Frau Stirnima je t’adore

Am Place Central in Biel Bienne gegen halb neun. Kein Regen. Stadterwachen. Skip Bahnhof und direkt auf den 50er Radweg (die Jurasüdfußroute) nach Solothurn. Biel gibt sich garstig morgenlaut, schneidend schreiende Busse, kläffende Köterchen mit sie zur Ruhe rufenden Frauchen am anderen Leinenende.

Morgenvolk. Vorbei an den zwölf Baukränen, die, wie ich in Erfahrung bringen konnte, aufgestellt wurden, um ein Fußball- und ein Eishockeystadion zu bauen, finde ich mich nach einigen Kilometern wieder in der Stille des Südjura. Grenchen zum Greifen nah. Mein erster Rettungsbahnhof, falls es doch noch regnen sollte. Die bewaldeten Jurahänge sind gelbbraungrüngraubunt, sehen dabei dennoch homogen aus wie eine wohlerdachte Form von Paul Klee. Bei Kilometer zwanzig fallen erste Tropfen, ein guter Radlerregen. Da bin ich just in der „Witi“ (siehe Bild zuvor). Solothurn. Neugierig wegen des schiefen Turms (siehe ein paar Blog svorher), wechsele ich die Aareseite, um mir das Ding näher zu betrachten. Entweder war am Krummen Turm ein Meisterarchitekt am Werk, oder gar keiner. Das Ding ist schief, wo es nur geht. Kann der Hass auf den rechten Winkel je größer sein? Solothurn rühmt sich, die schönste Barockstadt der Schweiz zu sein. Könnte stimmen. In einem Bücherschrank in einem Park, in dem die Menschen Bücher tauschen, versuche ich telepathisch ein gutes Wort zu finden, wette mit mir selbst: drittes Regal von Oben, zwölftes Buch, Seite 323, nee, besser 123, falls es nicht so viele Seiten gibt, zweite Zeile. Dort steht mein Gutwort. Ich greife Klaus Manns Kind dieser Zeit: „rend unsere Mutter in ihrem Zimmer unsere Koffer packte, schli-“
Hmmm?
Zwei weitere Bücher greife ich auf die Schnelle aus dem überquellenden Schrank, ich Frau Holle der zeitgenössischen Literatur, ich. Ein Chinese und ein französischer Wanderführer über den Canal de Bourgogne.
Überhaupt habe ich ziemliche Flausen im Kopf. So eine Weichklopfkurzradeltour kann mitunter die Seele zu diversen Narreteien anregen. Höre ich Stimmen?

Ein Konzeptkünstler erfindet einen Konzeptkünstler erfindet einen Konzeptkünstler

Und:

Grüaß zi Gott Frau Stirnima

Oh neiiin! Minutenlang dudelt der bayrische Gassenhauer in meinem Kopf. Hirn, was tust du mir an. Mit zwölfköpfiger Blaskapelle und Schuhblattlern und Lederhosen und Peitschenknallen und blauweißen Girlanden hier in der Fremde irgendwo jenseits des Jurasüdfußes. Keine Chance auf Ablenkung und je mehr ich versuche, das Lied zu verscheuchen, desto mehr frisst sich der Dreivierteltakt in meine Knochen.
Auf dem Ortsschild von Graben steht „Ausländer raus“ geschmiert und es beginnt zu regnen und hört nicht mehr auf. Nun sitze ich auf einem Bänkli vor dem Söchlibrunne und hacke diese Zeilen. Merke: wer im Trockenen sitzt, wird zwar nicht nass, wer die Stille sucht, hört aber mitunter ein Blasorchester jubilieren Grüaß di Gott Frau Stirnima.

7 Gedanken zu „Frau Stirnima je t’adore“

  1. de schweizer version, gesungen vom trio eugster, heisst so: grüezi wohl, frau stirnimaa, wie säged sie, wie läbed sie, wie gohts ihrem maa.
    hiiiilfe! wie geht das wieder raus aus dem ohrgang??? :-(

    1. Als Pfälzer kennt man halt nur Bayern. Und Lieder, die so klingen wie dieses, sind halt bayrische Lieder, auch wenn sie von den Schweizern erfunden wurden. Eine Webrecherche bringt gerade die Minstrels als Interpreten zu Tage. Übrigens ist Frau Stirnima mit zunehmendem Regen (ich weiß, das glaubt mir niemand) Jim Morrison gewichen: LA Woman und als es richtig loslegte Riders in the Storm.

    1. Hmmm okay, das sind wohl die Tücken des Liveschreibens. Saubere Recherche wird in den Kommentarstrang outgesourced. Warum soll es den Irgendlink-Bloglesenden auch besser gehen, als den IkeakundYInnen, die ja bekannter Maßen als Produktionshelfer in der Endmontage arbeiten und das alles ohne in die Sozialversicherung zu zahlen.

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