Hintergrund und Statistiken zu #UmsLand/Bayern

Ich habe eine statistische Nachbetrachtung zur Radreise rund um Bayern zusammengestellt. Sie ist zwar recht lang geworden, steht aber ‚für die Akten‘ hiermit offen im Blog. Wer nur Kilometer/Höhenmeter wissen möchte: Drei Abschnitte seit 2018, 2464/36065. Wer weiterlesen möchte, voilà:

Am Ende Statistik. Die letzten Tage, wieder daheim auf dem heimischen Gehöft, habe ich mit ‚Nacharbeiten‘ der Radreise rund um Bayern verbracht. Bilder, Texte und Tracks (die Ernteerträge der Reise) auf den PC backupen.

16 Reisetage liegen hinter mir. Vor knapp vier Jahren hatte ich das Projekt /Bayern am 29. August 2018 begonnen. Der erste Abschnitt führte von Osterburken ins Taubertal, entlang Bayerns Grenze (und auch mal jenseits in BaWü radelnd) bis nach Lindau am Bodensee. Acht Tage, 533 Kilometer. Fast die gesamte Strecke auf Radwegen.

Den zweiten Abschnitt startete ich am 15. Mai 2019 in Gestratz jenseits von Lindau, radelte 14 Tage lang 597,6 Kilometer entlang der Alpen, kürzte den ‚Zipfel‘, das Berchtesgadener Land zum Königssee, ab und fuhr via Rosenheim und Wasserburg den Inn abwärts, rüber nach Zwiesel im Bayerischen Wald. Geplant war eigentlich, die gesamte Runde zu beenden. Warum es nicht klappte? Das schlechte Wetter spielte eine Rolle und dass ich unterwegs im Glauben war, dass ich es in der begrenzten Zeitspanne sowieso nicht schaffen könne.

Dann kam die Pandemie. Ich hatte das Projekt aufgegeben. Zu umständlich und zu weit schien es mir, das Fahrrad wieder zur Einsatzstelle bei Zwiesel zu bringen, wo im Bayerischen Wald die Reise ihr Ende fand. Dennoch der Funke: Mit dem Auto könnte ich doch bis dahin … und was ist mit dem abgeschnittenen Zipfel? … Oder nochmal ‚Wurmloch‚ und die Sache von der anderen Richtung angehen? … Drei Jahre Grübelei. Drei Jahre totes Projekt. Schließlich drei Wochen Luft, abflauende Pandemie, unendlich oft geimpft und irgendwas muss man ja mal machen, zudem erinnerte ich mich des Zugs namens ‚Dachstein‘, Linie Saarbrücken-Graz, nicht umsteigen müssen, Halt in Homburg (mein nächst gelegener Fernbahnhof) und Rosenheim (dicht am abgeschnittenen Zipfel Bayerns. Vollstreckermentalität. Der alte Irgendlink ist zurück. Der Junge mit dem wehenden Haar, der sich bei Wüstwetter einst auf dem Overdijk in den Windschatten eines wuchtiger Holländers klemmte und ihm mit zwanzig Sachen gegen den Wind folgte, statt selbst im Sturm zu kurbeln und bei fünf Kilometern pro Stunde auf dem Deich zu ‚verhungern‘.

Das Leben ist oft nur einmal kurz anstrengen, einmal kurz über die eigenen Grenzen zu gehen, um auf einem nächst hören Level wieder in den gewohnten mahlenden Strom der eigenen Gangart zu kommen. Nicht immer. Es ist ein Schielen nach Gelegenheiten. Die Witterung aufnehmen. Günstige Momente abpassen und vor allem nie nie nie enttäuscht sein, wenn das Vorhaben scheitert oder sich keine Gelegenheit ergibt. Doch zurück zur Statistik.

Dritter Abschnitt, 17. Mai bis 1. Juni 2022, kein Ruhetag. Knapp fünf Stunden Zugfahrt und ab Rosenheim den Radwegen folgend. 16 Tage. 1293 Kilometer. Unzählige Höhenmeter. Bereinigt 17316 Hm. 91,67 ‚Mannsattelstunden‘. Das ist die reine Fahrzeit von Abschnitt drei. Bei den ersten Abschnitten weiß ich es nicht.

Ich schreibe bereinigt, weil Osmand nicht zuverlässig die Höhe trackt; habe daher in den letzten Tagen sämtliche Tracks (aller drei Abschnitte) in das wunderbare Online-Tool GPSVisualizer hochgeladen, um eine wahrscheinlich auch nicht exakte, aber etwas zutreffendere Höhenkurve zu berechnen.

Wir kommen also zu folgendem Gesamtergebnis:

Kilometer rund um Bayern 2424

Höhenmeter 36065 (der Wert ist nur annähernd exakt, falls jemand mal nachmessen möchte … :-)).

Also etwa vier mal den Mount Everest hinauf. Kleiner Exkurs in die phantasievollen Auswüchse des Extremradfahrens: Stichwort Everesting

Doch zurück zum Projekt #UmsLand/Bayern. Das Ziel, möglichst nahe der Landesgrenze auf Fernradwegen zu radeln war erstaunlich gut zu realisieren. Obschon es viele Waldwege und teils schwer fahrbare Schotterstücke hat. Die Beschilderung ist nicht immer gut, taugt aber meist. Das Spektrum bei solch einer langen Strecke entspricht in etwa dem Zustand der deutschen Fernradwegenetze, denke ich. Du musst mit allem rechnen. Du musst den Weg annehmen.

Die folgende Liste zeigt die benutzen Radwege (gegen den Uhrzeigersinn). Müsste man eigentlich nur noch beschildern und man hätte ein Zuckerstückchen wie die Rheinland-Pfalz-Radroute.

— 1. Abschnitt 2018 (per S-Bahn von Homburg/Saar nach Osterburken)

Skulpturenradweg (bis Rosenberg-Bronnacker)
Main Tauber Franken Achter (bis Königshofen-Lauda)
Liebliches Taubertal (bis Tauberrettersheim/Bayern)
Liebliches Taubertal (bis Rothenburg o. d. Tauber)
Romantische Straße (bis Schillingsfürst)
Wörnitzradweg (Dinkelsbühl)
Romantische Straße (bis Nördlingen)
Nördlingen-Dischingen (kein Radweg)
Donau Härtsfeld Radweg (bis Dillingen a. d. Donau)
Donauradweg (bis Ulm)
Illerradweg (bis Kempten)
Allgäu Radweg (bis Isny)
Isny-Brugg-Gestratz (kein Radweg)

— 2. Abschnitt 2019 (per Auto von Brugg AG nach Gestratz)

Bodensee-Königssee-Radweg (bis Füssen)
Via Claudia Augusta (bis Heiterwang)
Heiterwang-Plansee-Griesen (kein Radweg)
Loisachradweg (bis Eschenlohe)
Eschenlohe-Gachentodklamm-Walchensee (Mountainbikeweg (heftig mit Reiserad) bis Einsiedel/Walchensee)
Walchensee-West-Nord-Ost (bis Niedernach am Jachen)
Lengries-Jachenau-Walchensee Radweg (bis Wegscheid)
Isarradweg (bis Bad Tölz)
Bodensee-Königssee-Radweg (bis Raubling)
Innradweg (bis Passau)
Donauradweg (bis Obernzell)
Donau-Wald-Radweg (bis Jandelbrunn)
Adalbert-Stifter-Radweg (bis Haidmühle)
Sumava-Tour ((in Tschechien) bis Finsterau)
Nationalpark-Radweg (bis Frauenau)
Frauenau-Zwieselau-Zwiesel (kein Radweg)

— 3. Abschnitt 2022 (per Zug von Homburg/Saar nach Rosenheim)

Salinenradweg (bis Bernau)
Bodensee-Königssee-Radweg (bis Königssee)
Bodensee-Königssee-Radweg (bis Berchtesgaden (Bayern kriegt seinen ‚Zipfel‘ zurück))
Mozart-Radweg (bis Salzburg)
Tauern-Radweg (bis Tittmoning)
Wanderwege ((der Tauernradweg führt an der Stelle in Österreich auf der Landstraße) bis Tiefenau)
Benediktweg (bis Burghausen)
Wanderweg (bis Neuhofen)
Alz-Inn-Salzach-Runde (bis Bergham)
Bergham-Marktl
Zugfahrt Marktl-Mühldorf-Landshut-Plattling-Zwiesel
Regenradweg (bis Bayrisch Eisenstein)
Grünes Dach Radweg (bis Nentschau)
Vogtlandradweg / regional Hof 10 (bis Tauperlitz bei Hof)
Saaleradweg (bis Blankenstein)
Rennsteigradweg (bis Kleintettau)
Obermain-Franken-Tour (bis Haßlach bei Kronau)
Haßlach-Haig-Bächlein-Neundorf-Mitwitz-Hof-Horb-Leutendorf
Radweg Schilder Richtung Coburg (am Ehesten Burgenstraße) (bis Coburg)
Rodach-Itzgrund-Radweg (bis Rodach)
Rodach-Königshofen (bis Alsleben)
Fränkische Saale (bis Eyershausen)
Eurovelo 13 (Iron Curtain (diesem Radweg begegnet man entlang der ehemaligen Zonengrenze immer wieder. Er läuft oft auf gleicher Strecke wie die genannten Radwege) bis Irmelshausen)
Vom Main zur Rhön (bis Nordheim vor der Rhön)
Rhön-Sinntal-Radweg (bis Gemünden a. M.)
Mainradweg (bis Lohr a. M.)
Kahltal-Spessart-Radwanderweg (bis Kahl)
Mainradweg (bis Bettingen bei Wertheim)
Aalbachradweg (bis Würzburg)
Mainradweg (bis Ochsenfurt)
Gaubahnradweg (bis Bieberehren)
Liebliches Taubertal-Radweg (bis Tauberrettersheim)

Meine Lieblinge sind der Gaubahnradweg, der Rhön-Sinntal-Radweg (insbesondere der 26 Kilometer lange Abschnitt ‚Rhön-Express‘) und der Aalbachradweg aus Abschnitt drei. Wörnitzradweg aus Abschnitt eins, das wilde Stück zwischen Heiterwangersee via Plansee zum Isarradweg, sowie der Adalbert-Stifter-Radweg aus Abschnitt zwei. Sehr speziell sind die etwa 350 Kilometer Grünes-Dach-Radweg. Diese Stille. Die einsame und wunderschöne Gegend und die sehr großen Steigungen und Gefälle, gefiel mir sehr und war sehr anstrengend.

Hier geht es zur Projektkarte, die noch während der Reise durch Frau SoSo stetig mit Tracks und Bildern ergänzt wurde (Homebase-Prinzip). -> hier klicken zur Projektkarte

In der Karte kann man, der Übersichtlichkeit halber, verschiedene Ebenen ein- und ausblenden. So kannst du z. B. die grünen Bilder-Marker loswerden, um Ortsnamen und Route besser lesen zu können. Die Blogartikel des dritten Abschnitts werden in Kürze als Marker hinzugefügt. Die Artikel von Abschnitt eins (rot) und Abschnitt zwei (blau) befinden sich auf eigenen Ebenen.

Und wie geht es weiter, was ist der künstlerische Output?

Nun, es wird ein Tourposter geben mit den besten Bildern als Bildcollage wie für vergangene Projekte schon im  -> Shop zu kaufen.

Bilder des dritten Abschnitts werden, im Gegensatz zu denen des ersten und zweiten Abschnitts (noch auf iPhone 4s produziert) mit MirrorLab und Snapseed ‚geappt‘. Hier zeigt der Appspressionismus, wie eng Hardware, Software und Kunst miteinander verzahnt sind.

Schließlich: UmsLand wird ein Buch. Ob alle UmsLand-Projekte gemeinsam in ein Buch kommen, oder nur Bayern, weiß ich noch nicht.

Wurmloch ins Saarland – von Bronnacker über Osterburken nach Seckach #UmsLand/Bayern

Habe ich etwas gespürt, als ich mich Tauberrettersheim näherte? Glück? Erleichterung? Stolz? Müdigkeit? Erschöpfung? Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, die kitzelnden Gefühle unter der Schädeldecke zu identifizieren, zu benennen. Das war in den fünfzig Jahren zuvor nicht so. Äußere Reize kann ich mittlerweile ganz genau im Kopf lokalisieren als ein kitzelndes Etwas, das je nach Bereich im Kopf, Wohlgefühl oder Unbehagen auslöst. Angst, Zweifel, Lust und Freude, reduzieren wir es doch einfach auf zwei Zustände, gut und schlecht, die sich im Kopf abspielen und die Nervenbahnen hinunter in den Körper, bzw. hinauf in den Kopf funken. Eine Art Ganzheit des Körpers, rational betrachtet von einem im Sattel bergauf bergab wiegenden Lebewesen, das sich per Muskelkraft entlang von Menschen für Menschen definierter Grenzlinien bewegt und versucht, etwas über das umradelte Gebilde herauszufinden.

Richtung Bronnacker zu meinem gestrigen Übernachtungsplatz, hatte ich Bayern schon längst verlassen, kurbelte seit zwanzig dreißig Kilometern jenseits der Grenze auf das Wurmloch namens Osterburken hinzu. In Bad Mergentheim beging ich den Fehler, den Flussradweg entlang der Tauber zu verlassen um einer zehn fünfzehn Kilometer kürzeren Strecke direkt nach Boxberg zu folgen. Hast du denn nichts gelernt, Herr Irgendlink in all den Lebensjahrzehnten? Gemeinsam mit Schulfreund I. plante ich vor 35 Jahren eine Autofahrt nach Spanien. Indem wir eine gerade Linie auf der Landkarte zogen, gerieten wir, es war eines Winters, in einen veritablen Schneesturm im Zentralmassiv weit abseits der Rhônestrecke.

Den Radwegen folgend bis Lauda-Königshofen entlang der Tauber, dann dem Bach Umpfer folgend bis nach Boxberg, hätte mir fünf Kilometer schnell befahrene Landstraße über zwei zackige Kuppen erspart.

Hinterher weiß man es.

Ich schlief prima auf dem feinen Wieslein im Garten mit den uralten riesigen Apfelbäumen meines Gastgebers C. Am Abend hatte er mich, mit den Armen winkend ins Areal dirigiert und mich vor dem Rasenmähroboter gewarnt. Jenseits dieser Linie kannst du das Zelt aufbauen. Davor ist Rasenmäherland. Ich verstand das wie ‚Todeszone‘. Bloß nicht da, sonst kommt er nachts und frisst dich. Vermutlich ist es aber die Sorge, ich könnte mit den Heringen die verlegten elektromagnetischen Schleifen unter der Grasnarbe verletzen. Jenseits dieser Linie und ein Meter fünfzig vom Rand des Gartens solle ich das Zelt nicht aufbauen. Da hatte ich aber längst mein Plätzchen auserkoren zwischen zwei uralten, hohen Apfelbäumen mit Blick übers weite Land südwärts. Man könne fünfzig Kilometer weit schauen bis nach Waldenburg, erklärte C. Das ist nicht weit von Schwäbisch Hall entfernt.

Grenzen. Orte, die man nicht kennt, die man sich erradelt, die somit erst Gestalt annehmen. So war es mit Burghausen.Vor knapp zwei Wochen. Bevor ich in die auf einem beburgten, Kilometer langen Felsen an der Salzach liegende Stadt kam, war sie nur einer jener vielen Namen, die mit einem Punkt auf der Landkarte markiert sind. Erst als ich die steile Straße zur Burg hinauf schwitzte wurde der Ort überhaupt wahr. Ich blickte eher zufällig über die Schulter, sollte man öfter mal machen, macht man viel zu selten, und erspähte zwischen Bäumen einen Blick runter zur Salzach, die sich nahe Burghausen ihr Bett tief in den bröseligen Fels gefressen hatte. Sieht fast ein bisschen aus wie Illerdurchbruch, dachte ich. Mein Gott, vier Jahre ist das nun schon her. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so sehr an einem Projekt festbeißen kann.

Wenn ich eine gute Eigenschaft habe, dann ist es wohl die Ausdauer. Langsam bin ich. Manchmal etwas faul, aber ich lasse selten los, wenn ich etwas erreichen will. Nur so gelang nach über zwanzig Jahren die Nordkap-Erradelung und die ‚Straße nach Gibraltar‚.

Doch zurück zu den Grenzen und den Wurmlöchern, die sie untergraben könnten, eventuell. Ich liebe Rasenmähroboter. Falls ihr mal einen Menschen seht, der ungewöhnlich lange vor einem, von einem Rasenmähroboter gehegten Vorgarten steht und der das Maschinchen beobachtet: Das bin ich. Über die Funktionsweise eines solchen Geräts hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Hatte allenfalls zum Spaß phantasiert, dass Rasenmähroboter irgendwann von ‚zu Hause‘ abhauen und sich nachts heimlich mit anderen Rasenmährobotern treffen … oder etwas realistischer gedacht, dass sie per GPS funktionieren. Dass unterirdisch Grenzwälle um das zu hegende Arreal gelegt werden in Form von Induktionsschleifen, lernte ich erst von C. Die Geräte messen wohl stetig ihren Akkustand und wenn ein gewisses Level unterschritten wird, treten sie die Reise an zur Ladestation, wo sie sich andocken und den Akku aufladen. Das Bild von Elefanten, denen man ja nachsagt, dass sie sich am Ende ihres Lebens auf den Weg zum Elefantenfriedhof machen, kommt mir in den Sinn. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um eine Legende handelt. Es gefällt mir einfach.

Früh um acht breche ich bei C. auf. Da er sich womöglich mit Covid19 infiziert hatte, hielten wir, stets draußen, gehörigen Abstand.  Die Erkältungssymptome, die er zeigte, könnten allerdings auch eine ’normale‘ Erkältung sein, so mutmaßte er. Seine Tochter habe ihm vor einigen Tagen draußen auf der Terrasse die Haare geschnitten. Blanken Kopf mit feuchten Haaren in Zugluft, das habe er noch nie gut weggesteckt.

Punkt neun Uhr treffe ich @Odenwaelderin im Café Köpfle gegenüber des Bahnhofs in Osterburken. Wir plaudern über die Reise, den Odenwald, das kleine regionale Büro des SWR, das sie in der Gegend als Redakteurin betreut. Eine weitere Twitterfeundin, die es ins ‚echte‘ Leben verschlägt, man sich persönlich kennenlernt. Sie lädt mich zum Frühstück ein. Es gibt ‚Köpfle-Frühstück‘.

In Osterburken fährt derzeit kein Zug, erklärt sie mir. Man muss mit dem Schienenersatz per Bus nach Seckach. Oder radeln. Etwa zwölf Kilometer. Eine 16 prozentige Steigung übern Berg (später entdecke ich auf der Open Cycle Map, dass es den Bächen folgend einen Radweg gegeben hätte. Den Skulpturenradweg). Der Odenwald will mich nicht loslassen. Ich schiebe auf, rolle ab nach Adelsheim. Treffe einen alten Mann mit Rollator mitten in den Wiesen auf Geröllweg. Ob alles in Ordnung ist? Ja, alles in Ordnung, er spaziere hier öfter. Man weiß ja nie. Besser einmal mehr nachgefragt, als einmal zu wenig, man ließe jemand Hilflosen zurück.

In Seckach starten die Züge wie gewohnt. Ohne Umstieg bis zur Endhaltestelle nach Homburg. Der erste Wagen sei derjenige, der durchfährt, der zweite werde unterwegs abgekoppelt, erklärt mir der Zugführer. Wo der Zug getrennt wird, müsse er noch nachschauen. Scheinbar ist nicht immer alles gleich, trotz stündlicher Zugfahrten.

Im Bahnhofsaufzug verkeilt sich zu guter Letzt noch mein Fahrrad. Das Ding ist wirklich winzig und scheinbar sind die Aufzüge von Gleis zu Gleis unterschiedlich groß. Bei Gleis eins aufwärts passte das Fahrrad noch bestens. Runter zu Gleis zwei verkeilte es sich. Mega-Piepsorgie aus den Lautsprechern. Schon sah ich mich auf immer in diesem Aufzug gefangen. Der Odenwald will mich nicht gehen lassen. Ich sollte UmsLand/Baden-Württemberg angehen, denke ich, schwitze ich, hoffe ich, aus dem halbgläsernen Kasten rauszukommen. Das Radel ist dermaßen verkeilt, dass ich es nicht einmal hochkant stellen könnte, um die Spannung zu verringern. Komme schließlich frei. Überwinde diese letzte Grenze, überwinde die nächste letzte Grenze. Sitze im Zug, der sich von Station zu Station füllt und leert und füllt und leert. Neben der wunderbaren Landschaft entlang von Jagst und Neckar läuft eine Szene aus dem Film ‚Die Zeitmaschine‘: Im Schnelldurchlauf vergehen die Jahreszeiten über tausende Jahre. So ähnlich blitzert es durch die Zugfenster. Kommen und gehen. Grenze um Grenze um Grenze. Nur in der Rheinebene ist der Zug recht voll. Es ist der erste Juni. Ich fahre mit dem Neun-Euro-Ticket. Die befürchtete Überlastung ist nicht zu spüren. Der Zug zurück, durchs Wurmloch ins Saarland, fühlt sich genauso ‚voll‘ an wie der Zug aus dem Saarland, durchs Wurmloch nach Bayern vor vier Jahren.

Geschrieben am Pfingstmontag, 6. Juni, rückdatiert auf den 2. Juni.

Gedanken übers Lebensrund, das Wohin, Woher und das Glück, sich selbst sein zu dürfen – von Holzmühle nach Bronnacker #UmsLand/Bayern

Eine Allegorie auf die Allegorie auf die Allegorie und so weiter, dünkt es mich. Das Lebensrund am Beispiel einer Radreise rund um ein Etwas. Eine Stadt, eine Region, ein Bundesland. Los geht es auf deinem einsamen Weg durch die Welt an einem Punkt, sagen wir X, bis zur nächsten Kreuzung, an der du zwischen Y und Z oder A und B wählen kannst, bis zur nächsten Kreuzung, an der du zwischen C und D wählen kannst. Hangelst dich von Punkt zu Punkt, aber dennoch sind die Parameter deines Lebensgefängnisses in Form von Grenzen beschränkt. Im Fall dieser Reise Bayerns Grenze. Im Fall des Lebens deine individuellen Bedingungen, wann, wo und wie du auf den Planeten geworfen wurdest. Nicht jeder hatte das Glück wie ich, in einer friedlichen, relativ gewaltlosen Phase aufzuwachsen und sich seinen Weg zu suchen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich seit fast allen Jahrzehnten meines Hierseins auf der Welt verschont geblieben bin von Grauen und Schrecken, Ungerechtigkeit, Willkür und Schmerz.

Am Ende ein neuer Anfang? Hin und wieder versuche ich mich in dieses – ich schreibe es in nur unzureichender Kenntnis dem Buddhismus zu – Lebensmodell einzufinden. Was, wenn ich ende und als Pferd wiederkehre, als Schwein oder Blume und verflixt, warum sind es im Buddhismus immer die bekannten Tiere dieser Erde, ich meine, irgendwer, der schon einmal existiert hat auf diesem Planeten, muss doch auch mal als ein Wesen existiert haben, das von uns Menschen noch gar nicht entdeckt wurde. Die Wahrscheinlichkeitslehre lässt es doch gar nicht zu, dass wir alle Blumen, Pferde oder Schweine waren, ein Römer, eine Perserin oder ein Kaktus. Bei der Vorstellung, dass das Unbekannte, Ungewusste viel viel größer sein muss, viel viel größer ist, als alles, was uns als Menschen bewusst werden kann zu diesem Zeitpunkt des Universums, stelle ich mir meist unbeantwortbare Fragen, die jegliche festgeschriebe Lehre oder Glaubensrichtung auf den Prüfstand bringen und logischerweise diese zu Fall bringen.

Am Ende bleibt nichts von allem Wissbaren. Es ist dann zwar da und es gilt, aber es gilt nicht für alle Zeit. Der nächste Prüfstand wartet längst. Es sind die Grenzen, schießt es mir in den Sinn. Die Tellerränder. Selbst wenn es dir gelingt, über den Tellerrand hinaus zu schauen, wirst du nur den nächst größeren Tellerrand finden. Selbst wenn du die Grenze überwindest und ein weiteres Level der Erkenntnis erlangst, wirst du nur wieder vor Unvorstellbarem stehen, in das du dich einfühlen, eindenken musst.

Ich und mein Bayern. Nach vier Jahren fast am Ende. Die Nacht war bitterkalt auf meinem Zeltplätzchen hinter einem Holzstapel im Weiler Holzmühle. Abends auf der Suche nach einem geeigneten Wildzeltplatz im Tal des Aalbachs war die Strecke für etliche Kilometer wie vernagelt, nur Wald und Wust und sämtliche Wiesen noch ungemäht, weshalb ich mich im Weiler Holzmühle nach einem Plätzchen fürs Zelt durchfragte. Beim ersten belebten Haus mit Menschen vor der Tür, wem dieses Grundstück gehört mit den Holzstapeln, nein, nicht uns, aber frag doch den Nachbarn, durchs Hoftor, grüne Tür, klopfen, und so stand ich vor einem überrumpelten Mann, der mit guter Miene das Zelten erlaubte. Ich meine, wie oft klopft schon jemand an eure Tür und fragt, darf ich da hinten zelten. Das bringt einen schon ein bisschen aus dem Takt und man macht nicht unbedingt die Arme auf und sagt, juchei, komm rein, mein Freund. Ein ängstliches Okay ist aber bei den meisten Menschen drin. Selten, vielleicht nie, wurde ich abgewiesen.

Die Kälte hatte mir dermaßen zu schaffen gemacht, dass ich an diesem zweitletzten Tourtag schon früh aufbrach, gierig Richtung Platz mit Sonne radelnd, diesen fand an einem gar seltsamen Ort, nämlich einem frisch gemähten Stück Wiese inmitten aller anderen ungemähten Wiesen. Ein kleiner Weg führte hinunter ins milde Fleckchen. Zwei Parkbänke, eine Infotafel, ein Grenzstein und etwa dreißig Quatratmeter Frischgemähtheit inmitten alltäglichen Wiesendaseins. Ich breitete das Zelt aus zum Trocknen, kochte Kaffee, frühstückte, schrieb den vorigen Blogartikel, genoss die Wärme der Sonne, las die Infotafel. Ein Drei-Gemarkungen-Eck. Auf verwinkelte Weise stoßen drei Gemeindegrenzen an dieser Stelle aneinander. Schlichter Grenzstein. Bank, sonst nichts. Zack. Besonderheit mitten in der Wiese. Alleine Kraft dessen, dass Menschen Grenzen setzen. Ohne Menschen keine Grenzen? Ich weiß es nicht. Nicht so jedenfalls. Nicht so bürokratisch. So präzise, so verbohrt. Dass es Grenzen gibt, erfährt man ja am eigenen Leib. Das Vergehen des eigenen Lebens, der Gesundheit, des Wohlbefindens. Das sind Grenzen, die sich über die Lebensjahre manifestieren und mit denen man sich auseinandersetzen muss.

Mir geht es bestens. Die Reise hat mich um Jahre verjüngt. Alle Zipperlein sind dahin. Ich habe sie niedergerungen, nein, falsch, sie sind verschwunden. Ich habe nichts gegen sie getan, außer Rad zu fahren und über das Leben und mich nachzudenken. Der Weg wusch alles dahin.

Der Aaltalradweg ist ein wunderbares Kleinod, das einen auf recht schmerzlose, steigungsarme Weise vom Main nahe Wertheim zum Main in Würzburg führt, ohne dabei einen zig Kilometer langen Bogen nach Norden zu machen, wenn man stur dem Fluss folgen würde. Zudem recht nahe bei der bayerischen Grenze, was ja das Ziel meinem ‚Mission‘ ist.

Kurz vor Würzburg dreht mich ein entgegenkommender Radler in die richtige Richtung, da lang, rechts, links, an der Ampel geradeaus, dann wirds bissel kompliziert, aber basst scho. Über eine alte Brücke voller Statuen beiderseits überquere ich den Fluss. Fotografiere alle zehn Meter. Foto Stop and Go. Das dauert. Viele Fußgänger und Radtouristen, die ebenso ständig stoppen, für Fotos posen und Selfies machen. 25 Kilometer bis Ochsenfurt. Flachlandradeln, guter Teer. Danach rechne ich mit vierzig Kilometern bis zur Tauber. Ich habe den Tag vor vier Jahren noch genau im Sinn, als ich am ersten Reisetag plötzlich vor einem Radwegeschild stand, auf dem Ochsenfurt angeschrieben war. Ich erinnere mich genau, wie ich mir vorstellte, dass ich genau zu diesem Schild zurückkehren würde, wie es sich wohl anfühlen würde, da wieder anzukommen. Auch meine ich, darüber nachgedacht zu haben, ob ich nicht in diese Richtung statt in die andere Richtung starten sollte. Woran ich mich nicht erinnere: Standen auf dem Schild vierzig Kilometer bis Ochsenfurt angezeichnet, oder gar mehr?

25 Kilometer weit führt der Gaubahnradweg gnadenlos geteert mit höchstens dreiprozentiger Steigung vom Main ab Ochsenfurt nach Bieberehren an der Tauber. Meine Rettung. Morgens hatte ich mit Twitterfreundin @Odenwaelderin konferiert, dass man sich ja nahe Osterburken treffen könnte und sie sagte ja, gerne. Ein Schwatz, ein Kaffee, sich nach all den Jahren der Virtualität mal persönlich kennen zu lernen, das wäre schön, mehr noch, die @Odenwaelderin vermittelte mir einen Nachtplatz im Garten eines Freundes nicht weit weg von Osterburken, meinem Wurmloch nach Bayern. Wie auch immer.

Unkalkulierbar lange Strecke, unkalkulierbare Wind- und Steigungsverhältnisse, ich war ganz schön tollkühn, zu sagen, joaa, das schaffe ich. Ich meine, nur wenige zehn Kilometer, wenige hunderte Höhenmeter mehr oder weniger entscheiden ja beim Radfahren, ob man ein Ziel erreicht oder nicht. Da kam mir die Gaubahn-Liebelei gerade recht. 25 Kilometer Easybiking auf reinem Teer. Aber ich hatte die Rechnung ohne das Taubertal gemacht. Da rauszukurbeln ab Bad Mergentheim stur Richtung Boxberg verlangte mir alles ab. Unnötig kurbelte ich, den direkten Weg statt über Königshofen Lauda zehn Kilometer mehr in Kauf nehmend, zwei zackige Schnellstraßensteigungen aufwärts. Egal. Fehler. Scharte ausgewetzt. Zurück auf Kurs erreiche ich völlig erschöpft gegen Sonnenuntergang den Hof meines charmanten Gastgebers C. nahe Rosenberg. Feierabendbierli. Plauderei. Dusche. Zelt. Nacht nicht zu kühl.

Ein fulminanter letzter Tagesritt zum Ende der Tour hin zurück zum Anbeginn, garniert mit merkwürdigen Gedanken übers Lebensrund, das Wohin, Woher und das Glück, sich selbst sein zu dürfen in einer von Grenzen jedweder Art beherrschten Welt nicht gar zu eingeengt zu sein. Die Nacht war nicht so kalt wie die davor.

Von großen Mainradwegrutschen und okkulten Höhenmetern – Kleinostheim bis Holzmühle #UmsLand/Bayern

Die große Main-Rutsche. Man kann eigentlich nichts falsch machen mit dem Mainradweg. Er ist ziemlich gut ausgebaut, gut beschildert, überall Bänkchen und Ruhemöglichkeiten, Biergärten und Campings. Schon sehe ich mich abends in Osterburken. Ich muss nur noch schnell zur Taubermündung, ein paar Kilometer aufwärts radeln und dann über die Hügel nach Osterburken, von wo aus mich die S1 ohne Umstieg nach Homburg/Saar bringt. Die brachte mich vor vier Jahren quasi wie ein Wurmloch auch zum ersten Abschnitt meiner Reise rund um Bayern.

Das Leben ist nie nur ’schwupp‘, wie man sich das im Hirn so zurecht montiert. Ein Rennradler holt mich aus meinen Speedträumen. Die Tauber, das sind noch achtzig Kiloemter etwa, sagt er. Aber man soll sie sich nicht als eitel Flussradweglein vorstellen, denn es geht da auf und ab und zwar zackig. Für einen Moment fährt er freihändig und macht mit beiden Händen eine Schlangenlinienbewegung.

Nächste Woche startet er gemeinsam mit zehn Freunden auf eine Rennradtour nach Hamburg. Fünf Tage haben sie veranschlagt mit dreißig Sachen pro Stunde. Zudem über Bundesstraßen, denn eins ist klar, selbst wenn nach Hamburg ein Mainradweg führen würde, könnte man nicht in fünf Tagen dort sein. Die Unbilden der Fernradwege sind numal, dass sie nie den geraden Weg nehmen und dass ab und zu oder gar ziemlich oft ungeteerte Stücke dabei sind. Gravel, wie man neudeutsch zu Splitwegen sagt, bremsen einen vorneweg um einige Kilometer pro Stunde. Im Spessart hatte ich auf den ewig langen, gekiesten Waldwegen einmal eine Musterrechnung der okkulteen Höhenmeter gemacht. Jene Höhenmeter, die das GPS gar nicht aufzeichnet. Wenn ich auf jeden Splitstein, den ich überradele zuerst hinauf und dann wieder hinab muss und jeder Splitstein einen Zentimeter hoch ist (ich weiß, das ist zu viel, aber mit eins rechnet es sich besser und es ist ja auch Unsinn, herrlicher Unsinn, der einem durch den Kopf geht, wenn man hunderte Meter weit einen acht prozentigen Waldweg hinauf ächtzt), wenn ich also ein Zentimeter pro Stein mal eine Million Steine, dann habe ich abends 100 okkulte Höhenkilometer im Sack.

Wenn ich mich nicht verrechnet habe. Am Main habe ich mich definitiv verrechnet, bzw. verschätzt. Das sogenannte Mainviereck ist ein Stück Abweichlermain, der einen Bogen macht nach Süden, rechtwinklig dann nach Osten fließt und dann wieder einen Bogen nach Norden. Der Mainsyphon sozusagen. Wie auch immer. es sind tatsächlich bald achtzig Kilometer bis nach Wertheim, wo die Tauber in den Main fließt.

Genug Strecke, um geläutert gegen Abend am Abzweig zum Radweg Liebliches Taubertal zu stehen, sich das Kinn zu reiben, laut Hmmmm zu sagen, kurz in die Handykarte zu schauen, sich umzudrehen und dem Main weiter zu folgen. Du musst nur noch eben diese Mainschleife, sage ich mir, und da, da schau mal, da ist ein Radweg, der direkt nach Würzburg abzweigt vom Mainradweg. Der Aalbachradweg. Ich darf Bayern nicht ein zweites Mal kastrieren und die Grenzlinie, der ich doch eigentlich folgen möchte, über die Maßen strapazieren. Obendrein. Denn der Tauberradweg hätte mich unmittelbar aus Bayern heraus geführt, durch Baden-Württemberg dem Ende entgegen.

Schon 2019 tat es mir weh, den Zipfel ums Berchtesgadener Land wegen Schlechtwetters nicht geradelt zu sein. Umso mehr weiß ich, dass ich, Perfektionist, der ich bin, es hinterher bereuen würde, wenn ich nicht die Ecke Würzburg-Ochsenfurt mit im Programm hätte.

Den Weg entlang der Mainschleife oberhalb von Wertheim folge ich einem Frachtschiff namens Sofie. Zuvor schon viele Schiffe immer wieder gesehen. Eines beladen mit Windrad-Flügeln. Wir sind fast gleich schnell, wir Radler und Schiffe.

Bei Bettingen erreiche ich den Abzweig zum Aalbachradweg. jaja, ist ein schöner Weg, erzählt mir ein Kartoffelbauer, der gerade sein Feld nach Käferbefall untersucht, und dass es mal wieder regnen könnte, sagt er, nein, zum Glück keine Käfer, aber das ist so die Zeit, da kommen die Tierchen. Der Weg ist gar nicht mal steil, sagt er und ich könne ja im hießigen Outletcenter noch einkaufen. Das habe geöffnet bis zwanzig Uhr. Hinauf zum Center, das bei der A3 wie eine fremdländiche Märchenstadt wirkt mit Türmchen und Schnickschnack, kommen mir zwei Radlerinnen entgegen mit Markenklamottenschöntütchen am Lenker, prall gefüllt mit, ja was, Markenklamotten vermutlich.

Ein viertelstündiger Ächtzhüpfer und ich bin jenseits des Outletcenters und der Autobahn auf einem feinen Wiesenradweg, meist geteert. Ein Glücksgriff. Wirklich. Nicht auszdenken, ich schwitzte nun etwas weiter westlich parallel zu dieser Strecke den Radweg liebliches Taubertal in einer solchen Schlangenlinie, wie es der Rennradler morgens breit erklärt hatte.

20 Kilometer bis Würzburg finde ich in einem Weiler namens Holzmühle ein feines Plätzchen bei einem Holzlager. Die Nacht war bitterkalt.

Mal bist du der Don und mal der Sancho – von Hofstetten nach Kleinostheim #UmsLand/Bayern

Das Leben ist wie eine Cervantes-Geschichte, mal bist du der Don Quichote, mal bist du der Sancho Pansa.

In Hofstetten steht mir plötzlich ein anderer Radler gegenüber – in meiner Erinnerung sagt er gebieterisch ‚Halt, Bursche!‘ Er kommt mir aus dem Gegenlicht entgegen, trägt Lanze, Schild und Schwert, was aber hanebüchen übertrieben ist. Dennoch. Die Sonne steht kaum noch ein paar Fatbike-Reifen breit über dem Horizont. Die Silhouette des Mannes mit dem riesigen Fahrrad nebst Anhänger hat etwas Gebieterisches. Er hat eine Frage und ich die Antwort. Bzw. ich habe die Antwort nicht, aber eine Ahnung, wo wir sie finden …

Weißt du wo der Campingplatz ist? Nein, aber ich ahne es, so ähnlich. Wir müssen jedenfalls ins Dorf, dort hin, wo er her kam, so viel ist sicher. Mein GPS lügt nicht.

Das Radel von J., so heißt mein neuer Freund, ist ein so genanntes Fatbike. Armdicke Bereifung, butterweich gefedert. Akku und Anhänger und eigentlich gar nicht mal so viel mehr Gepäck dabei wie ich oder andere Reiseradler, sondern nur anders verteilt auf Hänger, Satteltaschen und Gepäckrolle. Wie wir so gemeinsam in den Sonnenuntergang gen Campingplatz rollen nur ein paarhundert Meter durchs Dorf, sehen wir aus wie ein moderner Don Quichote und Sancho Pansa, denke ich. Er mit dem großen Ross und dem Anhänger ist der Don und ich mit meinem kleinen Radel-Eselchen bin der Sancho.

Der Campingplatz in Hofstetten ist ein gemütlicher kleiner Platz, ruhig, nette Menschen, nettes Team, was nicht immer der Fall ist, so werde ich noch feststellen (und eigentlich kennt man es ja, man hat ja schon alles an Campingplätzen erlebt, was es gibt auf dem Planeten, während all der Reisen). Artgerechte Haltung von Fernreisenden.

Über J., der sich auch als Künstler entpuppt wäre sicher ein eigenes Kapitel zu schreiben. Weit gereist wie ich, in die Jahre gekommen wie ich, immer noch unterwegs wie ich und das ist auch gut so, so trinken wir in der Abendsonne, auf einem Mäuerchen hockend, bzw. daran lehnend unser Feierabendbierchen. Mal bist du der Tresen, mal bist du der Stuhl.

Morgens gehts für uns in entgegengesetzte Richtungen weiter. J. hatte mir schon vom Kahltal-Spessart-Radweg (KSR) vorgeschwärmt. Genau meine Richtung. Die Ruhe im Wald, die tollen Wege, das Schweben auf den dicken Reifen des Radels, das kaum vernehmbare Surren des Elektromotors … zwölf Kilometer bis Lohr auf dem Main-Radweg und ab dort ist schon der KSR ausgeschildert. 72 Kilometer bis Kahl. 72 Kilometer vom Main zum Main, ohne dabei am Main zu radeln.

Die Route folgt verschiedenen Bächen durch liebliche Tallandschaften via Partenstein und ab dort wirds nach und nach immer zackiger. Unterschätze den Spessart nicht! Das sagte ich mir schon morgens, noch in der milden Obhut des Flachlands. Die Bamberger Mühle ist mein Ziel. Auf dem GPS sieht es so aus, als sei man dort, in Kleinkahl endlich oben und rollt dann nur noch abwärts. Stimmt auch.

Ich verabrede mich mit Twitterfreundin @Bahnhofsoma, die per Faltrad und Zug anreisen wird. Die gesamte Strecke, ich will es mal die Nordostpassage des Mainradwegs nennen, windet sich um die stur durch die Täler führende Spessart-Bahn. Man könnte also jederzeit in den Zug steigen und ein bisschen abkürzen. Mache ich natürlich nicht. Die Beine wollen es. Der Körper will es. Der Kopf will auch.

Im ‚Gap‘ zwischen Auf und Ab, welches bei Kilometer 35 bis 40 ab Lohr liegt, erreiche ich die beiden Kahlquellen. Ich muss stets schmunzeln, wenn ich von den beiden ‚Soundso‘ rede, denke ich doch an einen guten alten Monty Python-Sketch. Der mit dem schielenden Expeditionsleiter, der die ‚beiden‘ Kilimandscharos bezwingen will.

Frau @Bahnhofsoma wartet mit Käsebroten zur Höhe des Gebirgs bei den beiden Kahlquellen. Gemeinsam radeln wir abwärts im Kahltal. Eiskalt da oben. Mehrfach muss ich Jacke an, Jacke aus, lange Hose drüber ziehen, lange Hose wieder ausziehen und die Handschuhe könnte ich eigentlich auch gebrauchen, so bitter zieht es an den Händen, wenn die Sonne hinter den lang gezogenen Wolken verschwindet und man nur noch den Gegenwind zu spüren kriegt.

Gut fünfzig Kilometer radeln wir so gemeinsam, quatschen, tauschen uns aus, machen Spaßfotos unterwegs. Lümmeln auf Parkbänken und modernen Waldsofas, die überall am Radweg stehen.

Tut gut mal wieder unter Menschen zu sein. Die Abendsonne wirft unsere Schatten voraus und verflixt, wir sehen ja aus wie Don Quichote und Sancho Pansa, ich mit dem 28 Zöller Reiserad und sie mit dem Brompton. Diesmal bin ich der Don und sie die Sancho, denke ich. Schmunzelnd. Mal bist du der Don und mal der Sancho Pansa. So ist das im Leben, rekapituliere ich.

Abschiedseis in einer Eisdiele in Kahl. Ich erwische gerade noch so die letzte Fähre über den Main nach Seligenstadt, folge dem Mainradweg ostwärts. Mein Plan, auf den Wiesen irgendwo wild zu zelten scheitert daran, dass es kaum Wiesen gibt. Nur Getreidefelder, Obstplantagen und Landschaftsschutzgebiet.

Erst in Kleinostheim der nächste Campingplatz, den ich eher widerwillig ansteuere. Blick in die Karte: Er liegt direkt an der Autobahn. Dennoch besser als weiter Wildzeltplatzsuch spießrutenlaufen.

Dieser Campingplatz im Vergleich zum Campingplatz zuvor ist wie Massentierhaltung versus artgerechte Tierhaltung, sinniere ich abends im Gesäusel der Autobahn. Ich weiß, das trifft es nicht und verharmlost wahrscheinlich. Dennoch meine ich, ein Grundmuster menschlichen Handelns und ’so tickt unsere Spezies nunmal‘ zu erkennen.

Eine Handvoll Radreisende sind zusammen auf einer kleinen Wiese, umgeben von den vorsaisonal noch leeren Arealen für Wohnmobile und Wohnwagen. Das Autobahngemurmel vereinzelt uns. Statt munter ins Geplauder zu kommen um das alltägliche Woher und Wohin, winkt man sich verschämt zu und verschwindet im eigenen Zelt. Als ob das die Geräusche abhalten könnte.