Langstreckenwille v. Kurzstreckenwille

Die Nacht war löchrig, ich dennoch schläfrig genug, um wieder wegzudämmern. Der Mond schon nur noch halb oder gar weniger, merklich kühler draußen, obschon immer noch zu warm. Gegen Morgendämmerung hatte ich wieder den Impuls, mich aufs Radel zu setzen und drauf los zu radeln. Alleine, es fehlt das Ziel.

Ich muss beginnen zu unterscheiden zwischen Langstreckenwillen und Kurzstreckenwillen, denke ich; da klingelt was. Drei Jahre her als Freund Journalist F. im Koma lag und ich die schwere Aufgabe hatte, für ihn seinen medizinischen Willen durchzusetzen. Ich glaube, damals gab es zwei oder mehr Irgendlinks, die miteinander zeterten, zweifelten, erratierten, und zudem nach Außen mit einer vierköpfigen Ethik-Kommision debattierten. Gestern Abend saß ich mit der Mutter im Garten und da kam es wieder hoch, das damals, weil wir uns über das Ende unterhielten, das unweigerlich kommen wird und wie wir, besser gesagt wie sie sich das für sich vorstellte und ich dachte, ja, da müsste ich oder wer auch immer als Entscheidende oder Entscheidender vorne steht für den Fall, der hoffentlich niemals eintritt, ähnlich herangehen. Nüchtern, funktionierend, eigene Emotionen hintanstellend.

Wie sie mir gegenübersaßen, die Ethikleute, Chefarzt, Oberärztin, Pfarrer und Schlichter obschon wir in einer Runde saßen im kleinen Büro des Chefarztes und ich dennoch nur Gegenübers sah, in deren Kern der Chef stand, der mich immer wieder manipulieren wollte, dass doch alles prima gelaufen sei mit der OP und der jede meiner Fragen ignorierte oder abblockte, weil er nicht spekulieren wolle. Ob es andere Fälle gäbe, in denen das „so“ verlaufen wäre wie mit Journalist F. zum Beispiel. Darüber könne er nichts sagen. Mit „so“ meinte ich, das Herz schlägt, aber der Mensch liegt im Koma, wird und wird nicht wach und das hat der Chefarzt gewiss verstanden und ich dünkele, er muss eine Statistik haben, in der er genau sehen kann, der und der erwachte, die und die dämmerte dahin, andere sind gestorben und Journalist F. wäre im Kuchendiagramm bei denen, die im Koma sind und was passierte denn mit denen, wurden die je wieder wach oder liegen sie wo rum. So hatte ich die Frage zwar nicht gestellt. Aber gedacht und ich denke, er wusste auch genau, was ich meine und was ich wissen will und ich unterstelle ihm, dass er die Information absichtlich verweigerte. Es muss doch eine Erfahrung geben? Die Operationen dieser Art werden doch routinemäßig gemacht. Wie viele Menschen gingen „repariert“ daraus hervor, wie viele lagen soundso lange im Koma, wie viele tun das noch immer? Der Chef und ich waren nie Freunde. Der Schlichter schlichtete, die Oberärztin tat mir leid unterm herrischen Druck des Chefs und der Pfarrer seelsorgte zwischen den Zeilen, während ein paar Flure weiter Journalist F. an den Maschinen hing. Irgendwann redete nur noch die Kommision. Teils Dinge, die ich aus Fachwortunkenntnis nicht verstand. Es schimmerte durch, dass ich etwas unterschreiben solle, damit sie Journalist F. loswerden könnten, das Bett frei würde, er komatös in eine Frühreha gebracht würde. Sie debattierten ruhig, bis sie nach gefühlt endloser Zeit feststellten, dass ich nicht mehr mitredete. Da wurde mir die Macht des Schweigens bewusst und wie unheimlich es auf die Mitmenschen wirken kann und ich wurde mir ein kleines Bisschen meiner Selbst bewusst. Wie ich durchs Leben gehe und wie ich wegen meines still seins die Menschen offenbar verunsichere. Schon in der Grundschule bemerkte die Lehrerinnenschaft bei Elternsprechtagen regelmäßig, dass ich zu still sei. Unheimlich still! Ein großer Schweiger nannte mich der Musik- und Sportlehrer einmal.

Beklommen schauten sie mich an und der Schlichter sagte, ich glaube fast wörtlich, Sie sagen ja gar nichts, was meinen sie dazu und ich räusperte mich, ich habe alles gesagt und es gibt dem nichts hinzuzufügen. Dann raunten sie miteinander und es fiel der Satz, dann läuft es auf einen Rechtstreit hinaus. Ich sagte nichts.

Wir fünf hatten uns über zwei drei Wochen mehrfach getroffen zu einem Gespräch. Im Grunde, das ist bis heute geblieben und das ist mein Ding, ging es für mich darum abzuwägen, ob ich genau im Sinn von Journalist F. spreche, wenn ich sage, lasst ihn bitte gehen, er will das so und die Zweifel, die man mir streute waren unterschwellig teils mit Vorwürfen und Gewissens-Kitzeleien verbunden: Denken sie doch mal an sich, können sie mit der Entscheidung auch noch in einem Jahr leben? Muss ich, dachte ich, sagte ich aber nicht, sondern ich schwieg. Weil es ja meine Sache ist, das mit mir abzumachen.

Hier kommt die eingangs erwähne Sache mit Langstreckenwillen und Kurzstreckenwillen aufs Tapet. Ich glaube es war der Moment, in dem ich die beiden Willen erkannte und wie sie gegenläufig sein können, gleichzeitig sein können, einander überlagern und blockieren. Wenn es um ein Leben und die beiden Willensarten eines Anderen geht, ist es gewiss schwieriger, abzuwägen und einen Weg zu finden als wenn es um die eigene nahe Zukunft geht, in der ohnehin mehr als zwei Entscheidungen möglich. Im banalen kleinen Fall, dass mir jetzt und hier der Langstreckenwille abhanden gekommen ist, habe ich es doch so wunderbar einfach, weil es mehrere Kurzstreckenwillen gibt, auf die ich sogar gleichzeitig und nebeneinander hinarbeiten kann …

Eine Antwort auf „Langstreckenwille v. Kurzstreckenwille“

  1. @kibmib

    Was für ein Text. Da sind so viele Denkanstöße drin, an denen ich weiterkauen werde.
    Danke.

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