Dieser verflixte gespaltene Stein von Lövö | #kursnord

„Mh-hmm, Ikea!“ Der Mann mustert unsere schneeweißen Fahrräder. Es ist nicht auszumachen, ob er verächtlich die Unterlippe rollt, oder ob er bewundernd die beiden blitzeblanken Stahlschimmelchen betrachtet. Außer einem ‚Hei‘ zur Begrüßung und einem ‚Heidåg‘ zum Abschied fällt kein Wort. Er steigt auf sein blaues Fahrrad, das von der Konstruktion her ziemlich ähnlich aussieht wie unsere beiden Leihräder und braust davon in den Garten des Hembygds Gård von Mönsterås.Welch lieblicher Platz. Gibt es etwas schwedischeres als Hembygds Gårds oder Hembygds Museet? Grob gesagt sind das alte Bauerngehöfte oder manchmal sogar ganze Dörfer von Holzhäuschen, liebevoll restauriert, in denen man eintauchen kann in die regionale Geschichte. Fast jede Gemeinde in Schweden dürfte so ein Freilichtmuseum haben. Frau SoSo und ich treiben uns herum, lungern auf Bänken unter alten Eichen, sind auf Mönsterås-Runde, eigentlich ein Fitness-Kurs rings um die Stadt, wenn ich die Schildchen mit dem joggenden Männlein richtig deute, die die Richtung weisen. Vielleicht drei vier Kilometer rings ums Städtchen: Vogelbeobachtungsturm, Schwimmbad, Gemeindehaus und eben das Heimatmuseum, wo wir unter der auf 13:25 Uhr stehen gebliebenen alten Uhr pausieren. Das Ding sieht aus wie eine Taschenuhr, die man mit einem Eisen an die Scheune genagelt hat, vielleicht einen halben Meter durchmessend mit modellierter Kette. Als wäre das Haus ein Gutsherr und dort wo die Uhr hängt, knapp unter der Dachrinne, wäre sein Uhrenseckel und die Kette baumelt herunter. Unweit steht ein alter Kran aus Holz mit einer eisernen Kurbel. Ich präge mir das Ding ein, denn daheim auf dem einsamen Gehöft habe ich mittlerweile etliche edle Holzstücke angesammelt, die ich gerne mit der Kettensäge bearbeiten würde, die aber so schwer sind, dass man sie mit Manneskraft nicht bewegen kann. Vielleicht baue ich einen Kran?

Dass man uns an der Rezeption des First Campings Ikea-Fahrräder geliehen hat, habe ich ohne Brille gar nicht bemerkt. Auch nicht, dass die Dinger einen Zahnriemen haben, statt einer Kette. Bei näherem Betrachten ist aber deutlich der Ikea-Aufkleber oberhalb des Tretlagers zu erkennen. Sie sind bestens ausgestattet, obschon beim einen Rad der Lenker schief ist, das andere erbarmungslos klappert, die Scheibenbremsen quietschen und Frau SoSos Sattel viel zu niedrig ist. Nach den ersten Metern stelle ich überrascht fest, dass die Technik derart raffiniert ist, dass sich die vermeintlichen Eingang-Fahrräder bei höheren Geschwindigkeiten in automatisch schaltende Zweigangräder verwandeln. Zauberei schlichtweg. Ich vermute dass in der Hinterradnabe eine Art Voith Fliehkraftkupplung (:-)) verbaut sein muss – wie in alten Porsche Traktoren – ein unverwüstliches Etwas, das von Zauberhand bei höheren Touren den kleineren Zahnkranz nach außen drückt und den Riemen herüberschiebt. Egal. Die beiden willenlosen Ikeaesel sind störrische Biester, zwingen einem trotz ihrer Willenlosigkeit dennoch die Gänge auf, egal was man tut. Für einen Typen wie mich, der beim Radeln gerne die Armstrongsche Kolibritechnik einsetzt, sprich gerne mit hoher Drehzahl kurbelt, ist es gewöhnungsbedürftig. So kurbeln wir durch die Gegend und machen einen Abstecher auf die Halbinsel Lövö. Dort gibt es einen gespaltenen Stein, habe ich auf dem Cover eines Buches in der Touristeninformation gesehen. Er sei riesig, sagt die Touristikerin am Empfang. Ein fast runder Findling, der wie von Teufels Hand in zwei Hälften gespalten wurde. Da will ich hin. Sieben Kilometer über sanft gewellte, kaum befahrene Sträßchen. Drei vier Höfe auf der Insel. Danach nur noch Natur. Schotterwege, die sich zu Pfaden zersiedeln. Die leckenden Wellen sanft ruhenden Meeres in den vielen kleinen bewaldeten Buchten. Spärliche Beschilderung. Vom gespaltenen Stein keine Spur. Niemand, den man fragen könnte. Hätte wir uns das bloß in der Info erfragt, aber nun … am Wegrand finden wir immerhin den Vard-Sten, den Warzenstein, dem man nachsagt, dass man etwas Gutes gegen wunde Füße, insbesondere Warzen tut, wenn man nach Regenphasen seine Füße in der mit Wasser gefüllten Mulde auf dem etwa sechzig Zentimeter hohen Findling badet.

Auf dem Rückweg aus der „Sackgassenhalbinsel“ Lövö wird mir klar, wie wichtig gutes Touristenmanagement für eine Region ist. Anhand der Karten und des Infomaterials, das wir in der unscheinbaren Informationsstelle am Hafen von Mönsterås erhalten haben, könnte ich mir nämlich durchaus vorstellen, den Rest der Ferien in dieser Gegend zu verbringen. Neben höchstem Berg weit und breit mit Ausssicht auf nur Wald ringsum (so die Tourismusbürofrau), gibt es den 80 Kilomter langen Mönsteråsleden, einen Rundwanderweg. Hofgüter, diesunddas, Pipapo und ewig schrappen die sanften Wellen der sommerlichen Ostsee an den Schäreninseln. Vorsaisonal ruhig ists zudem.

Sicher wären wir auch nicht nach Lövö geradelt, wenn nicht der gespaltene Stein und die geschnittenen uralten Bäume auf Bildern gelockt hätten. Eigentlich ist Schweden so aufgebaut wie ein Supermarkt, in dem man die Kunden mit Lockangeboten schon gleich nach der Tür verlangsamt. Nur, dass statt Fischdosen im Dreierpack auf den Auslagen der Tourimusinformationsstellen Bergwerke liegen, Höhlen, Mühlen, Schlösser und Spaßrutschbahnen und eben dieser verflixte gespaltene Stein von Lövö. Den wir nicht finden.

Fazit also, wenn du eine Region bist, die um Touristen buhlt, arbeite deine Sehenswürdigkeiten sorgfältig heraus, installiere sie als Phantasien im Kopf deiner potentiellen Gäste, so dass sie einen unwiderstehlichen Drang verspüren, hier zu bleiben. Gib ihnen Motorboote, Kanus, Ikeafahrräder … rechtschaffen müde erreichen wir abends den immer noch kaum bevölkerten Campingplatz. Durch den Tagesausflug habe ich mir die Gegend in einen Wiederkehrort ins Hirn gebrannt. Irgendwann mal mit weniger Norddrang. Doch nun, da ich dies schreibe, scharren die Nordwärtsseelenschlittenhunde schon mit den Pfoten und ich kann es kaum erwarten, weiter #KursNord zu fahren und ich denke, Frau SoSo, die hier berichtet, geht es so ähnlich. Und herrjeh, wir sind noch immer verflixt weit südlich, wenn man sich das riesige Schweden einmal anschaut. Stockholm etwa 300 Kilometer.

Die lange Disco-Nacht mit DJ Sören Uflsen und MC Knut. Nicht. #kursnord

Yeah, ordentlich abhotten, frisch geduscht, halb angezogen, den Zeigefinger am ausgestreckten Arm in die Luft gereckt wie so ein Disco-Stu (Simpsons), rhythmisch Handtuch rubbelnd zwischen den sechs unbenutzten Waschbeckenplätzen und den drei Duschen und den vier WCs und den beiden Urinalen. Ich bin so schamlos alleine im Männerwaschhaus des Oknö-Campings und gerade läuft Abbas Mamma Mia , ouh shallalaa, im Radio, das man in machen Toiletten mancher WCs überall in Europa manchmal vorgedudelt bekommt. Die lange Abba-Nacht. Mit DJ Sören Ulfson und MC Knut … Träum weiter, Irgendlink, träum weiter.Zack, geht die Tür auf und ein Mann stellt sich, in klarem Deutsch Guten Abend sagend stratzend ans Urinal.

Frau SoSo hat das Nachbarduschhaus für Frauen längst verlassen, als Abba wie Gift in ihre Ohren drang. Aber so sind wir, so verschieden, so gegensätzlich. Nie werden wir eine gemeinsame lange Abba-Tanznacht verbringen.

Über eine hunderte Kilometer lange Autofahrt, meist auf der E22, die Schwedens Ostseeküste folgt, haben wir aufgehört, die Kilometer zu zählen. Wir dürften auf einem Punkt auf der Landkarte irgendwo zwischen Stockholm und Malmö sein, ganz nahe bei Kalmar, jener Stadt, die über eine Brücke das längliche Eiland Öland mit dem schwedischen Festland verbindet und das Eiland ist bestimmt hundert Kilometer lang und zieht sich von Nord nach Süd oder vielleicht auch zweihundert Kilometer lang. Ich will gar nicht messen.

Über Landschaften will ich berichten. Jene maigrün rapsgelb frische Gegend, die wir verlassen haben zum Beispiel. Eine hügelige Gegend, sehr landwirtschaftlich genutzt, in Schonen, Schwedens südlichstem ja was ist das, kein Bundesland, Kanton? Region? Egal. Relativ dicht besiedeltes Gebiet, dennoch aufgelockert mit kleinen feinen Farmchen auf noch frisch bestellten jungaufkeimenden Äckern. Dahinter eine Zeile Wald, eine Lindenallee, irgendwo auch größere Forste und immer wieder bleckt die schillernde Ostsee zwischen Hellbraun und Grün und gelb. Der Frühling hinkt gut zwei Wochen, vielleicht sogar vier hinter unserem Frühling her. Manche Bäume haben noch gar kein Laub.

Ich erinnere mich an die Radtour 2015 #AnsKap, die tagelang dauerte, sprich, was wir in einem Tag auf #KursNord motorisiert durchbrausen, hatte damals ewig gedauert und ich erinnere mich an die geologische Erfahrung, die ich da machte. All die Einschnitte der Straßen durch Felsen unterschiedlichster Couleur, unterschiedlichsten Alters, unterschiedlichster Herkunft. Tiefe Einschnitte zeigt auch die E22 ungefähr hier in dieser Gegend, die sich Småland nennt, dem zweitsüdlichsten nein nicht Bundesland, auch nicht Kanton, dem zweitsüdlichsten Irgendwas Schwedens. Ist das Basalt oder Granit oder vulkanisch oder gletscherlichen Ursprungs? Ich weiß es nicht, dazu bin ich geologisch viel zu unkundig. Ganz klar dürfte die bombastische Gegend ab Kalmar nördlich parallel zur Insel Öland glazial entstanden sein. Man verzeihe den Fachausdruck, den ich irgendwo zwischen zwei Hirnzellen hervorgekramt habe und vielleicht ist er ja falsch oder alles ist falsch. Egal. So sieht es hier aus: Wald, Wald, Wald, alle Straßen, außer der E22 winden sich unheimlich kurvig durch die Wälder, sanft auf und ab über Hügel. Manche sogar ungeteert als fest gefahrene staubige Schotter- und Sandpiste. Wo Felder sind, hat man die Steine herausgeräumt und als Umrandung und Grenze zu etwa ein Meter dicken Mauern aufgeschichtet. Manchmal liegen runde riesige Steinhaufen mitten im Acker. Die Steine messen gut fünfzig Zentimeter, oft auch mehr, hellgraue Etwase. Im Kiefernwald liegen die Findlinge wie damals als sie abgelegt wurden, halbbemoost und beflechtet zwischen den Bäumen und das Meer ist übersät von winzigen bewaldeten Inseln. Viele Eichen mit jahrhunderte dicken Stämmen, teilabgestorben, halb tot, halb lebendig und besonders bizarr wirkt die Szene, wenn sie ganz abgestroben sind, Ruinen jahrhunderte alter Lebewesen, die vielleicht sogar den Dreißigjährigen Krieg erlebt haben?

Ich habe Schweden nunmehr zwei Mal von Süd nach Nord per Fahrrad durchquert, wobei ich nur das Inlandsschweden kennen gelernt habe. Heuer folgen wir der Küste und ich bin hellauf begeistert von der Wunderbarkeit dieser Landschaft. Zudem spült der ‚finnische Brutofen‘, so will ich es mal in Meteorologie-Neusprech spektakulär nennen eine ungewöhnliche Hitzewelle übers Land und wenn man den Presseberichten glauben darf, bleibt das Frühsommerhoch noch eine Woche stabil mit Temperturen bis über dreißig Grad. Angeblich, denn bisher fühlt es sich normal an (die Prognose, die ausgedruckt in der Rezeption vorliegt, sagt jedenfalls normale Temperaturen um 16 Grad voraus. Nix Finnenschwitzkasten).

Keine Spur von meteorologischem Mamma-Mia-Feeling.

Wir legen heute am  fünften Tag der Autotour einen Ruhetag ein, haben Fahrräder gemietet und radeln von der Halbinsel nach Mönsterås.

Tusen-zwei Tore für Trelleborg | #kursnord

Geld, Geld, Geld. Etwa 50 Schwedische Kronen aus dem Jahr 2015 gaukeln noch in einem Plastikbeutel im Reisegepäck. Das sind umgerechnet ungefähr fünf Euro. Wir fahren also nicht ganz mittellos in ein Land, in dem man, Berichten zu Folge, immer seltener Bargeld benutzt und stattdessen elektronische Bezahlmittel einsetzt. Für ein Leckeis würde das Geld sicher reichen. Doch so weit sollte es gar nicht kommen. Nachdem wir den Malmö-Camping um die Mittagszeit am gestrigen Sonntag EC-Karten-zahlend verlassen, fahren wir erst einmal in den futuristisch anmutenden Stadtteil Hyllie östlich des Zentrums. Ein auch sonntags recht belebtes Gebiet, da die Shopping-Mall geöffnet ist und unterirdisch die erste Bahnstation ab Kopenhagen liegt und im regelmäßigen Takt Menschen ins Viertel pumpt. Die Parkautomaten sind ‚Alla Dager‘ (also nix mit sonntags gratis parken) mit 20 Kronen je Stunde zu befüllen, problematischer Weise hat man jedoch den Schlitz fürs Münzgeld zugeschweißt und akzeptiert nur noch Kreditkarten. Frau SoSos Karte funktioniert nicht und meine wohl auch nicht (ich habs gar nicht ausprobiert, um uns die Hoffnung, sie könnte funktionieren nicht gänzlich zu rauben). Wir monetarischen Dinosaurier, wir. Verflixt. ‚Falschparkend #KursNord‘, twittere ich. Mit dem mulmigen Gefühl des Erwischtwerdenkönnens schleicchen wir um die Gebäude und sind recht schnell wieder raus aus dem Getümmel.

Nächster Stopp Trelleborg, etwa vierzig Kilometer östlich von Malmö. An einem Geldautomaten kann ich endlich Geld ziehen. Immerhin, das bedeutet, dass man auch mit Bargeld noch zahlen kann in Schweden, aber es gibt nur maximal 2000 Kronen. Die Unterdrückung des Cash, weiß man da schon mehr darüber? Ein Schwede, der uns in Malmö den Parkautomaten erklärte sagte jedenfalls, es sei wegen der Steuern, die hierzuland gerne hinterzogen würden und wenn alles elektronisch läuft, wäre es besser zu überwachen. Durch Trelleborg bummelnd verstrickte mich Frau SoSo in ein Gespräch über die Ausschnitte: stell Dir vor, du bummelst durch deine Heimatstadt Zweibrücken und siehst nur ein Gewerbegebiet, und an Hand dessen machst du dir dein Bild der Stadt. Wäre das richtig?

Genau das droht uns auch hier. Wir sind in einem tristen Viertel, in dem viel leer steht und die Schaufenster der Geschäfte allesamt mit Baustahl vergittert sind. Nicht schön. Schön schäbig.

Später im schönen Stadtpark und der anschließenden Fußgängerzone wirds beschaulicher und wir lassen uns in einem Burger-Restaurant nieder für einen Happen. Nebenan das Tusen2 voller Männer, nur eine Frau, allesamt tätowiert. Ausschnittsdenken: in Schweden sind alle tätowiert. Sogar Kinder mit großflächigen Armtattoos habe ich gesehen. Ähm ein Kind.

Plötzlich Schlachtrufe von nebenan. Im Tusen2 gastieren also die Fans des Trelleborg FF. Zwei Kerle stehen dirigierend am Geländer der Außenterrasse und stimmen schlichte Fußballieder an und der Chor fällt schlachtrufend ein. Der Text ist einfach: „Tjelleboah, Tjelleboah, shalalalalaaa“ in verschiedenen Variationen und Melodien. Ein anderes Mal auf die Melodie von ‚Oh Brittania‘ singen sie etwas mehr Text, von dem ich nur das Wort Malmö verstehe. Aha. Malmö gegen Trelleborg also. Brutales Lokalderby. Ich muss an Saarbrücken-Homburg denken und vermute, dass in dem Oh-Brittania-Lied der Text lautet: Eure Eltern sind Geschwister.

Wir mampfen schnell, um dem Getümmel zu entrinnen. Eine Stadt im Fußballschlachtmodus ist nichts für unschuldige Touristen.

Raus auf die Straße Nummer neun, die an der Ostseeküste den südlichsten Punkt Schwedens (etwa mittig zwischen Tjelleboah shalalalalaaa und evil Ystad) flankiert. Ein sonntagsproppenvoller Parkplatz mit Restaurants und allem, was eine Landmarke dem kapitalistisch geknechteten Individuum zu bieten hat. Schnell weg. Selbst mit deutschen Augen betrachtet ist es dort voll und hektisch und latent aggressiv. Knallenge Straße direkt am Meer. Der mitgeführte Radweg an der Ostseeküste, ein Abschnitt des landesweiten Radnetzes Sverige Leden, lässt mein Herz höher schlagen. Trotzdem froh, dass ich im Auto sitzen darf, während Frau SoSo das Ruder in der Hand hält.

Wir sind auf Ruhe programmiert, lassen uns treiben, stoppen hie und da. Wir haben überhaupt keinen Plan, also auch nicht nach Sehenswertem recherchiert, wo wir unbedingt hin sollten. Das ist einerseits etwas riskant, da man sicher an der ein oder anderen Sehenswürdigkeit vorbeifährt, ohne es zu ahnen, andererseits genau das, was wir brauchen. Völlige Loslösung von Terminen und Zwängen. Umso glücklicher sind wir, als wir zufällig vor einem mehr als tausend Jahre alten Steinkreis stehen, der hoch auf Klippen zwischen Simirshamn und Ystadt zwischen viel Schafherde thront. Eine sogenannte Schifflegung. Das Ding sieht tatsächlich aus wie ein Schiff. Die knapp ein Kilometer lange Wanderung zu unserem touristischen Zufallsfund über schöne Sandwege durch Wiesen ist alleine schon erlebenswert. Ich glaube, Frau SoSo berichtet darüber. Für diejenigen, die mehr wissen und im Netz suchen möchten: es handelt sich um die größte Schiffslegung in Schweden namens ‚Ales Stenar‘ in Kåseberga.

Weiter treiben der Ostseeküste folgend, sich nicht sattsehen könnend, immer wieder stoppend, auf dem Camping Borrbystrand landend und morgens, also just jetzt, im Netz noch schnell den Ausgang des Matches recherchierend: Trelleborg gewinnt 1:0 gegen Malmö.

Hasch mich! Ich bin Dein Jetzt. | #kursnord

Dank des Chipkartensystems können sie hier auf dem Camping in Malmö genau sehen, wann wir durch die Schranke ein- und ausfahren, wann wir das Badhaus betreten, wann wir wie lange duschen und es würde mich nicht wundern, wenn sie die Duschkabine, in deren jeder sich ein Sensor befindet, vor den man die Karte halten muss, um Heißwasser zu kriegen: Herr Irgendlink, Kabine sechs, fünf Minuten. Morgens im Zelt scherze ich mit Frau Soso, dass man doch auch einen Sensor neben den Klopapierabroller hängen könnte und immer wenn man ein Blatt abzieht, muss man die Chipkarte zur Hand haben.Der Junge an der Rezeption zuckte mitleidig mit den Schultern, als ich ihm eben beim Bezahlen etwas von Daten erzählte und er lächelt einverstehend, aber so ist das nunmal.

Vielleicht hat sich ohnehin viel geändert in Schweden, seit ich 2015 auf dem Weg #AnsKap das Land durchradelte. Man munkelt, das Bargeld sei so gut wie ausgestorben, überall und allerorten sind Kreditkarten nötig. Schon 2015 wunderten wir uns, dass man eigentlich ohne Kreditkarte in Dalarna, das ist irgendwo mitten drin zwischen Lappland- und Schonen, zwischen Nord und Süd, zwischen Stockholm und Norwegen, in Dalarna also kein Bus fahren darf, ohne Karte. Bargeld wird nicht akzeptiert. Für Ausländer dürfte Busfahren in Schweden ohnehin eine Wissenschaft sein.

Die Welt im Takt, präzise berechnet. Kaum noch Platz für ein Jetzt zwischen zwei Immers. Wir hetzen über unsere Autobahnen von A nach B. Wir alle und wir, Frau SoSo und ich tun das auch, ob wir wollen oder nicht. Immer und überall tickt eine Uhr und wenn man genau hinsieht, schaut auch immer und überall eine Videokamera, wo wir gerade sind, was wir gerade machen. In Laatzen kaufen wir samstagsmorgens noch ein paar Dinge ein, bezahlen mit Bargeld, vielleicht unbemerkt und unverfolgt, vielleicht auch nicht, stehen auf einer Einfallstraße nach Hannover gefühlt zwanzig Minuten an roten Ampeln, bis wir uns endlich in den Verkehrsstrom einführen können in einem Bypass wegen Staus auf der B3 parallel zu A7 via Celle und Soltau zu einem stautechnisch unbedenklichen Abschnitt der A7. Hör gut zu, Internet, Herr Irgendlink und Frau SoSo hielten sich eine knappe Stunde im beschaulichen Städtchen Celle auf. Fachwerk, sag ich nur. Vielleicht hat uns die Überwachungskamera in einem Altersheim dabei beobachtet, wie wir die Besuchertoiletten stürmten – Mann war das knapp – und anschließend vor dem kleinen Schlesien-Denkmal im Boden stehen blieben. Unter bruchsicherem Glas ist eine seltsame Art Landkarte in den Boden eingelassen. Mehrere beschriftete Sandsäcke, etwa fünf Liter groß, liegen verteilt, beschriftet mit verlorenen deutschen Landschaften. Ich fotografiere und wir schlingern durch die Stadt, wo mir der Gedanke mit dem Jetzt kommt. Dass Jetzt so unheimlich scher zu leben ist, weil man immer irgendwo in der Vergangenheit hängt oder mehr noch – so zumindest geht es mir – in der Zukunft: wann werde ich wo wie sein? Wird es schön? Und ich fabuliere irgendwie tweetreif: „Die Vergangenheit kann uns nichts geben, alles was einst war ist längst verloren wie so ein Schlesien und die Zukunft kommt mit ihren zahlreichen Möglichkeiten und lockt nach hie oder nach da und sie besteht aus realitätsähnlichen Möglichkeiten. Eine davon wird immer wahr und wenn nicht diese eine, dann die, an die man nicht gedacht hat. Und das Jetzt, die pure, unschuldige Gegenwart wird oft zermalmt zwischen dem Vergangenen und dem Möglichen. Eisschlecken und sonst nichts, das wärs und zwischen zwei Bussen auf der B3, die mitten durchs Fachwerkstädtchen führt ein bisschen Stille genießen.

Unsere Zukunftsmöglichkeit Nummer eins ist jedenfalls an diesem gestrigen Reisetag die Brücke. DIE Brücke. Die Öresundbrücke zwischen Kopenhagen und Malmö. In meinen Eingeweide kann ich es spüren, wie mich der Gedanke, das wir – lass mich aufs Navi schauen – in drei Stunden und 59 Minuten in Malmö auf dem Campingplatz sind, wie mich dieser Gedanke aus der Gegenwart katapultiert. Doch das ist normal.

Eigentlich ist es wie auf einem Wildwasserbach, der manchmal forschere, manchmal sanftere Abschnitte hat. Gerade rauschen wir mit Wucht durch die Katarakte des gedanklich Höchstwahrscheinlichen und ich bin in diesem Moment, in Celle, eisleckend, an die Brücke denkend, überzeugt, dass auch wieder ruhigere Gefielde kommen. Småland-Skåne-Bummeltouren mit Wandereinlagen vielleicht.

Der dritte Finger der Gezeiten, der Zukunftsfinger weist wiederum züngelnde kleine Fingerchen namens Möglichkeiten auf.

Und so rauschen wir weiter durchs deutsche Autobahngemetzel mit einem Stau bei Hamburg-Harburg in ruhigere Gegenden nach Oldenburg in Holstein und schwupp: Fehmarn und nur fünf Minuten bevor die Fähre von Puttgarden nach Rødby anlegt, stehen wir am Fährhafen, Spur acht, konnten am Drive-In-Schalter ein Ticket durchbuchen bis Malmö. Also Fähre und Brückenmaut für 145 Euro, statt 155. Zehn Euro gespart, sagt der junge Fahrkartenverkäufer. Und schwupp Dänemark, wo wir mit konstant 110 Kilometer auf ruhiger Autobahn dahinrollen. Wie herrlich entspannend. Niemand drängelt. Auf der knapp zweistündigen Fahrt sehen wir nur etwa vier „Raser“, was heißt Raser. Etwas schneller fahrende Zeitgenossen nicht vergleichbar mit den exzessiven Massenmordversuchern auf deutschen Straßen. Vierspurig an Kopenhagen vorbei, rein in den Tunnel, durch unterm Meer, rauf auf die Brücke, DIE Brücke, rüber übers Meer, schwupp Malmö, check-in Camping 19:52, merks Dir, Internet, falls die Daten nicht längst mit meiner Bankkarte verknüpft sind, wir sind die mit dem überall verbeulten Auto, in dessen Fahrzeugschein steht, es sei grün, aber eigentlich sieht es so aus als wäre es silberfarben.

Das galoppierende Jetzt hat sich langsam ausgelaufen. Wie ein verschwitztes Pferd sitzt es neben mir am Picknicktisch. Ich muss es ein bisschen striegeln. Ankommen. Nichts tun. Nichts denken. Nichts wollen.

Auch Frau SoSo schreibt über DIE Brücke.

Bitte Bitte Birkensee #kursnord

Die Jeans ist falsch. Eigentlich müsste da eine labbrige, samtweiche Wanderhose an den Beinen schlabbern. Hochgekrempelt bis zu den Knien. Dazu Barfüße mit Dreck zwischen den Zehen, nach karierter Picknickdecke kraulend. Wackelige Angelegenheit auf dreibeinigem Campingstuhl, Zelt im Rücken, ein kleiner See vorne. Das Summen eines Kühlaggregats vorm Verwaltungsgebäude des Campings übertönt das Malmen der A7. Noch wenige zig Minuten zuvor erwachte Gregor Irgend aus unruhigen Träumen, weil direkt neben dem Zelt zwei Krähen einen akustischen Kampf fochten. Da waren es die Singvögel, die den Klangteppich untermalten. Ab und an das Gurren einer Taube, ach und die Autobahn, die natürlich. Der Ewigmalmer unter den Geräuschen.Laatzen. Man kennt es von den Staumeldungen rings um Hannover. Der See heißt Birkensee. Der Campingplatz dito. Lass uns da raus fahren, sagte Frau Soso gestern gegen 19 Uhr. Seit sieben Stunden unterwegs. Ausfahrt soundsoviel. Vier Minuten bis zum Platz, sagt das Navi, sagt Frau Soso.

Der Tag war lang und abenteuerlich und der Tag davor, als Frau SoSo zu mir gefahren kam, war noch abenteuerlicher: was mussten wir nicht alles für Hürden nehmen und wie sehr wollten wir eigentlich ans Meer.

Doch zunächst: plötzlich war da dieser Staubsauger und gemeinsam rücken wir dem uralten Auto, genannt #Autolie zu Leibe, klappen die Sitze um. Seit dem Notkauf der Schrottschüssel vor gut einem halben Jahr wurde es nicht geputzt und davor jahrelang auch nicht, wie wir feststellen konnten. Uralte Coffetogo-Becher und Bonbons unter den Sitzen, die Haare mehrerer Generationen Hunde. Mein Gott, Autolie, was musst Du durchlitten haben in deinem bisherigen Leben. Immerhin haben wir Dir nach fast zwanzig Jahren und über 130.000 km endlich einen neuen Zahnriemen spendiert und die Ventideckeldichtung scheint auch wieder okay. Darfs auch eine Haarwurzelmassage sein (feat. Staubsaugen, die Haarwurzelmassage des KFZs). Okay, geputzt, gepackt, sogar ein ausgewachsener Mann kann in dem Kombi schlafen, falls nötig, morgen gehts los, sagten wir. Aber erst noch iPhone Akku wechseln an Frau SoSos altem 5s. Was soll ich sagen, ein Graus. Mit Kleber wie er scheinbar auch für die Hitzekacheln des Spaceshuttles verwendet wurde, ist der labbrige Lithiumakku eingeklebt, so dass man ihn mit Brachialgewalt entfernen muss. Ein Wunder, dass nichts schief ging – das alles vorgestern. Inklusive des eigentlichen, vagen Plans: nach Antwerpen, das ist der kürzeste Weg zum Meer ab Zweibrücken und wie wähnten wir uns mal hier, mal da, mal in Luxemburg, mal in Belgien oder gar in Hoek van Holland auf einem feinen Zeltplatz und plötzlich, zack, Gegenwart, hopp komm, lass uns direkt nach Norden fahren. Die Brücke ruft. DIE Brücke! Wir waren so lange nicht in Schweden. Wir haben ein Auto, das fährt, vielleicht, und ein paarhundert Euro. Fahren bis zum Ende des Tanks, wieder tanken, hoffen, dass es reicht mit der Kohle und am Point of no Return, wenn der Geldspeicher halbleer ist – nein nein, denke positiv, nur noch halb voll – da überlegen wir erstmal wie weiter. Wenn das uralte Autolie durchhält. Aber das ist eine andere, etwas peinliche Geschichte, die Frau SoSo erzählt.