Und Schlaf nach Gutdünken

Erkenntnis gestern beim Rumgeistern im Atelier: Der Weg der Anderen, von dem ich ja schon sehr lange weiß, dass er nicht meiner ist, kann gegangen werden und ich bin ihn auch oft genug gegangen. Es fiel mir kein eigener Weg ein, der gangbar wäre. Stehenbleiben ist auf Dauer keine Option. Dass es einen eigenen Weg gibt, ist zwar nicht bewiesen, aber ich glaube daran. Wie also finde ich ihn?

Ganz einfach: Der eigene Weg kommt zu dir. Du kannst ihn nicht erzwingen, nicht herbei zaubern. Du kannst ihn nicht parallel zum Weg der Anderen erschaffen, ihn pflastern und nutzen. Er ist unsichtbar immer vorhanden, bloß wo? Das kleine Teufelchen versteckt sich wie eine Ameisenkolonie, die unter den Fundamenten deines Hauses einen Staat errichtet hat und einmal im Jahr durch Ritzen in die Küche kommt zum Plündern.

Meine Arbeit ist Tanz geworden. Zwischen Aufräumen und Entrümpeln kreiere ich neue Kunstwerke und nehme dabei keine Rücksicht auf allfällige Dilletanz. Weiter weiter weiter. Es ist wie Radfahren: Wenn es nicht schnell geht, geht es eben langsam und im Notfall musst du schieben, aber jeder Meter Artist in Motion bringt dich ein Stück weiter.

Selbst die Ruhepausen, die ich im von Journalist F. geerbten Ledersessel verbringe und von dem aus ich mein Tagwerk bestaune, sind produktiv. Dann bewegt sich zwar nicht der Körper, dann hängt sich kein Bild, dann drappiert sich kein Objekt, aber das Hirn geht auf Wanderschaft. Ich schlürfe Kaffee, schlürfe Saft. Durch die Tür an der Südwand strömt ein heißer Wind. Ich sollte sie schließen. Jetzt nicht, Junge, Mañana murmele ich jack-kerouacesque, Mañana. Jetzt ist Ruhe. Das Hirn schreibt Artikelbeschreibungen für den Online-Shop und es terminiert ein bisschen vor sich hin, dann und dann das und das fertig, aber gemach, Junge. Das Hirn tut das ohne Zwang und aus freien Stücken.

Das Hirn ist gändig. Es treibt mich nicht an, setzt mich nicht unter Druck, so wie früher. Ach und was war das früher für ein nervenaufreibender Stress mit Ausstellungen, weil alles an einem zerrt und man müsste ja die Presse informieren und diesen und jenen auf die Einladungsliste setzen und dann einen riesigen Verteiler bedienen. Nein! So nicht. Mein Weg ist ein anderer. Während ich arbeite und mir Gegenstände zwischen die Finger kommen, die mit Erinnerungen geladen sind, fallen mir auch die Menschen ein, die hinter den Gegenständen stehen. Das ist der Moment, in denen ich diese Menschen kontaktiere. Eine Mail schreibe und zum Atelierfest einlade, persönlich und an die jeweilige Erinnerung geknüpft, die stark im Strom der Zeit treibt. Jetzt lade ich Freund XY ein, hab ich seinen Signalkontakt? Von weit kommt er, ich schreibe, wenn er vorbei schauen möchte, kann er ja ein paar Tage bleiben und sich neben der Kunst auch die Gegend anschauen. Im Garten zelten oder im Atelier auf dem Gästebett leben.

Und jetzt treffe ich gleich Freundin S. mit dem abben Bein. Dann hole ich sie mal ab ins Atelier. Zack geht der Körper aus dem Pausenmodus und ich setze eine Idee zur Verbesserung der Barrierefreiheit um. Schnell ist eine Rampe gebaut für diese eine Treppenstufe, die es zu überwinden gilt. Zwischendurch noch ein Objekt gestaltet, ein Bild gehängt, etwas repariert.

Und Schlaf nach Gutdünken.

Jaja, so muss das. Ganzheitlich irgendwie; die Blogbeiträge laufen auch nebenbei; sie gehören dazu und wartet erst einmal, wenn ich die uralte Schreibmaschine auspacke, was ich damit für tolle Dinge anstellen kann.

Ich muss Kohlepapier kaufen.

Le Aechtz c’est moi

Die Reste eines Betonbunkers aus dem zweiten Weltkrieg ragen in diesem Schwarz-Weiß-Foto aus einer weiten, von Landwirtschaft geprägten Ebene

Zuerst bloggen oder die Johannisbeeren ernten? Opportunitätskosten durch hitzebedingte Verknappung von Zeit. Bloggen kostet ungeerntete Johannisbeeren, geerntete Johannisbeeren kosten ungeschriebene Blogeinträge.

Ich habe eine fünfzehn Meter lange Leine im Zick-Zack durch die Wohnung gespannt. Von der Nordtreppe vorbei am Schlafzimmer durchs Arbeitszimmer bis in die Küche. Das Schlafzimmer bleibt erst einmal tabu. Geschlossene Tür bei gekipptem Fenster, das nach Osten zeigt und durch Hainbuchen beschattet wird. Außerdem ist es mit einem Fliegengitter geschützt und die Fliegen sind auch der Grund, warum ich es vom Leinenspannen ausnehme. Denn dann müsste ich die Tür auflassen und die wenigen Stechmücken könnten herein kommen, mich nachts plagen.

An der Leine habe ich nasse Handtücher aufgehängt und am Boden liegen auch welche. Die Wohnungstemperatur hat mittlerweile 26 Grad erreicht, zu viel, um sich, selbst splitternackt, wohl zu fühlen.

Anfang der Woche dachte ich, das musst du aufschreiben! Diese beispiellose Hitze Tag und Nacht. Sei Chronist, für wen auch immer. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Selbst die Radreise bei Extremwetter 2024, die dem Gefühl, der Hitze ausgeliefert zu sein am ehesten nahe kommt, reicht nicht an diese Dimension. Damals war ich unterwegs per Radel und Zelt. Obdachlos auf Zeit, suche da mal Schutz, okay, ich fand ihn auch, aber die damalige, etwa zwei Tage währende Hitze war ein „lustiger“ Spaziergang im Vergleich zu dem, was nun geschieht. Nun ist sie hier, die Hitze und sie dringt von Tag zu Tag tiefer in die Bude, die relativ gut gewappnet ist dagegen. Ringsum schatten Bäume das Dach. Die minimale Isolierung ist nicht ganz wirkungslos und durch die geniale Lüftungsmöglichkeit mit Tür gen Norden und einer Tür gen Süden, kann ich nach Belieben Durchzug machen. Bloß bringt der nichts mehr, wenn die Nächte nicht unter 23 Grad „kalt“ werden.

Nackt sitze ich am PC. Meistens laufe ich nackt umher. Im Atelier, das unterm Scheunenboden, durchkühlt von Beton und Mauerwerk liegt, war es noch bis Anfang der Woche erträglich zum Arbeiten. So dass ich mich aufs Aufräumen konzentrierte, mich meist dort aufhielt, gut voran kam, aber die Dauerhitze hat nun auch diesen schönen großen Raum eingenommen.

Im Haupthaus ist nur noch der Keller erträglich klimatisiert. Der muffelt allerdings und es ist nicht schön, sich dort aufzuhalten. Ich sorge mich um die Frau Mama, die nun keinen Raum mehr hat, der unter 25 Grad warm ist, in dem sie sich aufhalten kann. Noch schlimmer trifft es Freundin S., die in einer Stadtwohnung Tag und Nacht bald 30 Grad aushalten muss. Sie kommt wegen der Behinderung nicht mit den Händen bis zu den Fenstern, um die Lüftung und Durchzug zu regeln. Werde nachher mal runter radeln.

In der Künstlerbude tocken die klatschnassen Handtücher, die, so hoffe ich, ein wenig Verdunstungskälte bringen. Das Faszinierende ist, dass man das sicher berechnen könnte: Wieviel Grad sinkt die Temperatur, wenn die und die Menge Wasser verdunstet. Alles könnte man berechnen und man hätte auch alles wissen können über das, was nun geschieht auf der Welt. Und es gibt auch die klugen Leute, die es ausrechnen können, die es ausgerechnet haben und die eine klare Sicht von Wahrheit haben, an die unsereins, ungebildet, rechenfaul, bequem, ignorant nie heranreichen wird. Selbst die Aufgeschlossenen wie ich, die sich sagen, ja ja, diese Leute haben das doch genau berechnet, es gibt keine Möglichkeit, dass sie sich irren oder lügen, aaaber … selbst wir sagen uns immer noch naiv, ach was, es wird nicht so schlimm werden oder wenn, dann wird es doch mich nicht betreffen.

Ich gehöre in der Tat zu den Glücklicheren. Im Garten habe ich ein altes, aufgeschnittenes Ölfass aufgestellt, es mit Regenwasser befüllt, kann jederzeit hinein hüpfen und durch die Künstlerarbeit als Selbständiger, verfüge ich über gut gepufferte Lebenszeit, muss nicht zur Arbeit pendeln, mich während der Fahrt in Hitze, Stau und Stress aufhalten, kann einfach weitermachen in meinem Tempo; Baustellen gibt es genug und sie liegen hin und wieder an kühlen Orten. Und dennoch: Der Poormanspool ist mit dem letzten Regenwasser befüllt, an das wir so ohne Probleme rankommen. Was, wenn auch das vergossen oder verdunstet ist; was, wenn der Pool trocken fällt? Es gibt noch einen Erdtank mit fünf Kubikmetern Wasser aus dem Jahr 2024, den ich heute anbrechen werde. Gut zu wissen.

Der Sommer hat aber gerade einmal begonnen. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem es in unserer Gegend von Februar bis August nicht regnete und wir Wasser per Traktor hierher bringen mussten, 2003 war das. Damals: unvorstellbar heiß. Heute: Kinkerlitzchen.

Gesplittet. Ich werde nun die Johannisbeeren ernten. Schon gestern hatte ich die schwarzen zu Saft gekocht. Nun sind die roten dran. Wenn schon der Kocher in Betrieb ist. Muss ich ihn nicht zweimal putzen.

Alltag, der 7. Februar – vom Durchwurschteln aller Zeiten

Ein Kanten angeschnittenes Brot mit groben Poren und einem riesigen, natürlich gebackenen Loch, in dem eine Madonnenfigur aus Porzellan kniet.

Jonglierbälle allüberall. Und alle gleichzeitig in der Luft. Wenn ich aus Träumen erwache, wundere ich mich stets, dass sooo viel in so kurzer Zeit passiert. Dass ein ganzer Tag Traumleben in ein paar Minuten Traum hinein passt. Im Hirn können sich Dinge offenbar schnell und ohne Rücksicht auf Zeit ereignen. Mit zunehmendem Alter, so habe ich den Eindruck, schleicht sich das Phänomen in die Wachwelt. Anders lässt sichs nicht erklären, dass ich mit meiner Arbeit im Grunde längst fertig bin, aber dass sie, von außen gesehen, dies ganz und gar nicht ist. Längst hängen die Bilder aus 30 Jahren Irgendlink in der Galerie Beck. Auf einem Sockel liegt die „Akte Irgendlink“, ein Kirschholzblock mit festgeschraubtem Ringordnergestell, in dem fein geordnet alle möglichen Dokumente sortiert sind. Eine Art Künstlerlebenslauf mit Zeitungsartikeln, Studien für Kunstwerke, Verworfenem, Gescheitertem, Abgelehntem, aber auch Preiswürdigem, Gefeiertem, Höchstbegehrtem. Mitten im Raum scheinen die Cover der einstigen Aktenordner zu fliegen. An Angelschnüren baumeln sie in verschiedener Höhe, sind collagiert, beklebt mit Fetzen aus hundert Jahren Irgendlink; in manche der Aktenordnerrücken wurden Passeparetouts geschnitten, kleben fein säuberlich Kunstwerke. Die Rückseiten sind beschriftet. Vintagestyle. Das Flüchtige grüßt. In einer Ecke in der Belle Etage der Galerie hat sich eine Fraktion Objekte versammelt mit skurrilen Dingen, die dem Künstler unterkamen und die er, statt sie einfach wegzuwerfen, in Kunstwerke verwandelte. Ein Stück Brot mit einem Loch drin, in dem eine winzige Madonnenfigur kniet zum Beispiel. Reifen und Kettenstücke von vergangenen Fahrradreisen, die „Reliquien eines Europenners“, eines Menschen, der zum Fahrrad wurde (siehe Flann O’Brien, Der dritte Polizist). Wenigstens zum Teil.

Ich arbeite hart dieser Tage. Meist laufen drei Rechner. Zwei, auf denen Videos gerendert werden, einer zum Recherchieren und Beiwerk für die Videos beschaffen. Informationen, Headerbilder bauen usw. Viele Mails. Anfragen bei Sammler*Innen, ob sie das eine oder andere Kunstwerk zur Retrospektive beisteuern können. Die Madonna im Brot aus der Sammlung Schalenberg bereitet mir Kopfzerbrechen. Das Kunstwerk ist äußerst fragil. Es könnte beim Transport in Krümel zerfallen oder von Mäusen gefressen werden. Nebenbei liegt eine weitere Madonna auf Halde, die noch produziert werden will. Die Madonna im schwarzen Brot ist analog ein Figürchen, das in einen Rest Kohlebaguette eingefügt werden soll, das ich letztes Jahr in Frankreich kaufte. Es fehlt eine Madonnenfigur, die nicht viel größer als zwei Zentimeter sein darf. In der Regel finden mich die einzelnen Elemente, die nötig sind, ein Kunstwerk fertig zu stellen. Die erste Madonna kam mir wohl beim Geocachen unter. Kurz zuvor hatte ich ein Stück Brot bei Penny gekauft, in dem sich ein riesiges Loch auftat, als ich es in Scheiben schnitt. Hirn sagte, viel zu schade zum Essen, mach Kunst draus.

Der Zeit zum Hohn, die im nächtlichen Träumerhirn irre Kapriolen schlägt, läuft die Mühle in der realen Welt sehr langsam und kann Jahre überbrücken, ohne dass etwas äußerlich sichtbar fertig ist. Erst wenn das letzte Teilchen gefunden wurde, im Fall die winzige Madonnenfigur, die ins Schwarzbrot muss, kommt Klebstoff zum Einsatz, wird das Figürchen eingeklebt, erhält das Kunstwerk einen Preis, kommt in den Shop.

Wie es hier aussieht! Die Künstlerbude ist zur wahrhaften Messibude geraten. Alle Kraft ins Denken, Organisieren, Stapel richten, Aufschreiben. Da ist nichts mehr übrig, um etwa Geschirr zu spülen, den Boden zu wischen, aufzuräumen. Wenn mir jetzt etwas zustößt, findet der Wohnungsräumungstrupp einen Haufen Schmutz und scheinbar Wertloses. Viele Fragezeichen, Wunder, die im Chaos unsichtbar gemeinsam mit dem Alltagsmüll in einem Container landen.

Manchmal, hmm, nein oft, eigentlich immer, steige ich abends hinauf ins Hochbett und denke, was wenn ich nachts einen Schlaganfall erleide, einen Herzinfarkt, die Rettung kommen muss, mich bewusstlos durch die Luke nach unten fummeln muss? Die Luke ist nur etwa 50×60 cm groß. Eine 2,5 Meter hohe, steile Leiter führt hinauf ins Schlafgemach.

Die Rettung wuchtet dann ein Etwas da runter, das in höchster Lebensgefahr ist und das sich weder bewegen, noch äußern kann. Im Innern des Etwas drehte bis vor kurzem noch ein buntes Lebenskarusell voller Träume und Ideen und Hoffnungen. Aber wer weiß das schon, vielleicht dreht sichs im nicht mehr zu gebrauchenden Körper ja noch immer? Ewiger Traum. Alles ganz schnell. Viele Gleichzeitigkeiten, die sich aneinanderreihen wie die einzelnen Frames eines der Filme, die gerade auf den beiden anderen PCs rendern.

Etwa 50 Stunden Film habe ich in der letzten Woche vom Tisch geschafft, was nicht so arg viel Schnittarbeit war, da ich alleine vierzig Stunden für die Radreise von der Pfalz in den Aargau anfertigte. Eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt: Wenn mir mal etwas zustößt und es nur noch Augen und Ohren und Hirn gibt, kann ich mir die Radtour anschauen. Es ist ein Film vom Lenker aus auf die Straße. Entstanden im letzten Jahr Ende März, Anfang April. Man sieht: Straße. Sonst nichts. Mir reicht das.

Auf einer anderen Ebene bereite ich die Ausstellung vor, tausend Jahre Irgendlink, von IOS zu Android und zurück, finally happy …

Ich hab schon ein bisschen Sorgen, nicht fertig zu werden, ach was, ich schriebs ja schon auf, ich werde nicht fertig werden, ich kann gar nicht fertig werden, weil die Welt in meinem Gehirn immer um ein Viefaches weiter ist, als der lahme Körper das in der echten Welt auch nur ansatzweise realisieren könnte.

Da ich in letzter Zeit auch viel über ADHS und Autismus lese, frage ich mich manchmal, ob das auch auf mich zutrifft. Andererseits habe ich neben dem Alles-gleichzeitig-Syndrom nichts in die Waagschale zu werfen, das dafür spricht. Ich kann mich im Alles-gleichzeitig immer noch bewegen, kann Entscheidungen treffen; einzig damit, dass der Körper mit dem nassforschen Voranschreiten des Hirns nicht mithalten kann, hemmt mich. Ich vermute, ich lebe in der zweiten Abänderung. Viele Parallelen zur ersten Abänderung, der Pubertät, kommen mir in den Sinn. Lang ists her. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein?

Suche den Rasierapparat. Nicht, dass ich mich gerne rasieren würde, aber, naja, gestern kam mir ein Ensemble aus Videoclips unter, die gut zur kommenden Ausstellung passen würde. Der Fim handelt vom gescheiterten Absagen einer Ausstellung. Eine Million Jahre Irgendlink. Der Schnitt ist fast fertig. Es fehlt nur noch ein finales Statement. Und das hätte ich gerne mit gepflegtem Gesicht gefilmt. Ich werde die Kamera ein wenig underfoot aufstellen, damit man das Chaos in der Bude nicht darauf sieht. Wahrscheinlich mit den Jeanneaus, zwei Acrylgemälden „Vier Jahreszeiten“ im Hintergrund. Ich finde, das passt irgendwie zum Durchwurschteln aller Zeiten.

Die Erkenntnis, nicht alles zu erreichen auf dem Weg zum Loch im Dach, das seit Jahren stört

Die sonnigen Tage dieser Tage verhindern das Schlimmste, denke ich manchmal: Dauermüdigkeit, Lustlosigkeit und Abdriften in Tristesse; dennoch, Haut an Haut steht das Glück mit seinem Gegenteil. Vermutlich. Hoffentlich hält die Haut! Ich stürze mich in Aktion, im Kopf bin ich viel viel weiter als ich das in der Realität je schaffe und dessen bin ich mir auch meistens bewusst.

Nur kürzlich an einem jener dauerhaft sonnigen Tage, als ich aufs uralte Künstlerbudendach hinauf kletterte, um ein paar Löcher zu flicken, kam mir die Übermacht der Realität in die Quere. Ich hatte erwartet, dass ich dieses und jenes Loch im Dach  und das andere Loch ganz weit drüben, das zwar nicht so bedrohlich ist, mich aber bei jedem stärkeren Regen ziemlich nervt, einfach mal so flicken könnte. Hatte alles gerichtet: Leitern, Flickband, Flickpaste, Teer, Spachtel, Besen, Schippe, Sicherungsseile und Gurt. Oben angelangt war dann erst einmal Schaufeln, Kehren und Rechen angesagt. Ich glaube, ich habe das fast flache Dach am Anbau seit fünf Jahren nicht geräumt. Unter einer Schicht von Buchenlaub lag schöne schwarze Erde, Kompost. Den ich erst einmal beseitigen musste und auf der Schräge direkt über der Künstlerbude wuchs unterm Laub dick das Moos. Bis ich die zwei schlimmen Stellen frei geräumt und gesäubert hatte verging ein halber Tag und ich hatte schon das Seil eingehängt, um mich bis ganz nach oben, acht Meter Weit zur großen ungenutzten Halle zu hangeln, wo ich über den First zehn Meter gen Westen „reiten“ würde, um mich von dort wieder acht Meter die Dachschräge hinab zu seilen zum Loch, das mich seit Jahren nervt.

Meine Kraft reichte leider nur für die Haupt-Baustelle, immerhin gelang es, die Künstlerbudendachfäche zur reparieren. Im Gegensatz zum Künstlerbudendach an einem Anbau, bewegt man sich auf dem riesigen Scheunendach in beängstigend luftiger Höhe.

Ich erkannte: Dach und Körper gehen Hand in Hand dem Untergang entgegen, was nicht schlimm ist, sondern eine Tatsache. Und: musst mit deiner Kraft haushalten, junger Padavan, so wichtig. Ein wunderbarer Sieg der Vernunft, die sich mit dem inneren Schweinehund verbündet hatte … früher wäre ich wahrscheinlich verbissen bis zum finalen Leck im Dach vorgedrungen. Nun aber bin ich einfach zufrieden, das Nötigste geschafft zu haben. Last but not least nehme ich diese Erfahrung mit in meinen Künstlerberuf. Die Erkenntnis, nicht alles erreichen zu können und auf dem Weg dahin auf Widerstände zu stoßen, ist kostbar. Vorzeitige Umkehr und Abbruch ist möglich und manchmal sogar vernünftig. Der Wille zur Unperfektion zu Gunsten des Wohlbefindens, einfach unbezahlbar.

Die Löcher im Dach, der Bogenbau, das Dies und das Jenes

Die Merkwürden des Klimawandels lassen eine Wildkirsche zu liegen kommen neben drei vier Robinien. Oder unter drei vier Robinien. Oder mit ihnen verflochten wie ein Rattanmuster eines japanischen Samuraischwertgriffs, nur in groß. Sieht kompliziert aus, denke ich eines Sonntags, als wir einen Spaziergang entlang des Waldes machen und das Ensemble vor uns liegt. Ohne Spezialwerkzeug kann man das wohl nicht wegräumen.

Ein Problem mehr manifestiert sich im Kopf und wie um es zu untermalen, ruft ein paar Tage später der Nachbar an und macht mich auf das Problem aufmerksam, denn sein Wieschen am Waldrand ist dank des Baummassakers um ein paar Quadratmeter kleiner. Das Problem gesellt sich zu weiteren tragenden Langzeitproblemen in und ums einsame Gehöft. Marodes Dach an Mutters Häuschen, der bröcklnde Kamin und überall in den Scheunen und Hallen liegen Gegenstände, die anderen Menschen gehören. Menschen, die nur mal eben etwas abstellen wollten, das Abgestellte vergaßen oder starben und es hinterließen. Heizungsbauer H., der etwa in der gleichen Zeit wie mein Vater starb, hat ein riesiges Archiv hinterlassen. Uralte, stromfressende Pumpen, die einmal richtig teuer waren, noch unbenutzt. Armaturen und Rohrwerk, Werkzeug, metallisches und hölzernes Rohmaterial, für das man hin und wieder dankbar ist, um eines der vielen Löcher am sterbenden Gehöft zu flicken und den Abriss eine Zeitspanne lang zu verschieben.

Zudem der Nachlass von Journalist F., den ich nur ungern sichten mag. Zwar ist der Freund schon über ein Jahr tot. Dennoch, Gegenstände sind oft ein billiger Erinnerer an Katastrophen, die man einst miterlebte. Journalist F. hatte stets die Hoffnung, das Pflegeheim noch einmal zu verlassen und in einem betreuten Wohnen unterzukommen, weshalb ein Teil seines Hausstands nun in meinem Atelier liegt.

Längst schon wollte ich Journalist F.s Geschichte in diesem Blog aufgeschrieben haben. Seine letzten Jahre der Verelendung. Aber ich traue mich nicht ran. Überhaupt bin ich ziemlich blockiert seit ein zwei Jahren. Ist die Pandemie daran schuld? Das eigene kleine Älterwerden? Die Zipperlein, die damit einhergehen? Der Schmerz über die vielen Toten in der nahen Verwandtschaft? Seit zehn Jahren stirbt im Hause Irgendlink mindestens ein sehr nahe stehender Mensch pro Jahr.

Oder alles zusammen ein Bisschen? Konzentrieren wir uns aufs Älterwerden. Jedes Thema hat seine Zeit und dies ist vielleicht das Thema der zweiten Umwandlung. Die erste ist die Pubertät und es gibt eine zweite, die des von der Mitte des Lebens ins letzte Stückchen. Jene Zeit, in der liegen Gebliebenes aus Jahrzehnten kumuliert und sich zu einem unübersichtlichen Berg aufschichtet.

Multiple Probleme machen mich nachts um drei vier Uhr aufwachen und dann rattert die Gedankenmühle und ich räume rein gedanklich das Atelier auf, flicke Löcher im Dach, beschneide den Windschutz der Frau Mama, hole die Rattangeflechtsbäume von Nachbars Acker. Immerhin dafür gibt es einen guten Nebennutzen: Brennholz ohne Ende.

Ich wäre nicht Künstler, wenn in dem rattanähnlichen Problemgeflecht im eigenen Kopf nicht auch Fäden in die Kreativität führten. So schaue ich mir die Hölzer an und prüfe sie darauf, ob man zum Beispiel Bogen daraus bauen könnte oder andere schöne Dinge. Die Robinie ist zwar giftig, aber sehr gut geeignet als Bogenholz. In den letzten zwei Wochen konnte ich mit dem uralten Traktor, der sogenannten Hölle auf Rädern, etliche Touren zur Holzbaustelle machen und einiges der gefährlichen Situation mit Hilfe der Seilwinde und des 60 Meter langen Seils entschärfen. Mittlerweile liegt alles. Nun regnet es wieder und man kann mit dem Traktor, einem sechzig Jahre alten Porsche Super, nicht mehr auf des Nachbars Wiese, ohne sich tief in die Grasoberfläche einzugraben.

Einige liegende Stämme führen den Blick auf einen roten, uralten Traktor mit kleinem Anhänger zu. Im Hintergrund eine Baumreihe am Rad eines kahlen Achers.
Der Traktor namens ‚Hölle auf Rädern‘ im Einsatz bei der Pappelbaustelle.

Nachts wach. Nachtwachen. So kommt es, dass ich heute bis zehn Uhr schlafe. Das Wetter ist mies, zuvor habe ich vier fünf Stunden Probleme im Kopf gewälzt und mich im Bett. Ein paar Nächte zuvor, in ähnlicher Situation, bin ich um drei Uhr nachts aufgestanden, spülte Geschirr, bereitete Essen vor, sortierte Akten, schickte die Steuererklärung weg, räumte hie und da und bezahlte den Tag mit einen Gefühl unendlicher Müdigkeit. Gesund ist das nicht und über allem bricht auch der Rücken zusammen, merke ich. Das Innere wendet sich unweigerlich gegen den eigenen Körper und verschafft sich Gehör. Ich sollte einen Schnitt setzen … raus aufs Rad oder zu Fuß auf den Jakobsweg … aber erst will ich dies und das erledigt, die Löcher im Dach, der Bogenbau, das Dies und das Jenes erledigt … manchmal gerate ich in Flow, tagsüber, wenn ich arbeite und das ist gut so, denn dann laufen die Zutuns einfach ohne Widerstand und es macht richtig Spaß. Unendlich langsam komme ich voran und wenn ich nachts nicht so sinnlos darüber nachdenken würde, was noch alles zu erledigen ist, mich dabei in einen unangenehmen, verkrampften Wachzustand versetzen würde, könnte es richtig gut sein und gegen Weihnachten wäre ich mit allem zu Erledigenden fertig.

Wenn mir nicht neue Probleme einfielen, sie zu wälzen in der Nächte Sinn.

Das einsame Gehöft ist ein Fass ohne Boden.

Mein Kind-Ich fällt mir manchmal ein, wie es hie und da Arbeiten tätigte, die Scheune ausfegte, andere Kinder animierte, mitzumachen und die Welt in Ordnung zu bringen. Ich glaube, da wurde der Grundstein zum Kümmerer gelegt, der sich vorwiegend die Problemschuhe seiner Nächsten anzieht und hilft, einfach nur hilft.

Aber es gibt auch Positives. Ich denke auch an mich selbst hin und wieder. Schaffe derzeit wieder Kunstwerke. Bin mir jedoch nicht sicher, ob es sich um notgeborene Kunstwerke handelt, die ich aus dem Reich der Gegenstände, die mir nicht gehören, kreiere. Vergessene Gegenstände und Nachlässe. Gegenstände aus dem unendlichen Fundus auf dem einsamen Gehöft. Zinkrohr vom toten Heizungsbauer, das eine seltsame Plastik wurde. Dias, die keine Ahnung woher hierher kamen; schöne Schwarz-Weiß-Lehrdias aus dem Archiv Marburg, die einst zu Schulzwecken dienten, nun aber ein Lampenschirm wurden für eine nackte Stehlampe. Diese Stehlampe hatte Freund QQlka vor dreißig Jahren in einem verlassenen Haus mitgehen lassen.

Ein altes Kalenderblatt eines Holzschnitts von Martin Thönen kam mir gestern unter die Finger. Es lag lange Jahre hier, ich denke zehn, und es war für ein Col-Art Projekt gedacht, bei dem die Teilnehmenden solch ein Blatt neu übermalen oder was-auch-immern sollten. Nur hatte ich nie eine Idee. Gestern dann schon. Das zieselige Muster, das Martin aufs Oktoberblatt gedruckt hatte, hatte mich ganz schön herausgefordert, aber schließlich war klar, jede Art Kunst ist idealerweise auch eine Art Tanz, den die gemeinsam sich beflügelnden Kreativen tanzen und nun, nach all den Jahren ist mir ein ziemlich gutes Kunstwerk gelungen, das ich in die Sammlung meines Freundes Marc Kuhn geben würde.

Kurz nach zehn war ich vorhin wach, nachdem ich die halbe Nacht in Gedanken Dinge repariert hatte und Ausstellungen vorbereitet, Filme geschnitten, das Geschirr gespült, ich sollte reisen, denke ich. Das darf so nicht weitergehen. Diese Art Nachtschlaf ist Gift. Aporpos Gift: Ob man einen Sud aus Robinienholzspänen dafür verwenden kann, um den Holzwurm aus dem Gebälk der Atelierscheune zu vergrämen? Schaue Wetterbericht. Regen ohne Ende. Nächste Woche jedoch: brilliantes Herbstwetter mit Dauersonne und Temperaturen um 20 Grad.

Ich könnte das Saarland umradeln.

Und danach die restlichen Stämme vom Acker des Nachbarn ziehen.