Irgendlinks Sprachjahrsanneue

Liebe Bloggende, Suchende, Wissende, Mitreisende, Ahnende, liebe Freundinnen und Freunde. Das Sprachjahr hat gerade erst begonnen und schon finden die ersten Worte und Bilder ihren Weg in dieses Blog. Auf Notizzettel, nach Twitter und in ein edles, braunes Notizbuch von Claire Fontaine kritzele ich meine alltäglichen Gedankenfetzen.

Wie ein Fluss, der Kräfte sammelt. Kümmere dich nicht, ob du wächst oder versickerst, verdunstest oder einregnest. Fließe.

Die Herrschaft des Blogetariats

Die Herrschaft des Tweetetariats.

Ich gehe mit meinem imaginären Seelenhund spazieren.

An welcher Stelle steht das Prädikat im Kaffeesatz?

Obschon alle Zeichen im Hause Irgendlink auf du solltest jetzt aber endlich mal ranklotzen und Geld verdienen stehen, werde ich alles daran setzen, das kleine Blog- Schreibimperium weiter auszuweiten und gegen die bösen, die Kreativität subversierenden Kräfte zu wappnen. Fast schon ist das eine Kunstknabenmorgenblütenrechnung. Wie in den vorigen Artikeln schon erwähnt, wird es dieses Jahr ein neues E-Book von mir geben. Meine seit 2010 gesammelten Erkenntnisse zum Thema Liveschreiben sind endlich reif und ich werde sie in einem Ratgeber zusammenfassen. Auch die letzte Livereise, Gotthard, wird demnächst, von Fipptehlern bereinigt und mit unveröffentlichten Texten versehen, als E-Book erscheinen. So hoffe ich.
Auf dem Livereisesektor tut sich auch ein bisschen was. Ich hatte Euch ja in einer Umfrage um Feedback gebeten. Das „große Ding“, per Radel durch die USA, lege ich erstmal auf Eis und ich liebäugele nun mit meiner zwanzig Jahre Kapschnitt Revival Tour. Sprich, auf den eigenen Spuren von 1995 durch Schweden, Finnland und Norwegen bis zum Nordkap zu radeln.
Auch einige Verding-Kunstprojekte sind in der Mache. Konzeptuelle Reisereportagen, die auch ein bisschen Futter in den Trog bringen würden.
Nun sind die letzten Ferientage angebrochen. Vernet-les-Bains erwartet bis 18 Grad und verzeichnet Sonne pur. Jenseits des Glücks lauert die Eishölle auf dem einsamen Gehöft. Es muss so kalt gewesen sein, dass die Wasserversorgung zusammengebrochen ist. Ich verbleibe daher ganz sprachjahrig léger mit einem dreifach schallenden Brrrrrrr.
Habt immer eine Handbreit Glück unter dem Gemüt.
Euer Irgendlink (Bloggeskanzler)

Auch bei meinem Alterego Heiko Moorlander gibt es immer mal wieder skandalöse Neuigkeiten.

Leucate Plage

Pfosten auf Sandstrand vor Meer.

Aus unserer Homebase unterhalb des Canigou ging es heute 750 Meter runter bis auf Meereshöhe. Bei Starkwind spazierten wir durch das winterverschlafene Barcarès nahe Perpignan. Wie vernagelt wirkten die Ferienresidenzen und die Bettenburgen. Zwischen einer unruhigen „Grau“, einer Art Haff, und dem Mittelmeerstrand fuhren wir weiter nach Norden bis ans Cap Leucate. Beinahe als hätte man während einer Apokalypse vergessen, die Welt zu zerstören fühlt sich die Strandregion des Languedoc an. Später zu Besuch bei Christine und Hagen, den ich durch meine Burgenblogger-Bewerbung kennengelernt hatte und der im November bei mir zu Besuch auf dem einsamen Gehöft war. Kratzen am Mythos Frankreich, müsste wohl ein Blogartikel heißen, den ich über das Treffen schreiben würde. Ein bisschen entzauberten die Beiden, die seit Jahren hier leben, mein verwunschenes Urlaubsfrankreich. Vielleicht erzähle ich darüber demnächst.IMG_3665.JPG

Die Puzzeligkeit allen Webexistierens

Individuelle vs. kollektive Identität

Manchmal wünschte ich, ich wäre meine eigene Nachwelt. Ein Literatur- und Kunstforscher am Institut für digitale Frühgeschichte, irgendwann in ein paarhundert Jahren und ich könnte dann auf unsere Zeit zurückblicken, so wie wir es heute tun auf frühere Zeiten der Kulturgeschichte. Mir lägen dann sämtliche Informationen über die Frühphase einer im Aufbau befindlichen Soziale-Medien-Welt vor und wie sie (womöglich) alles bisher Dagewesene an Literatur und Kunst in den Schatten stellen würde, weil die Sparten sich mischen. Weil es – Hypothese ein – nicht mehr nur das geschriebene literarische Buch gibt. Und nicht mehr nur den Maler/die Malerin, der/die Öl auf Leinwand malt und nicht mehr nur den Komponisten/die Komponistin. Weil sich nämlich alles mischt und in digitaler Form dargestellt wird, was einst haptisch analog war. Literarische Werke, die angereichert mit Programmcode sich verselbständigen, Bücher, durch die man, gesteuert per GPS und per räumlicher Trigger erst das nächste Kapitel vor Ort geliefert bekommt. Die Welt des Spiels mischt sich mit der Welt der Kunst in dieser meiner Vision einer fernen Zukunft. Ich bin überzeugt, dass, wenn wir nicht alles kaputt machen auf dieser Erde, es schon bald möglich ist, etwa mit einem E-Book-Reader durch die Lande zu spazieren, der einem zunächst nur ein erstes Romankapitel bereitstellt. Der Leser/die Leserin erhält in diesem Kapitel Anweisungen, wo und wie die Geschichte weiter geht und begibt sich, per GPS gesteuert à la Geocaching zum nächsten Schauplatz, wo per Mobilfunknetz das nächste Kapitel herunter geladen wird. Im Prinzip sind wir sogar schon so weit. Es gibt diese interaktiven GPS-Schnitzeljagden ja schon längst. Werigo Cache heißt das Zauberwort. Literarisch hat das allerdings noch niemand gemacht, soweit ich weiß. Die Wherigo-Software lässt auch nur eine gewisse Zeichenanzahl zu, was die literarischen Möglichkeiten einschränkt. In der Tat hatte ich mir schon überlegt, die Programmiersprache LUA zu erlernen, mit der es mutmaßlich möglich wäre, solche „Dynamic Novels“ zu kreieren.

Ist ein LUA-kundiger Mensch unter uns, der Lust hätte, das mit mir auszuprobieren?

Anderes Thema. Während ich diesen Blogartikel schreibe, sind weitere Browserfenster geöffnet. Facebook und Twitter und Konsorten. Davon gibt es ja so viele – und überall postet man seine Ideen und Kommentare. Wie Kometen verströmen wir unsere geistigen Bestandteile im leeren Raum zwischen den sozialen Medien. Selbst die Kommentarstränge im eigenen Blog enthalten oft Kleinodien von unschätzbarem Wert. Wir lösen uns quasi im Internet auf. Hier wäre es – aus Sicht meines imaginären Forschers der digitalen Frühgeschichte – wichtig, wenn jeder ernsthafte Künstler eine Art Fingerabdruck hinterlassen würde, damit man seine Spur durch den Djungel der sozialen Medien so gut wie möglich nachvollziehen kann. Ich meine: ich denke doch jetzt und hier an diesem Artikel und schreibe ihn grob nieder, während drüben in Facebook und Twitter die Alarmglocken läuten, ich ab und zu rüberswitche und das, woran ich jetzt denke, fügt sich bewusst oder unbewusst in die dort, woanders, stattfindenden Diskussionen ein.

Vor Kurzem habe ich einen uralten Blogeintrag wieder gefunden, der über diverse Kommentarverstrickungen in die Kommentare eines anderen Blogs führte und es war so eine Art roter Faden zu erkennen, Plattform übergreifend. Ein Teil der Gesamtinformation ist hier in diesem Blog gelagert, ein anderer Teil in Kommentaren, die durch meine großartigen Leserinnen und Leser eine reiche Schatzgrube sind und weitere Teile des Puzzles sind irgendwo in Mails, in Facebook-Posts usw.

Und all das Unsichtbare. In den frühen, reinen HTML-Dokumenten zwischen 2001 und 2005 habe ich manchmal Text direkt im Quelltext versteckt. Habe die Kommentartags dafür missbraucht, nicht gar zu öffentliche Passagen zu notieren. Das neue Medium war ein wunderbarer Spielplatz. Es gab eine Phase, in der ich Texte mit der Vigenere-Methode chiffrierte. Das war nichts Brisantes. Ich hatte nur Spaß am Experimentieren. Das ist es wohl, was uns Künstler ausmacht. dass wir eben nicht nur zielorientiert arbeiten, obwohl wir ganz gewiss ein Ziel vor Augen haben. Dass wir eben nicht primär einen materiellen Zweck verfolgen, obwohl es einem manchmal ganz gut tun würde :-). Und dass wir eben nicht immer einen Sinn hinter einer Sache erkennen lassen wollen, sondern dass wir spielerisch und für Außenstehende unverständlich irgendwelches Zeug machen – warum? – weil es uns Spaß macht, weil wir den Akt des Schaffens über den Grund des Schaffens stellen. Weil wir inszenieren, wirken lassen und uns nicht darum kümmern, ob da noch Fragen offen bleiben … wir selbst stellen uns diese Fragen ja auch nicht. Weshalb sollten wir dann die Disziplin aufbringen, diese ungestellten Fragen anderen zu beantworten?

Quelltextliteratur hin, Vigenerechiffre her, heutzutage erlaubt einem ja das Blogsystem, Artikel als privat oder öffentlich zu markieren und auf dem Server erledigt dann PHP den Rest, zeigt den Lesenden nur das an, was man auch zulässt. Aus unzähligen Datenbanktabellen werden die Seiten dieses Blogs wie ein Flickenteppich von den PHP-Skripten zusammengesetzt. Die Spalte rechts und links dieses Artikels sind Einzelteile, die wiederum aus Einzelteilen zusammengesetzt werden. Der Titel dieses Artikels steht in einer anderen Tabelle, als die Veröffentlichungszeit. Die Kommentare, die da noch kommen, sind wieder woanders gespeichert. Ich nutze die Privatfunktion von WordPress ziemlich oft. Wahrscheinlich auch für diesen Artikel.

Gerade wird mir die Puzzeligkeit allen Webexistierens bewusst. Der Irgendlinkblog ist ja auch nur ein Puzzlestück im großen Ganzen des Internets. Und das ist es vielleicht, womit sich die Institute der digitalen Frühgeschichte, so es sie denn mal geben wird, in ferner Zukunft beschäftigen müssen. Wie hat das alles zusammen gewirkt?, werden sie sich fragen, wie konnte es diese ungeheuerliche Größe entwickeln? Und wie ist es den Individuen, die am Aufbau beteiligt waren, gelungen, ihre Identität zu wahren? Vielleicht ist eine der großen Fragen in dieser imaginären Zukunft, was (individuelle) Identität in dieser Zukunft bedeutet und wie sie sich verändert hat zur Identität, wie wir sie heute kennen. Es zeichnet sich ja schon ab, wie wir unser Ichsein im Web verändern, wie wir in verschiedene Rollen springen, je nachdem, ob wir in einem beruflichen Netzwerk unterwegs sind oder in einem Hobbynetzwerk oder in unserem privaten Blog. Es droht Zersiedelung und die Auflösung unseres Namens, unserer Urheberschaft gar. Wir ergießen uns in einen riesigen Pool kollektiver geistiger Produkte und Charaktere.

Eigentlich habe ich das Problem der Zersiedelung ja schon vor über zehn Jahren erkannt. Spätestens, als ich meine zweite eigenen Domain angemeldet habe, war klar, dass sich meine Gedanken und Ideen, mein digitales Schaffen fürderhin auf diese beiden Wege verzweigen würden. Nach und nach kamen weitere Domains hinzu. Sie sind alle im Punkt „Meine Seiten“ hier links aufgelistet. Ab ca. 2012 landete ich bei Facebook, Google+, Twitter, Tumblr. Spätestens seit diesem Sommer brechen die Dämme und ich verteile mich wie Brei in den Kanälen. Wobei ich schon versuche, ein bisschen Ordnung zu halten. Fundament allen Schaffens soll immer noch das Irgendlink-Blog sein. Von den Luftgestalten outerweb, den sozialen Dingsdas verweise ich gerne und oft auf dieses Fundament. Aber nicht nur. In den ersten Jahren Twitter etwa nutzte ich die Plattform nur als Linkmüllhalde, in die per Automatismus Blogeinträge aggregiert wurden. Immer, wenn ich hier auf WordPress den Veröffentlichen-Knopf drückte, bimmelte bei Twitter die Glocke und der Artikel wurde verlinkt. Ebenso bei Facebook. Aber damit macht man sich keine Freunde. Damit gewinnt man genau gesagt Null Follower. Nein nein. Man muss da schon in „echt“ interagieren, sich einbringen, sich mit den Menschen, die hinter den Accounts stehen auch befassen. Sie haben es auch nicht verdient, dass man sie zu einer Klick-Herde zusammentreibt und sie zu digitalem Nutzvieh umfunktioniert.

Irgendlink wird beschenkt, kauft Moselschnaps und ist irritiert

Tassen auf dem Acker

Merkwürdige Dinge tragen sich zu. Ich bin Bauarbeiter, mitte fünfzig und habe mit meiner Kreditkarte irgendwo an der Mosel so dumm rumgeschusselt, dass der Schnapsverkäufer, dem ich vor Kurzem für über 200 Euro Schnaps abgekauft habe, keine Buchung erhält. Aber zum Glück hat der Schnapshändler ja meinen Namen, sagt der Kundenberater von der Raiffeisenbank irgendwo an der Mosel. Der Schnapsverkäufer und ich hätten uns angeregt über meine Heimatstadt unterhalten, weshalb er, der Raiffeisenbanker kurzerhand zum Telefonbuch gegriffen habe, um alle Männer meines Namens in der Stadt anzurufen, damit man das Zahlungsproblem anderweitig lösen könne.

Ich arbeite aber nicht auf dem Bau. Ich habe gar keine Kreditkarte. Ich bin auch nicht mitte fünfzig. Ich hasse Schnaps. Wenn dies ein Hitchcock-Film wäre, könnte ich mit einer gruseligen Verschwörung rechnen, mit Gedächtnisverlust und damit, dass fortan sehr viele merkwürdige Dinge in meinem Leben passieren.

Ich lege die Sache zu den Akten. Alle Verwandten meines Namens in der Stadt haben den selben Anruf erhalten. Und der Raiffeisenbanker, der uns angerufen hat, existiert tatsächlich (was nicht zwangsläufig bedeutet, dass er es war, der uns angerufen hat).

Tassen auf dem Acker
Tassen auf dem Acker

Seit Tagen liegt oberhalb des einsamen Gehöfts auf dem Acker ein Plastikkorb. Und ein Karton steht unweit davon. Als bekennende Krimifans scherzten SoSo und ich, in dem Karton ist bestimmt ein Kopf. Ein schöner Leichenfundort wäre das, wenn man mal einen Krimi schreiben wollte. Mit dem Plastikkorb hat es tatsächlich etwas Gruseliges auf sich. Ein paar Meter daneben liegt ein totes Tier. Man erkennt nur noch das Fell. Vielleicht ein Kaninchen, vom Regen zersetzt. Das Molekül Sherlock Holmes in mir kombiniert messerscharf: Transportkorb, Karnickel -> totes oder im Sterben liegendes Tier wurde entsorgt. Nun traut man sich gar nicht mehr, in den Karton zu gucken. Aber wie es die Witterung will, das Ding zerfällt und zum Vorschein kommt ein Kaffee-Service.

Ich bin im Film! Ich weiß es nur noch nicht.

Heute die nächste hitchcockeske Begebenheit. In der Garage liegt ein Paket, das ich nicht bestellt habe. Vielleicht ist Anthrax drin oder ein Finger? Vorsicht Glas steht drauf. Habe ich eine Kunstwerk-Bestellung vergessen? Mit einem mulmigen Gefühl öffne ich das Päckchen und stelle mich schon auf den Klassiker ein, den man bei Bombenentschärfungen unbedingt vor Augen haben sollte. Batterie und Drähte an Zeitschaltuhr. Die Kneifzange, um den roten ODER den blauen Draht zu durchtrennen liegt bereit. Ich werde warten, bis die imaginäre Zeitschaltur, die ich durchs Öffnen des Pakets aktiviere, auf drei Sekunden steht. So ist das immer im Film. Schweiß auf der Stirn. Das Päckchen wiegt recht schwer. Da könnte gut und gerne ein halbes Kilo Dynamit drin sein. Oder Anthrax oder ein Finger oder ein Kopf.

Ein Lieferschein liegt obendrauf und listet den Inhalt: eine Thermoskanne. Thermoskannen sind ideale Behältnisse für Sprengfallen. Oder Anthrax. Aber es fehlen die Drähte und die Uhr. Auf der Vorderseite der Kanne sind nackte Zehenspitzen aufgedruckt und der Spruch Just Do It Deborah. Das Ding scheint fabrikneu. Außer dem Lieferschein, der Kanne und einem Päckchen Gummibärchen ist nichts drin in dem Paket. Kein persönlicher Brief von einem Freund, der aufklären würde, lieber hungerleidender Künstler, ich lese dein Blog so gerne und will dir hiermit eine Freude machen. Nichts.

Ich habe die Kanne noch nicht aufgeschraubt. Die Option Anthrax, Sprengstoff oder Leichenteil ist also noch offen. Bevor ich mich daran wage, glaube ich an das Gute im Menschen und schreibe noch schnell diese Geschichte.

Ich gehe davon aus, dass mir jemand anonym etwas geschenkt hat, wofür ich mich mit dieser Geschichte herzlich bedanken möchte. Ich werde die Thermoskanne auf meiner nächsten Radeltour mitnehmen und mich jeden Tag darüber freuen. Dankeeee.

Un Chien Secou

In Meisenthal/Lothringen. Ein Hund in der zum Kulturzentrum umgewidmeten Glasbläserhalle. Un Chien Anda … äh Secou

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