Der gestrige Tag war ein Paradebeispiel künstlerischer Selbstverzettelung. Manchmal frage ich mich, wie weit ich es gebracht hätte, wenn ich von Anbeginn an strukturiert, zielgerichtet und effizient gearbeitet hätte. Stattdessen: hier ein bisschen, dort ein bisschen, ah und das noch, wo war das noch gleich, durchsuche ich die Festplatte, den Fundus, je nachdem, ob das Gesuchte physisch vorhanden ist, oder nur virtuell. Jaja, richtig, ich habe die Ausstellung schon recht gut im Kopf skizziert. Ich weiß, was mit muss an die Galeriewände, was ich noch ausbelichten muss, woran ich noch arbeiten muss. Bloß, wo zur Hölle ist die Sternkarte der Kau? Wo ist meine QR-Installation? Habe ich das Objekt „Dies ist keine Tasse“ getauscht, verschenkt, verloren oder wo vergessen und so weiter und so fort.
Frühmorgens gebe ich zum Spaß ein Skript in Auftrag bei einer künstlichen Intelligenz. Die Idee ein zwei Artikel zuvor, die Festplatte nach Bildern durchsuchen zu lassen und daraus eine Slideshow zu generieren, die ähnlich wie das viel beschriebene „Am Ende deines Lebens zieht dies in Sekundenschnelle noch einmal an dir vorbei“, funktioniert.
Am Ende eines Künstlerlebens zieht die gesamte Festplatte und das Analogarchiv noch einmal an den Augen des Ausstellenden vorbei und das würde doch gar trefflich passen als Element für eine Retroausstellung, finde ich.

Die KI liefert ein einfaches Skript, das auf Anhieb funktioniert. Ich bin erstaunt. Das Skript ist so ähnlich wie ich dachte, dass es aussehen muss. Mit dem Befehl find erzeugt es eine Liste aller Bilder, die dann von dem Befehl ffmpeg abgearbeitet wird. Der Rechner schuftet in einem Testverzeichnis mit 600 Bildern und liefert ein zwanzig sekündiges Video, schon tauglich. Aber die Intelligenzmaschine stellt mir Fragen, ob ich noch dies und das möchte, zum Beispiel Musik hinterlegen, die Bildübergänge aufhübschen, die Standdauer der Einzelbilder verändern usw. und ich falle prompt darauf rein, sage ja und die Maschine liefert nicht funktionalen Mist. Das hätte ich alles auch selbst gekonnt. Vom erstmaligen funktionierenden Simpelskript bis hin zum nicht funktionierenden komplexen Superschönding. Bloß hätte es länger gedauert und das Simpelskript hätte wahrscheinlich nicht auf Anhieb funktioniert, das komplexe Skript aber letztlich schon. Ich überlege, das Komplexskript zu überarbeiten, verliere mich aber in anderen PC-Dingen, weil, ursprünglich wollte ich ja ganz etwas anderes, bloß was?
Später finde ich mich darin wieder, meine Passwortedatei zu überarbeiten, Überflüssiges zu löschen, Accounts zu schließen, die Passwortdatei auf zwei Telefone und zwei PCs zu kopieren und zwar so, dass auf den Wegen dahin nichts schiefgehen kann, niemand sie entschlüsseln, sie nicht beschädigt, pi pa po. Ein uraltes Microsoftkonto entdeckt. Das war der Hammer. Es ist so gut wie unlöschbar, stelle ich fest und überhaupt, dämmert mir im Laufe des Vormittags, dass die digitalen Verstrickungen, die du während des digitalen Existierens in Form von Accounts eingehst, ein Fangnetz sind, aus dem du dich je länger du wartest, nicht mehr befreien kannst. Microsoft schießt den Vogel ab, lässt mich nicht mich löschen und nach langem hin und her setze ich ein ewig langes neues Passwort, belasse den Account, der nur Email und Geburtsdatum enthält, wie er ist und speichere ihn in einem Verzeichnis namens unlöschbar meines Passwortmanagers.
Darüber grollend, wie gemein die Großkonzerne zu uns Userinnen und Usern sind, die wir sie doch zu dem gemacht haben, was sie sind, Großkonzerne und wir sind nur noch virtuelles Klickvieh, das so gut wie möglich dumm gehalten und gemolken wird, vergeht mein Tag.
Abends in der physischen Welt finde ich die Sternkarte der Kau, lege sie aufs Gästebett in der Kammer des Schreckens und auch weitere Elemente, die in die große Retroausstellung sollen, nehme ich aus den Kisten mit, die ich im Atelier durchsuche. Ich lege auf dem Gästebett einen Stapel für iDogma und Appspressionismus an – das erkläre ich in einem anderen Blogartikel – zahlreiche kleine Objekte kommen am Fußende zu liegen. Jaja und im Kopf sehe ich langsam, wie die Ausstellung aussehen wird. Ein rhizomischer Kuriositätenladen schwebt mir vor, in dem sich kleine Objekte, Collagen, komisches schwer erklärbares aber sehr dekoratives Zeug sammelt, das durch Spuren serieller Arbeiten in die einzelnen Teilbereiche der Ausstellung geleitet.
Spät durchsuche ich noch die Box mit den tragenden, ganze Reisen darstellenden Fotocollagen und nehme von jedem relevanten Thema ein Poster heraus. Sie werden einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung bilden, weil sie die übrig gebliebenen Gerippe längst vergangener Livereisen in Blogform sind.
Heute, Sonntag, ist eigentlich Ruhetag angesagt. Das versprach ich mir gestern Abend nach dem Blutdruckmessen, fragt nicht, aber nun hänge ich schon wieder, dies schreibend, an der Kiste. Es ist nicht leicht, loszulassen als Künstler, Manchmal wünschte ich, ich könnte einfach kündigen.
Das Titelbild ist eine Collage meines wichtigsten Liveblogprojekts „Ans Kap“ aus dem Jahr 2015.

