Meierk oder wie man die Saat ausbringt

Ist schon eine Weile her, dass ich beim örtlichen Kunstklub eine Ausstellungsaufsicht machte. ’s ist Ehrenamt, ’s ist Ehrenamt, gar niemand da, der es dir dankt. Im feierlichen Prunksaal der Stadt waren Skulpturen von Walter Sch. zu sehen. Pferde vorwiegend.

Selten kommen wochentags mehr als drei vier Besucher.

An diesem Tag betrat ein kleiner bärtiger Mann mit uraltem aber gepflegtem Anzug die Ausstellung. Er hatte einen Schal um den Hals gewickelt. Früher war das typisches Markenzeichen von Bohemiens und Künstlern. Der Mann fragte mich aus und wir gerieten in ein viertelstündiges Gespräch über die Kunst und dass wir Künstler es ja schon ziemlich schwer haben, auf uns aufmerksam zu machen. Er gab mir eine Postkarte mit dem Titel Hommage an Ida E. Er sei der Theaterdirektorin einst persönlich begegnet.

Als ich die Karte einstecken wollte, sagte der Mann: „Wieso wollen sie die behalten?“ „Weil sie sie mir gegeben haben“, antwortete ich. „Das nützt mir ja nichts, ihnen eine Karte zu geben“, sagte Herr Meierk.

Es ist egal, ob das, was ein Künstler macht, gefällt, oder nicht. Zweifellos ist es besser, wenn die Dinge, die wir produzieren – Kunst hin, Kunst her – anderen Menschen gefallen. Wichtig ist, dass das, was Künstler produzieren, überhaupt produziert wird. Gemäß Gaußscher Normalverteilung und einigen ökonomisch obskuren Theorien, bin ich der Meinung, dass fast Alles, was je von Menschen für Menschen gemacht wurde – entweder weil es einen Sinn macht oder weil es das Leben erleichtert oder weil es jemandem gefällt – eine tiefe Daseinsberechtigung hat.

Dem Einen gefällt eben dies, dem Anderen jenes. Das eine Ding wollen viele besitzen, das andere Ding wenige.  Wie aber machen wir auf uns und unser Produkt aufmerksam?

Ich wunderte mich über den seltsamen Namen. Meier ist Meier und davon gibt es ja viele. Um sich zu unterscheiden von Anderen, um aus einem Allerweltsnamen etwas besonderes zu machen – das lernte ich an diesem Tag – genügt oft eine Nuance.

Ich wusste damals keine Antwort, warum ich die Künstlerpostkarte behalten wollte. Aber ich durfte sie behalten. In den 18 Monaten, die ich sie besitze hat sie an verschiedenen Stellen in der Wohnung gelegen oder gehängt. Alle paar Monate erinnerte sie mich an Herrn Meierk. Ich habe schon überlegt, ob ich ihm mal eine Postkarte schicke mit einem schönen Gruß von Kollege zu Kollege.

Ich frage mich, ob ich mich noch an Herrn Meierk erinnern würde, wenn ich die Karte zurück gegeben hätte.

Beinahe wie eine Plakatwand am Wegesrand, die ein Produkt bewirbt.

Wenn ich heute eine E-Mail oder eine Einladungspostkarte erhalten würde zu einer Ausstellung von Künstler Meierk, so würde ich hingehen. Ich erhalte viele Einladungen zu Ausstellungseröffnungen, die ich fast immer ignoriere.

Was ist das Leben anderes, als der Kampf um Aufmerksamkeit. Wir müssen uns in den Köpfen unserer Mitmenschen installieren.

So habe ich meinem Allerweltsnamen ein markantes K angehängt: Irgendlink ;-)

Mein täglich Antarctica

Dieses Jahr bin ich noch nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Dennoch schaue ich wehmütig aus dem Fenster des 511ers und beobachte die Spuren, die die Radler im Schnee auf dem Radweg hinterlassen haben. Viele sind es nicht, aber immerhin. Dass bei der Kälte überhaupt jemand radelt, macht mich innerlich den Hut zücken.

Der steile Berg ganz am Anfang meines Arbeitswegs ist das, was mich am stärksten davon abhält, es zu wagen. Gut 100 Höhenmeter hinabsaußen bei der Kälte? Da kommt man im Tal als Eiszapfen an. Zum Radeln bei Kälte eignet sich am Besten eine mäßige 3 Prozent Steigung, so dass die Geschwindigkeit 15 km/h nicht überschreitet. Am Empfindlichsten sind Hände und Füße.

Dabei habe ich durchaus Erfahrung mit Radfahren im Winter. Anfang der 1990er Jahre habe ich mehrere Touren nach Spanien unternommen (Start meist im Dezember oder Januar). In südlichen Rhonetal waren die Witterungsbedingungen ähnlich wie derzeit hier. Eisiger Mistral bläst den Lustradelnden gen Mittelmeer. Das Geheimnis: durch das Draußenleben (ich ließ es mir nicht nehmen, wild zu zelten) war ich nach einer Woche dermaßen an die Kälte gewöhnt, dass mir der Aufenthalt in beheizten Räumen zur Sauna geriet.

Das Leben, eine Kombination verschiedener Gewohnheiten. Modulartig kannst du mit deinen Gewohnheiten spielen, sie gegeneinander tauschen und im großen Puzzle der Alltäglichkeit mal dies, mal jenes neue Element einfügen. Großartig wird es allemal, das Patchwork-Gewohnheitsbild.

Ich fahre Bus. Die nächste Bushaltestelle liegt jedoch eine halbe Stunde zu Fuß entfernt. Obendrein wandere ich wegen des stocksteif gefrorenen Bodens querfeldein, was mir insbesondere auf dem Nachhauseweg wenn es schon dunkel ist, das Gefühl gibt, mutterseelenallein durch eine Eiswüste zu laufen. Unterzuckert. Der Kopf will nicht mehr, der Körper könnte ja noch, aber im Geiste denkst du dir, „bin müde, wollen schlafen“ und faselst unsägliches Zeug in die Nacht. Garnierst das Ganze mit der Vorstellung, du kippst um, bleibst liegen, erfrierst. Das kann direkt vor der Haustür geschehen. Im fahlen Mondlicht liegt weit weg das einsame Gehöft, ein dunkler Schatten am Horizont, dahinter pulsieren die Lichter der Stadt. So sieht es aus, wenn man sich von Norden dem einsamen Gehöft nähert.

Die Schweizerin, über die neulich im Fernsehen berichtet wurde, fällt mir ein. Sie radelte von hier nach Argentinien etwa 25000 km weit, packte dort die Skier aus und lief noch knapp 1200 km bis zum Südpol. Respekt. In der Reportage gab sie mir etwas mit auf den Weg (sinngemäß): „Wenn der Kopf nicht mehr will, aber der Körper noch kann, teile die Strecke zum Ziel in kleine Einheiten“.

Dann hast du viele kleine Ziele, scheue dich nicht, zu jubeln, wenn du am Ende einer Pferdekoppel angelangst. Ergötze dich am alten Baum, nur wenige Meter hinter der nächsten Kurve. Seziere den unteilbaren Acker in winzige Teile; arbeite dich von Furche zu Furche, bis du endlich am finalen Ziel bist.