Gedanken übers Lebensrund, das Wohin, Woher und das Glück, sich selbst sein zu dürfen – von Holzmühle nach Bronnacker #UmsLand/Bayern

Eine Allegorie auf die Allegorie auf die Allegorie und so weiter, dünkt es mich. Das Lebensrund am Beispiel einer Radreise rund um ein Etwas. Eine Stadt, eine Region, ein Bundesland. Los geht es auf deinem einsamen Weg durch die Welt an einem Punkt, sagen wir X, bis zur nächsten Kreuzung, an der du zwischen Y und Z oder A und B wählen kannst, bis zur nächsten Kreuzung, an der du zwischen C und D wählen kannst. Hangelst dich von Punkt zu Punkt, aber dennoch sind die Parameter deines Lebensgefängnisses in Form von Grenzen beschränkt. Im Fall dieser Reise Bayerns Grenze. Im Fall des Lebens deine individuellen Bedingungen, wann, wo und wie du auf den Planeten geworfen wurdest. Nicht jeder hatte das Glück wie ich, in einer friedlichen, relativ gewaltlosen Phase aufzuwachsen und sich seinen Weg zu suchen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich seit fast allen Jahrzehnten meines Hierseins auf der Welt verschont geblieben bin von Grauen und Schrecken, Ungerechtigkeit, Willkür und Schmerz.

Am Ende ein neuer Anfang? Hin und wieder versuche ich mich in dieses – ich schreibe es in nur unzureichender Kenntnis dem Buddhismus zu – Lebensmodell einzufinden. Was, wenn ich ende und als Pferd wiederkehre, als Schwein oder Blume und verflixt, warum sind es im Buddhismus immer die bekannten Tiere dieser Erde, ich meine, irgendwer, der schon einmal existiert hat auf diesem Planeten, muss doch auch mal als ein Wesen existiert haben, das von uns Menschen noch gar nicht entdeckt wurde. Die Wahrscheinlichkeitslehre lässt es doch gar nicht zu, dass wir alle Blumen, Pferde oder Schweine waren, ein Römer, eine Perserin oder ein Kaktus. Bei der Vorstellung, dass das Unbekannte, Ungewusste viel viel größer sein muss, viel viel größer ist, als alles, was uns als Menschen bewusst werden kann zu diesem Zeitpunkt des Universums, stelle ich mir meist unbeantwortbare Fragen, die jegliche festgeschriebe Lehre oder Glaubensrichtung auf den Prüfstand bringen und logischerweise diese zu Fall bringen.

Am Ende bleibt nichts von allem Wissbaren. Es ist dann zwar da und es gilt, aber es gilt nicht für alle Zeit. Der nächste Prüfstand wartet längst. Es sind die Grenzen, schießt es mir in den Sinn. Die Tellerränder. Selbst wenn es dir gelingt, über den Tellerrand hinaus zu schauen, wirst du nur den nächst größeren Tellerrand finden. Selbst wenn du die Grenze überwindest und ein weiteres Level der Erkenntnis erlangst, wirst du nur wieder vor Unvorstellbarem stehen, in das du dich einfühlen, eindenken musst.

Ich und mein Bayern. Nach vier Jahren fast am Ende. Die Nacht war bitterkalt auf meinem Zeltplätzchen hinter einem Holzstapel im Weiler Holzmühle. Abends auf der Suche nach einem geeigneten Wildzeltplatz im Tal des Aalbachs war die Strecke für etliche Kilometer wie vernagelt, nur Wald und Wust und sämtliche Wiesen noch ungemäht, weshalb ich mich im Weiler Holzmühle nach einem Plätzchen fürs Zelt durchfragte. Beim ersten belebten Haus mit Menschen vor der Tür, wem dieses Grundstück gehört mit den Holzstapeln, nein, nicht uns, aber frag doch den Nachbarn, durchs Hoftor, grüne Tür, klopfen, und so stand ich vor einem überrumpelten Mann, der mit guter Miene das Zelten erlaubte. Ich meine, wie oft klopft schon jemand an eure Tür und fragt, darf ich da hinten zelten. Das bringt einen schon ein bisschen aus dem Takt und man macht nicht unbedingt die Arme auf und sagt, juchei, komm rein, mein Freund. Ein ängstliches Okay ist aber bei den meisten Menschen drin. Selten, vielleicht nie, wurde ich abgewiesen.

Die Kälte hatte mir dermaßen zu schaffen gemacht, dass ich an diesem zweitletzten Tourtag schon früh aufbrach, gierig Richtung Platz mit Sonne radelnd, diesen fand an einem gar seltsamen Ort, nämlich einem frisch gemähten Stück Wiese inmitten aller anderen ungemähten Wiesen. Ein kleiner Weg führte hinunter ins milde Fleckchen. Zwei Parkbänke, eine Infotafel, ein Grenzstein und etwa dreißig Quatratmeter Frischgemähtheit inmitten alltäglichen Wiesendaseins. Ich breitete das Zelt aus zum Trocknen, kochte Kaffee, frühstückte, schrieb den vorigen Blogartikel, genoss die Wärme der Sonne, las die Infotafel. Ein Drei-Gemarkungen-Eck. Auf verwinkelte Weise stoßen drei Gemeindegrenzen an dieser Stelle aneinander. Schlichter Grenzstein. Bank, sonst nichts. Zack. Besonderheit mitten in der Wiese. Alleine Kraft dessen, dass Menschen Grenzen setzen. Ohne Menschen keine Grenzen? Ich weiß es nicht. Nicht so jedenfalls. Nicht so bürokratisch. So präzise, so verbohrt. Dass es Grenzen gibt, erfährt man ja am eigenen Leib. Das Vergehen des eigenen Lebens, der Gesundheit, des Wohlbefindens. Das sind Grenzen, die sich über die Lebensjahre manifestieren und mit denen man sich auseinandersetzen muss.

Mir geht es bestens. Die Reise hat mich um Jahre verjüngt. Alle Zipperlein sind dahin. Ich habe sie niedergerungen, nein, falsch, sie sind verschwunden. Ich habe nichts gegen sie getan, außer Rad zu fahren und über das Leben und mich nachzudenken. Der Weg wusch alles dahin.

Der Aaltalradweg ist ein wunderbares Kleinod, das einen auf recht schmerzlose, steigungsarme Weise vom Main nahe Wertheim zum Main in Würzburg führt, ohne dabei einen zig Kilometer langen Bogen nach Norden zu machen, wenn man stur dem Fluss folgen würde. Zudem recht nahe bei der bayerischen Grenze, was ja das Ziel meinem ‚Mission‘ ist.

Kurz vor Würzburg dreht mich ein entgegenkommender Radler in die richtige Richtung, da lang, rechts, links, an der Ampel geradeaus, dann wirds bissel kompliziert, aber basst scho. Über eine alte Brücke voller Statuen beiderseits überquere ich den Fluss. Fotografiere alle zehn Meter. Foto Stop and Go. Das dauert. Viele Fußgänger und Radtouristen, die ebenso ständig stoppen, für Fotos posen und Selfies machen. 25 Kilometer bis Ochsenfurt. Flachlandradeln, guter Teer. Danach rechne ich mit vierzig Kilometern bis zur Tauber. Ich habe den Tag vor vier Jahren noch genau im Sinn, als ich am ersten Reisetag plötzlich vor einem Radwegeschild stand, auf dem Ochsenfurt angeschrieben war. Ich erinnere mich genau, wie ich mir vorstellte, dass ich genau zu diesem Schild zurückkehren würde, wie es sich wohl anfühlen würde, da wieder anzukommen. Auch meine ich, darüber nachgedacht zu haben, ob ich nicht in diese Richtung statt in die andere Richtung starten sollte. Woran ich mich nicht erinnere: Standen auf dem Schild vierzig Kilometer bis Ochsenfurt angezeichnet, oder gar mehr?

25 Kilometer weit führt der Gaubahnradweg gnadenlos geteert mit höchstens dreiprozentiger Steigung vom Main ab Ochsenfurt nach Bieberehren an der Tauber. Meine Rettung. Morgens hatte ich mit Twitterfreundin @Odenwaelderin konferiert, dass man sich ja nahe Osterburken treffen könnte und sie sagte ja, gerne. Ein Schwatz, ein Kaffee, sich nach all den Jahren der Virtualität mal persönlich kennen zu lernen, das wäre schön, mehr noch, die @Odenwaelderin vermittelte mir einen Nachtplatz im Garten eines Freundes nicht weit weg von Osterburken, meinem Wurmloch nach Bayern. Wie auch immer.

Unkalkulierbar lange Strecke, unkalkulierbare Wind- und Steigungsverhältnisse, ich war ganz schön tollkühn, zu sagen, joaa, das schaffe ich. Ich meine, nur wenige zehn Kilometer, wenige hunderte Höhenmeter mehr oder weniger entscheiden ja beim Radfahren, ob man ein Ziel erreicht oder nicht. Da kam mir die Gaubahn-Liebelei gerade recht. 25 Kilometer Easybiking auf reinem Teer. Aber ich hatte die Rechnung ohne das Taubertal gemacht. Da rauszukurbeln ab Bad Mergentheim stur Richtung Boxberg verlangte mir alles ab. Unnötig kurbelte ich, den direkten Weg statt über Königshofen Lauda zehn Kilometer mehr in Kauf nehmend, zwei zackige Schnellstraßensteigungen aufwärts. Egal. Fehler. Scharte ausgewetzt. Zurück auf Kurs erreiche ich völlig erschöpft gegen Sonnenuntergang den Hof meines charmanten Gastgebers C. nahe Rosenberg. Feierabendbierli. Plauderei. Dusche. Zelt. Nacht nicht zu kühl.

Ein fulminanter letzter Tagesritt zum Ende der Tour hin zurück zum Anbeginn, garniert mit merkwürdigen Gedanken übers Lebensrund, das Wohin, Woher und das Glück, sich selbst sein zu dürfen in einer von Grenzen jedweder Art beherrschten Welt nicht gar zu eingeengt zu sein. Die Nacht war nicht so kalt wie die davor.

Von großen Mainradwegrutschen und okkulten Höhenmetern – Kleinostheim bis Holzmühle #UmsLand/Bayern

Die große Main-Rutsche. Man kann eigentlich nichts falsch machen mit dem Mainradweg. Er ist ziemlich gut ausgebaut, gut beschildert, überall Bänkchen und Ruhemöglichkeiten, Biergärten und Campings. Schon sehe ich mich abends in Osterburken. Ich muss nur noch schnell zur Taubermündung, ein paar Kilometer aufwärts radeln und dann über die Hügel nach Osterburken, von wo aus mich die S1 ohne Umstieg nach Homburg/Saar bringt. Die brachte mich vor vier Jahren quasi wie ein Wurmloch auch zum ersten Abschnitt meiner Reise rund um Bayern.

Das Leben ist nie nur ’schwupp‘, wie man sich das im Hirn so zurecht montiert. Ein Rennradler holt mich aus meinen Speedträumen. Die Tauber, das sind noch achtzig Kiloemter etwa, sagt er. Aber man soll sie sich nicht als eitel Flussradweglein vorstellen, denn es geht da auf und ab und zwar zackig. Für einen Moment fährt er freihändig und macht mit beiden Händen eine Schlangenlinienbewegung.

Nächste Woche startet er gemeinsam mit zehn Freunden auf eine Rennradtour nach Hamburg. Fünf Tage haben sie veranschlagt mit dreißig Sachen pro Stunde. Zudem über Bundesstraßen, denn eins ist klar, selbst wenn nach Hamburg ein Mainradweg führen würde, könnte man nicht in fünf Tagen dort sein. Die Unbilden der Fernradwege sind numal, dass sie nie den geraden Weg nehmen und dass ab und zu oder gar ziemlich oft ungeteerte Stücke dabei sind. Gravel, wie man neudeutsch zu Splitwegen sagt, bremsen einen vorneweg um einige Kilometer pro Stunde. Im Spessart hatte ich auf den ewig langen, gekiesten Waldwegen einmal eine Musterrechnung der okkulteen Höhenmeter gemacht. Jene Höhenmeter, die das GPS gar nicht aufzeichnet. Wenn ich auf jeden Splitstein, den ich überradele zuerst hinauf und dann wieder hinab muss und jeder Splitstein einen Zentimeter hoch ist (ich weiß, das ist zu viel, aber mit eins rechnet es sich besser und es ist ja auch Unsinn, herrlicher Unsinn, der einem durch den Kopf geht, wenn man hunderte Meter weit einen acht prozentigen Waldweg hinauf ächtzt), wenn ich also ein Zentimeter pro Stein mal eine Million Steine, dann habe ich abends 100 okkulte Höhenkilometer im Sack.

Wenn ich mich nicht verrechnet habe. Am Main habe ich mich definitiv verrechnet, bzw. verschätzt. Das sogenannte Mainviereck ist ein Stück Abweichlermain, der einen Bogen macht nach Süden, rechtwinklig dann nach Osten fließt und dann wieder einen Bogen nach Norden. Der Mainsyphon sozusagen. Wie auch immer. es sind tatsächlich bald achtzig Kilometer bis nach Wertheim, wo die Tauber in den Main fließt.

Genug Strecke, um geläutert gegen Abend am Abzweig zum Radweg Liebliches Taubertal zu stehen, sich das Kinn zu reiben, laut Hmmmm zu sagen, kurz in die Handykarte zu schauen, sich umzudrehen und dem Main weiter zu folgen. Du musst nur noch eben diese Mainschleife, sage ich mir, und da, da schau mal, da ist ein Radweg, der direkt nach Würzburg abzweigt vom Mainradweg. Der Aalbachradweg. Ich darf Bayern nicht ein zweites Mal kastrieren und die Grenzlinie, der ich doch eigentlich folgen möchte, über die Maßen strapazieren. Obendrein. Denn der Tauberradweg hätte mich unmittelbar aus Bayern heraus geführt, durch Baden-Württemberg dem Ende entgegen.

Schon 2019 tat es mir weh, den Zipfel ums Berchtesgadener Land wegen Schlechtwetters nicht geradelt zu sein. Umso mehr weiß ich, dass ich, Perfektionist, der ich bin, es hinterher bereuen würde, wenn ich nicht die Ecke Würzburg-Ochsenfurt mit im Programm hätte.

Den Weg entlang der Mainschleife oberhalb von Wertheim folge ich einem Frachtschiff namens Sofie. Zuvor schon viele Schiffe immer wieder gesehen. Eines beladen mit Windrad-Flügeln. Wir sind fast gleich schnell, wir Radler und Schiffe.

Bei Bettingen erreiche ich den Abzweig zum Aalbachradweg. jaja, ist ein schöner Weg, erzählt mir ein Kartoffelbauer, der gerade sein Feld nach Käferbefall untersucht, und dass es mal wieder regnen könnte, sagt er, nein, zum Glück keine Käfer, aber das ist so die Zeit, da kommen die Tierchen. Der Weg ist gar nicht mal steil, sagt er und ich könne ja im hießigen Outletcenter noch einkaufen. Das habe geöffnet bis zwanzig Uhr. Hinauf zum Center, das bei der A3 wie eine fremdländiche Märchenstadt wirkt mit Türmchen und Schnickschnack, kommen mir zwei Radlerinnen entgegen mit Markenklamottenschöntütchen am Lenker, prall gefüllt mit, ja was, Markenklamotten vermutlich.

Ein viertelstündiger Ächtzhüpfer und ich bin jenseits des Outletcenters und der Autobahn auf einem feinen Wiesenradweg, meist geteert. Ein Glücksgriff. Wirklich. Nicht auszdenken, ich schwitzte nun etwas weiter westlich parallel zu dieser Strecke den Radweg liebliches Taubertal in einer solchen Schlangenlinie, wie es der Rennradler morgens breit erklärt hatte.

20 Kilometer bis Würzburg finde ich in einem Weiler namens Holzmühle ein feines Plätzchen bei einem Holzlager. Die Nacht war bitterkalt.

Mal bist du der Don und mal der Sancho – von Hofstetten nach Kleinostheim #UmsLand/Bayern

Das Leben ist wie eine Cervantes-Geschichte, mal bist du der Don Quichote, mal bist du der Sancho Pansa.

In Hofstetten steht mir plötzlich ein anderer Radler gegenüber – in meiner Erinnerung sagt er gebieterisch ‚Halt, Bursche!‘ Er kommt mir aus dem Gegenlicht entgegen, trägt Lanze, Schild und Schwert, was aber hanebüchen übertrieben ist. Dennoch. Die Sonne steht kaum noch ein paar Fatbike-Reifen breit über dem Horizont. Die Silhouette des Mannes mit dem riesigen Fahrrad nebst Anhänger hat etwas Gebieterisches. Er hat eine Frage und ich die Antwort. Bzw. ich habe die Antwort nicht, aber eine Ahnung, wo wir sie finden …

Weißt du wo der Campingplatz ist? Nein, aber ich ahne es, so ähnlich. Wir müssen jedenfalls ins Dorf, dort hin, wo er her kam, so viel ist sicher. Mein GPS lügt nicht.

Das Radel von J., so heißt mein neuer Freund, ist ein so genanntes Fatbike. Armdicke Bereifung, butterweich gefedert. Akku und Anhänger und eigentlich gar nicht mal so viel mehr Gepäck dabei wie ich oder andere Reiseradler, sondern nur anders verteilt auf Hänger, Satteltaschen und Gepäckrolle. Wie wir so gemeinsam in den Sonnenuntergang gen Campingplatz rollen nur ein paarhundert Meter durchs Dorf, sehen wir aus wie ein moderner Don Quichote und Sancho Pansa, denke ich. Er mit dem großen Ross und dem Anhänger ist der Don und ich mit meinem kleinen Radel-Eselchen bin der Sancho.

Der Campingplatz in Hofstetten ist ein gemütlicher kleiner Platz, ruhig, nette Menschen, nettes Team, was nicht immer der Fall ist, so werde ich noch feststellen (und eigentlich kennt man es ja, man hat ja schon alles an Campingplätzen erlebt, was es gibt auf dem Planeten, während all der Reisen). Artgerechte Haltung von Fernreisenden.

Über J., der sich auch als Künstler entpuppt wäre sicher ein eigenes Kapitel zu schreiben. Weit gereist wie ich, in die Jahre gekommen wie ich, immer noch unterwegs wie ich und das ist auch gut so, so trinken wir in der Abendsonne, auf einem Mäuerchen hockend, bzw. daran lehnend unser Feierabendbierchen. Mal bist du der Tresen, mal bist du der Stuhl.

Morgens gehts für uns in entgegengesetzte Richtungen weiter. J. hatte mir schon vom Kahltal-Spessart-Radweg (KSR) vorgeschwärmt. Genau meine Richtung. Die Ruhe im Wald, die tollen Wege, das Schweben auf den dicken Reifen des Radels, das kaum vernehmbare Surren des Elektromotors … zwölf Kilometer bis Lohr auf dem Main-Radweg und ab dort ist schon der KSR ausgeschildert. 72 Kilometer bis Kahl. 72 Kilometer vom Main zum Main, ohne dabei am Main zu radeln.

Die Route folgt verschiedenen Bächen durch liebliche Tallandschaften via Partenstein und ab dort wirds nach und nach immer zackiger. Unterschätze den Spessart nicht! Das sagte ich mir schon morgens, noch in der milden Obhut des Flachlands. Die Bamberger Mühle ist mein Ziel. Auf dem GPS sieht es so aus, als sei man dort, in Kleinkahl endlich oben und rollt dann nur noch abwärts. Stimmt auch.

Ich verabrede mich mit Twitterfreundin @Bahnhofsoma, die per Faltrad und Zug anreisen wird. Die gesamte Strecke, ich will es mal die Nordostpassage des Mainradwegs nennen, windet sich um die stur durch die Täler führende Spessart-Bahn. Man könnte also jederzeit in den Zug steigen und ein bisschen abkürzen. Mache ich natürlich nicht. Die Beine wollen es. Der Körper will es. Der Kopf will auch.

Im ‚Gap‘ zwischen Auf und Ab, welches bei Kilometer 35 bis 40 ab Lohr liegt, erreiche ich die beiden Kahlquellen. Ich muss stets schmunzeln, wenn ich von den beiden ‚Soundso‘ rede, denke ich doch an einen guten alten Monty Python-Sketch. Der mit dem schielenden Expeditionsleiter, der die ‚beiden‘ Kilimandscharos bezwingen will.

Frau @Bahnhofsoma wartet mit Käsebroten zur Höhe des Gebirgs bei den beiden Kahlquellen. Gemeinsam radeln wir abwärts im Kahltal. Eiskalt da oben. Mehrfach muss ich Jacke an, Jacke aus, lange Hose drüber ziehen, lange Hose wieder ausziehen und die Handschuhe könnte ich eigentlich auch gebrauchen, so bitter zieht es an den Händen, wenn die Sonne hinter den lang gezogenen Wolken verschwindet und man nur noch den Gegenwind zu spüren kriegt.

Gut fünfzig Kilometer radeln wir so gemeinsam, quatschen, tauschen uns aus, machen Spaßfotos unterwegs. Lümmeln auf Parkbänken und modernen Waldsofas, die überall am Radweg stehen.

Tut gut mal wieder unter Menschen zu sein. Die Abendsonne wirft unsere Schatten voraus und verflixt, wir sehen ja aus wie Don Quichote und Sancho Pansa, ich mit dem 28 Zöller Reiserad und sie mit dem Brompton. Diesmal bin ich der Don und sie die Sancho, denke ich. Schmunzelnd. Mal bist du der Don und mal der Sancho Pansa. So ist das im Leben, rekapituliere ich.

Abschiedseis in einer Eisdiele in Kahl. Ich erwische gerade noch so die letzte Fähre über den Main nach Seligenstadt, folge dem Mainradweg ostwärts. Mein Plan, auf den Wiesen irgendwo wild zu zelten scheitert daran, dass es kaum Wiesen gibt. Nur Getreidefelder, Obstplantagen und Landschaftsschutzgebiet.

Erst in Kleinostheim der nächste Campingplatz, den ich eher widerwillig ansteuere. Blick in die Karte: Er liegt direkt an der Autobahn. Dennoch besser als weiter Wildzeltplatzsuch spießrutenlaufen.

Dieser Campingplatz im Vergleich zum Campingplatz zuvor ist wie Massentierhaltung versus artgerechte Tierhaltung, sinniere ich abends im Gesäusel der Autobahn. Ich weiß, das trifft es nicht und verharmlost wahrscheinlich. Dennoch meine ich, ein Grundmuster menschlichen Handelns und ’so tickt unsere Spezies nunmal‘ zu erkennen.

Eine Handvoll Radreisende sind zusammen auf einer kleinen Wiese, umgeben von den vorsaisonal noch leeren Arealen für Wohnmobile und Wohnwagen. Das Autobahngemurmel vereinzelt uns. Statt munter ins Geplauder zu kommen um das alltägliche Woher und Wohin, winkt man sich verschämt zu und verschwindet im eigenen Zelt. Als ob das die Geräusche abhalten könnte.

Ein Crashkurs in Sachen Wallfahrt – von Heldburg nach Urspringen – #UmsLand/Bayern

Seit Tagen im Gegenwind, dünkt es mich. Das Zelt hatte ich mit Blick auf die Heldburg an einem Waldrand recht günstig im Windschatten aufgestellt. Frisch geerntete Nutzwiese. Zwei drei Hochsitze ringsum. Das macht mich stets ein bisschen nervös, fühle mich sozusagen placebobeäugt und rechne damit, dass mich nachts ein Jäger weckt oder ein Schuss oder ein Vieh. Obschon das bisher nie der Fall war. In jener Nacht höre ich nur das rhythmische Geklappere eines Wellblechdachs auf einem der Hochsitze. Ansonsten still. Guter Schlaf.

Morgens bin ich meist recht früh dran, sagen wir zwischen sechs und acht Uhr, fertig gepackt im Sattel und je nachdem, ob ich noch Notizen mache, dauert es auch mal etwas länger.

Nachvatertagsverschlafenes Städtchen Heldburg. Ich frage mich Richtung Könishofen durch, irre ein bisschen umher, bis mir eine Frau mit Hund, der mich während der Plauderei konsequent verbellt, den entscheidenden Hinweis gibt: Über Gellertshausen vorbei an einem Stausee bis nach Alsleben und zack. Gesagt getan. Einkauf im kleinen Dorfladen in Gellertshausen. Vier Männer hocken davor an einem Kaffeetischchen, fragen, woher, wohin, das Übliche und geben mir kleine Anekdoten zum Besten. Nämlich dass Gellertshausen in diesem Zipfel Thürgingens in Bayern die einzige Gemeinde ist, die keine Grenze zur Zonengrenze hatte und dass man in diesem Zipfel zu sagen pflegte, ringsum Westen, nur im Norden, da ist Osten.

Gen Alsfeld die Saalequelle. Genauer, die Quelle der Fränkischen Saale. Genauer, eine der beiden Quellen der Fränkischen Saale. Die andere ist ein paar Kilometer weiter nördlich. Gefasster Brunnen, aus dem das Wasser sich aus dem Boden zu drücken scheint, über einen Überlauf hinab plätschert und schon gleich ein kleines Bächlein bildet.

Wetter macht mir zu schaffen, sowie auch die inkonsequente Radwegesitution. Ich hätte gerne einen schönen Fernradweg, der mich zuverlässig voran bringt. Stattdessen hangele ich mich von Dorf zu Dorf. Ab und zu sind Großrichtungen ausgeschildert in dreißig Kilometer entfernte Orte. Mellrichstadt ist so einer. Da muss ich hin. Ist aber nicht immer auf den Schildern. Ich rate voran. Das Wetter wird übel. Gerade so schaffe ich es, vor einem Regenschauer, mich unters Vordach einer Leichenhalle zu retten. Herbstadt. Jackpot. Steckdose. Ich lade das Handy und schreibe einen Blogartikel. Kein Netz. Wind weht Regen herein. Nicht sehr gemütlich. In einer Regenpause radele ich weiter und zwei Dörfer später erwischt mich fast ein Wolkenbruch. Gerade so schaffe ich es unter ein Dach. Ratet. Das der Leichenhalle. Keine Steckdose, aber dafür Internet. Blogartikel hochladen, Regenschauer aussitzen, vierzehn Uhr, laut Wetterapp ist das Gröbste vorbei. Unterwegs hatte ich mehrfach zwei Wanderinnen überholt. Was wohl aus ihnen geworden ist, frage ich mich. Langsam und schutzlos bei dem Sauwetter.

Die App hatte mich angelogen. Kaum habe ich den Schutz der Leichenhalle verlassen, plätschert es ein finales Mal los. Nicht so schlimm, aber doch genug, um ordentlich nass zu werden. Verflixt.

Im nächsten Dorf treffe ich die beiden Wanderinnen wieder. Respekt. Die sind schnell, bzw. ich hab ja auch stundenlang getrödelt. Zwei Frauen, die auf Wallfahrt waren. Die Simmelshäuser Wallfahrt, meine ich mich zu erinnern, sagten sie. Sie spendieren mir eine Zigarette. Ein Mann, der zu einer Geburtstagsfeier möchte direkt gegenüber des Hüttchens, in das wir uns verzogen haben, gesellt sich zu uns. Peter, Bass-Sänger, leidenschaftlicher Wallfahrer, und so erhalte ich einen Crashkurs in Sachen Wallfahrt. Ich muss sagen, das klingt ganz faszinierend, was die drei mir erzählen. Peter geht noch schnell rüber zu seinem geburtstierenden Schwager und holt uns ein Bier und wie von Gotteshand reißt der Himmel auf, die Sonne trocknet und wärmt uns. Bier und Zigaretten. Das Über-die-Stränge-Schlagen des kleinen Mannes sozusagen.

Treu bleibt nur der Wind von vorne. Und Mellrichstadt, wo ich endlich wieder Lebensmittel kaufen kann und vergeblich versuche, bei einem Intersportladen eine lange Unterhose zu kaufen. Es gibt nur neumodernes Laufkundenzeugs, also Laufhosen für teuer Geld mit Schnickschnack und aus widerlichem Stoff, nichts, was man sich nachts im Schlafsack an die Beine tun würde.  Es soll kalt werden, sagt die Wetterapp, sechs Grad nachts. Versuchter Hosenkauf. Aber als Anklagepunkt vorm großen Reisegericht. Den angepeilten Campingplatz in Bischofheim in der Rhön schaffe ich nicht gegen den Wind. 17 Kilometer entfernt gebe ich mich geschlagen, zelte wild auf einer Wiese hinter einem Sägewerk.

Es ward kalt die Nacht. Verdammt kalt.

Unterwegs in Bayrisch Jütland – von Heinersdorf nach Heldburg #UmsLand/Bayern

Gestern. Vatertag. Auffahrt. Ein eher entspannter Tag. Nicht zu viele Höhenmeter. Von meiner Wildzeltwiese nahe Heinersdorf breche ich gegen neun Uhr auf, just als erste Grüppchen auf den Wegen sich versammeln, voranzuckeln mit Bollerwagen voller Kaltgetränke. Ich schaffe es gerade noch so, einer Gruppe junger Männer zu entfliehen. Aus früheren Vatertagserlebnissen weiß ich, dass es oft etwas kompliziert ist, einen solchen Knoten feuchtfröhlicher, singender, oft angetrunkener Menschen zu durchqueren. Meist wird man freundlich begröhlt und angefeuert, aber eben … Spaß geht anders und letztlich feiern sie sich ja doch nur selbst, auch wenn sie dich anfeuern.

Gen Coburg auf verschiedenen regionalen Radwegen. Die Zeit der großen Ferntrassen wie etwa Grünes Dach und Bodensee-Königssee sind vorbei. Hier gibt es nur noch klein-klein und regional. Läuft dennoch. In Mitwitz ein Fest. Das Gartenfest. Eintritt 12 Euro. Weit beworben auf Plakaten. Schon früh steuern Kolonnen von Autos und Motorrädern die Festwiese an.

Ein Spaziergänger flucht über den Wind. Gutso. Dann bilde ich mir das also nicht ein. Der Wind ist außergewöhnlich. Er nervt. Er kommt fast immer von vorne oder seitlich. Er kühlt mich aus. Er saust in den Ohren. Seit Tagen mit ein paar kurzen Flauten ab und an.

In Coburg staune ich über die üppige Architektur. Hohe Villendichte. Hohe Skulpturendichte, belebter Schlossplatz. Gesicht eines Mohrs im Profil im ‚guten alten‘  Kolonialstil auf den Kanaldeckeln. Da gab es vor einiger Zeit eine Diskussion, dieses kolonialistische Motiv abzuschaffen, erzählt mir ein junger Mann. Coburger Bratwurst kauend sitzen wir nebeneinander auf einer Bank auf dem Schlossplatz. Die winzige Wurstbude qualmt, als wäre ein Großbrand darin ausgebrochen. Ein Kombi fährt vor und liefert Kistenweise Brötchen und Wurst. Lange Schlange vor der Bude. Seit der junge Mann und ich unsere Wurst kauften (ohne Schlange zu stehen), sind stetig Leute nachgetröpfelt, kauften, bissen rein, aßen und nun ist der Andrang so groß, dass sich eine zehn Leute lange Schlange gebildet hat. Analog zum Wurstweckdesign, will ich mal sagen. Denn die Wurst ist ein etwa 20 cm langes gerades, verschmortes Ding, das rechts und links aus einem Kinderfaust großen Knollen Backwerk heraussteht. Ein Wunder der Statik, ich meine, dass die beiden Kragarme der Wurst nicht unter der eigenen Last abbrechen. Ich frage mich, wie viele Meter Wurst wohl an dem Tag aus der Bude kommen.

Raus aus Coburg durch nervige Radwegbaustellle immer wieder verirrt auf dem Rodach-Itzgrund-Radweg. Ein Wiesen- und Felderradweg, stelle ich fest durch hügeliges Land mehr oder weniger entlang einer Bahnlinie. Schön und nicht schön zugleich. Schön ist die Stille. Nicht schön die Kargheit, der wenige Input, die kaum vorhandenen Ruhebänkchen. Ein bisschen erinnert mich die Szene an Dänemark, wohl wegen der mächtigen Wolken und des Windes.

Hinter Bad Rodach ist doch tatsächlich schon ein Radweg nach Bad Königshofen ausgeschildert. 34 Kilometer. Ich muss wieder ein Stück durch Thüringen und dort, mittendrin, ich hatte ja Thüringen gelöscht in meiner Handy-App, stehe ich plötzlich ohne konkreten Hinweis auf Bad Königshofen da. Die Schilder kennen nur noch Orte im Landkreis Hildburgshausen. Dieses Kleinklein der Lokalradwegplanungsgenies, die nicht über den Tellerrand des eigenen Landkreises hinausdenken … ach je. Ich frage mich also durch, Datengeiz sei Dank. Ich könnte ja theoretisch die 200 MB große Thüringenkarte herunterladen. Dann würde aber womöglich mein Volumen nicht reichen bis zum Ende der Bayernrunde.

Fragen ist ja auch gut. Ein Mann erklärt mir den Weg, nicht den gewünschten, aber einen andern, nämlich dem Radweg nach Heldburg zu folgen und dann Richtung Königshofen. Ist sicher weiter, aber das Tälchen runter nach Heldburg ist so lieblich.

Schon recht spät fahre ich ohnehin nur noch ein paar Kilometer und finde eine schöne Wiese hinter einem umzäunten, ziemlich verbarrikadierten Gelände unterhalb Völkershausens. Blick auf die Heldburg. Super eben und frisch gemäht.

Die Prognosen einiger Twitternder über die Radwegesituation an Vatertagen bewahrheitet sich zum Glück nicht. Weder gibt es Glasbruch, noch werde ich von besoffenen Autofahrern gefährdet. Die Gröhlquote hielt sich auch in Grenzen. Die einzige Kuriosität ist ein Bollerwagen mitten auf der Straße, total vereinsamt. Eine Szene wie aus einem Western. Erst als ich daran vorbei rolle, sehe ich zwei rotköpfige Kerle auf der Wiese hinter dem Straßengraben liegen.