Wie ich einen Palast betrat und aus einer schäbigen Hütte hervor kroch

Bilderrahmen. Ich brauche Bilderrahmen. Schöne, wertige Alurahmen mit echtem Glas. Wenn ich Glück habe, verkaufen sie sie mit passendem Passepartout und ich habe keine Arbeit. Einfach Bild rein, zuklipsen, fertig.

Nicht zu teuer sollten sie sein, aber der Preis spielt keine Rolle, wenn die Qualität stimmt. Ich kenne die Rahmen mit den klangvollen schwedischen Namen von früher. Es war ein Fest, vor zehn, fünfzehn Jahren in den Laden zu gehen, den Einkaufswagen vollzupacken mit durchaus wertigen Bilderrahmen. Echtes Holz oder Alu und echtes Glas. Sauber geputzt, entgratet.

So mache ich mich auf eines morgens zur Ausstellung, die ich aufbauen will, mit einem Schwenk vorbei am Rahmendealer. Dauert nicht lange. Ein en Passent Kauf. In Gedanken war alles ausgeklügelt: Pickup Bilderrahmen, rüber zur Ausstellungshalle, Bilder in Rahmen. Aufhängen. Fertig.

Trister Tag, zehn Uhr früh. Leerer Parkplatz vor riesigem Palast, in dem es neben Rahmen auch allmöglichen Tand zu kaufen gibt. Teelichte, Kaffeekannen, Handtücher, Bettlaken, einfach alles, was das Konsumentenherz begehrt. Auch Möbel. Man kann sich das Interieur seines kompletten Einfamilienhauses in diesem Laden zusammenstellen. Ein Paradies, das auf den unvoreingenommenen Fremden wirkt wie aus purem Gold gebaut.

Auto parkt direkt vorm Eingang. Ist noch nicht viel los. Der Laden öffnet erst um zehn.

Wo, bitteschön geht es zu den Rahmen, frage ich an der Info. Von früheren Besuchen weiß ich, dass man als braver Besucher eigentlich sämtliche Abteilungen des Geschäfts in labyrinthischer Querulanz durchlaufen muss, um zur Kasse zu kommen. Aber ich weiß auch, dass es geheime Abkürzungen gibt. Unscheinbare Türen zwischen den Abteilungen für Ehebetten und Küchen, die man nur mit scharfem Blick erkennt und an denen warnende Schilder hängen: Durchgang verboten. Nur für Mitarbeiter.

Die Frau an der Info sieht sich ängstlich um und es ist wohl der Frühe der Stunde geschuldet, dass sie eine Ausnahme macht und das Geheimnis verrät: Bis zu den Küchen, dann  die Tür zur Caféteria nehmen und dann …

Ich tigere los. Hab ja kaum Zeit. Im Kopf rahme ich ohnehin schon die Bilder in feinstem Alu hinter Kristallglas. Bei den Teelichten widerstehe ich, obschon es sie in grün, rot, blau und allen anderen Farben im Hunderterpack zu kaufen gibt. Unverschämt billig.

Die Rahmenabteilung hat die gefühlte Größe eines Fußballfelds. Fein sortierte Regale. Unheimliche Preise, bei denen man sich fragt, wie ist das denn möglich!? Sooo billig! Kaufrausch. Musste zugreifen, Mann. Jetzt!

Ich lade die benötigte Menge in den Einkaufswagen und noch ein paar mehr. Man weiß ja nie. Werde stutzig. Die Dinger fühlen sich leicht an. Glas ist schwer. Mit dem Fingernagel kratze ich die Folie auf und unter der Folie die Schutzfolie, bis ich auf Acryl stoße. Ich unglücklicher Golddigger, ich. Meine Goldader ist ein schäbiger Scheiß aus Irgendwas. Ganz bestimmt kein Glas. Dabei sehen die Dinger genauso aus wie die Glasrahmen, die ich vor fünfzehn Jahren gekauft habe. Auch die Namen sind gleich wie früher. Der Preis sogar günstiger. Auch das Alu fühlt sich im Tasten komisch an. So warm. So weich. Der Klopftest ergibt, es ist Kunststoff. Ich habe den Wagen mit fabrikneuem Müll beladen. Angewidert stelle ich alles wieder zurück in die Rahmenständer, schaue nach anderen Modellen, finde keine. Auf der gefühlt mehr als zwei Hektar großen Bilderrahmenabteilung gibt es keinen einzigen Bilderrahmen mit echtem Glas oder echtem Holz oder echtem Alu.

Ein drei Kubikmeter großer innerer Müllcontainer im Kopf tut sich auf und am liebsten würde ich den ganzen Schrott hineinwerfen und entsorgen.

Wenn sie am Material sparen, sparen sie auch an den Menschen! Ein Schauer läuft mir über den Rücken. In diesen Produkten steckt kein Funken Lebensglück. Nur Frust und Ausbeutung und Menschen, die in grausamer Zwangslebenslage ihre kostbare Lebenszeit vergeuden, um irgendwie mit der Arbeit, die sie in die Produktion Minderwertstens stecken, über die Runden zu kommen. Um schließlich Minderwertstes zu kaufen. Es ist zum Heulen.

Den Wagen lasse ich provokativ mitten im Labyrinth stehen, haste entlang des Parkours zur Kasse, widerstehe allem Billigen, krauche, innerlich auf Knien, vorbei an der Kasse, die für selbstscannende Kreditkartenzahler vorgesehen ist, ignoriere die Köttbullar- (Fleischklößchen) und Softeisteria, werfe mich wie ein Held aus einem Roland-Emmerich-Film, in Zeitlupe fliegend, durch die unheimlich behäbig drehende Ausgangstür, hinter mir der imaginäre Feuersturm einer lebensbedrohlichen Explosion.

Draußen. Blanker nasser Teer. Halb elf. Immer noch nur wenige Autos auf dem Parkplatz. Der All-German-Konsument schläft noch. Oder muss arbeiten.

Auf zum Auto. Regisseurwechsel. Emmerich hab ich überlebt. Nun Spielberg in Interpretation eines absolut scary Steven-King-Romans. Der Himmel blutet. Verzerrte, kahle Bäume. Krähen. Unheimlicher Wind aus dritter Dimension. Nackenhaarsträubende Stille. Hinter mir eine schäbige Hütte, in der was weiß denn ich für eine gottverdammte teuflisch unerklärbare Schandtat stattgefunden hat. Der Palast, den ich betrat hat sich in eine windschiefe Kaschemme verwandelt. Irgendwo dreht ein quietschendes Windrad. Ich bin allein. Der Wagen will nicht anspringen …

Schnitt.

Die Bilder hänge ich ungerahmt auf schneeweißen Nägeln an die Wände der Galerie. Ohne DIESE Rahmen wirken sie ohnehin besser. (Kaufen Sie meinen Horrorthriller ‚DIESE‘).

Schreibe in mein ledernes Notizbuch: ‚Der Kapitalismus ist die fragezeichenste Form des Niedergangs‘.

Was sich für eine Eigenschaft hinter dem ‚fragezeichenste‘ verbirgt? Schönste? Beste? Schlimmste? Ich weiß es nicht. Ich überlasse es Euch, liebe Leserinnen und Leser.

 

Die Knightlab-Timeline – ein neuer Menüpunkt am Bloghimmel

Ein nüchternes Straßenbild einer flachen, dänischen LaBild von zwei Männern im Schneidersitz in einer Scheune. Helle Ritzen zwischen den Brettern. An der Wand lehnen Fahrräder. Das Bild ist umgeben von Texten verschiedener Formate. Unten sieht man eine Zeitlinie mit Jahresangaben und Ereignissen an kleinen Fähnchen.
Screenshot aus der Timeline, die die Geschichte des Konzepts Kunststraße zeigt.

Das Menü am oberen Rand dieses Blogs hat Gesellschaft bekommen. Ich habe eine Timeline meiner wichtigsten Reise- und Kunstprojekte seit 1994 erstellt. Mächtig Arbeit.

Um mit dem Zaunpfahl zu winken, ich nehme das Timeline-Erstellen in meine Serviceleistungen auf. Beauftragt mich, wenn Ihr nicht die Zeit findet, nach dieser Anleitung bei knightlab.com eine eigene Timeline zu erstellen.

Blick unter die Motorhaube der Knightlab-Timeline

Alle Daten, die in der Zeitlinie grafisch umgesetzt werden, werden in einem Google-Spreadsheet tabellarisch eingefügt. Man muss die Tabellenstruktur der Vorlage, die man bei Knightlab herunterlädt peinlich genau einhalten und die entsprechenden Datenformate (Link, Zahl, Text) beachten. Zum ‚Hosten‘ des Spreadsheets benötigt man ein kostenloses Google-Konto.

Wenn man aus der Vorlage sein eigenes Spreadsheet angelegt hat, kann man sich auf der Knightlab-Seite einen Code erstellen, den man in die eigene Webseite einbinden muss. Es sind nur zwei drei Zeilen, die dafür sorgen, dass die Timeline generiert wird. Im Code kann man noch die Sprache und die Größe der Timeline verändern. Wenn es gespeichert ist, muss man daran nichts mehr ändern.

Die Tabelle kann man jederzeit auch nachträglich bearbeiten.

Das folgende Bild zeigt, wo die jeweiligen Tabelleneinträge in der Timeline angezeigt werden und wie sie dargestellt werden.

Ein Timeline-Blatt mit Titel, Grafik (hier uas Murphy's Pubschnitt ein erschöpfter Radler nebst Fahrrädern an irischer Landstraße). Die inzelnen Felder von Titel, Bild und Beschreibung sind farblich gekennzeichnet und mit den Spaltennamen, die in der Datentabelle auszufüllen sind, gekennzeichnet.
Grafische Darstellung, welche Tabellenspalte in der Webseite wo und wie angezeigt wird.

Zum erstmaligen Arbeiten empfiehlt es sich, die Beispieldatensätze zu erhalten und leere Zeilen mit eigenen Daten zu füllen. Insbesondere die Spalten mit den Links und Credits sind ein bisschen tricki. Minimale Html-Kenntnisse sind von Vorteil. Im Prinzip ist es jedoch reine Copy & Paste Arbeit, wenn alle Daten irgendwo im Netz liegen.

Tabellenformular mit vielen Daten und HTML-Quelltext, sieht aus wie eine Excel-Tabelle.
In der Tabelle werden alle Datensätze gesammelt. Je Zeile ein Ereignis. Die Daten müssen nicht chronologisch eingegeben werden. Die Timeline-Maschine sortiert sie aus eigener Kraft.

Die Vor- und Nachteile der Knightlab-Timeline

Vorteil: sehr schickes Ding. Gut, um in aller Kürze seine Geschichte zu erzählen.

Nachteil: man ist abhängig von der Firma, die den ‚Motor‘ bereitstellt und von Google, wo die Tabelle abgelegt wird. Sprich, wenn die Firma den Motor umbaut, oder ihn vom Netz nimmt, ist die Timeline futsch. (Ich beobachte das allerdings seit Jahren und es scheint, dass Knightlab stabil läuft und gepflegt wird). Wenn Google seinen Spreadsheet-Dienst abstellt, sind die Daten auch futsch. Logisch.

Weiterer Nachteil: ziemlich hochgezüchteter Code, der vielleicht nicht immer auf allen Browsern korrekt gezeigt wird. Tests mit aktuellen Chromium und Firefox waren okay. Auch der Safari auf dem Smartphone zeigt die Timeline, obschon das horizontale Wischen da etwas mühsam ist. JavaScript muss aktiviert sein.

Noch ein Nach- und Vorteil: Man sollte nicht zu viele Ereignisse versammeln. Das schränkt ein und animiert gleichzeitig zur Kürze. Knightlab empfiehlt ca. 20 Datensätze. In meinem Fall sind es 30. Die Bilder habe ich fast alle verkleinert auf maximal 1024 Pixel Breite oder Höhe.

Sodele. Genug geredet. Mein nächstes Tutorial heißt: Ölwechsel am Porsche Super – Fallstricke und Schmierstrecken eines Einspritzers :-)

Bahngleisgossenhamlet

‚Schlechte Werbung! Jetzt wollt ich mir mal den neuen Zug ansehen …‘, so steigt er die Treppe des ICE herunter. Hinter ihm die Schaffnerin, die so ganz und gar nicht amüsiert schien, ihn zum Verlassen des Zugs auffordern zu müssen. ‚Schlechchte Werrbung!‘ intoniert er erneut unter seinem grauem Moustache. Als ob das hier ein Theaterstück wäre. Er der Hauptdarsteller mit imaginärem, hamletesken Totenschädel weihevoll vor sich. Perfekte Neonröhrenausleuchtung an digitaler Anzeigetafel. Spärliches Publikum: nur ich mit meinem schweren Europenner-Rucksack und eine feine Frau von irgendwo aus der Südsee mit Rollköfferchen. Und die arme Schaffnerin, deren Tag er macht, indem er sie als Statistin in sein Bühnenstück einbaut. Wir blicken dem Bahngleisgossenhamlet hinterher wie er am hunderte Meter langen ICE entlang streicht. Zwanzig Minuten bis zur Abfahrt. Alle Türen sind offen und im Zug werkeln die Putzleute in ihren orangenen Uniformen mit riesigen blauen Säcken. Neben jeder Tür leuchtet rot ein Display ‚Endstation. Nicht einsteigen‘ auf Deutsch und Englisch. Im Epizentrum des Unrats, dem Bordrestaurant, tummeln sie sich – womöglich – wie Elektronen, die ein superschweres radioaktives Element umschwirren. Auf dem Bahnsteig durchwühlt ein heruntergekommener Kerl die Rollcontainer, in die sie die Müllsäcke werfen, nach Essbarem. Der Bahngleishamlet nutzt die volle Länge der ellenlangen Gleisbühne. Sein ‚Schlechchchte Werrrbung‘-Geschnattere verliert sich in der Länge des Zugs und mit jedem Meter werden es mehr CHs und Rs. Der Typ wäre sicher ein guter Laienschauspieler auf klamaukesker Dorfbühne in der Provinz (obschon dieser die nötige Länge fehlt). Hier vor den Türen des ICE namens Ingolstadt wirkt er eher wie ein Panther. Als gäb‘ es tausend ICE-Tür’n, aber hinter tausend ICE-Tür’n keine Welt.

Höhe 226,325 – der Rotz läuft

Spuckt mich der junge Morgen am Zweibrücker Bahnhof aus. ZW-HBF, titele ich eine Geschichte. Gesprochen ‚Zwuhubf‘ mit ganz grausam verstümmelten Us.

Viertel Stunde zu früh. Auf Gleis zwei brummt der Diesel eines Triebwagens. Fast verwaister Bahnsteig. Ein schlacksiger Typ mit orangener Warnweste schließt die Aushängekästen auf und tauscht die Fahrpläne. Er hat einen Karton bei sich, in dem die gelben Poster gerollt Seite an Seite stehen. Die Ampel für meinen Zug steht schon auf grün. Gutes Zeichen. Keine Verspätung, hoffentlich. Dennoch muss ich die Minuten totschlagen. Schwerer Reiserucksack auf dem Rücken.

Das uralte, vermackte Emailleschild am Bahnhof in Zweibrücken zeigt die Höhe über Normal Null. An den meisten alten Bahnhöfen hängen solche Höhenangaben.

Die Fahrt aus der Pfalz zur Hauptlinie bei Karlsruhe dauert länger als die restliche Strecke mit dem ICE. Der Bahnhof hat weiß Gott schon bessere Tage gesehen. An der Wand bei Gleis Eins hängt ein Höhenschild. 226,325 Meter über Normal Null. Wenn ich ein so tiefes Loch in den Bahnsteig bohre, bin ich auf Meereshöhe. Ungefähr so weit wie bis zur grünen Bahngleisampel. Nur, um es mir bildlich vorzustellen. Wobei die Angabe vielleicht gar nicht mehr stimmt. Der Meeresspiegel steigt ja. Und noch mehr stimmt nicht mit diesem Bahnhof. Zum Beispiel ist das Kiosk verschwunden. Hinter zwei Meter hohen Scheiben klafft ein leerer Raum. Das wäre eine schöne Galerie. Jetzt ist es nur ein öder Raum. Überhaupt ist der Bahnhof in einem erbarmenswerten Zustand. Dort wo früher die Fahrkartenschalter waren, sind Bretter vernagelt. Gegenüber des ehemaligen Schalters könnten vor langer Zeit auch einmal Läden gewesen sein. Nun leere Räume. Nur noch ein Versicherungsbüro kauert hinter Milchglasscheiben. Welch‘ Signal Iduna. Der Taxidienst hat zu. Niemand will so früh mit dem Taxi fahren. Ein ‚zues‘ Restaurant ohne Öffnungszeiten namens Tender. Die Fleischgerichte sind gar nicht mal so teuer. In der Wartehalle tummeln sich einige Schüler. Besonders warm ist es auch hier in dem unheimlich schmutzigen Raum nicht. Klebriger Boden. Als habe die halbe Stadt gekotzt, gespuckt, aus elenden Wunden geblutet. Was für ein grausamer Tatort des Zerfalls. Ich rufe mir andere Bilder des Zerfalls vor Augen aus Frankreich und Spanien. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Provinz in ihrer Abgelegenheit langsam ausblutet, dass Menschen und Arbeitsplätze und der Komfort und das Miteinander und die Zwischenmenschlichkeit in die Städte fliehen. Was habe ich verwaiste Dörfer erlebt in den Cevennen, im Zentralmassiv, in Katalonien und Andalusien. Überall wirkte der Zerfall eleganter als hier vor der eigenen Haustür. Manchmal durchquerte ich Dörfer, in denen nur noch ein Haus bewohnt war, in denen nie ein Bus halten würde, in denen eigenbrötlerische Typen ihren kleinen Traum von Abgeschiedenheit und Ruhe lebten. Aber mit so viel mehr Würde.

In der Wartehalle saß ein dick eingemummelter Typ, schäbige Klamotten, uralte Sneakers, Koffer und Tüten neben sich. Nein, er saß nicht, er hing wie ein Klappmesser auf einem der austernförmigen Drahtmaschensitze. Das sind keine Sitze, das sind Verbrechen. Das ist ein Tatort. Jugendliche im Schmutz des Massakers. Jawohl: Tatort. Die Gesellschaft stirbt ab wie ein Lebewesenkörper. Zuerst die Extremitäten, Füße, Beine, Arme. Dann der Rest. Zuerst die Provinz. Was bleibt, ist Gerippe. Zerfallende Bauten. Und wenn der letzte Mensch die Provinz verlassen hat/gegangen ist, ist es auch sauber. Keine Spur mehr von Tatort, Spucke, Kaugummi und womöglich sogar Blut.

Seichtgrauer Winterhimmel hinter verwahrlosten Scheiben. Wie zum Hohn lacht der dreckigste Fußboden der Welt gen Decke. Der arme Teufel muss in Klappmesserchenstellung schlafen. Immer wieder klappt sein Oberkörper zwischen die Knie. Leise schnarcht er. Wie eine Wurst sieht er aus in der dicken, schmierigen, olivgrünen Pelle seines Parkas. Eine Wurst namens Klappmesser.

Fünf Minuten noch. Das Display am Gleis zeigt keine Verspätung an. Erleichternd. Ich krame einen Euro aus dem Geldbeutel und lege ihn dem Schlafenden auf den Koffer. Hoffe, dass ihn niemand bestiehlt, denn wenn dir jemand unbemerkt einen Euro hinlegen kann, kann ihn jemand anderes dir auch unbemerkt wegnehmen. Alles könnte man dem Mann nehmen.

Der Zug nimmt mich und die Schüler auf. Heizung defekt. Im imaginären Abschiedswinken sehe ich den Fahrplanwechsler, wie er an Gleis Zwei sein Werk fotografiert. Langsam setzen wir uns in Bewegung, das Schwarzbachtal hinauf. Man hat wohl eine Schleuse geöffnet. Der Bach hat wenig Wasser. Halbmeterhoch braun bleckt die Wasserfraßnarbe. Bäume liegen quer. Eigentlich ein Idyll, dieser nur etwa fünfzig Kilometer lange Wiesenfluss.  Thaleischweiler Fröschen. Ausstieg links. Bald Pirmasens-Nord, schlimmster aller Bahnhöfe. Verwahrlosung in Reinkultur.

Schaffner pyknisch behäbig nett. Mit Frühmorgencharme kitzele ich ein Lächeln aus ihm.

Der wachsende Wasserfall nahe Niederehe konnte erst entstehen, als durch den Bau der Bahnlinie viele Quellen vereint wurden. Moos und Kalk bilden seine stetigwachsende Grundlage. Die Bahnlinie ist heute ein Radweg.
Der wachsende Wasserfall nahe Niederehe konnte erst entstehen, als durch den Bau der Bahnlinie viele Quellen vereint wurden. Moos und Kalk bilden seine stetigwachsende Grundlage. Die Bahnlinie ist heute ein Radweg.

Umstieg in Landau. Dieser Bahnhof ist ein bisschen belebter, ein Tick weniger schäbig als Zweibrücken oder der Molloch Pirmasens-Nord. Auf dem Gleis bettelt ein etwa fünfzigjähriger Mann. Schmutzig. Laut und deutlich und ohne uns ’normalen‘ Wartenden zu nahe zu treten geht er auf und ab: ‚Habt ihr fuffzich Cent? Habt ihr fuffzich Cehent?‘ Unermüdlicher Münzenharvester. Sein ganzes Antlitz ist ein nikotinöser Exzess. Insgeheim taufe ich ihn ‚Der beige Mann‘. Unter seiner Nase hat ein gelb-bräunlicher Fluss aus Rotz und Nikotin Lauf genommen, der auch nicht vor der Oberlippe, der plappernden Mundöffnung, Unterlippe und Kinn halt macht. Ich fühle mich an den wachsenden Wasserfall in der Eifel erinnert. Dort fließt seit einigen Zig Jahren, durch die Vereinigung einiger Quellen zu einem Rinnsal gebündelt, ein kleiner Bach. Moos und Kalk des harten Wassers schichten eine erkleckliche grün-braun-gelbe Nase unterhalb eines ehemaligen Bahndamms. Was, wenn der Mann für immer hier auf dem Umsteigegleis in Landau auf und abläuft und ‚Habt ihr fuffzich Cent‘ plappert? Und Nikotin und Rotz schichten einen Wasserfall. Ich scherze bitter in mir selbst. Dabei ist es so traurig. Wie eine Aufziehpuppe aus den Siebzigern klingt seine Stimme, nur dass das 50-Cent-Geleiere der Puppe ein herzzerreißendes ‚Mama‘ war.

Bald bin ich auf der Hauptstrecke. Karlsruhe. ICE. Hochgeschwindigkeit. ‚Normale‘ Reisende, denen ein paar Münzen weniger überhaupt keine Schmerzen bereiten.
Rückblickend im weichen warmen Abteil fabuliere ich: Eine Welt wie das letzte Schütteln eines verflohten Hundes. Wie Schweißausbruch. Aus allen Poren kommt Blut. Oder Bettler. Oder Verzweifelte. Oder Kranke.

Lieferwagenumdrehmaschine

Zwei Apfelbäume. Zwei andere Bäume mit für Menschen nicht essbaren Früchten. Eine auf Halbwüchsigkeit gestutzte Ligusterhecke. Drei Autos der Nachbarn vorm Gärtchen. Blau, silber-grün, weiß. Das Mietshaus gegenüber ist seicht-blau. Grauer Himmel deckelt das Bild. Die Dachrinne zur Rechten, zum Greifen nah, Wasser plätschert im Kupferrohr. Zwischen dem Mietshaus und dem, vor dem ich sitze, weitet sich die Welt, führt über ein ‚beidseits Parken verboten‘-Schild und die Mülltonnen auf fernere Häuser, die sich am Horizont im Nieselgrau verlieren. Fichte, Bettlaken, Schnick-Schnack, drei zur Unkenntlichkeit winterverpackte Koniferen. Neben dem Kreisverkehr lugt ein Dorfbrunnen. Ein Lieferwagen schleicht durchs Bild, verschwindet hinterm Haus, kehrt ‚umgedreht‘ zurück. Noch ein Lieferwagen, der ebenso umgedreht zurückkehrt. Da stimmt doch was nicht.
Wenn dies alles wäre, was ich von der Welt zu sehen bekomme, wenn ich stundenlang den tristen Weltenausschnitt zwischen den beiden gegenüberliegenden Häusern beobachten würde, tagelang, wochenlang, für immer, wenn weitere Lieferwagen durchs Bild führen und nach kurzer Zeit umgedreht in die andere Richtung zurückkehrten, läge es dann nicht nahe, irgendwo im Dorfdschungel hinter dem Häusern eine Lieferwagenumdrehmaschine zu vermuten. Vielleicht ein drehbares Stück Teer, ähnlich wie man es von Lokrangierschuppen kennt, auf das die Lieferwagen fahren. Dann setzt sich der Mechanismus in Bewegung und dreht um hundertachtzig Grad und sie kehren zurück auf ihrem Weg vom Woher nach Wohin.
Ich sollte einen Dorfspaziergang machen.