Hysterisierung

Vielleicht wissen wir zu viel. Vielleicht glauben wir zu viel. Vielleicht glauben wir, zu viel zu wissen. Mein England-Bild ist entstanden aus Monty Pythons, Douglas Adams, Asterix, und den gängigen Gerüchten, die einem alltäglich mündlich überliefert werden. Und wenn ich nun über England schreibe, so wie ich es erlebe, gebe ich einem Fremden, der das Land nie besucht hat, doch nur eines jener gefilterten, subjektiv und emotional verstimmten Bilder wieder, die dazu beitragen, etwas Echtes mit den Augen eines Anderen zu sehen.

Ich rede mit den Menschen, denen ich begegne, frage sie über Sitten und Gewohnheiten manchmal ganz direkt. Die Enge zwischen den Zäunen habe ich noch nicht angesprochen. Dieses beklemmende Gefühl, dass man sich hier hinter Mauern und Zäunen verschanzt. Wovor schützen sie sich?, frage ich mich, wenn ich kilometerweit auf einem zwei Meter breiten Pfad zwischen Zäunen radele. Dahinter Weizenfelder. An den Radwegen sind meist Barrieren angebracht, die so schmal sind, dass ich das vollgepackte Rad nur mit Mühe durchquetschen kann. Zig davon passiere ich gestern. Vom Obstland durchs Gewächshausland ins Schafzuchtland radele ich durch eine hügelige Gegend an der Südseite der Themsemündung entlang. Schmale Countryroads ohne viel Verkehr. Das Vorurteil, die Engländer seien rücksichtslose Autofahrer, stimmt hier nicht. Ganz im Gegenteil. langsam fahren sie mit viel Abstand an dir vorbei, warten geduldig, bis du eine Engstelle passiert hast. Wie es auf den A-Straßen, vergleichbar mit Bundesstraßen, aussieht, weiß ich nicht. Für einige Kilometer bin ich kurz vor Whitsable vorgestern einem Radweg direkt an einer A gefolgt, konstatierte: eine französische Nationalstraße ist ein Schlafzimmer gegen das, was hier stattfindet. Heilfroh, den huckeligen Radweg neben der stark befahrenen Straße für mich zu haben.

In der Schafsgegend, die sich hinter Deichen im Marschland befindet, muss ich wie ein böser Wolf wirken mit dem vollbepackten Rad: wenn ich mich den Tieren nähere, jagen sie ängstlich davon. Rechts und links des Wegs sind Zäune, dahinter die Lämmer. Sieht von Oben aus, wie Schafslaola, wenn ich dort durchradele. Dabei tue ich ihnen doch gar nichts.

Vielleicht haben die vielen Sicherheitsvorkehrungen der Menschen, Vorhängeschlösser, Ketten, Gatter, Absperrungen, Warnungen vor dem Hunde, eine ähnliche Wirkung auf mich? Eigentlich gibt es nichts, was einen beunruhigen müsste, aber im Kopf bastelt man sich seine eigene Welt. Vielleicht sind die Menschen in dieser Gegend in einer Hysteriefalle gefangen: der Nachbar installiert eine Alarmanlage und neulich habe ich in der Zeitung von einem Einbruch in Sittingbourne gelesen, sollte ich wohl auch eine Alarmanlage einbauen? Und mit jedem neuen Tor, mit jeder neuen Alarmanlage, dreht sich der Hysteriestrudel schneller, saugt jeden, der ihm zu nah kommt, abwärts ins dunkle Reich der Angst.

Wir „wissen“ zu viel, das wir nicht richtig einordnen können und verschieben somit das reale Bild, das in aller Klarheit vor uns liegt, in ein abstruses kollektives Wahnbild. Sei es nun hier im friedlichen Kent, oder da draußen in der großen weiten Welt. Wenn irgendwo ein Schiff sinkt, ein Flieger abstürzt, wird plötzlich das individuelle Gefühl für die Sicherheit von Flügen und Kreuzfahrten getrübt und man fühlt sich nicht mehr wohl. Obwohl sich äußerlich gar nichts geändert hat. Flieger stürzen immer mal ab und der Meeresboden ist voll von den wenigen, die havariert sind im Vergleich zu den vielen, die dies nicht tun.

Bei den Churchview Cottages steht eine Parkbank, auf der ich mich ausruhe, fein gepflegter Rasen, keinerlei Verbotsschild. Die Gegend kurz vor Rochester und Canham wirkt offener, ein Idyll, wie man es aus Inspektor Barnaby-Filmen kennt. Eine Weile ruhe ich mich aus, trinke, esse. Vom nahen Cottage schlendert ein Mann herüber, lächelt, wir kommen ins Gespräch. Ja, doch, das sei schon Privatgrund, aber das wäre okay, dass ich hier ruhe. Ich könne auch auf seiner Weide zelten, wenn ich möchte, offeriert mir Tim, der Landschaftsgärtner. Um das Land zu verstehn, muss ich mit möglichst vielen Menschen reden, ihre eigene Einschätzuung hören. Ein Einzelner kann dir nie die tiefgründige Wahrheit vermitteln, die du erhältst, wenn du die Vielzahl von Stimmen wie in einem Chor hörst. Tim und seine Frau Lynn geben mit Kaffee und Kekse und drucken mir von ihrem PC Karten aus bis Rochester, empfehlen mir ein Hotel, was ich als so eine Art Fügung ansehe: Tu das, was dir die „Engel“, die wie aus dem Nichts auftauchen sagen. Rochester sei eine sehr schöne, kulturelle Stadt mit Castle und Kathedrale.

Zuvor durchquert man Canham, eine Studentenstadt, sehr sauber, sehr aufgeräumt. Das „Steamfestival“ hat just an diesem Ostersonntag stattgefunden mit Oldtimer-Korso und einem Fest in den alten Docks. Ich umradele einen südlichen Seitenfluss der Themse, dessen Name mir gerade nicht einfällt. Dank Ebbe liegen viele Boote auf dem Trockenen. Die Cycleroute 1 führt direkt durch Rochester, ich muss dort die Brücke nehmen, denn der 1996 eröffnete Medlway Tunnel ist für Radler, Pferdegespanne und Fußgänger gesperrt.

(entfipptehlert und gepostet von sofasophia)

13 Gedanken zu „Hysterisierung“

    1. Sonja, gerne.
      Nachtrag: da ich ohne Karte Reise und mein Hirn die Ortsangaben verschusselt, schleichen sich Fehler ein: es heißt Chatham und nicht Canham und die Gegend ist offenbar nach dem ca 30 km langen Themseseitenfluß Medway benannt. Ein gut recherchierender Reisejournalist wird aus dem Irgendlink wohl nie.

  1. Ich erinnere mich, als das 1. Mal an der Wieslauter gekentert war, waren die Anwohner total nett, später wollten sie dort keine Paddler mehr haben. Das hängt vielleicht mit dem Verhalten der Sportler zusammen. Der Radweg wird ja sicher bei sommerlichem Wetter reichlich genutzt.

  2. Wo ist denn Canham? Muss ich gleich mal googeln, den Namen kenn ich nicht. Es ist total interessant was du über deine Eindrücke schreibst. Ich kenne eigentlich nur die Großstädte, das sog. „Hinterland“ hat sich mir noch nicht erschlossen, von gelegentlichen Autofahrten durch die Landschaften einmal abgesehen. Auch das Verschlossensein der Engländer fiel mir bisher nicht so auf, aber jetzt wo du es sagst … tatsächlich erinnere ich mich auch an viele Zäune. Von der Mentalität her würde ich die Menschen aber nicht als verriegelter sehen als Deutsche. Allerdings bin ich Süddeutsche, da ist man, was Offenheit betrifft, auch ein bisschen eigen. ;-)

    Grüße an Inspektor Barnaby, solltest du ihm begegnen! (Dann nimm aber die Räder in die Hand, bevor du ermordet wirst) ;-)

    Anette

    PS: Liegt Todmorden auf deiner Strecke?

  3. Aha, es klappt also doch mit der Kommunikation auf englisch. Ich glaube fest daran, dass Lynn und Tims so selten nicht sind….auch wenn immer einzigartig, versteht sich.
    Sonnige Kontinentalgrüße und gute Fortsetzung
    wünscht
    frau freihändig

  4. hysterisierung durch zu viel information… da ist wohl ne menge dran! mit ein grund sich von zu viel medien fern zu halten…

    und „Schafslaola“ ist GROSS – kann mich nur Sonja anschließen, mit ALLEM

    by for now, sleep well

  5. 1 – Und dann könnte man einen Zettel an einen Zaun kleben und fragen „ist das nur hier so oder in Südwestengland auch … bin ich hier in einer besonders zaunreichen Gegend unterwegs oder ist „England an sich“ so … ich mag es, mir Dir England zu entdecken und bin auch erst mal verwirrt. Zwar ist es Deine Verwirrung, die sich zu mir kopiert, aber ich weiß, dass Du relativieren kannst und wirst, wenns denn einen Grund dafür gibt … Du bist mir objektiv genug, dass ich die ersten Impressionen so stehen lassen kann.

    2 – vielleicht gibt es eine Verbindung zwischen Rücksicht und Zäunen … dort, wo die Autofahrer beginne, rücksichtslos zu sein, werden auch die Zäune fallen ?

    3 – ich will, dass Du Bohnen zum Frühstück isst … aber vielleicht muss ich bis Schottland warten ;).

    1. 3 Engelbert, ich esse Bohnen, wann immer es geht. 2: das Bild werde ich relativieren. Kent ist genauso wenig allgemeingültig für England, wie die Pfalz für Deutschland

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