Auf der Suche nach heißen Quellen

Vor langer langer Zeit, als es weder Internet, noch GPS gab, erzählte man einander in Insiderkreisen von wunderbaren heißen Quellen, die irgendwo in einem kleinen „Torrent“, einem Sturzbach seitlich der Têt in drei steinerne Becken gefasst wären. In 200.000er Michelinkarten eingezeichnet gab man das Wissen weiter, die N116 hinauf Richtung Andorra, durch einen Tunnel vorbei an der Privatklinik in Thuès-les-Bains, wenige hundert Meter bis zu einer Parkbucht auf der linken Seite. Von dort aus müsse man kraxeln bis zur Bahntrasse der Petit Train Jaune und durch ein Loch im Zaun weiter bergauf. Bloß nicht die Stromschiene der Bahntrasse berühren; wir warnten einander, schrieben es in die Karten direkt neben das Kreuz, das die heißen Quellen markierte.
Gestern machten SoSo und ich uns auf, die Hot Pools wieder zu finden. Nicht den beschwerlichen kurzen Weg über die Schienen wählten wir, sondern wir kraxelten den Wanderweg hinauf, vorbei an der Privatkurklinik über den hochgelegenen aber ziemlich verlassenen Bahnhof von Thuès-les-Bains. Überall unterwegs dampfte es aus Felsspalten. Schwefelgeruch. Aus den Berghängen führten schwarze Kunststoffleitungen bloßliegend hinunter zur Kurklinik. Wie ein frisch drainierter Hirnpatient. Schläuche, Tanks, Pumpen, kleine blecherne Stationen, an denen offenbar das kalte und das heiße Wasser gemischt wird und die ziemlich zusammengeschustert, improvisiert, wirkten. Wie Notfälle. Über einen schmalen Pfad gelangten wir in einen „Torrent“, einen kleinen, dampfenden Canjon, der hinunterschoss in die Têt. Eine Familie hatte es sich in heißen Becken bequem gemacht, konnten wir vom Wanderpfad aus sehen. Unerreichbar weit unten. Ohne Kletterausrüstung würden wir da nicht hinkommen. Andere Wanderer waren offenbar auch auf der Suche nach heißen Badewannen. Nachdem wir eine Weile umher geirrt und gekraxelt waren, fanden wir weiter unten im Canjon ein kleines, gut gemischtes Badebecken, in dem wir den Nachmittag badeten. Blick auf eine Train Jaune Brücke und die ocker besonnten Nordhänge des Têt-Tals. Das Prinzip in diesen natürlichen, improvisiert von Menschen arrangierten Badewannen ist immer gleich. Ein kalter Bach, der sich mit dem kochend heiß aus dem Boden quellenden Schwefelwasser zu wohl temperiertem Bad mischt. Mit ein paar Steinen und Sand und Geröll werden die Becken aufgestaut.
Meine „Originalquellen“ von damals, vor GPS und Internet, haben wir leider nicht gefunden. Ich meine mich zu erinnern, dass die gemauert waren und es gab drei Temperaturbereiche und in den Becken hatten etwa vier bis sechs Leute platz. Ich glaube, wir haben einmal eine ganze Nacht in den Becken verbracht, während der Schee rieselte. Die Karte mit dem X drin und dem „Obacht, stromführende Bahnlinie“, die liegt noch irgendwo daheim in der Künstlerbude.
Hier schreibt SoSo zu den Heißquellenbegebenheiten. Incl. Bildergalerie.
Nachtrag 2 (für die Freunde fikiver MudArtisten): Heiko Moorlander und sein neuerlicher Absturz wegen Liebeskummer.

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Villefranche-de-Conflent

Ein Ausflug ins fünf Kilometer nördlich von Vernet gelegene Villefranche-de-Conflent. Sonntags Urban Artwalk. Charmante Vauban-Festung, die einst das Tal des Têt hinauf nach Spanien kontrollierte. Es gibt nur zwei Stadtore: die Porte d’Espagne und die Porte de France. Der Festungsbaumeister Sebastien Prestre de Vauban stand über 50 Jahre im Dienst Ludwigs XIV. Er erbaute in Frankreich zahlreiche Festungen und Seehäfen und revolutionierte die Befestigungen. Lange galten seine Bauwerke als uneinnehmbar.
Heute führt auf der einen Seite die Nationalstraße 116 vorbei an Villefranche und auf der anderen Seite die Train Jaune, die berühmte gelbe Bahn, von Perpignan nach Bourg Madame. Sie ist eine der am höchsten hinaufführenden Bahnen Europas (vielleicht die höchste), die ohne Unterstützung durch Zahnradantrieb den Höhenunterschied überwinden. Eine Hin- Rückfahrt von Villefranche bis Bourg Madame an der spanischen Grenze kostet im Wintersonderangebot 11 Euro. Die Strecke soll atemberaubend sein. Ein Weg dauert drei Stunden. Ob ich wohl SoSo zu solch einer Ochsentour überreden kann?
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Dies ist ein Garagentor. Nur ein Künstler steht davor

Wie man mit einem Multiple App Loop aus einem Garagentorfoto ein Kunstwerk schafft.
Erstens: das Originalbild mit der App TinyPlanet in spärische Bilder umwandeln (je zwei Stück, eins als Planet und eins als Rappid-Hole).
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Zweitens: diese Bilder erneut durch TinyPlanet „nudeln“, weitere Planeten und Hasenlöcher erzeugen.

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Drittens: nachdem man genügend verschiedene Instanzen erzeugt hat kann man sie mit TurboCollage auf dem iPhone montieren.

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Fertig ist die Kunst. Wer das Bild gerne haben möchte, z. B. auf Leinwand bis 2,40 m Breite, mag mich gerne kontaktieren.

Von Spirulinen, Eseln und anderen Halbrecherchen

Mein Kompendium über das Liveschreiben, das ich 2012 begonnen habe, ist fast fertig. In fünfzehn Artikeln habe ich in diesem Blog alle Erkenntnisse zusammengetragen, die mir in den letzten Jahren live bloggend kamen und die den live bloggenden oder denjenigen, der es einmal ausprobieren möchte, in die Lage versetzt, täglich hautnah über seine Reise zu berichten. Das Ziel, mich bis auf Hauchesnähe der Gegenwart zu nähern, habe ich zwar nicht erreicht, aber dennoch konnte ich mit vielen Tipps einen umfangreichen Werzeugkasten zusammenstellen. Das Thema, wie gehe ich mit mir selbst als schreibender Protagonist um, kommt darin ebenso zur Sprache, wie das Thema Beherrschung der erlebten und „live“ geschriebenen Zeit und es gibt auch viele nützliche Kniffe, wie man eine an sich auf reinen Fakten basierende Livereisereportage elegant mit fiktiven Elementen anreichern kann (ganz ohne die Realität zu verwässern). Kommentarstrangmanagement gehört ebenso zu dem Kompendium, das ich im nächsten Jahr in ein E-Book verwandeln möchte, wie der Umgang mit Trollen und Pöblern. Denn Eins ist gewiss, wer sich in die direkt erlebte Reportage begibt und die Operation am offenen Herzen der Literatur wagt, setzt sich auch manchmal dem Unmut und dem Neid andersmeiniger Menschen aus.
Ein Thema habe ich bisher noch nicht angeschnitten in diesem meinem Livebloggen-Zyklus: Wie hältst du es mit der Recherche? Recherche von unterwegs im Zeitalter des Internet scheint auf den ersten Blick ziemlich kompliziert. Bei schlechter Mobilnetzanbindung auf dem Smartphone Informationen aus dem Netz zu ziehen macht einfach keine Laune. Noch immer gibt es viel zu viele Webseiten, die nicht fürs Handy optimiert sind.
Das Tragische am Internet ist, dass man verlernt, wo sich die eigentliche Information befindet. Ist es nicht Irrsinn, dass ich in Vernet-les-Bains, in einem Appartement hockend, überlege, welche Webseite ich aufrufen muss, um Infos über das Dorf zu kriegen, anstatt einfach hinaus zu gehen und mit den Leuten zu reden?
Bei einem Spaziergang durch Vernet entdecken wir an jeder Ecke Infotafeln, die die Geschichte erzählen. Auf Französisch erhält man jede Menge Infos über die Vergangenheit als Kurort, die Landwirtschaft, die Minen im Canigou. Bebildert. Tipp eins: fotografiere sie ab, wenn du sie nicht sofort verinnerlichen kannst. So hast du beim späteren Bloggen eine zwar ungemütliche, aber dennoch vorhandene Recherchemöglichkeit.
Auch Straßennamenschilder sind gute Recherchemöglichkeiten. Oft steht darauf, warum die Straße nach wem benannt wurde. Auch hier gilt: einfach abfotografieren. Neben der Info hast du auch gleich die Koordinaten im Foto gespeichert.
Nicht zuletzt die Menschen! Rede mit ihnen. Egal wie. Auch wenn deine Fremdsprachenkenntnisse noch so gering sind. Jeder Mensch ist Information pur … wie etwa die grauhaarige Frau vor ein paar Tagen, die uns mit zwei Eseln bei einer kleinen Kapelle begegnete. Über die gutmütigen Tiere kamen wir ins Gespräch und ich fragte sie, ob sie eine Farm hätte. Nicht wirklich, sie züchte „Spirulines“ (gesprochen Spirülin), eine Algensorte. Das sei ihre Farm. Das zog denn später doch ein bisschen Recherche im Netz nach, gewappnet mit dem Begriff Spirulines (sowas muss man sich vor Ort entweder aufschreiben oder merken), ging ich auf die Suche im Web. Et voila, entdecke ich ihre Algenfarm gleich im Nachbardorf von Vernet als recht informative Webseite. Aber dieser Artikel handelt nicht von einer Spirulines-Farm, sondern von Recherche im Liveblog.
Ein bisschen die Zähne ausbeißen tue ich mir an dem Mysterium, warum in Vernet gefühlt mehr als die Hälfte aller Appartements, Hotels usw. leersteht, warum in vielen Fenstern ein Schild „A vendre“, zu verkaufen, hängt. Was ist geschehen? Ist die Hochsaison im Sommer? Die nächste Skistation ist eine halbe Stunde entfernt Richtung Canigou hinauf. Für Quadtouren auf den Gipfel ist das Wetter zu unsicher. Vor dem Rheumabad stehen zwar tagsüber Reisebusse, die wohl fünfzig-einheiten-weise Kurgäste bringen, aber die wohnen nicht hier. Die Zeiten, als sich Graf und Gräfin Soundso hier einfanden oder Rudyard Kipling und Nicolo Paganini ihre Leiden kurierten, sind wohl vorbei. Eine Frau mit Hund, die ich vorgestern am Fluss treffe, gibt Auskunft, dass die Jugend wegzieht in die Stadt. Das Dorf stirbt, so vermute ich. Aber so ganz verstehe ich sie nicht. Zu fremd ist ihre Sprache und der Dialekt. Aber vielleicht will sie mir auch nur nicht die Wahrheit sagen? Fast kommt es mir wie eine Verschwörung vor, dass man hier nicht einfach sagt, he, wir sind am Sack. Die besten Zeiten sind vorbei. Wir sind das Bad Münster am Stein der Pyrenäen … Aber vielleicht lege ich ihnen dieses, mein Bild ja nur schablonenhaft über ihr wahres Antlitz? Hier wäre eindeutig Recherchebedarf. Quellenangaben. Wikipediafeste Fakten müssten geschaffen werden. Bloß wie, fremd, draußen, flüchtig und allein, so sind wir Liveblogger doch fragile Informationssamelnde Gebilde auf dem Weg durch stets noch ein bisschen formbare Wahrheitssphären. Tipp drei: Habe den Mut, nichts herauszufinden. Schreibe auf, was du beobachtest.
Zurück nach Vernet. Fakt ist, die riesige Residence du Canigou ein paar Häuser weiter in unserer Straße steht gänzlich leer. Wie bereit zum Abriss. In unserem ca. 60 Parteienhaus sind nur drei Wohnungen bewohnt. Die Miete für unser Appartement war drecksbillig. Wie Verzweiflung fühlt sich unser Mietvertrag an. Als wir mit weiteren Menschen reden, warum das alles hier so ausgestorben ist, sagen sie, das Wetter, die Feiertage, und sie drucksen rum. Die fremde Sprache macht es auch nicht einfach, tacheles zu reden. So bastele ich in meinem Kopf eine unheimliche Geschichte, einen Fluch. Irgendwas Außerirdisches. Ja, ich finde tatsächlich, auch das gehört zur Recherche: der Mut zum Nichtwissen. Etwas dem Leser nicht sagen zu können. Die geforderte Information einfach nicht zu liefern. Mehr noch, auch Fehlinformation ist kein Beinbruch. Immerhin gibt es ja im Liveblog auch die Möglichkeit, in Nachträgen oder in den Kommentaren Korrekturen vorzunehmen. Tipp Nummer ich-habe-vergessen-welche-Nummer-das-jetzt-ist: lass die Lesenden ihr Schärflein zum Gesamtbild beitragen. Die sitzen immerhin daheim an großen Monitoren und erhalten Webseiten in ihrer Muttersprache.

Nur grob skizzieren möchte ich an dieser Stelle dieses Thema Recherche im Liveblog. Im nächsten Jahr werde ich meine Liveblog-Tipps mal alle zusammenfassen und einen kleinen Ratgeber daraus bauen.
Dieser Artikel würde wohl den Titel Livebloggen XV tragen. Ich glaube nicht, dass es der letzte der Serie ist.