Zuerst bloggen oder die Johannisbeeren ernten? Opportunitätskosten durch hitzebedingte Verknappung von Zeit. Bloggen kostet ungeerntete Johannisbeeren, geerntete Johannisbeeren kosten ungeschriebene Blogeinträge.
Ich habe eine fünfzehn Meter lange Leine im Zick-Zack durch die Wohnung gespannt. Von der Nordtreppe vorbei am Schlafzimmer durchs Arbeitszimmer bis in die Küche. Das Schlafzimmer bleibt erst einmal tabu. Geschlossene Tür bei gekipptem Fenster, das nach Osten zeigt und durch Hainbuchen beschattet wird. Außerdem ist es mit einem Fliegengitter geschützt und die Fliegen sind auch der Grund, warum ich es vom Leinenspannen ausnehme. Denn dann müsste ich die Tür auflassen und die wenigen Stechmücken könnten herein kommen, mich nachts plagen.
An der Leine habe ich nasse Handtücher aufgehängt und am Boden liegen auch welche. Die Wohnungstemperatur hat mittlerweile 26 Grad erreicht, zu viel, um sich, selbst splitternackt, wohl zu fühlen.
Anfang der Woche dachte ich, das musst du aufschreiben! Diese beispiellose Hitze Tag und Nacht. Sei Chronist, für wen auch immer. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Selbst die Radreise bei Extremwetter 2024, die dem Gefühl, der Hitze ausgeliefert zu sein am ehesten nahe kommt, reicht nicht an diese Dimension. Damals war ich unterwegs per Radel und Zelt. Obdachlos auf Zeit, suche da mal Schutz, okay, ich fand ihn auch, aber die damalige, etwa zwei Tage währende Hitze war ein „lustiger“ Spaziergang im Vergleich zu dem, was nun geschieht. Nun ist sie hier, die Hitze und sie dringt von Tag zu Tag tiefer in die Bude, die relativ gut gewappnet ist dagegen. Ringsum schatten Bäume das Dach. Die minimale Isolierung ist nicht ganz wirkungslos und durch die geniale Lüftungsmöglichkeit mit Tür gen Norden und einer Tür gen Süden, kann ich nach Belieben Durchzug machen. Bloß bringt der nichts mehr, wenn die Nächte nicht unter 23 Grad „kalt“ werden.
Nackt sitze ich am PC. Meistens laufe ich nackt umher. Im Atelier, das unterm Scheunenboden, durchkühlt von Beton und Mauerwerk liegt, war es noch bis Anfang der Woche erträglich zum Arbeiten. So dass ich mich aufs Aufräumen konzentrierte, mich meist dort aufhielt, gut voran kam, aber die Dauerhitze hat nun auch diesen schönen großen Raum eingenommen.
Im Haupthaus ist nur noch der Keller erträglich klimatisiert. Der muffelt allerdings und es ist nicht schön, sich dort aufzuhalten. Ich sorge mich um die Frau Mama, die nun keinen Raum mehr hat, der unter 25 Grad warm ist, in dem sie sich aufhalten kann. Noch schlimmer trifft es Freundin S., die in einer Stadtwohnung Tag und Nacht bald 30 Grad aushalten muss. Sie kommt wegen der Behinderung nicht mit den Händen bis zu den Fenstern, um die Lüftung und Durchzug zu regeln. Werde nachher mal runter radeln.
In der Künstlerbude tocken die klatschnassen Handtücher, die, so hoffe ich, ein wenig Verdunstungskälte bringen. Das Faszinierende ist, dass man das sicher berechnen könnte: Wieviel Grad sinkt die Temperatur, wenn die und die Menge Wasser verdunstet. Alles könnte man berechnen und man hätte auch alles wissen können über das, was nun geschieht auf der Welt. Und es gibt auch die klugen Leute, die es ausrechnen können, die es ausgerechnet haben und die eine klare Sicht von Wahrheit haben, an die unsereins, ungebildet, rechenfaul, bequem, ignorant nie heranreichen wird. Selbst die Aufgeschlossenen wie ich, die sich sagen, ja ja, diese Leute haben das doch genau berechnet, es gibt keine Möglichkeit, dass sie sich irren oder lügen, aaaber … selbst wir sagen uns immer noch naiv, ach was, es wird nicht so schlimm werden oder wenn, dann wird es doch mich nicht betreffen.
Ich gehöre in der Tat zu den Glücklicheren. Im Garten habe ich ein altes, aufgeschnittenes Ölfass aufgestellt, es mit Regenwasser befüllt, kann jederzeit hinein hüpfen und durch die Künstlerarbeit als Selbständiger, verfüge ich über gut gepufferte Lebenszeit, muss nicht zur Arbeit pendeln, mich während der Fahrt in Hitze, Stau und Stress aufhalten, kann einfach weitermachen in meinem Tempo; Baustellen gibt es genug und sie liegen hin und wieder an kühlen Orten. Und dennoch: Der Poormanspool ist mit dem letzten Regenwasser befüllt, an das wir so ohne Probleme rankommen. Was, wenn auch das vergossen oder verdunstet ist; was, wenn der Pool trocken fällt? Es gibt noch einen Erdtank mit fünf Kubikmetern Wasser aus dem Jahr 2024, den ich heute anbrechen werde. Gut zu wissen.
Der Sommer hat aber gerade einmal begonnen. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem es in unserer Gegend von Februar bis August nicht regnete und wir Wasser per Traktor hierher bringen mussten, 2003 war das. Damals: unvorstellbar heiß. Heute: Kinkerlitzchen.
Gesplittet. Ich werde nun die Johannisbeeren ernten. Schon gestern hatte ich die schwarzen zu Saft gekocht. Nun sind die roten dran. Wenn schon der Kocher in Betrieb ist. Muss ich ihn nicht zweimal putzen.

@kibmib
Wir Blogchronist*innen wir, wer wird uns je lesen, wenn die Menschheit ob der Hitze ausstirbt?, frage ich mich zuweilen.
Aber dein Artikel inspiriert mich dazu, meine eigene Momentaufnahme zu schreiben.
Die Idee mit der Wäscheleine ist klug. Bei mir ist es der Wäscheständer mit nassen Tüchern …
Gestern dachte ich: Endlich habe ich eine Bodenheizung, denn ja, auch der Boden ist warm.
Wo wird das hinführen?
Remote-Antwort
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