Verzicht

Es kommt selten vor, dass ich den Titel eines Blogartikels zuerst schreibe und dann den Text. Nachmittags schrieb ich: Verzicht. Der Tag galoppierte dahin. Mir wollte kein erster Satz einfallen. Bzw. morgens, während meiner Fahrt zur Assistenz zu Journalist F., hatte ich etliche Ideen für den Artikel und es gab ziemlich viele gute Satzfetzen, die allesamt im Nirvana meines Hirns verschwanden, irgendwo vergessen auf der A Namenlos rings ums Neunkircher Kreuz. Dementiert zwischen zwei Lastkraftwagen auf dem Weg zum Ziel.

Bevor ich mit dem Schreiben loslege, musste ich erst noch alles was wegfliegen kann auf dem einsamen Gehöft dingfest machen und alles was nasswerden kann unters Dach oder unter Planen packen. Die Wetterapp warnte vor Sturm und Regen. So verging der Tag und es ward Nacht.

Nun finde ich diesen Artikel, also eigentlich nur den Titel des Artikels und der erste Gedanke, der mir kam war, hey, bei dem Titel braucht es eigentlich gar keinen Text. Verzicht. Das Wort steht doch für sich alleine.

Warum ich nun doch diese Zeilen schreibe und damit einen ziemlich avantgardistischen, minimalistischen, künstlerisch hochwertigen Nichtartikel verderbe? Ich weiß es nicht. Ich bin nun mal eine kleine Plaudertasche.

Nachtrag: Beim Speichern des Artikels bemerke ich, dass es schon einmal einen Artikel mit dem Titel Verzicht in diesem Blog gab.

 

Die Welt gerade rücken

Ein feines Grün hat die Liebste da gemischt, matte Acrylfarbe auf Holzplatte als Untergrund für eine Collage, die wir gemeinsam gestalten wollen. Derweil ich schon am Schnippeln bin und erste Ideen kommen, was mit wem wie kombiniert ganz gut aussähe. Ein paar Buchstaben wie in einem dilettantischen Erpresserbrief sind auch unter den Schnipseln. Sogar ganze Worte wie Horizont, Welt, Fokus, Glück und ein ganzer Satz: Schön, dass es dich gibt. Dazu eine halbe Gitarre, etwas verstümmelt, zwei Streichholzschachteln, ein Plüschhundemotiv, eine lachende Frau mit Gipsbein auf Rollstuhl und eine komplette Ritterburg.

All die Fetzen drappieren wir auf der frisch gepinselten Holzplatte an einem Sonntag vor vier Wochen. Hadern mit dem Festkleben. Das lassen wir mal über Nacht liegen. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Doch am nächsten Tag ist wie immer die Zeit so elend knapp, dass die Liebste schon bald ins Auto steigt und heim fährt. Unvollendet und lose liegt das Kunstwerk in Spe bis die Liebste letztes Wochenende wiederkehrt.

Doch statt endlich zu kleben, gibt es anderes zu tun und die Zeit rennt elendiglich. Sonntag schüttelt die Liebste das Tischtuch aus dem Fenster. Das kann man hier auf dem einsamen Gehöft ganz ohne Scham tun. Aber der Wind. Bläst die ganzen Collagenschnipsel vom grünen Brett, so dass ich sie mühsam aufsammele. Derweil die Liebste schon wieder unterwegs ist und es wieder nichts geworden ist mit dem Kleben. Ich lege das Plüschhundi neben die lachende Gipsbeinerin und gebe ihnen die verstümmelte Gitarre bei. Die Ritterburg unten direkt neben dem Wort Horizont und das Wort Welt rücke ich genau in die Bildmitte, jaja, die Welt gerade rücken, denke ich, das muss manchmal sein und wer, wenn nicht wir könnte das tun?

Mein unsortiert chaotisches Neuschwanstein-Puzzle ohne alle Teile

Eine Nacht wie mit der Axt gespalten. Zwei Uhr fünfundfünfzig wach. Kommt davon, wenn man um zehn Uhr schon ins Bett geht. Nachdem ich eine Weile hadernd hin und her wälzend verbracht hatte, stehe ich auf und schreibe. Schließlich bezahlt man mich dafür. Ein weiterer Baustein fürs Passfälscher-Projekt. Das ist ein ziemliches Flickwerk mittlerweile; aus Entwürfen, Unkorrigiertem, zu Verwerfendem und Weiterzudenkendem. Dennoch macht es Freude. Ich gewöhne mich langsam an die Unordnung, die ich früher beim Schreiben nie leiden konnte. Alles musste linear sein, eins aufs andere aufbauen. Die Puzzle-Technik mit verschiedenen Projekten in Arbeit praktiziere ich erst seit ein paar Monaten. Manchmal denke ich, ach, Irgendlink, pack doch alles offen und frei zugänglich in dieses eine Blog hier und überlasse es dem Universum. Kümmere dich nicht ums Formen, Korrigieren, Zurechtrücken. Mein unsortiert chaotisches Neuschwanstein-Puzzle ohne alle Teile läge ausgebreitet auf einem Tisch. Dazwischen Alltägliches, Werkzeug, Nichtdazugehörendes, Essensreste, ungespültes Geschirr. Was für ein Bild. Hier ein Fetzen bauesoterischer Krimi (bzw. Nichtkrimi), da der Passfälscherbausatz und irgendwo dazwischen schon weitgehend zusammengefügt die alten linearen Reiseblogprojekte. Letztere sind in der Tat fast alle in diesem Blog gelistet, liegen zwischen Unsortiertem klar erkennbar auf meinem Puzzletisch.

Nachdem ich den Text gehackt hatte, der so eine Art Nexus werden soll zu einer zweiten Phase Passfälscher, war die Kälte bis in den Kern des Körpers vorgedrungen. Ich hatte kein Feuer im Ofen. Die Wohnungstemperatur liegt nachts bei 14 Grad, was nach dem sattkalten Winter zum Glück nicht so sehr schmerzt. Dennoch war ich gegen fünf Uhr völlig durchfroren, kroch zurück ins Hochbett und schlief zusammengerollt wie eine Katze wieder ein.

Nun wachzwitschern die Vögel. Ein weiterer guter, frühlinghafter Tag beginnt. Ich werde dem Freund Journalist F. wieder assistieren, einkaufen, Wäsche und solche alltäglichen Dinge.

Ein Akt der Hygiene

Es muss ein Ende haben mit dem Stimmengewirr, mit dem von Unwahrheit, Spekulation und Irrtum verseuchten Informationsstrom in den sozialen Medien. Deshalb habe ich den guten alten WordPress-Reader reaktiviert und werde künftig den handverlesenen Blogs, die ich dort eingetragen habe mehr Aufmerksamkeit schenken. Twitter und Facebook, denen ich in den letzten Jahren zu viel Aufmerksamkeit schenkte, kommen mir vor wie ein verseuchter, dreckiger Fluss, der mein Hirn umkrempelt.

Ein Akt der Hygiene, sich Whatsapp und Co wie Hundescheiße vom Schuh zu wischen.

Tänzelnd auf dem Hochseil des Broterwerbs von einer brotlosen Zunft in die nächste

Wie in stereo aufgenommen läuft die Befindlichkeit diesertage. Durchaus Positives wird überlagert von einem übersteuerten Kanal alles Miesen. Elend und Tristesse ringsum, so dass es mir schwer fällt, einen guten Flow zu finden, mehr noch, überhaupt irgendetwas konsequent zu Ende zu bringen.

Verflixter Weise steht auf dem Zapfhahn Super E5 für unverschämte 1,379 Euro pro Liter. Das ist zugegebener Maßen besser als die 1,429 Euro, die ich morgens für zehn Liter auf fast trockenen Tank zahlte, aber eigentlich hätte ich den Rüssel mit dem billigeren E10 gewollt im Angesicht der Unverschämtheit des Preises und des klammen Geldbeutels. Ich bin total verpeilt an diesem Nachmittag. Froh, dass ich den E5 und nicht versehentlich den Dieselrüssel erwischt hatte.

Nur hundert Meter trennen mich von der billigsten Tankstelle des Saarlands, bei der ich normalerweise tanke. Eine kleine Absteige für Benzinjunkies in einem unattraktiven Industriegebiet am Rande der Autobahn. Problem: Mir will und will der Code zur Bankkarte nicht einfallen. Nach mehrmaligen falschen Versuchen gebe ich auf und fahre zur Nachbartankstelle, dieser hier, mit dem ausversehenen E5-Rüssel. Hier akzeptiert man auch Bargeld.

Ein wahrer Tankstellenstrich ist das an der Bundesstraße, die von Saarbrücken nach Homburg führt. Eine Tankstelle an der anderen und es herrscht reger Preiskampf. Diejenige mit dem falsch eingegeben Code ist die Billigste. Immer.

Ein ziemlich verwirkter Tag, an dem ich bald zweihundert Kilometer unter Gummi nehme, um meinen Freund Journalist F. zu einem Arzttermin zu bringen. Schon gleich nachdem ich ihn abgeholt hatte, begann das Unglück. Auf der Autobahn verpasse ich die Abfahrt und die nächste Abfahrt ist gesperrt, so dass wir einmal rund um die Universitätsstadt fahren und uns schließlich von Norden dem Klinikum nähern, wo Freund F. feststellt, dass er seine Papier zu Hause vergessen hat, insbesondere den negativen Covid-19-Test, den er für die Untersuchung braucht. Also F. schon einmal bei der Praxis rauslassen, warten kann er auch ohne Test, und zurück zur Wohnung, Papiere holen, wieder zum Arzt et voilà. Die Wartezeit fahre ich nach Hause, nicht sehr weit von der Klinik entfernt und hoffe, den Heizungsbauer zu treffen, der sich für vormittags angesagt hatte und nicht kam. Auch nun kein Heizungsbauer. Wie auch. Heizungsleute sind bauesoterisch betrachtet ja zirkulative Wesen, ständig im Fluss, Chimären zwischen Vor- und Rücklauf, sozusagen. Nie und nimmer zu fassen. Ich döse vor dem Holzofen, bis F. anruft, habemus fertig und auf gehts ins geliebhasste Vehikel … mit dem letzten Tropfen im Tank (morgens tankte ich ja nur widerwillig und demonstrativ wenig für 1,429 Euro) bringe ich den Freund nach Hause und freue mich auf die billigste Tankstelle gleich gegenüber seiner Wohnung, abernaja, das Hirndebakel mit nicht erinnerter Kartennummer, wie schon erwähnt. Sowas passiert mir sonst nie.

Nun, da ich wieder daheim bin, eine Weile geruht habe, ist die Kartennummer wieder präsent. Hoffentlich wurde die Karte nicht gesperrt wegen der Fehlversuche.

Alles in Allem ein ziemlicher Scheißtag also. Aber auch nicht, denn wir haben ja Stereo. Vielleicht klingt es ja schon ein bisschen durch hier im Artikel. Den Heizungsbauer und mit ihm die Bauesoterik erwähnte ich ja nicht nur zum Spaß. Seit einiger Zeit vergnüge ich mich in Minuten, in denen ich des Denkens fähig bin nämlich wieder mit dem verrückten Buch über die bauesoterischen Phänomene, das ich schreiben werde. Es ist ziemlich viel Material aufgelaufen in den letzten Monaten, das ich sortieren muss. Beflügelt durch die intensivierte Schreiberei und das Passfälscher-Projekt seit Beginn der Pandemie, habe ich Hoffnung, dass ich bald ein gutes, unterhaltsames Buch über die Bauesoterik schreiben kann. Die Welt als Verquickung horizontaler, vertikaler und zirkulierender Begebenheiten. Mir schwebt eine Art Nichtkrimi vor im Stil von Flann O’Brians ‚Der dritte Polizist‘.

Im Rückblick auf das vergangene Jahr, muss ich mir eingestehen, dass ich wohl eine Umschulung vom freischaffenden Künstler zum Schriftsteller durchlaufe.

Meisterlich geradezu, wie der Herr Kunstbübchen, moi même, auf dem Hochseil des Broterwerbs von einer brotlosen Zunft in die nächste tänzelt.