After-Work-Zahlenmystik

Um mir die Zeit zu verdulden, zähle ich auf dem Heimweg sämtliche Autos, die mich auf dem steilen Stück zwischen Dorf K. und dem einsamen Gehöft überholen. Nach etwa 300 Tagen mit dem Fahrrad diese Strecke hinauf, habe ich ein filigranes Maß entwickelt; habe gar insgeheim eine kleine Statistik angelegt. Die existiert aber nur im Kopf. Wenn ich mich an einer bestimmten Stelle des Weges befinde zu einer bestimmten Tageszeit, sagen wir um 18 Uhr auf halber Strecke, dort wo die Stromleitung die Straße kreuzt, kann ich mit ziemlicher Treffsicherheit sagen, wieviele Autos mich überholt haben werden.

Das Leben fließt in stetigem, unaufhaltsamem Strom und es hält grundsätzlich keine Überraschungen bereit.

Sieht man einmal davon ab, dass man manchmal mit dem Fund eines Exemplars von Kants Metaphysik der Sitten belohnt wird.

Die Tage gleichen sich wie ein Ei dem anderen, aber wer je zwei Eier genau betrachtet hat, wird wissen, dass es oft die feinen Unterschiede sind, die das Besondere vom Nichtigen scheiden.

Wie oft ich dieses Mathematikspiel, Autos zählen schon gespielt habe. Heute nahm es eine neue Dimension an: Höhere Mathematik. Mit der einen Hälfte meines Hirns zählte ich wie üblich die Autos; 12 bis zum Ortsschild von K.. Mit der anderen Hirnhälfte addierte ich den Wert der Pfanddosen  im Straßengraben. So pendelte das Zahlenwerk in meinem Schädel: 12 Autos, 25 Cent, 33 Cent, 12 Autos, 13 Autos, 14, 15 Autos … da, eine Wasserflasche, 33-plus-25-gleich 58 Cent … 27, 28, wow 29 Autos – „hey, das ist gut“, murmelte ich, „genau doppelt so viel Cent wie Autos“. Welch mystisches Spiel am Abend. Tollkühn überlegte ich, dass ich noch weiteres, Mess- und Zählbares in mein Spiel aufnehmen könnte: der Puls böte sich an, sowie die Anzahl der Krähen auf der Hochspannungsleitung, welche auf halber Strecke die Straße überspannt.

Am Ende meines Weges kam ich zur Vernunft: 74 Cent und 47 Autos (nicht gelogen!). Verblüffend!

Fazit – viele offene Fragen: Warum mache ich das? Warum zählt der Mensch? Wer hat’s erfunden? Gibt es einen Sinn? Sollte ich das alles nicht besser verschweigen, um einer Einlieferung in die Irrenanstalt aufgrund skurrilen, nicht angemessenen Verhaltens zu entgehen?

2 Gedanken zu „After-Work-Zahlenmystik“

  1. Hallo irgendlink!
    Nein, verschweig es lieber nicht… denn skurril ist ebenso ein Gummibegriff wie normal. Also bitte, was ist schon normal? Und was ist unangemessen oder angemessen?

    Ähm… in einem Punkt muss ich dir definitiv widersprechen. Du schreibst, das Leben hält grundsätzlich keine Überraschungen bereit. Da muss ich dir wohl einen Gegenbeweis bringen…

    Ich bin zwar nicht das Leben, aber ich hab trotzdem eine Überraschung für dich. Details gibts hier:

    Na, was sagst du jetzt? Hast du damit gerechnet?
    Liebe Grüße
    Sunny

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