Mittelstreifenslalom

Kürzlich zeigte die Boulevardpresse Michael J.s Hand. Der Popstar, ausgemergelt, aufgedunsene Haut, Sonnebrille über faltigem Gesicht und ich glaube, man berichtete, dass es dem Mann nicht gut geht und dass er Konzerte absagen musste. Er ist ja auch schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Das rechtfertigt aber noch lange nicht seine Gebrechlichkeit.

Dennoch scheint es ein so natürlicher Wandel, dass wir Menschen im Laufe der Zeit unsere Zipperlein entwickeln, krank werden, sterben.

Dass es sich dabei um aus dem Takt geratenes Wohlbefinden handeln könnte, ahne ich seit einiger Zeit, denn wir stopfen oft ein Loch mit aller Kraft, und am anderen Ende unseres Lebenssystems tut sich ein neues Loch auf – wer weiß, vielleicht gerade weil wir mit A auf B reagieren und mit C auf A?

„Die Schöpfung fand statt, weil das Nichts aus dem Takt geraten ist, bzw. weil das Nichts begonnen hat überhaupt zu schwingen.“

Im Dörfchen K.-O.-weiler führt der Radweg, welchen ich allmorgendlich benutze, für 200 Meter über die alte Landstraße aus Kreisstadt H. Noch immer ist die gestrichelte Mittellinie zu sehen. Autos fahren auf dieser Sackgasse so gut wie nie. Deshalb mache ich mir oft einen Spaß daraus, Mittelstreifenslalom zu fahren. Also zwischen den einzelnen Streifen mit dem Radel hin und her zu schwingen. Auf der Fallstrecke erreicht man eine immense Geschwindigkeit. Gegen Ende der Strecke werden die Slaloms größer und größer, ich schneller und schneller, bis mein Mittelstreifenspiel außer Kontrolle gerät. Neulich denke ich: „Genauso ist es mit unserer Gesundheit, mit unserem allgemeinen Wohlbefinden. Kein Wunder, dass wir mit blutunterlaufenen Augen und fettigen Haaren und Juckreiz durch die Welt gehen, dass wir husten und dass unser Rücken schmerzt, sich Fußpilz oder Schlimmeres breit macht … wir wissen doch gar nicht mehr, woher das kommt. Irgendwann ist unsere Gesundheit aus dem Takt geraten und seither bekämpfen wir ein Symptom mit einem Medikament, welches ein anderes Symptom hervorruft, für das wir wiederum Medikamente nehmen, welche noch viel Schlimmeres mit uns machen. Hilflos müssen wir mit ansehen, wie unser Körper sich in einer finalen Resonanzkatastrophe zu schanden reitet.

Soweit meine Theorie.

Wenn ich das Ende meiner Slalomstrecke erreiche, betätige ich die Bremsen, komme zum Stillstand. Luft umfächelt meine Nase. Ich habe das System überlistet.

Demut, Torheit und Devotion

Kürzlich habe ich in Redders Lebensweisheiten geschmökert und Interessantes zum Thema Demut gefunden. Am eigenen Körper ausprobiert habe ich es auf meinem Heimweg. Redder behandelt in seinen, wie er sagt, „selbst zusammengeklauten“ Lebensweisheiten die Themen Demut, Mitgefühl, Egoismus und Meditation. Ich möchte am folgenden Beispiel nun Torheit und Devotion im Dreiklang mit der Demut veranschaulichen.

Mein Heimweg führt über einen, in beide Richtungen ausgewiesenen, Radweg an einer vierspurigen Straße entlang. Zwei Spuren in die eine, zwei in die andere Richtung. An der Straße liegt eine Tankstelle. Die Ein- und Ausfahrt der Tankstelle queren den Radweg. Autofahrer, die die Tankstelle verlassen, schauen in der Regel nur nach links, weil sie sich auf die beiden Autospuren einfädeln wollen. Radler, die von rechts kommen, sehen sie meist gar nicht. Deshalb kommt es vor, dass Autos quer auf dem Radweg stehen, deren Fahrer, suchend nach einer Lücke, nach links blicken, während ich mich von rechts nähere. Ich habe drei Möglichkeiten, den Engpass zu meistern:

  • Bestehe ich auf mein Vorrangs-Recht, quetsche ich mich zwischen Motorhaube und fließendem Verkehr vorbei, in der Gewissheit, der Fahrer hat mich nicht gesehen und wird, sobald er eine Lücke sieht, losfahren. Das könnte böse enden. Deshalb ist das der Weg der Torheit. Torheit liegt dann vor, wenn man mögliche Fehler, die andere machen könnten, vorausahnt, aber im Bestehen auf sein Recht, dieses durchzusetzen versucht. Der Weg der Torheit bringt Leid und Situationen ohne Schuldigen.
  • Ich stoppe und warte, bis der Autofahrer den Radweg freigibt. Das ist der Weg der Devotion, des Verharrens. Er ist allemal besser, als der Weg der Torheit.
  • Der Weg der Demut setzt eine Analyse der Situation voraus, Wahrnehmung der Defizite anderer, sowie anschließende, neutrale Bestimmung des eigenen Standpunkts. Hier gibt es keine Eitelkeiten mehr ala: er hat mir die Vorfahrt genommen. Demütige Radler erkennen, dass sie fast allen anderen Verkehrsteilehmern unterlegen sind und wissen um die Gefahr, in der sie stecken. Deshalb verzichten sie auf Rechte, ohne vor sich selbst das Gesicht zu verlieren. Der Weg der Demut führt am Kofferraum des Autos vorbei durch die Tankstelle hindurch.
  • Ist der Weg der Demut nicht möglich (weil es kein Durchkommen gibt), so ist er identisch mit dem Weg der Devotion.

Ich habe alle drei Wege getestet. Der Wandel von Torheit über Devotion zur Demut war ein langer Weg.

Kenndaten des Straßengrabens

Nicht nur Pfanddosen, philosophische Literatur und Autos pflastern meinen Weg, sondern insbesondere auch Menschen. So begegneten mir einst drei alte Männer mit Stock im Dörfchen K. Man könnte behaupten, das sei nichts Ungewöhnliches. Männer mit Stock gibt es zu Hauf in dieser Welt. Bemerkenswert an der Szene ist jedoch das geballte Auftreten von Männern mit Stock, unabhängig voneinander im selben Ortsteil spazierend. Wir reden hier schließlich nicht vom Rosengarten meiner Heimatstadt Z., welcher direkt gegenüber vom größten Altersheim der Gegend liegt, und somit insbesondere sonntags von zig alten Männern mit Stock überflutet wird. Neinein, wir befinden uns in einem kleinen Dorf mit 1000 Einwohnern. Nie zuvor und nie danach ist mir in K. mehr als ein Mann mit Stock begegnet.

Derjenige, der den Straßengraben intensiv beobachtet, so wie ich, weiß dessen Kenndaten, und er bemerkt schnell, wenn sich etwas nicht im Rahmen des Üblichen abspielt.

Das gestrige bemerkenswerte Erlebnis fand an einem Wanderparkplatz auf meiner Zählstrecke (siehe Beitrag zuvor) statt. Ein Gezeter und Geschrei riss mich aus meiner strampelnden Lethargie, so dass ich den Blick abwenden musste vom monotonen Grau der Teerstrecke. In der Ferne konnte ich einen Van und zwei weitere Autos auf dem Parkplatz sehen. Es dämmerte bereits. Aus dem Gezeter filterte ich zwei Kinderstimmen und eine keifende Frau. Die Emotionen schienen hoch zu kochen auf diesem Parkplatz. Langsam kurbelte ich heran. Das Geschrei nahm die Lautstärke eines Martinshorns an. Die beiden ca. 6 bis 8 Jahre alten Kinder schubsten einander herum. Die Frau, sicherlich ihre Mutter, schrie sie an, stellte sich schließlich vor das größere Kind und beugte sich darüber. Ihr Geschrei nahmn ein universelles, keifendes Geräusch im 10 Kiloherzbereich an, so dass es mir unmöglich war, auch nur ein Wort zu verstehen. Wie eine Glocke stülpte sie sich über den eingeschüchterten Steppke und brüllte eine Tirade Schimpfworte. Wie ein Gletscherlauf, der einen einzelnen Felsen in der südlichen Ebene Islands umströmt und ihn mit aller Gewalt kleiner, kleiner und kleiner malmt, bis er ganz verschwindet, drohte das riesige Monstrum das Kind zu verschlingen.

Das, meine Lieben, ist das Modernste vom Modernen auf dem Erziehungssektor: ein sechskanal Hochleistungsakustiksystem, welches mit der Gewalt von 100.000 Watt selbst die hartnäckigsten Kinder zu bändigen weiß. Mutty-Surround 5.1.

Nein, ich habe mich nicht eingemischt – sonst säße ich jetzt nicht hier.

Im abschwellenden Lärmpegel ging ich auf autistische Weise meinem täglichen Zählspiel nach: 61, 62, 63 Autos, die mich überholen und 140 Cent Pfand im erdigen Schmutz des Grabens – der Verkehr nimmt zu und der Wert des Straßengrabens ebenso.

(Mutty-Surround ist mir erst heute Morgen eingefallen, als ich den Parkplatz erneut passierte. Hieran erkennt man, dass die Verwirklichung des Abstrusen auf gebetsmühlenhafter Widerholung beruht; Gedanken formieren sich aus den alltäglichen Splittern an Information; scheinbar nicht Zusammenhängendes wird über die Zeit des wieder und wieder Erlebens, des neu Betrachtens und anders Beleuchtens in Zusammenhang gebracht – Mutty Surround ist hierbei nur ein lustiges Beispiel für diese meine Gedankentechnik der Assimilation von Straßenszenen. Jeder Holzstapel, jeder krumme Baum und jeder Gutenmorgenmensch, der einem begegnet, könnte Auslöser für Gedanken auf einer Metaebene sein. Mein Motto lautet: lerne die Kenndaten des Straßengrabens und generiere aus den Abweichungen das alltäglich Abstruse, welches ein großes Buch füllen wird).

After-Work-Zahlenmystik

Um mir die Zeit zu verdulden, zähle ich auf dem Heimweg sämtliche Autos, die mich auf dem steilen Stück zwischen Dorf K. und dem einsamen Gehöft überholen. Nach etwa 300 Tagen mit dem Fahrrad diese Strecke hinauf, habe ich ein filigranes Maß entwickelt; habe gar insgeheim eine kleine Statistik angelegt. Die existiert aber nur im Kopf. Wenn ich mich an einer bestimmten Stelle des Weges befinde zu einer bestimmten Tageszeit, sagen wir um 18 Uhr auf halber Strecke, dort wo die Stromleitung die Straße kreuzt, kann ich mit ziemlicher Treffsicherheit sagen, wieviele Autos mich überholt haben werden.

Das Leben fließt in stetigem, unaufhaltsamem Strom und es hält grundsätzlich keine Überraschungen bereit.

Sieht man einmal davon ab, dass man manchmal mit dem Fund eines Exemplars von Kants Metaphysik der Sitten belohnt wird.

Die Tage gleichen sich wie ein Ei dem anderen, aber wer je zwei Eier genau betrachtet hat, wird wissen, dass es oft die feinen Unterschiede sind, die das Besondere vom Nichtigen scheiden.

Wie oft ich dieses Mathematikspiel, Autos zählen schon gespielt habe. Heute nahm es eine neue Dimension an: Höhere Mathematik. Mit der einen Hälfte meines Hirns zählte ich wie üblich die Autos; 12 bis zum Ortsschild von K.. Mit der anderen Hirnhälfte addierte ich den Wert der Pfanddosen  im Straßengraben. So pendelte das Zahlenwerk in meinem Schädel: 12 Autos, 25 Cent, 33 Cent, 12 Autos, 13 Autos, 14, 15 Autos … da, eine Wasserflasche, 33-plus-25-gleich 58 Cent … 27, 28, wow 29 Autos – „hey, das ist gut“, murmelte ich, „genau doppelt so viel Cent wie Autos“. Welch mystisches Spiel am Abend. Tollkühn überlegte ich, dass ich noch weiteres, Mess- und Zählbares in mein Spiel aufnehmen könnte: der Puls böte sich an, sowie die Anzahl der Krähen auf der Hochspannungsleitung, welche auf halber Strecke die Straße überspannt.

Am Ende meines Weges kam ich zur Vernunft: 74 Cent und 47 Autos (nicht gelogen!). Verblüffend!

Fazit – viele offene Fragen: Warum mache ich das? Warum zählt der Mensch? Wer hat’s erfunden? Gibt es einen Sinn? Sollte ich das alles nicht besser verschweigen, um einer Einlieferung in die Irrenanstalt aufgrund skurrilen, nicht angemessenen Verhaltens zu entgehen?