Antibiose der Hosentaschenpilger

Kollege T. und ich erzählen überall herum, dass wir den Jakobsweg pilgern wollen. Im Grunde stimmt das ja auch. Bei DIA-Vorträgen erzählen wir es und in Kaufmannsläden, auf der Straße und beim Fahrradhändler. Wenn wir in Gaststätten sitzen, erzählen wir darüber, in der Hoffnung, die am Nachbartisch kriegen das mit. Wir sind zwei verruchte Kerle. Unser neues Hobby ist nämlich, potentielle Pilger, oder solche, die es schon getan haben, in Gespräche zu verwickeln und auf diese Weise unseren Durst nach Ferne zu stillen. Wir sind so genannte Hosentaschenpilger. Der Fahrradhändler hatte T.s Nummer einem gewissen S. gegeben, der wolle Ende April mit dem Radel los und suche noch Gleichgesinnte, um sich Mut zu machen. Also verabredeten wir uns heute mit S. in einer Kneipe an einem Weiher.

Auf dem Weg dahin wollte T. noch zwei Briefe einwerfen. „Einer muss zum Hochrech und der andere in die Morizstraße. Weiß nicht, wo der Hochrech ist.“ „Aber ich weiß es“, gab ich zum Besten, „ich kenne die Moritzstraße nicht.“

„Wenn man aus uns beiden Einen machen würde, wäre das der perfekte Mensch“, lachte T. Ich schaute an ihm hinunter. Seine Hose war blitzesauber, aber sein Hemd war schmutzig. Im Gegenzug war mein Pullover sauber und meine Hose schmutzig. Kollge T. ist Linkshänder, ich Rechtshänder. „Stimmt“, sagte ich. Man könnte einen perfekten Kerl schaffen, der weiß wo Hochrech UND Moritzstraße ist UND saubere Kleider trägt. Der Andere wäre ein ekelerregender Messie mit zwei linken Händen, der im eigenen Kot lebt, trinkt, säuft, furzt und sich nie wäscht“. Spitzbübisch jubilierte T.: „Der will ich sein.“

Wir radelten Richtung Hochrech. „Wenn Du der wärst, kämst du aber nie an, weil du in der nächsten Spelunke hängen bleiben würdest“, sagte ich. Wir erledigten den Hochrech-Job. Da zückte T. einen weiteren Brief, „der muss zum Ostring, scheiße.“ „Warum scheiße?“ „Weil der nicht auf dem Weg zur Moritzstraße liegt.“ „Dann fahre ich zum Ostring, du in die Moritz. Später treffen wir uns beim Geocache Oblomow, der liegt genau in der Mitte. Wo issen der Ostring?“ „Die Symbiose ist offenbar noch nicht abgeschlossen“, sagte T., „wenn du alle guten Eigenschaften hättest, wüsstest du, wo er ist.“

Wie auch immer. In meinem Kopf formulierte ich ein ganz ähnliches Modell, wie man es kürzlich zur Sanierung von Banken angeregt hatte: Eine dreckige, verruchte, korrupte Bank sollte gegründet werden, die von allen anderen Banken die faulen Kredite übernimmt, damit die in ihren Bilanzen gut dastehen. Inhaber der Bank sollte der Steuerzahler sein, weil man ihn so prima knechten kann und es ist ja auch besser, von vielen armen Schluckern ein klein wenig zu nehmen, als von wenigen Schwerreichen ganz viel. „Genauso funktioniert unsere Symbiose, sagte ich, wobei es eigentlich nicht Symbiose heißen darf, sondern, ähm, wie eigentlich?“ „Apobiose oder Antibiose“, schoss T. heraus. „Klingt gut. Aber das kannst du als dreckiger, verruchter Bastard ohne jegliches Hirn doch gar nicht wissen.“ „Wie gesagt, die Antibiose ist noch nicht abgeschlossen. Gib mir endlich deine speckige Jeans.“

Später trudelten wir beim Treffpunkt mit Pilger S. ein. T. legte als Erkennungszeichen den Pilgerführer auf den Tisch und ich malte eine Jakobsmuschel auf Papier. Der Wirt gab sich ebenfalls als Pilger zu erkennen.

Mein Gott sie sind überall!

T. und ich sind die Einzigen, die noch nicht gepilgert sind. Aber dafür können wir eine Menge davon erzählen. Zumindest ich, denn die Antibiose ist jetzt abgeschlossen.

Prost, Kollege T. mit den verruchten Jeans, die einmal deinem Alterego gehört haben, Prost mein Junge.

Ein Gedanke zu „Antibiose der Hosentaschenpilger“

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