Von Jorditz nach Heinersdorf über den Rennsteig – #UmsLand/Bayern

Gut möglich, dass ich es auch dieses Mal nicht schaffe, die Runde um Bayern zu beenden. Ich bin total erschöpft. Nun müsste nur noch ein technisches Problem auftauchen oder eine massive Wetterverschlechterung und ich könnte mir vorstellen, beim nächsten Bahnhof abzubrechen. Es gibt zwei Arten des Scheiterns, wird mir heute Morgen klar. Das produktive Scheitern, wenn man sich danach wieder aufrappelt, den Staub aus den Klamotten klopft und weiter arbeitet an der Sache, bei der das Leben ins Ruckeln kam. Sowie das endgültige Scheitern, dann, wenn man alles hinschmeisst, den Rücken kehrt, abschließt.

Ich ahne, dass ich Bayern nie zu Ende umrunden werde, wenn ich es dieses Mal, vier Jahre nach der Reise auf dem ersten Abschnitt, nicht schaffe. Ich würde vermutlich nicht noch einmal hier herauf in den nördlichsten Zipfel ackern per Zug und Fahrrad. Zu fern die Sache, zu abgehackt, totgewürgt, so denke ich gestern Abend leichtfertig achja, wieder einmal scheitern, warum nicht, machste halt andermal weiter. Blauäugig das bis dahin noch nicht bestimmte endgültige Scheitern vor Augen.

Wieder habe ich mehr als 2000 Höhenmeter in den Beinen. Achtzig Kilometer geradelt seit Jorditz an der Saale. Bleiben Sie doch hier, sagte die Campingplatzbesitzerin, wir haben ein Fest am Vatertag, Geselligkeit, Jubel, Musik. Vierzig Jahre Holzhütte gibt es zu feiern und eben Vatertag. Zweifellos, ich sehe aus wie ein Tourist, bin es ja auch irgendwie, aber irgendwie auch nicht. Ich verkneife mir, zu sagen, ich arbeite hier, alles, was Sie ab jetzt sagen wird verbloggt.

Der Zeltplatz, rings um einen kleinen Weiher gebaut ist, einer der wenigen Plätze direkt an meiner Route. Zunächst hatte ich überlegt, noch weiter zu fahren, etwa 15 Kilometer Saale abwärts bis nach Blankenstein, wo es auch einen neuen Zeltplatz gäbe, verrieten mir meine beiden Radelkolleginnen, mit denen ich eine Weile gemeinsam radelte.

Was für ein Glück, dass ich das nicht tat. Der Saaleradweg ist alles andere als ein typischer Flussradweg. Bei einem Aussichtspunkt nahe Potiga bringt es ein wettergegerbter Tourenradler ironisch auf den Punkt: Flussradwege sind einfach deshalb so beliebt, weil es immer schööön flach verläuft. NICHT!

Ein elendes Auf und Ab, aber tolle Strecke, gute Beschilderung, liebliches Ländchen. Bei der Aussichtsplattform, die wie eine Kanzel weit übers Saaletal ragt, ruhe ich ein wenig. Ein radelndes Paar aus der Schweiz trudelt ein, eine Truppe aus etwa 15 jungen Menschen auf einer Art Schulausflug, vermute ich, die beiden Tourenradler, von denen der eine so ironisch übers Flussradwegen tönte. Sie wollen das Grüne Dach erradeln und in Tschechien ein wenig durch die Sumava, kennen die Strecke offenbar schon – ich verstehe in diesem lädierten, von bissigen Anstiegen seit Tagen geplagten Zustand nicht, wieso man das ein zweites mal macht! Wie masochistisch kann man denn sein.

Okay, Grünes Dach, Stille, kaum Menschen, das hat was. Wenn ich einmal alt und müde geworden bin, könnte ich mir vorstellen, beim Aussichtspunkt nahe Potiga zu sitzen, Radelnden aufzulauern, und ihre Geschichten aufzuschreiben. Velostationäres Radfahren sozusagen. Unterhalb des Aussichtspunkts sollte übrigens einmal ein Staudamm entstehen, was aber wegen Krieges scheiterte.

Bis Blankenstein radele ich an der Saale. NICHT! In einem Supermarkt namens Discord kaufe ich ein für die nächsten zwei Tage und schon stehe ich vor den großen Rs, die mal ins Pflaster eingelassen, meist aber auf Holztafeln den Rennsteig Wanderweg kennzeichnen. Und auch den Radweg, der sich in Teilen mit dem Wanderweg verwindet. Gleich zu Beginn ein Hinweisschild, sechs Prozent Steigung auf 3,2 Kilometern. Geht noch, denke ich und hoffe, oben verläufts dann flach.

Trugschluss. Es sind dieses Aufs und Abs, die einen als Radler so zermürben, gar nicht so steil, aber alle zehn Minuten wieder einen kleinen Vierprozenter hochächzen, vermiest das Radelerlebnis. Zudem garstig kalter Gegenwind. Vierzig Kilometer weit über Waldwege und Landstraßen auf etwa sechs, siebenhundert Metern Höhe. Auch nicht besonders spektakulär. Ich verstehe die zig Wanderer und Wanderinnen nicht, die mir entgegen kommen. Ist der Wanderweg hoffentlich jenseits der mit dem Radweg gebündelten Abschnitte schön? Die Strecke auf dem Rennsteig verläuft meist außerbayerisch in Thüringen.

Bei einem Dorf, dessen Name ich nicht recherchieren kann, weil ich zwischendurch versehentlich den Thüringenteil in meiner App gelöscht habe, gibt es ein Moosdorf mitten im Wald. Viele kleine Wichtelhäuschen auf ein paarhundert Quadratmetern verstreut. Eine alte Tradition, die irgendwann vor vielen Jahren die Schulkinder begonnen haben, erzählt mir ein alter Mann mit trägem Hund. Mittlerweile kommen die Menschen sogar mit Bussen her, um das Moosdorf zu sehen. Und das Rennsteighaus, das im Ort als Museum errichtet wurde.

Rüber nach Lehesten vorbei an einem Aussichtsturm, zu dem ich zum Glück nicht hochächzen muss, weil er laut Hinweistafel geschlossen ist. Alles Schiefer in dieser Gegend. Die Mauern, die Hausfassaden, die Dächer. Glänzendes Schwarz wo auch immer Menschen sich ansiedelten. Gleich hinter Lehesten eine hohe Abraumhalde auf dem Weg zum Freilichtmuseum des ehemaligen Schieferbergbaus. Dort: Hotel, Gästehaus, viele Maschinen, Spalthalle, in der das Endprodukt behauen wurde. Ein Musterdörfchen aus winzigen Modellhäuschen, erbaut durch die Lehenster Dachdecker, und ein gigantisches Loch, das durch den Abbau entstand und in dem sich nun ein idyllischer See gebildet hat.

Vierzig Kilometer Thüringen auf dem Weg rund um Bayern neigen sich bei Klein Tettau dem Ende. Kuriose Grenzgeschichte gibt es zu dem Ort. Viele Infotafeln, ich werds später genauer recherchieren. Der Tettauer Zipfel war bis in die 1970er Jahre ein Kuriosum der Grenzgebung. Drei Häuser standen in der Todeszone des Eisernen Vorhangs, gehörten offiziell zur DDR, waren aber bewohnt und dem Westen zugehörig, bis sie nach einem Gebietskauf oder Tausch offiziell zur BRD kamen.

Solche Grenzabsurditäten erlebte ich auch bei der Umrundung von Rheinland-Pfalz. Jene Gaststätte, durch die angeblich mitten im Gastraum die Grenze verlief zwischen Deutschland und Belgien.

Ich verstehe es manchmal nicht, wie sich Menschen so kleinkariert an Grenzen abarbeiten, nein, ich verstehe es doch, schließlich bin ich Mensch, ticke wie ein Mensch und habe Grenzziehungen mit der Muttermilch aufgesaugt, wie jeder Mensch. Aburd finde ich es? Trifft es das?

Der Tettauer Zipfel ist auf den Radwegen mittels Pflastersteinlinien markiert. Endlich abwärts rollend, den Rennsteig hinter mir lassend, überquere ich die Grenze zwischen Thüringen und Bayern mehrfach. Fast wie beim Blinde Kuh-Spiel weiß ich am Ende nicht, wo ich bin.

Nun schon wieder im Tal nahe Heinersdorf schreibe ich diese Zeilen. Tropenhaus gabs unterwegs zu sehen, nach 18 Uhr schon zu. Die Wärme hätte ich gestern gut brauchen können. In Heinersdorf erfrage ich Wasser bei einer jungen Frau in ihrem Vorgarten. Darfs sonst noch was sein? Kasten Bier, denke ich, nein, nichts, sage ich. Jenseits des Dorfs eine Wiese am Radweg neben einem Gehöft, ich fragte die Besitzerin um Erlaubnis, was es mit dem Wildzelten etwas entspannter macht. Obschon hier wohl niemand etwas sagen würde.

Und nun? Gescheitert oder nicht, Herr Irgendlink?  Schaun wir mal. Weiter gehts. Der Tag ist jung. Es regnet nicht. Radel und Köprer sind fit und gebloggt wäre hiermit auch schon. Tag zehn der Reise kann kommen. Bitte keine Anstiege! (Featuring träum weiter, du naiver Trottel).

Eine Art Ruhetag in der heimeligen Wiege des Sattels – von Hohenberg/Eger nach Joditz/Saale #UmsLand/Bayern

Zwei Tage mit halber Kraft. Der vorgestrige mit echter halber Kraf, der gestrige mit bewusst eingesetzter halber Kraft. Wobei mich der Gedanke reizt: vom Einsetzen nicht vorhandener Kräfte, was zwar ein bisschen hanebüchen scheinen mag, dennoch, ich stelle es mir ein bisschen vor wie Judo. Der Ogoschi des feinen Radreisens sozusagen. Es gibt ja keine Nichtkräfte, sondern nur Kräfte, die sich gegen einen richten oder die mit einem sind oder die an einem vorbei Kraft ausüben oder die irgendwo da draußen sind und keiner nimmt sie wahr und dennoch sind sie da und wirken. Vermutlich die Mehrheit aller Kräfte, sowohl physisch, als auch psychisch …

… als Reiseradler habe ich es mit Bergen, Wind, sowie etwas abstrakter mit Regen und allegemeinem Unwohl- oder Wohlsein zu tun, wobei die genannten Kräfte, wie man am Beispiel Wohl- oder Unwohlsein sieht aus ihren Gegenteilen bestehen. Bergauf gleicht aus bergab. Gegenwind gleicht aus Rückenwind. Hinter allem Unwohlsein wartet stets das Wohlsein.

Idealerweise, schreit mein innerer Buddhist, würden die Kräfte sich gegeneinander aufheben und man wäre nie losgefahren, sondern brav in seinem heimischen Kontinuum verharrt. Okay, auch das ist hanebüchen. Es ist vielleicht ein Träumchen vom Seelenheil oder vom Heilsein, in dem alles zum Stillstand gekommen ist, man selbst wie die Welt, eine Rückkehr zu einem mutmaßlichen Beginn allen Seins. Und was weiß denn ich von buddhistischer Lehre, plappere stattdessen solches Zeug vor mich hin.

Früher Morgen Frösche quaken im Auenweiher, der mittem im Campingplatz von Joditz liegt. Ein vielleicht hundert Meter durchmessendes Wässerchen mit einer Insel, auf das man mittels einen Floßes gelangen kann, welches per Seilzug bedient wird. Kinder und Jugendliche haben ihren Heidenspaß dabei, das Floß, das wie eine bewegliche Inselfestung zwischen den Ufern schwimmt zu benutzen. Gestern abend saßen zwei Mädchen stundenlang darauf, kichernd, plaudernd. Danach eine junge Familie, wobei die beiden vier bis sechsjährigen Sprößlinge jede Mühe hatten, das träge Ding zu bewegen. Das Floß lässt nur zwei Richungen zu, da es an einem Seil durch Ösen geführt wird. Ein tolles Kraftbild, denke ich. Es geht entweder vor oder zurück. Das Ufer die Geburt, die Insel der Tod, hanebücht mein Hirn. Egal, nettes Bild. Man schuftet sich rüber und kann auch wieder zurück. Das ist im Leben natürlich nicht möglich. Vermutlich.

Meine Begegnung an der Salzach kommt mir in den Sinn, mit dem Mann, der ein Pferd war und der von sich sagte, ich war einmal Buddhist. Ich war! Woher wusste er, dass er einst ein Pferd war? Wieso weiß ich nicht, dass ich einmal etwas anderes war, eine Schnecke, ein Huhn oder eine Katze? Wieso sprach er von sich als Buddhist in der Vergangenheitsform?

Man kann wohl vom Buddhismus abfallen wie von jeder anderen Religion.

Die vorgestrige Strecke bis Hohenberg also mit halber oder noch weniger Kraft, weil der Körper nach sieben Tagen auf dem Fahrrad eben total erschöpft und ausgelaugt ist. Die gestrige von Hohenberg über Hof nach Joditz mit bewusst nur halber Kraft, um so eine Art Ruhetag in der heimeligen Wiege des Sattels zu simulieren. Die Anstiege auf den letzten Kilometern des nördlichen  Grünes Dach Radwegs (GDR) sind nicht mehr ganz so streng wie die dreihundert Kilometer davor. Man radelt durch eine oder mehrere jener Wie-Landschaften, die man sich zuvor im Leben anderswo erschuftet hat.

Hier sieht es aus wie auf dem Selztalradweg. Donnersberg voraus, denke ich. Später eine Art Moor, wie jüngst in Arrach. Ewiger Nadelwald wie Schwarzwald und viel Schweden ist dabei. In Nentschau endet der GDR. Ein sehr treffender, stiller End- bzw. Anfangspunkt. Weiter gehts auf dem Vogtlandradweg und der Radroute Hof 10, zunächst in die falsche Richtung. Erst beim Grenzöffnungsdenkmal hinter Nentschau merke ich, dass ich nach Sachsen oder Thüringen unterwegs bin. Hatte ich erwähnt, dass ich mich auf jeder Radtour etwa zehn Prozent der bereisten Strecke verirre?

Vogtland und Hof 10 verdient den Status Radweg eigentlich nicht. Zu viele Kilometer nahe Vierschau verlaufen auf einer zwar ruhigen, aber bissigen und schnell befahrenen Landstraße. Es macht einfach keinen Spaß, sich ständig nach Mitmenschen umzuschauen, die mal eben schnell ans Handy gehen bei hundert Sachen.

Eine Feuerwehr unterwegs. Ich frage nach Wasser. Feuerwehr hat immer Wasser für Radlers. Ab Hof auf dem Saaleradweg. Ich hatte ihn nicht mehr im Sinn. Es ist zu lange her, dass ich die Radroute plante. Wenn ich früher dran gewesen wäre, hätte ich einen Abstecher nach Schwarzenbach ins Comic-Museum machen können. Nur neun Kilometer in die andere Richtung. Man hätte mir die Tür vor der Nase zugemacht.

Also auf durch Hof, entlang nerviger Feierabendverkehrsstraße, zwar auf separatem Radweg direkt am Fluß. Nach der Stille des Grünen Dachs tut jedes Geräusch weh, das nicht natürlich ist. Das Grüne Dach, so könnte man sagen, sensibilisiert für Stille, rekalibriert den aus den Fugen geratenen, pervertiert in Hektik Lebenden. Eine Kraft? Vermutlich ja.

Also schnell durch Hof durch. Einkäufe hatte ich klugerweise schon in Nentschau in einer kleinen Bäckerei erledigt, inklusive Milch aus dem Automaten.

Hinter Hof zwei Radwegumleitungen. Über Holperpfade. Mit ultrasteilen Steigungen und abartigen Gefällstrecken. Durch Wald auf Kieswegen. Wie um dem Grünes-Dach-Radelnden den kalten Entzug zu verhindern.

Unterwegs treffe ich erstmals wieder auf andere Radelnde. Zwei Frauen aus Leipzig auf dem Weg Saale abwärts. Die mir den Campingplatz verraten. Joditz im Auland, wo man darauf schwört, dass Paris, Venedig und wie sie alle heißen so weit weg sind und es hier doch auch schön ist.
Stimmt.

Eine Einheit aus Körper, Geist, Kunst, sich treiben lassen und dem zu bezwingenden Weg – von Bärnau nach Hohenberg auf dem ‚Grünen Dach‘ #UmsLand/Bayern

Bitterböser Ostwind macht das Leben kalt. Zudem zerrt er dermaßen am Zelt, dass an Nachtschlaf ‚en Bloc‘ nicht zu denken ist. Von Nachtschlaf konnte ich in der vorgestrigen Nacht nur träumen – haha. Erwache gerädert gegen fünf halb sechs. Die Wetterapp prognostiziert für die Gegend um Bärnau an der Waldnaab Gewitter ab dem späten Nachmittag. Wind mit zweistelligen Werten. Ich weiß übrigens nicht, welche Einheit die Wetterapp für die Windwerte nutzt. Meter pro Sekunde, Kilometer pro Stunde, sonst irgendwas pro etwas anderem? Zum Ausrechnen bin ich zu faul. 19 Etwasse pro Etwas oder höher ist jedenfalls aus radlerischer Sicht schon recht viel. Macht das Radeln nur bei Rückenwind erträglich und bei allen anderen Werten hat man ein Dauersausen im Ohr.

Ungefrühstückt breche ich auf und kurbele erst einmal vier Kilometer bergauf, bis mir warm wird. Noch so ein Manko des Winds. Er kühlt dich aus.

Der gestrige siebte Reisetag zeigt mir deutlich eine Grenzen, bzw. meinem Körper. Der Geist hat es noch nicht so ganz begriffen und treibt die Kunstbübchenmaschinerie an. Ein Ruhetag wäre nicht schlecht. Es ist jedoch so, dass dieses Projekt, um Bayern zu radeln, nun schon den dritten Anlauf hat. Nach 2018 und 2019. Noch Anfang des Jahres hatte ich das Projekt für tot erklärt, konnte mir nicht vorstellen, je wieder einzusteigen in die Tour, doch nun bin ich höchst zufrieden, dass ich es doch noch einmal angegangen bin. Der weite Weg von der Pfalz per Zug. Ein Graus. Der ‚Zipfel‘ zum Königsee bei bestem Hochsommerwetter, eine anstrengende Radlerlust. Ich bin froh, dass ich die Scharte des ausgeklammerten ‚Zipfels‘ die 2019 wegen Mieswetters entstand, noch auswetzen konnte.

Und nun wieder voll auf Kurs. Ich treibe mich deshalb so an, weil ich ahne, dass ich das Projekt nicht zu Ende bringen würde, wenn ich noch einmal unterbrechen müsste. Bis vierten Juni habe ich Zeit. Bin nun wieder voll in meinem alten Tourplan (Link), habe noch zehn oder zwölf Tage zu radeln bis Ochsenfurt und Osterburken, wo ich die Runde mit einem S1-Beam, der längsten S-Bahnlinie Deutschlands, beenden will. Hoffentlich rauschen die S-Bahnen noch wie 2019 ohne Umstieg durch bis Homburg/Saar.

Wie auch immer. Ich stehe in einem Dilemma, bin guter Dinge zugleich, da ich noch nicht in Zeitnot bin, drücke dennoch auf die Tube und halte mich hart an der Kandarre mit schreiben. Denn das Projekt ist ja nicht nur eitel Radelschein, sondern eine Einheit aus Körper, Geist, Kunst, sich treiben lassen und dem zu bezwingenden Weg.

Der Weg stellt sich heraus als derzeit Bayerns steilster Fernradweg, recherchiere ich gestern auf einer Webseite. Mit 7000 Höhenmetern übertrifft das etwa 350 Kilometer lange Grüne Dach noch den berühmten Radweg Bodensee-Königsee, lese ich. Es gibt organisierte Touren von Hotel zu Hotel für nur drei-, vierhundert Euro. Und ich Trottel radele mit dem Biobike ohne Motor. Für ein paar Dollar mehr hätte ich das E-Bike nehmen können. Scherz beiseite. Natürlich muss ich meinen Weg gehen. Und der Künstler muss sich der Mittel bedienen, die ihm gerade zur Verfügung stehen, statt auf Idealbedingungen zu warten. Dann wird es nichts.

Drücke also auf die Tube bei gleichzeitiger Schreibdisziplin. Gestern musste ich mich zwingen, auf einem Bänkchen hockend in einem kleinen Weiler, eine Stunde zu texten. Da kommt der Profi in mir durch, der schon zu oft erlebt hat, dass ein Blogbeitrag, der das Tagesgeschehen erzählen soll, nur dann geschrieben wird, wenn man sich auch hin setzt und dies tut. Komische Formulierung. Egal. Im Nacken sitzen mir die begrenzte Zeit für die Tour. Die Unkalkulierbarkeit des Wegs und das Wetter. Wobei ich kaum noch Vertrauen habe in Wettervorhersagen, da sie in diesem unterschwellig reißerischen Ton der Vermarktung verfasst sind und somit auch bis zu einem gewissen Grad hysterisierend, statt informierend wirken.

Nur wenige Kilometer weiter nördlich meines Nachtplatzes lässt der Wind eigenartigerweise nach, entwickelt sich der Tag, komme ich voran, auch wenn es weh tut. Immer wieder auf und ab und die Aufs sind in diesem grunderschöpften Zustand kaum noch zu ertragen. Schon kleinste Steigungen zwingen mich in die unteren Gänge. Auf einem schnurgeraden Waldweg keuche ich Richtung Arzberg, eine grüne Schlucht zwischen Fichten oder Tannen, auf jeden Fall sehr dominanten hohen Nadelbäumen, die allenfalls ein paar Ebereschen, einige Krüppelbuchen und altersschwache Birrken unter sich dulden. Der Weg ist steil. Ich messe nicht. Ein Kilometer? Es gibt nur noch den ersten Gang. Schau nicht nach vorne, sage ich mir immer wieder und ertappe mich, es doch zu tun. Schau nicht nach unten auf den Tacho, sage ich mir und tue es doch ab und zu. Am besten anzuschauen ist ein Punkt über dem Lenker auf ein paar Meter unmittelbar bevorstehender Waldwegstücke. Kiesel zählen, die Form des Schotters bestimmen. Oktagone, Hexagone und Fraktale, bloß kein Horizont, bloß kein Tacho.

Arzberg liegt an einem Fluß. Der Radweg folgt dem Fluss. Wie der Fluss heißt, muss ich noch recherchieren. Ich bin froh, dass er da ist. Vielleicht Eger, vielleicht auch nicht. Komme bis Hohenberg an der Eger, stets in Nähe der tschechichen Grenze. Unendlich müde erreiche ich eine Quelle namens Charlottenquelle, aus der sulfatiertes oder vereisentes Wasser sprudelt, leicht kohlensäurig sprudelnd. Das Brunnebecken ist rostrot. Vier Kinder trinken und bespritzen sich mit dem Wasser. Ich fülle die Flaschen, rauf nach Hohenberg le Nachmittagsstill. Die Burg ist wegen Baustelle nicht zu besichtigen. Also weiter auf dem ‚Grünen Dach‘. Jenseits der Stadt schlafe ich auf einer Bank ein. Erwache, die Turmuhr schlägt sechs, will weiter. Regen droht. Ich bin sooo müde. radele ein paarhundert Meter bis der Radweg zu steigen beginnt, nicht viel, besinne mich, kehre um und baue das Zelt auf einem Holzlagerplatz auf direkt neben einem großen offenen Schuppen. Der Körper hat gesprochen. Und die Vernunft ist sich mit ihm eing: sollten die prognostizierten Gewitter in der Nacht kommen, kann ich vom Zelt in den Schuppen umziehen, falls es gar zu arg wird.

Die Bestie Mensch – von Breitenried nach Bärnau #UmsLand/Bayern

Unkorrigiert (ich muss mich ein wenig sputen, um nicht in Gewitter zu geraten, die man für den Nachmittag voraus sagte)

Irgendwas war auf den Anhänger zu laden, schwer, von A nach B zu transportieren. Ich meine Betonbrocken. Weshalb ich am wuchernden Feigenbaum einen Ast absägte, um mit dem alten Traktor und dem Anhänger zu Baustelle fahren zu können. Außerdem stand ein lange im Gras stehender, schon sehr von Grünzeug umrankter alter Heizpilz im Weg. Ich zerrte ihn aus dem Gestrüpp. Unter dem Ding hatte sich ein Tigerschnegel eingenistet. Eine ziemlich große, lange, gestreifte Schnecke. Ich bewunderte das Tier eine Weile, ehe ich es auf die Seite setzte, damit ich es mit dem Traktor nicht zerquetsche.

Dass ich das Haus des Tiers zerstört habe und womöglich sein Gelege und vermutlich noch etliche andere winzige Tiere, Spinnen, Ameisen, alles was kreucht und fleucht, heimatlos gemacht oder getötet habe, wird mir erst jetzt, Wochen später bewusst. Zudem der verstümmelte Feigenbaum. Was gibt einem Lebewesen wie mir Mensch das Recht, andere Lebewesen zu opfern, nur, um bequem arbeiten zu können und sich sein klein Häuschen gemütlich einzurichten?

Weil ich es kann. Weil ich nicht tief genug denke. Weil der Anblick einer aufgeräumten, kalten, sauberen, unnatürlichen Fläche Eigentums einfach unbezahlbar fein ist … so lange man nicht über das damit einhergehende Zerstörungswerk in den Welten anderer, eigentlich gleiberechtigt sein sollender Lebewesen herumpfuscht.

Der gestrige Reisetag von Breitenried bei Treffelstein bis nach Bärnau an der Waldnaab offenbarte mir, warum der Radweg, dem ich seit Bayrisch Eisenstein folge, Grünes Dach genannt wird. Die Gegend ist grün, bewaldet zumeist, die Zweige der Bäume sehen aus wie ein Dach und die Schräge der Wege fühlen sich an wie ein Dach. Steil. Abschüssig. Ich keuche. ich ächtze und bin dabei meist allein im Wald, auf recht guten Forstwegen. Die Beschilderung ist atemberaubend gut. Der Radweg Grünes Dach windet sich mit anderen Radwegen wie ein Nervengeflecht, geradezu vagusnervesk durch die Lande und die Steigungen sind erstmals wieder so happig, dass ich schieben muss irgendwo jenseits von Pleystein. Doch zunächst folgt der Radweg einer alten Bahntrasse. Etwa ab dem recht bekannten Grenzübergang Waidhaus radelt man gemütlich auf sandigen alten Bahndämmen über Bahnbrückchen durch das gewellte Land. Viele Feiertagsradeler auf Ebikes unterwegs. Der Weg ist ein echter Wohlfühlradweg, hätte ich in der gegend gar nicht vermutet. Ich freue mich jedoch nur kurz, bis im Hirn alle möglichen Puzzleteile an die richtige Stelle fallen und ich den Ortsnamen Flossenbürg auf einem Verkehrsschild lese. da will ich hin. Da möchte ich mir die KZ-Gedenkstätte ansehen. Flossenbürg als Name ist in meinem Hirn direkt verknüpft mit KZ. An dem Ort, so schön er heute sein mag, klebt eine dreckige Vergangenheit. Ein paar Synapsen weiter ist Eisenbahn verknüpft mit Viehwagen voller Menschen verknüpft mit KZs verknüpft mit mord, Blut, Gewalt, Folter, Niedertracht, Bürokratie, Versagen als Mensch in einer Verwaltungsmaschine, warum hast du dich nicht aufgelehnt, Großvater … der Radweg auf der alten Bahntrasse führte womöglich nach Flossenbürg und es wurden tausende Menschen auf ihm in den Tod verfrachtet. Vielleicht führt er auch woanders hin, versuche ich mich zu beruhigen, aber das tut dem Bild, das sich etabliert hat, keinen Abbruch. Ab jetzt bin ich im Sog des KZs vor achtzig Jahren.

In Pleyenstein zweigt meine Route ab von der Bahnlinie. Ich folge den GDR und den Iron Curtain Fernradwegen, die deckungsgleich verlaufen. Ein Radler, mit dem ich mich unterwegs ein bisschen unterhalte, erzählt mir von dem Campingplatz in Flossenbürg, ein Gasthof gäbs da auch und, nuja, ich beschließe, dort als Tagesziel einzutrudeln und mir am nächsten Tag die Gedenkstätte anzuschauen. Die meisten Menschen meiner Generation hatten ja zu Schulzeiten einen Besuch in einer KZ Gedenkstätte. Ich nicht.

Düstere Gedanken durch den stillen Wald, immer aufwärts, hie und da schiebend, Flossenbürg ist nicht mehr ausgeschildert. Wer will auch schon den namen lesen auf einem touristischen Schild, unke ich, aber mit meiner Wegführung stimmt etwas nicht. Ich bin auf über 800 Metern Höhe, stets dem Hinweis Fernradweg gefolgt. Doch der steht nur für den Iron Curtain, womöglich. Wie auch immer. Bei einem Ort im Wald namens Silberhütte kann ich endlich wieder Richtung Flossenbürg. Wenn ich will. Der Grünes Dach kommt von unten. Ich müsste runter und dann wieder hierher zurück. Kein Radler gibt gerne Höhe Preis. Möge der Caampingplatz und das Gasthaus noch so sehr verlocken. In die andere Richtung sind es nur noch 1,6 Kilometer bis zur Quelle der Waldnaab. So keuche ich über übelste Singletrails, die man normalerweise mit Lust als Mountainbiker fährt, hinauf zum lieblichen Quellchen im Grenzgebiet zwischen Tschechien und Deutschland. Der Singletrail führt ein zwei Kilometer weit voller Wurzeln und Geröll, kaum fahrbar, womöglich ein radverkehrstechnisches Nondominium, ein Gebiet zwischen den Ländern, für das niemand zuständig ist.

Später gehts abwärts, zum Glück. Ich bin nach achtzig Kilometern so erschöpft, dass ich schon bei 2 Prozent Steigung in den ersten Gang muss. Hier oben aber ists mir zu kalt und in meinem Innern wirkt ja noch die Horrorvorstellung von der Bestie Mensch, die ihr Erbe grundsätzlich unvollständig antritt, nur die schwarzen Zahlen als Erbe sieht, nicht aber die roten, die mit dem Blut der Schuld geschrieben wurden. Seien es die  gut sichtbaren Gräuel der Vergangenheit, oder die viel abstrakteren alltäglichen Erbschaften, in denen man geddankenlos antritt und dabei den Tigerschnegel obdachlos macht.

Dieser Artikel ist leider nur ganz grob skizziert. Ich kann die Brücke zwischen dem Tigerschnegel und der Bahnlinie zwar ahnen, aber noch nicht ganz zu Ende schreiben. Muss noch nachdenken. es ist eine Baustelle für das Buch UmsLand, das ich nach der Reise plane. Ich werde den Artikel vermutlich dennoch als Skizze ins Blog stellen. Geschrieben in Platzermühle.

Der höchste Dan der Verwieung – von Lam nach Treffelstein #UmsLand/Bayern

Die ‚VerWIEung‘ der Welt mit zunehmendem Lebenslauf steht mir im Sinn am Morgen nach dem Gewitter in Lam. Die Nacht war WIE eine Nacht vor vielen Jahren auf einem Zeltplatz auf Norddeich, erinnere ich mich. Freund Ray und ich durften unsere Zelte in einem Festzelt aufbauen. Ich weiß zwar nicht, ob auch in der damaligen Situation, die sich ein bisschen ähnelte mit der jetzigen, auch Regen runter ging, die Kongruenz Zelt in Zelt war jedenfalls da.

Frau SoSo und ich scherzen oft, Gegenden durchquerend, da siehts ja aus wie im Berner Oberland. Ein running Gag, zweifellos. Es ist nunmal so, dass die zunehmende Lebenserfahrung abnehmend Neues mit sich bringt, dass sich Situationen wiederholen, man sich an Ähnliches erinnert, dass einem Menschen begegnen, die anderen Menschen ähneln, die man mal kannte, dass ein Gericht dieses Namens in der Gegend einem Gericht anderen Namens in jener Gegend in der Rezeptur verdammt ähnlich ist und so weiter und so fort.

Die Gegend um Lam erinnert zunächst an den Schwarzwald, später finde ich mich auf kargen Höhen wieder, die der heimischen Sickinger Höhe ähneln, ein bisscchen Cevennen hier, ein bisschen ‚Weites Grünes Land‘ da. Das ist der Werbeslogan des Donnersbergkreises in der Pfalz.

Was Deutschland oder Europa betrifft, habe ich wohl einen hohen Grad der VerWIEung erreicht, was aber der Lebensfreude und der Freude am Radeln keinen Abbruch tut. Zum Glück. Einziger Wermutstropfen ist, dass das Gefühl des ersten Mals nahezu abhanden gekommen ist. Das ist nämlich ein ganz besonderes Gefühl, das sich zwischen einer gewissen Unruhe ob des gerade stattfindenden Unbekannten (wird die Situation gut oder schlecht) und dem, den inneren Abenteurer herausfordernden, Gefühl, gerade etwas nie Dagewesenes zu erleben, ansiedelt.

Tendenziell radele ich den gestrigen Tag abwärts, folge dem Weißen Regen bis zu seiner Mündung in den Regen – ich nenne ihn den Regen ohne Eigenschaften, frei nach Musil, alle anderen Regen sind schwarz, groß und weiß.

Auf dem Regen reger Kanubetrieb. Paddelklatschgeräusche und das hohle Rumpeln der Bootskörper, während ich nahe Mitlach eine Mittagspause im Kies liegend mache und vor mich hin döse. Der Fluss stinkt. Schöne Steinensembles zieren das Gewässer. Gut ausgebauter Flussradweg und ziemlich gute Beschilderung. Ich folge stets dem Radweg Grünes Dach, dessen Symbol stilisierten Fichtenzweigen ähnelt, die wie ein Dach ausschauen.

Ein Manko gibts immer. Gegenwind. Den ganzen Tag lang bei meist strahlender Sonne, weshalb der Zentimeter Haut, der zwischen der kürzeren neuen Radelhose und der alten frei liegt, unbemerkt verbrennt. Ich friere und schwitze zugleich. Eine seltsame Wetterlage, bei der man nie genau weiß, was man anziehen soll. Das Dauerrauschen des Winds in den Ohren stört mich mehr, als das langsame Vorankommen.

Es ist faszinierend, wie das eigene Befinden, durch Kleinigkeiten beeinflusst, größere Läufe verändert. Demut hilft mir, an dem Tag dennoch gut voranzukommen. In Cham drei Pubertierende, die gröhlend über eine der vielen Brücken laufen. Eigentlich müsste ich auch da lang, um in der Stadt eine Einkaufsmöglichkeit zu finden. Samstag Nachmittag. Das Bubengegröhle ist einer jener winzigen Stachel, die den Lauf ändern, mich veranlasst, stupid den Radwegschildern zu folgen rings um die Stadt, statt mittendurch. Draußen nur Brückchen. Keine Lädchen. Eine merkwürdige Stadt. So viele Brücken im flachen Land aus Wiesen und einem chaotischen Gewusel aus Gewässern. Ein Fluss heißt glaube ich Cham, wie die Stadt, alle anderen sind wohl Regens verschiedener Eigenschaften.

Durch die Hintertür, ein rotes Stadttor, komme ich doch noch ins Städtchen, schaue, treibe, fotografiere, finde einen noch offenen Laden, kaufe ein. Den Buben begegne ich auch wieder. Sie haben sich beruhigt. Ich habe mich beruhigt.

Raus aus der Stadt wie irgendwo im Elsass auf die Nacht zuradeln wie irgendwo am Niederrhein und nicht zu wissen, wohin mit sich, dem Zelt wie schon so oft. Der Einkauf war so klug, so wichtig. Kilometerweit hinter Cham keine Läden mehr in Sicht, noch nicht einmal Automaten oder Hofkühlschränke.

Ich friere, stelle ich bei sinkender Sonne fest. Der Wind hat mich ausgelaugt. Hinter Treffelstein baue ich das Zelt auf einer Wiese auf, ganz schamlos neben einer alten Scheune.

Über 90 Kilometer stehen auf dem Tacho, die ich dem heimischen Stadtradeln gutschreibe.