Ja vs. Nein

Dem alten Flann O‘ Brien, einem ganz coolen irischen Autor, habe ich einmal die folgende Weisheit geklaut (sinngemäß): Wenn du die Möglichkeit hast, eine Frage mit Ja oder mit Nein zu beantworten, so antworte mit Nein. So ähnlich sagt es der alte Matters in dem Roman „Der dritte Polizist“. Es ist ein verrücktes Kunstbuch, welches serienmäßig seltsame Phänomene menschlichen Verhaltens, eingebettet in eine Krimistory, aufzeigt. Ebenso naturwissenschaftlich, wie esoterisch, beschreibt der Autor etwa, warum Menschen, die oft Fahrrad fahren, einem Fahrrad immer ähnlicher werden und im Gegenzug Fahrräder, auf denen oft geradelt wird, irgendwann so menschlich werden, dass sie beginnen ein Eigenleben zu führen und man sie deshalb besser hinter Gitter bringt. In dem Buch taucht auch ein ominöser Wissenschaftler namens De Selby auf, welcher in Fußnoten, die gegen Ende des Buches manchmal mehr als eine Seite in Anspruch nehmen, zu Wort kommt.

So ein Buch würde ich auch gerne mal schreiben. Das würde zwar niemand lesen, aber ein Buch, das kaum gelesen wird, ist noch lange kein wertloses Buch. (Auch ein Blog, das kaum gelesen wird, muss nicht zwingend wertlos sein – ich verfechte ja die Meinung, dass ein einziger interessierter Leser ein solches Buch oder Blog rechtfertigt).

Im Konflikt zwischen Ja und Nein habe ich heute ein weiteres Derivat entdeckt. Nämlich: wenn du die Wahl hast, mit Ja oder mit Nein zu antworten, so ist Ja oft die einfachere Lösung, selbst wenn du eigenlich lieber mit Nein antworten würdest. Ja macht gesellig. Nein macht einsam. Ja ist ein Friedensangebot, Nein ist eine Kampfansage. Ja verursacht Stillschweigen und Zufriedenheit, Nein löst endlose, zermürbende Diskussionen aus. Wer nicht im Krieg leben will und Knechtschaft erträgt, so wie ich, der sollte also im Zweifel besser alle Fragen mit Ja beantworten. ;-)

Der globale T-Shirt-Strom

Ist noch nicht allzu lange her, dass eine Karte der Meeresströme gezeichnet wurde. Sie zeigt den gigantischen Golfstrom, welcher warmes Wasser bis nach Spitzbergen spült und im Tausch in der Tiefsee Kaltwasser zum Äquator pumpt. Wenn die Karte stimmt, umspült ein gigantisches Wassersystem den Erdball, tauscht Wärme gegen Kälte und umgekehrt. Wenn dieser Strom an nur einer einzigen Stelle zum erliegen kommt, mutmaßt die Wissenschaft, gibt es eine Klimakatastrophe von verheerendem Ausmaß.

Das Bild von den Meeresströmungen erkennt man als Muster in allen möglichen Strömungsbildern wieder. So zeigte der Bericht im Fernsehen über eine chinesische Hemdenfabrik (ich habe das im Artikel zuvor schon erwähnt) ebenso ein Strömungsbild, nicht ganz so harmonisch wie das Meeresströmungsbild: der Fluss von T-Shirts aus Fernost nach Europa, wo sie durchschnittlich ein Jahr an den Körpern hängen, bis ein guter Prozentsatz im Altkleidercontainer landet, gewaschen wird und nach Afrika verschifft wird. Die Strömungslinie des globalen T-Shirt-Stroms ist sicher nicht so rund wie die Meeresströmungslinie, aber sie zeigt eine frappierende Analogie. Alles strömt in dieser Welt. Mit hohem Druck presst Fernost billige Waren in den Wirtschaftskreislauf, welcher erst Entlastung findet, wenn die Produkte bei kaufkräftigen Konsumenten in der westlichen Hemisphäre landen. Es herrscht eine geheimnisvolle Spannung auf dem Globus, die sich durch alle nur erdenklichen Bereiche, vom Wetter über die Wirtschaft, die Magnetosphäre, ja selbst das globale Gedankengut, wie ein roter Faden zieht.

Es übersteigt mein Wissen, diese Phänomena zu erklären. Ich registriere sie nur. Vor kurzem endeckte ich etwa eine frappierende Ähnlichkeit weltweiter Aktienindizes mit den Höhenprofilen von Wanderwegen. Mal gehts aufwärts, mal gehts abwärts. So einfach ist das.

Zum Wohle unserer Ausbeuter

Dekonstruktive Annahme: den schmerwanstigen, geschniegelten Ausbeuter, der Zigarre rauchend hinter seinem Schreibtisch sitzt und cholerische Anweisungen ins Telefon brüllt, gibt es eigentlich gar nicht.

Zufällig spielt der Bericht vorhin im Fernsehen ins Tagesgeschehen, gaukelt noch immer in meinem Hirn. Gezeigt wurde eine chinesische T-Shirt-Fabrik, in der die Näherinnen 740 qualitativ hochwertige T-Shirts pro Tag für den europäischen Markt produzieren müssen. Ein T-Shirt-Bügler schwitzt über seinem 300 Grad heißen Bügeleisen für 60 Euro pro Monat und muss alle 40 Sekunden ein Hemd bügeln, zusammenfalten und an die Packer weitrreichen.

Ganz ähnlich geht es in unserer Möbelfabrik zu: Kollege T. und ich müssen pro Tag soundsoviel Partymöbel zusammenbauen. Wir sind nur zu zweit und verdienen ein Vielfaches von dem, was die chinesischen Leidgenossen verdienen.

Es gibt drei Arbeitstische in der Werkstatt. Einen für T., einen für mich und der Mittlere dient als Messie-Ablagetisch, bzw. wenn Hochkonjunktur herrscht, arbeitet daran Hilfstacker A.

Die frisch gebauten Möbel stapeln wir, jeder für sich auf seinem Tisch. „Was sind wir blöd“, sagte ich neulich zu T. „so sieht der Chef genau, wer wie viele Möbel gebaut hat und kann erkennen, wer von uns beiden schneller arbeitet.“ Selten arbeiten wir gleich schnell. Mal liegt der eine vorn, mal der andere und wenn uns langweilig ist, batteln wir uns und arbeiten um die Wette. Das nennt sich dann Akkord, glaube ich. Dennoch geht es human zu in der Produktion. Akkord ist eine freiwillige Kampfleistung, bei der im Prinzip der olympische Gedanke gilt. Zumindest in unserer Blase des Glücks.

Draußen in der Welt, in einer chinesischen Hemdenfabrik etwa, muss Akkord die Hölle sein. Die Mitarbeiter werden gegeneinander ausgespielt, Ökonomie-Darwinismus vom Feinsten. Nur die Besten dürfen weiter als Sklaven arbeiten. Diejenigen, die aus Gebrechlichkeit oder Unlust den Takt nicht halten können, werden aussortiert und ihre Familien müssen hungern. So unterstützt der Öko-Darwinismus auch noch den herkömmlichen Naturdarwinismus, denn die Leute verhungern ja oder werden wegen Diebstahls hingerichtet.

An jenem Tag, als uns klar wurde, wie verräterisch unsere privaten Arbeitstische sind, beschlossen Kollege T. und ich einen solidarischen, geradezu rotfrontösen Pakt: Wir stellen unsere Möbel, sobald sie fertig sind alle auf den einen, mittleren Tisch.

Ade du schnöde Konkurrenzsituation.

Zurück zu den Ausbeutern: Man könnte sagen, derjenige, der von seinen Mitmenschen ein Maximum an Effizienz fordert bei gleichzeitigem Verlust jeglicher Freiheit und Ignoranz persönlicher Tagestiefs (schließlich ist man nicht immer gut drauf und leistet nicht immer gleichschnell gleichviel), derjenige ist ein Ausbeuter. Das Prinzip der Ausbeutung schafft sich die Gesellschaft selbst: wenn ich mich mit T. nicht so gut verstehen würde, würde ich vielleicht auf Biegen und Brechen versuchen konsequent besser zu sein als er und er würde das selbe tun und so würden wir eins ums andere die Messlatte höher legen in diesem sinnlosen Gerangel der Werktätigen … wozu, wozu wozu?

Den Ausbeuter in Person gibt es gar nicht. es gibt nur die hochgradig arbeitsteilige Gesellschaft, die per wirtschaftlicher Evolutionslehre den schmerwanstigen, geschniegelten Ausbeuter, der Zigarre rauchend hinter seinem Schreibtisch sitzt, wachsen lässt. Er ist eine Pflanze, wie jede andere auch; er ist nur eine üble Laune der Ökonomie. Ausbeutung ist ein in die Gesellschaft implementiertes kollektives Bewusstsein.

Auf unser aller Wohl.

Alleinsamkeit

Die Radeltour am letzten Sonntag sollte eigentlich nach Bitche, im benachbarten Frankreich führen. Malerische Strecke durch wunderschöne Bachtäler. Kein besonderer Anspruch. Hin und zurück etwa 80 km. Im Dorf Dorst stoppte ich bei einem Menoniten-Friedhof aus dem 18. Jahrhundert. Ein unheimlicher Ort. Wind aus Südwest, die Sonne verzieht sich hinter Schleierwolken, es wird wärmer und ich stelle mir vor, unterwegs zu sein, weit draußen in einer Welt die ich nicht kenne. Die bewaldeten Hügel verbergen Geheimnisse, Zugvögel sagen wo Nord ist und wo Süd, fremde Menschen manifestieren sich auf Feldern und die Szene wächst sich aus in ein zwar anschauliches, aber kaltes Bild.

Man sollte, insbesondere als Reisender, nicht zu lange in solchen Vorstellungen verharren, denn die Wand aus Einsamkeit türmt sich dann vor einem auf, ein übermächtiger Feind. Einst diagnostizierte ich: Einsamkeit ist ein psychischer Zustand, der mit dem realistischen Zustand des Alleineseins überhaupt nichts zu tun hat. Einsamkeit ist ein Gefühl. Alleinesein ist das Nichtvorhandensein anderer Menschen. Alleinesein ist okay, Einsamkeit nicht.

So stehe ich vor dem Menonitenfriedhof, etwa dreißig Gräber, und starre in den grauer, grauer, grauer werdenden Himmel, während sich die Ebene des reinen Ist mit der Ebene des Fühlens verbindet. So entsteht eine triste, lähmende Situation, ähnlich wie es mir manchmal unterwegs passiert ist. Hier, so nahe zu Hause, könnte ich ja jemanden anrufen, der mich abholt; aber draußen in der Welt, tausend Kilometer entfernt, ist das nicht möglich. „Wie hast du das nur geschafft, damals, in deinem Europennerleben, das Land zu durchqueren und dich dabei immer wohl zu fühlen. Das Geheimnis ist schnell gelüftet: du hast dich gar nicht immer wohl gefühlt, es gab die einsamen Momente, aber deine Erinnerung hat sie einfach gelöscht“. Das ist das Tolle an der Erinnerung. Dein Hirn löscht sämtliche negativen Erlebnisse. Es geht sogar noch weiter und wandelt das negative um in Positives.

Wie mich so der Wind verbläst im tristen Dorst, denke ich, „solltest dich ihm nicht widersetzen, fahre nicht nach Bitche, sondern gehe mit dem Wind“. So steuerte ich das 20 km entfernte Pirmasens an. Pirmasens ist das Rom des kleinen Mannes, gebaut auf mindestens sieben Hügeln. Pirmasens mit dem Fahrrad zu erreichen ist eine wahre Heldentat, denn die Stadt scheint umgeben von tiefen Tälern, so dass man einige hundert Höhenmeter erklimmen muss, um dorthin zu kommen. Bitche, sage ich im Nachhinein, wäre sicher einfacher gewesen, aber das ist wohl auch nur eine nebulöse Vermutung.

dorst

Dorst

st-jacquesJakobsweg-Grotte, Waldhouse / Walschbronn, Frankreich