Ich habe den unendlich bequemen alten Ledersessel, den ich von Journalist F. geerbt hatte, im Atelier an der Frontwand aufgestellt. Hin und wieder, wenn eine Pause nötig ist, setze ich mich hinein, ruhe und lausche der Musik, die auf der antiken Stereoanlage dudelt. Alles hier drin ist käuflich, dachte ich. Alles muss raus … nein, falsch, raus muss hier gar nichts, aber alles ist Produkt. Alles kriegt eine Nummer und einen Preis und es wird im Shop gelistet werden. Tausende eigene und fremde Kunstwerke sind in dem etwa 100 Quadratmeter großen Raum versammelt, der einmal ein Rinderstall war. Nun fällt das merklich herbstlich werdende Licht des noch immer wuchtigen Sommers durch die Südfenster und akzentuiert mal hie, mal da ein Kunstwerk. Die Flasche „Waldbrand 2014“ der Brüder Kempf (auf der Seite bissel runterscrollen) steht auf einem der Lautsprecher. Als subkultureller Künstler ist man nicht einfach Produzent und Umsetzer eigener Ideen, sondern automatisch auch Kunstsammler. Schätze liegen hier rum. Die Kempfs waren ihrer Zeit voraus, denke ich, recherchiere im Netz und werde fündig – die Installation im Link ist allerdings von 2018.
Die Idee der Installation „Waldbrand“ basiert zuerst auf einem eher witzigen Wortspiel, das die Doppeldeutigkeit des Begriffes Brand zunutze macht.
Warum steht auf meiner Flasche 2014? Sie war Teil einer Performance, die am 6. 12. 2014 stattfand, steht hinten drauf. In meinen Besitz gelangte sie durch Schenkung, glaube ich. Ich hatte beim Galeristen etwas gut und er zahlte in Kunst. So war das glaube ich.
Eine Ecke im Atelier ist Journalist F. gewidmet. Nachdem ich seine Kunstsammlung vor der Vernichtung gerettet hatte und die Erbin sie nicht wollte, hatte ich sie in Kisten eingelagert. Den „Fliegenden Holländer“, ein Ölschinken, habe ich mal probeweise gehängt. Aber er ist zu wuchtig. Übers Gästebett hängen will ich ihn allerdings auch nicht. Das bringt womöglich Unglück, weil der Holländer auch über Journalist F.s Pflegebett hing. Ich bin manchmal etwas komisch mit den Gedanken.
Früh dran bin ich mit dem Cleansweepen des Ateliers. Noch über einen Monat Zeit bis zum Tag der offenen Tür. Ich habe aber auch viel vor. Die Räumaktion ist Teil meines „Rückbaus“. Mich selbst rückbauen. Mein Künstlerleben auf elegante Weise sortieren. Altes revue passieren lassen, meinen Frieden machen. Ich weiß nicht. Es fühlt sich gut an. Auch das vermehrte Bloggen der letzten Tage ist gut und wichtig und Teil des Aufräumens.
Da sitzt ein zufriedener Mensch auf dem alten Ledersessel und schaut in sein Leben und der Blick streift das Leben vieler Kolleginnen und Kollegen, denen er einmal begegnete.
Der erste Blick ins Atelier ist ungemein wichtig. Wenn du zur Tür rein kommst, muss da etwas Ungewöhnliches den Besucher, die Besucherin abholen, ihn oder sie hineinsaugen und Lust machen, zu stöbern. Ich versuche es mit der Postkarteninstallation, die in einem Duschvorhang aus Klarsichtfolie präsentiert wird. So kann man Vorder- und Rückseite beschauen, wenn man möchte. Hänge die Installation an der rostigen Eisenschiene auf, die einst den Greifarm für den Mist führte, der von den Rindern abgesondert wurde. Wieviele Tonnen Kuhdung wohl in den 16 Jahren, in denen der Hof als Bauernhof diente, in meinem Atelier angefallen sind? Könnte man damit einen Haufen so hoch wie der Potzberg bauen? Wieviele Rinder wurden hier großgezogen, geschlachtet, verwurstet und gegessen. Der Raum trieft vor Blut. Und wie ich über den Misthaufen nachdenke, fällt mir die örtliche Mülldeponie ein. Ein riesiges Areal, gleich hier um die Ecke, das in einem idyllischen Tal gelegen ist. Nein war, denn in den zwanzig Jahren, in denen ich nun schon in der Gegend wohne, wurde das Tal zugeschüttet und mehr noch, es entstand ein kleiner Berg. Es ist eine Asbestmülldeponie. Unter anderem. LKW aus aller Welt fuhren hier vor.
Zurück ins Atelier. Also die Postkarteninstallation kann so nicht bleiben, sind wir uns da einig?, sinniere ich murmelnd. Egal wie ich sie hänge. Die der Sonnen zugewandte Seite spiegelt zu arg und die abgewandte Seite ist schwer anzuschauen wegen der Gegenlichtsituation. Der Duschvorhang muss eher da hinten zum Postkartentischchen, denke ich und den Holländer hänge ich vielleicht über die Tür?
Inspiriert durch die Kempfs mit ihrem Waldbrand lege ich meine Reifenstücke, die Reliquien eines Europenners als Installation auf den Boden. Mitten in den Raum. Es sind noch etwa dreißig Exemplare der kleingeschnittenen, auf Holztafeln geschraubten, abgefahrenen Hinterreifen der Reisen rund um die Nordsee (2012) und zum Nordkap (2015) vorhanden. Einst waren sie Dankes-Kunstwerke für die Unterstützerinnen und Unterstützer der Liveblogprojekte.
Dass meine Kunst ephemer ist, also stattfindet und spurlos verschwindet, weil es künstlerisch dokumentierte Reisen sind, stimmt gar nicht, wird mir bewusst. Spuren sind immer und überall und man muss sie nur lesen. Jaja, ich glaube, mein Atelier ist ein Buch geworden und hey, wenn wir schon übers Verschwinden nachgrübeln – ich hocke Kinn reibend noch immer im Ledersessel – da wo die Postkarten jetzt hängen, hänge ich das alte Reiseradel auf. Mehr noch, es wird ein Kunstwerk. Jemand der oder die schlau ist, kann es kaufen und später, wenn ich tot bin bei einem Kunstauktionshaus versteigern. Wenn schon Elvis‘ Unterhose Millioen bringt, wie ist das dann erst mit einem Reiseradel, das zum Nordkap und nach Gibraltar und rund um die Nordsee gesteuert wurde und als mobiles Blogbüro diente? Ich komme ins Schwärmen, jaja, das mache ich wahr: Ich stopfe die Radeltaschen mit Papier aus und hänge das Ding an die Mistschiene so wie es in echt, in Reise-Situ aussieht, das ist erst schon mal ein wunderbarer Hingucker, dem das Gegenlicht nicht schadet. Mit Alles! Ungeputzt und mit Dreck und mein Hirn surrt plötzlich, schließlich bin ich Konzepter: Teil des Produkts ist dessen Auslieferung. Wenn jemand das Radel kauft, kriegt er oder sie eine Liveblog-Tour gratis dazu. Ich werde mir zehn Tage Zeit nehmen und mit dem Radel zum Empfänger, zur Empfängerin radeln, darüber bloggen, filmen und Ton aufzeichnen ganz wie früher in Echtzeit und wenn ich am Ziel bin, fahre ich per Zug nur mit dem was ich am Leib trage wieder Heim. Radel und Gepäck und alle Daten bleiben beim Kunstsammler, bei der Kunstsammlerin. Schon preise ich aus: 2000 Euro? Nee, zu billig, wenn da noch zehn Tage Liveblogarbeit daran hängen. Da ist ja die Summe der Tagessätze schon mehr wert. Ganz zu schweigen von den Spesen … 5000, oder besser 4999, das klingt mehr nach Schnäppchen? Ach komm, ich machs fünfstellig und reduziere den Preis dauerhaft im Blog. Ich Fuchs, ich gewiefter kleiner Kunstfuchs, ich,
Okay, ich höre nun mal auf mit dem Blogartikel. Ich finde, er müsste überarbeitet werden. Normalerweise würde er als „privat“ im Blog landen, aber ich übe mich ein bisschen, in die ungenierte gute alte Liveschreibe zurück zu finden.
Das Atelier ist am 19. und 20. September 2026 geöffnet. Kommt alle! https://www.offene-ateliers-bbkrlp.de/alle-ateliers-2026 (Suchwort irgendlink).
hab mit interesse gelesen, der journalist f ist fest in meinem gedächnis, auch als warnender mensch. ich sehe, du schwankst zwischen der ware kunst und der wahren kunst, dabei ist es ja deckungsgleich, du willst ja leben. so hoffe ich sehr, es kommen viele besucher zum fest und kaufen. ich bin inzwischen zu immobil zum reisen, schade. viel freude bei den vorbereitungen und hoffentlich zuspruch dazu. lieben gruß, roswitha
@kibmib
Sehr toller Text.
Wie wäre es, das Rad zu versteigern – und zwar ‚amerikanisch‘*?
Jede*r die*er mitsteigert, zahlt den Betrag, der höher ist als der letztgenannte Betrag. 🤭
* https://de.wikipedia.org/wiki/Amerikanische_Versteigerung
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