Die Faszien der Sozialisation | #zwand20

Die Tage verlieren sich. Die Zeit verliert sich. Jedes Maß verliert sich. Es findet ein Reset statt, der alles, was per Sozialisation mühsam errichtet wurde und dich als Mensch ausmacht, auslöscht. Geht das nur mir so? Oder spüren andere auch, wie in diesen Tagen die Fundamente, auf denen das eigene Leben zu fußen scheint, wackeln, stürzen, zu Staub zerfallen?
Ich rede mit mir selbst, wie ich es auch auf längeren Reisen manchmal tue. Meist ganz banale Dinge wie: Wir gehen jetzt mal ein Sträußchen Petersilie pflücken im Garten und schneiden noch ein bisschen Minze. Ach, und wenn wir schon raus gehen, bringen wir Kartoffeln mit aus der Vorratskammer. Minzesoße wäre doch ein gutes Abendessen heute. Minzesoße und Kartoffeln. Es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, dass du anfängst mit dir selbst zu reden. Man müsste das mal wissenschaftlich untersuchen.

Dabei bin ich nicht so alleine wie sonst auf Reisen. Natürlich begegnet man auch während Pandemien Menschen. Hausmitbewohnern, Nachbarn. Man telefoniert, Emailt … es sind die Abläufe, die wegbrechen. Die feinen Konstrukte, die das Miteinander ausmachen, die man im normalen Betrieb gar nicht wahrnimmt. Die Faszien der Sozialisation. Ein unterschwelliges Gespinst aus Fetten, das scheinbar keine tragende Funktion hat, wie etwa Muskeln und Knochen, aber als bindende Schicht zwischen diesen liegt. Reibungsloses Miteinander. Ein Traum.

Camping Varilhes. Ich bin einer von sehr wenigen Gästen. Jenseits des Zauns brummt die Hauptstraße. Zehn Uhr früh. Die Sonne kommt raus. Direkt hinter dem Waschhaus fließt die Ariège., ruhig und schnell, etwa 30 Meter breit, ein typischer, gebändigter Gebirgsfluss wie etwa die Aare in Bern. Der Platzwart hat acht Jahre lang im ‚Forêt  Noir‘, gelebt. Forêt Noir, na,schnippst er mit den Fingern, wie heißt das auf Deutsch? Schwarzwald sage ich. Ouiii, Bàden-Bàden. Du musst total verrückt sein, zeigt er mit dem Finger auf mich, bei dem Gewitter zu radeln. Ich konnte mich in einer Waschanlage unterstellen, beruhige ich ihn.
Nie war ich froher, eine Autowaschanlage zu finden als am gestrigen Tag. Just als die ersten Tropfen das massive Unwetter einläuteten, konnte tauchte der Wellblechschuppen auf. Ich filmte das Unwetter. Regen in Bindfäden. Hagel, Blitz und Donner. In Thunder, Lightning or in Rain, shakespeart es in meinem Kopf.

Der gestrige zwanzigste Reisetag im Jahr 2010 beginnt mit zum Greifen nahen Pyrenäen im frühlingsgewittrigen Kleinstädtchen Varilhes. 180 Kilometer nordöstlich erwache ich am 20. Reisetag des Jahres 2000 in einem ockerbraunen Weinberg in der Nähe von Fortignan, am Rand der Bassins, die das Marschland vom Mittelmeer trennen. Vermutlich auf dem Gebiet der Gemeinde Vic la Garidole. Mit großen Tagesetappen befinde ich mich auf dem Rückweg, fotografiere weiterhin und notiere knapp die Standorte und Übernachtungsplätze in mein Journal. Die Kunst endet erst, wenn du wieder daheim bist. Fast bin ich ein bisschen dankbar, dass ich diese Minimaldisziplin im Jahr 2000 wahren konnte. Ich habe die Etappenorte aus dieser Reise in meiner Projektkarte als schwarze Marker eingezeichnet. Wie ich auch die Etappenorte der Rückreise 2010 ermitteln konnte und sie als ‚Crimson‘ (Purpur) farbene Punkte in die Karte setzte. Auch 2010 dokumentierte ich die Rückreise, per Auto nach Bern, in knappen Notizen.
Aber noch ist es nicht so weit. Ich notierte eine Beobachtungsszene ins Tagebuch.

Gestern kurzes Gespräch mit dem Bürgermeister von La Louvière. Von Norden kommend ist die Gemeinde der höchste Punkt, bevor  man das Arriègetal erreicht. Man blickt über eine flache, ländliche Ebene, die von dem Gebirge im Süden gerahmt wird (im Tagebuch steht nicht, worüber wir uns unterhielten, der Bürgermeister und ich; vermutlich aber nicht über das Folgende). Hundeverschissene Telefonzelle vor dem Campingplatz. Hundeverschissener Dorfplatz. Überall liegt Hundescheiße. Und riecht. Ein dickes Frauchen mit Spitz und ein mageres Frauchen mit großem Hund. Ein kräftiger Mann steht nackt am Fenster, jene typischen französischen Landhausfenster mit tiefer Brüstung. Er beobachtet.

Es ist der der 9. Mai 2010. Drei Hexen spuken, ach in meinem Hirn.
Und weiter im Tagebuch:

Hinweisschild Pech 0.5 D 120. Pfeil nach rechts.
Hinweisschild Pech 0.5

Ich beobachte. Wir beobachten. Wir beobachten die Frauen mit den Hunden. Wir beobachten einen androgynen Jungen wie er seinen uralten Lieferwagen repariert. Zwei Mal überquert der Junge den Platz. Wozu? Wir beobachten einander. Keine Ahnung, wer der Superbeobachter ist. Nicht der Nackte, noch ich. Der Superbeobachter ist der, der alles im Blick hat. Den Platz, die Leute, die Hunde, die Scheiße.

War an diesem Tag in dem kleinen Dorf etwa noch jemand? Jemand, der das alles aus seiner Perspektive notierte? Ein extrapolierter, alles überschauender Lind Kernig-Typ, der im Jahr 2410 an einem neunten Mai seiner Archivarbeit nachgeht und sich in belanglosen Geschichten verliert, die sich in einer längst vergangenen Zeit ereigneten.

2020. Nachts im Halbschlaf fabulierte ich an der Figur des Lind Kernig. Langsam wird es ernst, denn, wie schon erwähnt, möchte ich diesen Reisebericht ins Fiktive überführen, wenn ich meinen Erinnerungswanst, den ich mir vor zehn und zwanzig Jahren angefressen hatte, weggehungert habe. Ich habe ein bisschen Sorge, dass das nicht klappt, denn ich müsste, um täglich die ‚Reise‘ weiterzuschreiben, vollends in die Fiktion gehen und das, ohne ein Grundgerüst zu haben. So phantasierte ich im Bett hin und her rollend von einer postapokalyptischen Mondstation namens ‚Zwölfkuppeln‘ (Zweibrücken lässt grüßen), in der sich der Herr Lind Kernig langweilt und in den wenigen erhaltenen Dokumenten einer längst vergangenen Erde stöbert auf der Suche nach unterhaltenden Geschichten. Es manifestierte sich ein Bild einer gr0ßen, durchgetakteten Mondstation, in der sich zwar überleben ließe, aber nicht wirklich leben. Seelennahrung und Geschichten sind Mangelware. Bewegungsfreiheit auf diesem engen, künstlich geschaffenen Raum ist sehr eingeschränkt. Der Kontakt zur Erde und auch der Transport sind seit Jahrhunderten unterbunden. Niemand weiß, welche Bedingungen auf dem einst blauen Planeten herrschen. Im Prinzip eigentlich eine Fortsetzung der Maßnahmen der Pandemieeindämmung, die gerade im Jahr 2020 stattfindet als fiktive Geschichte, die auf dem Mond siedelt.

Gegen morgen schlief ich endlich wieder ein und erwachte kurz nach acht. Agil aus dem Bett. Die Sonne scheint im hier und jetzt. Solch ein Wetterchen gab es meines Wissens Ende März, Anfang April nie.
Ich stieg in die Gummistiefel, fütterte die Hühner. Luftmassen aus Süden ließen die Stadt wummern wie eh und je. Wen Südwind herrscht, drückt es den Stadtlärm wie Brei hinauf zum einsamen Gehöft. Ich war seit Tagen nicht mehr draußen. Noch nicht einmal auf der Landstraße oberhalb des einsamen Gehöfts. Was ich mit den Ohren erfasse deutet jedoch nicht darauf hin, dass die Leute es ernst nehmen damit, nur für das Nötigste aus dem Haus zu gehen. Alleine die vielen Motorräder, die am vergangenen Wochenende vorbei brausten … kann doch nicht sein, dass die Leute alle zum Arzt müssen oder dringend einkaufen oder in Wochenendschichten arbeiten?! Die aktuelle Situation ist wie immer für manche, und anders für viele. Die Manchen brechen den Vielen womöglich das Genick mit ihrem egoistischen Verhalten.

Doch zurück zu Lind Kernig. ‚Ein Zukunftsroman der feinen Künste‘ ist der Arbeitstitel des Buchs. Die Figur Lind Kernig wurde im Jahr 2012 von Bloggerfreund ‚Der Emil‚ erfunden. Ein Anagramm auf Irgendlink. Prächtiger Name, wie ich finde. Die Idee mit der Mondbasis und den perspektivischen Einflechtungen aus der Zukunft in dieses Blog, wuchs im Laufe der Zeit. Wie auch die Idee, eine Art künstlerischen Science Fiction zu schreiben. Problem: Ich habe so etwas noch nie gemacht, eine fiktive Geschichte geschrieben.
Im Grunde meines Herzens bin ich nur ein Beobachter, der den Alltag transkribiert. Deshalb liegt der Fall Kernig seit acht Jahren bei den Akten, im Archiv des ‚Kannst-du-bei-Gelegenheit-mal-Machens‘. Für irgendwann, wenn es keine echte Welt mehr gibt und der Alltag auf einen mathematischen Punkt zu schrumpfen droht. Auf der Festplatte suche ich dieser Tage alle Notizen zusammen, die sich über den Herrn Kernig finden lassen. Im Netz dürften weitere Ideen zu finden sein; in Kommentarsträngen fremder Blogs, sowie auf Twitter (der Herr Kernig hat sogar einen eigenen Twitteraccount).

Den halben Tag forschte ich nach den Bruchstücken meines Zukunftsromans der feinen Künste. Unmöglich, das alles auszugraben und zu sortieren. Ich sollte meine Energie darauf konzentrieren, einfach drauflos zu schreiben.

Es ist, so hoffe ich, wie mit dem Reisen in ‚echt‘ auch. Alles nur eine Abfolge von Begebenheiten, die man auf die Perlenschnur seines Blogges auffädelt.

Die Langsamkeit ist mein Freund. Möge die Geduld mit mir sein.

Der Marker des heutigen Blogeintrags sitzt in Varilhes. Ich gäbe viel darum, wenn die Reise hätte stattfinden können. Wenn ich, statt im Bürostuhl zu sitzen, jetzt das Radel satteln könnte, aufwärts, aufwärts, aufwärts in Richtung Porte d’Envalira.

Nachtrag: Der Emil schreibt in seinem heutigen Blogeintrag übrigens: ‚Zeit findet gerade jetzt nicht statt.‘

Fragezeichen, Telefonbuch und Waschmaschine, Dreigestirn der Gelüste spielwütig glücklicher Aufstrebmenschen | #zwand20

Aufgeschlagene Tagebücher, handgekritzelte Texte, Eierschalen, ein Salzstreuer – wie am Laufenden Band der eigenen Verwahrlosung könnte ich alle Gegenstände auf dem Künstlerbudenschreibtisch aufzählen. Eine Minute, Herr Irgendlink, du hast eine Minute. Alle Gegenstände, die du dir gemerkt hast und in dieser Minute aufzählst, räumen sich von selbst auf … der Schmutz vorm Maul des Ofens, eine zugestaubte alte Briefwaage, ein paar Kornkorken. Das Fragezeichen, vergiss das Fragezeichen nicht! Und das Telefonbuch! Das Fragezeichen und das Telefonbuch sind Klassiker. Die MUSS man nennen. Die kommen immer vor im Laufenden Band. Die Älteren werden die Show mit Rudi Carell aus den 1970ern kennen. Fragezeichen, Telefonbuch und Waschmaschine sind das Dreigestirn der Gelüste spielwütig glücklicher Aufstrebmenschen in frühlingsgrün strotzender Mittelschicht.

Vorbei, vorbei, vorbei. Alles geht den Bach runter. Die Welt verroht. Nicht erst seit der Pandemie. Die Verrohung höhlt die Gesellschaften schon seit Jahrzehnten aus. Außen Schönglanz, Pomp von der Stange, Statussymbölchen und Markenhörigkeit. Innen mit einem Dünnputz Härte und Egoismus versehen. So getüncht ist die gute Seele gewappnet gegen das Elend fernab in der Welt. Dergestalt karomustertapeziert im Gemüt lässt es sich gut hungern lassen, lässt es sich gut Staaten in Korruption versinken lassen, mit deren Machthabern der eigene Staat schöne Geschäfte macht. Die Solidarität unter den Einzelnen, von Mensch zu Mensch, ist nicht erwünscht. Wir teilen die Menschen dieser Erde in Uns und Die. Und Uns teilen wir notfalls weiter in Die, Die und Uns und so weiter, bis alle schön vereinzelt solidaritätsunfähig vor ihren Glotzen hocken und sich mitreißen lassen von den dargebotenen Stimmungen auf den Infokanälen dieser Welt.

Eine Bananenschale, ein Fresszettel, auf dem der Gartensaatplan aufgezeichnet ist, ein paar Stifte und noch ein Fragezeichen.

Mann, Mann, Mann, Kunstbübchen, gehst Du nicht ein bisschen weit mit dem Buch? Das ist ein Reisebericht, Herr Irgendlink, Junge, halt doch ein, komm denen nicht mit solch krudem Zeug. Ich halte Zwiesprache mit mir selbst; ich erwidere: Ta, ta, ta, es ist mein Buch, das muss so, das soll so. Ich habe keine Lust, mich zurückzunehmen und es ist meine Reise. Niemand muss folgen. Niemand muss das lesen. Ich schreibe es. Für mich? Noch nicht einmal. Für Niemanden? Auch nicht. Ich schreibe es. Einfach nur, ich schreibe es. Nicht weil ich es kann, nicht damit es gelesen wird, nicht, weil mir langweilig ist, nicht, um bewundert zu werden. Ich tue es völlig ohne Grund. Wie Reisen ohne Ziel.

Das Ziel löst sich im Laufe solcher Langstrecken-Fahrradtouren mehr und mehr auf. Anfangs noch fix, sagen wir einmal als Ort, von dem man eine Vorstellung hat oder auch nur als Wort, fängt das Ziel im Laufe der Zeit an zu springen. Die Könntes übernehmen irgendwann die Regie auf Reisen wie ich sie mache. Ich könnte links abbiegen, ich könnte rechts abbiegen, ich könnte geradeaus fahren oder zurück. Von Knotenpunkt zu Knotenpunkt fallen Entscheidungen und meist ergibt sich daraus eine Linie, die scheinbar auf ein Ziel hinausläuft. Die Strecken 2000 auf dem Weg nach Andorra und 2010 sind bei weitem nicht identisch. Das sieht man, wenn man sich die hellblaue Linie (2000) und die lila Linie anschaut, die die Abweichungen im Jahr 2010 darstellen. Je mehr man in die Karte hineinzoomt, desto deutlicher sieht man die Abweichungen. Wenn man die Linien millimetergenau gezeichnet hätte, würde man ein Gespinst erkennen. Wenn man exakt die Reifenspuren rekonstruieren könnte, müsste man eingestehen, in wenigen Punkten decken sich die beiden Strecken. Es ist ein Geschneidsel zweier Reifenspuren; der des breiten 26 Zöllers auf dem alten Mountainbike des Jahres 2000  und der des feinen 28 Zoll Reifens des fast neuen Trekkingrads des Jahres 2010. Nie ist etwas deckungsgleich. Es gibt so viele Radtourenspuren auf diesem Planeten wie es Melodienvariationen gibt.

Du schweifst schon wieder ab, Herr Irgendlink – Eine zusammengefaltete Solarzelle, ein zerknülltes Papiertaschentuch, eine leere Weinkiste, die Verpackung eines Schokoriegels, schon wieder ein Fragezeichen.

Lacaze. Ein älteres Ehepaar im uralten metallicblauen R4 stoppt und spricht mich an. Wie auch jener Mann kurz zuvor in Saint Sernin. Die Menschen halten einfach an, mitten auf der Straße, kurbeln die Scheibe herunter für ein kleines Schwätzchen. Woher, wohin. Das Bon Courage der Straßenmitte.

Ein weißer alter R4 im Profil. Auf seine Türen ist die Zahl 12 gesprayt. Die verbeulte Motorhaube ist auch besprayt und ragt ein bisschen nach oben.
Symbolbild eines R 4

Die erste der beiden Kladden, in die ich die Notizen der Reise Zweibrücken-Andorra 2010 schrieb, neigt sich dem Ende. 7. Mai 2010. Über den Col de Peyronnec auf 879 Meter erreiche ich Vabre, weiche von meiner Route 2000 ab, ich glaube, weil ich mich verirrte. Ich erinnere mich noch, dass es dämmerte, als ich einen Weiler namens Bombepanse durchquerte, dass es bedrohlich dunkelte und sich neben der engen Straße im dichten Wald oder auf abschüssigen Wiesen partout kein Zeltplatz finden ließ. Irgendwann hatte das Schicksal denn doch Einsehen. Einem kleinen Waldweg folgend fand ich nach diesem 18. Reisetag ein gemütliches Plätzchen unweit des Städtchens Roquecourbe.

Derweil hatte im Jahr 2000 schon die Rückreise begonnen. Da ich meine Bankkarte nicht mehr hatte, bestritt ich die Reise mit dem Geld der Reiseschecks, das eigentlich für den Rückflug gedacht war. Ursprüngliches Reiseziel war Gibraltar. Ich weiß nicht, ob ich weiter geradelt wäre, wenn ich genug Geld in der Tasche gehabt hätte. So trat ich zügig die Rückreise an, schuftete über Hauptstraßen via Puigcerda nach Bourg-Madame zurück nach Frankreich. Die zweite Pyrenäenüberquerung innerhalb von 24 Stunden. Dem Tal des Têt folgend auf einer Nationalstraße Richtung Perpignan. Außerhalb von Prades zeltete ich am Rand des Flusses – fast wie am Tag zuvor. Mein Faible für trockene Flussbetten?

Der neunzehnte Reisetag beginnt. Samstagfrüh. Nunja, Ihr seht es ja, das Hirn geht auf Wanderschaft. Der Körper sitzt und sitzt. Zwei verstaubte Aktivboxen. Die Ramones dudeln, ein schmiedeeiserner Schürhaken, ein weiteres Fragezeichen und ein leerer Becher Fruchtkefir.

Normalerweise esse ich kein Fruchtkefir. Fruchtkefir ist eindeutig ein Produkt aus Jounalist F.s Einkaufspalette. Wie Kunstmaler, so haben auch Konsumenten eine ganz eigene, eindeutige Palette. Die von Journalist F. kenne ich seit letzten Oktober, seit ich einmal wöchentlich für ihn einkaufe immer besser. Wie ich also in den Besitz von Fruchtkefir komme, ist eine tragische Geschichte. Sie handelt von Aktenbergen und Nichtzuständigkeiten, überlasteten oder unerfahrenen Ärzten, einem geradezuen Gewirre von Ärzten, die aneinander vorbei behandeln wie die Reifenspuren zweier Fahrradreisen im Abstand von zehn Jahren … lange Rede, in den Verwirrungen der medizinischen Behandlungen hatte man übersehen, dass Journalist F. katastrophale Blutwerte hat, die auf eine massive bakterielle Entzündung hindeuten. Irgendwann hatte eine Ärztin, die in der Charité geschult wurde endlich erkannt, wie brisant die Lage ist. Ein Wert, der normal bei vier liegen sollte, lag bei über hundert, weshalb man den Journalisten stationär aufnehmen müsse. So kam es, dass ich gestern seine Krankenhaustasche packe und weil keiner von uns beiden daran glaubte, dass das eine Sache eines kleinen Wochenendaufenthalts werden würde, hieß mich der Freund, den Kühlschrank nach Verderblichem zu fleddern, einzufrieren, was noch in die Truhe passte und den Rest mitzunehmen, um ihn selbst zu verzehren, den Hühnern zu verfüttern oder als temporäres Gästegefriergut in der Truhe meiner Frau Mama unterzubringen. So kam ich in den Besitz von Fruchtkefir.

Als ich die Krankenhaustasche fertig gepackt hatte, fiel uns ein, dass es ja nicht mehr so einfach ist mit dem Besuchen und öfter mal etwas vorbeibringen in der Klinik. Also Tasche umpacken und doppelt so viel von Allem  in den großen Reisekoffer quetschen. Der Reisekoffer ist ein hellblauer Kunststoffkasten, bedruckt mit Freiheitsstatue und weltweiten Sehenswürdigkeiten. Ein bedrückend groteskes Bild vor der eiskalten großen gläsernen Hauptpforte des Klinikums: kleiner Journalist F. in Rollstuhl mit Mundschutzmaske neben fast so hohem Reisekoffer. Wir lachweinten. Der Freund hieß mich, ein Bild zu machen, das er in einem Facebook-Eintrag verwenden wolle.

Herz in den Staub auf dem Künstlerbudenschreibtisch gemalt. Und ein Fragezeichen.

Der heutige Artikel wird in der Karte des Projekts Zweibrücken-Andorra vor der Hauptpforte des kosmodämonischen Uniklinikums gezeigt.

Das wenige Positive: Journlist F. ist Corona negativ getestet. Und er hat ein Einzelzimmer.

Der Pass nicht einer, nicht zweier, nein vieler Tankstellen | #zwand20

Wer bin ich? Ein Mensch auf dem Weg zur Erkenntnis. Was ist die Erkenntnis? Frag‘ nicht.

Gestern habe ich im Jahr 2000 die Pyrenäen überquert. Tag 17 der Reise nach Andorra. In einem ausgetrockneten Flussbett baute ich abends erschöpft und glücklich, aber auch ein bisschen depressiv, das Europenner-Zelt auf.

Gestern habe ich während der Reise im Jahr 2010 erkannt, dass ich gemütlich und Impulsen folgend besser vorankomme als wenn ich mich zu etwas zwinge. Rein zeitlich gesehen ist das zwar katastrophal, aber manchmal muss man menschgemachte Wertkonstrukte über Bord werfen, um mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen in der Zeit in der man lebt im Einklang mit sich selbst gut voranzukommen. Ich liege dreihundert Kilometer zurück im Vergleich zur Reise im Jahr 2000. Das Zelt habe ich abends zuvor einem Impuls folgend auf einem schönen, flachen Rastplatz vor einem Tunnel aufgebaut. Vermutlich ist das flache Gelände ein ehemaliges Gleisdreieck oder Bahnhofsgelände, etwas Außerhalb der Ortschaft Broquies. Es wachsen Birken (meine ich, mich zu erinnern), typische Gewächse für verlassene Bahnanlagen.

Am gestrigen ‚Reisetag‘ des Jahres 2020 habe ich Ja gesagt, obwohl ich hätte Nein sagen wollen. Zu spät erkenne ich meinen echten Willen, aber da ist das Ja schon ausgesprochen, das ein Nein hätte sein sollen. In einem privaten Beitrag schreibe ich mich an die Thematik heran und stoße auf das Phänomen des GEFÜHLs, das ich in einem ebenso privaten Beitrag vorgestern an Tag 15 diesem Blogbuch hinzufügte. Nur falls man sich wundern sollte, wo denn Tag 15 geblieben ist. Für eine Veröffentlichung als echtes Buch muss ja auch noch ein bisschen Futter da sein.

Es ist ungewöhnlich kalt in der Tarnschlucht an diesem 6. Mai 2010. Alle meine Kleider muss ich anziehen, geht aus dem Tagebuch hervor. Wechselhaftes Wetter, immer wieder Regen, weshalb ich mich hin und wieder irgendwo unterstelle und die Phasen des Stillstands nutze, um ein paar Zeilen ins Tagebuch zu kritzeln. Nach einer Passage bergauf, bergab, die gepaart mit Kälte und Regen an den Nerven zerrt, notiere ich:

Hinzu kommt die anhaltende Kälte, etwa 8 Grad, sowie seit Tagen keine Sonne gesehen, sieht man einmal ab von den paar Wolkenlöchern am Mont Lozère. Das geht ganz schön an die Psyche – ständig erwarte ich, dass sich hier in dem engen Tal eine der dicken Wolken öffnet, mich auf dem falschen Fuß erwischt und mir die unverpackt am Radel angebrachte teure Technik (Solar- und Ladegeräte) verregnet.

Technik und Datenübertragung stehen auch im Jahr 2010 noch ganz am Anfang. Wo hätte ich damals geahnt, dass ich einmal frei bloggend und publizierend, beinahe völlig digital ohne handschriftliche Notizen machen zu müssen, durch Lappland radeln würde. Wo hätte ich an diesem sechsten Mai 2010 geahnt, dass nun, Anfang April des Jahres 2020 Temperaturen jenseits jeglicher Vorstellung herrschen würden und das Thermometer sommerliche Temperaturen zeigen würde. Millau meldet heute 18 Grad, Sonne satt, null Millimeter Niederschlag, Wind aus Nordwest (okay, der ist ein bisschen ungünstig, denn der Tarn fließt westwärts. Aber schon bald hinter Broquies soll meine Route  nach Süden führen).

Der achtzehnte Reisetag heute. Im Jahr 2000 ist die Reise vorbei und der Rückweg beginnt. Im Jahr 2010 habe ich noch knapp 300 Kiloemeter bis Andorra und im Jahr 2020 verzweifle ich vor Angst, weil ich Freund Journalist F. ins Krankenhaus bringen muss. Aber das ist Thema des morgigen Blogeintrags.

Die Tagebuch- und Blogeinträge meiner Radreisen erzählen, meist nachts oder am frühen Morgen geschrieben, stets das Geschehen des Vortags. Von Liveblog kann also eigentlich niemals die Rede sein. Aber ich nutze das Wort, weil mir kein anderes einfällt. Wie ich als Autor das Buch gliedere, ist sicher eine Wissenschaft. Es ist jedenfalls ziemlich schwer, so spontan und direkt mit wenigen Stunden Bedenkzeit ein Buch zu schreiben, das, so hoffe ich, freude macht, zu lesen. Wenn ich nicht direkt und ungefiltert mit Minimalkorrekturen aus dem Bauch heraus arbeiten müsste, könnte ich sicher viel mehr Klarheit schaffen, aber ich käme auch nicht vom Fleck – hier würde heute kein Blogeintrag zu lesen sein.

Gebirgspassstraße zwischen Schneefeldern
Verzweigung zum Col de Puymorene.

Die Überquerung des Pyrenäenpasses von Frankreich über Andorra nach Spanien mit dem Fahrrad ist weniger dramatisch, als man vermuten würde. Wie es sowieso oft ein Kopfproblem ist, wenn man sich mit dem Fahrrad Wind oder Bergen entgegen stellt. Morgens habe ich schon ein bisschen Sorge. 1700 Höhenmeter stehen bevor. Im Jahr 2000 bin ich fit genug, etwa 400 Höhenmeter pro Stunde zu schaffen, egal wie steil die Strecke ist. Mehr Sorge macht mir der Verkehr auf der Hauptstraße. Wichtige Nord-Süd-Verbindung. Keine Alternativen zur bis zu 12 Prozent steilen, serpentinösen Strecke. Mit diesen Sorgen mache ich mich recht früh an die ‚Arbeit‘. Passiere Ax-les-Thermes. Der Thermalbrunnen mitten in der Stadt ist nicht mit Wasser gefüllt wie ich ihn in Erinnerung habe. Während einer Autotour 1995 machten wir eine Pause bei dem Brunnen und zogen unsere Badesachen an, um in dem recht großen Becken bei winterlichen Temperaturen außerhalb, bei Badewannentemperaturen innerhalb, zu baden. Niemand kümmerte das. Ax-les-Themers befindet sich auf einer Höhe von etwa 700 bis 800 Metern. Bis zum Pass bei 2400 Metern, der Porte d’Envalira muss ich 1700 Meter überwinden. Vor zehn Uhr ist der Verkehr gut zu ertragen, aber dann setzt der Einkaufs- und Tanktourismus ein. Ich erinnere mich noch an den atemberaubenden Anblick nicht einer, nicht zweier, nein vieler Tankstellen zwischen dem Ort Pas de la Casa (2000 Meter hoch gelegen) und der Passhöhe. Das gibt es nicht! Wie pervers muss der Mensch sein, Tankstellen auf einem Gebirgspass zu errichten!

Das war es also mit der Reise im Jahr 2000. Zwölf Prozent steil rausche ich die Hauptstraße abwärts nach La Vella, der Hauptstadt des Landes. In weniger als zwei, drei Stunden mit knappen Fotostopps habe ich die spanische Grenze erreicht. Höhe wieder um die 700 Meter. Weiter abwärts nach Seo d’Urgell. In einer Platanenallee mitten in der Stadt mache ich das letzte Kunststraßenfoto und notiere im Tagebuch, dass dies mein Anschlusspunkt werden soll, sollte ich je auf die Idee kommen das Kunststraßenprojekt nach Gibraltar weiterzuführen.

Und noch eine Erinnerung ist sehr präsent: das erste Mal nach Wasser fragen. In einer Tapasbar. Weiß nicht, wie ich darauf kam, ‚Aqua Cliente‘ heißt Trinkwasser. Jedenfalls sagte ich dem Wirt, brachial spanisch radebrechend, Aqua Caliente pro favor und er blickte mich verwundert an, aber naja, komischer deutscher Tourist und füllte meine Flasche mit Heißwasser, woraufhin ich mich wunderte, wieso er Heißwasser eingefüllt hatte, aber egal. Jahre später lernte ich dann, das caliente warm oder heiß heißt.

Abend ist es geworden am heimischen Schreibtisch des Jahres 2020. Widrige Umstände haben mich gezwungen, diesen Text, den ich nach normalem ‚Reiserhythmus‘ zwischen vier Uhr nachts und elf Uhr morgens geschrieben hätte, erst heute Abend fertig zu stellen. Man möge es mir verzeihen. Ich hoffe, ich verwirre nicht zu sehr in diesem live geschriebenen Buch, das im Stillstand von Bewegung handelt.

Der heutige Artikel Artikel wird in der Karte auf der Porte d’Envalira in den Pyrenäen eingezeichnet.

Das habe ich mir, das haben wir uns verdient.

 

 

Verschanzt hinter meterdicken Aktenmauern und Gesetzbüchern | #zwand20

6. Mai 2010, Campingplatz Atlantis, Millau Plage. Immer noch kühl, immer noch trüb. Wenn vorhin nicht eine SMS aus der Homebase eingetrudelt wäre, das Wetter werde ab heute Abend besser, müsste ich ganz schön hart mit der Laune kämpfen. Um Gute Laune ringen bei bedecktem Himmel, zweiter Kaffee.

Ax-les-Thermes (2000), Millau (2010), Zweibrücken (2020) – so lauten die Übernachtungsplätze nach dem sechzehnten Tag auf Tour. Im Tagebucheintrag im Millau der Reise des Jahres 2010 regt sich mein damaliges Ich erst einmal über den verwahrlosten, überteuerten Campingplatz auf, der immerhin mit vier Sternen ausgezeichnet ist.

Habe ich es hier mit Geldschneidern zu tun? Je größer die Systeme, desto teurer und unpersönlicher werden sie. Sie faulen von innen heraus.

Weitwinkelaufnahme Zelt mit Fahrrad vor Baum, Fischaugeneffekt.
Camping Millau 2010 – sehr schöner alter Baum mit vier Sternen.

Schönglänzend dekoriert mit Sternen und romantischen Namen, verbirgt sich im Hintergrund eine von Menschlichkeit gelöste Maschinerie, in der es nur noch um Geld, Profit, Rentabilität geht. Hart segelnd am Wind. Jegliche Pufferzone die in Normalzeiten nicht nötig ist, wird abgebaut, ohne dabei an extremere Zeiten zu denken, in denen man diese Puffer gut brauchen könnte – gestern war wieder Assistenztag, wie ich es nenne. Einmal wöchentlich kaufe ich ein für Freund Journalist F., löse Rezepte ein, setze die Waschmaschine auf, bringe den Müll runter und räume die Wohnung auf.

Ein Besuch in der Hölle, wie ich es nenne, der Freund möge es mir verzeihen. Vermutlich kommt aber die mittelalterliche Vorstellung von Hölle dem recht nahe, was er durchmacht. Das größte Problem ist nicht einmal die Hilflosigkeit, beeinträchtigt nicht mehr alle Arbeiten des täglichen Lebens selbst erledigen zu können, das Problem ist der schreckliche Zustand, alleine gelassen zu werden und im medizinischen und behördlichen System an langer Hand in einem großen, weißen, leeren Raum der Nichtzuständigkeiten zappeln zu müssen. Wenn denn Zappeln so einfach wäre. So etwa die Pflegeversicherung, die ihn seit einem halben Jahr hinhält und die längst überfällige Einordnung in eine Pflegestufe wieder und wieder verzögert, was Anrufe, Emails, Widersprüche nach sich zieht, kraftraubende Anrufe, Emails und Widersprüche. Kraft, die der Freund nicht hat. Verschanzt hinter meterdicken Aktenmauern und Gesetzbüchern lässt es sich unsere Mitmenschlichkeit fettwanstig gutgehen, Hauptsache, wir hören die Schreie nicht derjenigen, die hinter den Aktenbergen um ihre Existenz kämpfen.

Was rede ich. Kafka hat doch mit ‚Das Schloss‘ schon alles gesagt.

Dieser Campingplatz scheint ein gutes Beispiel zu sein für ein faul gewordenes System. Viel investiert, das Ding groß und schick gemacht, die Kosten nun auf die Allgemeinheit verteilt, ohne dass die Leistung erbracht wird. Unpersönlich.

Hier soll man Ferien machen? Prima, wenn alles so unpersönlich ist, kann man selbst auch so handeln, unpersönlich, sich um nichts als das eigene Wohl kümmernd, wohl wissend, dass man sich in gemeinsamen Sphären bewegt, die gemeinsam gepflegt und sauber gehalten werden müssen. Die Meisten tun das auch. Die, die wegschauen, nichts tun außer profiteren verseuchen den gemeinsamen Ort wie ein Tropfen Öl eine Tonne Wasser. Das System produziert die Individuen, die der Führung des Systems entsprechen. Egoismus und Gleichgültigkeit machen sich breit und dahinter eine Lizenz, eine zur Verwahrlosung, eine zur Verrohung und eine zur Teilnahmslosigkeit. Vier Lizenzen und ein? Es ist wie in einen Strudel gesaugt zu werden: einer fängt an und mehr und mehr lassen sich mitreißen. Huch, da liegt Müll! Lege ich meinen dazu. Fällt ja nicht auf. Und: Den Schmutz der Anderen, den mache ich garantiert nicht weg! Es beginnt immer klein.

Die Allgemeinheit derjenigen, die diesen Platz nutzen, revanchiert sich mit wilder Müllablage, verschmutzten Spülen, dreckigen Toiletten.

Kurz vor zwölf betrete ich das Wartezimmer von Journalist F.s Hausarzt, um bestellte Rezepte abzuholen. Es ist leer. Wie vor zwei Wochen auch. Gutso. Ich trage eine Maske. Die Corona-Situation wird mir langsam mulmig. Am Liebsten würde ich das Haus gar nicht mehr verlassen. Ich glaube, die Arzthelferin hat hinter ihrer Maske gelächelt, als sie mir die handgeschriebenen Rezepte gibt. Die Apotheker ist direkt gegenüber der Praxis. Auch hier alles leer. Es dauert ewig, bis die Apothekerin die etwa acht Rezepte durch den Computer gejagt hat. Groteske Apotheke. Es arbeiten drei Apothekerinnen an drei Terminals, aber ich bin der einzige Kunde aus Fleisch und Blut. Alle anderen Rezepte kamen per Fax, Email, kontaktlos (darum hatte ich Journalist F. auch gebeten, aber ihm fehlt die Kraft, das System mit der App zu bedienen). Im Hintergrund an einem Schreibtisch sitzt der Chef und telefoniert. Manchmal hebt er die Hand. Es ist so grotesk. Als würde er bei einer Auktion für einen Telefonbieter mitsteigern. Die Glasplatten über den Verkaufstischen sind fast einen Zentimeter dick. Ob das echtes Glas ist? Schon bin ich versucht, dranzufassen, halte mich aber zurück. Glasplatten können ja so intim sein. Fast wie Aktenberge und Gesetzesbücher, denke ich. Eine junge, agile Frau auf dem Werbemonitor nimmt einen Schokokuss vor den Mund, will hineinbeißen, jemand klatscht ihn ihr ins Gesicht, sie lacht zwischen Schaum und Schoko, Filmschnitt, Produkt, klatsch! Wie oft habe ich den Clip schon gesehen in den letzten Monaten? Warum erinnere ich mich nicht an das Produkt? Weil es für junge, agile Frauen gedacht ist.

2. Mai 2000, Camping Municipal, 1,5 Kilometer südlich von Ax-les-Thermes. Gestern Abend war ich so müde, dass ich direkt nach dem Essen, halb zehn, eingeschlafen bin und erst um 3:20 Uhr wieder erwachte. Es war tiefer Schlaf. Nun, acht Uhr, Schneidersitzbüro. LKW rollen über die N 20 – das kann etwas werden! Heute muss ich von etwa 700 Metern auf – laut Karte – 2400 Meter klettern. Eine Hammeretappe also. 31 Kilometer steil berghoch und bei vermutlich viel Verkehr. Gestern: über Nebenstrecken nach Pamiers, Foix, Tarrascon. Etwa drei Kilometer hinter Tarrascon geht es dann auf die N 20, wobei der meiste Verkehr mir entgegen kommt, rückreisend aus Andorra.
Der Campingplatz ist spitze. Durch einen Felsen wird man vom Lärm der N 20 abgeschirmt. Das Rauschen der Ariège tut sein Übriges. Obschon der Gebirgsfluss etwas nach Kloake riecht. Waschhaus beheizt.

Im Grunde liegt meine Hauptbeschäftigung doch darin, das viele Erlebte vorzusortieren, auszuwählen, und auf Papier und Zelluloid zu retten. Die unendlich größere Menge an Erlebtem bleibt außer acht. In diesem Buch ist keine Chance für das Flüchtige. […] Was bleibt von Tarrascon in meiner Erinnerung? Riesiges Bahngelände, eine Uhr, die noch nach Winterzeit gestellt ist. Was bleibt von Foix? Touristen in Massen. All die Dörfer mit ihren Brunnen, Dörfer deren Namen ich vergesse, sobald sie hinter mir liegen. Pamiers liegt schon fast zu weit zurück im länglichen Ort. Marktversagen. Bildversagen. Ein Bild ist nur dann ein Bild, wenn es gegenwärtig ist, wenn es erlebt wird.

Der Marker in der Karte? Wohin damit heute? Wieder zur Apotheke? Oder nach Atlantis (Millau)? Oder auf den Mond? Ich bin ratlos, wie ich auch in diesem Buch, das sich bedrohlich dem Ende nähert, ratlos bin. Müde bin ich. Erschöpft. Und ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Ich setze ihn nach Ax-les-Thermes. Das Tal wird eng. Es geht nur noch aufwärts, um in wenigen Stunden des Schwitzens in die ‚Vernichtung‘ der eigenen Reise überzugehen.


 

2. April 2420. Der längliche Ort taucht immer wieder auf in den Reiseberichten des Herrn Irgendlink. Als Kind in der Lunathek meines Urgroßvaters stöbernd, faszinierten mich diese rohen Relikte aus einer längst vergangenen Epoche, die vom Leben auf der Straße, dem grauen Band, das niemals endet handelten.  Die ersten Lesevergnügungen, kaum acht Jahre alt war ich … es war wie die eigenen Träume in die große Schlacht gegen die Eintönigkeit schicken.
Die Vorstellung, man könnte ein Wohnzimmer als länglichen Ort von 1500 Kilometern Länge bewohnen und sich überall wohlfühlen bei Wind und Wetter, berauschte mich. Die Enge der Mondbasis stand im krassen Widerspruch zum dem, was im eigenen Kopf vorstellbar war und zu dem, was vielleicht tatsächlich einmal war, irgendwo da unten auf dem grünlich schimmernden Planeten, den man einst den blauen nannte. (Lind Kernig)

Man sagt, Wasser habe ein Gedächtnis. Schlechtwetter hat auch ein Gedächtnis | #zwand20

Roquecourbe, Le Pont-de-Montvert, Zweibrücken – Tag 15 der Reise. Seit zwei Wochen im Sattel, bzw. auf dem Bürostuhl.

Der Camping Municipal von Roquecourbe ist in dieser frühen Jahreszeit noch geschlossen. Doch ein verschmitzter, alter Mann verriet mir, dass die kleine Tür neben der Telefonzelle immer offen ist. Problem: es gibt kein Wasser und die Toilettenhäuser sind mit Wellblech verbarrikadiert. Beim Schlachter auf der anderen Seite des Flusses kriege ich zwei Flaschen Wasser. Die gestrige Strecke: kein Verkehr! Aber ein Pass nach St. Sernin (29./30. 4. 2000).

In Lincou verlasse ich das Tal des Tarn und schwitze über die D 33 hinauf zu einem kleinen Pass und wieder hinab ins Tal des Flusses Le Rance, dem ich ab Plaisance/Curvalle folge. Über einen weiteren Pass, immerhin 15 Kilometer weit bergauf hinter Saint Sernin, ‚hüpfe‘ ich hinüber ins Tal des Gijou.

Grün. Frühlinghaft. Die Felsen strotzen vor Wasser, scheinen zu schwitzen. Die Vielfalt der Vegetation. Ein Sentier Botanique, ein botanischer Rundweg, ist ausgeschildert. Das Felsenland von Sidobre reicht bis ins Tal. Alle Felsen haben Namen und sind beschildert. Die sonst so kahlen Straßeneinschnitte, die der Mensch durch die Felsen gehauen hat, sind bewachsen mit hängendem Grün. Fast tropisch wirkt die Szene.

Derweil gut 200 Kilometer weit zurück, erreiche ich im Jahr 2010 über die ‚Königsetappe‚ Le Pont-de-Montvert in der Tarnschlucht. Das Wetter könnte nicht gruseliger sein. Hier auf etwa 850 Metern über dem Meeresspiegel hat es in der Nacht begonnen, schneezuregnen. Gerade noch so habe ich es geschafft, den über 1500 Meter hohen Col de Finiels im Massiv des Mont Lozère zu überqueren. Eiskalte Bergpassage, an dessen Gipfel ich mir einerseits wünschte, es würde immer so weiter gehen, höher, höher, höher hinauf, denn dann bliebe der Körper auf Temperatur. Gleichzeitig sehnte ich mich nach einem warmen Nachtlager.

Ein alter Grenzstein, unten weiß mit schwarzen aufgemalten Ortshinweisen, oben ein halbkreisförmiger Bereich, gelb mit der Höhenangabe 907 M
Grenzstein zwischen Departement Lozère und Aveyron

4. Mai 2010, im Zelt auf dem Campingplatz. Gestrige Königsetappe relativ gut überstanden. Statt wie angenommen drei Pässe, musste ich vier überqueren. Insgesamt etwa 1600 Höhenmeter. Bewegte mich in Höhen zwischen 1000 und 1541 m. Zunächst sanft steigend durchs Chappeauroux-Tal auf 1200 Meter in der Nähe von Rocles; ab Sange Rousse, wo ich einige Stevenson-Pilger traf abwärts nach Cheylard (1100 m), hinauf auf 1350 Meter, runter nach Bleymard (1050 m) und wieder aufwärts zum Col de Finiels. Im Skihotel unterhalb des Passes traf ich einen anderen Radler, der sich dort eingemietet hatte. Ich überlegte, mich auch dort einzumieten. Da aus Nordwesten dunkle Wolken aufzogen, entschied ich mich, die letzten hundert Höhenmeter bis zum Pass auch noch zu überwinden.

Nicht, dass wir über Nacht einschneien. Das Spiel mit den Bergen ist immer unkalkulierbar. Im Wettlauf gegen die Schlechtwetterfront lag der Pass umhüllt von unheimlichen, dunklen Wolkenschwaden, die die folgende Mondlandschaft düsterlich akzentuierten. Im Tagebuch lasse ich mich, im Zelt sitzend im Schneidersitzbüro auf dem Campingplatz am oberen Tarn-Lauf über das Unwetter zu Beginn des 15. Reisetags aus.

Ein Blick ins grün schimmernde Zelt auf Lebensmittelvorräte, die ausgebreitet auf dem Zeltboden liegen
Der chaotische Europenner-Kühlschrank liegt ausgebreitet im Zelt.

Seit über 12 Stunden Sturm und Regen, nun Schneeregen. Ich zelte auf etwa 850-900 Metern Höhe, habe mir den Schlafsack um die Nieren gewickelt, trage fast alle meine Kleider. Das Zelt ist gut trocken, trotz der sporadisch aufkommenden Schluchtenböen, die ordentlich an den Heringen zerren. Ich habe genug zu essen für zwei Tage und ein Stieg Larsson-Buch zur Unterhaltung, das iPhone für den Kontakt zur Außenwelt und eine Telefonzelle direkt vor der Tür. Dennoch überlege ich, eine Gîte zu suchen, um mich einmal richtig aufzuwärmen. […] auf der langjährigen Skala für miese Wetterbedingungen outdoor, kommt dieser Tag den Extremen der Öxi-Route in Island 1992 und jener stürmischen Nacht in Teneriffa 1990 ziemlich nahe. Wie sich plötzlich die Erinnerungen bündeln, ich gedanklich mal in Lappland 1995 bin, mal in Spanien des Jahres 1991 mit Freund Leb in einer Bauruine einen dreitägigen Sturm aussitzend, mal im Causse Mejan winterwandernd mit Freund I. Alle Schlechtwettererlebnisse im Zelt bündeln sich auf engstem Raum, wenn du wieder einmal bei Schlechtwetter im Zelt hockst.

Man sagt, Wasser habe ein Gedächtnis. Schlechtwetter hat auch ein Gedächtnis.

Wetter? Was ist das? Die Enge der Mondsiedlung sieht keinerlei Abwechslung vor. Noch nicht einmal beim künstlich erzeugten ‚idealen‘ Klima. Seit dreihundert Jahren leben wir permanent in einem Hochdruckgebiet. Keine Wolken, keine Stürme, kein Regen, kein Schnee. Willkommen im adiabatischen Zeitalter! (Lind Kernig, 31. März 2420)

Mann, Mann, Mann, was wäre dieses Zweibrücken-Andorra 2020 für ein herrlicher Durchmarsch geworden! Soweit ich die Wetterkarte beobachtete, hätte diese meine Fahrradtour vor zwei Wochen bei strahlendem Sonnenschein begonnen. Bei angenehmen Radeltemperaturen zwischen fünf und fünfzehn Grad. Im Vorfeld hatte ich zwei Wetterstationen markanter Punkte auf der Wetterapp geladen: Dijon (vier Tage vom Start entfernt), Roanne (acht Tage). Ab Tag acht wäre mir sowieso alles egal, weil ich dann mitten in der Radtour selbst bei miesestem Wetter nicht Halt machen würde. Ein kleiner Virus hat das geschafft, was tausend Winde nicht konnten. Hose Hose Wetterprognose. Ein Ritt durch klimatisch bereinigte Lande wäre das geworden. Millau am Tarn zeigt jusque-au-moment sieben Grad, leicht bewölkt. Das Wetter soll stabil bleiben. Der deutsche Name des Hochs beim Start der Tour ist übrigens Jürgen. Als wollte man mich verhöhnen.

Der gestrige Tag war schreiberisch recht anstrengend. Den ganzen morgen hatte ich am Blogartikel gearbeitet, bin immer noch hin und her gerissen von der Idee, Lind Kernig mit ins Boot zu holen und dieses eigentlich recht reale Blogbuch mit seinen täglichen Berichten über das ganz normale Dasein in Zeiten der Corona, bald in eine fiktive Geschichte überzuführen. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Literarisches Neuland. Abwendung vom Ich.

Nachmittags das Haus voller Verwandtschaft. Der Neffe hatte Geburtstag. Ein trauriges, einsames Fest für den 17-Jährigen. Es muss verdammt hart sein. Ich hielt mich fern. Zu stark ist die Erinnerung an den schrecklichen Lungendefekt vor bald fünfzehn Jahren. Ich möchte solch eine Enge nie wieder erleben müssen. Selbst der lecker Sahnetorte konnte ich widerstehen.

Dem Neffen schenkte ich nach langem Überlegen ein Kunstwerk. Wahrscheinlich kann er nichts damit anfangen. Aber irgendwie wollte ich ihm ein kleines Geschenk machen. Ich habe doch nichts, außer Kunst.

Abends ein kleiner Ausritt mit dem Ebike. Runter in die gespenstisch leere Stadt. Es wird fast zur Gewohnheit, die sonst so stark befahrene Landstraße zu benutzen – ein Tag mehr ‚radeln wie in den Achtzigern‘.

Den Marker auf der Karte lege ich für den heutigen Blogartikel auf den Öxipass in Island, für mich das Urbild allen schlechten Wetters. Fast bin ich versucht, mich in die kleine Hütte auf dem etwa 600 Meter hohen Pass im Südosten Islands zu sehnen, fast dreißig Jahre rückwärts im eigenen Leben. Wie der Sturm an dem Bretterverhau zerrte, der mit vier armdicken Stahlketten am Boden verspannt war. Ich meine, ich hatte Tee gekocht, um mich aufzuwärmen. Ob ich ein Buch dabei hatte, in dem ich las? Mein 26-jähriges Ich? Wie sah es die Welt, was erhoffte es sich? Gibt es Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit? Ich muss mal suchen.