„Sagen Sie, Herr Irgendlink, sie sind jetzt 101 Jahre alt und blicken auf ein erlebnisreiches Leben zurück. Von den höchsten Höhen bis zu den tiefsten Tiefen haben sie alles erlebt. Sagen Sie, wie viele Hunde gibt es eigentlich in Colchester?“
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Maldon. Durchs Wifi des Restaurants Oak House jage ich einige Fotos an die Homebase. Der iPhone-interne Akku ist an der Steckdose unter meinem Breakfast-Tisch fast voll geworden und der Zusatzakku hängt wie gewohnt am Nabendynamo des Fahrrads. Um ihn vollständig zu laden, müsste ich etwa 12 Stunden lang Rad fahren. Um eine iPhone-Füllung zu erhalten, genügen vier fünf Stunden. In Maldon fehlen mir etwa zwölf Kilometer des GPS-Tracks, den ich mir noch zuhause vom Internet geladen habe. Ich verliere dummerweise auch die Beschilderung (Anmerkung der Homebase: eine Karte aus Papier führt der Europenner aktuell keine). Über B-Straßen, die nicht so stark befahren sind, wie die A-Straßen, ackere ich weiter gen Osten. Im Zick-Zack-Kurs. Ich glaube nicht, dass ich mit Karten viel besser dran wäre als mit Radweg-Schildern und GPS-Tracks in Kombination. Sind die Schilder mal nicht zu sehen, prüfe ich auf dem iPhone, wie weit ich vom Track weg bin, der deckungsgleich mit der Beschilderung läuft.
Nach zwei Stunden finde ich bei Layer Breton wieder auf die N1-Cycleroute, die mich durch einen Park nach Colchester bringt. Kurz vor der Stadt führt die Strecke über einen Sportplatz, dann folgt einen Kilometer weit ein Pfad entlang eines Wellblech-Zauns, bei dem die Graffitis schwarz überpinselt wurden. Ich passiere eine üble Szene, bei der ein Mann von einem Hund angefallen wurde. Das Tier habe seinen Arm mit dem Maul gepackt, aber zum Glück nicht zugebissen. Ich bin froh, dass ich nicht fünf Minuten vor ihm hier war, sonst wäre es meine Wade gewesen, vielleicht. Hinein in die ehemalige Römerstadt, wo noch alte Ruinen zu sehen sind. Die Beschilderung ist perfekt. Und nach kurzer Zeit bin ich schon wieder draußen. Da die Sonne nicht scheint, bemerke ich nicht, in welche Richtung ich radele. Erneut folgt ein Wellblechzaun. Auch hier wurden die Graffitis mit schwarzer Farbe überpinselt und nach einigem kreuz und quer führen mich die N1-Schilder zu einem Sportplatz, tse, welch unglaubliche Symmetrie diese Stadt aufweist, denke ich gerade, als mir, jenseits des Sportplatzes auffällt, dass ich genau dort bin, wo ich vor einer Stunde in die Stadt eingerollt bin. Das doppelte Colchesterchen quasi, oder, um es mit Monty Python zu sagen: Die beiden Colchester musst du auf den beiden N1-Radwegen durchqueren und dich dann auf den Weg machen zu den beiden Ipswich.
Früher hätte mich das ziemlich geärgert. Das zeugt davon, wie sehr es mir gelungen ist, die inneren Kräfte, die sich im sinnlosen Gegeneinander gegenseitig aufheben und zu Verspannungen führen, aufzulösen. Demut? Erfahrung? Gelassenheit? Am nördlichen Ende des zweiten Colchester frage ich einen Mann, ob er einen Campingplatz wisse in der Gegend. Nö. Aber dort, jenseits der Bahnlinie beginnt der Highwoods Park. „Es kümmert niemanden, wenn Sie dort zelten.“
Auf einer riesigen, vier Fußballfelder großen Wiese habe ich freie Platzwahl. Das Areal ist etwa fünfeckig, von Bahnlinie und Hecken gesäumt und es spazieren etliche Hundegassigänger. Wobei sie sich stets an den Hecken auf ausgetretenen Pfaden halten. Ein Pfad führt schräg durch die Wiese, so dass ich an ein Pentagramm denken muss. Hier trifft sich allabends die hundebesitzende Schicht, um den Tierchen Auslauf zu geben, und deren Därmen Erleichterung zu verschaffen. Wie sie alle ihren gewohnten, alltäglichen Gängen nachgehen, wie ihr Leben getaktet ist, wie sie einander an den immer gleichen Stellen begegnen, wie die Hunde einander mögen, gleichgültig gegeneinander sind, oder aufeinander los gehen. Ein Typ mit einem weißen Irgendshire Terrier, den er frei laufen lässt, gerät an einen ängstlichen Kerl im Jogginganzug, der zwei Hundchen angeleint hat. Beinahe kommt es zum Kampf. Aber, anstatt dass es wie in Deutschland auch zu verbalen Konflikten zwischen den Herrchen kommt, sehen die beiden Männer das gelassen.
Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, hier das Zelt aufzubauen, aber ich verliebe mich in einen Platz, an dem die Morgensonne scheinen wird, warte eine halbe Stunde, beobachte das Geschehen, die Züge fahren im Fünfminutentakt. Güter- und Personenzüge auf zwei parallel führenden Linien. Als es dämmert, baue ich das Zelt auf. Die Hochzeit der Gassigänger ist gegen 21 Uhr Ortszeit vorbei. Die Dunkelheit macht mich unsichtbar.
Nun, morgens, erlebe ich den Hundestoßverkehr um 8 Uhr früh. Ich bin ein Störfaktor. Die Hunde scharwenzeln ums Zelt, bellen. Hoffentlich pisst mich keiner an.
(entfipptehlert und gepostet von Sofasophia)