Ein klasse Tag. Mit aller Gemütsruhe verleihe ich dem unaufgeräumten Atelier den letzten Schliff, bereite eine der drei Hauptwände vor für ein 2×3 Meter großes Bild, das zwar noch in meinem Kopf ist, aber morgen, wenn die Grundierung trocken ist schon Gestalt annehmen wird.
Konzeptkünstler R. geht mir mit Rat und Tat zur Hand. Da wir die weiße Farbe schon offen haben, streiche ich die Wände neu. Das Problem meines Ateliers ist nämlich – wie in jedem guten Horrorfilm – dass die Flecken, die man weiß übertüncht, schon nach kurzer Zeit wieder vorscheinen. Es liegt wohl an dem negativen Karma, das sich vor vierzig Jahren in dem Raum festsetzte. Damals war es nämlich ein Rinderstall – das Blut armer Kreaturen, die gemästet den Tod auf der Schlachtbank erwarteten, trieft von den Wänden.
Konzeptkünstler R. tadelte mich, weil ich zum Streichen keine Plastikfolie unterlegte und somit der eine oder andere Farbkleks auf dem Boden landete. „Weißt du“, beschwichtige ich ihn, „in meinem Kopf ist der marode Pflastersteinboden schon längst mit 10 cm Estrich und Marmorfliesen belegt. Das macht keinen Sinn, den vor Farbe zu schützen, wenn da ‚wieso Marmor drauf soll.“
„Mhmö“, sagte Konzeptkünstler R., „das heißt also, rein gedanklich bist du in diesem Raum schon 15 Jahre in der Zukunft, richtig? Du siehst schon die Marmorfliesen und die Goldbrokattapete, lumpige 30.000 Euro, ha, wenn du dich anstrengst, hast du das in 15 Jahren ertackert. Mag sein, dass die Kleckse für dich okay sind. Aber deine Gäste, die werden den visionären Marmorboden nicht sehen. Ist eigentlich genau wie mit der Kunst. In den Kopfwelten Weniger schlummert sie und Mancheinem gelingt es nie, sie sichtbar zu machen.“
„Jajaja“, nörgele ich, „hast ja Recht, feg‘ doch bitte vor der Eingangstür, anstatt mich zu nerven:“
Da antwortete der Konzeptkünstler: „Wozu soll ich vor der Tür fegen? Ist die in deinen Visionen nicht längst zugemauert und zehn Meter weiter hast du einen Weg aus Robinienholzfließen gelegt, der direkt auf eine Sensorgesteuerte Glastür zuführt?“
Da hat er irgendwo Recht, der werte Künstlerkollege. Mit den Visionen in unseren Köpfen produzieren wir Künstler Missverständnisse, Ungläubigkeit, Verzweiflung. Wir, die wir das Große in uns tragen. Spontan musste ich an meinen Ex-Chef R. im Amt ohne Wiederkehr denken. Auf seine spezielle Beamtenart war er unheimlich kreativ. Was uns Mitarbeitern nicht immer in Entzücken versetzte. Er war der unverstandenste Amtmann aller Zeiten. An Hand seines Beispiels rückschließe ich, dass diese unsichtbaren Ideen von der Welt und wie sie schön sein könnte, nicht nur in unseren Künstlerköpfen existiert, sondern in jedem Menschenkopf, in deinem und deinem und deinem.