Alleinsamkeit

Die Radeltour am letzten Sonntag sollte eigentlich nach Bitche, im benachbarten Frankreich führen. Malerische Strecke durch wunderschöne Bachtäler. Kein besonderer Anspruch. Hin und zurück etwa 80 km. Im Dorf Dorst stoppte ich bei einem Menoniten-Friedhof aus dem 18. Jahrhundert. Ein unheimlicher Ort. Wind aus Südwest, die Sonne verzieht sich hinter Schleierwolken, es wird wärmer und ich stelle mir vor, unterwegs zu sein, weit draußen in einer Welt die ich nicht kenne. Die bewaldeten Hügel verbergen Geheimnisse, Zugvögel sagen wo Nord ist und wo Süd, fremde Menschen manifestieren sich auf Feldern und die Szene wächst sich aus in ein zwar anschauliches, aber kaltes Bild.

Man sollte, insbesondere als Reisender, nicht zu lange in solchen Vorstellungen verharren, denn die Wand aus Einsamkeit türmt sich dann vor einem auf, ein übermächtiger Feind. Einst diagnostizierte ich: Einsamkeit ist ein psychischer Zustand, der mit dem realistischen Zustand des Alleineseins überhaupt nichts zu tun hat. Einsamkeit ist ein Gefühl. Alleinesein ist das Nichtvorhandensein anderer Menschen. Alleinesein ist okay, Einsamkeit nicht.

So stehe ich vor dem Menonitenfriedhof, etwa dreißig Gräber, und starre in den grauer, grauer, grauer werdenden Himmel, während sich die Ebene des reinen Ist mit der Ebene des Fühlens verbindet. So entsteht eine triste, lähmende Situation, ähnlich wie es mir manchmal unterwegs passiert ist. Hier, so nahe zu Hause, könnte ich ja jemanden anrufen, der mich abholt; aber draußen in der Welt, tausend Kilometer entfernt, ist das nicht möglich. „Wie hast du das nur geschafft, damals, in deinem Europennerleben, das Land zu durchqueren und dich dabei immer wohl zu fühlen. Das Geheimnis ist schnell gelüftet: du hast dich gar nicht immer wohl gefühlt, es gab die einsamen Momente, aber deine Erinnerung hat sie einfach gelöscht“. Das ist das Tolle an der Erinnerung. Dein Hirn löscht sämtliche negativen Erlebnisse. Es geht sogar noch weiter und wandelt das negative um in Positives.

Wie mich so der Wind verbläst im tristen Dorst, denke ich, „solltest dich ihm nicht widersetzen, fahre nicht nach Bitche, sondern gehe mit dem Wind“. So steuerte ich das 20 km entfernte Pirmasens an. Pirmasens ist das Rom des kleinen Mannes, gebaut auf mindestens sieben Hügeln. Pirmasens mit dem Fahrrad zu erreichen ist eine wahre Heldentat, denn die Stadt scheint umgeben von tiefen Tälern, so dass man einige hundert Höhenmeter erklimmen muss, um dorthin zu kommen. Bitche, sage ich im Nachhinein, wäre sicher einfacher gewesen, aber das ist wohl auch nur eine nebulöse Vermutung.

dorst

Dorst

st-jacquesJakobsweg-Grotte, Waldhouse / Walschbronn, Frankreich

Ein Gedanke zu „Alleinsamkeit“

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