Pfälzisch, ja wie nennen wir es denn? | #UmsLand Tag 1

Sechs Uhr wach. Morgen. Die Nacht war trocken und etwas windig. Zwischendrin musste ich das Zelt verlassen und die Heringe etwas tiefer in den Pfälzer Sand rammen. Niederschlettenbach querab. Ein ruhiges Tal mit bestem Radweg.

Ich bin 104 Kilometer vom Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz entfernt. Am gestrigen Nachmittag in Zweibrücken, waren es nur 78. Luftlinie. Wie so ein Eselchen im etwas verqueren Rund des Bundeslandes an langer Leine dahin trottend. Oder wie ein Komet auf dem Weg zum fernsten Punkt der Ellipse, die keine Ellipse ist.

Frau SoSo sagte einmal, Rheinland-Pfalz sieht aus wie ein Drache. Sie hatte das sogar gezeichnet. und die Zeichnung sollte sich irgendwo im Netz finden, vielleicht? (EDIT: Hier!)

Die gestrige Etappe? Begann mit einen Fototermin am Startpunkt der Reise, dem Zweibrücker Herzogplatz. Inklusive lecker Haferschmatzriegelgeschenk vom Fotografen und dem Wunsch, hab eine gute Reise.

Raus aus Zweibrücken ist ekelerregend mit dem Fahrrad. An der Baustelle zum neuen Kreisel an der Autobahnauffahrt schepperten die Maschinen, Bleche, derb geschütteter Beton aus hoher Höhe, unendlich laut und die Verkehrsplanung hat auf dem nigelnagelneuen, straßenbegleitenden Radweg gar wunderbare Bordsteinkanten gebaut. Alle paar zig Meter. Reiseradler, Reiseradlerin, wenn Du nach Zweibrücken kommmst, komm besser nicht. Erst ab dem Bahntrassenradweg in Rimschweiler wird die Route besser.

Aus der Tour 2017 auf der Rheinland-Pfalz-Radroute erinnere ich an etwa drei eher eklige Abschnitte, die auf Landstraßen verlaufen, auf denen man mit hoher Geschwindigkeit überholt wird. Eines im Westerwald, eins in der Nähe von Prüm und die etwa acht Kilometer zwischen Großsteinhausen und Hochstellerhof bei Vinningen.

Lang haderte ich, ob ich nicht besser die Alternative durchs Tal in Frankreich radele. Über Walschbronn und Dorst. Man muss theoretisch kaum Steigung überwinden, aber hat dafür etliche Waldwegekilometer. Doch tue immer das, was die Radwegeschilder dir sagen, treuer Herr Irgendlink. Also schwitze ich hinauf auf das vierhundert Meter hohe Plateau um Bottenbach und Vinningen und werde gegen Feierabendverkehr von PKWs und Transportern geradezu umspült. Ein Geschiebe aus Berufspendlern. Die einen aus Pirmasens zurück nach Hause fahrend, die anderen aus Zweibrücken, so stelle ich mir das vor und muss an Skagen denken, wo sich die Wellen von Nord- und Ostsee gegenseitig überschlagen. Oder an Andalusien. Die Hochebene hinter Bottenbach ist frisch geerntet, eingeebnet, trocken, karg und hellbraun. Fehlen noch ein paar Weiße Dörfer. Pfälzisch Andalusien versus Pfälzisch Jütland und Pfälzisch Sibirien, wie ich das Wind umpfiffene Vinningen gerne nenne. Vorm Touristenschild mit der Höhenangabe 441 m über dem Meer mache ich ein Foto mit Reiseradel. Klassiker. Muss sein. Im Prinzip lohnt es sich schon alleine wegen dieses Motivs, der offiziellen Radroute zu folgen. Und wegen des verrosteten Radels, das ich in Bottenbach in einem Garten fotografiere und und und. Kurzum, wer Ruhe will, holpert durchs Tal, wer die offizielle Route und Straße mag, nimmt den Höhenweg.

Ab Hochstellerhof gehts rasant abwärts. Seltsame Graffities auf dem betonierten Feldweg und eine Hinweisschild-Phalanx bei einem Gartengrundstück mit Hinweisen nach Hiroshima und Indien und Trulben usw. Liebevoll gemacht. Handgemalt. Ich mag solche Objekte.
Und dann Wald und Tal via Eppenbrunn bis zur Wasserscheide zwischen Rhein und Mosel, die sich zum Glück als eher flacher Minipass auf wenig befahrener Straße entpuppt. Ab Fischbach bei Dahn meist auf Radwegen unterwegs. Dahinbrausend in den Abend. In Bundenthal ein Einkauf und das Phänomen der sich gegenseitig durch Lärm überbietenden Jungmänner. Tollkühne Minderwertigkeitskomplexkompensierer auf rasanten Karren mit solchen Röhrauspuffen. Wieder schweife ich in Gedanken ab. Diese Mal nach Lappand, wo es ein ähnliches Phänomen gibt. Das nennt sich dort Pilluralley. Ein finnisches, sehr sehr derbes Wort.

Wie auch immer. Nun im ersten Übernachtungslager auf einem Parkbänkchen hockend tippe ich diese Zeilen auf meiner klappbaren Bluetoothtastatur.  Sehr sensibles Teil. Tippfehlergarant par Excellance. Muss mich zu dieser Arbeit zwingen, denn eigentlich säße ich viel lieber im Sattel. Vermutlich wäre ich längst in Wissembourg, das noch knapp 12 Kilometer entfernt ist. Ich muss erst noch den richtigen Tourrhythmus finden. Schreiben, Kunstschaffen und Radfahren sind ein komplekes Tripel, das sich erst im Laufe der Zeit richtig einspielt. Wie Tanz.

Brücke aus Holz schlängelt sich über eine natürliche Sumpfwiese
Sumpfwiesenbrücke bei Fischbah bei Dahn.
Rotes Dekoradel mit Blumenampel
Dekorad in Eppenbrunn.
Hasenkopfgraffitty auf Teerweg.
Unterhalb des Hochstellerhofs findet sich dieses Horizontalgraffity.
Altes Bluna-Werbeschild
Blunawerbung, uralt am Hochstellerhof.
Mann und Fahrrad vor liebevoll geschnitztem Schild Vinningen 441 m über dem Meer
Klassiker: Gipfelfoto in Vinningen
Radwegeschilder an einer Landsraße
Etwa acht Kilometer weit muss man auf der Rheinland-Pfalz-Radroute über eine schnell befahrene Landstraße nahe Vinningen.
Bei Hornbach unterquert der radwweg eine hohe Straßenbrücke. Radel im Vordergrund
Radweg unter Brücke bei Hornbach
Kahl geerntete Felder hinter Sonneblumenfeldern.
Außerhalb Bottenbachs könnte mit viel Phantasie Pfälzisch Andalusien liegen.

6 Gedanken zu „Pfälzisch, ja wie nennen wir es denn? | #UmsLand Tag 1“

  1. Der Anfang ist getan. Sowohl Zauber als auch Schwierigkeit werden ihm unterstellt. Ich bin froh, dass du es geschafft hast, dich loszueisen und freue mich darauf, mitzureisen.
    Du wirst deinen Rhythmus finden.

  2. Wunderbar, Herr Irgendlink wieder im Sattel und später an der Tastatur!
    Good days and ways und wenige Straßen mit LKWs und röhrenden, jungen Männern.
    Herzlichst, Ulli

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