Der Letzte schließt das Klavier ab.

2.58 Uhr. Zu Hause. YeahYeahYeahs dudeln die unbequeme FeverToTell. Noch immer total aufgekratzt von der Kleinkunstveranstaltung, welche heute Ihr Debüt gab im Nachbarstädtchen S. Seit fast vier Monaten arbeite ich an dem Ding im Amt ohne Wiederkehr und kann mich somit als Mitorganisator betrachten. Wohl deshalb war ich so erpicht darauf, mich wieder gesund schreiben zu lassen, denn ich bin eine projektversessene Kulturorganisatorensau, die nichts lieber tut, als sich im Gewimmel zwischen Kunst und allerlei Schillerlei zu suhlen. Da pulst das Herz, wenn es endlich losgeht und die Dinge, die man monatelang im Kopf geplant hatte, in Datenbanken ausformuliert und von Werbefachleuten in buntes Schnickschnack hat verwandeln lassen, wenn diese Dinge endlich rollen. Natürlich chaotischer erster Tag. „Das ist immer so,“ sagte Kollege Journalist F., „der Eröffnungstag der Veranstaltungsreihe ist der härteste. Hier merzen wir die letzten Kinderkrankheiten aus.“ „Antiquierte Hardware trifft auf moderne Antivirensoftware“, gab der weise Journalist aka Moderator F. auf der Bühne dem knapp 900-köpfigen Publikum zu verstehen. Dennoch war es gelungen, sämtliche Eintrittskarten auszudrucken und die Gäste auf ihre feinen Kleinkunstguckplätze zu bugsieren – wie jedes Jahr, gab es genau vier doppelt belegte Plätze, was zu Missmut führte, ein Bug im System? Ein Spaß der großen Systemebastler? Monsieur Irgendlink, moi meme, vertröstete die Unglücklichen in einen undimensionalen Raum in Reihe drei, von dem niemand etwas wissen darf, der aber eigens dafür eingerichtet ist, schwierige Gäste oder solche, die einfach nur Pech hatten, etwas Wellness zu vermitteln – und besten Blick auf die Bühne naturellement.

++Morgens um 9 erklärte mir Chef R., dass es ihm nicht gelungen war, meinen demnächst vakanten Posten in die Ausschusssitzung zu bringen, damit mein Vertrag endlich verlängert wird. Vielleicht hat es etwas mit dem langen Kranksein zu tun oder mit der allgemeinen Trägheit im Amt und dass dort keiner so recht weiß, wie es im chronisch unterbesetzten Amt ohne Wiederkehr weitergehen soll. Ich zuckte mit den Schultern und war nicht überrascht. Fakt ist, dass ich in zwei Wochen arbeitslos werde. (Hätte ich mich also diese zwei Wochen getrost krank schreiben lassen können, wie es die Ärzte gestern empfohlen hatten?) Nein! Ich kann den lieben Kollegen und Freund, Journalist F. mit der Veranstaltungswoche nicht im Stich lassen. So einfach ist das. Außerdem bin ich neugierig, das Ding, an dem ich die letzten Monate gearbeitet habe zu sehen, zu erleben, wie es wahr wird. Endlich. Da kehrt der Künstler zurück, der die Dinge tut, weil sie ihn interessieren und nicht deshalb, weil er für irgend etwas belohnt wird. Es war schon immer mein Credo, dass der Mensch nur dann glücklich ist, wenn er tut, was er tut, weil er es tun will und nicht, weil er sich mit dem bisschen Geld zufrieden gibt, das man ihm gibt, damit er tut, was er tun soll. Die Putzfrau putzt nicht, um zu putzen, sie tut es, weil sie Geld dafür kriegt. Deshalb kann sie nicht glücklich werden im Beruf. Aus ähnlichen gründen heilen manche Ärzte nicht, weil sie heilen wollen und Bankmanager managen keine Banken, weil sie Banken managen wollen, wie auch Politiker nicht politiken weil sie politiken wollen. Nur Künstler künstlern weil sie künstlern wollen. Dies ist eine Heiligsprechung.

++Pfützenübersäter Marktplatz, den ich in gewagten Sitesteps überquere, um fürs Amt ohne Wiederkehr ein paar Besorgungen im Rathaus auf der gegenüberliegenden Seite zu machen. Die lange Krankheit, der Aufenthalt in der Anstalt im sechsten Stock hat mich dermaßen durcheinander gebracht, dass ich vergesse, es ist Freitag, da arbeitet um 12 Uhr niemand mehr im  Rathaus. Fünf vor zwölf grinst mich der Hausmeister an und schließt die Tür. Ich kann gerade noch bei Frau M. vorbeischneien, die unter lautem Stöhnen mit einem Skalpell Namenscchildchen ausschneidet und jammert, die Woche sei ja viel zu schnell vorüber gegangen und es gäbe noch einen Rattenschwanz zu schuften, „was für ein Gulag,“ sagt sie. Das gefällt mir, wenn Frauen sagen, „Was für ein Gulag“. So ein Mist, dass der Job nun bald endet. Hier im Rathaus könnte man sich mit den Damen wirklich prima bespaßen, hatte ich schon beim Geburtstagsfest des OB bemerkt, dass es so eine Art geheimen Fickmarkt geben muss in dem Rathaus. Man muss sich nur debil dreinschauend bei solchen Festen in eine Ecke hocken und so tun, als kriegt man nichts mit, dann kann man die Gespräche belauschen und das Gezeter, wer mit wem was macht und sich heimlich trifft, bzw., man wird ausgefragt, ob man ledig sei, schwul, Kinder habe und wie alt. Die Kollegin M. ouh ja, was wir einen Spaß haben könnten und erst die andere Kollegin am Bürotisch gegenüber, ein Menschenleben könnte ich im Rathaus verbringen, ohne, dass mir langweilig würde. Durch traurigen, langanhaltenden Septemberregen laufe ich zurück zum Amt ohne Wiederkehr.

++Überhaupt: das Amt ohne Wiederkehr gilt als die Strafabteilung in der Stadtverwaltung. Wer hier hin versetzt wird, verliert jegliche Privilegien, muss nachts arbeiten, am Wochenende, zu unmenschlichen Zeiten (hatte Monsieur Irgendlink erwähnt, dass er gestern von 9 Uhr früh bis heute 2 Uhr nachts ohne Pause im Dienst war). Das Strafbataillon im Haus U., welches wie ein Aussätzigenlager dem Rathaus im Städchen S. gegenüberliegt auf der obskuren Seite des Marktplatzes.

++Nachmittags denke ich, ich breche zusammen. Die Regenschauer haben eine Pause eingelegt und ich gönne mir gegen 15 Uhr ein bisschen Ruhe. Da das Amt ohne Wiederkehr wegen finanzieller Differenzen einen Krieg mit der Catererin angezettelt hat, ist es nicht empfehlenswert, das Cateringbuffet ohne Vorkoster zu probieren. Ich kaufe in einer Bäckerei zwei Bretzeln und eine Apfeltasche. Auf dem Weg durch die Stadt schliddere ich mit den Ledersohlen edelster Schuhe über den Asphalt. Ich fiebere, fühle mich nicht wohl und zweifele erstmals, ob es richtig war, direkt aus dem Krankenhaus solch einen harten Tag anzugehen. Nach der Apfeltasche geht es mir besser. Ich beobachte die Künstler beim Soundcheck und döse ein wenig in der gähnend leeren Stadthalle. Genug Zeit, zu verschnaufen. Kurz vor Publikumseinlass prasselt ungehemmter Stress über die gesamte Crew. Der Kassencomputer schmiert ab, 900 Gäste begehren Einlass, Freund und Journaist F., göttlichster Windows-Administrator aller Zeiten rettet die Maschine und gewinnt den Kampf der antiquierten Hardware gegen das moderne Antivirenprogramm, um sodann die Moderation auf der Bühne zu übernehmen. Wie ein leichtfüßiger Jongleur löse ich Backstageprobleme und pflege die Künstler wie tausendjährige Bonsai-Buchen aus der südlichen Mandschurei.

++20 Uhr platzt der Knoten und die Veranstaltung fließt in ruhigem Strom dahin. Hausmeister M. überreicht mir einen Schlüsselbund: „Fürs Klavier. Du musst es nach dem Festivalclub abschließen und die Kunstlederdecke darüber ziehen.“ Vor meinem geistigen Auge steht ein Gerät von unschätzbarem Wert mit Elfenbeintasten und goldenen Pedalen und Saiten aus dem Gedärm außerirdischer Lebewesen, die einen Klang von gar entzückendem Frieden hervorbringen. Paar Probleme zwischendurch gelöst, mit Künstlern, Jurymitgliedern und wichtigen Leuten gut Wetter geredet und schließlich entgegen jeglicher Warnung durch die Kollegen das Buffet doch noch probiert. Wenn das Amt ohne Wiederkehr im Krieg steht mit der Catererin, ist es durchaus möglich, dass sie aus Wut ins Essen spuckt. Hirn sagt: Auf fünf Kilo Essen fällt ein bisschen Spucke überhaupt nicht auf. Mjammjam.

++Gegen 24 Uhr alles vorbei. Die Hartgesottenen treffen sich im Festivalclub, wo Moderator T. mit den Künstlern des Abends allerlei Hintergründe recherchiert und die Gäste im Club intime Fragen stellen dürfen. Monsieur Irgendlinks Aufgabe ist es eigentlich nur, stillschweigend daneben zu sitzen und anschließend die Rechnung abzusegnen, denn alle werden eingeladen. Naturellement. Ach und da war noch etwas, was bloß?

++Die seltsame Magnifikanz von Männern mit Namensschildern. Merke: wenn Du Sex haben willst, kaufe Dir einen Sakko und hefte ein Namensschild mit dem Untertitel Veranstaltungsorganisation oder so ähnlich ans Revers. Gehe zu einer kulturellen Veranstaltung. Halte dich in der Nähe der Toilette auf. Hütde dich vor Borderlinerinnen.

++Gähnend müder Irgendlink konnte die Rechnung im Festivalclub (im Restaurant, welches der Catererin gehört) auf moderate 53,40 Euro dimmen (da staunst, Journalist F., und verstehst die Welt nicht mehr, gell). Etwas ist im Busch. Die Rechnung beträgt normalerweise ca. 150 Euro, hatte Journalist F. mich gewarnt.

++Der Damokles-Schlüssel zum Klavier, ach was, Klimperkasten muss man das Ding nennen, hängt an einem Rosshaar über meinem Schädel. Verflixt: Klavierspieler R. „Seit Menschengedenken beglückt er die Gäste im Festivalclub mit seinen Melodien“ spielt versonnen bis spät in die Nacht. Und Monsieur OberArschkartenzieher Irgendlink trägt den verflixten Schlüssel, mit dem man das Ding gegen unerlaubten Tastenzugriff sichert …

++Nun, nach diesem aufreibenden Tag endlich müde geschrieben. Es ist vier Uhr zehn. Ich höre Bobby Conn.

Ein Gedanke zu „Der Letzte schließt das Klavier ab.“

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