Der Tag des Künstler-in-die-richtige-Richtung-Drehens | #UmsLand Bayern

Ich kenne die Frau doch, die sich da neben mich auf das Wartebänkchen beim Bahnhof Grafenau setzt. Und den Mann da drüben auf dem Parkplatz beim Rewe, den kenne ich auch. Mit dem Busfahrer, der gerade am Busbahnhof nebenan abfährt, habe ich mich vorhin im Café des Rewe unterhalten, als wäre er ein alter Freund. Fazit: ich bin von hier. Ich habe immer hier gelebt, war nie weg und diese ganze lange Radelreise rund um Bayern habe ich mir nur ersponnen.

Fast werde ich verrückt. Es ist wie einst in der US-Serie Dallas, als Bobby Ewing starb und nach vielen Folgen, in denen er scheinbar tot war, plötzlich unter der Dusche hochschreckte und feststellte, dass er das alles nur geträumt hat.

Morgens stand die Frau, die nun neben mir sitzt, beim Bahnhof Zwieselau, der eigentlich nur aus einer Holzhütte und einem Bahnsteig besteht. Das war beruhigend für mich, denn ich kenne das Prinzip des Bedarfsbahnhofs noch nicht so recht. Der Zug kommt immer zwei Minuten später, sagt sie und man muss aus dem Häuschen raustreten, sonst hält er nicht. So einfach. Und wenn man drinnen ist im Zug und aussteigen will, fordert einen eine Ansage auf, einen der im Wagen verteilten Halt-Knöpfe zu drücken.

Alles ist unklar an diesem Tag, außer, dass ich mir das Nationalparkzentrum mit seinem Baumwipfelpfad und dem Museum anschauen will. Bloß, wie komme ich dahin? Die Bahnlinie führt ja nicht bis zum Zentrum.

Im Zug weiß man Abhilfe: Mit dem Igelbus, jenen Linien, die auf die Berge Lusen und Rachel fahren und auf den wenigen erlaubten Straßen am Rand des Nationalparks Bayerischer Wald. Im Zug gibt es Begleitpersonal. Die Fahrkarte wird noch wie früher bei diesen Menschen gelöst. Sie lösen auch dein Problem, wenn du eins hast, geben Auskunft, scherzen manchmal, um die Leute bei Laune zu halten. Die Schaffnerin reicht mich an einen Fahrgast weiter: Der da, der kennt sich aus!, und so steige ich mit dem Mann in Spiegelau aus, er dreht mich in die Richtige Richtung, dort, bei der Bushaltestelle. Kommt gleich. Im Bus gehts genauso weiter. Der fährt nämlich gar nicht zum Nationalparkcenter. Es gibt keine direkte Verbindung dahin. Man muss umsteigen (falls Ihr jemals im Nationalpark seid und Bus fahrt, merkt Euch die Haltestelle Diensthütte. Sie scheint Dreh- und Angelpunkt zu sein. Das Dubai des Bayerischen Walds sozusagen).

Diensthütte umsteigen in den Lusenbus, der hinauf zum etwa 1300 Meter hohen Berg fährt, Wanderer hinbringt, abholt und wieder runter über Diensthütte dann zum Nationaparkzentrum.

Ein schön organisiertes Besucherzentrum mit Museum im Dr. Eisenmann-Haus, jenem Minister, der in den 1960er-Jahren diesen ersten deutschen Nationalpark maßgeblich initiiert hatte. Draußen ein Freigehege für Wild – man muss Glück haben, welches zu sehen. Die Gehege sind groß. Dann ist da noch ein Pflanzenpark und ein geologischer Rundweg und als Krönung der Baumwipfelpfad.

Der gehört einer Baumwipfelpfad-Kette, die auch in Österreich und Teschchien und in der Slowakei Baumwipfelpfade betreibt.

Für 9,50 komme ich rein und spaziere überm Wald bis zum Finale, einem Turm, der sich wie ein Ei um eine Baumgruppe legt. Alles ist barrierefrei. Man kann mit dem Rollstuhl oder Krücken bis ganz hinauf und hat einen prima Blick über den Nationalpark und bei gutem Wetter bis zu den Alpen. Am Holzgeländer sind pfeilförmige Plaketten angebracht, die zeigen, in welcher Richtung welche Stadt liegt, welcher Berg. Zwieselau ist etwa zwanzig Kilometer entfernt. Der Arber, höchster Berg der Gegend ist nicht sichtbar, aber die Richtung, in der er liegt, ist markiert. Er liegt nördlich hinter dem Rachel. München, Passau, Lusen und Rachel, viele kleine Orte der Gegend sind markiert. Finsterau und Mauth dürfen nicht fehlen. Bemerkenswert ist, das fiel mir schon am Baumwipfelpfad Saarschleife auf, es gibt Hinweise auf andere Baumwipfelpfade. Die Saarschleife ist nur 510 Kilometer weiter westlich.

Dies ist der Tag des Künstler-in-die-richtige-Richtung-Drehens. Zurück geht die Reise auf ähnliche Weise. Ich frage mich bei Mensch um Mensch von Ort zu Ort, lande schließlich in Grafenau, dem Endhaltepunkt der Linie drei der Waldbahn. Kein Wunder, dass mir alle so bekannt vorkommen. Ich habe den halben Bayerischen Wald befragt, um meinen Weg zu finden. Der Mann auf dem Rewe-Parkplatz ist derjenige, der mich in Spiegelau in die richtiger Richtung drehte. Der Busfahrer, mit dem ich über Porschetraktoren und Walter Rörl redete, hatte im Bus wegen des Fahrlärms recht laut geredet, ab und zu in den Rückspiegel blickend, Kontakt aufnehmend und hier im Café flüstern wir beinahe.

Die Waldbahn ist ein wunderbares Phänomen. Ich glaube nicht, dass wir schneller als fünfzig, sechzig Sachen auf der geschwungenen Trasse dahin fahren. Es geht familiär zu und unheimlich entspannt. Für den Moment denke ich, das ist es, was die Welt braucht: Entschleunigung, mehr Unsicherheit (so verrückt das klingt, im Sinne von weniger Durchtaktung), Ungewissheiten, Fragen, Langsamkeit, viel mehr Herz und Zwischenmenschlichkeit, anstatt abgehetzt und geschunden zwischen Maschinen und Automatismen hin und her zu hecheln.

Zurück auf dem Campingplatz erwartet mich eine Überraschung. Eine Gruppe mit drei Wohnwagen richtet gerade ihre Wagenburg ein. Ich weiß nicht, was mich so beklommen macht, aber ich glaube, es ist genau das, dieses Wagenburgbauen, dieses Grenzen errichten, dieses Hier-sind-wir-wer-seid-ihr-denn-Gebare. Drei riesige schwarze Hunde an langen Leinen bellen sich warm. Fast wie Schach, denke ich, wie sie die Hunde positioniert haben und nun stellen sie die Wohnwagen zur Rochade um.

Es ist fast 17 Uhr. Sieht nach Regen aus. Ich habe die nächste Nacht noch nicht bezahlt. Die Platzwartin war noch nicht da.

Es soll ja noch einen Campingplatz geben in Zwiesel, fünf Kilometer entfernt.

Schnell gepackt und los.

Den Campingplatz in Zwiesel gibts nicht mehr. Der nächste wäre in Regen. Elf Kilometer. Ich stelle mich auf Wildzelten ein, radele Richtung Regen. Nieselregen setzt ein. Regenklamotten anziehen unterm Dach der Bushaltestelle beim Krankenhaus. Weiterradeln. Plötzlich ein Schild Richtung Bahnhof. Nur ein Kilometer bergab. Hey, Mann, hast ja noch das Tagesticket der Waldbahn, könntste doch …

Und so kommt es wie es kommt. Schon stehe ich gegen 19 Uhr am Bedarfsbahnhof Bettmannssäge, einem winzigen Weiler. Weiß ja nun, wie das funktioniert. Dasein. Einsteigen, weiterfahren. Rausche durch bis Plattling.

Das liegt an der Isar, kurz vor deren Mündung in die Donau. Es gebe zwar keinen Campingplatz, aber bei der Isarwelle würden oft die Surfer mit ihren Caravans wild campieren, erzählt mir ein Fahrgast.

Obendrein lädt er mich während der einstündigen Fahrt zu einem verbalen Ausflug nach Berlin ein, ein Hausprojekt, faszinierende Geschichte, andere Geschichte.

Abstand zum Mittelpunkt Bayerns bei Kipfenberg 110 Kilometer.

Tag 13 der 2. Etappe (Tag 21) im Rückblick | #UmsLand Bayern

Heute war Irgendlinks Ruhetag, denn immer nur arbeiten, immer nur radeln und schreiben und twittern, geht nicht. Außerdem sei der Platz so schön ruhig und überhaupt, es sei ein toller Ort und er wolle ins Nationalparkzentrum des Bayerischen Waldes, schrieb er mir am Morgen. Baumwipfelpfad und so. Und da ist er schließlich dann mit Bahn und Bus hin und wieder zurück.

Auf dem Campingplatz Green Villag erwartete ihn eine unschöne Überraschung. »Neue Campingnachbarn mit drei riesigen, nervösen Hunden, die sie an langen Leinen an Bäumen festgebunden haben. Sie bauen zudem eine Wagenburg. Mit ihren drei Wohnwagen. Vielleicht sollte ich weiterziehen?« So twitterte er am späten Nachmittag und schon bald schrieb er, dass er das Zelt abgebaut habe und mit dem Zug Richtung Westen gefahren sei, nach Plattling. Mitten rein in dieses Bayernland statt außen rum. Das erste Stück des Heimweges der zweiten Etappe sozusagen.

Es gebe da einen Zeltplatz, schrieb er, an der Isarwelle. Irgendwo dort hat er nun sein Zelt aufgebaut. Es regnet.

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Auch heute gibt es einen Track.

Hier seht ihr die zurückgelegte Eisenbahnstrecke:

Direkter Link zur ungefähren Karte. (Zugstrecke)

[Zum Tourplan geht es hier lang.]

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Hier nun ein paar Bilder von Irgendlinks dreizehntem, respektive einundzwanzigstem Reisetag:

Per Zug mit der ‚Waldbahn‘ und den ‚Igelbussen‘ gings heute ins Nationalparkzentrum Lusen. Der Baumwipfelpfad mündet in einen eiförmigen Aussichtsturm, der drei Bäume umringt. Barrierefrei wachsen die Besucherinnen und Besucher mit den Bäumen, begleiten sie in die Wipfel. Von der Plattform hat man bei gutem Wetter Blick bis in die Alpen, zum Lusen und zum Rachel.

Endstation der Linie 3 der Waldbahn in Grafenau. Die Bahnline führt westlich am Nationalpark Bayerischer Wald vorbei, der etwa eine Länge von 37 Kilometern hat und etwa 250 Quadratkilometer groß ist.

Abends entscheide ich mich spontan, den Camping zu verlassen und mich in Zwiesel auf einem anderen Campingplatz einzuquartieren. Hier eine Szene am Ortseingang von Zwiesel.

Alles geht schief und kommt doch noch in Ordnung. Den Zeltplatz in Zwiesel gibts nicht mehr. Ich irre umher, will wildzelten, Regen setzt ein. Plötzlich ein Bahnhof der Waldbahn. Ein sogenannter Bedarfsbahnhof, ich glaube Bettmannsmühle oder -säge. Die Züge halten dort nur, wenn Fahrgäste aus- oder einsteigen wollen. Ich nutze mein Waldbahn-Tagesticket und rausche eine Stunde lang durch bis zur Endstation der Linie 1 in Plattling. Unterwegs lerne ich einen Orthopäden kennen, der mir bei den Isarwellen außerhalb Plattlings einen tollen Zeltplatz empfiehlt. Auf den Isarwellen surfen ein paar Unerschrockene unweit der Mündung zur Donau.

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Eure Sofasophia

Nationalpark-Radweg | #UmsLand Bayern

Liege im Zelt auf dem Rücken. Schaue in die Apsis. Die Sonne hebt sich aus dem Morgen. Ganz wie ich es gestern berechnet hatte, scheint sie über den Mühlbach zwischen den beiden Birken hindurch direkt aufs Zelt. Nachttau verdunstet. Die ersten Käfer verirren sich die Zeltwand hinauf ins – für sie wohl fraktale – Gewinde des fremden Universums, das sich über ihren Höhlen wie aus dem Nichts aufgebaut hat. Ob die Insekten dieses Universum erkunden? So wie ich Bayern? Ob sie eine Vorstellung von dem haben, worin sie sich befinden, wo die Grenze ist, wo der Ausweg, wo das Zurück?

Der Mühlbach plätschert gegen das Zischen der Bundesstraße an, die um die Frühstückszeit deutlich an Wucht gewinnt.

Die gestrige Etappe von der Šumava oberhalb Finsteraus über Mauth, Spiegelau und vorbei an Frauenau führte sehr oft an dieser Straße entlang. Dieser oder einer anderen Straße, die wie scharfe Klingen am feinen Hals des Naturidylls und Nationalparks Bayerischer Wald liegen. Hier die Straße, das Gezeter, der Dieselruß und jenseits meines fast immer ungeteerten Radwegs dichter, naturbelassener Wald. Abgebrochene Bäume. Felsen, Tümpel. So als habe Gott als kleines Kind hier gespielt und nicht aufgeräumt.

Was heißt nicht aufgeräumt? Was aufgeräumt bedeutet, liegt ja im Auge des Betrachters.

Ist das, was der Mensch gesäubert und aufgeräumt hat, der erstrebenswerte Zustand? Parzellierung, Aufteilung, Grenzen ziehen, Verbote aussprechen, Gesundes in zwei Hälften teilen mit der scharfen Teerklinge namens Fernstraße absolut naiv annehmen, dass daraus zwei Gesunde entstehen?

Die Narbe sind wir selbst, die wir immerzu von A nach B wollen – und das schnell und ohne ausgebremst zu werden.

Von der ehemaligen Zonengrenze rausche ich über Finsterau hinab ins Tal, stets auf einem schmalen Teerweg im Wald, vorbei an einem Freilichtmuseum. Das Museum ist zwar um halb zehn schon geöffnet, aber das Café, nachdem ich mich sehne, macht erst um 12 Uhr auf. Weiter abwärts bis kurz vor Mauth. Der Nationalparkradweg ist sehr gut beschildert, würde mich an Mauth vorbei durch den Wald führen.

Eine junge Frau erzählt mir, dass in Mauth an diesem Sonntag Markttreiben ist. Ein Umzug zieht durchs Dorf. Oben bei der Kirche gebe es auch ein Gasthaus und eine Konditorei. Konditorei, Kuchen, lecker.

Einen halben Zweibrücker Kreuzberg schwitze ich hinauf ins noch morgenverschlafene Dörfchen, doch der kommende Umzug wirft schon seine Schatten voraus. Vor der Feuerwehr bei der Kirche haben sich schon einige Menschen versammelt. Dirndln und Lederhosen. Es gibt sie tatsächlich. Das ist nicht nur ein Bayernmythos. Ich erlebe die Menschen in ihrem Festtagsstaat.

Als ich bei der Konditorei ankomme, völlig außer Puste, kommt gerade der Chef heraus, hält inne, magst an Kaffee. Jaaa. lechze ich. Da schließt er noch einmal auf, versorgt mich mit Kuchen und Apfeltasche und einer riesigen Schale Milchkaffee. Er ist selbst Radler, sagt er, und da weiß er wie das ist, wenn man außer Puste vor verschlossener Tür steht. Offiziell öffnen sie erst um 12 wegen des Umzugs und des Markttreibens. So, jetzt aber schnell schnell, so geht er nach Hause, um seine Festkleidung anzuziehen, während ich bloggend die Außenterrasse hüte.

Nach Mauth findet man am Nationalparkradweg nichts Besonderes. Nur Waldwege, keine einzige Parkbank auf den zwanzig Kilometern bis Spiegelau. Ein sanftes Auf und Ab unter dem Knirschen der Reifen auf Waldwegekies. Vermutlich haben die Planenden des Nationalpark-Radwegs eine Koombination aus Forstwegen und Loipen meist entlang der Straße mit Radwegeschildern versehen.

Einzig das Nationalpark-Zentrum am Lusen, etwa zur Mitte zwischen Mauth und Spiegelau ist eine kleine Ablenkung. Baumwipfelpfad. Restaurants, viele Leute. Würstchen kaufen, essen, rumlungern, beobachten, danach ist mir. Aber die Schlange beim Imbiss ist ewig lang, so dass ich weiterrolle, vergeblich auf der Suche nach einer Parkbank zum einfach nur Rumliegen und in die Wipfel starren.

Erst gegen Spiegelau gibt es wieder von Menschen für Menschen gemachte Areale. Ein Lauschplatz mit riesigem Trichter, durch den man in den Wald hinein lauschen kann. Eine Weile ruhe ich an einer Fichte hockend – auch hier keine Parkbank – und übertrage die Daten vom Smartphone auf den USB-Stick. Muss auch mal sein, Datensicherung. Von Spiegelau tosen Lautsprecherstimmen durch den Wald. Die Waldakustik ist wirklich berauschend. Ganz besonders. Ich kann es nicht beschreiben. Als würde man in einem riesigen Fass stehen und der Ton bricht sich zigfach. Ich verstehe nicht, was die Lautsprecherstimmen sagen. Aber als ich gegen 15 Uhr den Ortsrand von Spiegelau streife, kommen mir hunderte Menschen entgegen. Die Feuerwehr regelt den Verkehr. Was ist das? Volkslauf? Nahahaein, sagt ein Feuerwehrmann, ein Footballspiel. Football wie Football frage ich, ja, Football. Dann habt ihr hier eine Footballmannschaft? Jahahaha.

Trotzdem radele ich weiter, obschon so eine Show mit typisch Football, so wie ichs mir vorstelle, bestimmt ganz interessant wäre. So etwas habe ich noch nie gesehen und im Bayerischen Wald auch nicht erwartet.

Jenseits von Spiegelau ruhe ich auf einer Parkbank ein wenig, schließe die Augen. Ein Bus donnert vorbei und noch einer und noch einer in regelmäßigem Takt. Der Nationalpark wird nicht nur behütet wie ein Augapfel, er wird auch reguliert für den Tourismus erschlossen. Es muss sich wohl um die Ringbuslinie handeln, die ab Spiegelau zum Baumwipfelpfad und zu den Bergen Rachel und Lusen führt. Immer wenn ein Bus vorbeifährt auf der zwanzig Meter entfernten Teertrasse, vibriert der Boden wie Turnhallenboden, so weich, wie Torte aus Teer.

Weiter gehts nach Frauenau, also eigentlich an Frauenau vorbei, das unterhalb meines Forstwegs namens Nationalpark-Radweg liegt. Erst in Oberfrauenau finde ich ein Restaurant direkt am Weg, gönne mir ein Essen, weil Sonntag ist, lade die Powerbank, die sich dummerweise in der Satteltasche eingeschaltet hatte und sich in den letzten zehn Tagen selbst entleerte.

Der Forumslader kommt die letzten Langsamtage auch nicht nach mit Laden. Ich kriege ein Stromproblem.

Eine Pension oder ein Campingplatz wäre gut. Nein, wir vermieten keine Zimmer, sagt der Gastwirt, aber da unten, Zwiesel, da hats Campingplätze.

So radele ich als schweren Herzens abwärts (’niemals an Höhe verlieren!’) und quartiere mich auf dem Campingplatz Green Village, direkt am Kleinen Regen ein.

Wenn dies mein Universum ist, so wie die doppelte Zeltwand das Zufallsuniversum zahlreicher Käfer geworden ist, und wir alle nach einem Ausweg suchen, so wo ist dann mein Ausweg? Zwischen den sonnenbeschienen Zeltplanen immer Richtung Licht, gibt es da auch noch andere Wege, frage ich mich, nicht zuletzt im Hinblick, dass ich während dieses Abschnitts nie und nimmer die Runde um Bayern zu Ende bringen kann. Ich muss irgendwann abbrechen, aussteigen, zur Erde zurückstürzen, in den Alltag zurückkehren, um neu zu beginnen. So – wo gehts hier raus?

Die Antwort fließt wohl direkt neben meinem Zelt, oder sie tutet warnend vom Schienenstrang.

Ich beschließe, einen Tag Pause einzulegen und einen Abstecher per Bus und Bahn ins Nationalparkzentrum zu machen.

Tag 12 der 2. Etappe (Tag 20) im Rückblick | #UmsLand Bayern

Heute gibts mal wieder einen Twitter-Thread:

»Das Projekt #UmsLand (momentan Bayern) ist ein Langzeit-Literatur- und Kunstprojekt. Nah an den Grenzen der jeweiligen Regionen radelt der Künstler, bloggt und fotografiert das Rohmaterial für seine Kunstwerke. Hin und wieder überquert er die Grenze.
Ein Thread.

Der Grenzlinie folgend erhält man eine gute Übersicht über Land und Leute. Wie sie ticken, wie sie mit ihren Nachbarn und Fremden umgehen. #UmsLand/Bayern durchquert alle Regierungsbezirke. Dabei wird dem Reisenden schnell klar, Bayer ist nicht gleich Bayer.

Von Schwaben übers Allgäu, Ober- und Unterbayern nach Franken, die Menschen des Freistaats sind so unterschiedlich und individuell, wie das Land riesig ist.

Auch die geografische Betrachtung Bayerns verdeutlicht: Bayern ist nicht nur Berge. Wenn man einen Menschen am Inn aussetzen würde, ohne dass er weiß, wo er ist, würde er vielleicht vermuten, er befände sich im Deichland des Nordens.

Meine Reise wird von Außenstehenden gerne als Urlaub betrachtet, als Radtour bezeichnet. Mag sein, dass das hinkommt. Aber #UmsLand ist ein über viele Jahre angelegtes #Kunstprojekt. Knallharte Arbeit oftmals.

Die langsame Art der Fortbewegung mit dem Fahrrad, einem Verkehrsmittel, das man allzu leichtfertig als Freizeit- oder Sportgerät ansieht, dient dem Kreativen, ein Fundament zu schaffen, um Erlebtes in Bild und Text tagesfrisch ins Blog zu bringen.

Jeder Blogeintrag auf https://irgendlink.de bedeutet mindestens ein bis zwei Stunden hochkonzentrierte Schreibarbeit. Dazu gesellen sich weitere Stunden, in denen erlebt wird, worüber man schreibt, in denen das Künstlerhirn weichgeklopft wird.

Manchmal fragt man mich nach der Kontonummer und wie man denn das Projekt #UmsLand unterstützen kann. Das geht am einfachsten, indem man signierte Kunstwerke auf https://shop.irgendlink.de bestellt.
Wer gerne spenden möchte, kann auf den Preis etwas draufschlagen.

Die nächsten Kunstwerke werden Mitte Juni versendet. Der Künstler, moi-même, befindet sich ja gerade auf großer Expedition, um für Euch die faszinierenden Motive zu fischen, die in komplexen Prozessen zu Kunst verarbeitet werden.«

Heute Morgen ist Irgendlink wieder auf die deutsche Seite der Grenze geradelt und hat den Ort Mauth – samt Markttreiben – heimgesucht. Von dort ist er weiter nach Klingenbrunn und Frauenau geradelt und hat nun in der Zwieselau auf dem Camping Green Village sein Zelt aufgebaut.

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Das heutige Wegstück (Track) könnt ihr hier → gucken.

Oder hier (ungefähr):

Direkter Link zur ungefähren Karte. (Heute die Wanderversion, weil offenbar Tschechien keine kompatiblen Radwege bereitstellt.)

[Zum Tourplan geht es hier lang.]

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Hier nun ein paar Bilder von Irgendlinks zwölftem, respektive zwanzigstem Reisetag:

Stacheldrahtverhau der ehemaligen Zonengrenze oberhalb Finsteraus auf knapp 1200 m Höhe. Hier beginnt der Nationalparkradweg.

Ruine nahe des Stacheldrahtverhaus. Der Morgennebel zieht durch den Bergwald. Eine unheimliche Athmosphäre. Ich begegne nur zwei Ebikern und einem Förster.

Der Nationalparkradweg führt fast ausschließlich auf Waldwegen und vermutlich Loipen. Hätte ich morgens nicht einen Abstecher nach Mauth gemacht und mit viel Glück einen Kaffee und Kuchen ergattert, wäre ich unterwegs nur ein paar Mountainbikern begegnet. Auf etwa halber Strecke zwischen Mauth und Spiegelau war das Nationalparkszentrum um die Mittagszeit gut besucht. In Spiegelau waren die Straßen voller Menschen auf dem Weg zum Football-Match. Ja, richtig, Football.

Ansonsten gabs an diesem Tourtag nur Wald und Hochsitze.

Allee.

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Eure Sofasophia

Bordelle, Tand und schöne Lande | #UmsLand Bayern

Hin und wieder bezeichne ich die Kreuzbergstraße in meiner Heimatstadt Zweibrücken als steilste Straße der Stadt. Sie führt fast schnurgerade vom Herzogplatz und dem alten Brauereigelände hinauf auf den Kreuzberg, auf dem sich die Fachhochschule der Stadt befindet. Ich weiß nicht genau, wieviel Prozent Steigung die Straße hat. Mit einem größeren als dem ersten Gang, kann ich sie jedenfalls nicht hinaufkurbeln. Das kurze Stück Straße überwindet eine Höhe von etwa 80 Metern und im weiteren Velauf kommen noch einmal etwa 40 Höhenmeter hinzu, bis ich mich von der Innenstadt hinaufgeschuftet habe nach Hause. Unterwegs in der Fremde radelnd nehme ich gerne den Zweibrücker Kreuzberg als Maß für die zu überwindende Steigung.

Am gestrigen Morgen, erinnere ich mich schmerzlich, habe ich mit Gewissheit mindestens drei Zweibrücker Kreuzberge in den Schenkeln, als ich nach 13 Kilometern von meinem Wildzeltplatz auf der Wiese des Landwirts, der mit einer Remscheiderin verheiratet ist, das Ende des Donau-Wald-Radwegs in Jandelsbrunn erreiche. Inständig bete ich unterwegs, dass der Folgeradweg, der Adalbert-Stifter-Radweg ein Bahntrassenradweg ist. Und zwar ein richtiger Bahntrassenradweg, nicht Zahnrad. Mit höchstens drei, vier Prozent Steigung, Tunneln und Brücken …

Haidmühle, etwa anderthalb Stunden später. Jackpot. Der Adalbert-Stifter-Radweg führt tatsächlich auf einer alten Bahntrasse geschwungen stets gleichmäßig steigend aufwärts. Dritter Gang ist mein zweiter Vorname. Einfach ist es nicht, aber erträglich. Und die Landschaft durch Fichtenwälder, hoch auf dem Bahndamm über die vorbeilaufenden Dörfchen blickend, ist ein Genuss.

Adalbert Stifter, dem der Radweg gewidmet ist, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts hier im Böhmerwald geboren. Auf einem Themen-Wanderweg erfährt man auf etlichen Schautafeln, die mit Zitaten Stifters garniert sind, allerlei über den Künstler, Literaten und Pädagogen. Dass er Kunst und Literatur schuf, begeistert mich insofern, als es auch genau mein Genre ist. Schon dichte ich ihm kurbelnd über den Kies des Radwegs eine Art Urvaterschaft des Appspressionismus an, ein Mensch, der die Mittel seiner Zeit nutzte und kreativ kombinierte und dabei ein künstlerisch-literarisches Gesamtwerk schuf.

Was wohl, wenn Stifter unsere heutigen Mittel zur Verfügung gehabt hätte, Smartphone, Kommunikation, multiple Apps, mit denen er sich nach Belieben eine Schreib- und Malpalette zusammenstellen könnte und im Hintergrund ein robustes Blog als Mittel des künstlerischen Ausdrucks?

„Waldtraktor steht hinter Waldtraktor, bis einer der letzte ist und den Himmel, nein den Baum, abschneidet, denn der letzte ist ein fieser Harvester …“ verhonepipele ich ein Adalbert-Stifter-Zitat. Vielleicht hätte er es gemocht?

In Haidmühle führt ein Teerweg bis zur Grenze, kurz vor der Grenze ein Parkplatz. Mit dem Auto darf man da nicht durch. Es geht nur zu Fuß oder per Rad nach drüben.

Der Parkplatz ist rege belegt und ich sehe schon warum. Menschen mit Plastiktüten und Zigarettenstangen kommen mir entgegen. Drüben befindet sich neben einem Bahnwagen, in dem ein Café-Imbiss ist auch ein Shop und etwas weiter eine Pension mit Restaurant. Die Leute schwappen herüber, um billig zollfrei einzukaufen.

Es hat etwas Schmuddeliges. Wie Männer, die sich aus Sexshops herausschleichen mit anonymen Tüten voller Wasweißichs.

Ein tschechischer Radler klärt mich ein bisschen auf, ich solle ein Bier trinken hier. Er prostet mir mit einem bauchigen, fast kugelrunden Glas zu. Die kalte Moldau sei dies hier. Ein Hochland, umringt von Fichtenwäldern, weit geschwungen, darin die alte Bahnlinie und ein winziger Bachlauf.

Von der Bahnlinie gibt es nur noch einen Kopfbahnhof, der beim Kiosk liegt und einen Fetzen alter Bahnlinie direkt an der Grenze. Die kürzeste internationale Bahnstrecke der Welt (siehe Bild im Blogartikel zuvor). Transportsfahrzeug ist eine winzige Dampflok. Die Schienen sehen marode aus.

Weiter gehts durch Tschechien auf der Šumava-Tour, so zumindest ist sie im Internet ausgewiesen. Tatsächlich folge ich etwa dreißig Kilometer den Schildern des Eurovelo 13. Einzige größere Siedlung am Weg ist Strážný, ein ehemaliger oder gar immernocher Skiort, der aber nun ein Billigtandkundentrampelpfad geworden ist. Wunderbare, seltsame Waren von Körben über Gartenzwerge, Blechzeugs, Kunststoffmissratenheiten bilden ein Spalier des unwiderstehlich Günstigen. Dazwischen Zigaretten, Alkohl, Parfüm und auch ein, zwei Bordelle.

Gut dreißig Kilometer führt die Šumava-Tour entlang der Grenze durch Niemandsland und Bäume. Auch hier gehen mir der eine oder andere Zweibrücker Kreuzberg in die Knochen.

Am Abend lande ich wildzeltend auf 1100 Metern Höhe auf einer offen gelassenen Kuhweide zwischen riesigen Felsbrocken, Moos und viel Stille.

Ich schätze, dass ich etwa 1000 bis 1200 Höhenmeter geradelt bin. Zum Mittelpunkt Bayerns sind es 160,4 Kilometer.