Das Turmzimmer, gedanklich fein tapeziert #AnsKap

Donnerstags oder freitags müssen sie den Sperrmüll oben an der Landstraße abgeholt haben. Ein Tisch, Holzplatte, Kleinkram. Nur die Asche eines Teppichs liegt noch im Gras, als ich samstags an der Stelle vorbei komme. Obwohl die Landstraße kaum zweihundert Meter entfernt ist, bin ich nicht all zu oft da oben. Ich verlasse den Hof nur selten. Eigentlich kriegt man auf dem einsamen Gehöft von der Welt nicht viel mit, wenn man sich aus den sozialen Medien und aus der Stadt fern hält. Nur bei Ostwind hämmert es einem den Verkehrslärm mit Wucht um die Ohren.

Herr Irgendlink, für ihre Wette haben sie eine unbestimmt lange Zeit mehrere Jahre in einem dunklen Raum ohne Uhr und Kalender verbracht. Sie wetten, dass sie die aktuelle Jahreszeit einzig am Geräusch des Verkehrslärms erkennen können?

Anfang März. Motorräder, Cabrios, Kleinbubenröhrmotorvehikel verlassen die Garagen. Eine wahrhaft ‚Kambrische Explosion der Saisonkennzeichen‘.

Nachdem ich im Internet das örtliche Meldeportal für Sperrmüll entdeckt hatte, markierte ich die Stelle, an der der Tisch und der Teppich ‚entsorgt‘ wurden auf der Landkarte und schickte es ab. Das war sonntags zuvor. Fast wie am Laufenden Band notierte ich Teppich, Tisch, Regal, Telefonbuch, Fragezeichen, Bügeleisen … ich scherze, aber die Müllkippen unserer Zeit sind ja die obskuren Spiegel unseres einstigen Begehrens. Um ein paar Kröten zu sparen, liegt es doch nahe, bei Nacht und Nebel in die Natur zu fahren und den Müll dort abzuladen, statt auf der nahen Müllkippe für die Entsorgung zu bezahlen. Ein paar Tage nach der Meldung war der Teppich verbrannt. Jemand musste ihn nachts angezündet haben. Nur noch ein schwarzer Fleck.
Samstags alles clean, das Portal scheint zu funktionieren, ich auf dem Weg zu Freund Journalist F.s Pflegeheim, um ein Schwätzchen zu halten und ihm ein paar Dinge mitzubringen, Schokolade, Wurst, Getränke, Bügeleisen, Telefonbuch, das Fragezeichen, vergiss das Fragezeichen nicht …
Stau in der Stadt. Exorbitanter Stau. Die Autobahn seit zehn Uhr gesperrt, meldete man im Radio und man möge die Stadt großräumig umfahren. Zu spät höre ich die Meldung. Der Stau ist ein Meister aus Zweibrücken, schrieb ich auf Twitter. Statt einer halben Stunde Fahrt, würde ich durch die innerstädtische Umleitung anderthalb Stunden brauchen bis zum Pflegeheim. Ursprünglich hatte ich vor, mit dem Fahrrad zu fahren, was knapp anderthalb Stunden gedauert hätte, aber da ich mich verspätete und man in Pflegeheimen ja nicht einfach so kommen und gehen kann wie man will, ach, nimmst mal schnell das Auto.
Zeit, Zeit, Zeit. Termin, Termin, Termin. Ich hab’s schon immer gehasst. Zeit und Geld sind für mich die Drangsalemaschinerien der modernen zivilisierten Welt. Damit werden wir Individuen kanalisiert. Es ist unmöglich, diesen beiden Parametern zu entrinnen, wenn man in der Welt als Mensch existieren möchte. Dabei gäbe es sicher einen Weg, beide Parameter abzuschaffen. Ich kenne ihn nicht, aber seit ich vor einigen Wochen das Rätsel des Umkehrens und des in gänzlich andere Richtungen Denkens fabulierte (worüber ich nie einen Blogartikel schrieb, leider), vermute ich, dass es eine andere Art des Zusammenlebens hätte geben können, wenn wir vor ein paar hundert Jahren eine andere Art, uns zu sozialisieren eingeschlagen hätten. Im Grunde, als Sofortmaßnahme, das ist bei weitem nicht reif, müsste man Zeit und Geld und noch ein paar üble Parameter der Kapitalsozialisierung durch Bedingungslosigkeit ersetzen. Also nicht etwa das viel zitierte bedingungslose Grundeinkommen, denn das würde ja bedeuten, dass man sich ein auf Bedingungen gebautes Mittel mit ins Boot holt, sondern nur die Bedingungslosigkeit. Die Milde. Die Nächstenliebe. Untermauert von Vernunft, Vergebung, Friede.

Wie gesagt, das ist nicht möglich. Die Kapital- und Zeitprozesse müssen zuerst zu Ende laufen, und zwar so, dass alles zu Ende läuft. Erst dann könnte anderes wahr werden.

Pessimistisch.

Die Verspätung durch den Stau und die Umleitungen hatte einen tieferen Sinn, sollte ich später feststellen. Welch unbeschreibliche Aggression in der Stadt lag. Jede Ampelkreuzung, jeder Verkehrskreisel restlos überlastet. Kreuz und quere Vierzigtonner mit Fahrern unter Zeitdruck, verzweifelten Blicken. Kreuzungszufahrungsanarchie. Wut, Hass, Gehupe, Rigorosität, geregelt von auf übliche Auslastung getakteten Ampeln.
Mit dem Fahrrad wäre ich durch die Zwischenwelt der Radwege längst bei Journalist F.

Anderthalb Stunden später erreiche ich das Heim. Halbherziger Coronaselbsttest am Eingang, das übliche Prozedere, um überhaupt jemanden zu treffen im Innern. Die Testung ist eine Sache, die vermutlich schief läuft und ein weiteres Beispiel für mit guter Absicht eingeführte Regeln, die nie wieder überprüft wurden, ob sie überhaupt Sinn ergeben. Zum Einsatz kommen jedenfalls die billigsten Selbsttests, denen man selbst bei hoher Virenlast eine nur wenige Prozent sichere Diagnose nachsagt. Testen. Journalist F. sitzt schon im Rollstuhl vor der Tür und ab in den Park auf ein Schwätzchen und ein Zigarettchen. So sitzen wir in einer windgeschützten Ecke hinter dem Haus und lassen die Frühlingssonne unsere Gesichter schmeicheln. Im Schatten des Hauses spaziert eine alte Dame. Ganz ganz langsam, einige letzte Schritte am Fuße des Lebens, vielleicht ihr letzter Frühling? Die meisten Leute in dem Heim sind über neunzig, viele dement, viele im Rollstuhl oder mindestens auf Rollatoren gebeugt und die allermeisten verlassen das Haus nicht mehr. Ein Blick auf die Spitze des Eisbergs des Elends in einem ganz normalen Pflegeheim, denke ich, im Anblick der Frau wie sie durch den Schatten schleicht, die Hauskante, hinter der sich die Sonne bricht schon bald erreicht.

Und hinfällt.

Im Park des Pflegeheims stehen wunderbare alte Bäume. Ein paar geschlungene Wege, einige wenige, na, sagen wir Kunstwerke. Eine lebensgroße Kuh aus Polyester zum Beispiel, eine kleine Hütte. Der Park ist alles andere als Rollstuhl tauglich. Auch mit Rollatoren kann man ihn nur unter hasardeurischem Einsatz betreten. Trotzdem investiert der Betreiberkonzern des Pflegeheims Unsummen in die Pflege des Baumbestands und dass alles schön aussieht. Man sagt, der Park koste mehr als das angeschlossene Heim. Aus Konzernsicht ist der Park jedoch eine perfekte Werbemaßnahme. Würde mich nicht wundern, wenn die Pflege des Parks in der Bilanz als Ausgaben für Werbung gebucht wird. Gerne führt man Angehörige, die beabsichtigen, ihre Lieben im Heim unterzubringen durch den Park, gönnt ihnen einen Blick auf das alte barocke Gebäude mit den feinen Türmchen. Wer, wenn nicht du kommt dann ins Schwärmen und blickt vorbei an den hunderte Jahre alten Eichen hinauf zum Turmzimmer, das ist doch ein Zimmer, oder, ein Einzelzimmer, nicht wahr? Ganz bestimmt, bei dem Park. Wann wird es frei? Könnte die Oma, der Opa das vielleicht …
Spiegelgefechte. Nichts als Spiegelgefechte. Wir lieben Spiegelgefechte. Wir lieben Selbstlügen. Wir lieben selbst gezimmerten Welten, in denen eitel Sonnenschein herrscht, unsere Lieben in Turmzimmern residieren, umschwärmt von Personal.

Die Frau fällt wie in Zeitlupe, etwa dreißig Meter von Journalist F. und mir entfernt. Wenn ich einen Hechtsprung täte, könnte ich sie auffangen, ein Impuls, schon sag ich Journalist F. was geschieht, er sitzt mit dem Rücken zu ihr, renne hinüber. Die Frau liegt bäuchlings im Dreck, versucht als erstes ihre Handtasche zu finden. Keine Chance hochzukommen. Erst einmal beruhige ich sie, frage, ob ich helfen kann, überlege, Personal zu rufen (ha, gut, dass ich das nicht tat, später sollte ich feststellen, dass da niemand ist). Die Frau dreht sich auf die Seite, ich assistiere, frage, ob sie Schmerzen hat, nein, nur Schmutz, dreht sich auf den Rücken, ich packe sie unter den Armen, und wir schaffen es – das letzte Mal, dass ich jemanden unter den Armen packte und aufrichtete, war 2017 und mir graut seither davor, denn das wäre beinahe schief gegangen. Ein paar Tage vor seinem Tod war mein Vater aus dem Bett gefallen und kam nicht mehr hoch und obwohl er sehr stark an Gewicht verloren hatte, wären wir beinahe beide umgefallen beim Versuch aufzustehen. Aber die Dame ist kräftiger als mein sterbender Vater, hilft gut mit und schon steht sie und schon rufe ich rüber zu Journalist F., alles okay, wir stehen, wir gehen jetzt zur Tür, bin gleich wieder da, und so setzen wir den Weg fort, ich die Dame stützend bis zur Eingangstür gut vierzig, sechzig oder hundert Meter. Erstaunlich flott, erstaunlich agil. Dass es ihr nicht gefällt in dem Heim und dass sie weg möchte, flüstert mir die Frau zu und bedankt sich. Das ist der Moment, in dem ich mir überlege, mein sinnloses Künstlerdasein an den Nagel zu hängen und als Wächter im Park des Heims zu verbringen. Da unten beim Kreuzweg könnte ich das Europennerzelt aufstellen und hinter der Grotte mit dem Schrein auf dem Komposthaufen wäre mein Klo. Ganz wie unterwegs ans Nordkap oder nach Gibraltar radeln zum Beispiel, nur eben tagein tagaus am selben Fleck, Gutes tuend … nicht dass radeln, darüber schreiben, andere als Gepäckträgerreisende an der Reise teilhaben lassen, nicht auch eine gute Tat wäre. Es kommt mir aber egoistisch vor. Man könnte auch für Menschen da sein. Bedingungslos. Geld weg, Zeit weg, tausche Ewigkeit und Bedingungslosigkeit gegen Hatz und überlastete Ampelanlagen und immer von A nach B wollen mit dem dicksten Auto, um sich in C beim Feinkarrenhändlerchen das nächste dicke Auto zu bestellen, die Waschmaschine, das Fragezeichen und das Telefonbuch, vergiss das Telefonbuch nicht, denke ich ganz Rudi-Carellesk.
Es interessiert mich schon, wie lange die Frau hilflos im Schatten im Dreck gelegen hätte, wenn der Journalist und ich nicht unser verspätetes Schwätzchen gehalten hätten. Geht hier jemand vom Heim regelmäßig nachsehen, ob jemand Hilfe braucht? Oder schauen sie wenigstens ab und zu aus dem Fenster, frage ich den Freund. Ich denke nein. Die interessieren sich für nichts. Mittagszeit ohnehin schwierig. Da hat man die Muttchen und Väterchen ja müde gefüttert mit dem billigen Drecksfraß … das Essen sei schlecht, sagt der Journalist. Man gewöhne sich daran. Schön sei es trotzdem nicht.
An der Pforte hockt ein Mann, der die Besucherinnen und Besucher kontrolliert, die sich vorher anmelden müssen, auf einer Liste stehen, mit den nutzlosen Tests getestet werden, immer negativ sind, rein dürfen. Oft bin ich schon nach zwei Minuten im Heim, denn der Mann nimmt es nicht so genau mit der Inkubation des Tests von einer viertel Stunde.
Ich frage, ob ich die Frau ins Foyer bringen darf, na klar, und dort sitzen jede Menge alte Leute, ziemlich dösig, apathisch. Keine Pflegekraft in Sicht. Die Frau setzt sich in einen Sessel und ich suche jemanden, finde niemanden, sage dem Pfortentester, dass er jemanden anruft, wieder raus zu Journalist F.

Was für ein Tag. Wer weiß, vielleicht hatte meine Verspätung einen tieferen Sinn? Bewahrte die Frau vor Unterkühlung, mindestens aber vor minutenlanger Angst und dem Gefühl, alleine gelassen zu werden. Das Leben ist ein Meister aus Zweibrücken?

Seit bald einem Jahr verkehre ich nun schon regelmäßig in dem Heim. Ein beklemmender Ort. Journalist F. sagt, seine Taxifahrerin, die auch andere Heime anfährt, habe ihm erzählt, es gehöre zu den besseren. Es ist aber trotzdem schlimm für die ‚Insassen‘. Das fühlt man, wenn man näher hinschaut, wenn man sich nicht täuschen lässt von dem Gerede des Managers, der einen durch den uralten Park führt und einen beim Abschlussgespräch unmerklich so dreht, dass man vorbei an Eichen über ein Feld voller Krokusse hinaufblickt zum Turm und sich das Turmzimmer gedanklich fein tapeziert für die Oma, den Opa, den Papa, die Mama, den dementen Onkel … bloß weg. Wir haben keine Zeit. Teuer genug. Daheim ging es ihnen auch nicht besser!

Und was will ich sagen, das ist es, was ich damit meinte, dass das System auf Gedeih und Verderb zu Ende laufen muss. In aller Korruption und Schlechtigkeit. Es gibt kein Entrinnen. Wir sind ebenso gefangen in den Großläufen der Gesellschaft mit Arbeiten, Geld verdienen, Haut zu Markte tragen, keine Zeit für andere haben, wie wir auch im temporären Ausnahmestau auf der A namenlos bei Brückensperrung ausgeliefert sind. Das Leben ist nur eine Kombination verschiedener Sachzwänge.

Schnell weg da weg da weg da, wir haben keine Zeit. Keine Zeit und keine Bedingungslosigkeit.

Weitere dystopische Blobeiträge gefällig?  ‚Auf dem Sofa‘ https://knotenpunkte.net

5 Gedanken zu „Das Turmzimmer, gedanklich fein tapeziert #AnsKap“

  1. Mich lehren unsere Besuche bei Journalist F. immer wieder Demut. Die vermeintlich selbstverständlichen Dinge nicht als selbstverständlich zu nehmen. Dass sich alles jederzeit für uns alle ändern kann.
    😔

  2. Ob man wohl auch im Voraus heulen kann…
    Meine Schwiemu sitzt oder liegt auch in so einer Instution, sie hält fast nur noch ihre Augen geschlossen.
    Wie gut der Zufall Euch mitgespielt hat…oder? Ich weiß nicht.
    Jedenfalls steht Ihr dem Besuchten recht nahe inszwischen…
    Gruß von Sonja (die das eben voll gefesselt gelesen hat)

    1. Danke Dir liebe Sonja. Es ist eine Zwickmühle und wir tun, was wir können und verschließen weder Herz, noch Augen. Ideal wäre, viel Geld zu haben, um eine private Pflege zu organisieren.

  3. es ist mir unerklärlich, dass wir dies alles geschehen lassen und nichts dagegen tun. diese ganze lüge mit“ die alten schützen “ gegen corona regen mich auf. sieht für mich so aus, als wolle man die einkommensquelle erhalten. echtes interesse an den bewohnern sähe anders aus, denke ich. und ich denke nicht, dass das personal bösartig ist, sondern opfer des systems. ich würde diesen journalisten gerne mal aufschreiben oder auf band sprechen lassen, was er erlebt. zum glück bekommt er dich zu besuch.

    1. Ja, genau so empfinde ich das auch. Wir haben eine Art ‚Maschine‘ etabliert, die sich verselbständig und an deren anonymen Ende profitiert wird. Die Pflegenden und die Pfleglinge sind die Opfer. Es wird an allem gespart. Und mit dem Frust schwindet leider auch die Mitmenschlichkeit. Dafür können die gehetzten, überlasteten Menschen nichts. Die Maschinerie ist in sich krank machend. Wir hatten übrigens schon überlegt, Gedächtnisprotokolle anzulegen für die ganz krassen Vorfälle (wie zum Beispiel jenes, bei dem die demente Tischnachbarin JFs Medikamente geschluckt hatte und er keinen Ersatz hielt, weil es BTM-Medizin war und das ‚Missgeschick‘ dann aufgeflogen wäre. Nun, das mit den Gedächtnisprotokollen machen wir auch, wenn solcherlei mal wieder vorkommen sollte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: