Flussnoten19 – Tag 1

23. Juni 2019

Der letzte Flussnoteneintrag liegt etwa drei Jahre zurück. Geschrieben an der Mündung des Rheins in die Nordsee bei Hoek van Holland. Wir hatten den Fluss von der Quelle bis zum Bodensee erwandert, ich ihn sodann alleine in zwei Abschnitten (Bodensee-Pfalz und Pfalz-Hoek) erradelt. Darüber geschrieben. Die Welt bankrott erklärt. Zu viel Lärm, zu viele Menschen, zu viel Landnahme,  zu viel Zerstörung durch unsere Spezies mit dem implizierten, unterschwelligen Willen zur Sebstzerstörung.

Das Ende der Flussnoten schwingt mit in diesen neuerlichen Flussnoten. Die Welt hat drei Jahre weiter gedreht. Umwelt ist endlich ein Großthema geworden. Es brodelt und kriselt an allen Ecken und Enden. Etliche Despoten mehr sind zu Herrschern bedeutender Nationen geworden, zu korrupt-dümmlich-populistischen Wagenlenkern. Die große Mehrheit ist immer noch ignorant und lebt ihr sorgloses Leben, blamiert andere als die Schuldigen eines Dilemmas, an dem alle in der Verzahnung ihrer großen Weltenmaschine prozessual beteiligt sind.
Wir sind nicht besser. Transporttechnisch sind wir hochgradig verzahnt, ein Rad im Gesellschaftsgetriebe. Mit dem Auto sind wir von der Homebase im Aargau angereist bis nach Thun zu Freunden, wo wir die Karre für zwei Wochen stehen lassen können in einer Tiefgarage, privat, kostenfrei. Das ist viel billiger als die 250 Franken, die es kosten würde, per Zug anzureisen. Nur etwa 150 Kilometer per Auto. Mehr noch, die Freunde fahren sogar mit auf den Grimselpass, wo unsere Reise Aare abwärts beginnen soll und bringen das Auto zurück nach Thun. Weitere 100 Franken gespart im Tausch gegen ein paar Liter Benzin, wie wir in die Umwelt pusten. Ein paar Liter mehr Benzin und Diesel dünsten in die Umwelt beim Sonntagsverkehr den Grimsel hinauf. Wir merken es erst, als wir kurz anhalten in einer Parkbucht bei einem Holzlagerplatz. Der Lärm, das unablässliche Vorbeizischen von Motorrädern, Autos und Wohnmobilen, die sich alle mit einander einen balgenden Tanz liefern, um die vielen Radler, die den Pass hinauf keuchen zu überholen. Und einander gegenseitig überholen. Wie Nahrungskette ohne Fressen. Wie Pogo mit tonnenschweren Stahlkarossen. Oben am Pass wird die Dimension des Wahnsinns deutlich. Die Terrasse des Restaurants Alpenrösli ist voller Menschen, Parkplätze gut belegt. Gipfelfoto hier, Gipfelfoto da. Ein Harleyfahrer mit wummerndem Topf stoppt, lässt den Motor laufen, steigt ab, schaut, liebäugelt nach Bewunderern. Klar, der  Motor muss wummern. Wupp-wupp-wupp-wupp. Ich gebe zu, der Sound ist wirklich extravagant.
M., der das Auto zurücksteuern wird, geht zielstrebig auf einen Schmelzwassertümpel zu, bückt sich, fotografiert, beobachtet etwas. Aus der Ferne kann ich ihn sehen, frage mich, was er da vor der Linse hat. Als ich die dreißig Meter rings um ein kleines Tiergehege laufe, um mir M.s Fotomotiv anzuschauen, bin ich entzückt. Der Tümpel, in dem noch Schnee liegt, der dahin schmilzt, sitzt voller Frösche. Lurche aller Farben. An den Rändern des Tümpels wurde mannigfaltig gelaicht. Die Zukunft. Blick schwenkt über den Parkplatz, das Alpenrösli, all die Individuen, die in seltenen Fällen tatsächlich darüber nachdenken, was geschieht, was sie anrichten im gemeinsamen Dahintreiben durch die Zeit, und es blitzt ein kurzes Bild, in dem all das vergangen sein wird, endlich wieder Stille herrschen wird auf dem Planeten und die Frösche die Herrschaft übernommen haben werden.
Welch groteske Vision ich da habe. Die Sonne brennt ungehindert in klarer Luft. Wenn man sich im Kreis dreht, flimmern die Berge, Schneeplacken neben Granit-Zacken unter stählernem Blau und die Geräusche der Natur, gemacht aus Wind und Wasser schimmern manchmal durch im von Menschen gemachten Motorgeräusche-Soundteppich.
Wir wandern los, Frau SoSo und ich. Rucksäcke zu je etwa 15 Kilo inklusive Wasser und Lebensmittel für drei Tage. Eigentlich sind wir ausgerüstet für eine Trekkingtour, könnten gut und gerne auch auf dem Kungsleden in Nordschweden wandern oder irgendwo in Schottland.
Die Aare entspringt in den Gletschern oberhalb des Oberaarsees. Erst ab dem Grimselsee, einem von mehreren Stauseen, heißt der Fluss Aare. Wenn ich meiner Karte auf der Open Cycle Map glauben darf. Vorher steht in der Karte geschrieben ‚Oberaarbach‘.
Da noch sehr viel Schnee liegt und die Wanderwege von Schneefeldern durchzogen sind, die wir mit unseren Schuhen nicht durchqueren wollen und auch nicht können, starten wir unterhalb der Staumauer des Grimselsees. Schon nach wenigen Metern die erste Barriere: Ein Warnschild zeigt, dass der Wanderweg wegen Schneefeldern zerstört ist und man eine Umleitung über die Passstraße wandern muss. Sonntags. Bei dem Verkehr. Wir versuchen es trotzdem, denn es ist genug Zeit und der schmale Wanderpfad in Flussrichtung linksseitig ist schön ruhig. Vielleicht hat ja schon jemand einen Pfad durch die Schneefelder getreten, dann schaffen wir das auch. Und wenn nicht, kehren wir um und wandern demütig die Passstraße. Schauen uns die Blockade wenigstens einmal an. Es sind nur anderthalb Kilometer hin und zurück. Ein Pokerspiel. Und wir haben Zeit. So stapfen wir los und stellen fest: tatsächlich. Auf etwa 100 Metern Länge liegt ein steiles Schneefeld über der Wanderstrecke, das, wenn man es durchqueren würde und stolpern würde, zu einer wunderbaren Rutsche bis hinab in den See gereichen würde. Der zweite Stausee unterhalb des Grimselpasses, der Räterichsbodensee. Hier gewinnt man Energie.
Also wieder zurück. Wie auch ein Trio, Mutter, Vater, Tochter nebst Hund, die ebenso geliebäugelt hatten, ob man durch die Engstelle kommt. Sie geraten uns zu Engeln. Hatten wir uns schon Plan B zurecht gelegt, Irgendwo zu zelten und montags früh die Passstraße zu erwandern, in einer Zeit, zu der sie noch nicht so stark befahren ist, luden sie uns kurzerhand in ihr Auto und kutschierten uns bis zum Ende der Umleitung über die Passstraße.
Nur noch etwa 1700 Meter hoch, liegen unterhalb der Staumauer des Räterichsbodensees weniger Schneefelder. Doch schon kurze Zeit später das nächste Dilemma: eine weggerissene Brücke. Unmöglich, den reißenden Gebirgsbach zu überqueren, weshalb wir bei einer Seilbahnstation querfeldein laufen und holpern – es dauert ewig, wir müssen klettern, um das Hindernis zu umwandern.
So kommen wir nicht sehr weit an diesem ersten Wandertag, bauen unser Zelt auf einem flachen Wieschen unterhalb der zweiten Staumauer auf. Ein sehr feuchtes Wieschen. Die einzige halbwegs trockene Stelle in der mit Wasser vollgesogenen Matte reicht gerade für Zelt und eine kleine Lagerterrasse davor.
Die Wiese lebt, wie alles um uns Menschen, von dem wir aber nichts mitkriegen wollen. Morgens bemerken wir, dass der Wasserstand in der Matte gestiegen ist. Wo abends noch trockenen Fußes angesagt war, fließt nun ein Bach. Das Zelt ist zum Glück nicht betroffen.

Wofür hat man Schuhe, wenn nicht zum Tastatur drauf legen? So sitze ich vorm Zelt im Schneidersitzbüro und tippe diese Zeilen.

Unveröffentlichter Artikel vom 24. Juni 2019, nachbearbeitet am 9. Juli 2019

Frau SoSo berichtet von Tag 0 und 1 -> hier klicken.

Tag zwei und drei hatte ich schon während der Reise veröffentlicht -> hier klicken.

7 Gedanken zu „Flussnoten19 – Tag 1“

  1. War mal wieder gut, von dir zu lesen!
    Hängen blieb die Familie, die Euch mitnahm, samt dem Wörtchen „Wieschen“ natürlich.
    Und diese Genussgesellschaft, laut und gierig, und wie du das alles siehst!
    Danke

    1. Danke liebe Sonja, ich komme leider nur selten zum Bloggen, sonst gäbe es auch weitere Aaare-Berichte. Frau SoSo ist schon bei Tag sieben und ich liege immer noch zwischen Felsbrocken im kühlen Aarebett zu Guttannen :-)

    2. Ach und noch etwas zur Genussgesellschaft: mich erschreckt es immer wieder, zu erkennen, dass ich Teil des Ganzen bin, zwar gemäßigt und nicht ganz so gierig wie einige Andere, aber trotzdem, es treiben mich genau die gleichen Kräfte an aus ‚Auchwollen‘, Mithalten, dazugehören, schnell sein, Freude haben.

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