Diesseits und jenseits des Burggrabens

Wo war ich stehen geblieben? Den Highwoods Park verlasse ich Richtung Norden über den nun nicht mehr so gut ausgeschilderten Radweg Nummer 1, überquere nach einem Bach die Grenze zwischen Essex und Suffolk. Stratford St. Mary am River Stour. Bei einer Stauwehranlage sind eine Unzahl verschiedener Verbots- und Warnschilder angebracht, so dass ich nicht umhinkomme, Bilder-Harvester, der ich bin, sie einzusammeln, zu archivieren. Ein Neuner-Blatt davon liegt der Homebase vor und wurde schon veröffentlicht. Immer schwerer wird es, der Cycleroute zu folgen.

Waren die ersten vierhundert Kilometer von Dover über London gut bis hervorragend beschildert und ich habe mich nur durch Schusseligkeit verirrt oder durch Unachtsamkeit, gibt es nun größere Lücken und an entscheidender Stelle fehlen die Schilder, so dass man mirnichts dirnichts im Nichts steht. Ohne den GPS-Track auf dem iPhone wäre ich aufgeschmissen.

In Bramford, kurz vor Ipswich, ruft mich Frau Horchert von Geo an. Für ein Podcast-Interview, das SoSo in der Homebase letzte Woche organisiert hat. Auf dem Friedhof vor der Kirche telefonieren wir 13 Minuten – ich weiß das so genau, weil sie mir nach Ende des Gesprächs erzählt, dass es so lange gedauert hat; dass wir so viel „Material“ haben; dass es noch geschnitten wird und dass am Ende vielleicht fünf Minuten dabei herauskommen. Da das iPhone wegen des miesen Wetters in der Otterbox steckt, ist die Qualität schlecht.

Das Interview konfrontiert mich einmal mehr mit dem eigenen Konzept und auch mit den Kernfragen, die sich „die da draußen vielleicht stellen“. Danke, Frau Horchert, an dieser Stelle, für das schöne Gespräch und für die Denkanstöße, die sich dabei zufällig für mich ergeben.

Besonders hart trifft mich die Frage, wie ich es denn mit dem Alleinesein so lange verkrafte. Nach fast drei Wochen unterwegs, kommt das Thema mehr und mehr zum Tragen und ich merke, dass meine lapidare Antwort, die fluffig leicht klingen soll, nicht ganz so einfach ist: Ist es tatsächlich so, dass mir das Kunstschaffen, das virtuelle Verbundensein mit zu Hause und letztlich meine selbstauferlegte „Mission“, das Meer zum umrunden, genügt, um mich einfach mal so für drei Monate aus meinem herkömmlichen Alltag zu entfernen?

Zu Anfang dieses Liveblogberichts habe ich einmal von „Alltagsgewebe“ gesprochen, von der Vernetzung der Alltage, die ich mir wie ein Knotenwerk vorstelle, wie ein Makramée ganz normal gelebter Menschenleben. Was passiert, wenn man sich länger von diesem Gewebe fernhält? Wenn die Stelle, an der man in das Netz verknüpft ist, zum Loch wird. Der Riss, der darin entsteht für die Geliebten daheim, mit denen sich die Alltäglichkeiten gekreuzt haben, vernarbt irgendwann. Diese Tour ist wie ein kleiner Tod. Auf einmal ist einer nicht mehr da. Alles, womit er verknüpft war, ist unterbrochen. Wenn auch nur auf Zeit.

In Ipswich zieht Regen heran, erwischt mich mitten in der Stadt. Hatte ich am Vortag wegen navigatorischer Schusselei zwei Colchesters durchquert, folgen nun anderthalb Ipswich. Kurz bevor ich die Stadt in die falsche Richtung verlasse, lugt die Sonne zwischen regenschweren Wolken hervor und ich merke, dass ich genau Richtung Westen fahre. Mein Weg führt aber nach Norden. Im Regen frage ich mich nach Bed & Breakfast durch, radele kilometerweit an einer sehr stark befahrenen Straße, zum Glück auf dem Gehweg, entlang dem angeblichen B&B-Strich, wo es gleich mehrere davon geben soll. Sogar eins mit Schild, aber man öffnet mir nicht. Die anderen haben keine Schilder oder es gibt sie gar nicht.

Richtung Woodbridge verlasse ich Ipswich. Jemand hat mir gesteckt, dass die Stadt sehr schön sein soll, und dass ich dort gewiss auch ein B&B finde. Die Sonne kommt hervor. Wildzelten wäre auch eine Wahl, aber die Vorstellung von einem schönen Zimmer bei einer alten Miss Marple-Dame mit Kamin und Krimskrams, hat mich so in den Bann gezogen, dass ich ordentlich reintrete, den kaum noch als beschildert zu bezeichnenden Fernradweg immer wieder verliere, hinauf kurbele Richtung Woodbridge, allmögliche Leute frage, mich selbst hinterfrage: was ist bloß aus dem wilden Europenner geworden, dem kühnen Kerl, der sich mit einer schönen Wiese, einem Neubau, einem Abrisshaus zufrieden gegeben hat. Einst vor langer Zeit.

Und mir wird bewusst, wo mein großes Problem ist. Der sture Wille setzt interne Kräfte frei, die sich gegen sich selbst richten, die drohen, mich aus dem gemütlichen Reisetakt zu bringen. Kurz vor Woodbridge ist es gänzlich vorbei mit der Blase der inneren Ruhe, in der ich seit Beginn der Reise gelebt habe. Ich werde ärgerlich. Ich will partout, dass das weiße Kaninchen namens Miss-Marple-Bed-and-Breakfast-mit-Kamin-und-Krimskrams-und-Tee aus dem Zylinder springt. Ich miserabler Zauberer, ich. So verteufele ich das vermeintlich vernagelte England, in dem die Leute in ihren Burgen, genannt Home sweet Home leben und durchs Fenster nach draußen in die garstige, bedrohliche Welt schauen. Es knistert im Kamin.

Du musst deine Art ändern. „Du schmeckst noch immer nach Apfel, lebst aber in einer Birne“, schimpfe ich mich. „Es gibt kaum Hinweisschilder“, murmele ich, „alles ist anders in diesem Land. Du bist bisher nur freundlichen bis sehr freundlichen Menschen begegnet. Und gleichgültigen. Irgendwie müssen doch die Menschen vor Ort herausfinden, wo sich die Tröge der Zivilisation befinden?“ Wenn es nicht auf Hinweisschildern steht, wie findet man in England dann sein heiß ersehntes B&B? Im Internet? Möglich, aber das kann es nicht sein. Vor 10 Jahren gab es das noch gar nicht.

Ich beschließe, die Taktik zu ändern. Von nun an spreche ich in jedem Pub und bei jedem, der mir auf der Straße begegnet, vor und frage, wo es ein B&B gibt.
Es folgt eine Kette freitagsabendlicher Vermutungen und Ahnungslosigkeiten und Kann-schon-seins, dass in einer viertel Meile nordwärts etwas zu finden ist. Meilenweit bis kurz vor Woodbridge frage ich, wo immer jemand zum Fragen ist. Im Red Lion-Familienrestaurant erklärt mir der Kellner, ich solle zum Cherry Tree radeln, Viertelstunde, die böten B&B. Der Cherry Tree ist ausgebucht und empfiehlt mir das Bulls Hotel, welches ausgebucht ist, und ich lande in einem weiteren Hotel, hundert Meter weiter, mitten in Woodbridge. Längst ist mein intern gesetzter Schmerzpreis für ein Zimmer von 35 auf realistischere 45 Pfund gestiegen, die ich bereit bin, zu bezahlen. Ein Funken Verstand in mir sagt, hey, Junge, lass doch die Hotelkacke, machs wie früher, fahr raus aus der Stadt, erste Wiese links, bau dein Zelt auf, et voilà. Gerüstet dafür bin ich allemal. Die Wassertanks sind voll und sogar eine Dose Bier und eine Dose Bohnen habe ich im Gepäck. An einem winzigen Supermarkt kaufe ich noch ein halbes Duzend Eier. Die Tür eines B&Bs, nennen wir es Oak Lodge, bleibt verschlossen. 50 Pfund, steigere ich meine Schmerzgrenze. Ich bin besessen, bin Bluthund, male mir in meiner kleinen Phantasiewelt eine Armee von schrulligen Miss Marples und packe noch ein paar Hercules Poirots mit drauf. Fischjakobesk. 55 Pfund! So lande ich im Bell, dem ältesten Pub Woodbridges. Der Wirt bedauert sehr, dass sie keine Zimmer haben, aber da gäbe es noch das Groves House, an der A12, kaum eine Meile entfernt. 60 Pfund, jubiliere ich innerlich, ein Königreich für ein Pferd, das ich gegen ein Hotelzimmer eintauschen kann mit dem größten Kamin der Welt und dem meisten Krimskrams auf dem eichenhölzernen Sims. Der Wirt vom Bell ruft den Maître im Groves an, gibt mir den Hörer. Zwischen Wirtshauslärm erradebrechte ich mir eine Sterbekammer im Groves für 65 Pfund, Juhuu. Nur noch eine Viertelstunde durch das mittlerweile dunkle Woodbridge.

Später wird mir die Dramatik des Geschehenen klar. Leichtfüßig übertrage ich das, was in mir und mit mir passiert ist an diesem 17. Tag der Reise, an diesem Freitag, dem 13., auf das große weite Weltgeschehen. In unserem Bluthundgebaren sind wir gefangen darin, die Realität auf Teufel komm raus nach unseren Vorstellungen zu formen. Wo ist sie nur hin, die Demut und der Fatalismus und die Jack Kerouac’sche Mañana-Mentalität? Gelassen warten auf das was kommt. Vielleicht, vielleicht auch nicht, will ich hinblicken, sage ich mir in dem kuschlig weichen Bettchen im warmen ruhigen Zimmer Nummer 8 des Grove House. Ich bin ein Europenner. Ich gehöre zu den privilegierten Draußenwesen, die es sich leisten können, auch mal drinnen zu sein.

(bei Nacht auf dem iPhone entfipptehlert und gepostet von Sofasophia)

6 Gedanken zu „Diesseits und jenseits des Burggrabens“

  1. Puuh, sage ich nur. Endlich ein warmes, trockenes Bett, meine eigene Schmerzgrenze dehnt sich unweigerlich ein wenig mit, der Preis ist hoch. Liebe Grüße dir und einen schönen Sonntag.

  2. Was Dinger! Wie nervig! Und ich sitze hier nach gutem Frühstück und zuvor kuscheligen Bett am bullernden Ofen und habe keine Sehnsucht, durch England zu radeln. England ist ja gar nicht so weit weg, manche sind sogar schon hin geschwommen, aber ich war noch nie dort.

  3. dankedankedanke…ich finde deine Reise sehrsehrsehr inspirierend!!!
    Nachdem ich diesen Text gelesen hatte, schnipselte sich mir eine neue Acrylcollage aus den Fingern…
    wenn ich das mit den Verlinkungen mal endlich kapiere :-/ erscheinst du in meinem Blog…neu ver-knüpft ;-)
    ich arbeite heute-jetzt daran
    herzliche Grüße von deiner kleinen Fangemeinde

  4. zwischen lachen und nachdenklich sein, danke ich dir jetzt einfach für diesen text… den lese ich bestimmt noch einmal, bevor ich wirklich kommentiere ;o) oder auch nicht…
    lieber europennerirgendlink solch ein bett ist eben manchmal nicht zu verachten, aber klar, diese bluthundmentalität… darüber denke ich jetzt mal nach, während ich den liebsten vom bahnhof abhole… hier wird gerade das loch im netz geflickt… und deins wird sich auch wieder füllen…
    bye for now u.herzlich

  5. So ist es wohl … man will sich die Welt so formen, wie man sich das vorstellt (und dieses Wollen ist ja nicht grundsätzlich schlecht). Aber ‚die Welt‘ will nicht immer so, wie wir wollen ;-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.