Eine Drecktassenlänge etwas wissen, das man sofort aufschreiben müsste

Überall Geschirr. Als würde es nachts unterm Türspalt hindurch wandern bis in die Wohnung. Sich ähnlich wie beim Schach aus seiner Rochade neben dem Spülbecken lösen; es würde kreuz und quer nach den jeweiligen Möglichkeiten der jeweiligen ‚Geschirrfigur‘ durch die Bude ziehen, springen, vorankriechen. Ein Turm von Tasse neben dem Holzofen, ein Frühstücksteller nebst Kaffeelöffel quer wie ein Springer hüpfend irgendwie neben den Raspi-Sicherungsserver gelangt, dessen LEDs nervös zucken. Halb Mittagessen, halb Suppenteller bewegt sich fragil wie die Dame ein seltsames Etwas zum Wohnzimmertisch … höchste Zeit, mal wieder die Bude aufzuräumen, alles schmutzige Geschirr zusammenzusuchen und es per Hand – ich habe ja kein solch neumodernes Zeug wie eine Spülmaschine – zu reinigen.

Und das dauert, dieses Geschirrspülen. Zuerst muss der Boiler eingeschaltet werden für Heißwasser – die Künstlerbude ist, wie man sich vielleicht denken kann, eine schlichte Bude. Wenn man eine durchschnittliche Kategorisierung anstellen würde, wie der normale Durchschnittsmensch in diesem Teil der Welt so lebt, würde man am Konzept der Künstlerbude vermutlich scheitern: schlicht, funktional, sehr komfortlos.

Ich rücke dem Geschirr bei. In der Regel dauert es etwa eine halbe Stunde, bis alles wieder sauber ist. Kein Hexenwerk also. Aber es dauert und wenn der Kopf während des Dauerns woanders ist, zum Beispiel beim Lösen kniffeliger Servertechnikprobleme oder beim Ausbaldowern eines Kunstprojekts, kann diese halbe Stunde, in der man spült zur kleinen Hölle werden. Sprichwörtlich zur Zerreißprobe. Am Schlimmsten ist es, während des Spülens einen Blogartikel zu denken, den die spülfeuchten Hände gerne schreiben würden. Einen Blogartikel mit einzigartigen Satzkonstruktionen und Worten, die man, sobald diese elende Drecktasse gespült ist, schon längst vergessen haben wird. Eine Drecktassenlänge etwas wissen, das man sofort aufschreiben müsste, um es nicht zu vergessen, ist die Hölle. Ich kann von Glück reden, dass ich in diesem Moment nicht das Geschirr spüle, sondern diesen Blogartikel hier schreibe …

Ich habe versäumt, mitzuwachsen. Das ist eine Erkenntnis, die ich schon lange habe. Um in dieser Gesellschaft bestehen zu können – mitzuhalten – muss man von Anfang an im gemeinsamen Takt mitlaufen, sich durchschnittlich schnell bewegen, ähnlich gut bezahlte Berufe einschlagen, ähnliche Gegenstände kaufen, ähnliche Versicherungen abschließen, ähnliche Hobbys ausüben, ähnliche Lebenswege gehen. Man muss sich dem Durchschnitt so ähnlich verhalten wie nur irgend möglich. Dann kommt man mit ein bisschen Glück vermutlich durch. Garantien gibt es dafür nicht. Wenn man zu langsam wird, nicht so gut kann wie andere, sonstwie Pech hat im Leben, wird man abgehängt, bleibt zurück. Begrabt mich an der Biegung des Flusses, lasst mich einfach liegen, hey, und das geschieht auch. Der breite Weg des Durchschnitts ist gesäumt von Liegengelassenen. Vermutlich gibt es viele Liegengelassene. Nicht jeder erkennt, dass er eigentlich liegt. Nicht jeder spürt, wie sehr ihm der Takt, die unsichtbare Vorgabe schadet. Und liegt. Und wähnt sich im Strom.

Ich bin ein bisschen ein Sonderfall. Ich blieb freiwillig zurück. Mehr oder weniger. Es waren nur ein paar Kleinigkeiten, die anders liefen als ähnlich und schwupp war ich auf dem sparsamer-Künstler-Lebensweg. Die Auswirkungen, die es hat, langsamer zu sein, weniger Geld zu haben, erfahre ich trotz kaum spürbarer materieller und zeitlicher Not dennoch.

Manchmal fühle ich mich wie durch den Wolf gedreht, wenn ich im Takt laufen muss, statt meine eigene Geschwindigkeit zu gehen … es war dieser Gedanke kürzlich, der mich auf das Zeittakt-Problem gebracht hatte: Die Grenzpassage in die Schweiz wird momentan wieder etwas komplizierter. Zwar kann ich vermutlich problemlos mit dem Auto den kurzen Weg durchs Elsass nehmen und komme ohne Probleme zur Liebsten in den Aargau, wenn ich aber meinen Takt gehen würde und mit dem Fahrrad fahren wollte (hatte ich tatsächlich geliebäugelt), wäre mir die Passage durchs Risikogebiet mit ein zwei Ruhenächten verwehrt. Und selbst wenn ich den zig Kilometer längeren Weg am Rhein nähme, wer an der Grenze könnte sich vorstellen, dass das Fahrrad und die Langsamkeit mein Takt ist und dass es ein Fortbewegungsmittel ist … jeder würde mich für einen Touristen halten. Ich existiere nicht als verwaltbares, klassifizierbares Menschenobjekt. Da sind noch mehr Ungenauigkeiten.

Luxusproblem. Vielleicht zeigt es den Kern, dass Menschen auch in einem anderen Takt, einer anderen Schwingung, einem anderen Daseinszustand sein können, den man sich von innen heraus, aus dem soundso festgeschriebenen so-ist-das-nunmal-Leben nicht vorstellen kann.

Zeit. Alles braucht Zeit. Geld. Alles braucht Geld. Zeit und Geld als gesellschaftliche Vereinbarung. Systeme zur Koordination. Wenn man zu langsam ist, ist man raus. Wenn man zu geldlos ist, ist man raus. Das Zuviel hat über das Genug gesiegt. Wenn man den durchschnittlichen  Takt nicht halten kann oder will, ist man raus … nein nein, so kann der Artikel nicht beginnen.

Lasst mich mit dem Spülberg beginnen.

9 Gedanken zu „Eine Drecktassenlänge etwas wissen, das man sofort aufschreiben müsste“

  1. Lieber Irgendlink,
    Richtung Schweiz kann ich aktuell versuchen, dir „weiter“ zu helfen. Ein Besuch bei mir kann auch als „geschäftlich“ deklariert werden.

    Aber egal: deine Ausführungen zum „Herausfallen“ aus der derzeitigen „Realität“ kann ich sehr gut nachvollziehen. Es schmerzt manchmal heftigst, manchmal macht es sehr müde und oft ist die Aussicht ganz gut…

    Schöne Grüsse auch weiter in den Aargau.

    antje

    1. Das Einreisen von Deutschland in die Schweiz ist zum Glück kein Problem. Deutschland hat diesmal sogar ein Formular online geschaltet, womit eine (unverheiratete) Fernbeziehung deklarierbar wird (um eine Quarantäne zurück in D zu vermeiden).

      Deine Gedanken und dein Angebot tun gut!

      1. Aber das Formular gilt doch nur für Schweizer:innen? Oder habe ich das falsch verstanden? Ich bin jedenfalls unsicher, ob ich nach der Rückkehr quarantinieren muss oder nicht.

  2. das geschriebene bewegt mich und gefällt mir sehr! die beschreibung des geschirrberges zum spülen ist wunderbar. auch wir haben keine geschirrspülmaschine, wollen keine. so wenig geräte wie möglich, so finde ich es gut. ich lese übrigens schon lange gerne hier, obwohl ich nicht einmal rad fahren kann ;-).
    bleib gesund und froh, gruss roswitha

    1. Danke, liebe Roswitha. Faszinierend finde ich ja am Spülen auch das Gefühl, wenn man eins wird damit und es einfach tut, ohne an etwas anderes zu denken. Leider gelingt es nicht oft und man ist in Gedanken oft woanders. Beim Radfahren zum Beispiel schon oben auf dem Gipfel, während der Körper sich noch schindet. Aber im Prinzip ist das ja auch ohne Fahrradfahren gut nachzuvollziehen. Das Mittel ist dann eben ein anderes, aber die Mechnismen sind ähnlich.

  3. Und selbst, als mir die Nutzung einer Spülmaschine möglich gewesen wäre, hab ich mit der Hand abgewaschen.

    Ich hab mich irgendwann neben den Durchschnittsweg gesetzt, um auszuruhen. Und bin sitzengeblieben und schau mir gerne das Gerenne an. Auch wenn das verzichten müssen heißt …

  4. Lieber Juergen,
    wenn ich recht orientiert bin, koennten wir hier zur Zeit nicht in den Suedwesten reisen, jedenfalls nicht durch New Mexico, da wir da 14 Tage in Quarantaene muessten.
    Liebe Gruesse, mach’s gut, pass‘ gut auf Dich auf und bleib‘ besund,
    Pit

  5. Wenn Dir gerade mal nichts einfällt, Du Inspiration brauchst, drohe Deinem Unbewussten einfach mit dem Abwasch. Schon wirst Du befeuert, weißt kaum was Du zuerst aufschreiben sollst. Ist das nicht wunderbar?

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