialen Performance. Auf sieben Monitoren visualisieren sie eine Art Google-Streetview-Reise mit Loops und live eingespielten Trompeten und Saxophonen. Am Nikolaustag dürfen hierbei schräg entfremdete Weihnachtsmelodien nicht fehlen. Unterlegt mit Ambient-Elementen kommt fast so etwas wie Dance-Party-Stimmung unter den ca. sechzig Galeriegästen auf.

Nordseeradweg - North Sea Cycle Route Bildmontage Memory of Mankind Version
Bildmontage North Sea Cycle Route 2012 (Ums Meer) Liveblogbericht. Entwurf fürs Archiv Memory of Mankind

Last but not least Monsieur Irgendlinks Werke. Meins! Auf dem Balcony zieren die zwölf auserwählten Bilder aus der Liveblogreise im Jahr 2012 die Wände. Und sie machen mich mehr denn je fragen, was ich im Anrisstext dieses Artikels schon geschrieben habe: Was ist echt, was ist unecht, wie muss ich mich selbst als Künstler verstehen? Wo bin ich einzuordnen? Bin ich überhaupt ein Künstler? Bin ich nicht eher ein Schreiber? Oder trifft es am ehesten die Bezeichnung „Irgendeine Webexistenz“, die ich einmal salopp vor mich hin bloggend gebraucht habe? Fakt ist: da auf dem Balcony hängen Bilder einer Reise, die von ein paarhundert Leuten vor zwei Jahren live im Internet verfolgt wurde. Leuten, die morgens am Frühstückstisch ihr iPhone aufschlugen, wie andere die Tageszeitung und voller Neugier den „täglich frischen“ Fotoreportagen eines Typen folgten, der so verrückt war, vier Monate lang rund um die Nordsee zu radeln. Ein Stück kollektiv gelebte Gegenwart mit einer Art lebendem Avatar als Leitfigur und Geschichtenerzähler. Man könnte sagen (in Anlehnung an das Credo meines Künstlerfreunds KRD Hundefänger), es kam aus dem Nichts und es ging ins Nichts und dazwischen war Kunst. Die zwölf Bilder aus einer einst echten Welt hängen als Zeugen einstiger Echtheit nun in einer neuen echten Welt, was die Frage aufwirft, ob wir nicht generell in einer galoppierend die Echtheit durchquerenden virtuellen Welt leben?

Ich lasse das mal offen und gehe jetzt früh, ähm spätstücken. In echt!

ScheitErfolgReichtum

Der November ging mit Schreiben drauf. Ich hatte mich ja auf das Nanowrimo-Experiment eingelassen, dessen Ziel es ist, weltweit die müden Schreiberhintern hochzukriegen und sich ein Projekt vorzuknöpfen, an dem man schon immer arbeiten wollte. Einen Roman.

Irgendlinks Nanowrimo Wordcount 2014
Irgendlinks Nanowrimo Wordcount 2014 (die letzten 565 Worte sind nicht registriert, auch wurde nicht täglich aktualisiert, wie die Stagnationssprünge zeigen)

Limit ist 50.000 Worte binnen 30 Tagen zu Papier, äh Festplatte zu bringen. Dafür gibt es eine rege Community mit angeschlossenem Diskussionsportal und Wortezählmaschine. In die Zählmaschine gibt man täglich seinen „Wordcount“ ein und sieht, ob man über oder unter der schräg nach oben laufenen „Par-Linie“ liegt. Alleine in Deutschland haben über zehntausend Schreibende bei dem Projekt mitgemacht. Zusammengerechnet annähernd achtzig Millionen Worte haben sie geschrieben. Monsieur Irgendlink lag bis zum letzten Tag stets unter Par. Erst kurz vor 24 Uhr am 30. November meißelte ich die letzten ca. 500 Worte auf dem Smartphone in  den Touchscreen. Gewonnen!

Das Dokument ist gruselig pholler Fipptehler, aber es enthält wunderbare Aphorismen-Perlen und auch ein paar gute Buchpassagen. Das Projekt ist aus meiner Sicht sowohl gescheitert, als es auch erfolgreich war.

Gescheitert, weil ich eben nicht das Ziel erreicht habe, einen Roman grob zurecht zu schnitzen, sondern unter dem Arbeitstitel Buch der Szenen eine Art Ideensammlung anlegte mit spinnerten Ideen, Szenen, Charakteren, wie man sie auch ab und zu hier im Irgendlink-Blog liest.

Erfolgreich war das Experiment, weil ich mir selbst klar machen konnte, wie hart das fiktive Schreiben ist. Ich meine, bisher habe ich ja nur diesen Künstler-Leichtfuß-Werdegang hinter mir, täglich mich bloggerisch auf die Welt einzulassen. Schreiben, was außen passiert und was es ggf. innen mit einem anstellt. Krudes, beinahe spielerisches Schreiben, das vor allem von Lebenslust und der oppulenten Welt, die einen umgibt, geprägt ist. Nun habe ich die harte Seite des fiktiven Schreibens zu schmecken gekriegt. Es könnte mir gefallen.

Im Buch der Szenen konnte ich zwei Themen isolieren, an denen ich gerne weiter arbeiten würde und die ich mir als nächstes vorknöpfen werde – wenn ich es denn wage, einen weiteren Schreibmonat anzugehen. Erstens den bauesoterischen Büroroman, der die Welt in vertikale, horizontale und cirkulative Sphären zerlegt. Zweitens einen Zukunftsroman der feinen Künste, Science Fiction …

Aber zunächst gilt es, das nächste Jahr irgendwie aufzugleisen. Mit der Crowdfunding-Planung für das Liveblog USA-Projekt hinke ich schon ein paar Schritte hinterher, aber immerhin steht das „Drehbuch“ für den unweigerlich nötigen Imagefilm, den man in das Fundingprojekt einstellen muss.

Auch eine journalistische Idee, die seit langem gärt konnte ich endlich rausjagen – da sie nicht wild im Netz suchmaschinenindiziert werden soll, habe ich ein Passwort darauf gesetzt und sie etwas weiter unten im Blog eingefügt. Die geneigten Leserinnen und Leser des Blogs können sich mit Passwort Lorelei hier umschauen. Für Tipps, wo man solche Projekte im deutschprachigen Raum noch anbieten könnte, bin ich übrigens sehr dankbar, ich Schlangenlinienblogger, ich. :-)

Ausstellung in der Galerie Beck – Fotos aus dem Liveblog auf dem Nordseeradweg 2012

Liveblog goes Art. Eine Auswahl von Fotos, die während der live gebloggten Reise auf dem NSCR (North Sea Cycle Route), dem Nordseeküstenradweg im Jahr 2012 entstanden sind, gibt es in einer Gemeinschaftsausstellung in der Homburger Galerie Beck  zu sehen. Leider ist die Belle Etage der Galerie nicht hoch genug, um die sechs mal sechs Meter große Bildcollage mit den 750 Straßenfotos zu zeigen (Monsieur Irgendlink hofft auf eine Ausstellung im Zentrum Paul Klee irgendwann oder  besser noch … wie heißt das Ding da in New York  :-) )

Derweil ist die nächste Liveblogreise im Sommer 2015 in Vorbereitung. Ob es quer durch die USA geht? Oder doch lieber auf den Spuren des Kapschnitts, zwanzig Jahre nach der ersten Kunststraßenreise  durch Schweden, Finnland und Norwegen? Die Zeit wird’s zeigen.

Hier geht’s zu einem Artikel auf irgendlink.de, der die Ausstellung (und die Co-Künstler) ankündigt. Zwölf limitierte Bilder wird es in der Galerie zu sehen geben, einige davon als Preview auch in der folgenden Galerie.

Schicke TOLLPATSCH an die 1279

Zweilinkhandtag

Zweilinkhandtag. Ganz bestimmt. Heute ist Zweilinkhandtag. Wenn ich ein Handwerker wäre, den ich beauftragen müsste, um etwas zu reparieren, die Klospülung oder kaputte Glühbirnen oder eine Wand zu tapezieren, ich würde mich nie und nimmer beauftragen. Nicht heute am Zweilinkhandtag. SoSo und ich scherzen seit unserer Gotthardwanderung immer über diese gewissen Tage, an denen Dinge schief gehen, dass wir morgens versehentlich eine SMS mit der Nachricht TOLLPATSCH an irgendeine Nummer geschickt haben und, ohne es zu wollen, eine Tollpatschflatrate gebucht haben. Was will man auch tun, wenn alles schief geht? Nichtstun geht in solchen Momenten nämlich auch schief. Also ist es am besten, so weiterzuleben wie bisher und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Mit der Handkreissäge länge ich ein Wandelement für das neue Kunstwerkelager ab, schleppe es zur halbfertigen Wand, versuche die Klickstelle des Klicklaminats mit dem schon festgeschraubten Element zu verbinden und scheitere. Zwischen den Elementen klafft ein halbzentimeter breiter Spalt. Es ist wie Russisch Roulette, an einem Zweilinkhandtag mit der Handkreissäge zu arbeiten. Zwei drei Stunden schufte ich so vor mich hin, verwurstele Ekeldämmstoff mit Hustgarantie und überlege dabei, ob ich nicht besser „Irgendwas mit Computer“ machen sollte, da würde ich weniger Schaden anrichten. Aber dann wird mir plötzlich klar, dass man mit tollpatschig ausgeführtem „Irgendwas mit Computer“ weitaus größeren Schaden anrichten kann, als mit einer Handkreissäge oder einem Hammer.

Besuch vom Burgenblogger 1/10

Letzten Samstag kommt @hagengraf alias @burgenbot, so seine Twitternamen, zu Besuch. Vierzehn Stunden kurvte er über französische Nationalstraßen von Fastspanien bis hier herauf zum einsamen Gehöft. Wir hatten uns über die Bewerbung zum Burgenblogger kennengelernt. Er ist einer der letzten zehn aus 750 BewerberInnen, die zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden. Ich hatte ihn eingeladen, hier, nur zwei Tagesritte von Burg Sooneck entfernt :-), zu übernachten. Wir Reisenden müssen ja zusammenhalten. Es passiert mir selten, dass ich fremde Leute treffe und es mir sogleich vorkommt, als würden wir uns schon Ewigkeiten kennen. Bei Hagen war es so (und eigentlich kenne ich ihn virtuell ja schon seit fast zehn Jahren). Webexistenzen sind wir, Engel in globaler Avatarwolke. Wir grillen. Samstag ist der letzte schöne Tag. Über den Bewerbungsmarathon am darauffolgenden Montag auf Burg Sooneck, berichtet Monsieur Burgenbot hier. Die Entscheidung, wer im Sommer 2015 für ein halbes Jahr auf der Burg bloggen darf, fällt am 10. November.

Künstleralltag und Nanowrimo

Der Künstleralltag plätschert so dahin. Tagelang krank gewesen. Husten, Schnupfen, bettlägrig. Dennoch immer irgendwas gewurstelt. Mit dem Nanowrimo, dem National Novel Writing Month, habe ich begonnen. Ziel dieser konzentrierten Schreibaktion, die über ein Internetportal socialmediaesk hunderttausende von Schreibenden weltweit begeistert, ist es, im Monat November 50.000 Worte für eine Novel, also einen Roman zu schreiben. Täglich kann man seinen „Wordcount“ aktualisieren und schauen, wie gut man im Rennen ist. Es gibt Tiere, wahre Schreibmonster, die haben schon über 20.000 Worte geschrieben. Monsieur Irgendlink kränkelt irgendwo knapp unter der Mittelkurve. Wie beim Golf gibt es das Par, den Durchschnittswert pro Tag, an dem man sich orientieren kann. Was lerne ich aus der Sache? Eigentlich eine klasse Idee, um sich selbst zu disziplinieren. Für gemeinhin verschieße ich mein Wortpulver in Blogbeiträgen (wie diesem, 754 Worte) und Tweets, statt mich auf die eine oder andere Geschichte zu konzentrieren, die ich gerne schreiben würde. Ich vermute, der Nanowrimo ist tatsächlich ein wirksames Instrument, ein Schreibprojekt aufzugleisen. Eine Großoffensive gegen den inneren Schweinehund. Ich konzentriere mich auf den „Europenner“ mit Abstechern zu meinen bauesoterischen Krimiskizzen Circulum Verticalis und Verticulum Circularis. Bewege mich derzeit auf der Plot-Ebene und habe noch kaum eine Szene geschrieben, die auch in eines der Bücher kommt.  Immerhin ist gestern eine erstklassige Kurzgeschichte dabei herausgekommen, auf die ich richtig stolz bin. Ich schreibe meine Nanowrimo-Skizzen natürlich im Blog meist als nicht öffentliche Privateinträge (da verpasst man nichts, ich arbeite zur Zeit ja fast ausschließlich der Metaebene, dies sich mit der Geschichte selbst befasst). Wenn es Öffentliches gibt, gebe ich es hier im Blog bekannt.

Das USA Liveblog Projekt?

Um wievieles einfacher, als ein Buch zu erfinden, ist es doch, es live zu schreiben! Als Nachfolger für die Reise um die Nordsee hatte ich letzte Woche etwas verfrüht  das Projekt Liveblog USA skizziert, um eventuell beim Contest einer Versicherung Geld zu gewinnen. Es gab da gewisse Ähnlichkeiten in den Zielen, dachte sich Monsieur le Künstbüb, moi même. Aber: Die Interessen der Versicherung sind nicht die Interessen von Monsieur Irgendlink! (Um es mit René Polleschs ‚Heidi Hoh‘ zu sagen: Die Interessen der Versicherung sind nicht die Interessen, die Herr Irgendlink hat.) Ich erfuhr es gestern per Mail. Das Projekt wurde nicht unter die ersten Zwanzig gewählt. Die dürfen sich ab Mitte November für eine Woche um Klickzahlen prügeln und wer die meisten Klickzahlen für sein Projekt erhält, der kriegt den Hauptpreis von 5.000 Euro. Ich hasse Klickschlachten. Insofern bin ich froh, nicht mithündeln zu müssen.

Der Hauptstadtflughafen der feinen Künste

Wie in jedem bevorstehenden Winter konzentriere ich mich auf das Winterfestmachen der Künstlerbude. Inklusive Dachreparaturen und Ausbauarbeiten. Es gibt einige unverputzte Wände im Badezimmer und die Ritzen im Gästezimmer, das ich Kammer des Schreckens getauft habe, müssen mit Montageschaum gefüllt werden. Und mit Acryl. Die Künstlerbude ist eine holzbeheizte, zugige alte Scheune, die fast ausschließlich aus Baustoffresten besteht, die mir von meinen Bauherren und -damenfreunden überlassen wurden. Das Glas der Atelierfront ist aus den Fenstern der hiesigen Fachhochschule, die vor fünfzehn Jahren renoviert wurde. Die Klos sind vom Sperrmüll. Die Pflastersteine im Atelier waren einmal der Carport eines befreundeten Heizungsbauers. Dachlatten und Balken landen immer mal wieder auf dem einsamen Gehöft nach dem Motto, man könnte sie ja nochmal gebrauchen. Außerdem kostet die Entsorgung von Bauabfällen richtig viel Geld, habe ich mir sagen lassen. Win-Win-Situationen am prekären Rand der Gesellschaft.

Seit fast fünfzehn Jahren baue ich nun schon an der Bude und dem angeschlossenen Atelier auf meine minimalistisch improvisierende Art. Freunde, die mich besuchen, sagen, es sei recht wohnlich, es passe zu mir. Ich sei die Schnecke im Haus der feinen Künste … Aber diese Freunde kennen nur den Sommer, sie faseln von Paradies. Wie schnell das Paradies in Hölle umschlagen kann, zeigt dir der Winter.

Trotz besten Wetters habe ich den gestrigen Samstag in der Kammer des Schreckens verbracht, um sie in einen wohnlicheren Raum zu verwandeln. Ganz besonders freue ich mich auf zwei neue schneeweiße Wände, an denen ich bald ein paar frisch getauschte und erworbene Kunstwerke aufhängen kann … das erinnert mich an meinen Freund und Künstlerkollegen Schalenberg, der – zwar ausgestattet mit einem besseren finanziellen Backend, aber doch auch mit hoher Eigenleistung – an seinem privaten Museum in Merxheim schuftet, und dem ich manchmal beim Bauen helfe. Immer, wenn eine neue Wand in dem uralten Bauernhaus schneeweiß das Licht der Welt erblickt, hängt er ein Bild auf, stellt, egal, wie die anderen Wände in dem Raum aussehen, einen Stuhl auf, setzt sich, stützt das Kinn in die Hand und betrachtet das Kunstwerk.

Ich frage mich, wieviele Künstlerinnen und Künstler wohl auch so wie wir, jahre-, ja, jahrzehntelang in ihren Hauptstadtflughäfen der feinen Künste hocken, in ewigen Baustellen, den großen Plan im Kopf, das Wissen, wie es einmal aussehen wird, wenn … und manchmal denke ich, was wäre, wenn wir mal ordentlich Geld in die Hand nehmen könnten, wie würden sich unsere Kunstbaustellen entwickeln? Nur ein Bruchteil der im brandenburgischen Sand versickerten Millionen, könnte großartiges bewirken.