Heilung

Gestern Abend habe ich ernsthaft überlegt, mit dem Livebloggen aufzuhören. Ein bisschen komme ich mir vor, wie sich vielleicht ein Chirurg vor Kommen mag, der am offenen, pochenden Herzen operiert. Die direkt ererzählte Geschichte unter Kontrolle zu halten, ist unmöglich. Ich mache Fehler. Nicht nur, dass ich die Namen falsch schreibe und fipptehlere und auf Recherche verzichte – ich mache menschlich schwer vertretbare Fehler. Dass ich den Stinkmann ‚Stinkmann‘ genannt habe, ist das, was ich am meisten bereue. Ich sehe ihn noch vor mir in der kalten Stadtherberge.von Logroño, kalt, weil aus Betpn und weil sie sich anfühlt, wie die Gropiusstadt im Januar. Sehe seine müden Augen und erst jetzt und weil Thomas mich darauf gebracht hat, erkenne ich, dass es sich einfach um einen Menschen auf dem Weg zur Heilung handelt.
„Wenn er aber stinkt und ein Mann ist, kannst du ihn auch Stinkmann nennen. Das simd Tatsachen. Und dies ist ein Tatsachenbericht,“ würde wohl der pragmatische Konzeptkünstler R. sagen, “ auch ich war einst Stinkmann umd du wirst es auch bald sein, ja , sogar Laura wird irgendwann Stinkmann sein.“
Herrlicher Konzeptkünstler R.
Gestern SMSte Laura aus Sto Domingo, dass er bei ihr im Zimmer sei und dass es sein letzter Pilgertag sei. Thomas und ich waren ein bisschen traurig. Heilung soll man nicht unterbrechen.

4 Gedanken zu „Heilung“

  1. Lieber Irgendlink,

    ich denke, deine Befürchtungen sind unbegründet. Sieh’s mal so: für uns Liveblogstammleser/innen ist Stinkmann doch eine völlig anonymisierte Person, ähnlich wie die Personen in einem Roman. Wir wissen zwar, dass dieser Mensch gerade auf dem Camino Frances unterwegs ist, dass er unangenehm riecht und dass er mit seinem Messer auf seinen Schuh einsticht… Würden wir ihm aber im real life begegnen, niemand von uns würde ihn erkennen. Du hast den armen kranken Mann also keineswegs hier im Blog „verraten“ oder was auch immer. Du hast uns lediglich erzählt, wie du den Camino Frances erlebst und welche Personen du auf dem Weg triffst, und du brauchst dir deswegen ganz bestimmt keine Vorwürfe zu machen. :)

    Und ganz ehrlich: ich glaube, wer letztlich in Santiago ankommt, der stinkt immer, und seine Wanderschuhe erst Recht! ;) Es sei denn, man „pilgert“ mit organisiertem Gepäcktransfer, riesigem Schrankkoffer und übernachtet unterwegs ausschließlich in Hotels mit Bad und Dusche. Das soll’s ja tatsächlich geben… aber ob das dann noch eine „echte“ Pilgerwanderung ist? ;)

    Jedenfalls vielen vielen Dank für deine Texte! Es ist einfach schön, von deinen Erlebnissen zu lesen und die tollen Bilder anzuschauen!!! Wenn du das Pilgerweg-Live-Bloggen einstellen würdest, würde mir echt was fehlen. :)

    Liebe Grüße aus der immer weiter einschneienden Heimat (inzwischen liegt hier schon über 10 cm Schnee!),
    und dir weiterhin einen guten, schmerzfreien und erlebnisreichen Weg,
    Andrea

  2. Pingback: AxeAge

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