Das Limo-Gleichnis – oder das Diktat des angebrochenen Liters

Eine angebrochene Limoflasche in der Mittagspause. Wie sie in der Sonne glänzt. Herr Irgendlink leerte sie in einem Zug, noch bevor er sich wunderte, warum er das tat. „Warum habe ich die Flasche bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken? Wollte ich wirklich einen halben Liter Limo trinken? Waren es nicht eher 0.33 Liter oder vielleicht vier Schluck?“

In dieser Mittagspause diagnostizierte Herr Irgendlink das Diktat des angebrochenen Liters.

„Warum richten wir Menschen uns nach vorgegeben Maßen,“ philosophierte Herr Irgendlink, „was, wenn in der Limoflasche fünf Liter gewesen wären? Hättest du sie getrunken? Warum essen wir unsere Teller leer, rauchen die Zigarette bis zur Schrift? Erkennen wir etwa erst, wann genug ist, wenn das äußere Maß es uns sagt? Das äußere Maß. Oh ja. Um es in Zeitgöttern auszudrücken, es ist Chronos; und Kairos, das innere Maß, selbständig zu wissen, wann es genug ist, ist sein Gegenspieler.“

Nach dieser Mittagspause philosophierte Herr Irgendlink still. Und er tat es in der nächsten und übernächsten Mittagspause auch. Nach einer gewissen Zeit begann er den Urmeter zu hassen, weil er die Messlatte aller Penislängen ist. Weil er stellvertretend für alle von Menschen erfundenen Maße quasi als Symbol für das Diktat von Außen steht. Nach mehrwöchiger Denkzeit begann Herr Irgendlink langsam zu begreifen, dass der Mensch – nein, er wollte dies nicht verallgemeinern – dass mindestens der Mensch Herr Irgendlink in gewisser Weise von außen von von Menschen definierten Maßeinheiten diktiert wird und dass der Mensch, mindestens aber Herr Irgendlink, nicht tatsächlich selbst bestimmt, wieviel Limo er trinkt.

Eine verquirlt philosophische Betrachtung von Herrn Irgendlinks Gemütszustand

Wieder so ein seltsamer Abend. Herr Irgendlink beendete seine Arbeit als Tackerqueen um 22 Uhr. An diesem Abend hat er zum ersten Mal eine Vip-Lounge, wie er sie im Schweiße seines Angesichts täglich baut, in Situ gesehen. Direkt. Vor Ort in einem hundert Meter langen Zelt, das eine ortsansässige Maschinenfabrik für Ihr 40-jähriges Bestehen aufgebaut hatte. Staunenden Auges flanierte Herr Irgendlink durch den Tempel aus Licht, voll klimatisiert und mit etlichen tausend Watt illuminiert.

Mitunter erliegen Menschen einem unerklärlichen Rausch, wenn sie plötzlich erkennen, was sie als winziges Licht in einer Sinfonie von Photonen zu erreichen vermögen.

Irgend-Gänsehaut und ein winziger Jammer, die Kamera vergessen zu haben. Dennoch schuftete Tackerqueen Irgendlink hart, mit gewissem Stolz, dass ihr die erlesensten Aufgaben anvertraut wurden, die man wohl nur echten Künstlern anvertraut: Bspw.: gut eine Stunde konzentrierte sich Herr Irgendlink darauf, sündhaftteure Transferschriftzüge auf sechs Meter hohe Banner aus wetterfester LKW-Plane zu kleben. Etc. Die Aufgaben in der Veranstaltungstechnik sind bizarr. Ein Reizpunkt, gewiss. „Es ist wie Kunst,“ konstatiert Herr Irgendlink, „ich bin zu Hause. Ich bin angekommen. So soll es immer sein.“ – „Ich tue. Du denkst,“ sagt er dem Owner. Der Owner war bester Laune und progostizierte beste Zukünfte – für immer für alle.

Herr Irgendlink sitzt nun wieder in der Künstlerbude, welche sich in desolatem Zustand befindet. Der Mond scheint. Dunst liegt über den Feldern. Die Luft riecht nach Herbst. Der Computer spielt Sven Vaeth. An Schlaf ist nicht zu denken. „Ein perfektes Leben,“ denkt Herr Irgendlink, „nun müsste man nur noch sterben. Am Besten würde das nachts passieren mit einem Herzinfrakt oder einem Meuchelmord. Man müsste sich dann nicht so lange quälen.“ Ein paralleler Gedankenzug skizziert die nähere Vergangenheit und wirft Nachdenkliches in die Runde: „Hey, war es nicht immer so, dass in aller Scheiße, in der du stecktest, du das Gute gesehen hast, das Aufwärts, das Besser, das Mehr und das Glücker? Kann es denn immer aufwärts, besser, mehr und glücker gehen?“

Berechtigte Frage.

Mit aller Kraft verinnerlichte sich Herr Irgendlink die miesen letzten Momente in denen er stets sich wohl fühlte, weil er daran glaubte, dass es besser werden würde.

„Und es ward besser, sage ich dir, lieber Admin. Ich habe einen Bandscheibenvorfall überlebt, gräßliche Angst und viele verlorene Lieben. Elend, Leid, Not, Armut und die Unlust, einen roten Mond kurz über dem Horizont zu betrachten. Und mich dennoch immer wohl gefühlt. Warum? Weil ich etwas vom Licht weiß.“

Es ist dennoch zu befürchten, dass Herr Irgendlink eines Tages erleben wird, dass die Dinge, von denen er glaubt, dass sie besser werden, wider Erwarten nicht besser werden. Sicher wäre dies sein Aus.

Beruf Tackerqueen – Nebenjob Kleinkunstbewacher

Nächte und Tage, wenn man sie sich um die Ohren schlägt, sind wie schmutzige Lappen, die man achtlos auf den Altwäschestapel wirft.

Solche Worte fallen einem nur spät nachts ein. Herr Irgendlink hat gerade den Kleinkunstkontest im Nachbarstädtchen S. hinter sich gelassen – als Arbeiter, nicht als Künstler: fünf Tage, 15 Künstler, die um die Gunst des Publikums buhlten. Von Arroganz bis Charmanz war alles vertreten. Postmoderne Arschlöcher gaben sich ebenso die Ehre wie Poetry-Slamer und Clowns.

Wer es beruflich mit Künstlern zu tun hat, trägt ein schweres Kreuz. Insbesondere Bühnenkünstler gebärden sich manchmal äußerst anspruchsvoll, zickig, neigen zu Selbstüberschätzung – an dieser Stelle tun sich besonders hervor die Bühnenkünstler, deren Eltern auch schon Bühnenkünstler waren, und die nun in den viel zu großen Fußstapfen der Eltern bei einem schockierten Publikum um Anerkennung buhlen.

Müde und leer sitzt Herr Irgendlink in der Wohnung, Led Zeppelin lullt. Am Freitag nimmt das Festival sein Finale. Man darf gespannt sein, wer das Rennen macht.

Das Bild zeigt die beiden symphatischen und herrlich pflegeleichten Schwaben G. (links) und M. in ihrer bizarren Clownshow, im Team sicher einer der Favoriten für den begehrten Kleinkunstpreis.

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Irgendlinks letzte Worte zum Thema Werktätigkeit vs. Künstlertum

Eingelullt von Bowies Starman sitzt Herr Iregndlink in der nächtlichen Künstlerbude. Die Temperaturen haben nun, da es Herbst ist, ein erträgliches Maß angenommen. Geschätzte 15 Grad. Schwärze liegt über dem Land. Wenn Herr Irgendlink die Tür öffnet und lauscht, hört er allenfalls ein paar verirrte Tropfen, die vom Regen des Vortags über das ausladende Dach seiner Künstlerscheune sickern. Soeben handelte Herr Irgendlink im Auftrag des Künstlers, was fast so brilliant klingt wie im Auftrag seiner Majestät. Das Buch 40 Jahre Col – die vergessene Kunstrichtung liegt nun 168 Seiten stark auf der Festplatte. Gut 60 Stunden Scan- und Bildverbesserungsarbeit stecken darin, nicht zu vergessen etwa anderthalb Jahre, die Künstler K. daran gearbeitet hat.

Manchmal wird Herr Irgendlink wehmütig, wenn er an die gar nicht mal ferne Zeit zurückdenkt, als er selbst ein Künstler war. Aber nun, durchwalkt von den Umständen, hat er sich mit dem glücklichen Dasein als Tackerqueen abgefunden. Tagein tagaus in der bizarren Werkstatt kleine kunstlederne Möbel zu fabrizieren gibt seinem Leben eine recht angenehme Wendung. An dieser Stelle soll er noch einmal zu Wort kommen, um den geneigten Lesern die Vorzüge der Werktätigkeit gegen die Nachteile des losen, freien Künstlerdaseins zu erläutern:

„Ich bin eher zufällig in die Sache rein gerutscht,“ konstatiert Irgendlink. „Alles fing letzten Pfingsten an, als ich mich mit ein paar Freunden betrinken wollte und Lammbraten essen. In den Himmel wollte ich starren, Sterne gucken, mir was vorstellen dabei und über die Unendlichkeit, die Imponderabilien und das Leben an sich nachdenken. Wir spielten Boole und da war diese schöne Frau, V., die ich seither nicht mehr gesehen habe. Alles schien nach einem alltäglichen verlausten Künstlerabend. Du spielst den Kreativen, bist es womöglich, bist Teil dessen und jenen, aber so richtig etwas, das bist du nie. Macht auch nix, man hat sich ja im Laufe der Zeit daran gewöhnt … wie auch immer, später sagte einer der Partygäste, „Hey, habt ihr nicht Lust auf nen coolen Job als Berufstacker?“ und zeigte mit dem Finger auf den mittlerweile-Kollegen T. und mich. So kam es, dass ich mich eine Woche später in der Tackerlounge wieder fand … mein Gott, das ist nun schon vier Monate her.“

Und was sind nun die Vorzüge der Werktätigkeit und die Nachteile des Künstlertums, Herr Irgendlink?

„Nuja, von Vorzügen der Werktätigkeit kann man als vernünftiger Mensch eigentlich nicht reden, aber die Nachteile des Künstlertums liegen ganz klar auf der Hand: dein Hirn ist Tag und Nacht am Brennen, permanente Dowerpower – sorry, Dauerpower meine ich – du bist ständig im Dienst, hast nie deine Ruhe. Wie Wölfe am Aas zerren deine Gedanken an dir und du durchschreitest Welten, die sich wohl kein herkömmlicher Mensch vorstellen kann. Der herkömmliche Mensch ist einfach. Er kennt die Regeln. Er akzeptiert sie. Somit erkauft er sich eine gewisse Gelassenheit, die dem Künstler gemeinhin abgeht. Der normale Mensch, so es ihn denn gibt, erfreut sich an den banalen Dingen, die den Künstler nicht interessieren. Einkaufen zum Beispiel. Ich habe es selbst ausprobiert. Funktioniert bei mir nicht als Befreuungsmethode. Einkauf ist Verdruss. Einkauf kann aber auch Lust sein oder zumindest Linderung. Man könnte sagen, der Werktätige schafft sich ein kurzes Glück, indem er Geld verdient und es wieder ausgibt. Ein sehr kurzes Glück. Wir Künstler spielen in einer anderen Liga. Uns bringt diese profane Methode, glücklich zu werden nichts. Wir bauen Luftschlösser, wir leben in Luftschlössern, wir reißen sie wieder ab. Das Geheimnis der Luftschlösser ist, dass sie nichts kosten. Um Luftschlösser zu bauen muss man also kein Geld verdienen.“

Und nun, da Ihr selbst werktätig seid, Eure Hochnäsigkeit, wie fühlt Ihr Euch nun?

„Prächtig. Ich fülle Konten mit Geld. Dem herkömmlichen Menschen mag das wie ein Traum vorkommen. Für mich ist ein Konto mit Geld momentan aber nur ein finanztechnischer Verwaltungsakt, über den ich eigentlich nicht gewillt bin nachzudenken. Ich brauche das Geld gar nicht. Kauf bringt mir keine Befriedigung. Sparen keine Sicherheit. Die Werktätigkeit hat aber einen großen Vorteil: Die Gedankenmühle steht endlich still. Wie herrlich. Nie wieder denken. Mein Owner, der Eventmanger, zerbricht sich den Kopf um organisatorische Dinge. Und ich, ich muss einfach nur den Tacker in die Hand nehmen und diese Ledermöbel zusammen schustern. Jenseits des Tackerns breitet sich ein Problem-anderer-Leute-Feld von unfassbarer Größe aus. Obendrein habe ich, bedingt durch meine geringe künstlerische Herkunft, die materielle Not gewöhnt, einen Vorteil gegenüber anderen Werktätigen: wenn die Firma in die Knie geht und ich arbeitslos werde, falle ich auf die Füße. Das einzige, was ich verliere, ist, dass ich das Gehirn wieder einschalten muss um die Gedankenmühle erneut anzutreiben.“

Also: leben jenseits der Selbstbestimmtheit? Ist es das, was sie wollen?

„Ne, das was mir gerade passiert.“

Bitte für Frau N. überziehen

Im stetig wachsenden Archiv von Herrn Irgendlinks Fundzetteln findet sich ein Blättchen mit der handgekritzelten Botschaft: Bitte für Frau N. überziehen. „Welch seltsame Notiz, dachte Herr Irgendlink, „fehlt eigentlich nur noch eine Büroklammer und ein Kondom, schwuppdiwupp, fertig ist das Kunstwerk.“ Eine innere Stimme warnte jedoch: „Du machst es dir ja recht einfach, Mister Superrkünstler, denkst du wirklich, mit der Masche – Kondom mit Büroklammer an Zettel heften – kommste durch? Wo ist deine Seriosität? Was sollen die Leute denken? Wer soll das kaufen? Was wird es kosten?“

Mit dem Schalk auf Du und Du lächelte Herr Irgendlink in die Nacht. Gerade war ein Regengebiet über das Land gezogen. In den Talmulden rund ums einsame Gehöft waberte Dunst. Ein Stern leuchtete hinter Wolkenfetzen. Eine Nacht wie Wolfgeheul. Perfekter Mix aus Horror und Humor. Es herrschte Stille.

Dem geneigten Leser stellen sichgewiss unbeantwortbare Fragen: Wer ist diese Frau N.? Muss man wirklich ein Kondom überziehen? Welch schweinische Dinge gehen in diesem Blog, in Herrn Irgendlinks Gehirn vor?

Die Antwort, Scully, liegt irgendwo da draußen.