Wurmloch ins Saarland – von Bronnacker über Osterburken nach Seckach #UmsLand/Bayern

Habe ich etwas gespürt, als ich mich Tauberrettersheim näherte? Glück? Erleichterung? Stolz? Müdigkeit? Erschöpfung? Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, die kitzelnden Gefühle unter der Schädeldecke zu identifizieren, zu benennen. Das war in den fünfzig Jahren zuvor nicht so. Äußere Reize kann ich mittlerweile ganz genau im Kopf lokalisieren als ein kitzelndes Etwas, das je nach Bereich im Kopf, Wohlgefühl oder Unbehagen auslöst. Angst, Zweifel, Lust und Freude, reduzieren wir es doch einfach auf zwei Zustände, gut und schlecht, die sich im Kopf abspielen und die Nervenbahnen hinunter in den Körper, bzw. hinauf in den Kopf funken. Eine Art Ganzheit des Körpers, rational betrachtet von einem im Sattel bergauf bergab wiegenden Lebewesen, das sich per Muskelkraft entlang von Menschen für Menschen definierter Grenzlinien bewegt und versucht, etwas über das umradelte Gebilde herauszufinden.

Richtung Bronnacker zu meinem gestrigen Übernachtungsplatz, hatte ich Bayern schon längst verlassen, kurbelte seit zwanzig dreißig Kilometern jenseits der Grenze auf das Wurmloch namens Osterburken hinzu. In Bad Mergentheim beging ich den Fehler, den Flussradweg entlang der Tauber zu verlassen um einer zehn fünfzehn Kilometer kürzeren Strecke direkt nach Boxberg zu folgen. Hast du denn nichts gelernt, Herr Irgendlink in all den Lebensjahrzehnten? Gemeinsam mit Schulfreund I. plante ich vor 35 Jahren eine Autofahrt nach Spanien. Indem wir eine gerade Linie auf der Landkarte zogen, gerieten wir, es war eines Winters, in einen veritablen Schneesturm im Zentralmassiv weit abseits der Rhônestrecke.

Den Radwegen folgend bis Lauda-Königshofen entlang der Tauber, dann dem Bach Umpfer folgend bis nach Boxberg, hätte mir fünf Kilometer schnell befahrene Landstraße über zwei zackige Kuppen erspart.

Hinterher weiß man es.

Ich schlief prima auf dem feinen Wieslein im Garten mit den uralten riesigen Apfelbäumen meines Gastgebers C. Am Abend hatte er mich, mit den Armen winkend ins Areal dirigiert und mich vor dem Rasenmähroboter gewarnt. Jenseits dieser Linie kannst du das Zelt aufbauen. Davor ist Rasenmäherland. Ich verstand das wie ‚Todeszone‘. Bloß nicht da, sonst kommt er nachts und frisst dich. Vermutlich ist es aber die Sorge, ich könnte mit den Heringen die verlegten elektromagnetischen Schleifen unter der Grasnarbe verletzen. Jenseits dieser Linie und ein Meter fünfzig vom Rand des Gartens solle ich das Zelt nicht aufbauen. Da hatte ich aber längst mein Plätzchen auserkoren zwischen zwei uralten, hohen Apfelbäumen mit Blick übers weite Land südwärts. Man könne fünfzig Kilometer weit schauen bis nach Waldenburg, erklärte C. Das ist nicht weit von Schwäbisch Hall entfernt.

Grenzen. Orte, die man nicht kennt, die man sich erradelt, die somit erst Gestalt annehmen. So war es mit Burghausen.Vor knapp zwei Wochen. Bevor ich in die auf einem beburgten, Kilometer langen Felsen an der Salzach liegende Stadt kam, war sie nur einer jener vielen Namen, die mit einem Punkt auf der Landkarte markiert sind. Erst als ich die steile Straße zur Burg hinauf schwitzte wurde der Ort überhaupt wahr. Ich blickte eher zufällig über die Schulter, sollte man öfter mal machen, macht man viel zu selten, und erspähte zwischen Bäumen einen Blick runter zur Salzach, die sich nahe Burghausen ihr Bett tief in den bröseligen Fels gefressen hatte. Sieht fast ein bisschen aus wie Illerdurchbruch, dachte ich. Mein Gott, vier Jahre ist das nun schon her. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so sehr an einem Projekt festbeißen kann.

Wenn ich eine gute Eigenschaft habe, dann ist es wohl die Ausdauer. Langsam bin ich. Manchmal etwas faul, aber ich lasse selten los, wenn ich etwas erreichen will. Nur so gelang nach über zwanzig Jahren die Nordkap-Erradelung und die ‚Straße nach Gibraltar‚.

Doch zurück zu den Grenzen und den Wurmlöchern, die sie untergraben könnten, eventuell. Ich liebe Rasenmähroboter. Falls ihr mal einen Menschen seht, der ungewöhnlich lange vor einem, von einem Rasenmähroboter gehegten Vorgarten steht und der das Maschinchen beobachtet: Das bin ich. Über die Funktionsweise eines solchen Geräts hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Hatte allenfalls zum Spaß phantasiert, dass Rasenmähroboter irgendwann von ‚zu Hause‘ abhauen und sich nachts heimlich mit anderen Rasenmährobotern treffen … oder etwas realistischer gedacht, dass sie per GPS funktionieren. Dass unterirdisch Grenzwälle um das zu hegende Arreal gelegt werden in Form von Induktionsschleifen, lernte ich erst von C. Die Geräte messen wohl stetig ihren Akkustand und wenn ein gewisses Level unterschritten wird, treten sie die Reise an zur Ladestation, wo sie sich andocken und den Akku aufladen. Das Bild von Elefanten, denen man ja nachsagt, dass sie sich am Ende ihres Lebens auf den Weg zum Elefantenfriedhof machen, kommt mir in den Sinn. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um eine Legende handelt. Es gefällt mir einfach.

Früh um acht breche ich bei C. auf. Da er sich womöglich mit Covid19 infiziert hatte, hielten wir, stets draußen, gehörigen Abstand.  Die Erkältungssymptome, die er zeigte, könnten allerdings auch eine ’normale‘ Erkältung sein, so mutmaßte er. Seine Tochter habe ihm vor einigen Tagen draußen auf der Terrasse die Haare geschnitten. Blanken Kopf mit feuchten Haaren in Zugluft, das habe er noch nie gut weggesteckt.

Punkt neun Uhr treffe ich @Odenwaelderin im Café Köpfle gegenüber des Bahnhofs in Osterburken. Wir plaudern über die Reise, den Odenwald, das kleine regionale Büro des SWR, das sie in der Gegend als Redakteurin betreut. Eine weitere Twitterfeundin, die es ins ‚echte‘ Leben verschlägt, man sich persönlich kennenlernt. Sie lädt mich zum Frühstück ein. Es gibt ‚Köpfle-Frühstück‘.

In Osterburken fährt derzeit kein Zug, erklärt sie mir. Man muss mit dem Schienenersatz per Bus nach Seckach. Oder radeln. Etwa zwölf Kilometer. Eine 16 prozentige Steigung übern Berg (später entdecke ich auf der Open Cycle Map, dass es den Bächen folgend einen Radweg gegeben hätte. Den Skulpturenradweg). Der Odenwald will mich nicht loslassen. Ich schiebe auf, rolle ab nach Adelsheim. Treffe einen alten Mann mit Rollator mitten in den Wiesen auf Geröllweg. Ob alles in Ordnung ist? Ja, alles in Ordnung, er spaziere hier öfter. Man weiß ja nie. Besser einmal mehr nachgefragt, als einmal zu wenig, man ließe jemand Hilflosen zurück.

In Seckach starten die Züge wie gewohnt. Ohne Umstieg bis zur Endhaltestelle nach Homburg. Der erste Wagen sei derjenige, der durchfährt, der zweite werde unterwegs abgekoppelt, erklärt mir der Zugführer. Wo der Zug getrennt wird, müsse er noch nachschauen. Scheinbar ist nicht immer alles gleich, trotz stündlicher Zugfahrten.

Im Bahnhofsaufzug verkeilt sich zu guter Letzt noch mein Fahrrad. Das Ding ist wirklich winzig und scheinbar sind die Aufzüge von Gleis zu Gleis unterschiedlich groß. Bei Gleis eins aufwärts passte das Fahrrad noch bestens. Runter zu Gleis zwei verkeilte es sich. Mega-Piepsorgie aus den Lautsprechern. Schon sah ich mich auf immer in diesem Aufzug gefangen. Der Odenwald will mich nicht gehen lassen. Ich sollte UmsLand/Baden-Württemberg angehen, denke ich, schwitze ich, hoffe ich, aus dem halbgläsernen Kasten rauszukommen. Das Radel ist dermaßen verkeilt, dass ich es nicht einmal hochkant stellen könnte, um die Spannung zu verringern. Komme schließlich frei. Überwinde diese letzte Grenze, überwinde die nächste letzte Grenze. Sitze im Zug, der sich von Station zu Station füllt und leert und füllt und leert. Neben der wunderbaren Landschaft entlang von Jagst und Neckar läuft eine Szene aus dem Film ‚Die Zeitmaschine‘: Im Schnelldurchlauf vergehen die Jahreszeiten über tausende Jahre. So ähnlich blitzert es durch die Zugfenster. Kommen und gehen. Grenze um Grenze um Grenze. Nur in der Rheinebene ist der Zug recht voll. Es ist der erste Juni. Ich fahre mit dem Neun-Euro-Ticket. Die befürchtete Überlastung ist nicht zu spüren. Der Zug zurück, durchs Wurmloch ins Saarland, fühlt sich genauso ‚voll‘ an wie der Zug aus dem Saarland, durchs Wurmloch nach Bayern vor vier Jahren.

Geschrieben am Pfingstmontag, 6. Juni, rückdatiert auf den 2. Juni.

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