Straße nach Gibraltar 007

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Dienstag, 18. April 2000

Ich erinnere mich an diesen Tag. Er ist repräsentativ für alle ersten drei vier Tage einer Fahrradreise. Wenn man von zu Hause startet und das süße Leben hinter dem Ofen mit all seinen Verköstigungen, gegen das Leben unterwegs tauscht, dann sind die Morgen ganz besonders schlimm: Was könnte ich an diesem Tag tun? Ich habe nicht allzu gut geschlafen auf der Isomatte. Es ist kalt. Nieselregen pocht aufs Zelt, was könnte ich also tun? Zurückfahren! Noch ist es nicht zu spät. Nur 183 Kilometer trennen dich von deiner warmen, gut eingerichteten Wohnung, in der dir jeder Gegenstand vertraut ist und in der du deine alltäglichen Rituale hast, zum Frühstück gibt es dies und dies und das, dann verrichtest du deine Arbeit, mit den lieben Kollegen in die Frühstückspause, Mittagessen, nachmittags noch einen Kaffee, bevor du auf deiner täglichen Rutsche durch den Tag wieder in der heimeligen Wohnung bist. Dienstags ab 18 Uhr laufen im dritten Programm Berichte über ferne Länder, fremde Kulturen. Der Konsum der Fremde ist leichter, als deren Erforschung. Aber er schmeckt fad.
Bei Kilometer 206 erspähte ich auf der D6 in Richtung Darney, just als ich ein kleines Wäldchen durchquerte, einen blauen Fleck am Himmel. Die geschlossene Wolkendecke der letzten Tage zeigte Risse. Der Wind war schwächer geworden und hatte auf Süden gedreht. Die Luft schien wärmer. Ich schwitzte. Es ist schwer zu beschreiben, wie ein solch winziger blauer Fleck einem das Gemüt erhellen kann, beinahe könnte diese Szene aus einer kitschigen Monumentalverfilmung einer biblischen Szene stammen, wie man sie vor Ostern im Fernsehen zu hauf geboten bekommt. Das Licht brach an den Wolken und der helle Strahl Gottes traf den Gerechten. Der Gerechte, das war in diesem Fall ich. Von Gott keine Spur, aber das Licht war echt. Es sollte mein Leitstrahl werden.

Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich, dass die Tour in diesen ersten Tagen ganz besonders auf der Kippe gestanden hat. Obige Gründe, das nahe Zuhause und die Gewohnheit auf der einen Seite, sowie die ungewisse Zukunft meiner Reise auf der anderen Seite waren Faktoren von ungemeiner Kraft, die jede Entscheidung, die ich in diesen erstenTtagen traf gehörig mitbestimmten. Ich gebe zu, ich dachte oft über das Aufgeben nach. Es ist wohl meiner strengen fotografischen Artbeit zu verdanken, schließlich machte ich alle 10 Kilometer ein Foto in Richtung Gibraltar, dass ich trotzdem durchhielt. Als einen weiteren maßgeblichen Zufall erachte ich es, dass ich in nicht wusste, dass ich beim Start der Reise aus purer Schludrigkeit einen großen Fehler begangen hatte. Einen Fehler, der den Freibrief zur Aufgabe bedeutet hätte, wäre er mir nur bewusst gewesen. Doch davon an anderer, so weit von zu Hause entfernter Stelle, an der eine Umkehr nicht mehr möglich war.

Straße nach Gibraltar 006

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Wo hätte ich gedacht, dass ich die zweite Nacht an der Mosel verbringen würde? Als Deutscher ist einem die Mosel als schlangenlinienförmiger Fluss in einem tiefen Tal bekannt. Der Wein, der an der Mosel produziert wird, hat den blumigen Geschmack von Schräglage und die Moselaner leben in Städten wie Traben-Trarbbach und Bernkastel-Kues. Auch ein, durchs amerikanische Fernsehen ungewollt berühmt gewordenes, Dorf namens Alf gibt es an der Mosel.

Und es gibt Bayon, Frankreich, ein kleines Städchen, welches einen Campingplatz besitzt. Dort stand mein Zelt vom 17. auf den 18. April 2000. Ich war einer der wenigen Gäste und teilte den Platz und das Waschhaus mit einer niederländischen und einer französischen Familie. Die Franzosen lebten in einem Wohnwagen, eine dicke Mutter mit ihren drei Kindern. Am Abend kam eines der Kinder herüber zum Zelt und reichte mir den Topf mit Spaghetti Bolognese, den sie übrig hatten. Ich war gerührt. ich war auch erstaunt. Sehe ich denn nach zwei Tagen Tour schon aus wie ein Bettler, der es nötig hat?

Im Intermarche von Luneville war ich wie ein wildes hungriges Tier durch die Regale gestreift. Süße Musik rieselte, unterbrochen von Eigenwerbung des Marktes,aus den Lautsprechern. Bei den überzuckerten Milchprodukten füllte ich meinen Korb, Stopover in der Fleischtheke, wo es mir winzige fette Würstchen namens Knackis angetan hatten, hinüber zu den Teigwaren, Gnocchi, und zu guter Letzt: Tomatensoße durfte nicht fehlen. Nassgeschwitzt und glücklich stand ich in einer langen Schlange bei der Kasse, dort, ganz vorne, wo sie dem Kunden das Letzte abfordern, indem sie ihm Schokoriegel, Kaugummie, Kinderspielzeug, die ganze Pallette unnützen Kleinkrams, den die westliche Zivilisation aufzubieten hat, direkt vor die Nase hielten. Spiesrutenlauf.

Dessen erinnerte ich mich, als das Kind mir den Topf vor die Nase hielt. Ich weiß nicht, was mich geritten hatte, war es dieses merkwürdige Gefühl, das man wohl nur dann hat, wenn man alleine unterwegs ist und niemand ist da, mit dem man mal ein paar Worte wecheseln, lächeln oder einen Witz erzählen könnte? in solchen Momenten sollte man dankbar sein, wenn sich einem ein Mensch zuwendet, sei es nur, weil er dir einen halb angefressenen Topf Nudeln überreicht. Ich ließ es mir schmecken, spülte den Topf fein säuberlich und amüsierte mich, als die Mutter den wirklich blitzeblank mit heißem wasser und Spülmittel und einem nagelneuen Schwamm gespülten Topf kurze Zeit später noch einmal spülte.

Straße nach Gibraltar 005

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In den ersten Tagen einer Reise, hat man mit verschiedenen Widrigkeiten zu kämpfen. Die eigene Psyche ist einem der größte Feind. Sie und der Himmel. Es ist von ungemeinem Nutzen, wenn man bei Sonnenschein startet. Der 17. April 2000 war ein trüber Tag. Aus Westen bließ ein frischer Wind, so stark, dass die Wäsche auf den Leinen in den Vorgärten der Dörfchen, die ich durchquerte fast waagrecht in der Luft lag. Das Alleinesein schlug nun voll durch. Zunächst durchquerte ich noch ein Stückchen Wald, welcher mir das Gefühl von Schutz und Behaglichkeit gab. Der Sturm vom Dezember hatte Lücken gerissen. Die Holzfäller hatten ganze Arbeit geleistet und zig Kubikmeter feinste Fichte gefällt. In großen Stapeln hatte man sie im alten Kanalbett bei Arzviller gelagert. Praktisch, dachte ich, so ist die Nasslagerung auch über Jahre hinweg gesichert, denn das alte Kanalbett lässt sich bei Bedarf anzapfen, um das Holz zu beregnen. Ein harter Brocken für die Psyche stellte die geradezu pittoreske, landwirtschaftlich genutzte Gegend westlich von Guntzviller dar. In einem Anflug von Leichtsinn passierte ich Sarrebourg, ohne Lebensmittel zu kaufen, südlich und fand mich Stunden später in einer Gegend wieder, in der es nichts, aber auch absolut nichts zu kaufen gibt. Die zierliche Verknüpfung winzigster Dörfer, welche mit winzigen, gut geteerten Wegen miteinander verbunden sind, nagte am Gemüt. Ich entwickelte eine unbeschreibliche Lust auf Markenprodukte, welche hin und wieder geschürt wurde von riesigen einsamen Plakatwänden, die auf Trinkjoghurt der Marke Yop hinwiesen. Ab und zu bleckte eine Hauswand in einem der winzigen Weiler, bunt bemalt, mit einem Hinweis auf den nächsten Supermarkt. Trente Minutes Sarrebourg rue de Saverne zum Beispiel. Das hieße 30 Minuten, mit dem Auto, nicht per Rad, zudem in die andere Richtung. Der Heißhunger konzentrierte sich auf Schokolade, während ich im Niemandsland zwischen Saverne und Luneville dem Wind entgegenstrebte. Ab und zu nahm ich einen Schluck Wasser, eiskalt, aus der Trinkflasche, schoss brav meine Fotos – wohin? wohin? – nach Westen und nicht nach Süden. Um die Vogesen zu umgehen, sollte man einen kleinen Umweg in Kauf nehmen. Der Heißhunger auf Schokolade wich in einem Dorf namens Ebermenhil der simplen Lust auf Zucker. Ich beschloss, die Stadt Luneville anzusteuern und im nächstbesten Supermarkt einzukehren.

Tag der Arbeit

Wird langsam konkret mit dem Job. Erste Vorstellungsgespräche bahnen sich an. Aus einem Anfall von Ziellosigkeit habe ich das Spektrum der Bewerbungen weit gestreut, weshalb die Zukunft, ganz grob abgesteckt, zwischen virtueller und realer Welt liegt. Beides hat seine Vorzüge. Die virtuelle Welt reizt mich mehr, weil es sich dabei um einen Ast am Baum des Lebens zu handeln scheint, welcher noch viele Verzweigungen verspricht. Will sagen: mach‘ was mit Computer, da kannste was lernen. Die reale Welt hingegen bietet mehr Geschichten. Man muss vermutlich ziemlich feinfühlig sein, um das zu erkennen. Jeder Job hat seinen Reiz, wenn man ihn aus der Perspektive des Beobachters sieht. So habe ich das schon vor einigen Jahren als Postmann gehalten. Eine Fülle von Geschichten, die ich zum Teil in Blog-Form festgehalten habe, waren die Folge.

Gestern mit dem potentiellen Arbeitgeber N. telefoniert. Im Gegensatz zur Spediteurin, welche LKW-Fahrer nachts für 5 Euro pro Stunde ohne Spesen sucht, bewies N. Humor, indem wir über Kunst schwadronierten und er diagnostizierte: „Draf ich also davon ausgehen, dass sie derzeit finanziell nicht ausgelastet sind?“ Sowas gefällt mir.

Und so kann ich nur immer wieder rege behaupten: Bei der Jobsuche müssen die persönlichen Parameter stimmen und nicht die materiellen (darüber haben wir noch gar nicht geredet). Und: ob ein Mensch einem liegt oder nicht, erkennt man fast immer in den ersten Sekunden.

Wie auch immer. Nachmittags geschludert und mit Kokolores einen Spaziergang in der Kaiserslauterer Gegend gemacht. Dort gibt es eine so genannte Elendsklamm. Fast wie in Bayern. Enge Schlucht, durch die ein wildromantischer Pfad führt mit vielen Brücken und Treppen. Elend ist in diesem Fall übrigens mit fremd zu übersetzen. Es stammt vom mittelalterlichen alilendi (lat. alienus). Die Schlucht war seit jeher eine Grenze.

Nun, da ich dies schreibe, ist’s sonnig. Wird ja doch langsam Frühling. Im Ofen schnurgelt das Feuer. Seit einer Stunde sollte der fünfte Teil der Straße nach Gibraltar online sein. Hab ihn zurück gestellt, weil mir Bedenken kommen. Ich glaube, er zerschießt das Blog? Von mehreren Seiten erkenne ich, dass diese fiktive Geschichte mit wahrem Hintergrund als bares Blog wahrgenommen wird. Ich werde das Projekt in meinem Testblog weiterführen und erst wenn es fertig ist, veröffentlichen.

Straße nach Gibraltar 004

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Montag, 17. April 2000 – Der Mann im Kreis
Frühmorgens schon wach. Besser gesagt: die ganze Nacht immer wieder aufgewacht, mich hin und her gewälzt, im Halbschlaf wild geträumt. Das Leben draußen nicht mehr gewöhnt. Isomattenschlaf ist anders als Bettschlaf. In der Morgendämmerung kochte ich einen Kaffee, um mich aufzuwärmen. Die Nacht war eiskalt. Das Zelt innen ganz klamm von der Kondensfeuchte des eigenen Atems. Obendrein hatten mich die Güterzüge, die jede Stunde durch das enge Tal donnerten wieder und wieder geweckt.

Als ich in die Rezeption ging, um zu bezahlen, lag eine lokale Zeitung auf dem Tisch. Oben prangte ein Artikel mit dem Titel „La Vie Dans une Circle“ (oder so ähnlich). Ich übersetzte: Ein Leben im Kreis. Es ging um einen Landstreicher, der schon seit Jahren in dieser Region lebt und auf seinen Wegen einen Kreis beschreibt: wieder und wieder kehrt er an ein und die selben Orte zurück. Soweit ich den französischen Artikel zu interpretieren vermochte lebte der Mann auf einer Fläche von gut 7000 Quadratkilometern. Sein Wohnzimmer sei ein Kreis, seine Garage ein Erdversteck in einem sumpfigen Terrain irgendwo an der Saar, in dem sich unter Zweigen versteckt ein altes Mountainbike befindet. 7000 Quadratkilometer, errechnete ich, sind ein Kreis von etwa 100 km Durchmesser. Der Mann war Herr über ein riesiges Revier, in dem er eine weitläufige Behausung sein Eigen nannte. Unter jener Brücke unweit von Straßbourg mochte sich sein Wohnzimmer befinden. Neben einem Bahndamm bei Sarre-Gueminnes eines seiner Schlafzimmer. Die zahlreichen Fernsehgeräte, aus denen er seine Alltagsinformation bezog stünden in öffentlichen Gebäuden, Kneipen, kleinen Bars vielleicht auch diese hier – die Rezeption des Campingplatzes Plan Incline?

Ich bezahlte meine Rechnung und mit Gedanken an den seltsamen Berber, welcher im großen Kreis lebt, stieg ich aufs Fahrrad und folgte dem Tal Richtung Arzviller. Steil berghoch, denn ich musste die 35 Höhenmeter, die die Kanalschiffe in einer überdimensionalen Badewanne den Berg hinauf geschleppt werden per Muskelkraft erkämpfen. Abseits der Straße zeugten verwitterte Schleusen von einer Zeit vor der „Badewanne.“ Wie lange mochte ein Lastkahn wohl früher benötigt haben, bis er, von Schleuse zu Schleuse fahrend, den Hügel überquert hatte? Oben erspähte ich zu meinem Erstaunen einen Tunnel, durch welchen der Kanal führte. Die ehemals dem Lastverkehr dienende Schiffahrtsstrecke zwischen Rhein und Marne ist nun zu einer wunderbaren Touristenroute geworden.

Während ich so vor mich hin kurbelte, musste ich wieder an den Bettler, den Mann im Kreis denken. Was ihn wohl auf die Straße getrieben haben mochte? Wie er zu dem werden konnte, der er heute ist. Ich dichtete ihm eine langsame, schleichende Entwicklung an, in welcher er als ganz normaler Mensch gestartet war und über die Jahre hinweg hatte sich sein Leben geändert, vom Arbeitnehmer war er zum Arbeitslosen geworden, vom Liebenden zum Enttäuschten, vom vom Erfolgreichen zum Versager. Vom Menschen, dem zunächst alle Möglichkeiten offen gestanden hatten, und der die freie Wahl gehabt hatte zu gehen, wohin er nur wollte und zu tun und zu lassen, was ihm gerade in den Sinn kam, war er mutiert zu einer seltsam abgewrackten Kreatur, dazu verdammt im Kreis zu leben. Vielleicht hatte er seine Frau verloren? Dann Alkohol. Dann die Straße?

S. kam mir in den Sinn. Ich sah sie neben mir liegen, damals, in guten Zeiten und, während ich durch die Tristesse des Hochplateuas zwischen Rhein und Marne radelte, war mir, als spürte ich ihren Atem, hörte sie seufzen, während sie schlief, lachen, weil etwas Sinnloses aber Komisches passiert war. Sie war so nah. Das machte mich sentimental. Ich versuchte die Gedanken zu verscheuchen vom süßen Frieden, indem ich das Bild von vorgestern hervor rief: Sie auf dem Tisch mit ihm, meinem Nachfolger, seltsam geleckter Latin-Lover, dann der Sturz, bei dem sie mich vom Hocker riss, so als hätte sie mir doch noch etwas zu sagen: Halt mich, rette mich. Und der Lover lief blutend zum Klo und sie lag auf dem Boden, weinte und ich rappelte mich auf, rieb mir die Hüfte und ging.

So verging der zweite Tag der Reise mehr Innen als Außen. Von der Umgebung nahm ich nur wenig wahr. Im Reisetagebuch notierte ich: km 95, links, ganz schwarz, hohe Vogesenberge und: km 141, Ebermenhil, Hunger! sowie: km 144, zw. Ebermenhil und Laneauville Durst!