Alltag, der 28. Oktober 2026 – das eine Ende des Taus der Bedingungslosigkeit

Nun brummt mir doch ein bisschen der Schädel, in dem sich gerade alles befindet. ALLES. Gleichzeitig und sooo groß, dass es sich nicht einmal eben in zwei drei Worten oder Absätzen abhandeln und niederschreiben lässt.

Die Zeit ist reif, die Alltagstexte, wie ich sie zu Beginn der 2000er Jahre ins Blog stellte, neu zu „erfinden“. Freies Schreiben, ohne auf eine Struktur achten zu müssen oder sich auf ein Thema festzulegen. Wie das etwa bei journalistischer Arbeit oder bei Zwecktexten von Nöten wäre. In die Alltagstexte darf ALLES rein. Sie werden auch in der Regel nicht offen gestellt, sondern dienen als private Quelle für später einmal. Also für archivierungswillige Fremde, wenn der Künstler, moi même, längst gegangen ist. Träum weiter, Herr Irgendlink, Du hast doch selbst schon durchschimmern lassen, dass nach deinem Ableben nur noch eins kommt: Der Müllcontainer und seine Zwillingsschwester, die Löschtaste.

Zack. Finito. Ende. Aus.

Die letzten Tage habe ich eine Leiche wieder aufleben lassen: Mein Profil bei Steady, das es mir ermöglicht, einen Newsletter aufzubauen. Geschuldet ist die Mühe den beiden Mail-Eskapaden in diesem Jahr, in denen ich mit dem privaten Adressbuch alle meine Kontakte anschrieb, um sie auf die Ausstellung bei Becks aufmerksam zu machen und mein offenes Atelier. Die Resonanz war nicht gut. Das Mailing eine Qual und verwirrend. Schon überlegte ich, einfach alle Mailadressen bei Steady einzupflegen, ganz ohne die Erlaubnis einzuholen. Tu‘ das nicht, Monsieur Irgendlink! Du würdest es zwar anderen verzeihen, wenn sie das mit deiner Mailadresse tun, aber wer weiß, wer weiß und es soll ja sauber und lupenrein zugehen.

Ich habe gerade beschlossen, diesen Alltagstext im Blog als öffentlich zu markieren. Wenn Du bis hier gelesen hast und zu denen gehörst, die ich per Mail über Kunst- oder Reiseprojekte benachrichtigen darf, tu Dir keinen Zwang an, Dich kostenlos bei meinem geplanten Newsletter auf Steady zu registrieren. Die Anmeldemaske kommt ganz unten, damit sie den Lesefluss nicht stört.

Denn, ich möchte wie die letzten 25 Jahre schon grundsätzlich Euch allen alle (blogreifen) Beiträge kostenlos zur Verfügung stellen. Das ist mein Ende des Taus der Bedingungslosigkeit. Am anderen Ende stehst Du. Und es steht Dir alles offen. Inklusive – jaja, das müsste ich nicht schreiben, aber – inklusive, meine Beiträge und Gedanken gar nicht zu lesen.

Das letzte Wochenende habe ich hart am Steady-Profil gearbeitet und auch einige technische Probleme an meinem Server gelöst. Ich sag‘ nur und andere Vulnerabilitäten. Schwamm drüber. Gestern resümierte ich, dass ich wirklich etliche, wahrscheinlich sogar zig Stunden schuftete, ohne auch nur einen Funken Kunst zu schlagen. Einfach nur Verwaltungs- und Problemlösungszeug. Was mich frustrierte. Überhaupt nix dabei verdient! Denkt mein innerer Neoliberalist. Ich brachte ihn sonntags zum Schweigen. Denn mir wurde klar, wie sehr wenig es mir darauf ankommt, etwas zu verdienen, so lange ich irgendwie über die Runden komme. Somit: alles bestens. Gern geschehen.

Was bleibt ist die Zukunftssorge, die mich immer dann überkommt, wenn ich die jährlich exorbitant gering lautende Renteninformation erhalte: Das sieht verdammt nach einem Weg in die Altersarmut aus. Was also tun? Mich mit Armut abfinden ist sicher schon mal eine gute Lösung. Man sollte sich seinem (übermächtigen) Schicksal nicht sinnlos und kräfteaufreibend entgegen stemmen, nur, um am Ende doch nichts zu erreichen. Das sage ich mir selbst. Nur mir. Beziehe das nicht auf Dich.

Es mag paradox klingen, aber die Altersarmut, sie macht mir zwar Sorge, aber ich kann sie auch akzeptieren. Sie ist der Preis, den ich für mein jahrzehnte langes Freischaffenden-Dasein zahle. Gern geschehen.

Aber eben, warum nicht jetzt noch ein paar Weichen stellen? So stelle ich mir, die-Hoffnung-stirbt-zuletzesk vor, dass ich nur meine bisher ungenutzten Erzeugnisse – die viel zu wenige Menschen kaufen wollen, die ich aber mit Herzblut schuf und die ich selbst sehr mag – in den Mittelpunkt rücken sollte. Und nebenbei auf dem Fundament dieses Rohmaterials eine Community aufbaue und voià, am Ende, dann, wenn ich aus der Hilflosigkeit, die vielleicht kommt mit letzter Kraft den Finger hebe und rufe, ich bin hier, vergesst mich nicht (um es mit Troy McClure zu parodieren: Ihr kennt mich aus Filmen wie „UmsMeer“, „AnsKap“ und „Gibrantiago“). Dann sind viele von Euch da und es sind viele Fremde dazu gekommen.

Träum weiter, Kunstbübchen. Da ist die Löschtaste und dort der Container.

Jaja und im Anblick dieser Zukunftsperspektive hat mein ganzes Schaffen schon etwas Versöhnliches, fange ich an, mich sebst zu mögen (was ich hin und wieder ganz und gar nicht tue und was ganz schön destruktiv ist).

Was erwartet Dich, wenn Du mitkommst? Natürlich werde ich wieder radreisen und live von unterwegs bloggen. Ich werde filmen, Fotos machen, Kunstwerke im Smartphone gestalten, Texte wie diesen schreiben und bessere, kürzere. Nimm Platz auf dem Gepäckträger.

Zudem, die Idee kam gestern während der Archivarbeit, werde ich abgeschlossene Projekte im Steady-Portal zeigen – vor allem in den Phasen, in denen ich nicht radreisen kann. Etwas mit Film- und Tonbeträgen schwebt mir vor. Es wird sich entwickeln.

Der geplante Newsletter kommt etwa einmal im Monat. Während aktueller Projekte wie Live-Blogreisen und Ausstellungen unregelmäßig auch zwischendurch.

Im Ersten Newsletter werde ich im November 2026 mein mittlerweile archiviertes Paminablog aus dem Jahr 2018 vertonen.

Sodele, genug geredet. Danke fürs Lesen bis hierher. Da Steady und dieses Blog miteinander verknüpft sind, empfehle ich, Dich bei Steady kostenlos zu registrieren, denn dort werde ich künftig die Liveblogs und die Archivprojekte präsentieren.

INSERT_STEADY_NEWSLETTER_SIGNUP_HERE

Tschechows Paywall und wohin die Reise geht

Ein Jonglierspiel der feinen Künste. Wie jedes Jahr im Oktober beschleicht mich das Hadern, ob ich mit der Kunst weiter mache, oder dem Finanzamt schreibe, dass ich ab 1. Januar nicht mehr selbständig bin … es dürfte nicht hinreichend bekannt sein, dass in Selbständigengehirnen (zumindest in meinem) solche Gedanken regelmäßig aufkommen. Die Diskrepanz ist exorbitant zwischen der doch eher dürftigen Einkommensmarge, die sich alljährlich in der Steuererklärung niederschlägt und dem “was man so liest”, wenn man Stellenanzeigen liest: Boa, der und der kriegt als Anfangsgehalt dies und das und ey warte mal, das ist ja pro Monat so viel wie in meiner Steuererklärung fürs ganze Jahr steht!?

Kurzum. Oktober mal wieder. Herr Irgendlink hadert und stellt sich vor, wie es sich wohl anfühlt, einen Job – irgendwo – zu haben, zu dem man regelmäßig hin geht und abends dann einfach abschalten kann. Kann man das?

„Tschechows Paywall und wohin die Reise geht“ weiterlesen

Wildes Denken und Nachtfahrten

Edit: Dieser Blogbeitrag wurde anlässlich des Metalabor 11 in Villmar geschrieben. Der Text dient als Grundlage für ein experimentelles „Dunkelvideo“.

Vier Gramm wiegt der Zucker, sage ich, so sagt es die Waage, die nicht besonders genau ist. Was steht denn drauf auf dem Zucker, fragt sie. Öhm. Nichts oder Saint Louis. Die Packung ist so ein typisches, kleines Papierröhrchen wie man es portionsweise in Cafés in Rewe- oder Edekamärkten mitnehmen kann. Mit ihren brillianten Augen beäugt sie das Päckchen, steht nichts drauf. Hat kein Gewicht.

Vertrauen wir der Waage, die beim Auflegen eines einzelnen Salzstängleins immer noch Null anzeigt? Die beim Auflegen einer Packung Nudeln, auf der 500 Gramm geschrieben steht 560 anzeigt?

Wischiwaschitage. Längst wollte ich die Radreise ans Ende der Nacht aus den Archiven hervor gekramt haben und einen Film geschnitten haben. Aber immer, wenn ich einen Anlauf nehme, das Ton- und Video- und Bildmaterial zu sichten, überwältigt mich die Fülle, übermannt mich eine silberne Müdigkeit, verlässt mich der Mut, ermatte ich, könnte ich eine Reise in die Nacht, also nicht etwa eine Reise in die Nacht mit dem Fahrrad, sondern eher eine Reise in den Schlaf auf dem hauseigenen Sofa oder woanders wo sichs gut liegen und träumen lässt. Ein sicherer Ort, um sich aufzulösen und das strenge Konstrukt der Taggedanken, die einem stets logisch und unabwendbar notwendig erscheinen, abzustreifen. Im Schlaf kann ich dem Hirn genehmigen, dass es alles Gedachte in Einzelteile zerlegt. Die Teilchen chaotisch ausbreitet. Die Freuden des Traums hochleben lässt. Denke wild und unbewusst.

Alles was ich über die Nacht weiß, habe ich im Traum gelernt.

Die Videos sind auf mehrere Verzeichnisse auf verschiedenen Datenträgern verteilt, was es nicht einfach macht, sie zu sortieren. Der Kern der Mission lautete: Durchradele die Nacht. Der erste Versuch liegt ein paar Jahre zurück. Nordwärts auf dem Glan-Bliesradweg. Gut ausgebaute Bahntrasse. In Kirn ein später Einkauf kurz vor Einbrauch der Dunkelheit. Zu dem Zeitpunkt habe ich fast 100 Kilometer in den Beinen. Der ursprüngliche Plan, zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz zu radeln, scheiterte am Mut, den Hunsrück zu erklimmen und am Einbrechen der Dunkelheit. Nach dem Einkauf trete ich den Rückwrg an. Per Fahrrad in die Nacht. Das war mein erster Kontakt mit der Nacht. Auf der ehemaligen Bahntrasse kaum Verkehr. Trotz Ortskenntnis irre ich umher. Stark eingeschränkter Sehsinn im schmalen Lichtkegel des Dynamolichts. Die Radwegehinweisschilder hängen oberhalb des Lichtkegels. Aus dem Wald spiegeln die Augen der Wildtiere, wenn sie der Lichtkegel trifft. Stille und Geräusche, die man tags nicht hört, weil der Verkehr sie überlärmt und solche, die man tags nicht hört, weil sie nur nachts passieren. Fahrradkette surrt und etwas knackt. Täusche ich mich, oder bin ich tatsächlich mehr Ohr als sonst?

Wie man eine Banane schält bei vollkommener Finsternis, wie es sich anhört, wenn man die Schale abzieht, wie sich das haptisch … äh anfühlt … ach, die Banane überhaupt erst einmal zu finden im Reisegepäck. Hatte ich sie mit Expander auf dem Heckträger festgeklemmt? Ist sie in dieser Packtasche? Oder in der anderen? Hätte ich bloß vor Einbruch der Dunkelheit … Mittlerweile sind einige Monate oder gar ein Jahr vergangen seit der ersten Nachtfahrt und ich sollte wissen, dass es gut ist, vor Einbruch der Dunkelheit zu wissen, wo die Kopflampe im Gepäck ist, denn sobald das Radel steht, versiegt das Licht des Dynamos, steht man, bis eben noch von der Ohnehin-nur-Funzel geblendet da und hat nur noch Ohr und Tastsinn und die Nase allenfalls.

Bananen sind elementarer Bestandteil der schnellen Radreisenahrung zwischendurch. Wenn die Schenkel schmerzen und es an Isotonen mangelt, esse ich sie. Oder kurz vor Anstiegen. Die hier am Rhein-Rhône-Kanal zum Glück nicht zu erwarten sind. Ab und zu gehts ein paar Meter eine Schleuse hinauf. Jenseits von Straßburg führt der Radweg schnurgerade Richtung Basel. Die unheimlichen Sportgelände südlich der Großstadt mit ihren Fußballabendgebolzen und das Skateboardklappern eines hell erleuchteten Skategeländes liegen hinter mir. Für wenige Kilometer bin ich guten Mutes, bis ans Ende der Nacht radeln zu können. Doch es ist noch nicht einmal zwölf Uhr. Hintern und Beine schmerzen. Banane finden, Lampe finden, weiter radeln, anhalten, ermüden, wenn ich einschlafe im Sattel, jaja, das geht tatsächlich, stürze ich in den Kanal, der nur einen Meter neben dem Radweg verläuft. Bei einem Picknickplatz baue ich das Zelt auf. Eine Stange bricht. Ich kann das reparieren. Ich schlafe löchrig, aber ich schlafe.

Hat je ein Mensch das Ende der Nacht erreicht? Und wenn ja, gelangte er zu einer Erkenntnis?

Monate später im unendlich heißen Hochsommer 2026. Die Uhr zeigt 19:37 am übelsten Bahnhof jemals, Pirmasens-Nord. Ich habe den Umstieg verpasst. Ein Blick in die Bahnapp zeigt, dass es ohnehin ein Wunder war, die 25 Kilometer ab Zweibrücken mit dem Zug zu fahren. Alles rot von ausfallenden Verbindungen, bis auf diese eine, die mich 19:37 nach PS-Nord brachte. Also gehts ab hier los über die Südpfalz-Radwege nach Hinterweidenthal, wo ich eigentlich hätte aussteigen wollen, wenn der Anschluss geklappt hätte. Ich schaffe die 15 Kilometer in 40 Minuten. Schwinge mich auf den Radweg nach Süden, erwische einen spät offenen Pennymarkt in Dahn, kaufe einen Bund Bananen, Cola, Konserve und ein Bier, falls ich doch irgendwo übernachten sollte und ein Feierabendbier haben möchte. Die Strecke durchs Elsass in die Schweiz kenne ich in- und auswendig. Am Radel sind alle Akkus geladen. Das Licht brennt. Die Nacht senkt sich. Dieses Mal könnte es klappen. Die unsägliche Hitze tagsüber von fast 40 Grad, zwingt einen förmlich, in die Nacht auszuweichen. Etwa 300 Kiometer liegen vor mir. Also schon einmal genug Strecke. Selbst wenn ich sehr schnell bin und keine Pause mache, werde ich die 300 Kiometer in den nächsten Stunden nicht aufbrauchen können. Gegen vier oder fünf Uhr ist der Spuk vorbei, werde ich es geschafft haben. Nächster Stopp Lembach. Ich radele auf der Straße. Das einzige Auto, das mich überholt, fährt langsam an mir vorbei. Scheibe geht runter und eine Frauenstimme sagt Piste Cyclable. Ansonsten herrscht zu dieser späten Stunde absolute Stille, einzig gebrochen von Froschquaken hie und da und Grillenzirpen und natürlich Ketten surren und Stoßatem-Atemgeräusche, doch das nehme ich nicht wahr. In Lembach fülle ich die Trinkflaschen an einem der drei Trinkwasserbrunnen, wie auch in Soufleweihersheim bei einem Wasserhahn am Kanalhafen kurz vor Straßburg. Bin zuversichtlich, dass wenn ich den Meilenstein Straßburg durchqueren kann, ich es dieses Mal bis ans Ende der Nacht schaffen kann. Die Aussicht auf Hitze, die mich am nächsten Tag garantiert aus den Socken hauen wird, ist unheimlich motivierend, wach zu bleiben. Straßburg zu durchradeln ist einfach. Es gibt jedoch dieses eine Stückchen Radweg nur etwa 300 Meter lang, sehr schmal, das durch eine besonders unheimliche Gegend führt. Wenn ich in Straßburg nachts Radreisende ausrauben wollte, würde ich das dort tun. Ihnen den Weg versperren, sie zum Anhalten bringen, ihnen das Messer in die Nase stecken und ihnen unmissverständlich klar machen, dass sie Geld und Handy abgeben sollen. Ich überlege, was ich tun würde, sollte das tatsächlich passieren. Die Kreditkarte habe ich vorsorglich schon aus dem Geldbeutel genommen. Das Handy würde ich vielleicht in hohem Bogen in den Kanal direkt neben dem Radweg schleudern. Schwer zu sagen, was man tun würde, wenn man ein Opinel in der Nase stecken hat.

Wie schon öfter, geht es gut. Nie war ich so spät wie in dieser Nacht an dieser Stelle. Niemand lauert mir auf. Ich fotografiere die Lichter. Hinterm Hauptbahnhof zeigt der Tacho 100 Kilometer. Es ist kurz nach ein Uhr. Raus aus der Stadt dauert es noch eine knappe Stunde bis zu guten Lagerplätzen.

Alles was ich über die Nacht weiß, vergaß ich südlich von Straßburg.

Ein Geräusch. Ein Tier. Im Schummerlicht huscht ein struppiges Nutria über den Radweg und lässt sich in den Kanal plumpsen. Picknickplatz Erstein zehn Kilometer. Guter Lagerplatz. Ich widerstehe. Nächster Halt Marckolsheim, etwa 40 Kilometer. Ich rechne, zwei Uhr plus 40 Kilometer gleich vier Uhr. In Marckolsheim hat ein gutmütiger Mensch, der in einem alten Kanalschleusenhäuschen wohnt, eine kleine Bank aufgebaut, einen Tisch, einen Sonnenschirm, einen Mülleimer und vor allem einen riesigen Thermoballon mit eisgekühltem Wasser. Mein nächstes Wasserloch also. Die Müdigkeit hält sich in Grenzen. Die Nacht ist so heiß, dass ich ohne Frösteln im T-Shirt radeln kann.

Ich habe die Strecke bei früheren Fahrten tagsüber gefilmt, fotografiert, hab sie besungen, bewundert und verflucht. In jener heißen Nacht lief ein Diktiergerät mit, notierte ich Bilder auf Band, die ich wegen der Dunkelheit nicht auf Video oder Foto bannen konnte. Mehr noch, ich ließ das Hirn mäandern, teils fühlte sich das ein bisschen an wie Traum, die klaren Strukturen der Tagdenke zersetzten sich im Dunkel am Rand des Kanals. Wie träumen bei vollem Bewusstsein. Lucid. Einzelne Elemente liegen wie unsortierte Puzzleteile nebeneinander. Vielleicht ist es mit dem Denken nachts ja so wie mit Puzzle: Obschon die Grundmenge an Gedachtem exakt gleich ist wie beim fertig zusammen gebauten Puzzlebild, sieht es ganz anders aus und nur derjenige, der es schafft, das Unbewusste zu erlauben, kann es auch genießen. Denke wild und absichtslos.

Da ist ein möglicher Lagerplatz nördlich von Neuf-Brisach, der mir gefährlich werden könnte. Unweigerlich steuere ich darauf zu. Wann wird es endlich hell? Jetzt bloß nicht schwach werden. Da links schon Morgendämmerung? Kies knistert unter den Reifen. Nutrias hie und da. Frösche. Wind in den Platanenalleen und das holprige Voranstottern auf runzelndem Teer, der von ihren Wurzeln angehoben wird. Es ist zu warm, um müde zu sein. Blick auf die Uhr verliert sich im Dunkel jenseits des Lichtkegels. Als ob je ein Blick auf die Uhr den Lauf der Sonne beschleunigt hätte. Ich lausche. Ist das Morgenverkehrslärm? Östlich vom Kanal verläuft eine Landstraße. Wann fahren die Franzosen zur Arbeit? Fünf, sechs Uhr? Wenn das Zurarbeitleute sind, dann gibt es auch irgendwo eine frühaufe Bäckerei. If Zurarbeitfahrleute, then aufe Bäckerei; else Boulangerie fermeé. In einem Dorf verlasse ich den Kanal und tatsächlich, da hat schon eine Bäckerei auf. Rein, ein Kaffee, ein Éclaire und etwas Deftiges. Draußen neben dem Radel beobachte ich die Leute, die auf dem Weg zur Arbeit hier stoppen. Manche nehmen sich Zeit zum Plausch bei Kaffee. Die meisten kaufen nur kurz ein und fahren weiter. Einer lässt den Motor laufen. Uralte Karre, kann also nicht wegen der Klimaanlage sein. Ich könnte das Auto stehlen.

Welch fulminantes Ende für eine Radreise ans Ende der Nacht.

Offene Ateliers RLP 2026

Eine komplexe Hängung von etwa 30 gerahmten, unterschidelich großen Collagenbildern an einer weißen Atelierwand

Im Herbst 2026 (19. und 20. September) nimmt das Atelier Rinck an den Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz teil und präsentiert neue Arbeiten und Kunstkonzepte, sowie gemeinsame Arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen. Neben Collagen und Fotografien zeigen wir Fotos, Serien, Objekte und Kuriositäten. Mindestens ein Künstler (moi même) ist anwesend :-).

Die Schau baut auf auf der kürzlich in der Galerie Beck gezeigten Retrospektive 30 Jahre Irgendlink (unter dem Titel „Ich sah, Rad und schriebte“). Was in der Retrospektive unvollendet war, wurde fortgeführt und bleibt ein kleines bisschen weniger, aber immer noch unvollendet: der Künstler in Bewegung auf seinem Weg durch Raum und Zeit.

Samstags Open End – Gäste aus der Ferne: Kontaktiert mich, um Übernachtungsmöglichkeiten zu koordinieren. Gäste aus der Nähe: Kommt einfach. Ich freue mich.

Samstag 19. 09.  und Sonntag 20. 09. 2026 ab 14 Uhr

Blick durch die spiegelnde Scheibe auf ein Schattenreich iluminiertes Atelier in warmem Farbton. Ein Mann steht neben einer Leiter und einem Staubsauger und bestaunt eine Wand mit etwa dreißig unterschiedlich großen Bildern in Petersburger Hängung.
Herr Irgendlink beäugt in Situ nach getaner Arbeit die „Petersburger Hängung“ einer Serie von Collagen (Foto: Denise Maurer).

Rings um Zweibrücken geöffnet sind an diesem zweiten Wochenende der Aktion Offene Ateliers RLP auch das Atelier Lebong in Homburg Erbach und das Atelier Köcher in Bexbach. In Rosenkopf ist das Atelier von Artur Bozem am ersten Wochenende geöffnet.

Alle beteiligten Ateliers findest Du unter

www.offene-ateliers-bbkrlp.de

An den beiden Wochenenden des 12./13. und 19./20. September öffnen zahlreiche Künstler:innen in ganz Rheinland-Pfalz ihre Ateliertüren. Sie laden herzlich dazu ein, einen unmittelbaren Einblick in ihre Arbeitswelt zu gewinnen, aktuelle Werke zu entdecken, ungewohnte Perspektiven kennenzulernen und sich über Kunst direkt an ihren Entstehungsorten auszutauschen.

Die Offenen Ateliers bieten eine wunderbare Gelegenheit, Kunst hautnah zu erleben, mit Kunstschaffenden ins Gespräch zu kommen und dabei vielleicht auch das eine oder andere besondere Werk für sich zu entdecken. Viele Ateliers überraschen zudem mit individuellen Rahmenprogrammen oder Gastkünstler:innen – lassen Sie sich inspirieren!

Und Schlaf nach Gutdünken

Erkenntnis gestern beim Rumgeistern im Atelier: Der Weg der Anderen, von dem ich ja schon sehr lange weiß, dass er nicht meiner ist, kann gegangen werden und ich bin ihn auch oft genug gegangen. Es fiel mir kein eigener Weg ein, der gangbar wäre. Stehenbleiben ist auf Dauer keine Option. Dass es einen eigenen Weg gibt, ist zwar nicht bewiesen, aber ich glaube daran. Wie also finde ich ihn?

Ganz einfach: Der eigene Weg kommt zu dir. Du kannst ihn nicht erzwingen, nicht herbei zaubern. Du kannst ihn nicht parallel zum Weg der Anderen erschaffen, ihn pflastern und nutzen. Er ist unsichtbar immer vorhanden, bloß wo? Das kleine Teufelchen versteckt sich wie eine Ameisenkolonie, die unter den Fundamenten deines Hauses einen Staat errichtet hat und einmal im Jahr durch Ritzen in die Küche kommt zum Plündern.

Meine Arbeit ist Tanz geworden. Zwischen Aufräumen und Entrümpeln kreiere ich neue Kunstwerke und nehme dabei keine Rücksicht auf allfällige Dilletanz. Weiter weiter weiter. Es ist wie Radfahren: Wenn es nicht schnell geht, geht es eben langsam und im Notfall musst du schieben, aber jeder Meter Artist in Motion bringt dich ein Stück weiter.

Selbst die Ruhepausen, die ich im von Journalist F. geerbten Ledersessel verbringe und von dem aus ich mein Tagwerk bestaune, sind produktiv. Dann bewegt sich zwar nicht der Körper, dann hängt sich kein Bild, dann drappiert sich kein Objekt, aber das Hirn geht auf Wanderschaft. Ich schlürfe Kaffee, schlürfe Saft. Durch die Tür an der Südwand strömt ein heißer Wind. Ich sollte sie schließen. Jetzt nicht, Junge, Mañana murmele ich jack-kerouacesque, Mañana. Jetzt ist Ruhe. Das Hirn schreibt Artikelbeschreibungen für den Online-Shop und es terminiert ein bisschen vor sich hin, dann und dann das und das fertig, aber gemach, Junge. Das Hirn tut das ohne Zwang und aus freien Stücken.

Das Hirn ist gändig. Es treibt mich nicht an, setzt mich nicht unter Druck, so wie früher. Ach und was war das früher für ein nervenaufreibender Stress mit Ausstellungen, weil alles an einem zerrt und man müsste ja die Presse informieren und diesen und jenen auf die Einladungsliste setzen und dann einen riesigen Verteiler bedienen. Nein! So nicht. Mein Weg ist ein anderer. Während ich arbeite und mir Gegenstände zwischen die Finger kommen, die mit Erinnerungen geladen sind, fallen mir auch die Menschen ein, die hinter den Gegenständen stehen. Das ist der Moment, in denen ich diese Menschen kontaktiere. Eine Mail schreibe und zum Atelierfest einlade, persönlich und an die jeweilige Erinnerung geknüpft, die stark im Strom der Zeit treibt. Jetzt lade ich Freund XY ein, hab ich seinen Signalkontakt? Von weit kommt er, ich schreibe, wenn er vorbei schauen möchte, kann er ja ein paar Tage bleiben und sich neben der Kunst auch die Gegend anschauen. Im Garten zelten oder im Atelier auf dem Gästebett leben.

Und jetzt treffe ich gleich Freundin S. mit dem abben Bein. Dann hole ich sie mal ab ins Atelier. Zack geht der Körper aus dem Pausenmodus und ich setze eine Idee zur Verbesserung der Barrierefreiheit um. Schnell ist eine Rampe gebaut für diese eine Treppenstufe, die es zu überwinden gilt. Zwischendurch noch ein Objekt gestaltet, ein Bild gehängt, etwas repariert.

Und Schlaf nach Gutdünken.

Jaja, so muss das. Ganzheitlich irgendwie; die Blogbeiträge laufen auch nebenbei; sie gehören dazu und wartet erst einmal, wenn ich die uralte Schreibmaschine auspacke, was ich damit für tolle Dinge anstellen kann.

Ich muss Kohlepapier kaufen.