Es gibt ja so viele Ermäßigungsarten für die Karten des Kleinkunstfestivals. Eine lautet, Menschen mit einer körperlichen 100 prozentigen Behinderung dürfen eine Begleitperson mitbringen, die keinen Eintritt bezahlt. Was aber macht diese Begleitperson, wenn ihr Schützling krank ist und nicht an der Veranstaltung teilnehmen kann? Jene Frau, die ihren behinderten Mann begleiten wollte, aber, da er ja wegen Krankheit verhindert ist, sagt sie, sie hätte gerne seine Eintrittskarte umgetauscht gegen Bargeld, sie könne ja auch alleine zur Vorstellung mit ihrer gratis Begleitpersonenkarte. Haste Worte.

++Chef R. stöhnt, er sehe schlecht in letzter Zeit und brauche für jede Kleinigkeit eine Brille. Such dir eine Frau mit größeren Brüsten, sagt nassforsch Monsieur Irgendlink.

++Journalist F. ist der einzige Mensch, den ich kenne, der sich mit einem Puls von unter 70 und einem traumhaft niedrigen Blutdruck auf die Bühne traut, um vor 900 Gästen zu moderieren. „Ich hatte einmal einen Auftritt auf einem Kinderdreirad, auf dessen Gepäckträger ein Korb mit Lyonerwurst gepackt war. Vor 400 Gästen kreuzte ich Tatütata rufend auf der Bühne. Das ist der Grund, warum ich kein Lampenfieber habe.“ – „Du warst sicher ein niedliches Kind und deine Eltern haben sich riesig über den Auftritt gefreut.“ – „Ich war über Dreißig, als ich das gemacht habe.“

++Eine der Künstlerinnen kommt mir während des Festivalclubs ziemlich nah. Gefällt mir. Aber mein kaltes Veranstalterherz wird von einem messerscharfen Verstand beherrscht und als die Runde gegen zwei Uhr nachts eskaliert und sich uralte dicke Alphamännchen zu uns an den Tisch gesellen, die über mich hinweg an der Künstlerin graben, bestelle ich die Rechnung, bin unhöflich und verlasse das Restaurant. Im ewigen Satirefestival-Kartenspiel gilt: der Trumpf ein Schildchen an der Brust zu haben mit der Aufschrift Veranstalter oder so ähnlich, ist nur ein mittelhoher Trumpf gegen den Trumpf, ein Jurymitglied zu sein. Von den beiden Alphamännchen war nunmal eines Jurymitglied und das Andere ein Ex-Jurymitglied. Die nette Künstlerin muss sich nun, da ich einsam diese Zeilen tippe mit den Typen über den Unterschied zwischen barockem Katholizismus und prüdem Protestantentum unterhalten.

++Kollege B. fühlt sich pudelwohl am Künstlertisch und gießt drei Asbach in kürzester Zeit und drei Weizenbiere, wird schließlich so laut, dass es mir ein bisschen peinlich ist, kippt aber Kraft des Alkohols und trollt sich zu Fuß nach Hause, nicht ohne mir vorher zu predigen, mach dich mal locker, Irgendlink, du bist immer so uncool. So als würde ich nicht in die Runde passen. Recht hat er. Aber um die schwarzhaarige Künstlerin tut es mir trotzdem leid.

++Kurz vor Einlass rufe ich Journalist F. an, der gerade an der Dialyse hängt. Telefonisch lösen wir ein Eintrittskartenproblem. Ich bin ziemlich aufgekratzt, weil ich nur drei Stunden Schlaf hatte. Ringe unter den Augen. „Oh Herr“, denke ich und stelle mir den Kollegen Journaiist F. einhändig an seinem Netbook in der Dialysestation vor, umzingelt von klinisch Weißem und von Schläuchen und von Piepstönen, „wir sind Kulturzombies.“ – „Es ist eine Frage der Erziehung, ums Verrecken funktionieren zu wollen,“ sagt Journalist F.

3 Gedanken zu „“

  1. Zum Glück wurde Kulturorganisator Irgendlink noch rechtzeitig von seinem unmorlischen Vorhaben abgelenkt. Denn die beiden Künstlerinnen des Abends waren mit Sicherheit Kampflesben erster Güte… Wenngleich mit viel Schminke und Tricks zu betörenden Sirenen verwandelt. Eine Falle für testestorongesteuerte Männer, die dann erbarmungslos zuschnappt.
    Aber heterosexuelle Männer sind in der Regel schrecklich naiv, wenn sich eine Frau auf der Bühne auszieht und ihr Tatoo am Allerwertesten präsentiert.

  2. „Wollen Sie sich jemandem annähern,“ empfiehlt das Trio, „laden Sie ihn nicht profan zu einem Getränk ein, sondern fluten Sie die Straße, in der der Mann oder die Frau Ihrer Träume wohnt und gleiten Sie bei Sonneuntergang mit einer venezianischen Gondel vorbei.“

    Glaub an dich! Auch du kannst es schaffen.

    > so jedenfalls stehts in der ausschreibung! ;-)

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