Neue Schnelligkeit

Eine Astknolle, eine Bildidee, bissel schleifen, Potchkleber aufbringen, Papier abrubbeln et voilà le Kunstwerk.

Schon während des Waldspaziergangs war mir klar, dass genau dieses Bild, das ich um Weihnachten geappt hatte, auf die Fläche transferiert werden soll.

Frauengesicht in Grungetechnik auf abgesägter Astknolle. Frontaler, düsterer Blick graublau auf Sägespuren und Verletzungen des ovalen Holzstücks.
Frauengesicht in Grungetechnik auf abgesägter Astknolle.

Das Ganze verdanke ich meiner ’neuen Schnelligkeit‘. Die Ideen nicht im Kopf verfaulen lassen, weil man auf Idealbedingungen wartet, sondern einfach machen.

Den Tag mit technischem Zeug verbracht. Was mit Computer (a little bit of Yunohost, Raspi und the mighty mighty Shell). Es regnete immer. Ich filetierte gefundenen Kienspan und entzündete Feuer mit einem Feuerstahl. Zwischendurch liebäugelte ich, mit dem Radel in die Stadt zu fahren. Ein Funken Vernunft, eine Prise Faulheit, der heimische warme Ofen, hielten mich ab und nicht zuletzt war ich verbissen wie ein Rottweiler in das technische Zeug. Abends der Ausklang von 7vswild auf Youtube. Feine Serie im schwedischen Outback. So verging der Tag, es ward Abend, ich müde und zu faul, auch nur irgend etwas in Richtung Feine Künste abzuarbeiten. Ich bin dennoch zufrieden. Achja und VirtualApero um 19 Uhr, leider zu coronalastig. Doctor Who verpasst, naja.

Irgendlink als heiliger Agur

Gibt es Pläne?

Nein.

Wenn du erst einmal ein gewisses Alter erreicht hast, verhält es sich wie mit einem großen Fluss am Ende seines Laufs. Mäandernd und verzettelt wälzen sich deine Ideen, Pläne und Gedankenblitze in einem chaotischen, sich selbst immer wieder neu gestaltenden Delta ins Meer.

Aufräumen und Dinge zu Ende bringen stehen 2022 an. Die Projekte Passfälscher und Bauesoterik stehen ganz oben auf der Liste. Den Online-Shop konnte ich wie durch ein Wunder retten, nachdem ich ihn rein gedanklich schon aufgegeben hatte. Drei Jahre lang jeden Tag ein Bild? Wozu die Sache weiterführen? Eine Mischung aus Sinnfrage und Rentabilitätskalkulation. Um die Weihnachtszeit hatte ich ein bisschen Disziplin aufgebracht und die 365 Daily-Serie doch weiter geführt. Gelungene Kunstwerke sind dabei herausgekommen. Da in den letzten Jahren kaum neue Motive ins Netz des Appspressionisten gingen, habe ich das Archiv gefleddert, vielversprechende Bilder aufs Smartphone kopiert und den Rest den beiden Apps MirrorLab und Snapseed überlassen. Append saß ich abends auf dem Sofa. Somit sind um die Jahre 2020/2021 gleich zwei Brüche im Appspressionismus zu verzeichnen. Zum Einen wegen des Wechsels von IOS auf Android, zum Anderen wegen des Wiederappens der mit konventioneller Technik (Spiegelreflexkamera) fotografierten Motive. Man könnte es Hybrid-Appspressionismus nennen.

Mein Alterego Heiko Moorlander verdankt sein Leben womöglich einem gnädigen Besteller, der den 2022er Kalender im Online-Shop orderte. Just an dem Tag, an dem die Bestellung einging, hatte ich überlegt, dass ich den Helden so vieler MudArt-Geschichten Ende nächsten Jahres sterben lasse. Mal schauen, ob ich den rettenden Besteller als Protagonist in die Kalendergeschichten im Erdversteck sogar einbauen kann. Denn irgendwie haben es solche unverhofften Lichtblicke von Mitmenschen verdient, dass man sie würdigt. Die Spur führt zum Niederrhein. Den Besteller kenne ich (vermutlich) nicht.

In den letzten Monaten hatte ich die Erkenntnis, dass ich viele Eisen im Feuer habe, viel zu viele womöglich und dass ich kaum ein Ding jemals zu Ende gebracht habe. Selbst die abgeschlossenen Projekte ‚Europenner‘, und ‚Zweibrücken-Andorra I bis III‘ haben noch Lücken, ganz zu schweigen vom Projekt Radelgalerie, das in den Kinderschuhen Anfang 2020 abgewürgt wurde. Daran trägt meine Müßigkeit keine Schuld, aber manchmal frage ich mich, was aus dem Projekt geworden wäre, wenn es keine Pandemie gegeben hätte. Wäre ich tatsächlich mit Fahrrad und einem Anhänger voller Kunstwerke durch Deutschland getingelt und hätte auf den Dorfplätzen unterwegs sogenannte Guerilla- bzw. Popup-Ausstellungen gemacht?

Wir wissen es nicht.

Vor Weihnachten kaufte ich ein Stück Käse, Saint Agur, schön leckerer Schimmelkäse in Kunststoffpackung mit sechseckigem Sichtfeld. Das sechseckige Fensterchen dient wohl dazu, den Käse und die Verschimmelung von außen zu begutachten. Immer wenn ich ein bisschen von dem Käse aß, dachte ich, wenn die Packung leer ist, klebe ich ein Passbild hinein und deklariere das Objekt als Kunstwerk. Arbeitstitel Myself As Saint Agur. Shop-Preis 120 Euro.

Mensch blickt durch das sechseckige Sichtfenster einer Käsepackung Saint Agur. Augen und Nase im Fensterchen, groß im Vordergrund die Finger desjenigen, der die Verpackung in die Kamera hält.
Irgendlink als heiliger Agur

Aber hey, das würdste doch sowieso nie machen, denn du bist dein eigenes schlampiges, chaotisches Flussdelta, das sich mit allerletzter Kraft gen Ozean wälzt. Ideen gehen verloren, sedimentieren im Schlamm, werden nie nie nie von jemandem gesehen, auch solcher Quatsch wie das Selfie als heiliger Agur … es sei denn, naja, Frau SoSo hat mich vorhin, als die Packung endlich leer war, als Saint Agur portraitiert. Für ein Selfie wären meine Arme zu kurz gewesen. Die ursprüngliche Idee, ein Portrait auszudrucken und einzukleben wäre ein unnötiger Umweg gewesen und überhaupt, ist doch vor allem eine Spaß-Idee.  Kurzum, die Schnappschussrafinesse hat das Kunstwerk nun doch noch zum Leben erweckt.

Voilà, Volstreckermentalität, moi même ist nun fein gerahmt. Snapseed auf dem Handy erledigte den Rest und es wurde ein feines, skurriles Selfie by the Hand of SoSo.

Vorhaben? Aber ja. Dinge fertig machen und seien es auch nur ulkige Handlungen mit Verpackungsmüll.

Eine Reise zu den Toten und noch Lebenden im Adressbuch der Frau Mama

Ich treffe die Frau Mama beim Durchblättern des Adressbuchs an. Sie liest Namen vor: Die E.s gehen nicht ran und die F.s auch nicht. Bei denen sagt das Telefon, dass sie per SMS benachrichtigt werden, dass ich angerufen habe. Vielleicht rufen sie ja zurück. Frau G. hatte ich erst gestern angerufen. Die H. und den I. vielleicht …? J. ist tot, K. auch und Frau M. sagte mir kürzlich, dass L. nicht mehr so ganz beisammen ist. Da ist es dann ja sinnlos, ihn anzurufen. Er sei nur noch Haut und Knochen, sagte Frau M.

All die R.s. Die meisten starben vor Jahren. Nur noch Du, aber Du bist ja jetzt hier.

Ist wie telefonieren, nur ohne Gerät, sage ich.

Die Mama blättert weiter und sinniert über diesen und jenen im Adressbuch. Viele von ihnen kenne ich. Manche nicht. Hör gut zu, sage ich mir. Präge Dir die Leute ein. Die musst Du dann nämlich alle anrufen … falls was ist.

Elende Vergänglichkeit. Das Sprungbrett zum Tod ist nur etwa achtzig neunzig Jahre lang. Jeden Tag geht man einen Schritt weiter. Und die Mama erzählt von W., der kürzlich achtzig wurde, Finanzexperte, der ihr riet, bring die Sache mit dem Vererben auf die Reihe, mach‘ bloß alles schön klar, denn Deine Kinder werden sich garantiert in die Wolle kriegen. Ist so. Besser, Du klärst es zu Lebzeiten, das ist für alle Beteiligten besser.

Viel ist es nicht. Ich halte es auch für unwahrscheinlich, dass ich mich mit meiner Schwester in die Wolle kriege. Vermache alles ihr, sage ich. Ich bin in zwanzig Jahren sowieso tot und hab keine Nachkommen, oder besser noch, übergib es gleich Deinen Enkel.

Kloß im Hals, als ich das mit den zwanzig Jahren sage. Mann, Mann, Mann, wie die Zeit rennt. Vielleicht sind es auch dreißig, setze ich nach. Wobei ich auf die letzten fünf nicht besonders scharf bin, wenn sie im Körper eines Standard-Menschen, senil, inkontinent und gebrechlich als Marktobjekt in irgendeinem Pflegeheim eines großen Pflegekonzerns stattfinden. Ich meine, was ist das denn für ein Leben, wenn man nur noch gelagertes Fleisch ist, umgeben von schlecht bezahlten, gehetzten Pfegekräften …

Eine Weile mäandriert unser Adressbuchgespräch in einen schönen Ausflug zu den noch Lebenden und den Verstorbenen. Ich nehme mir drei Scheiben Brot aus dem Brotkasten, darf ich? Aber klar. Hatte vergessen, Brot zu kaufen und war zu faul zum Backen. Ach und die beiden Mandarinen da? Ja klar. Hey, und das war doch eben auch so eine Art Telefongespräch, oder? Nur eben ohne Telefon. Wir lachen. Der Tag kann kommen.

Moorlander 2022 #MudArt

Der Moorlander-Kalender 2022 ist da. Titelbild ‚Cov Will Tear Us Apart‚ als Anspielung auf einen Liedtext von Joy Division (Love Will Tear Us Apart).

Aufsführung im Gegensatz zum letzten Jahr: Letzte Seite (Info) hängt als Rückseite hinter der Kartonierung. Also eine streikte Trennung von Kalenderblättern und Beiwerk. Ansonsten Din A4 hochkant, matt, 260 g/qm, zwölf faszinierende Schlammkunstwerke mit einfachem Kalendarium und digitaler Anbindung ans eigens angelegte Blog https://erdversteck.de.

Erhältlich für 19,90 € im Irgendlink-Shop.

Andere Kalender (Hochsitze, verschlossene Türen oder sphärisch gerollte Architekturen namhafter deutscher Kleinstädte) gibt es diese Saison keine.