Zwei Halbimpfprinzen im diffusen Geschiebe der Security

Einen schönen kleinen Ginster habe ich mir da ausgesucht zum Pinkeln. Der einzige Ginsterstrauch auf dem riesigen, gut zweihundert Meter langen Parkplatz am Nordende des Großklinikums. Mannshohes, gelb blühendes Gewächs. Leichter Nieselregen. Fast fühlt es sich an wie Irland. Windumwehte Nase, schöne frische Luft, im Hintergrund unberührter Wald. Ein Fetzen Stille, kurz bevor der Rettungshubschrauber einfliegt.

Es ist ja heutzutage so schwer, gute Toiletten zu finden. Frühmorgens, ein paar Stunden zuvor, nutzte ich die Wartepause beim örtlichen Schnelltestzentrum, um nebenan auf dem Friedhof in der Nachbarstadt eine Toilette zu suchen. Nur mal kurz pinkeln. Tu‘ immer das, was deine Blase dir sagt. Im Testzentrum wies man mich schulterzuckend ab, keine Ahnung, wo es hier eine öffentliche Toilette gibt. Also schlenderte ich rüber zum Friedhof, flanierte zwischen Gräbern zur Kapelle. Dort müsste eigentlich ein Örtchen sein. Es ist nicht besonders dringend, zum Glück. Friedhofsarbeiter bedauert, dass das WC dieser Tage geschlossen ist, Sie wissen ja, die Pandemie! Man müsste ständig desinfizieren. Schamlos frage ich, ob es womöglich einen Komposthaufen gibt, einen abgelegenen Ort der Verrottung. Der Arbeiter grinst verschmitzt und zeigt mir den Weg. Hinter einem Container werde ich fündig, etwas schäbig, vertretenes Gelände, ab und zu Tempotaschentüchlein, aber keine Tretminen.

Der Test ist gewohnt negativ, zum Glück. Ich mache Einkäufe und wage sogar, zum örtlichen Baumarkt zu fahren, denn die Windschutzscheibe bildet einen schlimmen Riss aus, den man vielleicht mit einem Reparaturkit stoppen könnte, bis man endlich mal die Reparatur angeht. Vor anderthalb Monaten schleuderte mir ein Transportfahrzeug auf der Autobahn einen Stein auf die Scheibe. Mächtiger Knall, aber nichts zu sehen. Erst ein paarhundert Kilometer und viele Tage später bildete sich ein Riss. Die Einschlagstelle war unterhalb des Scheibenwischers im schwarzen Randbereich der Scheibe, so dass ich das Loch nicht bemerken konnte. Der Riss wanderte im Laufe der Zeit aufwärts, wurde sichtbar, machte schließlich eine Biegung etwa eine Hand breit über dem Wischer und kehrte zurück zum Ursprung. Der Geheime ‚Riss-in-der-Windschutzscheibe-Friedhof‘. Am Ende ihres Lebens begeben sich alle Risse dorthin zurück. Wie die Elefanten. Nur eben als Riss. Soweit so gut. Ein runder Riss kann nicht weiter Schaden anrichten. Vor einigen Tagen tauchte ein weiterer Riss auf, der dem anderen parallel folgte. Stoppte, machte eine Kurve, setzte seine Spaltung fort, stoppte wieder. Wenn das Auto nicht in der Sonne steht, schreitet der Riss nicht voran. Nur wenn es warm ist, wandert er, schlägt Haken. Noch ist nicht abzusehen, ob er weiter nach oben führt, oder ob er wie sein Ahne zum Friedhof der Scheibenrisse zurückkehrt und sein Dasein beendet.

Im Baumarkt wies man mich ab, weil ich kein Handwerker bin. Da dürfen nur Arbeitende rein. Ich könne aber gerne im angegliederten Gartenmarkt Zwiebeln kaufen oder Topfpflanzen oder Samen oder das Gewünschte im Internet bestellen und später abholen.

Unverrichteter Dinge kehrte ich heim, vergaß zu tanken, bzw. man tankt nicht gerne, wenn man mit einem angezählten Auto umher kutschiert.

Wieder zu Hause kam eine Botschaft von Journalist F., der momentan in der Klinik im Nachbarstädtchen logiert. Zigaretten, Handtücher, Zahnbürste, Rasierzeug und so weiter würde er benötigen, just als der Himmel die Pforten öffnete. Was es etwas komplizierte, die Strecke mit dem Radel zu fahren. Also doch Auto. Tankstelle. Laden Nummer eins war proppenvoll, nichts für Typen wie mich, selbst in Nicht-Pandemie-Zeiten würde mich das Betreten eines solch vollen Geschäfts Überwindung kosten. Weiter zum nächsten Laden in einem Dorf, wo es gemächlicher zuging. Und pünktlich beim Treffpunkt mit F. vor dem Eingang der kosmodämonischen Klinik, wo wir die Ware übergaben wie Dealer im Park, eine schnelle Zigarette rauchten, argwöhnisch beäugt von der Security. Ein unangenehmes Gefühl ist das, so zwischen Tür und Angel in einer Halbwelt der Legalität ein paar tröstende Worte zu wechseln, einen aufmunternden Blick, ein Schulterklopfen. Journalist F. und ich sind immerhin beide halbgeimpft, was es ein bisschen moderater gestaltet, sich zu treffen. Obendrein bin ich eingetragener Pfleger für ihn, versichere ich der Securityfrau. Zwei Halbimpfprinzen im Elend dieser Zeit, das sind wir.

Der arme F. erzählt mir, dass er wohl noch bis nächste Woche bleiben muss. Ganz starker Tobak für die Psyche sei das. Mit drei weiteren alternden Patienten auf einem Zimmer. Dreihundert Jahre Elend vereint auf vielleicht dreißig Quadtratmetern. Einer habe keinen Magen mehr, der andere habe wohl Krebs, wolle es aber nicht wahr haben und der dritte würde von Tag zu Tag weniger, falle vom Fleisch. Ein ständiges multiples Getelefoniere, Geschnarche, Geräuspere und Gestöhne.

So sieht wohl die Hölle auf Erden aus, denke ich, als ich in den Regen stapfe. Manchmal möchte man auf die Knie fallen und die Hände zum Himmel recken und flehend schreien oder umgekehrt.

Schon sehe ich das Auto, müde die steile Straße zum Parkplatz gehend. Schranken öffnen sich, lassen Bediensteten-LKW passieren, schließen sich wieder. Ich und meine Blase wie wir gut miteinander sind und dieser Ginsterstrauch ganz hinten im Eck, der einem das Gefühl gibt, wie es einmal gewesen sein mag vor vielen zig Jahren im frühlingsverregneten Irland. Ich lasse es laufen.

Haferflocken, die halbe Miete der Künstlerernährung

Vieruhrfünfunddreißig. Letztes Jahr um diese Zeit wäre ich vermutlich aufgestanden. Runtergeklettert aus dem Hochbett, Kaffeewasser aufgesetzt, ran an den Klapprechner. Letztes Jahr um diese Zeit schrieb ich Radlantix.

Letztes Jahr um diese Zeit hatte ich Kraft. Oder eine Vision wie es weitergehen könnte oder eine Perspektive. Ich konnte mir Dinge vorstellen. Tagesabläufe, Wochen- und Monatsgebäude errichten. Es gab Zukünfte und ich hatte Freude an Vergangenheiten. Vielleicht sind es Zukünfte und Vergangenheiten, die die Gegenwart ausmachen, also die glückliche, gelebte Gegenwart? Glückliche Gegenwart bedeutet vielleicht, dass man auf  Vergangenheiten zurückblickt und sich an ihnen nährt. Dieser Ereignisstrang hier und jener da und wie sie ineinander verwoben sind, fette Beute gelebten Lebens. Und es bedeutet vielleicht, dass man Zukünfte denkt: ich könnte dies oder jenes, in einem längeren oder kürzeren Ereignisstrang zusammengefasst, ein Ziel … welch gar merkwürdiger Morgen, welch merkwürdiges Erwachen, das sich am ehesten als ‚da ist nichts mehr‘ klassifizieren lassen könnte. Ich wälze mich hin und her. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. An Aufstehen auch nicht. Selbst an Denken ist nicht zu denken. Versuche mich zu erinnern an das vergangene Jahr. Kaum ein Fixpunkt. Nichts Besonderes.

Seit Tagen habe ich das Haus nicht mehr verlassen. Es gibt nichts zu tun, also eigentlich gibt es sehr viel zu tun, aber eben, es gibt in diesem Zustand nichts zu tun; kann weder wieder einschlafen, noch den Tag planen, noch über irgendetwas nachdenken. Im Garten wäre viel Arbeit. Zwei Zucchinipflanzen und eine Tomate sind schon draußen und ein paar Zeilen Kartoffeln immerhin. Legst du mich im April, komme ich wann ich will, sagt die Kartoffel, legst du mich im Mai, komme ich glei(ch). Und: Die Kartoffel will die Glocken läuten hören, sprich, nicht zu tief unter die Erde. Die Blätter der Zucccini und der Tomate haben weiße Flecken angesetzt. Mehltau womöglich. Es war unheimlich trocken die letzten Wochen, kaum Morgentau, kein Regen, einmal gab es Nebel, glaube ich. Mehltau sei ein Sommerpilz, der Wärme und Trockenheit liebt. Gestern gelingt es mir irgendwie, eine Sprühflasche mit Seifenlösung anzumischen und die Blätter zu besprühen. Es war eine rechte Überwindung, die Seifenlauge zu mischen. Man sagt, Seifenlauge könne helfen. Das Internet sagt es. Es ist mir egal, ob die Pflanzen durchkommen. Ich bin recht gefühlstaub dieser Tage. Ambitionslos. Nein, eher antriebslos. Absichten schlummern noch in dem kalt gestellten Geist, das weiß ich. Manchmal stelle ich mir vor, ans Nordkap zu radeln. Im Juli könnte das gut passen. Oder mit Frau Soso nach Kihlangi zu fahren und auf dem alten Schmugglerpfad bis zu einer Kaltwasserquelle wandern, von der mir vor vielen Jahren einmal ein Mann erzählte, der im alten Schulhaus in Kihlangi wohnt und eine Art privates Museum betreibt. Eine Bühne voller alter Kettensägen hatte er mir gezeigt, spektakuläre Maschinen mit gigantischen Motoren, russische Modelle, schweres Gerät, ich weiß gar nicht, wie ein Mann alleine so etwas bedienen kann, aber egal, das könnte ich mir vorstellen, mit Frau Soso auf Auto-Wandertour durch ein unter ewigem Sommerhoch liegendes Ostseeküstenschweden.

Am Ehesten bin ich wohl nichts. Ich kann prima Sessel sitzen und starren. Das bereitet zwar keine Freude, aber auch kein Leid. Die Zeit vorbeirauschen sehen und dabei nichts empfinden. Hie und da eine Idee, was man tun könnte, vielleicht aufs Rad steigen und eine Runde drehen. Bloß wozu? Einkaufen gehen? Der Kühlschrank ist leer. Nur noch ein Stück Butter in Helgoland-Form mit waschechter Mini-Langer-Anna, reicht noch für das halbe Brot, das im Brotkasten liegt. Dazu Salz. Oder ein Glas Marmelade. Huch, Samstag ist Feiertag! Wochenende. Ich sollte einkaufen. Das denke ich gegen Morgendämmerung. Noch immer im Bett, schaue nicht auf die Uhr, es könnte halb sechs sein. Ich sollte aufstehen und mich aufs Einkaufengehen vorbereiten, vielleicht einen Blogartikel schreiben, diesen hier, bloß wozu? Ich habe keine Lust. Wälze mich weiter hin und her. Traumbilder, abstrakt. Verrückt.

Kürzlich schrieb mir ein Freund, er stehe nicht mehr auf, was mich bestürzte. Der Freund hat eine schlimme Krankheit. Ich nicht. Aber ich stelle mir trotzdem vor, wie es wäre, liegen zu bleiben. Ich könnte liegen bleiben mit nichts im Kopf und keinen Gefühlen und die Zeit verrinnt, ohne dass man es mitkriegt. Liegt dann irgendwann ein bärtiges, langhaariges, ungewaschenes Wesen mit ewig langen Fingernägeln und Zehennägeln … mindestens das Wochenende könnte ich durchhalten mit Bettnichtverlassen. Ich und mein Stück Brot und meine Butter, die im fast verzehrten Zustand aussieht wie ein Modell der Insel Helgoland mitsamt Langer Anna und Düne. Wasser dazu. Kaffee ohne alles. Spartanisches Künstlerdasein. Es gibt noch Haferflocken. Der Hahn kräht. Ein Rebhuhn gibt laut, Vögel zwitschern. An der fernen Straße erste Motorengeräusche. Als ich den Rechner aufklappe, zeigt die Uhr Fünfuhrvierzig. Ich eröffne den Artikel. Wenn ich schon nichts bin und nichts fühle und mir alles egal ist, kann ich machen was ich nicht beabsichtige und nicht fühle und mir egal ist, also einfach irgendwas. Es tut ja nicht weh. Es ist nur ein bisschen anstrengender, als zu sitzen und zu starren. Musse‘ Tasten quälen. Musse‘ Hirndenken, musse‘ Worte fügen, Alter. Worte ins Internet schreiben um niemanden zu haben, der sie liest oder kaum jemanden, alles ist so beliebig, so egal geworden. Im letzten Jahr kam mächtig etwas abhanden, stelle ich fest. Vermutlich ist die innere Leere deshalb so groß, weil der Verlust so groß war. Man es sich nicht vorstellen möchte, weil es weh täte.

Sechsuhr. Die Glocken läuten in der fernen Stadt. Seichtroter Himmel. Der Künstler will die Glocken läuten hören, die alte Kartoffel, ey!

Im großen Rund des Bundeslandes #UmsLand

Zaghaft schiebt das kleine weiße Händchensymbol die Karte entlang der gestrichelten Linie. Hangelt sich – über als unbewaldetes Land Gekennzeichnetes – entlang hellen Grüns hinüber zu einem Mischwäldchen, folgt dem offenbaren Radweg bis zu einem Dorf namens Langenbach bei Kirburg. Zoomfaktor was-weiß-denn-ich, ziemlich hoch jedenfalls; fast ist es wie echtes Radreisen. Ich erinnere mich an die Gegend. Eine kahle Hochgegend, durchdrungen von abundzuen Wäldchen. Viel Funkmast, Windrad und eine Ansammlung von Industrie, in der ich mich verirre, weil das Radwegeschild fehlt oder ein Laster oder ein Bus just in dem Moment davor steht als ich das fünfzig Kilo schwere Reiserad über die Kreuzung kurbele. Jedenfalls verirrte ich mich und kurbelte einen halben Kilometer in eine Richtung, ehe ich den Fehler bemerkte, umkehrte, in die Gegenrichtung zurück kurbelte. Deutlich ist der Schlenker auf der Karte zu sehen. Manchmal denke ich, Verirrungen sind nur Marker im eigenen Kopf, damit man sich besser an Situationen erinnert.

In der Tat sind Verirrungen auf Fernradwegen unvermutet oft auf das temporäre Verdecktsein der Hinweisschilder durch Reisebusse oder LKW zurückzuführen. Einmal verpasste ich die Abzweigung der Schweizer Radroute 53 am Bözberg im Aargau, weil ein Baustellenfahrzeug vor dem Hinweisschild stand. Arglos kurbelte ich bergauf, bis die Strecke so steil war, dass ich absteigen und schieben musste. Erst an der nächsten Kreuzung, an der partout kein Hinweisschild zu finden war, dämmerte mir, dass ich die Abzweigung verpasst hatte.

Kartenausschnitt mit darüber liegendem Popup eines Bilds, das ein Verbotsschild hinter engmaschigem Drahtzaun zeigt.
Kartenausschnitt Rheinland-Pfalz-Radroute

Das Händchensymbol, das der Mauszeiger annimmt, wenn man die Landkarte anpackt und verschiebt, um gedanklich vorwärts zu kommen, ist mir dieser Tage ein treuer Begleiter geworden. Langsam kommt ein grüner Bömpel, also ein Bildmarkierungspunkt ins Bild. Ich klicke. Ein Bild poppt auf, das ein Verbotsschild zeigt, das sich hinter einem engmaschigen Gitterzaun verbirgt. Durchgang Verboten ist da zu lesen. Ha! Das passt. Es gibt keine Wege mehr in dieser Welt. Es gibt nur noch PCs und Virtuelles. Tausend Tasten und Monitore und Mäuse und dahinter Tausend Bytes.

Oder ein paar mehr. Der Künstlerberuf liegt ganz schön auf Eis, diagnostiziere ich. Die Rheinland-Pfalz-Umrundung unter dem Hashtag #UmsLand im letzten Sommer war das Letzte, was ich beruflich gemacht habe. Seither herrscht Stillstand. Scharren mit den Hufen auf der Stelle. Ein ewiges Wetzen unruhigen Stillstehens, so dass man sich vorkommt wie ein grübelnder Dagobert Duck, kreislaufend, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

Der Beruf. Ach. Es ist kompliziert. In der Not gab es tatsächlich noch einige  Projekte in den letzten Monaten, mit denen ich Körper und Gemüt beschäftigen konnte. Fernab des ‚Kerngeschäfts‘: reisen und darüber berichten. Zwei sind noch in der Mache. Der Passfälscher ist an einem Punkt angelangt, an dem es virtuell nicht mehr weiter geht, an dem klar ist, dass ich nun hinaus muss in die Welt und das Blogprojekt live zu Ende bringen muss. Es geht nicht ohne echte Welt, stelle ich fest.

Das andere, gerade laufende Projekt ist ein ‚bauesoterischer‘ Roman, der sich zu meinem Erstaunen ganz anders entwickelt als gedacht. Zu Beginn des Literaturprojekts liebäugelte ich damit, eine Art Nichtkrimi im Stil von Flann O’Brians ‚Der dritte Polizist‘ zu schreiben. Stellte während des Schreibens fest, dass die Sache womöglich in einen banalen Regionalkrimi abdriften könnte, was mir gar nicht gefiel. Nicht noch so ein Zeugs, davon gibt es genug. Später nahm die Sache Züge an, die mich an Burroughs‘ Naked Lunch denken ließen. Kurzum, ich habe mich mit dem Buchprojekt hoffnungslos verirrt und es wird wohl nie den Blogstatus verlassen. Mir fehlt die ‚Stimme‘. Bzw. sie ist da, das spüre ich, das Schreiben geht mir virtuos von der Hand, so muss sich Musizieren anfühlen: es tun, es vergehen lassen, während des Tuns genießen, nicht darüber nachdenken. Schreiben ohne Absicht auf Basis einer Struktur, die schon von Anbeginn in einem steckt. Ich könnte mir vorstellen, dass Circulum Verticalis, so das Label meines bauesoterischen Romans, einmal ein gutes Buch wird, aber vielleicht bin nicht ich derjenige, der es zu Ende bringt.

Eigentlich war geplant, das Projekt Mitte April, also heute, vom Tisch zu haben. Ich hinke hoffnungslos hinterher, habe wohl etwa ein Viertel der Geschichte in Rohform gebracht. Allesamt privat gestellte Blogartikel. Ein echtes Buch daraus zu machen, ist das Ziel. Es scheint mir unendlich weit weg.

Wenn ich nur langsam genug bin mit meinem kleinen Mauspatschehändchen und die Karte in Zeitlupe entlang der gestrichelten Linie ziehe, brauche ich im Rund des Bundeslands vielleicht so lange, dass ich, wenn ich diese Stelle wieder erreiche, in ein zwei Wochen, Monaten oder Jahren, vergessen habe, was sich hier befindet oder ich entdecke neue Details, die mir bisher entgangen sind? Welch hanebüchene Kunstbübchendenke! Ha! Tatsache ist, dass ich mich sehr genau an die in echt bereiste Strecke erinnere, weil ich die Strecke nämlich schon zweimal bereiste. Einmal so ‚rum, einmal anders ‚rum. Dazwischen liegen drei Jahre. Nach der ersten Reise mit dem Patschehändchen der eigenen Maus auf der Landkarte, erinnere ich mich, erinnerte ich mich nicht so gut an die Gegend wie sie in echt ist, aber nun, nach der Auffrischung liegt das große Rund des Bundeslands Rheinland-Pfalz klar und deutlich vor mir. Ich weiß, wo die Strecke steil ist, wo es über Waldwege holpert oder entlang stinkender Bundesstraßen und wo die ‚Zonas de Descanza‘ (Link zu Radlantix/ZwAnd2020 einfügen) in Form von Bahntrassenradwegen verlaufen.

Ist fast wie Impfen. Auffrischung.

Verflixt, jetzt isses doch ins Blog gelangt, das längste aller kollektiven medialen Dauerthemen. Der Kalte Krieg war ein Klacks gegen diese Pandemie. Nie fühlte sich das Leben endzeitlicher an, für mich persönlich. Die gefühlsmäßigen Parallelen zum Kalten Krieg vor fast vierzig Jahren sind ähnlich. Die Psyche, so spüre ich, tickt ähnlich. Problematischer Weise ist der Körper schon so angeschlagen, dass er das Ganze nicht mehr so einfach wegsteckt wie damals. Aber ja, die unterschwellige Dauerpanik, die Perspektivlosigkeit, ich erhalte gerade eine Art Auffrischung von Endzeit, vielleicht. Was hat dieser Gedanke nun in diesem Blogartikel zu suchen? Eigentlich wollte ich das Thema Pandemie ja ausklammern und mit mir selbst ausmachen, aber nun … ja, Endzeit, das ist der Anker und was es für uns Künstlerinnen und Künstler bedeutet und natürlich für alle anderen Menschen auch: Das Gespür für zu knappe Zeit. Für dahin rinnendes Leben. Das nahende eigene Ende ist sicher nicht das Ende der Welt, sonst wäre längst alles geendet weil seit jeher Menschen apokalyptische Gedanken hegten und immer schreckliches passierte, wovon sich der Erdenlauf aber auch mit all seinen Wesen wieder erholte … das eigene kleine Ding retten und sich ins weite Feld jenseits der Struktur begeben.

Inhalt, Inhalt, Inhalt, um es einmal auf die Blog- und Selbstdokumentationsebene zu bringen. Die Zeit wird nicht reichen, die Dinge, die mir vorschweben, sei es nur ein bauesoterischer Roman, so zu fügen, dass sie eine mir gefällige Form annehmen. Ich muss jedem Versuch widerstehen, mich um eine Form zu kümmern, bevor ich nicht den Inhalt, der seit Jahrzehnten in meinem Hirn wächst, sichtbar gemacht habe.

Doch das nur als Randgedanke.

 

Landkarte mit viel Grün und einer rötlichen gestrichelten Linie, auf der ein Bildfenster aufpoppt, das einen großen neben einem kleinen Bagger zeigt.
Kartenausschnitt Rheinland-Pfalz-Radroute

Unheimlich langsam und konzentriert schiebt sich die kleine weiße Patschehand südwärts auf der Landkarte bis nach Nisterberg, klickt den grünen Marker und siehe, ein kleiner Bagger steht wie Piggeldi neben einem großen Bagger wie Frederick.

Verzicht

Es kommt selten vor, dass ich den Titel eines Blogartikels zuerst schreibe und dann den Text. Nachmittags schrieb ich: Verzicht. Der Tag galoppierte dahin. Mir wollte kein erster Satz einfallen. Bzw. morgens, während meiner Fahrt zur Assistenz zu Journalist F., hatte ich etliche Ideen für den Artikel und es gab ziemlich viele gute Satzfetzen, die allesamt im Nirvana meines Hirns verschwanden, irgendwo vergessen auf der A Namenlos rings ums Neunkircher Kreuz. Dementiert zwischen zwei Lastkraftwagen auf dem Weg zum Ziel.

Bevor ich mit dem Schreiben loslege, musste ich erst noch alles was wegfliegen kann auf dem einsamen Gehöft dingfest machen und alles was nasswerden kann unters Dach oder unter Planen packen. Die Wetterapp warnte vor Sturm und Regen. So verging der Tag und es ward Nacht.

Nun finde ich diesen Artikel, also eigentlich nur den Titel des Artikels und der erste Gedanke, der mir kam war, hey, bei dem Titel braucht es eigentlich gar keinen Text. Verzicht. Das Wort steht doch für sich alleine.

Warum ich nun doch diese Zeilen schreibe und damit einen ziemlich avantgardistischen, minimalistischen, künstlerisch hochwertigen Nichtartikel verderbe? Ich weiß es nicht. Ich bin nun mal eine kleine Plaudertasche.

Nachtrag: Beim Speichern des Artikels bemerke ich, dass es schon einmal einen Artikel mit dem Titel Verzicht in diesem Blog gab.

 

Die Welt gerade rücken

Ein feines Grün hat die Liebste da gemischt, matte Acrylfarbe auf Holzplatte als Untergrund für eine Collage, die wir gemeinsam gestalten wollen. Derweil ich schon am Schnippeln bin und erste Ideen kommen, was mit wem wie kombiniert ganz gut aussähe. Ein paar Buchstaben wie in einem dilettantischen Erpresserbrief sind auch unter den Schnipseln. Sogar ganze Worte wie Horizont, Welt, Fokus, Glück und ein ganzer Satz: Schön, dass es dich gibt. Dazu eine halbe Gitarre, etwas verstümmelt, zwei Streichholzschachteln, ein Plüschhundemotiv, eine lachende Frau mit Gipsbein auf Rollstuhl und eine komplette Ritterburg.

All die Fetzen drappieren wir auf der frisch gepinselten Holzplatte an einem Sonntag vor vier Wochen. Hadern mit dem Festkleben. Das lassen wir mal über Nacht liegen. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Doch am nächsten Tag ist wie immer die Zeit so elend knapp, dass die Liebste schon bald ins Auto steigt und heim fährt. Unvollendet und lose liegt das Kunstwerk in Spe bis die Liebste letztes Wochenende wiederkehrt.

Doch statt endlich zu kleben, gibt es anderes zu tun und die Zeit rennt elendiglich. Sonntag schüttelt die Liebste das Tischtuch aus dem Fenster. Das kann man hier auf dem einsamen Gehöft ganz ohne Scham tun. Aber der Wind. Bläst die ganzen Collagenschnipsel vom grünen Brett, so dass ich sie mühsam aufsammele. Derweil die Liebste schon wieder unterwegs ist und es wieder nichts geworden ist mit dem Kleben. Ich lege das Plüschhundi neben die lachende Gipsbeinerin und gebe ihnen die verstümmelte Gitarre bei. Die Ritterburg unten direkt neben dem Wort Horizont und das Wort Welt rücke ich genau in die Bildmitte, jaja, die Welt gerade rücken, denke ich, das muss manchmal sein und wer, wenn nicht wir könnte das tun?