Das Mehr und Anders in der Hoffnung auf Besser während des Samstagfrüh-Einkaufgeschiebes in einer kleinen Stadt am Glan #UmsLand Tag 12

Schließlich Zweibrücken. Gegen achtzehn Uhr reite ich gestern Abend in die Stadt. Die Radroute zeigt sich, von dieser Seite in die Stadt kommend (im Gegensatz zum Rausritt nach Hornbach), etwas versöhnlicher, geradezu schön sogar. Über die Stadtteile Ober- und Niederauerbach gleitet man hinab zum Schwarzbach und folgt einem breiten Sandweg, mündet in eine Platanenallee, vorbei an Biergarten, Schwimmbad, viel mit Pferd und Festhalle et voilà, Herzogplatz. Hier war ich vor zwölf Tagen gestartet zur Radtour auf der Rheinland-Pfalz-Radroute.

Die gestrige Etappe: Noch nicht so ganz wach, verirre ich mich zunächst einmal ins Dörfchen Föhren-Linden. Stets abwärts rollend verschenkte ich schon früh etliche Höhenmeter und um noch eins draufzusetzen, fuhr ich nach einem Fotostopp in dem Dorf auch noch in die falsche Richtung weiter. Ich bin wirklich noch nicht ganz wach. Solche Dinge sind mir aber schon öfter passiert: oh, Fotomotiv, gleich mal gucken, Radel wenden, zurück und natürlich steht das Fahrrad dann in die falsche Fahrtrichtung. Wenn man sich ins Motiv vertieft, vergisst man manchmal alles. Der Track auf der Karte zeigt den kleinen Bug.

Das Motiv war übrigens eines, das jeder normale Mensch links liegen lassen würde, eine vermauerte Tür. Haltet mich für fanatisch, aber ich habe mich auf diese Serie eingeschossen und fotografiere zue Türen, wo immer es geht. Viele Motive dieses Sujets gingen mir auf der Runde ums Land ins Netz.

Die letzten beiden Tage Hunsrück und Westrich im südwestlichen Teil der Route gingen noch einmal richtig zur Sache. Viele Aufs und Abs, auch gestern wieder ein Ächzen über Berg und Tal, als wolle sich das Ziel, die Rückkehr, die Vernarbung seiner selbst mit dem großen Vorhaben und die Heilung auf den letzten Kilometern doch noch entziehen. Garniert mit dem eiernden Hinterrad, dessen Seitenwand bedrohlich von der Felgenbremse aufgeschlitzt ist und das jederzeit platzen könnte.

Auf dem Fritz-Wunderlich-Radweg geht es erst einmal durch Tunnel und Brücken nach Kusel, schön rein in die Stadt und hässlich entlang der Hauptstaraße wieder raus zum Tal des Flüsschens Glan.

Samstagsfrüh turbulente Welt. Ich betrete einen Wasgaumarkt in Altenglan, Bäckereitheke voller Leckereien. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und die kleine Frau, die gerade bedient wird, ist schon fast fertig mit zahlen, aber denkste, just als ich dran wäre, wendet sich die Verkäuferin hündisch einer Frau M. zu, die frisch von der Kasse ihr Wägelchen herbeischiebt. Frau M. hinten, Frau M. vorne und ich denke, naja, Frau M. ist eben wichtig und für mein belegtes Brötchen braucht sie sowieso viel länger, gönnen wir Frau M. diese fünf Minuten Ruhm. In der Tat könnten es fünf Minuten werden, denn Frau M. hat sich über den süßen Leckereien breit gemacht scharwenzelt wie eine Wespe um die Theke und noch drei von dies und fünf von das usw. Plötzlich geht es zu wie in einem Bienenschwarm, von überall Leute mit Einkaufswägelchen, vor mir, hinter mir, um mich herum. Die Situation ist dermaßen unübersichtlich, ich gehe.

Schwinge mich aufs Rad und denke über den Willen nach, darüber, was uns antreibt, und weshalb es zu Tummelei und Konflikten kommt und man ärgerlich werden könnte in dieser Welt, im Alltag, Zwist vom Zaun brechen, die Allgemeinstimmung versauen. Es ist ein Jammer. Ich habe doch alles,was ich brauche bei mir im Gepäck. Ich habe den Laden nur aus zwei Gründen betreten: weil ich etwas anderes wollte, als das was ich habe, ein Schnitzelbrötchen meinetwegen, statt mir von dem gar nicht mal so alten Brot in der Packtasche etwas abzuschneiden und es selbst belegen mit den Auchköstlichkeiten, die ich mitführe. Zwei drei Tage könnte ich bei gezügelter Lebensweise vielleicht durchalten. Und zweitens: Ich will mehr. Das Mehr und Anders in der Hoffnung auf Besser während des Samstagfrüh-Einkaufgeschiebes in einer kleinen Stadt am Glan.

Froh um diese Erkenntnis schaukele ich auf dem Glan-Blies-Radweg sanft steigend, manchmal auf Landstraße, später auf Bahntrasse gen Heimat, pausiere irgendwann und konsumiere mein Genug. Setze meinem Denkwerk noch eins drauf, indem ich zu dem Schluss komme, es ist nicht nur Ziel des modernen Menschen (also eigentlich kann ich da nur für mich sprechen, also mein Ziel), Dinge zu haben, mit ihnen zu leben, sie zu benutzen, sie zu essen, sondern der Kauf von Dingen, der Akt des aktiven Tauschs, Geld und Lebenszeit, gegen Ding gehört auch noch dazu. Deshalb begebe ich mich manchmal ganz gerne auf die Tummelplätze des Konsums. Ich habe fünfzig Jahre ‚Grundbedürfnis Kauf‘ geübt. Das kriegt man nie wieder raus.

Bis in die Gegend um Waldmohr bietet der Radweg keine große Herausforderung, weder Steigungen, noch brutale Straße, es ist einfaches Lullifulliradeln in lieblichen Landen. Erst in Bruchmühlbach-Miesau muss man einen extrem steilen Waldweg hinauf Richtung Lambsborn, steiler als der heimische Kreuzberg, vermute ich und etwa drei viermal so lang. Ich schiebe. Im oberen Teil auf der Landstraße kurbele ich wieder im ersten Gang. Kurz vor Martinshöhe eine Höhenangabe 425 Meter. Das sind ja schon fast Vinninger Verhältnisse (siehe erster Reisetag, 441 Meter waren es da).

Aber geschafft. Letzte nennenswerte Steigung vor Home. Ich bin sehr zufrieden, konsumiere in Wallhalben an der Backtheke eines Wasgaumarkts – dieses Mal erfolgreich – und lasse die Tour in der wunderbaren Weite der Battweiler Höhe ausbaumeln.

Auf dem Heimweg aus der Stadt, nur etwa hundert Höhenmeter trennen mich noch vor Home, ein Klacks, treffe ich die Administratorin des Zweibrücker Stadtradelns. Sie macht Fotos von mir mit Radel für die Stadtradeln-Promotion.

Vor ihrem Haus wächst ein Blauglockenbaum, der mit seinen armdicken Wurzeln treffsicher Wasser findet. Vor ein paar Jahren züngelte eine der drei Hauptwurzeln bis in die Regenrinne ihres Hauses, was Schäden verursachte und weswegen man die Wurzel kappte und weswegen, gespiegelt in die Krone, der Teil des Astwerks abstarb, der offenbar von diesem Wurzelzweig versorgt wurde. Faszinierend. Man sieht deutlich das gräßliche Loch der Amputation in der nun nur noch zwei Drittel großen Krone.

Die Geschichte fasziniert mich und ich überlege, einen Ringschluss herzustellen zur obigen Konsumgeschichte, das Kappen der Konsumwilligkeitswurzel beim Menschen verändert seine imaginäre Krone. Stirbt etwas ab, blüht etwas aus?

Aber dies ist wohl eine andere Geschichte.









Von Oberzerf nach Föhren – #UmsLand Tag 11

Punkt sieben Uhr früh beginnen ’meine’ beiden Windräder zu rotieren. Mit quietschendem Geräusch aus dem Inneren des Motorgehäuses wird irgendetwas justiert und dann flapp–flapp–flapp im Rund, das der leichte Hauch aus Südwesten diktiert.

Ein welliges Hochtälchen unter malerisch bewölktem Morgenhimmel. Die Sonne kämpft, Grau mit Tendenz zu Blau dominiert. Zieselige Himmelsstruktur, irgendwo auch ein Fitzelchen Orange, das aber bei Weitem nicht die Pracht des gestrigen Abendhimmels erreicht. Alpenglühen im Hunsrück, war das sozusagen.

Nein, nicht Hunsrück, Westrich oder Musikantenland oder wie man hier nahe Föhren, Körbach und Kusel so heißt. Bei Kronweiler – aber wohl eher knapp zehn Kilometer später und mit ein-, zweihundert Höhenmetern mehr in den Beinen bei Heimbach –, muss ich die Nahe überquert haben. Der Hunsrück endet an der Nahe und etwas anderes beginnt. Irgendwo las ich Westrich, eine Gegend, die ich eher gen Kaiserslautern einordnete, aber verflixt, das Land ist klein und die Gegenden von Rheinland-Pfalz tummeln sich wie spielenden Hunde auf Abendgassirunde. Vielleicht. Man verzeihe diesen Vergleich.

Warum verbinde ich Kronweiler und Heimbach mit dem Fluss Nahe? Weil durch beide Orte eine Bahnlinie verläuft und die Linie Frankfurt Saarbrücken folgt nunmal der Nahe. Ich vermute, Kronbach liegt an der Linie Kaiserslautern Baumholder. Ortsgeplänkel.

Auf der gestrigen Etappe ging es noch einmal richtig zur Sache. Zur Einstimmung auf den Hunsrück folgte ich einem Bahntrassenradweg, dem Ruwer-Hochwald-Radweg. Meiner Einschätzung nach der infrastrukturell bestausgebaute Radweg im Gesamt der Rheinland-Pfalz-Radroute. Infotafeln bei den Dörfern mit Hinweisen zu Geschäften und Übernachtungsmöglichkeiten, Infotafeln zu Historie und Landschaft, ein paar Automaten mit Lebensmitteln Tag und Nacht. Der knapp fünfzig Kilometer lange Radweg von Trier nach Hermeskeil ist auch Herberge für den Hunsrück-Radweg, dem ich eine Woche zuvor von der östlichen Flanke hinauf in den Hunsrück bis zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz folgte.

Ab Hermeskeil gibts dann Saures und spätestens kurz hinter dem Dorf Thiergarten ahnt man, dass sich Großes anbahnt, wenn man zwei, drei Kilometer auf schlechter, asphaltierter Waldwegestrecke fast schnurgerade im ersten Gang aufwärts schleicht. Unspektakulär mitten im Wald erreicht man eine Art Pass, befindet sich mit 722 Höhenmetern am höchsten Punkt der Radroute. Ein Schild weist einen Abzweig zum Erbeskopf aus, etwa sieben Kilometer entfernt und mit saftiger Steigung gekennzeichnet. Das spare ich mir und rolle Richtung Birkenfeld. Im Ort Abentheuer eine längere Pause. Rings um Birkenfeld ist einer der Schwachpunkte der Rheinland-Pfalz-Radroute. Hier muss man auf die Straße und sich die Route mit dem Autoverkehr teilen.

Erst ab Kronweiler schaukelt man wieder über geteerte Wald- und Feldwege. Die Gegend um Baumholder zeigt feine Hinweise auf Militär, etwa kuriose Schilder, die Funkwagenfahrer darauf hinweisen, die Antenne einzuholen, bevor sie unter Hochspannungsleitungen hindurchfahren. Ansonsten nur Wald und Windräder, Hügel mit Schmackes und deftigen Aufs und Abs und am Abend, als ich mich erschöpft schon nach Föhren abbiegen sah, um die Wasserflaschen zu füllen, stoppt ein Auto und die Fahrerin fragt, ob man mir helfen könne, und ich sage ’Wasser’ und sie sagt ’Wasser, ich habe immer Wasser im Auto’, Kofferraum auf, Wasser raus, Radler glücklich und – schwupp – steht auch schon das Zelt auf der nächsten Wiese.

Begegnung: Ich bin schon fast fünnfzig Meter weiter, als mir der Mann sehr seltsam vorkommt, an dem ich gerade vorbeisauste, wie er neben dem Fahrrad im Graben kauerte, wo nichts von Interesse ist und so rufe ich ’Brauchen Sie Hilfe?’ und es schallt zurück ’Alles in Ordnung, bin Fotograf!’ und ich rufe ’Ha, kenn ich, ich auch!’ und er ruft ’Aber mit echtem Film!’.

Es ist wie so ein feines Band, das bis zur Zerreißgrenze gedehnt ist. Wäre ich nur einen Meter weiter geradelt, wäre ich vielleicht nicht umgekehrt – das feine Band der Neugier –, so aber stoppe ich, wuchte das Fünfzig-Kilo-Gefährt auf dem Radweg um 180 Grad, radele zurück und auch der Mann kriecht aus seinem Gebüsch, eine alte Canon mit kleinem Festbrennweiten-Objektiv in der Hand. Keine Ahnung, was er in dem Gewust aus Ästen neben der ehemaligen Bahntrasse gesucht hatte.

Wir kommen ins Erzählen, dass sein Vater ein Maler war, dessen Werke in der Münchner Pinakothek hängen und dass der Vater schon mit 14 Jahren in die Kunstakademie in München aufgenommen wurde; ein Stilleben eines Wasserglases in Aquarell gemalt mit solcher Finesse, dass es die Aufnahmeprüfer überzeugte.

Wie zwei mächtige Schachfiguren beherrschen wir den Radweg. Radelnde von hie nach da müssen uns durchdringen oder vielleicht ist es auch mehr wie Sparring, zumindest was mein Gegenüber betrifft, der tänzelt wie ein Boxer und immer wenn eine Herde Radler:innen vorbei kommt, wechselt er die Position. Viele Geschichten erhalte ich in aller Kürze. Die Begegnung dauert nur etwa zehn Minuten. Von der Malerei gehts zur Musik, zum Jazz, zum Dixieland und über altsprachliche Bildung geht die dialogische Reise weiter zu den Grundfesten des Sehens und Erkennens, die für Künstlerinnen und Künstler aller Sparten, egal ob Musik oder Bildende Kunst oder Literatur gleichbedeutungsvoll sind und die man in frühen Jahren in der Kinderstube ausbildet.

Ich denke nach über mich selbst und komme zu dem Schluss, dass ich weder musikalisch noch bildnerisch noch literarisch Besonderheiten erfahren habe und das Einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass ich mit drei Jahren Fahrrad fahren gelernt habe. Was für ein Gefühl!

Viele weitere Begegnungen, meist nur sekundenknapp Lächeln und Gruß tauschend, manchmal etwas länger übers Wetter schwadronierend, es soll am nächsten Tag nur noch 17 Grad werden, der letzte heiße Tag sei das heute, erzählt mir der Friedhofsgärtner in Thiergarten mit hochrotem verschwitztem Gesicht. In Kronweiler ein kräftiger Kerl, nicht mehr jung, der sich über ein Geländer beugt und in das Bachtal schaut und als ich direkt neben ihm stoppe, um eine kleine Figur auf einer Mauer zu fotografieren, ruft er ins Off des hinter Hecken befindlichen Gartens seiner Frau zu, schon wieder einer, der den kleinen Trinker toll findet.

Mit Anfang bezeichnete Rad- und Wanderweg-Tafel mittig vor einem nach hinten links verlaufenden Teerweg, von hinten sieht man eine ähnliche Tafel, die vermutlich das Ende des Weges anzeigt. Rechts und links Wiese, Gebüsch, Bäume.
Radweg
Von vorne unten fotografiertes Gesicht einer alten Lock, die auf einem Abstellgleis zu Dekozwecken aufgestellt ist. Hinten Bäume, vorne Wiese, darüber Blauhimmel.
Auf dem Abstellgleis
Das untere Bilddrittel zeigt quer durchs Bild Wiesen mit einzelnen runden, grünen Bäumen, darüber zwei Drittel des Bildes Blauhimmel mit einzelnen feinen Wolkebauschen.
Streuobstwiese unter Blauhimmel
Metallskulptur, die eine junge Frau mit kurzen Haaren und einem kurzen Rock zeigt, die nach rechts vorn guckt. Im Hintergrund ein Geschäftsgebäude mit Rolläden geschlossen. Unter dem Metallsockel der Skulptur ein Kopfsteinpflasterplatz.
Skulptur
Von vorne links nach hinten rechts verlaufendes Baugerüst, das in der oberen Bildhälfte mit einem blauen Kunststoffnetz behängt ist. Am Boden und auf der ersten Ebene des Gerüstes stehen gelbe Farbkübel mit der schwarzen Aufschrift sto. Am Boden hat es weiße Farbflecken und liegen Kellen und anderes Werkzeug herum.
Baustelle
In der Bildmitte steht eine nach rechts schauende schwarz-weiß-gefleckte Kuhskulptur auf einem aufgeschütteten Erdhaufen in einer Wiese. Links im Hintergrund einige Häuser, hinten im Hintergrund ein paar Treibhäuser, dahinter Wald. Der blaue Himmel ist bewölkt.
Gipskuh
Gelbsandige Traktorradspur auf grauem Straßenbelag, nach oben offene V-Formen.
Moorlander was here?
Mittig von vorne nach hinten verlaufender Radweg, rechts und links gelblichgrüne Wiesen, vorne Gebüsche, im Hintergrund Bäume, Wälder, Hügel. Darüber wolkiger Blauhimmel.
Unterwegs über Land
Eingebettet in Bäume und Wiese steht mittig ein weißer nach vorne rechts schauender Traktor mit roten Radfelgen. Der Traktor hat keine Führerkabine. man sieht rechts und links vom Fahrplatz zwei Mitfahrplätze.
Weißer Traktor
Der von Mitte vorn nach hinten links verlaufende kurvige Radweg, der am Rand über einen gestreiften Fussweg verfügt, hat rechts ein Geländer, dahinter sieht man Wiese, Wald und Hügel. Über dem Radweg ist eine schön aus alten Steinen gemauerte Brücke, von der das Rund direkt über dem Radweg zu sehen ist. Am Rand des Rundes ist, zur besseren Sichtbarkeit, eine rot-weiße Markierung angebracht. Sehr viele Kurven also.
Ganz schön kurvig
Mitten im Bild ein sehr großer Felsbrocken mit einer nicht lesbaren Infotafel, von Moosen bewachsen. Im Hintergrund Bäume, im Vordergrund Wiese.
Was für ein Fels!

Bilder von Tag 10 #UmsLand

Bilder von gestern:

Fünf mit den Olympia-Farben bemalte Autoreifen frontal aufeinander gelegt, unten drei (schwarz, rot gelb), oben zwei (grün und blau). Im Hintergrund eine kleine Erklärtafel. Drumherum Gebüsch, Hecke, Bäume, hinten ein Haus und bleicher Himmel.
Fast olympiareife Reifen
Viereckiger Brunnen mit abgerundeten Ecken auf Kupfer mit Figuren. Im Hintergrund auf dem roten Kopfsteinpflasterplatz eine weitere Skultpur. Im Hintergrund die Fassaden von mehrstöckigen Stadthäusern in Hellblau und Rosa.
Brunnen in Neuerburg
Großes, abschüssiges Geröllfeld mit großen, kantigen Steinen. Am Horizont vereinzelte Bäumchen als feine Silhouetten. In regelmäßigem Abstand sind auf dem Geröllfeld quer zum Hang Gitter gelegt, vermutlich um das Abrutschen der Steine zu verhindern.
Geröllfeld
In der Bildmitte eine zubetonierte Türöffnung inmitten einer rosa gestrichenen Hausfassde. Auf dem rot gepflasteren Vorplatz stehen rechts und links der Tür total fünf verdorrte Kübelpflanzen. Am Hauseck hängt die Hausnummer 24.
Du kommst hier nicht rein!
Umgeben von Häusern rechts und links, steht ein aus grob behauenen Steinen gebauter Turm, der sehr alt aussieht. Im Hintergrund ein nach hinten oben strebender Abhang, darüber bleicher Himmel. Der Turm besteht aus drei von Absätzen unterbrochenen Ebenen, Fundament, Mittelstück und Dach, das nach oben hin in einer Spitze mündet.
Ein Turm, eine Säule, eine Gedenkstätte?
Blick auf die Mosel durch ein mit Vorhängeschlössern behangenes Geländergitter. Im Hintergrund eine Hügelkett, darüber trüber Himmel.
Für immer dein
Aussicht von einem Turm aus auf eine Altstadt, die durch einen Fluss geteilt wird. Im Hintergrund, am Horizont eine Hügelkette und darüber graublauer Himmel
Auch in Saarburg gibt es Für-immer-Dein-Schlösser
Ein klassischer Hochsitz, der wirklich sehr hoch ist und eine sehr steile Leiter hat. Umgeben von Bäumen.
Wieder einmal ein Hochsitz
Das Nachtlager auf einer frischgemähten Wiese. Im Hintergrund einzelne Streuobstbäume, im Hintergrund Weide- und Ackerland, am Horizont eine Hügelkette, darüber wolkiger Blauhimmel.
Das Nachtlager

Zur Erinnerung: Die Ums-Land II-Karte wird laufend aktualisiert. Hier gehts lang.

Von Pronsfeld nach Oberzerf – #UmsLand Tag 10

Phantastische Kulisse. Schwarz wie ein Scherenschnitt beendet ein Streifen Nadelwald in der gestrigen Abenddämmerung den festen Teil des Planeten, steht gezackt vor verschiedenen gelblich grauen Tupfern aus Dunst und Schichtwolken. Ich selbst befinde mich als kleiner Fleck mit knallroter Packtasche inmitten eines welligen, gelblich beigen Hochlands. Der Abend saugt alle Farben auf und das Grün der Wiesen ist schon ergraut. Ich bin im Hochwald, wenn ich mich nicht irre, ich muss das noch recherchieren, auf jeden Fall aber kratze ich am südwestlichen Fuß des Hunsrücks. Konnte nicht widerstehen, ab dem Saartal bei Saarburg über das Dörfchen Irsch noch hier heraufzukurbeln, ähm, besser gesagt, die letzten zwei Kilometer schob ich, so steil stürzt sich die Rheinland-Pfalz-Radroute zwischen Oberzerf und Irsch hinunter ins Saartal.

Nun habe ich die Eifel doch tatsächlich in zweieinhalb Tagen durchradelt, ohne großes Leid und Muskelschmerz. Gedankt sei es der geschickten Führung der Radroute meist über Bahntrassen oder Flussradwege, etwa 250 Kilometer, von denen gefühlt mindestens 70% auf alten Bahntrassen verläuft.

Frühmorgens via Arzfeld und Neuerburg teils durch Tunnel, teils über Brücken bis ins Enztal. Dort ging es ein bisschen zur Sache und beim Wechsel ins Prümtal muss man sogar ein Stück Landstraße bewältigen. Ab dort quasi Durchmarsch bis zur Sauer, auf Bahntrassenweg bis nach Wasserbillig an der Mosel, Konz, Saar – et voilà.

Nach zehn Tagen auf der Rheinland-Pfalz-Radroute kann ich sagen, das Ding lässt sich mit ein wenig Aufmerksamkeit prima nur nach Radwegebeschilderung fahren. Nur selten sind die Schider an schlechten Positionen angebracht oder verdreht oder fehlen. Meist sind es Unaufmerksamkeit und Baustellen, die zu Verirrungen führen, manchmal verirrt man sich, weil ein LKW vor dem Schild steht. Etwa fünfzig Prozent der Menschen, die ich unterwegs traf, wissen, dass es die Rheinland-Pfalz-Radroute gibt und was sie ist und dass sie direkt vor ihrer Haustür vorbeiführt. Man sollte dieses Ding von Radweg groß bejubeln und lobpreisen, auf dass es im ganzen Land Bekanntheit erlangt (sagt einer, der sich heute den Hunsrück hinaufquälen muss :-))

Doch genug technisches Zeug. Die Reise geht für mich ziemlich tief. Rein gefühlsmäßig. Vor drei Jahren, als ich sie schon einmal in die andere Richtung machte, lag mein Vater im Sterben und ich erinnere mich noch genau, wie er mir kraftlos vor der Haustür zuwinkte und lächelte und ich mit dem Gedanken losfuhr, ob ich ihn lebend wiedersehen würde. Mein Gott, sind doch nur vierzehn Tage, ha, aber gegen Lebensende hat nunmal jeder Tag eine besondere Bedeutung. Mathematisch lässt sich das in einer queren, nicht wissenschaftlichen Formel sogar berechnen, indem man die Restlebenszeit als absolutes Maß setzt und sie durch die Anzahl der Tage teilt und diese wiederum ins Verhältnis setzt zu früheren Restlebenszeiten, die man einmal zu erwarten hatte. Es wird immer weniger, immer schneller, immer enger und irgendwann, zack.

Solche Gedanken, während man dahinfliegt auf drei Meter breitem Teer über Brücken durch Tunnel und durch Wälder, hier einem griesgrämigen Kerl entgegenlächelt und dieses Glück, ach, wenn sich plötzlich sein trüber, vielleicht von Sorgen umspülter Blick aufhellt und er zurücklächelt und blieben beiden stehen, würden sie vielleicht wie Irre in ein hysterisches, grundloses Gelächter ausbrechen. Das ist die Magie des Menschseins. Und der Hund des geläuterten Griesgrams wedelt freudig mit dem Schwanz. Alle sind glücklich und driften dahin auf ihren Lebenswegen.

Oder die morgenmüde, nicht sehr gut gelaunte Verkäuferin in einer Bäckerei, der man mit Kontra-Schlechte-Laune begegnen könnte und beider Tag würde langsam Richtung Hölle driften, oder aber man schlägt die andere Richtung ein, gutwortend lächelnd, milde und ein kleines Trinkgeld. Zack.

Funktioniert natürlich nicht immer, aber wer wäre ich, würde ich es nicht immer wieder versuchen und wer wären die anderen, würden sie es nicht auch manchmal bei mir versuchen und mich aus meiner warum auch immeren schlechten Laune herausholen.

Vorbei an Luxemburg. Immer wieder Grenzübergänge. Viele Autos mit Luxemburger Kennzeichen. Fremde Zunge allerorts. Die Pandemie kommt mir in den Sinn. Zehn Tage nichts mitgekriegt. Ist Luxemburg noch Risikogebiet? Welche Regeln gelten wo? Die Welt völlig uninformiert betrachtend rolle ich dahin und muss mich auf meine schlichten Beobachtungen am echten, pulsierenden Objekt verlassen: In den Läden ziehen die Menschen Mund-Nasenschutz an, draußen eher nicht. Die Grenzübergänge werden nicht überwacht. Alles in Ordnung? Fallzahlen? Oder was auch immer für Zahlen? Keine Ahnung.

Fast wie mit dem Wetter, über das ich im gestrigen Artikel schrieb: ohne Prognose und ohne Information ist trotzdem Wetter.

In Saarburg wirds schließlich hektisch. In der zwischen Felsen unter Burgen und Tunneln und Kirchen sich erstreckenden Altstadt auf der linken Seite der Saar stürzt sich ein Wasserfall über wilde Katarakte in die Tiefe. Zahlreiche Restaurants, Touristenmassen, alle Sprachen der Welt, hunderte Radlende, Fotoexzesse, so viel Trubel und Enge, dass manche und ich sogar auf der Straße den Mund-Nasen-Schutz tragen.

In Saarburg kaufe ich ein Brot und ein paar Lebensmittel, folge schließlich den Radroutenschildern …

Auf den Wiesen unterhalb des Dorfs Irsch hätte ich gerne gezeltet, weite Kurzgraswiesen, aber wegen Wassermangels musste ich zum Friedhof in Irsch, um die Trinkflaschen zu füllen. Und da in der Tour kein Zurück vorgesehen ist, schuftete ich mich auch noch die zwei Kilometer barbarische Steigung hinauf aufs Plateau bei Oberzerf.

Ha! Kein Zurück. Vorgesehen. In der Tour. Schreibt er. Nuja. aber möglich.

Nicht so im Lebensweg.