My Instagram, my Gutenberg

Mensch blickt durch das sechseckige Sichtfenster einer Käsepackung Saint Agur. Augen und Nase im Fensterchen, groß im Vordergrund die Finger desjenigen, der die Verpackung in die Kamera hält.

Gib dem Gutenberg-Editor eine Chance, Monsieur Irgendlink. Der Failtoban-Bug, der mich vor zwei Jahren zum Gutenberg-Verzicht verdammte, scheint jedenfalls behoben. Nun ein bisschen Blogrohexperimente und sogleich den Instagram-Blocktyp entdeckt und, wie oben zu sehen, eingebaut.

Und warum schreibe ich diesen Beitrag? Weil Künstlerin B. zu Besuch war und wir für sie ein Jakobswegblog auf die Reihe bringen wollen. Da muss ich mich als ‚Lehrer‘ und Administrator doch mal wieder in die Sache einarbeiten. Bisher im eigenen Geköchel unterwegs war es nicht nötig, sich mit Gutenberg zu beschäftigen.

Okay. Nähkästchenplauderei gehört auch dazu. Ich werde den Blogbetrieb, also den eigenen Blogbetrieb, in diesem Jahr wieder aufnehmen.

Ach. Am 3. Mai startet B.s Jakobsweg-Projekt. Bis dahin betreiben wir digitale Bildhauerei und richten ihr Blog ein.

Ein Dank

Zwischendurch ein Dank an alle Kommentierenden der letzten Beiträge. Verzeihung, dass ich nicht geantwortet habe. Ich freue mich immer sehr über Eure Kommentare. Momentan fehlt leider die Kraft und die Motivation, sie zu erwidern. Das Künstlerhirn will gerade nicht denken und kreativ und einfühlsam sein.

Zum Glück reicht die Energie, schlichte Aufgaben jenseits der Kreativität zu bewältigen. Zum Beispiel Bilder zu Büchern formen. Das ist eine schlichte Tätigkeit, bei der man nicht groß denken muss oder sensibel sein oder sonst wie fühlen. Einfach Bilder sortieren, Größen ausrechnen und sie mittels eines DTP-Programms in Buchseiten fügen. Bald gibt es ein Buch namens ‚Zu‘. Vermauerte Türen zwischen Nordkap und Gibraltar. Manche Motive aus diesem Poster.

Nun komme ich doch glatt noch ins Plaudern. Die Möglichkeiten in diesem Jahr? Nunja, wie in jedem Jahr der Pandemie habe ich mir mal wieder versprochen, ans Nordkap zu radeln, wenn ich mich fit genug fühle dafür. Durch Norwegen dieses Mal. Aber ich muss abschwächen: das wird auch 2022 nix vermutlich, weil ich das althergebrachte Leben nicht so lange (sechs bis acht Wochen) verlassen kann.

Bleiben alte Kunstprojekte wie der Passfälscher oder UmsLand Bayern zu radeln (au warte, was bin ich mit dem 2018 begonnen Projekt, Bayern zu umradeln doch grandios gescheitert! Zunächst. Glumm schrieb, ich gäbe nie auf. Hoffen wir, er hat recht :-)).

Heute skizzierte ich eine Flussnoten 3- Route von Martigny bis zum Grimselpass, die Frau SoSo und ich angehen könnten diesen Sommer. Könnte ein tolles Liveblog-Projekt im Stil der 2016er Reise den Rhein abwärts werden: https://flussnoten.de

Die höchste Wahrscheinlichkeit zu realisierender Zukunftsprojekte rechne ich aber schlichtem Sofa sitzen aus. Jaja, ich fürchte ein bisschen, dass es vorbei ist mit den tragenden körperlichen Reisekunstprojekten.

Schlimm ist das nicht. Man muss es eben akzeptieren. Und im Kopf kommt man ja auch recht weit, wenn man schon so viel Schönes erlebt hat wie ich das durfte.

In der eisigen Atmosphäre des eigenen Scheiterns

Das gelbliche, knisternde Etwas im Zuluftschacht des uralten Holzofens kann kein Blatt sein. Zum einen ist es viel zu groß, größer als ein Avokadoblatt, länglicher als ein Ahornblatt und wie sollte das Blatt auch dahin gekommen sein, stand doch der Ofen ein, zwei Jahrzehnte lang in einem Abstellraum, abgeschieden von den Winden der Außenwelt, umgangen von Jahreszeiten, einzig gewürdigt von Spinnen, Asseln, Mäusen und Ratten. Hin und wieder stinkt es in dem feuchten Raum, der sich irgendwo im Kerngehäuse des einsamen Gehöfts befindet, sagen wir einmal etwas aasig, nach zergehenden Körpern irgendwelcher Tiere, die das Zeitliche segneten aus welchem Grund auch immer; liegen gebliebene Körper an Stellen, an denen das Schicksal es für angebracht hielt, dass letzte Atemzüge getan werden, letzte Herzschläge und das Blut zum Stillstand kommt für immer.

Mit etwas Glück habe ich mein Pech für 2022 schon aufgebraucht.

Lapidar getippter schneller Tweet. Manchmal hege ich die Befürchtung, ich vergeude meine Zeit, meine Ideen, Geistesblitze und die Chance auf Größeres im Kurznachrichtendienst. Andermals aber denke ich, genau richtig so, denn was du nicht sofort hinausposaunst in die Welt, sei es nur ein abstruses Wortspiel wie das obige, geht für immer verloren, wird nie mehr erinnert. Es kehrt bestenfalls zufällig wieder im Hirn eines anderen Menschen, der in ähnlicher Situation mit ähnlichem Hintergrund wie du selbst zu einem ähnlichen Gedanken findet und ihn aufschreibt. Womit er, der Gedanke, oder es, das Wortspiel, zum gesellschaftlichen Gemeingut wird.

Mindestens jedoch trägt es eine Weile Frucht in anderen Köpfen, ehe es vergeht.

Das gelbliche, längliche Ding, das ich aus dem Ascheschacht des alten Ofens löse, sieht aus wie ein Zweig, naja, nicht ganz … wenn ich den Gedanken zuließe, wäre es definitiv ein mumifizierter Rattenschwanz. Mit Leichtigkeit löste es sich von einem knisternden Etwas, das aussah wie ein verdorrtes Blatt. Ich will und will es nicht wahr haben, dass in dem alten, verstaubten Ofen, den ich gerade als Ersatz für den undichten, Künstlerbudenofen aufstellte, eine Rattenmumie festklemmt.

Arschkalt vor ein paar Tagen riss ich Tür und Fenster auf, um dichten Qualm in der Bude loszuwerden. Mit dem Ofen, der bis dato gute Dienste leistete, geht nichts mehr, so die Diagnose. Ich muss ihn putzen. Und wenn ich ihn putze, kann ich auch gleich die Dichtungen ersetzen. Das bedeutet, ich muss ihn auseinander schrauben, Verkleidung ab und auch den Katalysator lösen. Man macht so etwas ja so selten. Vergiss die Glasplatte nicht, die sich zierend über den Rauchkanal legt … natürlich vergesse ich sie und ein gusseisernes Teil, das ich nach mühsamem Fummeln an einer versteckten Schraube löse, knallt auf die Glasplatte, kaputt.

Plan B reift im Hirn, wenn der schludrig ausgeführte Plan A misslingt. Der Ofen ist die einzige Heizung in der Künstlerbude. Eine neue Glasscheibe kriegt man ja nicht hinterher geworfen, die Temperatur im normalerweise wärmsten Raum hat mittlerweile drei Grad erreicht, Tendenz fallend. Grautrister Schwerlasthimmel drückt das Gemüt, so viel Pech in diesem Jahr schon! Auto, Haus, Boot. Da ist die kaputte Sichtscheibe doch nur das Tüpfelchen auf dem I.

Ich denke, obiges Zitat ist Programm, hoffe, dass ich das Pech 2022 komplett aufgebraucht habe, krame den alten Heizknecht aus der Rattenkammer, schleppe ihn per Flaschenzug – welch Segen, solche Flaschenzüge – über die Treppe in die Künstlerbude. Das Ding hat zwar nur halb so viel KW und ist recht kompliziert anzufeuern, aber es tut seinen Dienst. Glück also?

Betrachtet man es von außen, mich als Protagonist einer Geschichte, ist das sicher recht amüsant zu lesen. Man friert ja selbst nicht, während man einen Blogartikel liest, der davon handelt, dass jemand anderes eine drei Grad kalte Bude hat, in der er existiert.

Nebenbei erinnere ich  mich alter Abenteuerideen vom Winterradfahren und vom mal wieder raus, das Hirn lüften und auf andere, bessere, weniger triste, gar schöne Gedanken kommen. Mal wieder Glück, adieu Pech. Gedanken und Träume, die ich auf Grund meines fortgeschrittenen Alters längst zu den Akten gelegt habe. Bei den Temperaturen draußen tagelang radelnd und im Zelt übernachtend? Das ist was für Dreißigjährige, maximal vielleicht drei-fünf-jährige. Für Ironmänner und -frauen, Brevet adictetes Gravelbikevolk. Mir bleibt nur die Improvisation … egal, wie ich also in der eisigen Atmosphäre des eigenen Scheiterns das beste aus der Situation mache, hellt sich das Gemüt wieder auf, ich glaube, das war vorgestern oder vorvorgestern. Plötzlich ist es doch möglich, theoretisch, die Kälte zu überstehen wie früher schon öfter durchlebt. Es gab da ein paar Radtouren im Januar und Februar vor unzähligen Jahren, die mich wochenlang südwärts führten. Vom Schicksal in der heimischen Wohnung auf Außentemperatur reduziert, denke ich, dass es klappen könnte und das gibt mir ein bisschen Kraft: Wenn ich wollte, könnte ich direkt die Satteltaschen packen, Zelt, Schlafsack, Kocher, den gesamten Europennerhaushalt, und los radeln wohin es mich gerade zieht, täglich siebzig achtzig hundert Kilometer voran, nach Süden, Osten Westen, gar nach Norden. Ja. Das könnte ich.

Derweil das erste Anfeuern des Ersatzofens gar nicht mal so übel läuft. Der Feinstaubsensor in der Bude gibt traumhafte Werte aus, konstant im grünen Bereich.

Nun steht er draußen auf dem Balkon, der alte Ofen, vielleicht repariere ich ihn, vielleicht besorge ich einen neuen? Setze ich mich aufs Radel? Wahrscheinlich nicht. Das Thermometer der Künstlerbude zeigt 22 Grad.

Meist bin ich guter Dinge trotz Pechs. Die Ofennummer, die hatte jedoch etwas Existenzielles.

Ironie des Schicksals: Während dieser Artikel entsteht, verschmort das Baguette im Backofen. Im konzentrierten Schreibflow habe ich den Wecker schlicht überhört.

Das Pech 2022 ist noch lange nicht aufgebraucht.

Meine tollen fettigen Schweizer Küchenbrettchen

Geradezu ästhetisch schnippt die Axt, sprichs mit Yogastimme „auuffhacken und aabbhacken … auuffhacken und …“ Gerade zerkleinere ich ein Kunstprojekt in Ofen gerechte Stücke, das ich schon ein paar Monate im Kopf trage.

Vielleicht ist es gar mehr als ein ganzes Jahr her, dass ich mit Frau SoSo einen Spaziergang am Wasserschloss machte. Wir hatten die Reuss überquert, flanierten am Flussufer, erreichten ein kleines Strandbad mit Grillplatz. Grillplätze sind ein Stück Schweizer Kultur. Jede Gemeinde betreibt eine oder mehrere Grillstellen mit Schwenker, Feuerschalen, Sitzbänken. Oft raucht auch im Winter ein kleines Feuerchen, sitzen Menschen darum, schmoren ihr Essen. Selbst geschnitzte Stöcke, auf die man die Schweizer Grillwurst persee, Servelat, aufspießt, legen die Menschen nach Gebrauch stets neben das Feuer. Man kann sie weiterverwenden, wenn man selbst ein Feuerchen entzündet. Bei den Feuerstellen gibt es meistens auch einen Vorrat Brennholz, hervorragendes Material, oft Buche oder Eiche, furztrocken und fein gespaltet. Die Schweiz ist grilltechnisch ein Schlaraffenland in dem dir die gebratene Servelat wie von alleine in den Mund fliegt.

Die Reuss treibt nahe des kleinen Schwimmbads langsam auf das Wehr zu, wo sie mit Getöse einen letzten Sturz macht, um sodann mit den Flüssen Limmat und Aare das sogenannte Schweizer Wasserschloss zu bilden.

Die Grillstelle war verwaist. Im Feuerholzstapel befanden sich gut zwanzig Küchenbretter, wie neu, ein bisschen fettig und noch während wir über diesen bizarren Fund rätselten, kam mir die Idee, dass man die Brettchen prima verwenden könnte, um Kunst darauf aufzubringen. Zum Beispiel in Potch-Technik wie im Beitrag zuvor erwähnt. Kurzum steckte ich so viele Brettchen wie möglich in meinen Rucksack, nahm sie mit ins heimische Atelier in der Pfalz, wo sie einige Monate im Trockenen standen und ich mir immer wieder vorstellte, wie ich sie säubere, schleife und Bilder im Transferdruck aufbringe et voilà le Kunst.

Nichts geschah. Monate lang. Die Brettchen wechselten bei Aufräumarbeiten immer wieder ihren Platz und immer wenn sie mir vor die Augen kamen, dachte ich über mein Kunstprojekt nach, ein zwei Tage Arbeit und Akribie und ich hätte eine urige Serie Kunstwerke geschaffen. Die Bedingungen stimmten allerdings nie. Erst einmal müsste ich sie säubern, abschleifen, trocknen, dann die Motive auswählen, laserkopieren, aufbringen, das Papier abrubbeln, lackieren, signieren, fönen, waschen legen der feinen Künste. Gestern entdeckte ich die Brettchen auf einem alten Holzanhänger, den ich begonnen hatte, zu einer Traktorgalerie umzubauen (auch so ein Projekt, das im Kopf geistert). Weil es im November geschneit hatte und der Schnee unterm Vordach auf dem Anhänger landete, war alles feucht. Was rosten konnte, rostete. Was schimmeln konnte, schimmelte, so auch meine tollen fettigen Schweizer Küchenbrettchen.

Nun kam mir meine jüngst per gutem Vorsatz angemahnte Vollstreckermentalität in die Quere (zur Hilfe). Dinge, die schon lange im Hirn gären und auf unbequeme Weise mit der physischen Welt verschränken, anzugehen, sie zu erledigen, sie abzuhaken.

Es schien aussichtslos, die Brettchen endlich in Kunstwerke zu verwandeln. Die Verschimmelung hatte dem Projekt eine ungewohnte Wendung gegeben. Die nahe Axt zur Hand zu nehmen und das einst so kostbare Material in Anfeuerholz gerechte Stücke zu zerlegen war ein Leichtes.

Beim mantrischen Hacken, stets die Worte „einhacken und aushacken, einhacken und aushacken“ im Sinn, schmunzelnd voller Lebenslust, kam ich zu dem Schluss, dass mein Jahr 2022 auch von Abschieden geprägt sein wird. Von bewussten Neins zu Gegenständen, die auf dem Rücken von Ideen und Vorhaben meine Gedanken belasten.

Das Mindeste, was ich für meine fettigen Schweizer Küchenbrettchen tun kann, ist ein Nachruf, diesen hier, in Blogform. Schnell getippselt an einem sonnigen Morgen.

Das Feuer im Ofen lodert. Ich frage mich, welchen Gegenstand ich als nächstes opfere, um meinen inneren Gott der Ruhe und Sorglosigkeit milde zu stimmen.

Die Traktorgalerie vielleicht? Ach und das Auto, das wollte ich doch auch verschrotten.

Neue Schnelligkeit

Eine Astknolle, eine Bildidee, bissel schleifen, Potchkleber aufbringen, Papier abrubbeln et voilà le Kunstwerk.

Schon während des Waldspaziergangs war mir klar, dass genau dieses Bild, das ich um Weihnachten geappt hatte, auf die Fläche transferiert werden soll.

Frauengesicht in Grungetechnik auf abgesägter Astknolle. Frontaler, düsterer Blick graublau auf Sägespuren und Verletzungen des ovalen Holzstücks.
Frauengesicht in Grungetechnik auf abgesägter Astknolle.

Das Ganze verdanke ich meiner ’neuen Schnelligkeit‘. Die Ideen nicht im Kopf verfaulen lassen, weil man auf Idealbedingungen wartet, sondern einfach machen.