Vom Hühnerfred, Olivenbäumen, Blutsbrüderschaft und schwer fassbaren Ichs

Ein Spaziergang im Wald am gestrigen, brilianten Sonntag. Wir sammeln Birkenrinde zum Feueranzünden. Daheim tauen die Grillwürste auf, die beim Wintercamping mit Freunden Ende Februar noch übrig geblieben sind. Offizielles Angrillen. Frau SoSo fragt, was ich mir bei einem Blogartikel, den ich kürzlich geschrieben habe, gedacht habe; wie ich auf diesen oder jenen Gedanken kam. Ich weiß nicht mehr, um welchen Artikel es ging. Ich antworte spontan, ich habe gar nichts gedacht. Ich denke nicht. Es denkt in mir und ich bin mir nicht sicher, ob es mich als Ich überhaupt gibt. Die Bezeichnung Ich für sich selbst ist doch nur ein Notbehelf für etwas, das man bezeichnen muss, das man aber nicht erklären kann. Das mag verrückt klingen. Durch jungkeimendes Grün stapfend, unter umgestürzten Fichten hindurch limboisierend, bin ich plötzlich ziemlich perplex und denke, der Ich heute ist ein Anderer als der Ich vor ein paar Jahren und als der vor zig Jahren und wieder ein Anderer als der Baby-Ich. Fast wie ein kleiner Freispruch, dass wir alle einmal als gute Menschen auf diesem Planeten begonnen haben und die Zeit formt uns zu dem, was wir in der jeweiligen Gegenwart sind.

Plötzlich vibriert das Telefon. Mein Freund, der Automechaniker J. ist dran, was sehr ungewöhnlich ist. Normalerweise rufe ich ihn an, weil ich irgendwelche Schrauberkniffeleien lösen muss, aber die letzten beiden Male, geht die Kontaktaufnahme komischer Weise andersrum. Vielleicht haben wir die Grenze von der Zweckgemeinschaft zur Freundschaft überschritten? Die Grenze zur Schweiz wird dicht gemacht, sagt er, habs gerade im Liveticker gesehen, du solltest das wissen, bist du in der Schweiz? Nein, die Schweiz ist bei mir. Frau SoSo wird hellhörig und hier, so im kraftstrotzenden Wald, der sich gerade wieder aufrappelt von den Winterstürmen, herrscht plötzlich in zwei komischen Ichs, die sich auf Füßen fortbewegen eine klamme Stimmung. Wie? Was heißt das, Grenze dicht? Keiner rein, keiner raus? Darf Frau SoSo noch in die Schweiz einreisen und falls ja, darf sie durch Frankreich fahren, oder muss sie den Grenzzipfel bis Karlsruhe umfahren, sich auf die mörderische A5 begeben, last Exit Basel …? Fragen über Fragen, die sich die massenhaft getöteten Bäume, die kreuz und quer liegen, sicher nie gestellt hätten.

Dystopisches Retrofoto, quadratisch mit grünlichem Himmel und einem uralten, sich drehenden Olivenbaum
Ein 1111 Jahre alter Olivenbaum am Pont du Gard nahe Nimes.

Ein Baum-Ich, das wäre mal etwas. Leben und empfinden wie ein Baum. Ich stelle mir das sehr selbstzufrieden, vielleicht ein bisschen fatalistisch vor. Du kannst als Baum selbst in tausend Jahren deinen Standort nicht wechseln. Der 1111 Jahre alte Olivenbaum nahe der Pont du Gard kommt mir in den Sinn, den wir um Weihnachten schon zum zweiten Mal besucht haben. Von seiner Position am Nordufer des Gardon hat man einen schönen Blick auf das Römeraquädukt. Was dieser Kerl alles gesehen hätte, wenn er ein Mensch wäre? Das gesamte Mittelalter, die Renaissance könnte er berichten, vielleicht war sogar Goethe schon bei ihm? Er könnte über die dreckige Zeit der 1970er bis 2000er Jahre berichten, in der die schmale Departementsstraße noch über eine Straßenbrücke direkt neben dem Aquädukt befahren war, in der Scharen von Touristen ihre Autos wild am Straßenrand parkten in ausgefahrenen trockenen Buchten im Ocker zerriebenen Kalkkonglomerats. Wie oft man ihn wohl angepisst hat in den 1111 Jahren? Wieviele Familien unter seinen Zweigen ihre Picknickdecken ausbreiteten und Käse, Wein, Baguette picknickten? Ob er sich erinnert, dass wir auf den Tag genau fünf Jahre zuvor auch bei ihm waren? Da war er schon erlöst von der scheiß Departemenstsstraße. Seit etwa zwanzig Jahren ist das Bauwerk, das, so glaube ich, auch Welterbe ist, für den Publikumsverkehr neu geregelt. Die Straßenbrücke wurde um die Jahrtausendwende stillgelegt, ein Besucherzentrum mit angrenzendem Park errichtet. Man darfdas Gelände von Norden her nur noch mit Eintrittskarte betreten (von Süden kann man über die Wanderwege unkontrolliert zum Pont du Gard, zumindest außerhalb der Saison). Um diese Zeit muss auch jener erhabene Moment gewesen sein, als man ihm, dem Olivenbaum, einen Stein beiseite legte mit einer Metalltafel, auf der sein Alter eingarviert ist. Vielleicht waren Honoratioren anwesend und der Moment wurde gefeiert (von Menschen für Bäume, von Menschen für Menschen?) Ob es ihn juckt, den Methusalem? Ob er sich als Ich sieht?

Ich werde es nie erfahren.

Ich huste. Die Nase kitzelt. Der Hals kratzt.  Hab ich den Virus? Schon seit Freitag geht das so. Ich hatte Freund Jounalist F. mal wieder beim Einkaufen geholfen. Als Dialysepatient ist er vier Mal die Woche außer Gefecht und obendrein nicht sehr mobil. Schon seit Oktober assistiere ich. Dieser Tage jedoch kommen mir Bedenken. Die Dialyse findet im größten Klinikum hier in der Gegend statt. Tausende Menschen arbeiten auf dem vielhektargroßen Gelände. Eine kleine Stadt am Rande der Stadt. Ich erinnere mich an die Zeiten der Vogelgrippe vor etwa zehn Jahren, als man an den Pforten zum Gelände Schilder aufstellte: Wenn sie aus Land A, B oder C kommen und Symptome haben, melden Sie sich da und da. Im Laufe der Zeit wurden die Schilder immer größer und zu Land A, B und C, gesellte sich Land D, E, F und so weiter. Ich fand das bemerkenswert.

Schilder waren gestern. Heute sind es Liveticker.

Freitagsmorgens auf dem Weg zu Journalist F. hatte ich mir überlegt, ich sollte vorsichtig sein. Ich streifte eine Schutzmaske über, aber schon beim Freund in der Wohnung war klar, dass das kaum hilft. Es schütze ohnehin eher die Umwelt als einen selbst und da ich davon ausging, dass das Virus wenn, dann von ihm, der er täglich sechs Stunden im verkeimten Klinikum ist und mit weit herumgekommenen Taxifahrern unterwegs ist, zu mir springt, denn umgekehrt, ließ ich das mit der Maske wieder sein. Spätestens als Journalist F. schwindelte, er sich nicht mehr am Rollator halten konnte, in seiner Wohnung drohte zu stürzen und ich ihn mit beiden Armen unter die Achselhöhlen fassen und stützen musste und wir uns sehr nahe dabei kamen, wurde mir klar, ich kann es auch sein lassen mit der Maske. Ich bin sowieso nicht kompetent genug, sie fachgerecht anzulegen.

Ich setze die Waschmaschine auf, derweil sich Journalist F. ein wenig ausruht. Wegen der Plümeranz wird dem Freund etwas bange und er sagt, richte mal vorsorglich die Krankenhaustasche, vielleicht fahren wir da hin.

Weiter im Standard-Programm der Assistenz. Ich machte den wöchentlichen Einkauf in einem proppenvollen Aldimarkt – seit Oktober habe ich den Markt noch nie so hektisch erlebt, denke ich mir. Eine Frau neben mir am Pfandautomaten macht ein kleines Wettrennen und wir schmunzeln vor uns hin, 4,75, sage ich, 6,50, sagt sie, 7,75 kontere ich. Sie füttert fast ausschließlich anderthalb Liter Flaschen, während ich kleine Energiedrinkdosen einfülle und somit schneller bin. Mit satten 11 Euro gewinne ich knapp. Wie in einem Spiel ohne Gewinner verlassen wir den Automaten. Es ist fast wie eine kleine Blutsbrüderschaft.

Einkaufsliste abarbeiten. Normalerweise bin immer ich der, der den vollsten Wagen hat, aber nun sehe ich zig Menschen, die sich unendlich viel einladen. Trotzdem gibt es alles, was Journalist F. auf der Liste hat. Sogar Erdbeeren. Die Stimmung im Laden ist angespannt. Alle drei Kassen sind besetzt.

Draußen vor dem Laden steht der Hühnerfred. An der wie eine Hölle auf Rädern wirkenden Grillbude stehen einige Menschen Schlange, lechzenden Mundes auf die sich ruhig drehenden Hähnchen starrend. Hühnerfred steckt mit beiden Armen bis zu den Ellenbogen im Fett knusperbrauner Hühnerhaut. Selbst ohne die Pandemie im Nacken könnte ich aus purem Ekel vor den feinen Härchen seiner Arme, die sich gewiss ins eine oder andere Hähnchen verirren, nichts davon kaufen. Die Menschen, die anstehen, es sind nicht wenige, scheint das überhaupt nicht zu kümmern. Hasardeure, denen der Speichel in den Mundwinkeln rinnt. Ich sehe nicht, wie sie das mit dem Geld regeln, aber irgendwie müssen sie den Fred doch bezahlen und er muss ihnen wechseln und die Höllenbude sieht nicht danach aus, als wäre dort ein Waschbecken, in dem man mal eben zwei Vaterunser lang seine Hände waschen könnte.

Zurück beim Journalisten bin ich erfreut, ihn wieder munter zu sehen. Es ist nicht neu, dass sein Kreislauf zusammenklappt, das sei gesagt, aber eben, die Virussache macht einen etwas hysterisch und dann erkennt man nicht mehr, was sich als normal eingestellt hat an Gefühlen und Befindlichkeiten, und was durch die Angst, die einen ob der Nachrichten ergreift, aufgepfropft ist.

Abends danach, also vergangenen Freitag, erster Schnupfen. Hirn sagt sofort, Alarm. Halskratzen, trockener Husten. Samstags früh alles wieder bestens, bis sich das Hirn wieder auf den Schienenstrang der Hysterisierung begibt und hie und da ein Zwicken feststellt. Gibt es psychosomatischen Schnupfen? Husten, all das? Ich besinne mich im Laufe des Wochenendes, messe sogar erstmals seit zwanzig Jahren Fieber, 36,6, fühle Puls, entferne zwei Holzstücke, die ich im Verdacht habe, dass sie vom Rußrindenpilz befallen sind aus dem Brennholzstapel – denn die Suche nach Alternativen zum Virus, die den Reizhusten ausgelöst haben könnten, hat längst begonnen. Ohnehin, wird mir jetzt erst einmal bewusst, wie oft ich solchen Husten habe. Ziemlich oft. Sogar beim Staubsaugen der Künstlerbude kriege ich Husten. Meine Lunge ist einfach nicht mehr das, was sie einmal war. Und sie ist auch nicht das, was ich von ihr denke, was sie nun ist.

Es ist ähnlich wie mit dem, was in mir denkt und diese Zeilen schreibt, von dem ich nicht weiß, wer oder was es ist und wie es funktioniert, das aber einfach da ist und eigentlich keine Begründung bräuchte. Ja ja, ich glaube, das lässt sich tatsächlich vergleichen mit dem was man fühlt und wenn man Schnupfen fühlt und Husten, dann ist das zwar Schnupfen und Husten, aber welche Ursache sie haben, das verschließt sich einem, wenn man nicht in der Lage ist, einen Labortest zu machen.

So sitze ich denn hier am Montagmorgen vor der eigentlich hätte beginnen sollenden Radelreise nach Andorra und weiß nur eins, ich habe leichte Erkältungssymptome wie eigentlich öfter mal, die mich überhaupt nicht einschränken und weit davon entfernt sind, sich wie eine alles ausknockende Grippe anzufühlen. Ich ḱönnte sofort aufs Radel steigen, tja … die Grenzen sind dicht. Ich kann die Reise nicht beginnen. Wie zum Hohn baut sich das erste große Frühlingshoch über dem Land auf, aber es gibt Schlimmeres als nicht reisen zu können, denke ich mir. Andorra mit seinem einen Virusfall läuft mir nicht weg.

Freund Journalist F. dürfte aufatmen und froh sein, dass ich weiterhin assistieren kann. Obschon ich mich ganz und gar nicht danach reiße, das einsame Gehöft zu verlassen.

Pandemisch gesehen ist nämlich ein einsames Gehöft der perfekte Ort, um Zeit verstreichen zu lassen.

Ich sollte die Gartenanbaufläche vergrößern.

Ich hab‘ vergessen, dass ich nichts weiß

Ich musste abschalten. Mehr oder weniger und so gut es denn geht. Die informations- und desinformationsgeflutete Welt macht dem Gemüt arg zu schaffen. Fernsehen habe ich schon seit zehn Jahren nicht mehr. Radio auch nicht. Die Augen vorm Internet zu verschließen ist für einen, der darin und damit arbeitet leider nicht so einfach. Meide die Sozialen Medien, überlies die Nachrichten so gut es geht, konzentriere dich auf deine kleinen feinen Themen. Lullifulliethemen, Randgebiete dessen was gelesen werden will, was gewusst werden kann – wenn ich es mir genau betrachte stehe ich un(scharf)informiert einem gewaltigen Zwitschern von Meinungen, Informationen und scheinbar Wissbarem gegenüber, aber als kleiner Mensch habe ich nicht die Möglichkeit so weit in die Tiefe zu schürfen und zu überprüfen, ob Meldungen richtig oder falsch sind, ob sie diesen oder jenen Zweck erfüllen, ob man in diese oder jene Richtung beigebogen wird, mitzumeinen im großen Meinungskanon.

Man könnte sagen, ich habe vergessen, dass ich nichts weiß. Und ich beiße mich an all dem Wissbaren fest, das wie lecker Nahrung breitwürfig informativ in den Medien ausgebracht wird. Im Prinzip wie einkaufen und ins Supermarktregal greifen und diese oder jene Marke dieser oder jener Preisklasse herausfischen. Neben dem hochwertigsten, unter idealsten Bedingungen produzierten Bioprodukt lauert billigst gepanschtes Zeug, das es irgendwie durch die Kontrollen vorbei an den Normen geschafft hat und man kann es kaufen, man kann es essen und es schadet einem womöglich nicht. Das Perfide bei Information wie auch bei Lebensmitteln ist, man kann niemandem trauen und doch muss man vertrauen. Sonst würde man verrückt oder verhungern. Okay, bei Lebensmitteln hat man noch einen Ausweg: Man produziert sie selbst, wenn man denn ein Stückchen Garten hat. Aber auch da kommen möglicherweise giftige Unwägbarkeiten ins Spiel: Versprüht der Nachbar krebserregende Pestizide auf dem Feld, die keinen Halt machen vor Grundstücksgrenzen? Wer hat das Saatgut, das man nutzt, unter welchen Bedingungen hergestellt? Wie ist die Luft- und Wasserqualität rings um meinem Garten? Und so weiter.

Doch zurück zur Information und zur großen Quoten- und Klickschlacht in den Medien. Wem kann ich vertrauen? Welche Nachricht ist echt und gut recherchiert und welche ist nur ein billig produziertes Konsumgut? Hier gibt es zum Glück Medien, die halbwegs seriös sind. Manchmal namhafte große Medienhäuser, aber auch und vielleicht sogar insbesondere die weniger namhaften, noch nicht institutionalisierten Graswurzelmedien, einzelne Fachbloggerinnen und -blogger, die sich mit dem jeweils beackerten Thema auskennen, Menschen, die informieren wollen um des Informierens willen – das ist etwa so schwierig wie eine Putzhilfe zu finden, die putzt, um zu putzen. Die Komponente Geld und Rentabilität in inniger Paarung mit menschlichem Egoismus, Narzissmus und Gier spielt sicher eine große Rolle bei der Produktion von … ja von was? … von eigentlich so gut wie Allem. Wenn ich mein Geld mit Fleisch verdiene, schaue ich, dass ich das Fleisch so wirtschaftlich wie möglich produziere; auf engstem Raum mit billigstem Futter, aufs Schnellste gemästet. Wenn ich das Geld mit einem Campingplatz verdiene, bin ich als gewiefter Giermensch natürlich darauf aus, so viele Zelte wie möglich auf dem kleinen Areal unterzubringen. Egal wie sich das für die Campierenden anfühlt. Idealer Weise liegt der Campingplatz bei einer unausweichlichen Sehenswürdigkeit, einer Stadt, die jeder besuchen möchte (Kiel zum Beispiel). Bin ich Nachrichtenproduzent, dann achte ich auf Reizworte und gebe den Informationen, die ich mir so billig wie möglich einkaufe klangvolle Namen, die den Nerv meines Klientels treffen, Nachrichten, die süchtig machen. Es ist mir egal, wie gut oder schlecht der Artikel relotiert ist, Hauptsache, er verkauft sich. Bin ich schwedischer Möbelproduzent, so schaue ich im Laufe der Jahrzehnte, dass ich die für mich scheißteuren Bilderrahmen aus Echtholz mit poliertem Glas durch genau gleich aussehenden Dreck aus gepresstem, furniertem Sägemehl ersetze. Bin ich Industrieller, so sehe ich Arbeitskraft als Kostenfaktor und kaufe sie dort, wo sie möglichst billig ist. Habe ich meine Drecksgriffel im Rohstoffegeschäft, ist es mir ein großes Anliegen die Umweltkosten so gering wie möglich zu halten, meine Rohstoffe in Ländern mit korrupten bestechlichen Behörden einzukaufen.

Uns so weiter und so fort.

Wo hatte ich begonnen? Ach ja. Beim Dichtmachen. Beim nicht mehr Medien konsumieren. Was nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit gänzlich wegschauen. Natürlich weiß ich, was vorgeht in der Welt und wie übel unsere Karten sind. Ähm nein, wissen ist falsch! Hab ich doch glatt verdrängt, dass ich nichts weiß. Aber ich bin auf der Spur. Ich habe eine ungefähre Ahnung. Mein Bild ist unscharf. Ein ungefähres Etwas von Realität, das erst dann, wenn es ganz nah ist an Schärfe und Wucht gewinnt.

Siebzehn Eichen und das Saarland

Vielleicht verhält es sich mit Scheitern und Erfolg wie die Kontraktion einer Raupe, sinniere ich gerade. Hände stecken in schwarzer Erde. Ich habe die siebzehn Eichen aus dem Kühlschrank geholt, die ich vor gut vierzig Tagen in einer Tüte voller Sägemehl eingelegt hatte. Ganz wie es die Beschreibung aus dem Web empfahl: unverletzte Eicheln einpacken in Sägemehl oder Erde und sie zwecks Simulation von Winterkälte im Kühlschrank reifen lassen. Sodann die Früchte vereinzeln in kleine Töpfe und immer schön gießen – in vierzig fünfzig Jahren hast du dann veritable Bäume, wo auch immer du sie hin gepflanzt hast.

Gut so. Das war die Zeit im September, in der die Sache mit dem Hambacher Forst noch ziemlich kritisch aussah und man die Baumhäuser räumte und die Fledermäuse vergrämte. Nicht gut sah das aus für den kleinen Wald in Nordrhein-Westfalen und für seine Bewohnerinnen und Bewohner. Da musste doch was machen, dachte ich. Zur Demo gehen, dich in den Sozialen Medien engagieren. Derweil prasselten die Früchte der kleinen Eiche neben der Künstlerbude aufs herbstwarme Blechdach. So laut und massenhaft wie nie zuvor. Eine Internetsuche zeigte, dass Eichen ohnehin erst nach einigen Dekaden Früchte abwerfen und da die Künstlerbude nunmehr etwa sechzig Jahre auf dem freien Land steht und der Windschutz erst Jahre nach Erbauen gepflanzt wurde, kommt das hin.

Ich sammelte Eicheln und keimte einen Teil davon. Einen anderen Teil verwandelte ich in einem aufwändigen Verfahren mit Wässerung und Rösten in Pulver, das als Kaffee gar nicht mal so übel schmeckt. Wenn man davon absieht, dass man pro Tasse Kaffee geschätzt etwa eine viertel Stunde Arbeit damit hat, könnte man einsteigen ins Geschäft mit dem Eichelnkaffee. Er schmeckt ein bisschen wie Malzkaffee.

Die schwarze Raupe, die mich zum Nachdenken über das Scheitern und den Erfolg anregte, kroch irgendwann vor Wochen quer über einen Teerweg – ich glaube, während meines Projekts, Bayern zu umradeln – und ich hatte sie längst wieder vergessen, bis ich vor zwei Wochen das Saarland umradelte und über Erfolg und Scheitern nachdachte.

Normalerweise könnte man ja ganz einfach sagen, Erfolg gleich gut, Scheitern gleich schlecht. Aus-die-Maus.

Ich hatte in jener Woche die Wahl, am Bayern-Projekt weiter zu radeln und die Strecke Lindau bis Königssee in Angriff zu nehmen auf dem über zweitausend Kilometer umspannenden UmsLand-Projekt, oder etwas ganz anderes zu machen. Gemütsmäßig war ich ziemlich angegriffen. Selbstwertgefühl im Keller und so war klar, ein Erfolgserlebnis muss her. Ich weiß nicht, ob es nachvollziehbar ist, dass, wenn man das Ziel hat, ein Land zu umradeln, es sich nicht gut anfühlt, wenn man dies in Etappen machen muss und immer wieder unterbrechen muss, um nach Monaten endlich die Runde zu beenden. Rein sportlich gesehen, ist es wahrscheinlich nicht so schlimm, dieses Gefühl. Aber da ich unterwegs schreibe und Kunst schaffe, ist jede Unterbrechung des ruhigen Reiseflusses ein Störfaktor. So erinnerte ich mich also des Saarlands, das, wie man so schön sagt, eine Größe etwa so groß wie das Saarland hat :-) (man verzeihe mir den Scherz). Das Saarland lässt sich in fünf Tagen bequem umradeln. Es sind nur 350 Kilometer. Der Radweg führt stets dicht an der Grenze und führt auch manchmal in die Nachbar-Regionen, Rheinland-Pfalz und Lothringen. An der Mosel verläuft der große Saarland-Radweg direkt an der Grenze zu Luxemburg. Der Radweg ist bestens beschildert. Man kann sich kaum verirren und braucht auch nicht zwingend eine Karte.

Reisen glättet das Hirn, hobelt die Sorgen weg, fokussiert den Blick, macht gleichmütig, stellte ich fest. Anfangs noch Streuungen von Alltag, was ziemlich ablenkte vom Denken, ging ab Tag zwei der Reise alles von selbst. Ich hatte nicht einmal vor, das volle Programm zu fahren und wie bei anderen Arbeitseinsätzen unterwegs zu schreiben und zu bloggen und zu fotografieren. Nun bin ich froh, dass ich es doch getan habe und in den fünf Tagen je einen Blogartikel und einige Tweets abgesetzt habe. Auch die Fotoserie kann sich sehen lassen. Vielleicht reicht es sogar, ein schickes Poster zu generieren. Doch das war nicht mein Ziel.

Ziel war es, das Land zu umradeln und mir so ein Erfolgserlebnis zu gönnen. Ich hab mehr erreicht, als ein Erfolgserlebnis einzufahren. Ich habe etwas erkannt: dass Erfolg und Scheitern nur Gefühle sind, trügerisch, und dass es einen vom Eigentlichen ablenkt, wenn man sich daran orientiert.

Die kleine schwarze Raupe, wie sie sich zusammenzieht, auf die Hinterbeine stellt, eine Wucht nach vorne gibt, auf den Vorderbeinen landet – was, wenn sie zwei Hirne hätte, eins hinten, das sich über die Mühen des Stemmens ärgert und eins vorne, das sich mit jeder Wucht, mit der der Körper wie durch Wunderkräfte vorwärts pulsiert, erregt freut über den Erfolg.

Hanebüchen? Okay, der Gedanke ist nicht ganz reif. Dranbleiben, Herr Irgendlink, am Raupenbild. Irgendwann ist es perfekt.

2012 hatte ich schon einmal versucht, das Saarland zum umradeln. Ich hatte das vergessen. Erst als ich die Einträge der Tour vor zwei Wochen nachschaute, entdeckte ich diesen Tourversuch. Gescheitert.

Man muss immer darauf gefasst sein, dass Größeres so groß ist, dass es unsichtbar wird. Dass die eigene Kraft, sich etwas vorzustellen zunächst nicht ausreicht, um genügend Antriebskräfte hervorzubringen, weiterzumachen und an diesem Größeren im Blindflug zu arbeiten, also ohne sich gleich einen Erfolg davon zu versprechen. Wie Früchte, die langsam wachsen. Wie Eichen. Wie schwarze Raupen, die einen Teerweg überqueren.

Als ich letztes Wochenende meine gesammelten UmsLand-Projekte in einer Grafik vereinte, wurde mir der Ansatz klar, was ich da begonnen habe. Ich montierte die GPX-Tracks, die ich mit dem GPS aufgezeichnet hatte mit einem Programm namens Viking in einer Karte. Rheinland-Pfalz, das südlich davon gelegene Tourismuskonstrukt Paminaland und das Stück Bayern. Dann kam die Überraschung, als ich das Saarland einfügte, also nicht die Grenzen, sondern die grenznahe bereiste Strecke. Erstaunt blickte ich auf ein neues Land, das zwischen meinen Routen im Entstehen ist, die Lücke zwischen den Eigentlichkeiten. Das Unsichtbare, an das niemand gedacht hate. Ein berauschender Moment wie ein Weltraumforscher, der ein Aha-Erlebnis zwischen zwei Nebeln hat und irgendwas mit Zeit und Raum faselt, aber es noch nicht so ganz versteht. Ich bin dem Geheimnis der Grenze auf der Spur.

Klar, braucht man das Balsam manchmal, um sein Ego zu beruhigen, das Balsam, im Glanz des Erfolgs zu stehen und etwas vorweisen zu können. Es würde sich jedoch viel besser arbeiten lassen, wenn man einfach nur arbeiten könnte an seinen Dingen und Projekten, ohne sich darum zu scheren, ob es honoriert wird.

Wie die siebzehn Eichen, die ich in meinem Kühlschrank großgezogen habe. Die Früchte sind aufgeplatzt. Fast alle recken einen winzigen Keim. Ich habe sie nun in Töpfe gesetzt, ganz wie es die Internetseite, auf der ich die Anzucht von Eichen recherchierte, empfiehlt.

Vielleicht gibt es in fünfzig Jahren schöne Bäume irgendwo. Ich werde das nicht erleben, aber mir ist klar geworden, dass ich gewirkt haben werde.

 

Der Spülmaschinenkommunist, seine geschirrtechnische Identitätslosigkeit

2012 gastierte der Mainzer Kunstverein in meinem Atelier. Sie organisierten ein Festival für Performance und ziemlich schräge Musik. Die Veranstaltung war so eine Art Barcamp mit Teilnehmern weltweit, sogar aus den USA und Taiwan waren Künstlerinnen und Künstler angereist. Die Unterbringung war spartanisch in Zelten im Garten oder auf der Bühne im Atelier. Alltagsleben und Kunstschaffen und ‚irgendwas mit Musik‘ machen fanden in mehreren vielschichtig miteinander verwobenen Parallelwelten statt, man könnte es Leben im Allgemeinen nennen.

Die Versorgung war selbstorganisiert und wegen der hohen Teilnehmerzahl brachte der Kunstverein sein eigenes Geschirr mit. Ich erinnere mich gut an den Moment, als jemand eine Kiste voller Besteck in meine eigene Besteckkiste kippte. Gabeln, Messer und Löffel aus zig Haushaltsauflösungen ergossen sich in mein eigenes Bestecksortiment, das aber ebensowenig lupenrein war, die das Sortiment des Vereins. Nie wieder würde ich die eigenen Bestecke aus den fremden Bestecken heraussortieren können. Ich bin ein verdammter Geschirrkommunist, der überhaupt keinen Plan hat, was von dem, das in seinem Schrank steht ihm selbst gehört und was jemand anderem gehört.

Hin und wieder kommt es vor, dass jemand mit einem schön geordneten Haushalt mir etwas zu Essen mit nach Hause gibt, vielleicht ein Stück Kuchen. Er oder sie packen es auf einen Teller oder in eine Tupperschüssel. Normale Menschen sagen im Fall danke, nehmen das Essen mit, essen es, spülen das Geschirr und geben es irgendwann zurück.

Nicht so wir Haushaltskommunisten. Durch die Unzahl durchmischten Geschirrs, das mittlerweile bei weitem nicht mehr nur aus Haushaltsauflösungen stammt oder von Landeshauptstadtskunstvereinen, habe ich geschirrtechnisch keine Identität. Ich bin sozusagen eine Sowchose des Kaffeekränzchens oder eine Kolchose  weltweiter Suppenkellen. Sobald ein fremder Gegenstand in meinen Haushalt gerät, verliert er seine kapitalistische Identität und wird in eine Kommune bunter, vielfältiger Tassen, Teller und Töpfe integriert.

Seit jenem Tag im Jahr 2012 warne ich diejenigen, die mit mir ‚irgendwas mit Geschirr‘ machen, dass es höchstwahrscheinlich niemals zurückkehrt. Wie sollte ich, ein Mensch ohne geschirrtechnische Identität, jemals erkennen können, was mir gehört und was nicht? Oder besser gesagt, ich erkenne ganz klar, was mir gehört, nämlich nichts und alles andere in meinem Geschirrbestand gehört entweder niemandem mehr, oder jemandem, der es arglos hat liegen lassen. Erst kürzlich fand ich ein Messer in meinem Besteckkasten, auf dem der verwaschene Name eines Freundes geschrieben stand; vier Jahre her, dass er zum Grillen da war und nichtsahnend eine Nudelsalatschüssel und ein paar Satz Bestecke einbüßte.

Jahr ohne Termin

Letzte Woche gegen Abend irgendwann. Ich setze einen Punkt im GPS, ungefähr achtzehn Kilometer von daheim entfernt. Luftlinie. Der Punkt liegt in Frankreich und man kann zu dem Punkt prima hinradeln – durchs Tal nach Hornbach und dann weiter entlang eines Rinnsals, ich glaube namens Schwalbach, immer nach Süden, bis man hinter einem Motorcrossplatz über zwei drei Berge ackern muss und zwei drei weitere kleinere Rinnsäler überqueren muss, ehe man an meinem markierten Punkt anlangt.

Was ist dort Besonderes? Etwa ein Schloss? Ein Geldspeicher? Eine Sehenswürdigkeit?

Ein Radweg. Dort ist ein Radweg, den ich letzten Frühling per Auto überquert hatte und mich wunderte, sieh an, ein nigelnagelneuer Radweg. Woher er wohl kommt, wohin er wohl führt?

Recherchen ergaben, dass es sich vermutlich um den grenzübergreifenden Radweg Pirmasens-Bitche handelt. Französische Bauart, schließlich ist mein Stück, das ich entdeckt habe ja in Frankreich. Mit schönen hölzernen Leitplanken und Pfosten, dort wo er die Straße überquert.

Seither liebäugele ich damit, mir den Weg genauer anzuschauen. Wie oft denke ich mich hinunter in die Regionalbahn von Zweibrücken zum Pirmasenser Hauptbahnhof, wo ich dann den Beginn des Radwegs suche und ihm folge bis hoffentlich nach Bitche. Das müssen gut vierzig Kilometer sein, schätze ich.

Und wie oft denkt mein Hirn dieses kleine Abenteuer zu nichte, indem es weiter phantasiert: und dann, in Bitche? Da haste keine Bahn, die dich wieder nach Hause bringt und wenn du nicht gerade die Hauptstraße radelst, sind es noch einmal vierzig Kilometer zurück, ganz zu schweigen von den vielen Hügeln, die dazwischen liegen.

Menschen, die auf dem Berg leben, sterben im Tal.

Dann kam mir die Idee, nur mal schnell zu dem besagten Punkt zu radeln, an dem ich den Radweg zum ersten Mal gesehen habe. Der, den ich in meinem GPS markiert habe. Von dort entweder nach Pirmasens zum Bahnhof, oder wieder zurück. Sollten nicht mehr als fünfzig Kilometer sein.

Ihr seht, wie erodierende Alpenströme haben meine Gedanken tiefe Schluchten in mein Hirn gegraben – und was hat das alles jetzt mit dem Jahr ohne Termin zu tun? Das wurde mir klar, als ich endlich losradelte. 

Verbarrikadierte  Kellertür mit Fenster, in dem sich das Haus gegenüber spiegelt
Wie verbarrikadiert stehen wir manchmal vor Hindernissen, nicht wahr haben wollend, dass dahinter eine weitere Realität existiert
 Wie sehr wir uns in einer eigentlich offenen und losen Welt doch immer wieder auf die selben wenigen Möglichkeiten einlassen, wie sehr wir unser zeitliches und räumliches Konstrukt durch Termine fixieren, so dass die eigentlichen Lösungen und Möglichkeiten, die tatsächlich vorhanden sind, gar nicht sichtbar werden.

Die Tour war klar abgesteckt, ich radele exakt die und die Strecke bis zu dem Punkt in 18 Kilometer Entfernung, schaue mir den Radweg an. Die Strecke ist schön und durch die viele Computerschufterei kann ich ein paar entspannende Radlerstunden brauchen, es sollte ohnehin nur etwa drei Stunden dauern, bis ich wieder zurück bin und wenn ich schon runter ins Tal radele, kann ich auf dem Rückweg bei genau dem Supermarkt noch einkaufen, ich brauche Brot.

Die ersten zehn Kilometer läuft alles nach Plan. Es gibt nur eine gute radeltaugliche Strecke, um Zweibrücken von Nord nach Süd zu durchqueren. Daran lässt sich nicht rütteln. Außerhalb folgt man am besten dem Bahntrassenradweg nach Hornbach.

Wie ich so dahinradele. Kanalisiert. Auf einem schönen geteerten Weg ohne Entrinnen.

Drüben am Waldrand gibt es einen ungeteerten Weg. Den hättste eigentlich auch nehmen können. Es hat lange nicht geregnet. Der fährt sich wie auf Mürbeteig.

Hornbach voraus. Schon fast 17 Uhr. Düstre Wolken von Westen. Bis zu meinem Punkt, an dem ich den Radweg gesehen habe sind es höchstens noch eine halbe, dreiviertel Stunde.

Das Hirn baut Berge.

Und es baut kühle Abfahrten.

Überhaupt, Frankreich, da hab ich keinen Datenpass.

In Hornbach gibt es mehrere Möglichkeiten, um zum Ortsausgang zu kommen. Vorbei an Spielplatz und Feuerwehr zum Beispiel, oder auch quer durch das kleine Klosterstädtchen, alle Strecken sind ungefähr gleich lang. Hinter der Stadt führt der Radweg weiter bis zur französischen Grnze und verläuft dort auf beinahe unbefahrenen Departementsstraßenwinzlingen. Sehr schön anzuradeln.

Ich nehme den Weg durch die Stadt und lande vor einer Bäckerei. Brot. Ich muss es nicht bei meinem Supermarkt kaufen, es ist ohnehin besser, hier in der kleinen Bäckerei einzukaufen, die Leute zu unterstützen und wahrscheinlich ist auch das Brot besser und überhaupt, es regnet vielleicht bald, komm, schau mal, da steht auch ne Parkbank, kauf Dir ne Bretzel, setzt dich ein bisschen hin, ruhe, die Berge, die da kommen sind steil.

Das ist aber eine ziemliche Abweichung vom Plan, denke ich mir. Und wenn ich schon mal dabei bin, abzuweichen, kann ich auch gleich ganz woanders hin fahren oder zurück, oder hier bleiben auf dem Parkbank mitten im Klosterstädtchen. Ab und zu fährt ein Auto vorbei. Hinter mir steht ein grünes Motorrad. Jemand parkt direkt vorm Eingang der Bäckerei, geht hinein.

Es wurde vermutlich noch nie ein Buch geschrieben, in dem sich der Held auf einer Bank gegenüber einer Bäckerei einrichtet, ein paar Jahre lang dort lebt und darüber schreibt, was so vorgeht in und um den Bäckerladen.

Ich denke über ‚Jahr ohne Termin‘ nach. So eine Art eins und eins zusammenzählen. Mein Termin heute ist der Ort, den ich mir auf meinem GPS markiert habe, die Radwegkreuzung irgendwo in Lothringen, um zu schauen, was das für ein Radweg ist.

Es ist ganz normal, dass wir Menschen Termine und Verabredungen machen. Das strukturiert unser Leben. Das macht das Zusammenleben erst möglich. Kaum einer von uns mag Termine, aber alle sind darauf angewiesen.

Das kanalisiert unsere Lebensströme, die ansonsten wild mäandrieren würden und das gesellschaftliche Zusammenleben in eine urwüchsige Sumpfwiese verwandeln würden.

Ohne Termine geht es nicht. Das ist mir schon klar, wie ich da sitze auf der Parkbank, Nusseck, statt Bretzel schmatzend, hinter mir ein grünes Motorrad, dessen Motor noch stinkt vom kürzlich erst gelaufen sein.

Das Jahr ohne Termin gaukelt mir schon seit ein zwei Jahren im Kopf. Ich hatte tatsächlich überlegt, einmal alle Termine abzusagen, Geburtstage, Weihnachten, Ostern, Arzttermine, Verabredungen usw. und die Zeit zu versuchen in ihren natürliches Flussbett zurückzubringen, oder sie ganz trockenzulegen.

Das Jahr ohne Termin scheiterte daran, dass es ja eines Termins bedurft hätte, es zu beginnen und dass es logischer Weise auch einen Endtermin, 365 Tage später gehabt hätte.

Auf meiner Bank, von der aus ich den Bäckerladen beobachte und die Turmuhr fünf schlagen lasse, wird mir plötzlich klar, dass es gar nicht darum geht, im Jahr ohne Termin keine Termine zu haben, dass es auch nicht darum geht, das kürzlich gesteckte Ziel auf genau dem Weg zu erreichen, den ich mir zurecht gelegt habe und dass das Ziel auch nicht zu dem Zeitpunkt erreicht werden muss, den ich dafür angepeilt habe. Mehr noch, ich muss nicht in dem Supermarkt einkaufen, es gibt zig Supermärkte in der Stadt, ich könnte sogar in dem Supermarkt in Hornbach einkaufen und meine Lebensmittel die fünfzehn Kilometer zurück nach Hause schleppen. Ein verlockender Gedanke. Der Hornbacher Lebensmittelladen ist viel schöner, als mein Stammsupermarkt.

Plötzlich werden mir die vielen Alternativen bewusst, die sich ergeben, wenn man nicht stur auf die geplante Route, den geplanten Termin, die eigene Vorstellung von dem wie das Leben sich bitteschön zu entwickeln hat, richtet.

Und das alles nur einen Steinwurf entfernt, parallel. Unter der Oberfläche.

Ich radele zurück. Nieselregen geht nieder.

Nun, da ich dies schreibe – der Text liegt mir seit der Radeltour auf der Zunge – weiß ich gar nicht mehr, in welchem Supermarkt ich eigentlich eingekauft habe und über welche Strecke ich zurück zum einsamen Gehöft kam. Ich erinnere mich, dass ich intuitiv irrend durch die Gegend radelte und am Ende etwa dreißig Kilometer auf dem Tacho standen.

Der Kühlschrank war voll und das Brot aus der Bäckerei im kleinen Klosterstädtchen schmeckte ungemein lecker.