Eine Drecktassenlänge etwas wissen, das man sofort aufschreiben müsste

Überall Geschirr. Als würde es nachts unterm Türspalt hindurch wandern bis in die Wohnung. Sich ähnlich wie beim Schach aus seiner Rochade neben dem Spülbecken lösen; es würde kreuz und quer nach den jeweiligen Möglichkeiten der jeweiligen ‚Geschirrfigur‘ durch die Bude ziehen, springen, vorankriechen. Ein Turm von Tasse neben dem Holzofen, ein Frühstücksteller nebst Kaffeelöffel quer wie ein Springer hüpfend irgendwie neben den Raspi-Sicherungsserver gelangt, dessen LEDs nervös zucken. Halb Mittagessen, halb Suppenteller bewegt sich fragil wie die Dame ein seltsames Etwas zum Wohnzimmertisch … höchste Zeit, mal wieder die Bude aufzuräumen, alles schmutzige Geschirr zusammenzusuchen und es per Hand – ich habe ja kein solch neumodernes Zeug wie eine Spülmaschine – zu reinigen.

Und das dauert, dieses Geschirrspülen. Zuerst muss der Boiler eingeschaltet werden für Heißwasser – die Künstlerbude ist, wie man sich vielleicht denken kann, eine schlichte Bude. Wenn man eine durchschnittliche Kategorisierung anstellen würde, wie der normale Durchschnittsmensch in diesem Teil der Welt so lebt, würde man am Konzept der Künstlerbude vermutlich scheitern: schlicht, funktional, sehr komfortlos.

Ich rücke dem Geschirr bei. In der Regel dauert es etwa eine halbe Stunde, bis alles wieder sauber ist. Kein Hexenwerk also. Aber es dauert und wenn der Kopf während des Dauerns woanders ist, zum Beispiel beim Lösen kniffeliger Servertechnikprobleme oder beim Ausbaldowern eines Kunstprojekts, kann diese halbe Stunde, in der man spült zur kleinen Hölle werden. Sprichwörtlich zur Zerreißprobe. Am Schlimmsten ist es, während des Spülens einen Blogartikel zu denken, den die spülfeuchten Hände gerne schreiben würden. Einen Blogartikel mit einzigartigen Satzkonstruktionen und Worten, die man, sobald diese elende Drecktasse gespült ist, schon längst vergessen haben wird. Eine Drecktassenlänge etwas wissen, das man sofort aufschreiben müsste, um es nicht zu vergessen, ist die Hölle. Ich kann von Glück reden, dass ich in diesem Moment nicht das Geschirr spüle, sondern diesen Blogartikel hier schreibe …

Ich habe versäumt, mitzuwachsen. Das ist eine Erkenntnis, die ich schon lange habe. Um in dieser Gesellschaft bestehen zu können – mitzuhalten – muss man von Anfang an im gemeinsamen Takt mitlaufen, sich durchschnittlich schnell bewegen, ähnlich gut bezahlte Berufe einschlagen, ähnliche Gegenstände kaufen, ähnliche Versicherungen abschließen, ähnliche Hobbys ausüben, ähnliche Lebenswege gehen. Man muss sich dem Durchschnitt so ähnlich verhalten wie nur irgend möglich. Dann kommt man mit ein bisschen Glück vermutlich durch. Garantien gibt es dafür nicht. Wenn man zu langsam wird, nicht so gut kann wie andere, sonstwie Pech hat im Leben, wird man abgehängt, bleibt zurück. Begrabt mich an der Biegung des Flusses, lasst mich einfach liegen, hey, und das geschieht auch. Der breite Weg des Durchschnitts ist gesäumt von Liegengelassenen. Vermutlich gibt es viele Liegengelassene. Nicht jeder erkennt, dass er eigentlich liegt. Nicht jeder spürt, wie sehr ihm der Takt, die unsichtbare Vorgabe schadet. Und liegt. Und wähnt sich im Strom.

Ich bin ein bisschen ein Sonderfall. Ich blieb freiwillig zurück. Mehr oder weniger. Es waren nur ein paar Kleinigkeiten, die anders liefen als ähnlich und schwupp war ich auf dem sparsamer-Künstler-Lebensweg. Die Auswirkungen, die es hat, langsamer zu sein, weniger Geld zu haben, erfahre ich trotz kaum spürbarer materieller und zeitlicher Not dennoch.

Manchmal fühle ich mich wie durch den Wolf gedreht, wenn ich im Takt laufen muss, statt meine eigene Geschwindigkeit zu gehen … es war dieser Gedanke kürzlich, der mich auf das Zeittakt-Problem gebracht hatte: Die Grenzpassage in die Schweiz wird momentan wieder etwas komplizierter. Zwar kann ich vermutlich problemlos mit dem Auto den kurzen Weg durchs Elsass nehmen und komme ohne Probleme zur Liebsten in den Aargau, wenn ich aber meinen Takt gehen würde und mit dem Fahrrad fahren wollte (hatte ich tatsächlich geliebäugelt), wäre mir die Passage durchs Risikogebiet mit ein zwei Ruhenächten verwehrt. Und selbst wenn ich den zig Kilometer längeren Weg am Rhein nähme, wer an der Grenze könnte sich vorstellen, dass das Fahrrad und die Langsamkeit mein Takt ist und dass es ein Fortbewegungsmittel ist … jeder würde mich für einen Touristen halten. Ich existiere nicht als verwaltbares, klassifizierbares Menschenobjekt. Da sind noch mehr Ungenauigkeiten.

Luxusproblem. Vielleicht zeigt es den Kern, dass Menschen auch in einem anderen Takt, einer anderen Schwingung, einem anderen Daseinszustand sein können, den man sich von innen heraus, aus dem soundso festgeschriebenen so-ist-das-nunmal-Leben nicht vorstellen kann.

Zeit. Alles braucht Zeit. Geld. Alles braucht Geld. Zeit und Geld als gesellschaftliche Vereinbarung. Systeme zur Koordination. Wenn man zu langsam ist, ist man raus. Wenn man zu geldlos ist, ist man raus. Das Zuviel hat über das Genug gesiegt. Wenn man den durchschnittlichen  Takt nicht halten kann oder will, ist man raus … nein nein, so kann der Artikel nicht beginnen.

Lasst mich mit dem Spülberg beginnen.

Blinde Begegnung – vom Entzücken, wie groß die Vielfalt im Gleichklang des Auftreffens von Pappelblättern auf Untergründen verschiedenster Natur ist

Eine Blogparade von Frau @traumspruch auf dem Blog Blindleben.

Stockfinstere Nacht vor ein paar Nächten. Ich weiß, dass der Mond wie mit dem Stechbeitel geschnitzt kurz hinter Wolken hervorlugte und der kleine natürliche Lichtimpuls genügte, damit die Sehnerven Umrisse erkennen konnten, Schatten der Bäume hinterm schummrigen, gewellten Dachfenster und ich kletterte aus dem Hochbett über die knarzende Leiter auf den dumpfen Boden, der nicht nur so federt wie ein Turnhallenboden, sondern auch so klingt, ein paar Schritte rüber zur Tür die Treppe runter auf die Südterrasse und ich musste schmunzelnd an die Ateliertüre denken, die mal wieder geölt werden sollte, denn sie quietscht und zwar genauso wie die ersten paar Töne in der Titelmelodie zum Film Spiel mir das Lied vom Tod. Schmunzeln musste ich vor allem, weil ich immer, wenn ich die Ateliertüre aufmache und sie die ersten Töne von Spiel mir das Lied vom Tod quietscht, die nächsten Töne pfeifend ergänze. Aber so weit sollte es nicht kommen, denn ich hatte in dieser zappendusteren Nacht nicht die Absicht, das Atelier zu betreten. Vielmehr wollte ich den haarfeinen Schlitz von Mond betrachten, die Atmosphäre der Nacht genießen, in der Hoffnung, die Unruhe zu vertreiben, die mich manchmal zu nachtschlafender Zeit in Alarmbereitschaft versetzt. Dann pocht das Herz bis zum Hals ganz laut … als junger Mensch hatte mich das in Panik versetzt. Nun bin ich abgebrüht, schlafe meist schnell wieder ein, es sei denn, ich kann mich aufraffen, die Künstlerbude zu verlassen und ein bisschen im Garten zu flanieren.

Die Wolken hatten den Mond schon wieder verhüllt, ehe ich am Fuß der Außentreppe angelangt war und auf der Terrasse unterm großen alten Nussbaum barfuß über den Beton kitschte, Haut auf Beton, die versöhnliche Art, nicht die, wie etwa bei einem Fahrradsturz. Ein versöhnliches Haut auf Beton-Geräusch bis zum Rand der Wiese, vorsichtig tastend, damit ich nicht volle Kanne auf eine Nuss tappe. Bestimmt würde ich den zarten Gleichklang des Winds in den zig Meter hohen Pappeln an der Westflanke durch einen Schmerzschrei stören, wenn Nuss.

Achtsamkeit, Langsamkeit, Tastsamkeit. Es gibt nur noch das Ohr und mich, okay, die Nase gibt es auch und das Auge, alle Sinne sind bereit, bloß, dass der Sehsinn bei dieser Zappendusternis nicht gebraucht wird. Selbst meine Füße nehmen in diesem Moment mehr wahr als meine Augen, und es ist wie Magie, dass dieser Zustand der Nichtabgelenktheit durch Hinschauen alle anderen Sinne stärkt.

Die Luft riecht gut. Die vom nahen Winter angezählten Blätter der Pappel lösen sich und ich bilde mir in diesem Moment ein, nein, ich bilde es mir nicht ein, ich denke nur darüber nach, ob es wohl mit einigem Training möglich wäre, das zarte Rieseln, das die welken Blätter beim Auftreffen auf der Wiese, auf Erde, auf anderen Pflanzen verursachen, so exakt wahrzunehmen, dass ich sie zählen könnte. Vermutlich nicht. Aber ich höre genauer hin und bin entzückt, wie groß die Vielfalt im zunächst angenommenen Gleichklang des Auftreffens von Pappelblättern auf Untergründen verschiedenster Natur ist.


Frau Traumspruch auf Twitter: https://twitter.com/traumspruch

Blindleben-Account auf Twitter: https://twitter.com/MeinAugenlicht

Frau Traumspruchs Blog: https://traumspruch.wordpress.com/


Weitere ‚Blinde Begegnungen‘ der Blogparade (zu sehen in den Kommentaren zum schon zu Beginn verlinkten Blogparaden-Info-Artikel.

Andrea Halbritter im Cotelangues-Blog

liuea im Dazwischen-Blog

https://aquarium.teufel100.de/2020/10/23/wir-behinderer/

https://blindleben.wordpress.com/2020/10/01/ein-beitrag-zur-blogparade-blindebegegnung/

Stadtradeln goes Parking Day vs. wieso in Erscheinung treten?

Zwischen viel Arbeit und dem momentan laufenden ‚Stadtradeln‘ in Zweibrücken hin und her gerissen, ob ich meinem Stadtradeln-Team heute noch ein paar Radelkilometer beisteuere und meine Arbeit ruhen lasse … eigentlich ist fast alles vorbereitet für die morgige (18. September 2020) Kunstaktion zum Parking Day in Saarbrücken. Zudem werden ja die etwa achtzig Kilometer, die ich dabei per Ebike mit Radelgalerie zurücklege auch noch dem Stadtradeln gutgeschrieben. Unten folgt die Pressemitteilung. Kommt alle (Feldmannstraße 144 bei Sali e Tabacchi)!

Dennoch ein kurzer Gedanke zum Stadtradeln, dem Thema Wettkampf und warum wir Menschen immer rennen müssen. Das Stadtradeln ist wie ein Wettkampf gestrickt. Städte gegen Städte, Teams in den Städten gegeneinander und die Menschen im Team ‚kämpfen‘ auch um eine Platzierung auf dem jeweiligen Team-Siegertreppchen. Kurz und gut: menschliches Miteinander/Gegeneinander as usual. Das Miteinander im Gegeneinander finden?

Lange schon denke ich darüber nach, wie es wäre, als Person oder als sonstige Identität (Firma, Stadt, Land) in den Hintergrund zu treten und nur die Tat selbst stehen lassen. Kein Rangeln um Ruhm und Ehre. Ob das eher produktiv wäre, oder ob der Anreiz fehlen würde, überhaupt etwas zu tun?

Wir rennen, rennen und rennen und verlieren uns oft im kleinen Gegeneinander.

Hier nun aber die Ankündigung der morgigen Aktion. Die Namen der Beteiligten lasse ich so stehen, obschon die Sache an sich als Sache an sich Bestand hätte.

PRESSEMITTEILUNG

Radelgalerie des Zweibrücker Künstlers Jürgen Rinck am Parking Day 2020 in Saarbrücken und Ausstellungseröffnung – My Home is Where My Bike Is – im KUNSTschauFENSTER

Mal-Aktion und Ausstellung von Klaus Harth, Albert Herbig und Jürgen Rinck.

Im Rahmen des Parking Day am Freitag, 18. September 2020 (16 bis 18 Uhr) belegt der Zweibrücker Künstler Jürgen Rinck mit seiner Radelgalerie die Parkplätze vor drei Gebäuden in der Saarbrücker Feldmannstraße. Gemeinsam mit den Künstlern Klaus Harth (Merchweiler) und Albert Herbig (Saarbrücken) werden die Parkplätze vor den Anwesen 142, 144 und 146 für zwei Stunden umgewidmet zur Bühne für Lesung, Mal-Aktion und Kunstausstellung.

Es gibt eigentlich nur zwei Orte, an denen Autos schön sind: wenn man selbst drin sitzt und auf dem Schrottplatz.

Diese Aussage provoziert eingefleischte Motoristen und Motoristinnen. Dennoch, das Auto, der motorisierte Privatverkehr, ist ein überall sichtbares, hörbares und riechbares Phänomen, das zunehmend für Probleme und Konflikte sorgt. Der alltägliche Kampf um die Parkflächen der großen Städte in Konjunktion mit Stoßverkehrstaus zum einen, die unumgängliche Omnipräsenz von PKW jeder Couleur abgestellt im öffentlichen Raum, zum anderen. Und wenn nicht auf offiziellen Parkplätzen, dann eben auf Gehwegen, Radwegen, Zebrastreifen, Grünflächen. Es gibt kaum noch Orte, an denen keine Autos zu finden sind; fast keine Sehenswürdigkeiten, die man unverparkten Blickes bewundern und fotografieren kann.

Der bundesweit stattfindende Parking Day sensibilisiert einmal im Jahr für die Problematik, indem für zwei Stunden eine begrenzte Anzahl von Parkplätzen in den teilnehmenden Kommunen in Aktionsflächen für Kunst und Kultur umgewidmet wird. Für Ausstellungen, Performances und andere unmotorisierte Nutzungen.

Freitag, 18. September 2020 von 16 bis 18 Uhr, auf den Parkplätzen in der Feldmannstraße 142, 144 und 146.

Weitere Aktionszonen des Parking Day Saarbrücken im Jahr 2020 sind:

Breite Straße zwischen Malstatter Markt und Brückenstraße

Ecke Türkenstraße/Obertorstraße

Ausstellung Jürgen Rinck im KUNSTschauFENSTER der Galerie Sali e Tabacchi: 365 Daily – Artist‘s Collection

Bilder im Polaroid-Stil in fünf Spalten und sieben Reihen aarangiert zu einer Übersicht. Stark verfremdete Motive von z. B. einem Vorhängeschloss, das im Teer der Straße festgefahren ist genau in der Mitte der Bildersammlung, oder einem Kirchturm, der als Zeiger einer Uhr montiert wurde.
Artist’s Collection 2019 – 35 Bilder aus Jürgen Rincks Serie 365 Daily 2019.

Zeitgleich zum Parking Day eröffnet die Ausstellung 365 Daily – Artists Collection von Jürgen Rinck im KUNSTschauFENSTER der Galerie Sali e Tabacchi, Feldmannstraße 144, Saarbrücken.

Seit 1. Januar 2019 postet der Künstler unter der Rubrik ’365 Daily’auf seiner Webseite jeden Tag ein neues Kunstwerk . Gezeigt werden ausgewählte, künstlerisch veredelte Fotos des Jahres 2019, Herzmotive des Künstlers. Die auf sechs Stück limitierte Artist’s Collection enthält insgesamt 35 Bilder im Format 12×12 cm, auf Holz aufgezogen, inklusive Aufbewahrungsbox.

Ausstellungsadauer: 18. September 2020 bis 9. Oktober 2020

Öffnungszeiten: Die Ausstellung kann rund um die Uhr im KUNSTschauFENSTER von Sali e Tabacchi besichtigt werden. Galerie und Weinhandlung sind nach Vereinbarung geöffnet.

Das KUNSTschauFENSTER ist ein neues Ausstellungsformat der Saarbrücker Galerie [SALI E TABACCHI], das versucht, auch in Zeiten des Social Distancings Begegnungen mit Kunst zu ermöglichen.

Links

Galerie Sali e Tabacchi: http://salietabacchi-sb.de/

Radelgalerie: http://radelgalerie.de

Klaus Harth: http://www.zeichenblock.info/

Albert Herbig: http://www.albertherbigART.de/

Jürgen Rinck 365 Daily Projekt: https://shop.irgendlink.de/produkt-kategorie/365-daily/

Parking Day in Saarbrücken: http://parkingday.saarbrigge.de

Im lichten Mischwald oberhalb des glänzenden Rutschenschlunds

„Bub oder Mädchen, meine Damen und Herren, kommense rein, kommense rein!“ Wedelnd mit Geldscheinen und wild fuchtelnden Händen mitten im Pfälzer Wald. Wie so ein Buchmacher beim illegalen Hunde- oder Hahnenkampf, so kann man mich sehen. Nicht!

Dennoch, die Vorstellung vom schmierigen Illegale-Wetten-Buchmacher garniert unsere ruhige, beschauliche Wanderung am gestrigen Tag, würzt ihn fein ab. Unterwegs auf der Wasgau-Seen-Tour. Gut zwanzig Kilometer auf einem Rundkurs. Wald. Stille. Schwüles Wetter. Noch immer spürt man den Einbruch des Flugverkehrs, murmele ich irgendwann. Kaum Kondensstreifen. Die Abwesendheit von Geräuschen fast jeder Art. Insektensummen. Teichplätschern. Diesiger Hochsommerhimmel zwischen müde hängendem Laub. Frühe Herbsttendenz. Trocken ist es seit Monaten. Das Laub fällt.

Die Wasgau Seen Runde führt meist über Waldwege und Pfade und tangiert die zahlreichen Teiche in den sanften Flusstälern um Fischbach und Ludwigswinkel. Über die Jahrhunderte trotzte der Mensch den einst sumpfigen Flussauen Landfleckchen um Landfleckchen ab, terrassierte die Rinnsale zu Teichen. Dementsprechend erklärt sich das lokale Nahrungsangebot, geräucherte Forelle und Honig, sowie winterwärmende Holzpolder allüberall. Wald, Wiese, Hochlandrinder, Forellen. Und viel viel Natur.

Wir befinden uns mitten in einer grenzübergreifenen Bisophäre, die sich von Kaiserslautern im Norden bis nach Saverne in Frankreich durch Pfälzer Wald und Nordvogesen zieht. In Fischbach bei Dahn lockt ein Baumwipfelpfad und das Biosphärenhaus mit zahlreichen Informationen und kleinen Abenteuern. Holzskulpturen entlang der Wege. Vor anderthalb Jahren hatten wir den Baumwipfelpfad einmal besucht. Und so die große edelstahlene Rutsche kennengelernt, auf der man am Ende des Pfades über verspielte Kurven abwärts rutschen kann und vor deren unterem Ende wir nun stehen und ich den imaginären Buchmacher spiele: „Komm’se rein, komm’se rein, Dam’un’Herrn, mal gewinnt man, mal verliert man!“ Einziger Gast und Zuschauerin ist Frau SoSo.

Niemand rutscht. In einem Western würde man die beängstigende Stille mit rollenden Büschen darstellen, Staubwirbeln, Grillenzirpen. Wie ausgestorben wirken die Holzstegekonstruktionen im lichten Mischwald oberhalb des glänzenden Rutschenschlunds. Es ist schon spät. 17 Uhr? 18 Uhr? Vielleicht ist die Attraktion schon geschlossen? Zu heiß heute? Alle auf Malle? Weit weg in den Ferien?

Ein paar Meter weiter werden wir eines Besseren belehrt. Der Wohnmobilstellplatz beim Eingang des Biosphärenhauses ist voll. Dicht an dicht stehen die weißen Concorde-Burgen und jede für sich bildet mit der linken Seite der nachbars Burg eine Art Burghof, in der die Menschen, denen die Burg gehört auf Liegestühlen lümmeln, Gasgrills brutzeln, Matten ausgelegt sind, Fliegengitter und Sonnenschirmchen.

Kleines, enges Touristenterrain und wir Wilden, wie wir mit unseren Schalks in unseren Nacken lachend aus den wie verlassenen Wäldern kommen, beobachten verstört.

Vermutlich ähnlich verstörend wäre es für die Menschen der Zivilisation, wenn sie tatsächlich beim Schlund der Rutsche auf einen Buchmachertypen treffen würden, der sie auffordert, Wetten abzuschließen, ob als Nächstes ein Bub oder ein Mädchen aus dem Schlund kommt, ein Rotschopf oder ein langhaariger Zottel, ein Hund vielleicht? The Palatin-Bookmaker-Performance, wenn auch nur theoretisch, ward geboren.

Kurze Zeit vorher hatten wir noch eine weitere kuriose Performance-Idee. Beim Wanderpfad gab es einige informative Spielereien mit Schautafeln und Erklärungen über Natur und Geologie. So auch ein paar Steine und Plexiglasröhren mit Sand verschiedener Regionen.

Da müsste man mal eine Hundeleine an dem großen Fels festmachen, scherzte ich mit Frau Soso, und sich einen Tag hinstellen und so tun, als wäre der Fels ein Hundchen. Den Vorbeikommenden erzählen, der macht nix, der will nur spielen, ja, sooo isser feiiin, und wenn andere Hundegassigänger vorbeikommen, fragen Bu’sche oder Mädsche und wenn sie sagen, Bubsche, ihnen antworten, ah, dann kann ich ihn ja losmachen. Da können sie ein bisschen spielen.

Auch Frau SoSo berichtet über die Begebenheiten -> hier.

 

Ein simulierter Reiseradlerkünstlertesttag #UmsLand

Ist es die Undurchquerbarkeit der Stadt mit ihren vielen Bordsteinen; den wenn vorhandenen, dann unsinnigen, gar perversen Radwegeführungen; die schnellen Landstraßen am nördlichen Stadtrand; die für Radlerinnen und Radler absolut tabue Ost-West-Hauptachse, die einen dazu zwingt, auf stark überflanierte Wege an den Bächen vorbei am Biergarten und am Schwimmbad zu nehmen? Spießrutenlauf, dein Name sei Zweibrücken.

Zu Beginn der Pandemie gab es ein paar schöne Radtouren, die mich durch die nähere Umgebung führten. Straßenbegebenheiten wie in den 1980ern. Wenig Verkehr, gute Hauptstraße, Rücksicht für ein zwei drei Wochen. Bis zum Rückkehr der sogenannten Normalität.

Die letzten Monate vergingen wie im Flug. Den April und Mai hatte ich mit Buchschreiben verbracht. Zwar nicht fertig geworden und gewiss auch kein Bestsellerformat, aber ein Buch nach meinem Geschmack. Eins für die Halde. Für die Zukunft, wenn das Leben mal stagniert und es nichts mehr zu tun gibt für einen Draußendurchdieweltblogger wie mich. In den letzten Monaten hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass der Moment schon gekommen ist, des nichts mehr zu tun Habens draußen in der Welt. Dass ich mich zurückziehen könnte hinter die heimische Tastatur, um alles aufzuschreiben, dass ich die Dinge ins Reine bringe, meinen Frieden mache, einschlafe nach und nach.

Nun fährt der Kunstreaktor wieder hoch. Und mit ihm der (Rad)reisereaktor. Alles was ich getan habe in den letzten zwanzig Jahren geschah unterwegs. Im Sattel des Fahrrads. Nachdem diesen Frühling Zweibrücken-Andorra als virtuelles Projekt recht zufriedenstellend lief, hatte ich noch Radlantix angehängt, und ich glaube, das Buch wird auf der Île de Batz enden, irgendwie mysteriös harukimurakamisch. Radlantix ist sicherlich mein ungewöhnlichstes Blogprojekt, weil sämtliche Blogeinträge frei erfunden sind und man dennoch das Gefühl hat, die Reise habe tatsächlich stattgefunden.

Die Vernunft ließ mich alle Termine absagen und alle Reiseideen einstampfen, die weiter weg führten. Sogar den für diesen Sommer geplanten dritten Abschnitt des UmsLand/Bayern-Projekts habe ich auf Eis gelegt. Über 500 Kilometer Anreise, um in Zwiesel oder in Rosenheim wieder in die Runde um Deutschlands größtes Bundesland einzusteigen ist ja doch ein Brett. Zugfahren mag ich nicht. Zu groß der Stress, Mitmenschen nahe zu kommen, mich mit Maskenverweigerern und sogenannten Covidioten rumzuärgern. Zudem scheint der Direktzug namens Dachstein, der von Homburg durchrauscht bis nach Österreich nicht mehr zu existieren. Bleibt nur noch, vor der eigenen Haustür zu bloggen.

Ein zweites UmsLand/Rheinland-Pfalz. Dieses Mal ohne Unterbrechung der Tour, etwa 16 Tage am Stück Ende August. Die erste Reise im Jahr 2017 mit viel Pressetamtam stand ja nicht gerade unter einem guten Stern. Der Vater lag im Sterben. Und so kam es auch, dass ich drei Tage vor Tourende abbrechen musste. Erst 2019 fortsetzte und erst vor ein paar Tagen habe ich überhaupt die Tourkarte ‚geschrieben‘, sprich die GPS-Tracks der geradelten Strecke in eine Umap integriert.

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Der Plan: Während des Stadtradelns werde ich wie ein ganz normaler Mensch meinem Beruf nachgehen (Bloggen und Kunstschaffen im Sattel) und dabei das Rad nutzen (als ob ich das nicht schon seit zigtausenden Kilometern so mache). Stadtradeln ist eine deutschlandweite Aktion mit der Absicht, Radinfrastruktur zu verbessern und die Menschen spielerisch wettkämpferisch zum Umdenken zu bewegen, zum Umsteigen von Motormobilität auf Muskelmobilität.  Das Stadtradeln findet schon seit ein paar Jahren statt. Zweibrücken nimmt als Kommune heuer erstmals Teil. Ein bisschen stolz bin ich schon, das sich in diesem Quasimodo unter den Radlerstädten doch schon über hundert Menschen angemeldet haben. Trotz hoher Bordsteine und unmöglicher Radwegeführungen.

Problem: in diesem Jahr bin ich noch keine dreihundert Kilometer weit geradelt. Nicht dass ich unfit wäre. Die letzten Wochen plage ich mich jedoch mit unerklärlicher Müdigkeit, die mich manchmal auch tagsüber zum Ruhen zwingt. Unlust loszuradeln.

Muss aber wieder in den Flow kommen, wenn ich die zweite Rheinland-Pfalz-Umrundung machen möchte. Auch Schreiben, den täglichen Blogbericht, der unweigerlich zum Kunst-Reiseprojekt gehört, muss ich erst wieder üben. Was ich hiermit tue, sonntagsmorgens um 4:44.

Der gestrige Tag offenbarte das womögliche Problem. Der Körper ist fit. Aber der Geist verweigert. Den lieben langen Morgen verbrachte ich damit, mir vorzustellen eine knappe 100-Kilometer-Tour in den Pfälzer Wald zu machen. Ziel Saarbacherhammer. Baden, rumliegen, pausieren und dann über die Eselssteig und die Rheinland-Pfalz-Radroute wieder zurück. Es wurde spät und später. Der Mittag ging. Immer noch daheim. Die Müdigkeit übermannte mich. Im Kopf baute ich eine Barrikade nach der anderen. Das ist beim Losradeln immer so faszinierend, dass man sich die Route vorstellt, wenn man sie schon kennt. Der Ekel vor dem Durchqueren der verqueren Stadt; schon das paarhundert Meter lange Stück Landstraße direkt vor der Haustür, ein erstes Linksabbiegen auf einer Strecke, auf der viel Verkehr herrscht und man mit hundert durch eine Siebzigerzone zu rauschen pflegt. Abstoßend. Immerhin hatte ich gegen 13 Uhr die Radlerhose angezogen, stellte mir diese oder jene Steigungsstrecke vor, die zu bewältigen wäre, gähnte, fläzte mich im Gartenstuhl unter dem Nussbaum, überlegte zu schlafen, riet mir selbst aber, ‚quäl dich du Sau‘, saß schließlich doch auf dem Radel, bog links ab, überlebte die Stadt und draußen, südlich nach Frankreich zu radelnd, wurde mir plötzlich leicht um die Beine. Die Kilometer flogen dahin, alle Möglichkeiten waren zurück aus dem Nirvana jenseits der selbst gebauten Barrikaden.

Es ist alles in Ordnung mit dem Körper, diagnostizierte ich. Herz pumpt. Lunge jault, Beine fliegen rund.

Menschen, die auf dem Berg leben, sterben im Tal, sagte ich einmal. Schaffen es einfach nicht mehr zurück. Bleiben im Straßengraben liegen. Gutso. Wenn es bloß nicht in der unsäglich hektischen Stadt geschieht. Es ist die Enge, die Hektik, die einem auf die Pelle rückenden Mitmenschen, die mich so müde machen, die mich in die Knie zwingen. Sobald ich freies Land unter der Kurbel habe, läuft es prima.

Abends zurück, will ich eine Art Tourtag-Simulation. Zur täglichen Arbeit des Reisekünstlers gehört neben Radfahren und Dingen erleben, über die er schreiben kann auch Kommunikation, sowie Lebenserhaltung, sprich Zeltlager aufbauen und Essen kochen. Da es keinen Sinn ergibt, im heimischen Garten das Zelt aufzubauen, lasse ich mir beim Kochen Zeit (gibt lecker Zucchinisuppe mit Ingwer und Backerbsen, sowie Salat) und verschiebe den Blogartikel (diesen hier) auf frühmorgens.

Hiermit wäre dann der gestrige, simulierte Reiseradlerkünstlertesttag abgehakt. Und irgendwie gelungen. So kann es funktionieren. Ende August werde ich aufbrechen UmsLand Rheinland-Pfalz. Dieses Mal gegen den Uhrzeigersinn.